Vincent Streichhahn | Essay |

Der Grenzgänger

Robert Michels zwischen Frauenbewegung, Sozialdemokratie und Soziologie

Die Forschung über Robert Michels tendiert dazu, das Werk des Soziologen vom Ende her zu interpretieren.[1] In der Rezeption erscheint Michels daher überwiegend als Elitetheoretiker, in dessen Klassiker Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie[2] von 1911 sich einerseits seine Enttäuschung über die repräsentative Demokratie widerspiegele, und in dem andererseits die „Keimzelle“ eines autoritären Politikverständnisses angelegt gewesen sei. Die Enttäuschung seiner einstigen demokratischen Hoffnungen, so die verbreitete Lesart, hätte ihn schließlich von der Sozialdemokratie über den Syndikalismus zum italienischen Faschismus geführt.[3] Andere Werke und damit anders gelagerte Interpretationsstränge sind – verglichen mit der Soziologie des Parteiwesens – weitgehend unbekannt.

Das gilt auch für Michels’ ebenfalls 1911 erschienene Schrift Die Grenzen der Geschlechtsmoral, die im Zentrum des vorliegenden Essays steht.[4] Von der Forschung bislang weitgehend vernachlässigt, besitzt die „sexualreformerische Aufklärungsschrift“[5] durchaus das Potenzial, die bisherige Rezeption gehörig durcheinander zu wirbeln. Unternahm Michels schon in der Soziologie des Parteiwesens, den Versuch, die Demokratie durch die kritische Darstellung ihrer Funktionsweise zu reformieren,[6] so ist jener reformerische Gestaltungswille und Fortschrittsoptimismus in den Grenzen der Geschlechtsmoral offenkundig.

Ungeachtet ihrer Bedeutung wurde der Schrift seitens der Forschung bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Eine der wenigen Ausnahmen ist der US-Soziologe Terry R. Kandal, der sich seit Ende der 1980er-Jahre mit Michels’ Denken zur „Frauenfrage“[7] im Kontext der klassischen soziologischen Theorie beschäftigt.[8] Bis dahin hatte sich lediglich der Italiener Pino Ferraris mit Michels’ Arbeiten zur Thematik der Geschlechterverhältnisse beschäftigt, dessen Schriften aber nicht zuletzt aufgrund von Sprachbarrieren kaum rezipiert wurden.[9]

Insbesondere in Deutschland, wo Michels aufgrund seines Bekenntnisses zur Sozialdemokratie eine Professur trotz der Fürsprache Max Webers verwehrt wurde,[10] strafte die Forschung sein Werk lange Zeit mit großer Zurückhaltung. Es überwog der einseitige Eindruck eines Elitetheoretikers mit miefigem politischem Beigeschmack. Den bisher ambitioniertesten und umfassendsten Versuch einer Gesamtdeutung von Michels’ Werk und Entwicklung stammt von Timm Genett, der den Wahlitaliener als „Pionier der sozialen Bewegungsforschung“ präsentiert und schon dadurch mit den bisher gängigen Interpretationsmustern bricht.[11] Nach Genetts Ansicht steht die Frauenbewegung in Michels’ frühem Werk gleichberechtigt neben der Arbeiterbewegung und nationalen Autonomiebewegung.[12]

In diesem Narrativ nehmen die Grenzen der Geschlechtsmoral einen zentralen Platz ein. Als Ergebnis der frühen Schaffensphase dienten sie Genett zufolge als „Schlüssel zum Verständnis von Michels’ soziologischem Hauptwerk“.[13] Neben Genett haben in Deutschland Harald Bluhm und Skadi S. Krause zumindest am Rande auf die Grenzen der Geschlechtsmoral verwiesen.[14] Ausführlicher ging die Schweizer Historikerin Caroline Arni in ihrer Darstellung des modernen Liebesdiskurses darauf ein.[15] In jüngster Zeit stellte Hans Geske die Frage der Geschlechterverhältnisse in Michels’ Werk in das Zentrum seiner Masterarbeit und legte damit im deutschsprachigen Raum die ausführlichste Besprechung der Grenzen der Geschlechtsmoral neben derjenigen Genetts vor.[16] Die von Geske und dem Autor dieser Zeilen edierte Neuauflage der lange Zeit vergriffenen Michels’schen Schrift und weiterer Artikel zur Geschlechterthematik erleichtern die künftige Beschäftigung mit diesem Werk.[17]

Im Folgenden möchte ich die Grenzen der Geschlechtsmoral in ihren Grundzügen skizzieren und im Diskurs der „neuen Sexualmoral“ des Deutschen Kaiserreichs verorten. Eine kontextualisierende Betrachtung von Michels’ Kritik der bürgerlichen Ehe und Sexualmoral sowie seines publizistischen Engagements für verschiedene Flügel der deutschen Frauenbewegung sollen dazu beitragen, die in den Grenzen der Geschlechtsmoral dargelegten Ideen besser einordnen und verstehen zu können. Dabei vertrete ich die These, dass Michels’ Entwurf einer „neuen Geschlechtsmoral“ als Versuch einer egalitär-feministischen Antwort auf die Transformation der Geschlechterordnung in der Moderne zu deuten ist. Seine Ideen für die Neuordnung der Geschlechterverhältnisse zeichnen Michels als Grenzgänger zwischen den radikalen Lagern der Reformbewegung des Deutschen Kaiserreichs aus.[18]

Ein vorläufiger Einordnungsversuch

Die Grenzen der Geschlechtsmoral sind ein flammendes Plädoyer für eine „neue Geschlechtsmoral“, „deren Sonnenball wir am Horizont bereits auftauchen sehen, deren Strahlen aber noch blaß und matt sind und noch nicht die Kraft haben, neues Leben zu spenden“.[19] Caroline Arni zufolge ist der von Michels vorgelegte Entwurf Utopie und Programm zugleich, und damit ein typisches Produkt des utopischen Denkens der Moderne.[20] Die Grundzüge von Michels Vision stünden dabei exemplarisch für „eine Konzeption des heterosexuellen Paars, die um 1900 im Kontext sexualreformerisch-feministischen Denkens entworfen wurde“. Ihr Kern sei die auf Autonomie (freiwilliger Liebe) und Egalität (Kameradschaft) gegründete Liebesbeziehung, welche „das ethische Potenzial der Menschheit realisiert.“[21]

Im Kontext des „sexualreformerisch-feministischen Denkens“ um die Jahrhundertwende ist Michels’ Grundkonzeption keine Einzelerscheinung. Die Problematik der Geschlechterbeziehungen ist im Wilhelminischen Deutschland gesellschaftlich virulent und wird intensiv debattiert. Thomas Nipperdey zufolge kann die Jahrhundertwende gar als Beginn der „sexuellen Revolution des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet werden.[22] Gleichwohl trat nur eine verschwindend kleine Minderheit zu dieser Zeit für eine radikale Reform der Sexualmoral ein, die von weiten Teilen der bürgerlichen Frauenbewegung abgelehnt wurde, da sie die bürgerliche Familie und damit das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft gefährde.[23] Die Bedeutung, die Michels sowie feministische Autorinnen und Aktivistinnen der Sexualmoral zuwiesen, liegt in den oftmals als Gefahr und Krise empfundenen Transformationsprozessen der Moderne begründet. In der modernen Neuordnung der Gesellschaft nahmen die Geschlechterverhältnisse eine zentrale Stellung ein, deren patriarchaler Charakter von vielen erbittert verteidigt, von manchen zaghaft reformiert und von wenigen grundlegend infrage gestellt wurde.

