Simon Susen, Marc Ortmann | Interview |

Das Ende der großen Theorien

Simon Susen im Gespräch mit Marc Ortmann

Wenn Sie als Soziologe schreiben, wie gehen Sie dabei vor?

Es ist lustig, genau darüber habe ich heute in der U-Bahn nachgedacht. Was mir dann einfiel, war so etwas wie ein fünfstufiges System. Erstens verbringe ich natürlich, wie jeder andere auch, ziemlich viel Zeit mit Lesen. Ich bin ein ziemlich langsamer Leser, der viel unterstreicht, markiert und sich immer gleich Notizen macht. Ich erinnere mich, dass einer meiner Freunde in Frankreich immer zu mir sagte: „Oh, tu as massacré tes bouquins!“ In der Tat sehen viele meiner Bücher so aus, als ob sie völlig ‚massakriert‘ worden wären, weil ich überall Notizen und Farbcodes anbringen muss. Vor allem, wenn es ein neues Buch ist, sieht es hinterher furchtbar aus, da ich den Text sozusagen physisch durchgearbeitet habe.

Die zweite Phase beginnt, wenn ich mir Notizen auf meinem Computer mache. Diese sind meistens sehr detailliert. Dabei folge ich einfach der Struktur des Textes. Wenn ich alle meine Notizen gemacht habe, versuche ich, sie neu zu ordnen und ein Argument zu entwickeln. Dabei fühlt man sich fast wie ein gedanklicher Architekt, der sich fragt: „Wie organisiere ich meine eigenen Ideen und meine eigene Argumentation?“ Die Texte, mit denen ich am zufriedensten bin, folgen einer sehr einfachen Struktur von These, Antithese und Synthese. Es ist wie ein dialektischer Prozess des Lesens und Schreibens, bei dem ich zuerst herausfinden will, was die These des ursprünglichen Textes ist. Das Element der Antithese ist der Moment, in dem ich mich frage: „Was sind hier die Probleme?“ Und dann gibt es in klassischer Hegel’scher Manier den Synthesemoment, wo man überlegt: „Wie kann ich über die Thesen und Differenzen hinausgehen?“

Die dritte Phase ist im Grunde ein Niederschreiben (writing up). Das ist ein typisch britischer Ausdruck, bei dem man alles vor sich hat und es ‚einfach‘ runterschreibt. Allerdings ist die Niederschrift oft nicht so einfach, wie es zuerst scheint. Häufig merkt man erst, was man tatsächlich denkt, wenn man anfängt zu schreiben. Möglicherweise führt mich die Reise dann ganz woanders hin. Durch das writing up stößt man zum Teil auf eine ungeahnte Komplexität. Ich verstehe manchmal nicht wirklich, was ich gelesen habe, bis ich anfange, darüber zu schreiben.

Wenn ich das Ganze dann niedergeschrieben habe, beginnt viertens die Überarbeitung. Da ich sehr schlecht darin bin, etwas auf dem Bildschirm zu lesen, drucke ich immer alles aus. Anschließend gehe ich durch drei, vier oder fünf verschiedene Entwürfe. Hier befolge ich den Rat eines ehemaligen Kollegen aus Cambridge, der mir damals sagte, dass er oft mehr Zeit mit dem Überarbeiten als mit dem Schreiben verbringe. Auch ich verbringe mehr Zeit damit, etwas immer und immer wieder durchzugehen, als es tatsächlich zu schreiben!

Als fünften und letzten Schritt reiche ich das ganze verdammte Ding schließlich ein. Wenn ich es einreiche, versuche ich natürlich, das Publikum zu berücksichtigen; ich überlege also, welche Art von Buch ich veröffentlichen werde, und mache mir Gedanken über die potenzielle Leserschaft.

Da Sie sich besonders mit Bourdieus Soziologie beschäftigen: Was bedeutet – aus einer praxeologischen Perspektive – Ihre Schreibpraxis für Ihre soziologische Erkenntnis?

