Martin Hartmann | Rezension |

Das große Bild der Gegenwart

Rezension zu „Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?“ von Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa

Abbildung Buchcover Spätmoderne in der Krise von Reckwitz/Rosa

Andreas Reckwitz / Hartmut Rosa:
Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?
Deutschland
Berlin 2021: Suhrkamp
310 S., 28,00 EUR
ISBN 978-3-518-58775-1

Spätmoderne in der Krise: Was leistet die Gesellschaftstheorie? von Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa enthält neben einer von beiden Autoren verfassten Einleitung ein Kapitel von Andreas Reckwitz, eines von Hartmut Rosa und ein Interview, das Martin Bauer mit beiden führt. Die Beschäftigung des Buchs mit dem Thema der Gesellschaftstheorie wird dabei auf ein gestiegenes Interesse der Öffentlichkeit nach einem big picture (S. 11) der Gegenwart gedeutet. Das Buch wird also nicht mit einem innersoziologischen Interesse an Gesellschaftstheorie gerechtfertigt, sondern mit dem intensivierten Interesse an „umfassenden Synthesen“ (S. 13). Rosa und Reckwitz gehören zu den bekanntesten Sozialwissenschaftlern Deutschlands und äußern sich immer wieder auch in nichtakademischen Kontexten. Gleichwohl ist Spätmoderne in der Krise keine Bahnhofslektüre. Es ist ein Buch, das zwar eine breite Nachfrage befriedigen will, aber letztlich doch für eine kleine Gruppe soziologisch versierter Leserinnen und Leser verfasst ist. Das mag ein gewisser Widerspruch sein, aber vielleicht verlassen sich Rosa und Reckwitz auf die vielen medialen Vermittlungsinstanzen, die ihnen schon länger bereitwillig folgen, um an diesem Punkt eine gewisse Übersetzungsarbeit zu leisten.

Warum interessiert sich die Soziologie selbst nicht mehr für umfassende Analysen der Gegenwart? Neben der immer stärkeren Orientierung an empirischen Spezialstudien wird die postmoderne Kritik an großen Narrativen genannt, die nur noch lokal, zeitlich und sachlich begrenzte „kleine“ Analysen zulasse (S. 11). Den Gedanken, dass die vielen Krisen der Gegenwart, die in der Einleitung genannt werden – etwa die Finanzkrise von 2008, die Klimakrise sowie die durch populistische Bewegungen ausgelöste Krise der westlichen Demokratien – unabhängig von postmoderner Kritik schlicht keine einheitliche Theorieperspektive mehr zulassen, diesen Gedanken ziehen Rosa und Reckwitz nicht in Betracht. Dabei dürfte klar sein, dass ein gesellschaftstheoretisches big picture nicht allein schon deswegen möglich ist, weil eine interessierte Öffentlichkeit danach verlangt. Nein, Rosa und Reckwitz gehen davon aus, dass ihre jeweiligen Theorieansätze umfassende Zusammenhänge in der Realität erfassen, die einer Analyse harren. Entsprechend sollte ihr Beitrag zur Gesellschaftstheorie daran gemessen werden, ob es ihnen gelingt, eine Begrifflichkeit zu entwickeln, die tatsächlich dem eigenen Anspruch gerecht wird, wirtschaftliche, kulturelle und politische Phänomene der Gegenwart in einem Analyserahmen plausibel und gewinnbringend zu deuten.

Das schwierige Gespräch mit den Gegenständen

Zunächst zum Kapitel von Andreas Reckwitz. Er unterscheidet Sozialtheorie und Gesellschaftstheorie. Während Sozialtheorien Begriffe entwickeln, in denen sich das Soziale begreifen lässt (S. 29, Reckwitz denkt an Begriffe wie „Praxis“, „Kommunikation“, „Machtdynamik“ oder „Dispositiv“), ist der Anspruch der Gesellschaftstheorie umfassender. Sie will eine „allgemeine Theorie des gesellschaftlichen Wandels und der globalen Verflechtungen von den frühesten menschlichen Gesellschaften bis in die Gegenwart“ entwickeln (S. 33). Als Theorie ist sie dabei ein Kind der Moderne; erst moderne Gesellschaften, so die Annahme, entwickeln das Bedürfnis, sich selbst und ihre historischen Vorgängergesellschaften zu deuten und auf zentrale Strukturmerkmale hin zu untersuchen. Die letzte oder aktuelle Stufe der modernen Gesellschaft, die Reckwitz besonders interessiert, nennt er spätmodern, was zunächst wie eine rein zeitliche Kategorisierung aussieht (die Moderne ist alt geworden), aber in Wirklichkeit auch eine neue Stufe gesellschaftlicher Entwicklung bezeichnet. Die spätmoderne Gesellschaft, deren Beginn Reckwitz in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts ansiedelt und die bis in die aktuelle Gegenwart reicht, löst eine andere Stufe der modernen Gesellschaft ab – Reckwitz nennt sie industrielle Moderne – und verfügt über ganze eigene Strukturen und Merkmale.