Dieser sexualreformerische Diskurs ist als Bestandteil der „Frauenfrage“ zu klassifizieren, die – angetrieben durch die politischen und ökonomischen Entwicklungen der Moderne sowie durch das Engagement der Frauenbewegung – um die Jahrhundertwende weit in die deutsche Öffentlichkeit vorgedrungen war. „Die Frauenfrage, historisch begründet, sozial, intellektuell und ökonomisch empfunden“, so Michels, „ist kein Märchen zum Zeitvertreib für einige um ihr Gleichgewicht gekommene Weiber, sondern ein sehr ernstes Problem, das zu seiner Lösung die Arbeit der Besten einfordert.“[24] Als eine Dimension der „Frauenfrage“, bei der allgemein um die Geschlechterverhältnisse gerungen wurde, ist der Aspekt der Sexualität, zu betrachten, welcher zeitgenössisch nicht ohne die Thematisierung der Ehe auskam.

Die Grenzen der Geschlechtsmoral wurde 1911 im Frauen-Verlag[25] verlegt und ist noch im selben Jahr in der zweiten und bis vor kurzem letzten deutschen Auflage erschienen.[26] Im Vorwort bekennt Michels ganz offen, es handele sich bei der Schrift um das „Resultat langjähriger Beobachtungen eines Mannes, der über die sexualen Probleme von jüngster Jugend auf viel und ernst nachgedacht hat“. Dabei sei er in Italien, Frankreich und Deutschland „dem gleichen unlösbaren Problem“ begegnet, „junge Liebe mit alter Sitte zu versöhnen“. Die von ihm dargelegten Schilderungen seien zwar „[n]icht streng wissenschaftlich“, aber dennoch, wie er hoffe, „nicht ohne wissenschaftliche Bedeutung“. Für diejenigen, die die „Probleme der sexuellen Moral“ auf Grundlage eines „vorgefaßten Dogmas“ bereits gelöst hätten, sei das Buch nicht geschrieben, sondern die Prämisse der Schrift basiere auf der Anerkennung von deren Ungelöstheit. Damit grenzt Michels sich explizit von anderen Arbeiten auf diesem Gebiet ab, da er aus der Beschäftigung mit „Grenzgebieten“ die Konsequenz gezogen habe, „mehr zu fragen als zu antworten, mehr Probleme zu stellen als Probleme zu lösen“.[27]

Der Terminus der „Grenzprobleme“ nimmt einen zentralen Stellenwert in der Arbeit ein. Im Bereich der Sexualität, so Michels, sei es, „gelinde gesagt, Unfug […] von ‚Abgründen‘ zu sprechen, wo es nur sanfte Übergänge und feine Nuancen gibt“.[28] Er verwahrt sich dementsprechend gegen Vorstellungen zur Sexualmoral, die mit einfachen Gegensätzen operierten.[29] Die Kritik der bürgerlichen Doppelmoral, welche die Frau in der Nacht als Hure und am Tag als Heilige betrachte,[30] bildet einen Hauptstrang in den Grenzen der Geschlechtsmoral. Daneben widmet sich Michels einer Vielzahl weiterer Themen wie Prostitution, Pornografie, Sexualaufklärung, Verhütung und Brautstandsmoral. Auch das grundlegende Verhältnis der Geschlechter in und außerhalb der Ehe wird von ihm erörtert, die seinerzeit virulente und dezidiert politische Frage des Frauenwahlrechts bleibt hingegen ausgespart.[31]

An seiner grundsätzlichen Einstellung zur Ehe lässt Michels keinen Zweifel: Einerseits verwirft er die bestehende Form der „monogamischen und unzertrennlichen Familie“ als „staatliches Zwangsinstitut“, erkennt aber andererseits in der exklusiven familiären Paarbeziehung ein „sittliches Ziel“, „das gewiß niemals erreicht werden wird, dessen Anstrebung aber zugleich im individuellen wie im kollektiven Interesse der Menschheit liegt“.[32] Schon der Aufbau der in vier Teile gegliederten Arbeit – 1) allgemeine erotische Grenzprobleme, 2) außereheliche Grenzprobleme, 3) voreheliche Grenzprobleme und zuletzt 4) eheliche Grenzprobleme – signalisiert „den Zielpunkt der Michelsschen Sexualpädagogik: der Ehe als monogames Bündnis auf Lebenszeit eine neue Legitimation zu verschaffen“.[33] Die Ehe sei „reformabel, aber nicht abschaffbar“.[34] Michels nimmt die „polygamen Anlagen“ des Menschen als anthropologische Prämisse an und vergleicht den Sexualtrieb mit einem körperlichen Bedürfnis, dem „Gefühl des Hungers“.[35] Ganz ähnlich hatte bereits August Bebel in seinem 1879 erschienenen Klassiker Die Frau und der Sozialismus die Metapher des Essens verwendet, um auf die Natürlichkeit sexueller Bedürfnisse hinzuweisen.[36]

Publizistisch beschäftigte sich Michels etwa seit der Jahrhundertwende mit der „Frauenfrage“. Die ersten Aufsätze zu dem Themenkomplex datieren auf das Jahr 1901. In den folgenden Jahren erschien eine Vielzahl an weiteren Artikeln in verschiedenen Periodika der Frauenbewegung. Einiges aus diesen Texten fand auch Eingang in die Grenzen der Geschlechtsmoral, mitunter allerdings ohne entsprechende Nachweise. Bei seinem publizistischen Engagement verspürte der 1900 in Halle promovierte Soziologe keinerlei Scheu vor den politisch unterschiedlich ausgerichteten Flügeln der deutschen Frauenbewegung – mit Ausnahme der vaterländischen Frauenvereine. Er veröffentlichte in der von Helene Lange als Vertreterin des „gemäßigten“ Lagers der bürgerlichen Frauenbewegung herausgegebenen Zeitschrift Die Frau[37] ebenso wie in den Blättern des „radikalen“ Flügels der Bewegung, darunter etwa Die Frauenbewegung[38] unter der Leitung von Lily Braun und Minna Cauer oder die von der Sexualreformerin Helene Stöcker verantwortete Zeitschrift Mutterschutz,[39] die ab 1908 unter dem Titel Die neue Generation erschien.[40] Am häufigsten schrieb Michels jedoch in der von Clara Zetkin geleiteten proletarischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit, allerdings fast ausschließlich über die italienische Frauenbewegung und nicht über Fragen der Sexualmoral.[41] Darüber hinaus war Michels mit der Literatur der Frauenbewegung seiner Zeit bestens vertraut, wie entsprechende Rezensionen und Verweise eindrücklich belegen.[42]

Michels engagierte sich aber nicht nur publizistisch, er stand auch mit Aktivistinnen aller Strömungen der deutschen Frauenbewegung in direktem brieflichem Kontakt.[43] Den längsten und intensivsten Austausch hatte Michels mit Helene Stöcker, wie aus dem teilweise erhalten gebliebenen Briefwechsel mit ihr hervorgeht. Während viele andere Kontakte um 1910 abbrachen, setzten die beiden ihre Kommunikation fort. Noch 1923 fragte Michels bei Stöcker an, ob sie in einem seiner Seminare sprechen würde.[44] Der anhaltende Kontakt zu Helene Stöcker ist ein weiteres Indiz dafür, dass das Feld der Sexualmoral für Michels im Vergleich zu den anderen Aspekten der Frauenfrage das bedeutsamste war. Diese Entwicklung lässt sich auch mit Michels’ soziologischem Interesse für diese Fragen erklären, weshalb Michels bis auf die deutsche Ausgabe der Grenzen der Geschlechtsmoral alle anderen Editionen in soziologischen Reihen veröffentlichte.[45]