Aus meiner Sicht hat Bourdieu Entscheidendes zum Denken über die Sprache sowie über die Verbindung zwischen dem sprachlichen Feld, dem sprachlichen Habitus und dem sprachlichen Kapital beigetragen. In einer sozial differenzierten Welt wird die Feldanschauung zur Weltanschauung. Ich bin daher vorsichtig, Dogmen und Automatismen zu verwenden, bei denen man der Welt seinen Willen – und damit seine gewisse feldspezifische Sichtweise – aufzwingt. Wenn ich ‚Feldanschauung‘ sage, dann meine ich natürlich nicht nur die akademische, journalistische, wirtschaftliche, politische oder religiöse Sicht der Dinge, sondern ich beziehe mich auch auf Teilgebiete. Es gibt in jedem Feld Unterbereiche, die spezifische Weltsichten haben; alle diese Unterbereiche bilden soziale Arenen, die miteinander um die legitime Form von Weltsicht konkurrieren (in der Soziologie gibt es beispielsweise den Feminismus, den Marxismus und den Interaktionismus). Egal wohin Sie sehen, finden Sie Wittgenstein’sche Sprachspiele und Spiele, die ständig in verschiedenen Bereichen und in verschiedenen Lebensformen gespielt und ausgetragen werden. Letzten Endes ist für mich jedes Feld ein wenig wie eine Lebensform. In meinem eigenen Schreiben manifestiert sich dies darin, dass ich immer die Perspektive des Publikums zu berücksichtigen versuche. Wenn ich zum Beispiel eine Vorlesung schreibe, dann muss ich über das Publikum nachdenken: Spreche ich mit Studierenden im Grundstudium oder im Hauptstudium? Studieren sie Soziologie, Kriminologie, Psychologie, Politikwissenschaften, Geschichte oder Philosophie?

Zudem spielt Multilingualität in meinen soziologischen Arbeiten und in meinem Leben eine große Rolle. Im Grunde genommen spreche ich in meinem Privatleben die meiste Zeit Spanisch, die Muttersprache meiner Partnerin und vieler meiner Freund:innen. Bei meiner Arbeit an der City, University of London und im Londoner Alltag ist es natürlich hauptsächlich Englisch. Und mit meinen Eltern und einigen Freund:innen spreche ich Deutsch. Und manchmal spreche ich Französisch; das ist aber die Sprache, die ich am wenigsten und am schlechtesten spreche. Ich habe das Gefühl, dass zu jeder Sprache ein anderes ‚Gepäck‘ oder ein anderer Ballast (baggage) gehört. Ich halte nichts vom Sprachdeterminismus. Ich glaube aber, dass man in jeder Sprache irgendwie ein anderer Mensch ist und man in jeder dieser Sprachen etwas unterschiedlich funktioniert. Das liegt zum Teil am Kontext, in dem die Sprache benutzt wird (zum Beispiel bei der Arbeit im Gegensatz zum familiären Kontext). Es liegt aber auch am baggage der jeweiligen Sprache selbst – das heißt an der Vorurteilsstruktur, die nicht nur von hermeneutischer, sondern auch von sozialontologischer (und letztlich existenzieller) Bedeutung ist. Wenn Sie Englisch sprechen, bauen Sie Ihre Sätze wahrscheinlich etwas anders auf als im Deutschen, weil die Sprache eine andere Logik hat. Im Englischen neigen die meisten dazu, schneller auf den Punkt zu kommen und relativ kurze Sätze zu konstruieren. Ich sehe hier eine Art ständigen Kampf um ‚die legitime Sprache‘. Für mich als Soziologen ist diese Beobachtung sehr wichtig, denn sie zeigt, dass ein Feld multidimensional ist. Die Felder unterteilen sich, sowohl symbolisch als auch materiell. Innerhalb des akademischen Feldes gibt es also ein frankophones und ein anglophones, ebenso wie ein spanischsprachiges und ein deutschsprachiges Feld. Durch die Überschneidung einzelner Teilbereiche entwickelt sich eine eigene Dynamik, denn Sprache ist nicht einfach ‚reine Logik‘, nicht nur ein Computerprogramm, sondern zugleich Produkt und Produzentin (und Vehikel) von Emotionen, Rhythmus, Musikalität, Kultur und Resonanz. Ich merke, dass die Sachverhalte, die ich versuche, sprachlich auszudrücken, mir erst dann mehr oder weniger klar erscheinen, wenn ich sie in eine andere Sprache übersetze. Wenn dies geschieht, denke ich: Oh, das ist es, was es eigentlich bedeuten soll!