Bevor Reckwitz die typischen Strukturmerkmale spätmoderner Gesellschaften skizziert, geht er zunächst weiter auf seinen Begriff von „Sozialtheorie“ ein. Entscheidend ist dabei sein Begriff der „Praxeologie“ oder „Praxistheorie“. Nicht individuelle Handlungen also, sondern Praktiken markieren den sozialtheoretischen Schlüsselbegriff von Reckwitz. Praktiken „sind sich in der Zeit wiederholende und sich im Raum verbreitende Aktivitäten [...], die von menschlichen Akteuren in ihrer Körperlichkeit ebenso getragen werden wie von anorganischen oder organischen Entitäten, das heißt von Artefakten“ (S. 53). Sie sind wissensabhängig und werden durch menschliche Akteure stets performativ hervorgebracht. Auffällig ist schon hier, dass Reckwitz seine Grundbegriffe oft so wählt, dass sie in sich verschiedene, in der soziologischen Literatur teils getrennte Phänomene integrieren sollen. Die Praxistheorie umfasst Handlungstheorie und Ordnungstheorie, sie umfasst materialistische und kulturalistische Ansätze und situiert sich zwischen Makro- und Mikrotheorie (S. 53 f.). Wie noch deutlich werden wird, zahlt Reckwitz für diesen integrationistischen Ansatz einen recht hohen Preis. Er muss nämlich seine Begriffe derart abstrakt und allgemein fassen, dass sie immer wieder in die Gefahr geraten, an Trennschärfe zu verlieren. So betont Reckwitz etwa, dass Praktiken ein Tun sind, dass sie prozesshaft sind und eine Geschichte haben. Im Lichte der Praxistheorie wird alles zu einem Tun: doing singularity, doing loss, doing subject, doing institution, doing affect, doing life – man hätte diese Liste auch mit doing climate change, doing social theory und doing sexism weiterführen können. Und ja, natürlich wird der Klimawandel von uns gemacht, natürlich hat er materielle und ideelle oder kulturelle Seiten, natürlich hat er eine Geschichte, affiziert Körper und produziert mittlerweile eigene Wissensregime. Das ist alles richtig. Aber es ist eben auch wenig aussagekräftig. Dass sich die Praxistheorie auf „die gesamte Bandbreite aller sozialen Phänomene“ (S. 66) bezieht, überrascht in diesem Sinne kaum, aber es schwächt die explikative und explorative Kraft der Reckwitz’schen Theorie doch enorm. Man löst die hartnäckigen Probleme alternativer Theorieansätze nicht, indem man seine Kategorien so zurechtschneidet, dass sie all das umfassen, was andere nicht thematisieren.

Gesellschaftstheorien haben, wie erwähnt, einen umfassenderen Anspruch als Sozialtheorien. Sie wollen nicht das Soziale verstehen, sie wollen Gesellschaften als Ganze untersuchen und suchen nach allgemeinen Strukturmerkmalen dieser Gesellschaften. Wer die Gesellschaft der Gegenwart etwa als „Risikogesellschaft“ (Beck) oder als „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) bezeichnet, fällt eine gesellschaftstheoretische Aussage. Er behauptet, dass viele, wenn nicht gar alle Praktiken einer Gesellschaft auf bestimmte Weisen riskant sind oder Merkmale der Singularisierung aufweisen. Spätestens an dem Punkt seiner Ausführungen, an dem Reckwitz seinen Begriff der Gesellschaftstheorie erläutert, räumt er das erwähnte Problem der Abstraktheit der zentralen Kategorien ein. Er weiß, dass seine Beschreibung der spätmodernen Gesellschaft selektiv vorgehen muss und dass sie sich auf einem Abstraktionsniveau hält, das eine empirisch orientierte Widerlegung der Theorie unmöglich macht (S. 41). Gleichzeitig aber muss sie sich an Daten und Fakten messen lassen. Reckwitz verwendet hier die schöne Formel vom „Dialog mit den Gegenständen“ (S. 46) und fordert sogar, eine gute Gesellschaftstheorie müsse ein empirisches Forschungsprogramm möglich machen (S. 40). Die Spannungen, die damit skizziert sind, sollten offensichtlich sein, denn wie genau ein hochabstraktes Theorievokabular in ein operationalisierbares Forschungsprogramm übersetzt wird, ist nicht immer ganz klar, auch wenn dem Praxisbegriff (selbst ein Theoriebegriff) offenbar eine wichtige Scharnierfunktion zukommt.