Trotz seines anhaltenden Interesses an der Thematik flachte Michels’ publizistische Beschäftigung mit den Geschlechterverhältnissen nach der Veröffentlichung der Grenzen der Geschlechtsmoral merklich ab. Einen vorläufigen Abschluss bildete das separate Vorwort für die englische Ausgabe von 1914,[46] die Michels außerdem mit einem zusätzlichen Kapitel zur Sexualaufklärung von Kindern anreicherte, was seinen sexualpädagogischen Anspruch unterstreicht.[47] Ende der 1920er-Jahre knüpfte er jedoch noch einmal an das „Studium der Grenzgebiete“ an, wie er selbst schreibt.[48] Im Zentrum stand dabei neuerlich die bereits in seinen früheren Arbeiten erörterte Frage nach dem Stellenwert der Moralstatistik als Basis für Aussagen über die Geschlechtsmoral. Genett zufolge ging der „normative Impuls der Sexualreform“, der für Michels’ frühe Beschäftigung mit dem Thema leitend gewesen war, in den späten Schriften völlig verloren.[49] Schaut man sich die betreffende Monografie Sittlichkeit in Ziffern? jedoch genauer an, könnte sie aufgrund einer ausgereiften Systematik auch als Soziologie der Geschlechtsmoral beziehungsweise als soziologische Sexualwissenschaft klassifiziert werden.[50]

Michels war ein gefragter Gesprächspartner auf dem Gebiet der Sexualität, über das er sich beispielsweise auch mit Werner Sombart und Max Weber sowie mit dessen Kindern austauschte.[51] Ähnlich wie Michels erkannten auch andere frühe Vertreter der im Entstehen begriffenen Soziologie die Bedeutung der sich wandelnden Geschlechterverhältnisse in der Moderne und engagierten sich in der Reformbewegung des Kaiserreichs. Marianne Weber war selbst in der bürgerlichen Frauenbewegung aktiv. Zusammen mit ihrem Mann Max und anderen angesehenen Intellektuellen unterstützte sie anfangs Helene Stöckers „Bund für Mutterschutz“ in dem Anliegen, die Rechte unehelicher Kinder und unverheirateter Mütter zu stärken. Doch niemand von den Klassikern der frühen Soziologie beschäftigte sich so intensiv mit dem Verhältnis der Geschlechter wie Michels, dessen soziologischer Blick seine Beschreibungen kennzeichnet.[52] Michels’ Publizistik ist damit nicht nur als politisch ambitionierte „Kritik im Handgemenge“ (Marx) zu verstehen, sondern verfolgt darüber hinaus ein dezidiert sozialwissenschaftliches Erkenntnisinteresse.

Diese ersten kontextualisierenden Schlaglichter verdeutlichen, dass Michels’ Grenzen der Geschlechtsmoral in ihrer Herkunftsbestimmung zwischen Frauenbewegung, Sozialdemokratie und Soziologie – zwischen politischer Einflussnahme und wissenschaftlichem Erkenntnisstreben – oszillieren. Im Folgenden beschränke ich mich auf zwei Aspekte der Michels’schen Ausführungen: Die Kritik der Brautstandsmoral sowie die Kritik der bürgerlichen Ehe, welche abschließend genauer im sozialdemokratischen und frauenbewegten Diskurs des Kaiserreichs verortet werden.

Die Brautstandsmoral – Kritik eines primitiven Ritus

Die Brautstandsmoral sei „unter all den verschiedenen Bestandteilen unseres momentanen Moralbegriffes […] die allerzerbrechlichste, angefaulteste und anormalste“, urteilte Michels bereits in einer Broschüre aus dem Jahr 1904.[53] Gemeint sind mit der Brautstandsmoral die gesellschaftlichen Konventionen, die zwei Verlobten bis zur Heirat auferlegt sind. Im Zentrum steht dabei die voreheliche Keuschheit des Paares. Das Beispiel der Brautstandsmoral mag aus heutiger Sicht etwas extravagant erscheinen, aber es fällt unter die Kritik der bürgerlichen Doppelmoral, auf die sich die Sittlichkeitsbewegung seit den 1890er-Jahren konzentrierte, zuvörderst die Kritik der Prostitution.[54] Die Fundamentalkritik der bürgerlichen Sexualmoral, die Michels an dieser Stelle anhand der Brautstandmoral mit viel Scharfsinn vollzieht, könnte durchaus, wie Genett vermutet, einen biografischen Hintergrund haben: Die erste Tochter des frisch vermählten Ehepaares Michels, Italia, kam nur drei Monate nach der Hochzeit zur Welt, was in bürgerlichen Kreisen einen Skandal bedeutete.[55]

In Michels’ Kritik der Brautstandsmoral wird das methodische Vorgehen seiner Arbeiten auf dem Gebiet der Geschlechterverhältnisse deutlich. Kennzeichnend für die Analyse ist eine Mischung aus Klassenanalyse und Kulturvergleich.[56] Mit Blick auf die Brautstandsmoral urteilt Michels, dass die strengsten Gebräuche in denjenigen Ländern herrschten, , die auch sonst den „mittelalterlichen Sitten“ am nächsten geblieben seien. Dazu zählt er Deutschland, Italien, Frankreich und die Länder der Habsburgermonarchie. In den Niederlanden, England und Nordamerika hingegen seien die „Zustände nicht ganz so traurig“. Neben dieser kulturellen Komponente verweist Michels auf die „zwei Moralwelten“, deren Grenze durch die Klassenunterschiede bedingt sei. Das „Herrschaftsgebiet“ der Brautstandsmoral erstrecke sich nämlich nur auf die adelige, bürgerliche und kleinbürgerliche Bourgeoisie. Das Proletariat bleibe von den „Regelungen der Geschlechtlichkeit“ weitgehend unberührt.[57]

Die Kritik der Brautstandsmoral präsentiert sich bei Michels als implizite Kritik eines primitiven Ritus, der einen modernen Anachronismus darstellt. Seine Analyse lässt sich mithilfe des von dem Anthropologen Arnold van Gennep 1909 entwickelten Drei-Phasen-Modells des religiösen Ritus beschreiben, das in der anthropologischen Forschung bis heute Anwendung findet.[58] Gennep geht von der Annahme aus, dass Übergänge in allen menschlichen Gesellschaften eine große Bedeutung haben. Die Brautstandsmoral wäre in diesem Fall eine Form des sozialen Übergangs in einen anderen sozialen Status, den der Ehefrau beziehungsweise des Ehemannes. Die während des Übergangs durchbrochenen gesellschaftlichen Abgrenzungen stellen eine potenzielle Gefahr für die Gesellschaft dar und werden daher von Ritualen begleitet, „deren Funktion es ist, die kurzzeitig durchbrochenen Grenzen wiederherzustellen und die überkommene Struktur zu bestätigen“.[59] Laut Gennep existiert bei Übergangsritualen eine regelmäßige Folge von drei Phasen, die im Folgenden anhand der Ausführungen von Michels über die Brautstandsmoral nachgezeichnet werden.

Die erste Phase ist diejenige der Trennung vom alten Status, welche für das künftige Brautpaar durch den „Akt der sogenannten Verlobung“[60] vollzogen wird. In diesem Stadium werden beide zu „geschlechtslosen Wesen“, welche sich fortan einer neuen Moral zu unterwerfen haben, die Brautstandsmoral und das mit ihr verbundene Prinzip der sexuellen Enthaltsamkeit. Darauf folgt mit der Schwellen- und Umwandlungsphase die zweite Phase des Übergangsritus. In dieser Phase des Interregnums gehört das Brautpaar weder dem alten noch dem neuen Status an. Es sieht sich vielmehr einer Art „Spionagesystem“[61] ausgesetzt, in dem Eltern, Verwandte, Freunde und teilweise sogar Bedienstete dafür Sorge tragen, dass sich das Brautpaar nicht zu nahe kommt und keinesfalls zusammen allein ist. In der folgenden Zeit, in der die Hochzeit vorbereitet wird, muss das Brautpaar bis zur Brautnacht eine Reihe von Praktiken vollziehen beziehungsweise über sich ergehen lassen. Zentral ist dabei die „Ausstattung der jungen Frau“, die in weißen Leinen, feinen Spitzen und bunten Farben gekleidet wird. Bei einem Besuch des Bräutigams sieht sich dieser mit dem ganzen „mysteriösen Apparat“ konfrontiert, der dazu dient, „die menschliche Nacktheit zu verbergen und die ihm gerade dadurch so viel Begierde erregen und Lustgefühle versprechen“.[62]

Am Hochzeitstag findet die „Ausführung der Brautstandsmoral“ ihren Abschluss – jedoch erst nach einer langen Prozedur, in der das Brautpaar zunächst die Zeremonie auf dem Standesamt, danach in der Kirche und abschließend diejenige des Festmahls bestreiten muss. „Zum Schluß der langen Reihe von Erniedrigungen werden sie einander ziemlich tierisch in die Arme geworfen.“[63] Als dritte und letzte Phase folgt schließlich die Eingliederungsphase, in der die Rechte und Pflichten der neuen sozialen Position angenommen werden, ein Akt, der in diesem Fall mit der Brautnacht vollzogen wird. An deren Ende steht ein gesellschaftlich „gemachtes“ Ehepaar, welches fortan seinen durch die hegemoniale bürgerliche Sexualmoral vorgegebenen Rechten und Pflichten nachzukommen hat.