In dem Moment, in dem man etwas übersetzt, muss man sich wirklich intensiv mit der Originalversion auseinandersetzen. So zeigt sich jede Sprache als eine Art eigenständiges Universum mit hermeneutisch und sozialontologisch spezifischen Sinnbedeutungen und Weltsichten. Die Sprache ist, wie Heidegger sagt, „das Haus des Seins“ – der Ort, den man bewohnt, oder, um eine Metapher zu verwenden, manchmal lediglich ein Airbnb-Appartement, etwas Gemietetes, etwas Vorübergehendes, anstatt etwas, das mir gehört; so fühle ich mich heutzutage vor allem, wenn ich Französisch spreche. Ähnlich ist es, wenn ich als Soziologe in unterschiedlichen Sprachen arbeite. Es fühlt sich so an, als ob jedes Sprachhaus ein bestimmtes und provisorisches Habitat (oder sozusagen eine mietbare Wohnung) wäre.

Die englische Sprache ‚funktioniert‘ ganz anders als Deutsch oder Französisch. Wer zum Beispiel Bourdieu, Adorno oder Habermas ins Englische übersetzt, muss die Satzstrukturen vereinfachen, um deren Bedeutung vermitteln zu können und die Propositionen ‚sinnvoll zu machen‘. Ich denke, in jedem Sprachvergleich gibt es ein Maß an Inkommensurabilität. Nehmen wir noch einmal die Metapher des Hauses oder des Appartements: Vielleicht sind die semantischen, syntaktischen und grammatikalischen (allerdings nicht die orthografischen und phonetischen) Eigenschaften der englischen Sprache ein bisschen wie IKEA-Möbel. Sie sind sozusagen ein bisschen praktischer, ein bisschen leichter, ein bisschen unkomplizierter und anwenderfreundlicher als andere Sprachen.

Sie haben auch über die kritische Soziologie der Sprache gearbeitet.[1] Was meinen Sie damit?

Mir geht es dabei um die unvermeidlichen Bedingungen der realen Sprachsituation. Im Wesentlichen plädiere ich für eine zugleich Bourdieu’sche und Habermas’sche Sprachsoziologie. Ich werde die zehn Punkte, die ich in meiner Arbeit dazu anführe, hier nicht akademisch erläutern. Sie bilden die Grundlage dessen, was ich als kritische Sprachsoziologie bezeichne. Es geht um den Versuch, Geltungsansprüche mit Legitimitätsansprüchen (sowohl theoretisch als auch empirisch) zu kombinieren. Laut Habermas erheben wir in jedem Sprechakt Geltungsansprüche. Wir erheben Ansprüche auf Wahrheit, auf Richtigkeit, auf Wahrhaftigkeit und auf Verständlichkeit. Und wir erheben diese Ansprüche meistens implizit. Allerdings werden sie in explizite Ansprüche verwandelt, wenn wir in den Raum des Diskurses eintreten. In dem Moment, in dem die Gültigkeit einer konstatierten Äußerung, die sich angeblich auf einen faktischen Sachverhalt bezieht, infrage gestellt wird, steht der Wahrheitsanspruch, auf dem sie basiert, auf dem Spiel. In dem Moment, in dem wir eine Diskussion über Normen und Werte oder über Moral und Ethik führen, ist die Berechtigung der Richtigkeitsansprüche von zentraler Bedeutung.