Öfnungschancen und neue Zwänge

Man kann dieses Problem gleich am ersten Merkmal erkennen, das nach Reckwitz kennzeichnend für moderne Gesellschaften ist: Moderne Gesellschaften sind durch ein hohes Kontingenzbewusstsein gekennzeichnet. Nichts ist mehr selbstverständlich, alles könnte auch anders sein, ist gestaltbar und veränderbar. Weil diese Gesellschaften oft überfordert sind von der wahrgenommenen Kontingenz schließen sie sich an einzelnen Punkten und erfinden Nichtkontingenz oder beklagen den Verlust traditionaler Orientierungen. Die moderne Gesellschaft ist also eine Gesellschaft, die sich öffnet und schließt, die sich dann wieder öffnet und dann wieder schließt:

„Jeder Version der Moderne (die bürgerliche Moderne des 18. Jahrhunderts, die industrielle Moderne des 19. Jahrhunderts und die Spätmoderne des ausgehenden 20. Jahrhunderts) folgte bisher dem gleichen Muster: Zu Beginn steht der Optimismus der Kontingenzöffnung, im Laufe der Zeit werden die immanenten Widersprüche und Mangelhaftigkeiten sichtbar, die Chance der Öffnung verwandelt sich in einen neuen Zwang, in eine Kontingenzschließung, die Kritik und Innovation auf den Plan rufen." (S. 119)

Diese Dynamik der Moderne wird nicht sozialstrukturell verankert, sie wird auch nicht materialistisch gedeutet, sie entzündet sich nicht primär an sozialen Bewegungen, die in immer neuen soziohistorischen Konstellationen um Anerkennung kämpfen – aber sie könnte auf alle diese Weisen erklärt werden (und wird es zum Teil auch), wenn man nur nicht annimmt, eine von ihnen sei allein bestimmend für die Dynamik der Moderne.

Mit anderen Worten, so wie Reckwitz seine Kategorien zuschneidet, kann man ihnen wenig entgegensetzen, sie wirken durchaus stimmig. Genau das aber ist auch ihr Problem. Sie sind so allgemein, dass schlicht alle Phänomene, die Reckwitz der Moderne zuordnet, zu ihnen passen (müssen). Die bürgerliche Moderne kritisiert den Feudalismus, die industrielle Moderne kritisiert die bürgerliche Moderne, die Spätmoderne wirft der bürgerlichen Moderne zu wenig Chancen auf Freiheit und Selbstverwirklichung vor. Wie erwähnt, diese Beschreibungen der Moderne lassen sich nicht widerlegen oder verifizieren, man kann sie offenbar nur plausibel oder weniger plausibel finden. Wie formal das Modell ist, zeigt sich beispielhaft auch daran, dass etwa der neuere Populismus als Kennzeichen einer spätmodernen Kritikbewegung gegen Kontingenzschließung gedeutet wird. Das mag überraschen, wird doch der Populismus in seiner rechten Variante eher als eine Bewegung begriffen, die mit der Betonung des Völkischen oder national Eigenen selbst eine Art Kontingenzschließung betreibt. Gegen welche Kontingenzschließung protestiert also der Populismus? Reckwitz nennt die „Etablierung von globalen Wettbewerbsstrukturen und einer auf ihre Weise zwingend wirkenden Kultur der performativen Selbstentfaltung“ (S. 112) als Ankerpunkt einer populistischen Kritik. Es ist das Wort „zwingend“, das hier das Gewicht des Begriffs „Kontingenzschließung“ tragen muss, würde man doch sonst die Ausweitung von Wettbewerbsstrukturen eher im Bereich der Kontingenzöffnung sehen. Immer dann, wenn Prozesse alternativlos erscheinen oder als notwendig „verkauft“ werden, bildet sich früher oder später, so könnte man Reckwitz verstehen, ein Protest, der gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit aufbegehrt und andere Ordnungsmuster vorschlägt.