Michels gibt unumwunden zu, dass er einen „Ekel“ vor dieser Art von Moral empfinde. Eine „‚Moral‘, deren Unmoral uns wegen der leidigen Gewohnheit, sie tagtäglich vor uns zu sehen, leider gar nicht mehr auffällt“. Im Fokus seiner Kritik steht die bürgerliche Doppelmoral, die zwar die „Keuschheit der Braut“ über alles setze, aber die Mutter der Braut nicht daran hindere, sich vor der Festlegung des Hochzeitstermins „sehr brutal nach dem Tage [zu erkundigen], an dem sie im Stande ist, sie verlieren zu können.“ Etwas Verletzenderes könne es gar nicht geben, so Michels, der den Gipfel der Unmoral darin sieht, dass sich die Braut in der Brautnacht „nicht nur sexuell verbinden darf, sondern […] sogar sexuell verbinden muß“.[64] Die „Übergangslosigkeit im Liebesgenuss“ vom Verbot zum Zwang sei für eine Mehrzahl der jungen Bräute ein traumatisierendes Ereignis, welches manche Frauen „geradezu als Vergewaltigung empfinden“ würden.[65] Die Wechselbeziehung von Vergewaltigung und Macht wird von Michels an dieser Stelle nicht weiter verfolgt.

Offenkundig ist für Michels der Klassencharakter der Brautstandsmoral. Nur wenige Arbeiterinnen hätten vor der Ehe noch keine sexuellen Erfahrungen gemacht, denn „[d]ie Erhaltung der Jungfernschaft ist ein Resultat steter Überwachung und befriedigender Wohnungsverhältnisse. Die Arbeiterin besitzt weder das eine noch das andere.“[66] Doch im Gegensatz zur bürgerlichen setze die proletarische Sexualmoral die Jungfräulichkeit der Braut auch nicht voraus. Es werde im proletarischen Milieu auch nicht als unsittlich betrachtet, wenn die Verlobten bereits zusammenleben. In den meisten Fällen würden auch voreheliche Kinder als akzeptabel betrachtet.[67] In einem frühen Artikel, den Michels 1903 in Die Neue Zeit, dem Theoriemagazin der Sozialdemokratie, veröffentlichte, behauptet er sogar, „daß die Moral in den unteren Klassen weit natürlicher und allein deshalb schon wahrhaft moralischer ist“.[68] Das Gegenmodell einer proletarischen Sexualmoral weicht in den folgenden Jahren zwar nüchterneren Beschreibungen und wird von Michels nicht mehr so stark überhöht, besitzt aber offenkundig nach wie vor seine Sympathie. So setzt er dem Trauma der Brautnacht die Idee eines „evolutiven sexuellen Einlebens“ entgegen.[69] Auch wenn Michels diese Möglichkeit nur Paaren vorbehalten wissen will die auch wirklich heiraten wollen, löst er damit dennoch die Sexualität von ihrer ausschließlichen Bindung an den Ehestand. Denn obschon diese Konsequenz bei Michels eher implizit anklingt, so beinhaltet die von ihm vorgeschlagene Praxis des Kennenlernens doch durchaus die Möglichkeit, dass die Brautleute ihre Heiratsabsicht aufgrund der gemachten Erfahrungen wieder aufgeben und sich trennen.

Genetts Beobachtung, dass Michels’ Erkenntnisinteresse in seinen frühen publizistischen Arbeiten in erster Linie darauf zielt, Bräuche und Sitten auf ihre impliziten Bedeutungen zu befragen, trifft auf seinen Text zur Brautstandsmoral nur bedingt zu.[70] Die implizite Bedeutung der Brautstandsmoral bleibt in Michels’ phänomenologischer Beschreibung weitgehend im Verborgenen. Die von ihm vermuteten ethischen und ökonomischen Entstehungsursachen der Brautstandsmoral werden von ihm ausdrücklich nicht thematisiert.[71] Stattdessen nimmt Michels die Darstellung und Kritik der Brautstandsmoral zum Anlass, den „primitiven Zustand“ der bürgerlichen Sexualmoral zu demonstrieren und eine grundlegende Revision derselben zu fordern.[72]

Individuelle und kollektive Handlungsspielräume in der Ehe

„Die alte Ehe blutet aus tausend Wunden“, so Michels, „welche eine ebenso scharfsinnige wie unerbittliche Kritik ihr geschlagen.“[73] Und er hatte nicht die Absicht, diese Wunden zu heilen und die Ehe in ihrer bestehenden Form zu retten. Im Gegenteil. Schon in dem ersten Artikel, den er nach seiner Dissertationsschrift veröffentlichte, befasste er sich mit dem patriarchalen Eherecht des im Jahr 1900 in Kraft getretenen Bürgerlichen Gesetzbuchs, das sowohl seitens der Frauenbewegungen als auch der Sozialdemokratie heftig kritisiert wurde.[74] Allerdings äußerte Michels seine Kritik nicht in einer deutschen Zeitschrift, sondern in der italienischen Riforma Sociale.[75] Darin beklagte er unter anderem die im Eherecht kodifizierte Missachtung der Frau als „unabhängige Persönlichkeit in Staat und Gesellschaft“.[76] In den Grenzen der Geschlechtsmoral urteilte er ebenfalls, dass es sich bei der Ehe im Grunde um eine „offiziell konzessionierte Notzuchtanstalt“ handle, die auf der ehelichen Pflicht des Geschlechtszwanges basiere. Den Missstand dieser „juristisch rechtlichen Lage“ könne der Ehemann einstweilen nur durch sein individuelles Verhalten korrigieren.[77]