In den unterschiedlichen Beispielen gibt es ein ständiges Hin und Her zwischen dem automatischen Modus, in dem Geltungsansprüche kraft des kommunikativen Handelns implizit, unbewusst und intuitiv erhoben werden, und dem diskursiven Modus, in dem Geltungsansprüche explizit, bewusst und reflektiert erhoben und damit in einen Gegenstand der Prüfung verwandelt werden. Dabei übersieht Habermas aber das, was ich als Verschiebung oder als Imagination bezeichne. Wir nutzen die Sprache nicht nur, um die Welt als solche, sondern auch um eine Welt jenseits der Welt zu bewohnen. Wenn ich Sie frage, was Sie gestern Abend gemacht haben, und Sie mir sagen, dass Sie essen gegangen sind, dann besitzen wir die Fähigkeit, eine Welt jenseits der Welt durch Sprache zu konstruieren. Bei diesem Akt der Verschiebung geht es um die Konstruktion der Wirklichkeit an sich. Das Lesen eines Romans oder auch das Erzählen einer Geschichte sind typische Beispiele für dieses anthropospezifische Phänomenon. Zudem hat die Ironie fast keinen Platz im rational-teleologischen Universum der Habermas’schen Gültigkeitsansprüche, weshalb ich die Gültigkeitsansprüche um den Akt der Verschiebung durch das Reich der Fantasie ergänzt habe.

Auf der anderen Seite haben wir Bourdieu, der auf Fragen der Legitimität hinweist. Es ist fast nie der Fall, dass wir die Sprache als reines Instrument des Verstehens benutzen. Es gibt alle möglichen anderen Einsätze (enjeux) in jedem Spiel (jeu), die vielleicht sogar wichtiger sind als die Geltungsansprüche selbst. Wenn man einen Anspruch auf Gültigkeit erhebt, geht es nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch darum, wer es sagt, zu wem, wann, wo, wie und – ganz wichtig – warum. Letzteres ist entscheidend für die Frage, welche Geltung und welche Legitimität dem Gesagten zugestanden wird. Kurz gesagt, ist – aus meiner Sicht – die Kombination von Geltung und Legitimität ein zentrales Element der menschlichen Sprache. Mit einer kritischen Sprachsoziologie meine ich somit eine Sprachsoziologie, die gleichzeitig Geltungs- und Legitimationsansprüche berücksichtigt und ernst nimmt.

Könnte man auch von einer Sprache der kritischen Soziologie sprechen und was würde diese ausmachen?

Eine wichtige Aufgabe, der wir uns als Sozialwissenschaftler stets stellen müssen, besteht darin, eine kritische Sprache zu erfinden, zu sprechen, zu beherrschen und zu verwenden – das heißt eine Sprache, die sich von der Alltagssprache unterscheidet. Sie werden feststellen, dass es dabei um die Beziehung zwischen ordinary knowledge und ordinary language auf der einen Seite und scientific knowledge und scientific language auf der anderen Seite geht. Hier hat Bourdieu eindeutig Recht: Irgendwo müssen wir die Grenze zwischen beiden ziehen! Der Sinn einer kritischen Wissenschaft ist es, die Dinge, die man normalerweise als selbstverständlich ansieht, infrage zu stellen. Natürlich geht es bei der ‚natürlichen Sprache‘ darum, die meisten Tatbestände als selbstverständlich anzusehen. Das ist es doch, was die Phänomenologie untersucht: die Art und Weise, wie wir in der Alltagssprache die meisten Sachverhalte und Ereignisse für selbstverständlich halten. Luc Boltanski ist allerdings der Meinung, dass dies das Ausmaß unterschätzt, in dem gewöhnliche Menschen (gens ordinaires) in ihrem Alltagsleben Fragen stellen, Kritik üben, Begründungen geben, Rechtfertigungen bieten, Diskurse konstruieren sowie rekonstruieren und an Diskussionen teilnehmen.