Die Theoriesprache lässt sich hier nicht mehr in einen sinnvollen Dialog mit den Gegenständen bringen, was gemessen an Reckwitz’ eigenen Standards des doing theory problematisch sein muss.

Auf einer formalen Ebene wird man diesem Interpretationsvorschlag zustimmen können. Aber wenn die Protestbewegung selbst eher bestimmte Varianten der Kontingenzschließung befürwortet, also etwa die Notwendigkeit des Nationalen gegen die Notwendigkeit des Globalen stellt, welchen Sinn macht es dann, sie als Kritikbewegung gegen Kontingenzschließung zu verstehen? Hier laufen die Kategorien von Reckwitz immer wieder Gefahr, den Blick für spezifische Entwicklungen zu verschließen und diese damit auch falsch zu lesen. Dieser Einwand mag etwas kleinlich erscheinen. Natürlich protestiert der Populismus gegen etwas, und es kann in einer Beobachtungsperspektive auch sinnvoll sein, diesen Protest als Protest gegen wahrgenommene Alternativlosigkeiten zu deuten. Aber will man den Populismus verstehen und angemessen deuten (sowohl in seiner rechten als auch in seiner linken Variante), wird man nicht umhinkommen, seine spezifischen Artikulationsformen genauer zu analysieren. Man sieht dann, dass es wenig ergiebig ist, in ihm eine Form der Kontingenzöffnung zu sehen. Die Theoriesprache lässt sich hier nicht mehr in einen sinnvollen Dialog mit den Gegenständen bringen, was gemessen an Reckwitz’ eigenen Standards des doing theory problematisch sein muss.

Ein weiteres Beispiel: Für spätmoderne Gesellschaften sind Digitalisierungsprozesse als wichtiger Motor rasanter Veränderungsprozesse ausgemacht. Reckwitz ordnet diese Prozesse in seine bekannte Logik der Singularisierung ein. Digitalisierung ermöglicht es, einzelne Nutzer in ihrer Besonderheit zu adressieren, die Algorithmen können, so vermutlich die Annahme, Surf- und Recherchegewohnheiten bis in feinste Details verfolgen und damit hochindividualisierte (Konsum-)Profile erstellen, die Rede ist auch von einer „personalisierten“ Medienwelt (S. 115). Auch diese wiederum sehr allgemein gehaltene Deutung wirkt auf den ersten Blick äußerst plausibel, sie wird oft vertreten und formuliert, wenn man so will, einen common sense der populären Medienwahrnehmung. Aber ist sie stimmig? Studien, die sich etwa mit der Anwendung algorithmisierter Kreditvergabe beschäftigen, kommen zu abweichenden Ansichten. Die potenziellen Kreditnehmer werden keinesfalls durchgängig individualisiert, sondern auf der Basis zumeist undurchsichtiger digitaler Spuren einer Personenkategorie (kreditwürdig, nicht kreditwürdig) zugeordnet. Gut erforscht ist mittlerweile die klassenbildende Macht algorithmisierter Entscheidungsprozesse im Bereich von Arbeits-, Wohnungs- oder Kreditmärkten. Während die einen den Kredit erhalten, den sie erhalten wollen, das Haus kaufen können, das sie kaufen wollen, oder den Job bekommen, den sie bekommen wollen, gelingt dies anderen, die vielleicht das falsche Geschlecht, die falsche Hautfarbe, den falschen Wohnort oder eine falsche Kaufhistorie haben, nicht.[1] Dieser Gedanke passt durchaus zur These der Wiederkehr der Klassen, die Reckwitz andernorts vertreten hat.[2] Aber er verträgt sich eben nicht mit der These der Digitalisierung als Motor der Singularisierung.