In Michels’ Überlegungen zur Reform der Ehe lassen sich mindestens drei Dimensionen unterscheiden. Die ersten beiden sind die rechtliche und die materielle Dimension. Was diese betraf, so forderte Michels nicht mehr und nicht weniger als die Aufhebung der gesetzlich geregelten und staatlich sanktionierten Geschlechterungleichheit. Allerdings äußerte er sich zu juristischen wie ökonomischen Fragen nur am Rande. Sehr viel stärker konzentrierte sich Michels auf die private Dimension, die Aspekte der Sexualität, der Kindererziehung, des allgemeinen Verhältnisses der Eheleute zueinander sowie die häusliche Arbeitsteilung beinhaltet. Diese Schwerpunktsetzung entsprach dem Aufklärungscharakter der Schrift, die Individuen auf ihre eigenen Handlungsräume und Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der bestehenden Ordnung hinweisen sollte, um durch deren Ausschöpfung eine glücklichere Ehe führen zu können. Eine Reihe der innerehelichen Aspekte, denen Michels’ Aufmerksamkeit galt, werden von ihm im letzten Abschnitt der „ehelichen Grenzprobleme“ diskutiert. Dazu gehört an erster Stelle die Liebe, die für Michels an Sexualität gekoppelt ist. „Geschlechtslose Liebe, ob in der Ehe oder außerhalb ihrer“, so Michels, „ist schal und flach.“[78] Der Mann besäße eine Veranlagung zur Polygamie, die ein Grund für Untreue sein könne. Die Frau hingegen sei zwar nicht monogam, aber „nur“ polyandrisch veranlagt. Ein Mittel für eine glückliche Ehe besteht nach Michels in abwechslungsreichem Sex. Im Vordergrund steht dabei jedoch nicht der wechselseitige Lustgewinn, sondern die Erfüllung männlicher Begierden zur Stabilisierung der Ehe: Durch eine möglichst große Varianz und Leidenschaft beim Geschlechtsakt verringere sich die Wahrscheinlichkeit der männlichen Untreue.[79] Hier wird deutlich, welche Bedeutung Michels einem sexuell erfüllten Eheleben beimisst, welches er von seinem reinen Fortpflanzungszweck entkoppelt: „Wir müssen den Mut haben, zu bekennen, daß wir die Liebe und ihre Extase um ihrer selbst willen lieben.“[80] Das gelte auch für die Frauen, die ebenfalls sexuelle Bedürfnisse hätten, die ihnen von der vorherrschenden Sexualmoral jedoch abgesprochen würden.[81]

Ein Problem, welches auch in der Kritik der Brautstandsmoral eine zentrale Rolle spielt, bestand für Michels in der fehlenden graduellen Entwicklung der Ehe. Die Braut werde vom angenommenen jungfräulichen Zustand für gewöhnlich in kürzester Zeit in die Mutterschaft gedrängt. Eine Schwangerschaft stelle sich in der Ehe meist schon nach den Flitterwochen ein. „Schwangerschaft aber heißt steigende Verminderung der Fähigkeit zum Lebensgenuß“.[82] Die Eheleute, die sich aufgrund der Brautstandsmoral vor der Ehe kaum näher gekommen seien, könnten während der frühen Schwangerschaft wiederum keine Zeit in Ausgelassenheit miteinander verbringen, was das junge Eheglück empfindlich trübe. Ein wichtiges Bedürfnis der Ehe sei damit von Anfang an blockiert: „In den ersten Jahren der Ehe sucht der Mann zunächst unbewußt in seiner Frau vor allem de Gefährtin und Kameradin sowie die Geliebte.“[83] Infolge „des ewigen dreiteiligen Kampfes zwischen Mutterpflichten und Gattenpflichten und den Pflichten der Frau gegen sich selbst“ sei die junge Mutter jedoch hin und her gerissen und könne die Erwartungen ihres Mannes nicht hinreichend erfüllen.[84]

Um dieser in seinen Augen für das Eheglück nachteiligen Entwicklung zu begegnen, forderte Michels für Frauen und Männer gleichermaßen das Recht, „ohne jede Verzichtleistung auf körperliche Liebe die Zeugung von Kindern zu verhindern“.[85] Das sei schlicht die Schlussfolgerung aus dem Recht auf das eigene Leben. Um jenese zu realisieren, setzte er sich unter anderem für den Gebrauch von Verhütungsmitteln ein, was in der damaligen Zeit auch in der Sozialdemokratie und in der Frauenbewegung ein kontrovers diskutiertes Thema war.[86] Ein solcher Gebrauch sei zwar, wie Michels den Gegnern der Forderung zugestand, widernatürlich, doch das, so Michels, hätten alle Errungenschaften der Kultur auf dem Gebiet der Gesundheitslehre an sich. Bei Lichte besehen bedeute der Neomalthusianismus, also die Praxis der Empfängnisverhütung, nichts weniger als „einen Sieg der menschlichen Vernunft über die tierische Unvernunft“.[87]

Das „Recht auf Nichtnachkommenschaft“ beziehungsweise das Recht zur bewussten Familienplanung hatte nach Michels gleich mehrere Vorteile. Es könne den Eheleuten Zeit geben, ihr junges Glück auszuleben. Außerdem böte es der Arbeiterschaft eine Möglichkeit zur Vermeidung der Armut, die eine hohe Kinderzahl mit sich bringt. So beobachtete Michels, dass eine sinkende Geburtenrate mit wachsendem Wohlstand einhergehe. Dadurch könnten auch die „überall strafbaren künstlichen Aborte und die Kindesmorde“ vermieden werden.[88] Abtreibungen bezeichnete Michels aufgrund der prekären Lage vieler Arbeiterfamilien als entschuldbar, trat aber nicht für deren Legalisierung ein. Die Möglichkeit der Verhütung werde, so seine Hoffnung, Abtreibungen zukünftig überflüssig machen oder deren Anzahl zumindest deutlich reduzieren. Allerdings müssten die existierenden Verhütungsmittel noch weiter verbessert werden, da sie eine Schwangerschaft nicht gänzlich verhindern könnten.[89] Sozialdarwinistische Motive, wie sie in Form „rassenhygienischer“ Überlegungen auch in Teilen der Frauenbewegung im Umlauf waren,, spielten bei Michels hingegen nur eine marginale Rolle und sollten nicht überbewertet werden.[90] Die Reduzierung der Kinderzahl beziehungsweise die bewusste Familienplanung wurde von ihm primär mit Rücksicht auf die private Beziehung der Eheleute gefordert, hatte jenseits dessen aber auch volkswirtschaftliche und sittliche Gründe. Was die Umsetzung betraf, war es für ihn eine rein „technische Frage“.

Von grundlegender Bedeutung war für Michels das allgemeine Verhältnis der Eheleute zueinander. Eine große Mehrzahl der Männer würde die Ehefrau von der Ausbildung ihrer intellektuellen Fähigkeiten abhalten und ihre berufliche Entwicklung begrenzen, was in den „bekannten allgemeinen Ansichten über die Pflichten des Eheweibes als Hausfrau und Mutter, die in der Bourgeoisie der einzelnen Länder gang und gäbe sind“, verwurzelt sei. Wenn die Frau einer Erwerbsarbeit nachgehe, dann dürfe sie zumindest die Arbeit und den Status des Mannes nicht in den Schatten stellen. „Dem Intellektualismus des Weibes sind somit in vielen Fällen schon durch den Egoismus des Mannes Grenzen gezogen.“[91] Das führe dazu, dass es bislang verhältnismäßig wenig intellektuelle Frauen gebe. An den vermeintlich mangelnden Fähigkeiten der Frau oder der verderblichen Wirkung der Kultur auf das weibliche Geschlecht, wie manche „männliche Blaustrümpfe“ behaupteten, liege es jedenfalls nicht.[92]

In der Realität sei die Frau „lange nicht so verschieden vom Manne, als es sich die fanatischen Stehenbleiber oder Rückwärtser unserer sozialen Ordnung einbilden“.[93] Damit stellt Michels sich entschieden gegen die herrschende Vorstellung der polaren Geschlechtscharaktere.[94] Ihm zufolge resultierte die Ungleichheit der Geschlechter vor allem aus dem Egoismus des Mannes sowie aus der Doppelbelastung der Frauen, deren Handlungsspielräume beschränkt würden. Volle Erwerbstätigkeit lasse sich schwerlich mit der Erfüllung der Mutterpflichten vereinbaren, wie Michels mit Verweis auf zwei verschriftlichte Vorträge Marianne Webers betont.[95] Gleichwohl hätten beide Teile Elternpflichten zu erfüllen, diese seien keinesfalls auf die Mutter beschränkt.