Wenn es so etwas wie eine kritische Soziologie der Sprache oder eine Sprache der kritischen Soziologie gibt, müssen wir erstens erklären oder rechtfertigen, inwieweit wissenschaftliche Erkenntnis und wissenschaftliche Sprache der gewöhnlichen Erkenntnis und der gewöhnlichen Sprache – kurzum: dem gesunden Menschenverstand (common sense) – zwar nicht sozialontologisch, aber trotzdem epistemologisch überlegen sind. Zweitens gibt es Fälle, in denen die gewöhnliche Sprache sehr viel aufschlussreicher sein kann als die wissenschaftliche, da Erstere im Unterschied zur Letzteren sozusagen direkt aus dem Alltagsleben kommt. In dem Moment, in dem die eigene Sprache auf persönlicher Erfahrung basiert, besitzt man eine epistemische Autorität, die man ohne persönliche Erfahrung nicht akquirieren kann. Und die dritte Aufgabe oder Mission, die wir gegenüber der Wissenschaft kritisch erfüllen müssen, ist zu zeigen, dass es darauf ankommt, die jeweiligen Vor- und Nachteile sowohl von Alltags- als auch von Wissenschaftssprache sichtbar zu machen und sie in ihren jeweiligen Stärken zu kombinieren.

Manchmal wenn ich mit meiner Mutter spreche, die nahezu keine formale Bildung hat, merke ich genau die Stärke der Alltagssprache. Sie spricht manchmal viel präziser als ich, obwohl (oder vielmehr weil) sie sich nicht hinter akademischem Jargon verstecken kann. Ein Soziolinguist würde wahrscheinlich behaupten, sie benutze relativ unkomplizierte Wörter und Satzstrukturen. Sie kann viel besser mit ihnen umgehen, auch wenn man – aus akademischer Sicht – sagen könnte, dass ihr die intellektuellen Ressourcen fehlen, um Sachverhalte und Ereignisse wissenschaftlich zu verstehen. Ein zu komplexes intellektuelles Instrumentarium kann auch dazu führen, dass man die Realität falsch versteht, falsch wahrnimmt, falsch darstellt und sie manchmal komplexer macht, als sie tatsächlich ist.

In Ihrer Studie zum Begriff der Postmoderne geht es um deren große Auswirkungen auf die Sozialwissenschaften.[2] Warum ist die Postmoderne so zentral?

Ich habe das Buch nicht geschrieben, weil ich dachte, alle Menschen (einschließlich Geistes- und Sozialwissenschaftler) seien plötzlich postmodern geworden. Was ich an der Postmoderne wirklich interessant fand, waren die Auswirkungen, die sie auf die Geistes- und Sozialwissenschaften hatte. Ihr massiver Einfluss (vor allem in der anglophonen Welt) ist unbestreitbar – unabhängig davon, was man von ihr hält. Denn mittlerweile sind die Begriffe der Pluralität, Heterogenität und Inkommensurabilität in den Geistes- und Sozialwissenschaften gang und gäbe. Wir haben damit eine Soziologie entwickelt, die versucht, vom Ethnozentrismus wegzukommen. Der erste Trend, den ich mir angeschaut habe, ist der Einfluss der postcolonial and decolonial studies auf die Geistes- und Sozialwissenschaften – und das gilt sicherlich für Großbritannien und Nordamerika, aber zunehmend auch für Kontinentaleuropa. Meine Studie versucht zu analysieren, was wir meinen, wenn wir von post- und/oder dekolonialem Denken sprechen, und darüber hinaus zu erklären, welche Auswirkungen diese Denkweise auf die Geistes- und Sozialwissenschaften bisher hatte.