Ziel der genauen Erfassung individueller Daten ist, wenn man so will, die Schaffung verdeckter Typologien, die wesentliche Selektionsprozesse auf digitalisierten Märkten steuern. Erneut also strickt Reckwitz seine Kategorien zu weitmaschig, um wirklich genaue Detailanalysen zu ermöglichen, das Gespräch mit den Gegenständen gerät ins Stocken und produziert ein gelegentlich allzu schlüssiges Theoriegebäude. Mag sein, dass der große Erfolg von Reckwitz hiermit zu tun hat, man kann vieles hineinlesen in seinen Entwurf und bekommt auch vieles zurück. An manchen Punkten aber bleiben seine Überlegungen eigentümlich blass, paradoxerweise wohl gerade, weil sie zu viel Material aufnehmen wollen.

Ein stabiles Dynamisierungsregime

Hartmut Rosa hat dieses Problem zunächst nicht. Er ist bekannt für seinen anekdotenhaften Stil und lässt sich gerne von alltagsnahen Beispielen tragen. Nicht ohne Grund hat man seinen Typ von Soziologie mit dem Titel einer „lyrischen Weltsoziologie“ versehen.[3] Aber man täusche sich nicht, im Gespräch mit Martin Bauer ist es Rosa, der seiner Soziologie letztlich ein Strukturprinzip zugrunde legt, das er mit der Formel von der „dynamischen Stabilisierung“ kennzeichnet (S. 260). Während Reckwitz also vor dem Hintergrund des Kontingenzgedankens verschiedene gesellschaftliche Formationen und Dynamiken (historisch) differenzieren kann, verschwimmt die Moderne bei Rosa zu einem einzigen stabilen Dynamisierungsregime. „Eine moderne Gesellschaft“, so Rosa, „ist dadurch gekennzeichnet, dass sie beständig wachsen, beschleunigen und innovieren muss, um ihre Struktur zu erhalten.“ (S. 174) Zwar unterscheidet auch Rosa zwischen Frühmoderne, Hochmoderne und Spätmoderne, aber diese Unterscheidung markiert lediglich Stufen des Dynamisierungsgeschehens. In der Spätmoderne (also unserer Gegenwart) sind die Prozesse sozialen Wandels derart beschleunigt, dass sie einen intragenerationalen Charakter annehmen. Anders gesagt, kannte die Hochmoderne noch Differenzen des Erfahrungshorizontes, die sich an generationalen Unterschieden festmachen ließen, so vollziehen sich gegenwärtig beschleunigte Wandlungsprozesse innerhalb der Generationengrenzen und lassen damit die Konturen zwischen den Generationen verschwimmen. Das soll die Formel der stabilisierten Dynamik einfangen: Einzig der permanente Wandel hält die Gesellschaften der Gegenwart zusammen und ermöglicht auf paradoxe Weise ihre theoretisierbare Einheit.

Gesellschaftstheorien kennen nach Rosa drei Ebenen, die Ebene der Analyse, die Ebene der Diagnose und die Ebene der Therapie. Vor allem die letzten beiden Ebenen sind erläuterungsbedürftig. Während mit Analyse nicht anders als bei Reckwitz die Bestimmung der wesentlichen Strukturmerkmale moderner Gesellschaften gemeint sind, zielt der Begriff der Diagnose auf die Bestimmung „der sich dabei zeigenden Fehlentwicklungen, Störungen oder Pathologien“ (S. 177). Die Ebene der Therapie schließlich zielt auf den Versuch, im Rahmen der Theorie nach Auswegen aus der diagnostizierten Krise zu suchen.

Moderne Gesellschaften müssen im Beschleunigungsmodus wachsen, vor allem in ökonomischer Hinsicht ist das Wachstumscredo nach wie vor dominant und scheinbar alternativlos.

Mit dem Begriff der „dynamischen Stabilisierung“ ist der zentrale analytische Begriff genannt: Moderne Gesellschaften müssen im Beschleunigungsmodus wachsen, vor allem in ökonomischer Hinsicht ist das Wachstumscredo nach wie vor dominant und scheinbar alternativlos. Relevant für Rosa ist dabei die Idee des endogenen Wachstumszwangs. Es ist nicht marktexterner Krisendruck, der Wachstum vorantreibt (ökologische Krisen, militärische Krisen oder gar Ressourcenknappheit), sondern eine ganz und gar innere „Systemlogik“ des modernen Kapitalismus. Wohnungen werden gebaut, auch wenn es genug Wohnungen gibt (ein etwas unglückliches Beispiel), Autos werden produziert, auch wenn klar zu sein scheint, dass der Individualverkehr ökologisch problematisch ist, die Nahrungsmittelindustrie sucht nach Zusatzstoffen, die das Sättigungsgefühl im Organismus blockieren, damit noch mehr gegessen wird (S. 187).