Um dieser Situation entgegenzuwirken plädierte Michels – explizit an Clara Zetkin anknüpfend – für eine gerechtere Arbeitsteilung im Haushalt und bei der Kindererziehung, um die Frau aus ihrem „inneren Kampfe zu erlösen“. Eine derartige Arbeitsteilung würde nicht nur die freiere Entwicklung der Frau erleichtern, sondern auch die Gedankenwelt des Ehemannes erweitern und diesem einen Einblick in den „Pflichtenkreis“ der Frau gewähren, von dem er bislang nur vage Vorstellungen hatte.[96] Michels zufolge ist der „Gedanke einer häuslichen Arbeitsteilung zumal in der Erziehung der Kinder keineswegs unrealisierbar“.[97] Dadurch könnten sowohl die Ehefrau als auch der Ehemann, ihren Pflichten gegenüber den Kindern, gegenüber dem Ehepartner und gegenüber sich selbst gerecht werden.

Michels ging es vor allem um die individuelle Entfaltung der Persönlichkeit, die nicht nur im Interesse der in ihren Fähigkeiten bislang limitierten Ehefrau liege, sondern auch für das Verhältnis der Eheleute von Bedeutung sei – und darüber hinaus zur kulturellen Entwicklung und Vervollkommnung der Gesellschaft beitrage. Damit stellte Michels sich unter anderem in die Tradition John Stuart Mills, der schon 1867 in einer Parlamentsrede über das Frauenwahlrecht argumentiert hatte, dass Frauen die Erziehung der Kinder und die Haushaltsführung besser erledigen könnten, wenn sie in ihrer geistigen Entwicklung beziehungsweise Sozialisierung von der Gesellschaft nicht dermaßen beschränkt würden. Zudem bedeute eine gebildete Frau auch einen Mehrwert für ihren Ehemann. Da das Ehepaar aufgrund der „häuslichen Revolution“ viel Zeit zusammen verbringe, wäre es auch dem Charakter des Mannes nachteilig, wenn er die Frau weiterhin nur als „Spielzeug“ oder „bessere Bedienstete“ behandelte und nicht als „Gesprächspartnerin“.[98]

Bei der Ehe, daran lässt Michels keinen Zweifel, handelt es sich trotz aller Defizite, um die „beste Form geschlechtlicher Konvivenz“ und um die „notwendige Zelle jedes Kulturlebens“.[99] Die von Michels angestrebte „Gesundung der Ehe“ sei durch die „Schärfung des Verantwortlichkeitsgefühls“ überhaupt erst einzuleiten. Damit zeichnen sich am Ende der Michelsschen Problemdiagnose die Umrisse eines neuen Eheideals ab, das gleichermaßen auf der ausgeprägten Individualität und der gleichberechtigten „Kameradschaft“ der Ehepartner wie auch auf einem erfüllten Sexualleben basiert. Die moderne beziehungsweise „freie Frau“ belegte Michels dabei mit den Attributen einer „stolzen, selbstbewußten, mitschaffenden Gefährtin“.[100] Die rechtlichen und sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen dafür zu erkämpfen, war in seinen Augen politisches Pflichtprogramm.

Dem von ihm propagierten Ideal einer „neuen Ehe“ scheint Michels in seinem eigenen Eheleben recht nahe gekommen zu sein. Seine Ehefrau, Gisela Michels-Lindner, war ebenfalls in der SPD aktiv, organisierte 1905 in Marburg einige Versammlungen, auf denen sie referierte, und publizierte im darauf folgenden Jahr in Der Gleichheit ebenfalls zur italienischen Frauenbewegung.[101] Michels beschreibt seine Ehefrau im Vorwort zu den Grenzen der Geschlechtsmoral als „treue Kameradin“ sowie als „treue und selbständige Gefährtin“ und lässt sie damit als Verkörperung des von ihm formulierten Ideals der „neuen Frau“ erscheinen. Wenngleich er darin nicht die einzige legitime Form des Zusammenlebens sah, hielt Michels am Ideal der Ehe zeitlebens fest.[102]

Robert Michels als Grenzgänger

Um es nicht bei den bisherigen Hinweisen zu belassen, sollen Michels’ Positionen zu Sexualität und Ehe abschließend exemplarisch im Diskurs der damaligen Zeit verortet werden. „Sexualität war alles andere als ein Tabuthema“, schreibt Ute Frevert mit Blick auf die diskursive Lage im Kaiserreich der Jahrhundertwende, „sondern Gegenstand hitziger wissenschaftlicher und politischer Kontroversen, die nicht nur in medizinischen Fachzeitschriften geführt wurden.“[103] Besonders kontrovers diskutiert wurde das Thema der weiblichen Sexualität sowie des vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehrs, zu dem sich Michels, wie beschrieben, eindeutig positioniert hat. Die in den 1890er-Jahren an Kraft gewinnende Sittlichkeitsbewegung im deutschen Kaiserreich, die aus sehr unterschiedlichen politischen Flügeln bestand, widmete sich hingegen primär der Problematik der Prostitution.[104] „Sie kritisierten die doppelte Moral einer Gesellschaft, die Prostituierte kriminalisierte, deren männliche Kunden aber ungeschoren ließ.“[105] Weitergehende Forderungen nach einer „neuen Ethik“ beziehungsweise einer veränderten Sexualmoral erhoben hingegen nur die Wenigsten.

Zur Avantgarde auf dem Gebiet der Sexualreform gehörte der 1905 gegründete und von Helene Stöcker geleitete „Bund für Mutterschutz“, der einerseits die Situation von unehelichen Kindern und unverheirateten Müttern verbessern wollte und andererseits für eine „neue Sexualmoral“ eintrat, was auch innerhalb des Vereins zu Konflikten führte.[106] In dem ersten Anliegen unterstützten sowohl Max und Marianne Weber den Verein, in dem auch Sozialdemokraten wie August Bebel, Lily Braun und Henriette Fürth aktiv waren.[107] Das Ehepaar Weber distanzierte sich allerdings recht schnell vom „Bund für Mutterschutz“, als dieser offensiver für eine grundlegende Reform der Sexualmoral eintrat. Nachdem Michels seinen 1906 in der Vereinszeitschrift Mutterschutz erschienenen Artikel „Erotische Streifzüge“[108] an Max Weber geschickt hatte, antwortete ihm dieser entrüstet: „Die spezifische Mutterschutz-Bande ist ein ganz confuses Gesindel, – ich trat nach dem Geschwätz der Stöcker, Borgius wieder aus. Grober Hedonismus u. e[ine] Ethik, die nur dem Mann zu Gute käme, als Ziel der Frau – das ist einfach Quark. Was thun Sie bei diesen wild gewordenen Spießern?“[109] Auch der Bund deutscher Frauenvereine, der nationale Dachverband der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland, verweigerte die Aufnahme des „Bund für Mutterschutz“ aufgrund dessen „radikaler“ Positionen.

In den Grenzen der Geschlechtsmoral trat Michels zwar für eine „neue Sexualmoral“ ein, aber vom Diskurs der „freien Liebe“ grenzte er sich eindeutig ab. „Die freie Liebe als Selbstzweck hat als Theorem längst abgewirtschaftet.“[110] Selbst die Sozialisten, die diesem Ideal einst gehuldigt hätten, würden dieser Praxis inzwischen abschwören und zurück in den Hafen der Ehesegeln. Als Gefahr für die Allgemeinheit sei die freie Liebe nicht durchführbar, sondern scheitere an den Realitäten. Abgesehen davon, dass die Idee der „freien Liebe“ im sozialistischen Denken nie hegemonial war, wenngleich diese im Frühsozialismus von Charles Fourier vertreten wurde, ist deren sozialistische Kritik ebenso alt.[111] Was unter diesem Begriff außerdem genau verstanden wurde, divergierte sehr stark. Während die „freie Liebe“ von den bürgerlichen und konservativen Kritikern als Kampfbegriff gegen die radikale bürgerliche Frauenbewegung sowie die Sozialdemokratie in Stellung gebracht wurde, verbanden die wenigen Sozialdemokratinnen, die sich affirmativ auf den Begriff bezogen, damit in erster Linie eine Kritik der ehelichen Rechtsform, aber nicht der monogamen Ehe an sich.[112] Die scharfe Abgrenzung durch Michels ist daher eher als Argumentationsstrategie zu beurteilen.