Des Weiteren hat das Buch mit der Idee einer globalen Sozialität zu tun, die aufgrund des Einflusses der postcolonial and decolonial studies und verschiedener anderer Theorien der Moderne – wie multipler und alternativer Modernen – nunmehr gefragt zu sein scheint: Wie können wir Geistes- und Sozialwissenschaft in einem wirklich globalen (oder sogar globalistischen) Sinne betreiben? So ist mir zum Beispiel beim Lesen des Buches von Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa – Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? (2021) – aufgefallen, dass sie bei der Diskussion des Begriffs der Moderne natürlich auch das Problem des Ethnozentrismus ansprechen. Gilt das, was sie zum Thema der Moderne zu sagen haben, nur für Europa oder Deutschland oder möglicherweise auch für die Globalgesellschaft (insbesondere den Globalen Süden)? Das zweite Hauptanliegen meines Buches war demzufolge die Auseinandersetzung sowohl mit der Idee der Globalität als auch mit der Idee der globalen Geistes- und Sozialwissenschaften.

Das dritte Hauptanliegen war die Idee dessen, was man als Kanonizität bezeichnen könnte. Kritische Erkenntnistheoretiker weisen darauf hin, dass Fachwissen innerhalb verschiedener Kanons produziert (und durch diese reproduziert) wird. Wenn man sich mit den postcolonial and decolonial studies auseinandersetzt, kann man den Eindruck bekommen, dass das alles schlecht sei, dass es bei diesen Kanons nur um Ausgrenzung gehe, um Schweigen, um die Reproduktion bestimmter Formen von Macht – der weißen, männlichen, heteronormativen, westlichen und anthropozentrischen Macht. Bis zu einem gewissen Grad ist das wahr. Ich versuche in meinem Buch zu erforschen, inwieweit diese Kanons unvermeidlich sind. Mit anderen Worten: In dem Moment, in dem man eine wissenschaftliche Agenda aufstellt, neigt man dazu, einen Kanon zu (re-)produzieren. Die entscheidende Frage ist, wie (und warum) die Geltungs- und Legitimitätsansprüche dieser Kanons infrage gestellt, untergraben, erschüttert, transformiert und gegebenenfalls zerlegt werden können (oder müssen).

Das vierte Hauptanliegen des Buches zur Postmoderne war die Historizität. Die historische Soziologie scheint zu einer side show degradiert worden zu sein. Es gibt natürlich noch ein paar historisch soziologische Zeitschriften, insgesamt scheint sie aber ziemlich ins Hintertreffen geraten zu sein. Aus meiner Sicht ist ein Grund dafür der presentism – also die Obsession mit der Gegenwart – in der zeitgenössischen angelsächsischen Soziologie: Man will topaktuell, innovativ und originell sein. Deshalb neigen wir (zumindest in der angelsächsischen Soziologie) dazu, vor allem über die Dinge zu sprechen, die in der Gegenwart passieren, und nicht über die Dinge, die in der Vergangenheit liegen. Allerdings ist es kaum möglich, der Gegenwart ohne systematische Berücksichtigung der Vergangenheit einen aufklärenden Sinn zu geben.

Das fünfte Schlüsselthema war die Disziplinarität und Interdisziplinarität. Heutzutage ist es sehr schwierig, Forschungsgelder zu erhalten, wenn man auf dem Antragsformular nicht das Kästchen der Interdisziplinarität ankreuzt. Genau darum geht es in dem Buch – wann Interdisziplinarität nur ein Kästchen und wann es tatsächlich eine lohnende Übung ist. Ebenso lohnt es sich, mehr auf das Gatekeeping der unterschiedlichen Disziplinen zu schauen. So gibt es in der Philosophie viel mehr Gatekeeping, es ist viel brutaler, viel exklusiver, viel weniger nachsichtig als in der Soziologie. Wenn Sie sich die Fachbereiche der Soziologie im Vereinigten Königreich ansehen, dann finden Sie dort Akademiker:innen aus vielen Richtungen: nicht nur aus der Soziologie, sondern auch aus der Anthropologie, der Geografie, der Urbanistik, der Politikwissenschaft, der Philosophie etc. Die Fachbereiche sind also relativ offen, divers und inklusiv, zumindest im (inter-)disziplinären Sinn. In den philosophischen Fakultäten des Vereinigten Königreichs hingegen werden Sie kaum Mitarbeiter:innen finden, die keinen akademischen Abschluss in der Philosophie haben. Neben dem Gatekeeping hat mich die Dynamik von Hegemonie und Gegenhegemonie interessiert. Die Soziologie in Großbritannien befindet sich derzeit in einer ziemlich schwachen Position, weil sie es dem Staat recht machen muss, um ihren empirischen Wert unter Beweis zu stellen. Anders gesagt: Sie muss der Regierung beweisen, dass sie ein lukratives Unterfangen ist. Es geht in erster Linie um Sozialpolitik und wirtschaftlich orientierte Strategieplanung. Dieser Trend bringt Theoretiker:innen wie mich natürlich in eine verhältnismäßig schwache Position. Wenn wir die Rolle von Forschung and Lehre analysieren, ist kaum zu übersehen, dass die Autonomie des akademischen Lebens schrittweise untergraben wird.