Die Moderne ist also eine Sozialformation, die auf allen Ebenen nach Wachstum, Beschleunigung und Innovation strebt, sie will immer mehr Welt verfügbar machen und auch die Reichweite des menschlichen Zugriffs auf Welt vergrößern. Damit die Menschen an diesen Prozessen beteiligt werden können, müssen ihnen allerdings immer wieder motivationale Ressourcen zur Verfügung stehen, sie müssen in dieser gnadenlosen Steigerungsdynamik mitkommen können. An diesem Punkt setzt Rosa im Diagnoseteil seiner Überlegungen an: „Wann immer eines von zwei zeitlich aufeinander abgestimmten Systemen seine Taktung erhöht, erscheint in einer Formation, die Geschwindigkeit prämiert und auf Dynamisierung angewiesen ist, das je andere als zu langsam: Es wird zur Bremse, zum eigentlichen Hemmnis der Synchronisierung.“ (S. 205) So entstehen nach Rosa die Abgehängten und Verlierer der Modernisierung, aber es entstehen auch zahlreiche andere Problemlagen, die damit zu tun haben, dass sich in relevanten Bereichen der modernen Sozialformation Prozesse zu schnell vollziehen: Demokratische Entscheidungsstrukturen erscheinen als zu langsam für die rasanten Entwicklungen der Weltökonomie, unser Ressourcenverbrauch ist zu schnell und lässt der Natur keine Zeit zur Regeneration (Rosa spricht hier in gewagter Weise von einer „Beschleunigung der Erdatmosphäre“), unsere psychische Gesundheit hält dem wachsenden Leistungsdruck nicht mehr stand – so sehr wir uns auch optimieren, am Ende drohen Burnout oder Depression.

Die Therapie, die Rosa vorschlägt, heißt „adaptive Stabilisierung“ (S. 226) und zielt immerhin auf eine grundlegende Reform des Wirtschaftssystems, das nicht länger von politischen und kulturellen Prozessen abgekoppelt sein darf. Der Zwang zur Steigerung und Beschleunigung muss gebrochen werden, was produziert wird, wie produziert wird, wann produziert wird – das alles sind Fragen, die im Lichte menschlicher Interessen und Bedürfnisse beantwortet werden müssen und nicht unabhängig von ihnen. Das Gefühl, im Rattenrennen der Beschleunigung ganz vorne sein zu müssen, könnte etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen aufgelöst werden, das Sicherheiten bietet und autonome Entfaltungsräume eröffnet. Es gilt, unser Verständnis von Leistung, Wohlstand und Wohlergehen neu zu justieren und Lebensqualität und Wachstum zu entkoppeln (S. 239). Natürlich kommt Rosa in diesem Zusammenhang auch auf seinen Begriff der „Resonanz“ zu sprechen, der in seinen Augen das Potenzial enthält, ein besseres Weltverhältnis des Menschen zu skizzieren, also ein Weltverhältnis, das nicht aneignend und gewaltsam ist, das auf das Andere (die Natur, andere Menschen, die Kunst, die Musik etc.) hört und sich von ihm transformieren lässt.

Zwei soziologische Temperamente

Klar ist, dass Rosas Gesellschaftstheorie offen normativ verfährt und letztlich schon in ihrer Analyse von der Annahme getragen ist, dass etwas nicht stimmt im Haus der Moderne. Reckwitz ist hier bescheidener, ihm reicht zumeist der Gestus der nüchternen Beschreibung, eine „Generalabrechnung mit der Gegenwart“ liegt ihm fern, auch wenn er Verlusterfahrungen aufmerksam registriert.[4] Explizit möchte er mit „wenig normativen Festlegungen“ auskommen und (im Anschluss an Boltanski) der Perspektive der Teilnehmenden folgen (Boltanskis Modell wird dabei allerdings deutlich missverstanden), einzig der Begriff der „Kontingenz“ erlaubt es ihm, in beschreibend-beobachtender Perspektive mit den Selbstverständnissen der Akteure immer dann zu brechen, wenn sie ihre eigene Lebenslage für unausweichlich halten (S. 292).