Der Problematik der Sexualität wurde in der Sozialdemokratie wie auch in der proletarischen Frauenbewegung kein übermäßig großer Stellenwert eingeräumt. Wie der US-Historiker Robert Neuman betont, vertrat die SPD des Deutschen Kaiserreichs trotz ihrer Kritik an traditionellen Moralvorstellungen und an der bürgerlichen Ehe dennoch einen „sexuellen Konservatismus“.[113] Dieser Einschätzung widerspricht Richard Evans, der zwar die Arbeit Neumans als eine Pionierarbeit lobt, aber dessen Urteil bestreitet. Die Attribute „konservativ“ oder „bürgerlich“ würden sich nicht zur Beschreibung der sozialdemokratischen Position eignen, da dieses Urteil zu stark von späteren Moralvorstellungen geprägt sei.[114] Ohne ein abschließendes Urteil zu präsentieren, bemerkte Michels in einem Aufsatz von 1927 selbst: „Es wäre eine interessante Aufgabe, das Verhältnis von Geschlechtsmoral und Sozialismus bzw. moderner Arbeiterbewegung einmal einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.“[115]

Führende Sozialdemokraten wie August Bebel oder Karl Kautsky betonten zwar die Natürlichkeit der Sexualität und sprachen diese auch explizit Frauen zu, wollten deren Ausübung aber auf die Ehe beschränkt wissen.[116] Diese Position wurde von einer Mehrheit der Sozialdemokratie geteilt. In der proletarischen Frauenbewegung gab es nur wenige Ausnahmen, wie Wally Zepler, Adelheid Popp oder Oda Olberg, die in unterschiedlichen Abstufungen für einen offeneren Umgang mit Sexualität plädierten.[117] Insofern befand sich Robert Michels mit seinem Plädoyer für eine „neue Sexualmoral“ an vorderster Front der sexuellen Reformbewegung. Abgesehen von einigen wenigen radikalen Vertreterinnen der bürgerlichen wie auch der proletarischen Frauenbewegung und ein paar Freigeistern vertrat niemand entschiedenere Ansichten. Die Bindung von Sexualität und Ehe wurde von Michels und wenigen engagierten Frauenrechtlerinnen wie Helene Stöcker als nicht mehr zwingend und absolut angesehen. Dabei ging es ihnen nicht nur darum, Bedingungen für ein erfülltes Sexualleben der Partner zu schaffen, sondern um einen grundlegenden Wandel der Geschlechterverhältnisse, „so dass Frauen und Männer grundsätzlich ebenbürtig und der gleichen Moral unterstellt wären“.[118]

Die Sozialdemokratie sah sich, obwohl sie solche Positionen mehrheitlich nicht vertrat, bereits seit den 1890er-Jahren von bürgerlicher Seite mit dem Vorwurf konfrontiert, für die „Auflösung der Familie“ verantwortlich zu sein. Dem entgegnete Karl Kautsky bei seinen Erläuterungen des Erfurter Programms von 1891 entschieden: „An die ‚Abschaffung‘ der Familie, an die gesetzliche Aufhebung und gewaltsame Auflösung derselben denkt niemand in der Partei. […] Was zur Auflösung führt, ist nicht das Wessen der genossenschaftlichen Produktion, sondern die ökonomische Entwicklung.“[119] Sicherlich, Karl Marx und Friedrich Engels vertraten in der „deutschen Ideologie“ die These von einer Auflösung der Familie, aber dabei handelte es sich um eine Beschreibung der zerstörerischen Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung und nicht um eine politische Agenda.[120] Auch innerhalb der Sozialdemokratie fungierte die monagame Ehe weiterhin als Beziehungsideal. Man wollte sie jedoch auf eine neue Grundlage gestellt sehen, da die Ehe in ihrer bestehenden Form, wie etwa Clara Zetkin erklärte, von der wirtschaftlichen und geschichtlichen Entwicklung zersetzt werde. Diese Entwicklung sei zu begrüßen, weil „die Familie als wirtschaftliche Einheit verschwindet und an ihre Stelle die Familie als sittliche Einheit tritt“. In dieser „wird die Frau als gleichberechtigte, gleichschaffende und gleichstrebende, mit dem Manne vorwärts schreitende Gefährtin ihre Individualität fördern, gleichzeitig aber auch ihre Aufgabe als Gattin und Mutter im höchsten Maße erfüllen können.“[121]

Ein detailliertes Bild der Ehe im Sozialismus wurde von den sozialdemokratischen Akteuren damals nicht entworfen. Hier blieb man dem unausgesprochenen Bilderverbot treu, wenngleich sich einige kursorische Anmerkungen bei verschiedenen Sozialdemokraten finden lassen. Oda Olberg vertrat beispielsweise die Ansicht, dass die Monogamie „die vorherrschende Eheform in der sozialistischen Gesellschaft“ sein werde, doch „außerheliche Formen des Geschlechtsverkehrs“ nicht als unmoralisch gelten würden.[122] Auch Engels plädierte im Ursprung der Familie tendenziell für das Modell einer monogame Ehe in der sozialistischen Zukunftsgesellschaft, wenngleich er sich eines abschließenden Urteils enthielt.[123] Die Ehe im Sozialismus wurde von den Akteuren primär ex negativo definiert. Die rechtliche und soziale Ungleichheit der Geschlechter könnten keine Basis für die „neue Ehe“ sein. Deren künftige Grundlage basiere auf Autonomie und Kameradschaft. Damit unterschieden sich die Positionen einer Reihe prominenter Vertreter der Sozialdemokratie kaum von den Vorstellungen der „radikalen“ bürgerlichen Frauenbewegung.

Sogar diejenigen, die wie Michels und Stöcker das fest geknüpfte Band zwischen Ehe und Sexualität lösen wollten, betrachteten die monogame Ehe weiterhin als Ideal. So betonte etwa Stöcker, dass die „Neue Ethik“ weder die Familie noch die Institution der Ehe abschaffen wolle, sondern dass „das Zusammenleben zwischen persönlich sich anziehenden Menschen, die Dreieinigkeit von Vater, Mutter und Kind […] immer das höchste Ideal bleib[en]“ werde.[124] Was sie in erster Linie beabsichtigten, war die „Befreiung“ der Liebe von ihrem bürgerlichen Zwangscharakter. Eine „freie Liebe“ im Sinne von ungezügelter Sexualität, frei von Normen und Werten, wie es die von Helene Lange formulierte Kritik der „feministischen Gedankenanarchie“ und „Hurra-Erotik“ suggeriert, hat in der Realität bis auf manche Kreise der künstlerischen und intellektuellen Bohème im Grunde niemand ernsthaft vertreten.[125] Von heute auf morgen, das wusste auch Michels, würden sich die von ihm propagierten Grundsätze der „neuen Sexualmoral“ nicht realisieren lassen. Diese würden, so meinte er, zunächst „nur für eine kleine Elite sittlich hochstehender Menschen Geltungskraft haben können.“[126]

Die Auseinandersetzungen über die Geschlechterbeziehungen um die Jahrhundertwende wurden begleitet von einem breiten gesellschaftlichen Krisendiskurs, in dem die „freie Liebe“ als modernekritische Chiffre fungierte. Die Angst vor Desintegrration und Anomie durch den drohenden Zerfall sozialer Bande wurde als „Verhängnis moderner Gesellschaften“ betrachtet. Der Diskurs um eine „neue Sexualmoral“ erschien manchen in diesem Kontext geradezu als Bestätigung ihrer Befürchtungen. Die Konfliktlinie verlief dabei laut Arni zwischen den widerstreitenden Prinzipien von Individualismus und sozialer Verpflichtung, was Michels und seine Mitstreiterinnen in ihren Konzeptionen bedenken mussten.[127] Für Michels lag die Lösung des Problems in der Einführung und Verbreitung einer „neuen Sexualmoral“ als ethische Richtschnur und sittliches Ziel, „dessen Anstrebung aber zugleich im individuellen wie im kollektiven Interesse der Menschheit liegt“.[128]