Sie haben auch Veränderungen und Trends in der Soziologie untersucht.[3] Welche Entwicklungen hat es im soziologischen Schreiben zuletzt gegeben und wie schätzen Sie deren Bedeutung ein?

Ein meines Erachtens offensichtlicher Trend in Bezug auf das soziologische Schreiben ist die Abkehr von dem, was ich theoretische Systembildung nenne. Es ist schwer, heutzutage in der Soziologie systembildende Ansätze (wie noch bei Parsons oder Habermas) zu finden. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Art und Weise, wie man schreibt, wie man sowohl konzeptuelle also auch empirische Ansätze systematisiert oder eben nicht systematisiert. Ich denke, dass die systematischen Entwürfe von Reckwitz und Rosa eher die Ausnahme sind. Beide Soziologen sind allerdings weder britisch noch angloamerikanisch, sondern deutsch. In den USA haben Sie Jeffrey C. Alexander, aber er ist – in meinen Augen – nicht wirklich ein Systematiker, obwohl er wahrscheinlich eine der Schlüsselfiguren der zeitgenössischen angloamerikanischen Soziologie ist. Diese Abkehr, die man als illegitime Delegitimierung der Gesellschaftstheorie bezeichnen kann, ist wahrscheinlich der Haupttrend: the end of big theory.

  1. 1 Siehe bspw. Simon Susen, Bourdieusian Reflections on Language. Unavoidable Conditions of the Real Speech Situation, in: Social Epistemology 27 (2013), 3–4, S. 199–246; sowie ders., The Foundations of the Social. Between Critical Theory and Reflexive Sociology, Oxford 2007.
  2. Simon Susen, The ‚Postmodern Turn‘ in the Social Sciences, London, 2014.
  3. Siehe bspw. Simon Susen, Sociology in the Twenty-First Century. Key Trends, Debates, and Challenges, Basingstoke 2020.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Epistemologien Gesellschaftstheorie Moderne / Postmoderne Philosophie Universität Wissenschaft

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Simon Susen

Simon Susen ist Professor für Soziologie an der City, University of London. Seinen Doktortitel erhielt er 2007 von der University of Cambridge, zuvor studierte er Soziologie, Politik und Philosophie an verschiedenen internationalen Universitäten und Forschungszentren. Er ist außerordentlicher Professor für Soziologie an der Universidad Andrés Bello in Santiago, Chile, assoziiertes Mitglied des Bauman-Instituts sowie zusammen mit Bryan S. Turner Herausgeber des „Journal of Classical Sociology“.

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Marc Ortmann

Dr. des. Marc Ortmann ist Soziologe und Autor. In seinem Promotionsprojekt hat er Beziehungsmodi zwischen Soziologie und Literatur untersucht. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrbereich von Prof. Dr. Andreas Reckwitz (HU-Berlin) und war zuletzt zu Forschungs- und Lehraufenthalten am Centre Georg Simmel der EHESS Paris, an der Universität Basel und der University of Cambridge eingeladen.

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