In gewisser Weise treffen in dem Buch also zwei divergierende soziologische Temperamente aufeinander, ein feurig kritisches und ein nüchtern distanziertes. Gemeinsam ist ihnen aber die Bereitschaft, gesellschaftstheoretische Kategorien zu entfalten, die tatsächlich beanspruchen, das Ganze unserer Gegenwart soziologisch zu erfassen. Es hieß, dass sie sich an diesem Anspruch auch messen lassen müssen. Reckwitz’ Ansatz wurde in dieser Hinsicht schon kritisch beleuchtet. Da Rosa, wie erwähnt, sogar noch reduktionistischer vorgeht und nur ein dominantes Strukturmerkmal der Moderne ausfindig machen möchte, riskiert er, so sieht es zumindest aus, noch stärker als Reckwitz, an der Fülle der konkreten Phänomene und Entwicklungen zu scheitern. Wie sieht also die Bilanz seines Vorgehens aus? Eigentümlicherweise gelingt es ihm auf den ersten Blick besser, sein theoretisches Modell auf den alltäglichen Erfahrungshorizont moderner Subjekte zu beziehen, die anekdotische Evidenz seines Vorgehens ist fast schon erdrückend, wir wissen schließlich alle sehr genau, was mit Beschleunigung gemeint ist, und erkennen die dramatischen Konsequenzen einer nach wie vor rücksichtslos voranschreitenden Ausbeutung natürlich Ressourcen (etwas überraschend hat Reckwitz zum großen Problem des Klimawandels wenig zu sagen). Zwar bleibt seine Resonanzkategorie hoffnungslos überdehnt und kann nicht annähernd das therapeutisch-ethische Gewicht tragen, das Rosa ihr aufbürdet, aber seine diagnostischen Fähigkeiten bleiben beeindruckend. Und doch: Auch Rosa läuft gelegentlich Gefahr, sein Deutungsmodell gewaltsam auf konkrete Handlungsfelder zu applizieren. Nehmen wir das Thema der sozialen Ungleichheit. Rosa weiß natürlich, dass Beschleunigungsprozesse auf unterschiedliche Soziallagen unterschiedlich wirken. Sie betreffen nicht alle „im gleichen Maße“ (S. 201). Anschließend heißt es:

„Zu behaupten, der Weltreichweitenvergrößerung der Einen stünde ein symmetrischer Reichweitenverlust der Anderen gegenüber, ist schlicht falsch, gravierend falsch; aber selbst wenn es stimmte, änderte dies nichts daran, dass die Hoffnung auf eine Ausdehnung des Horizonts des Verfügbaren notgedrungen auch und gerade diejenigen motiviert, die in dieser Hinsicht bislang wenig profitiert haben, die unter den Folgen von Ausbeutung und Verarmung leben.“ (S. 202)

Zum einen darf man fragen, warum die im ersten Teil des Zitats artikulierte Vermutung, wonach die Ausdehnung der Handlungshorizonte der einen auf Kosten der Handlungsspielräume der anderen geht, „gravierend“ falsch sein soll? Mit Blick auf die Auswirkungen des Klimawandels etwa ist sie definitiv nicht gravierend falsch, denn was die einen (im globalen Norden und in China) verbrauchen, geht sehr wohl zu Lasten der anderen (zumeist im globalen Süden, aber nicht nur dort). Auch wenn alle, wie oft zu hören ist, betroffen sind von den Auswirkungen des Klimawandels, bleibt es wichtig, die Unterschiede dieser Betroffenheit genauer herauszuarbeiten.

Diese Binnendifferenzierungen sind keine soziologische Kleinigkeit, sondern essenziell für eine angemessene Analyse. Die Schärfe, die Rosas Ton hier annimmt, verrät seine Schwäche: Er sieht die Differenz, aber er marginalisiert sie oder ebnet sie ein. Aber was soll’s, wenn man vom Kapitalismus spricht, muss man auch von den Kapitalisten sprechen und von denen, die von ihnen, wie Rosa ja einräumt, ausgebeutet werden. Der Tendenz nach alle über einen Kamm zu scheren, ist soziologisch und empirisch (!) unredlich, der endogene Wachstumszwang ist endogen mit Bezug auf Märkte und damit natürlich auch den spezifischen Strukturmerkmalen von Märkten unterworfen, auf denen es nun einmal Gewinner und Verlierer gibt. Wir wachsen nicht, weil der Markt will, dass wir wachsen, wir wachsen, weil einige vom Wachstum profitieren.

Der zweite Teilsatz im Zitat ist da schon interessanter: Auch die Verlierer der Dynamisierungs- und, so dürfen wir jetzt ergänzen, Ausbeutungsprozesse orientieren sich an den Gewinnern dieser Prozesse und sind „motiviert“, die Spielräume zu erhalten, die die anderen schon haben. Es ist nicht ganz klar, ob das so ist, weil sie müssen oder weil sie wollen („motiviert“ lässt das offen), aber wie immer Rosa hier zu verstehen ist, das Argument wirkt ungleich plausibler, in dieser Hinsicht sind alle der sich beschleunigenden Logik des Ganzen ausgeliefert. Das von Rosa befürwortete bedingungslose Grundeinkommen soll ja gerade das ökonomische Plateau für die schlechter Gestellten anheben, damit sie vom Stress des Um-jeden-Preis-Mitkommen-Müssens entlastet werden.

Selbst wenn ein solches Grundeinkommen da wäre, gäbe es aber sicherlich weiterhin große sozioökonomische Differenzen, und man darf auch bezweifeln, dass es den Schlechtergestellten je um die „Weltreichweitenvergrößerung“ gehen kann, in deren Genuss die Bessergestellten schon kommen. Es ist ein Problem, dass Rosa an den Punkten, an denen er Weltverhältnisse des modernen Menschen thematisiert, konsequent kollektiv denkt und erneut keine Binnendifferenzierungen zulässt. Selbst die Aussage, dass „unser“ Weltverhältnis auf Verfügbarmachung von Welt beruht, ist in diesem Sinne zu pauschal. Die einen machen eher verfügbar als die anderen, die einen treiben voran, die anderen erleiden oder erdulden, die einen verfügen über die Mittel der Verfügbarmachung, die anderen nicht.

So bleibt ein gewisses Restrisiko der Gesellschaftstheorie bestehen. Was sie an Allgemeinem gewinnt, verliert sie an Besonderem, das mag im Übrigen der Grund sein, warum manche Spezialsoziologien auf Gesellschaftstheorie verzichten. Nicht unbedingt, weil sie nicht wollen oder große Erzählungen per se problematisch finden; eher schon, weil sie nach Bearbeitung des Besonderen keine Perspektive für das Allgemeine mehr sehen. Sie wissen schlicht nicht mehr, wie sie zum big picture gelangen könnten, weil sie den Verlust spüren, den dieses Bild für ihren auf Besonderes geschulten Blick haben müsste. Das spricht keinesfalls gegen ein gesellschaftstheoretisches Unterfangen. Es erklärt nur, warum das im Buch erwähnte öffentliche Bedürfnis nach dem großen Rundumblick soziologisch nicht leicht einlösbar ist. Ob Rosa und Reckwitz mit ihren Ansätzen Erfolg haben werden, wird sich entsprechend erst zeigen, wenn auf größerer Ebene der Versuch unternommen wird, ihre Theorien mit den Gegenständen ins Gespräch zu bringen.

  1. Siehe Marion Fourcade / Kieran Healy, Classification Situations. Life Chances in the Neoliberal Era, in: Historical Social Research 42 (2017), 1, S. 23–51; dies., Seeing Like a Market, in: Socio-Economic Review 15 (2017), 1, S. 9–29; Jenna Burrell / Marion Fourcade, The Society of Algorithms, in: Annual Review of Sociology 47 (2021), S. 213–237.
  2. Andreas Reckwitz, Von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zur Drei-Klassen-Gesellschaft: Neue Mittelklasse, alte Mittelklasse, prekäre Klasse, in: ders., Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019, S. 63–134.
  3. Sina Farzin, Lyrische Weltsoziologie. Symposiumsbeitrag zu: Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, in: Soziologische Revue 40 (2017), 2, S. 169–176.
  4. Reckwitz, Das Ende der Illusionen, S. 15.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaftstheorie Globalisierung / Weltgesellschaft Moderne / Postmoderne

Martin Hartmann

Martin Hartmann ist Professor für Philosophie, mit Schwerpunkt Praktische Philosophie, an der Universität Luzern. 2020 veröffentlichte er „Vertrauen. Die unsichtbare Macht“; 2022 wird bei Oxford University Press seine Monografie „How Inequality Feels“ erscheinen.

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