Fazit

Die Grenzen der Geschlechtsmoral sind ein in ihrer Bedeutung immens unterschätztes Werk. Als Ausgangspunkt seiner feministisch-sexualreformerischen Schrift diente Michels die Kritik der bürgerlichen Doppelmoral, an deren Stelle er eine reformierte Sexualmoral als sittliche Grundlage eines gleichberechtigten Miteinanders der Geschlechter setzen wollte. Als soziologischer Beobachter, dessen Arbeit „zwischen politischer Wirkungsabsicht und wissenschaftlicher Beschreibung oszilliert“,[129] interessierte sich Michels nicht nur für Erkenntnisgewinn, sondern intervenierte auch in politische Debatten. Eine Kontextualisierung seiner Kritik im zeitgenössischen Diskurs, wie sie hier exemplarisch vorgenommen wurde, ist nach wie vor ein Desiderat der Forschung.[130] Michels trat bereits zu Beginn des Jahrhunderts mit kritischen Erörterungen zur Sexualmoral in Erscheinung, als der „Bund für Mutterschutz“ noch gar nicht existierte. Im zeitgenössischen Diskurs setzte er ganz eigene Impulse. Dabei ließ er sich von Aktivistinnen aus den Reihen der Frauenbewegung und der Sozialdemokratie inspirieren, aber nicht vereinnahmen. Trotz vielfacher Überschneidungen gehörte er keinem der verschiedenen Lager an. Am treffendsten erscheint es daher, Michels als Grenzgänger zwischen den radikalen Lagern der Reformbewegung des Deutschen Kaiserreichs zu klassifizieren, an dem es noch viele unbekannte Facetten zu entdecken gibt.

  1. Eine englische Version dieses Artikels erscheint voraussichtlich im Winter dieses Jahres. Vgl. Vincent Streichhahn, Robert Michels' „Sexual Ethics“ between Women's Movement, Social Democracy and Sociology. On the Discourse of the „New Sexual Morality“ in the German Empire, in: Jowan A. Mohammed / Frank Jacob (Hg.), Marriage Discourses. Historical and Literary Perspectives on Gender Inequality and Patriarchic Exploitation, Berlin 2021, S. 105–131 (im Erscheinen).
  2. Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens, Leipzig 1911.
  3. Terry R. Kandal, Profile. Robert Michels’ Sexual Ethics, in: Sociology 38 (2001), S. 60–66, hier S. 62; Arthur Mitzman, Sociology and Estrangement. Three Sociologists of Imperial Germany, New York 1973, S. 315.
  4. Interessanterweise sind sowohl die italienische (1912) als auch die englische und die französische Ausgabe (beide 1914) vom Umfang her größer als die deutsche und wurden von Michels teilweise inhaltlich überarbeitet. Es wäre eine spannende Aufgabe, den bisher vernachlässigten Überarbeitungs- und Editionsprozess eingehender zu untersuchen. Vgl. Robert Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral. Prolegomena. Gedanken und Untersuchungen, Leipzig 1911; ders., Sexual Ethics: A Study of Borderland Questions, New York 1914; ders., Amour et Chasteté. Essais Sociologique, Paris 1914; ders., I Limiti della Morale Sessuale: Prolegomena: Indagini e Pensieri, Turin 1914.
  5. Timm Genett, Der Fremde im Kriege. Zur politischen Theorie und Biographie von Robert Michels 1876–1936, Berlin 2008, S. 43.
  6. Ebenda, S. 21f.
  7. Die „Frauenfrage“ trat Mitte des 19. Jahrhunderts im öffentlichen Diskurs in Erscheinung und wurde von den Zeitgenossen anfangs vor allem als Bestandteil der sozialen Frage begriffen. Unter dem Terminus wurde ein Bündel an Themen verhandelt, die die Geschlechterverhältnisse betrafen. Dazu zählten unter anderem Themen wie die Situation alleinstehender und verheirateter Frauen, Frauenarbeit, Sexualität sowie politische Rechte für das weibliche Geschlecht. Siehe Lucy Delap, The „Woman Question“ and the Origins of Feminism, in: The Cambridge History of Nineteenth-Century Political Thought, Cambridge 2011, S. 319–348.
  8. Terry R. Kandal, The Woman Question in Classical Sociology Theory, Miami, FL 1988, S. 201-211. Siehe auch Terry Kandal, From Egalitarian Sexual Ethics to Gender Politics. An Evaluation of Michels’ Contribution, in: Robert Michels, Sexual Ethics. A Study of Borderline Questions. With a New Introduction by Terry R. Kandal, New York 2002, S. XI–LXV.
  9. Pino Ferraris, Questione femminile e morale sessuale nell'evoluzione politica di Roberto Michels, in: Riccardo Faucci (Hg.), Roberto Michels. Economia – Sociologia – Politica, Torino 1989, S. 97–122.
  10. Thomas Nipperdey, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1866–1918, Bd. 1: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1991, S. 575.
  11. Timm Genett, Robert Michels. Pionier der sozialen Bewegungsforschung, in: ders. (Hg.), Soziale Bewegungen zwischen Dynamik und Erstarrung, Berlin 2008, S. 11–69; ders., Der Fremde im Kriege, S. 43–80.
  12. Genett, Robert Michels, S. 36.
  13. Genett, Der Fremde im Kriege, S. 44. Ähnlich auch Kandal, Profile, S. 65.
  14. Harald Bluhm / Skadi S. Krause, Einleitung. Robert Michels’ Soziologie des Parteiwesens. Oligarchien und Eliten – Die Kehrseiten moderner Demokratie, in: dies. (Hg.), Robert Michels’ Soziologie des Parteiwesens, Wiesbaden 2012, S. 9–19, hier S. 11.
  15. Caroline Arni, Seelengesetze mit Gesellschaftswert. Weibliche Subjektwerdung und die Utopie menschlicher Perfektion in der feministisch-sexualreformerischen Liebesethik um 1900, in: Feministische Studien 27 (2009), 2, S. 196–209; dies., L’Amour en Europe. Ein Versuch über Robert Michels’ vergleichende Liebeswissenschaft und den Liebesdiskurs in der Moderne, in: Der Eigensinn des Materials. Erkundungen sozialer Wirklichkeit: Festschrift für Claudia Honegger zum 60. Geburtstag, Frankfurt am Main 2007, S. 71–89.
  16. Für eine komprimierte Fassung siehe Hans Geske, Oligarchie, Faschismus ... Feminismus? Ein neuer Blick auf Robert Michels, in: Berliner Debatte Initial 31 (2020), 3, S. 99–109.
  17. Vincent Streichhahn / Hans Geske (Hg.), Die Grenzen der Geschlechtsmoral und weitere Schriften. Robert Michels zu Sexualmoral und Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2021.
  18. Michels trat nicht zufälligerweise Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst der sozialistischen Partei Italiens und danach der deutschen Sozialdemokratie bei. Für letztere war er sogar von 1903 bis 1905 durch die Magdeburger SPD zum Delegierten für die Parteitage gewählt worden. In diesem Zusammenhang nahm er auch an der sozialdemokratischen Frauenkonferenz 1904 in Bremen teil. Siehe Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Bremen vom 18. bis 24. September 1904, Berlin 1904, S. 342–344. Michels entschied sich für die Sozialdemokratie, weil sie in seinen Augen die historische Aufgabe der fortschreitenden Emanzipation der Gesellschaft fortsetzte, der ein reaktionär gewordener deutscher Liberalismus nicht mehr gerecht zu werden vermochte. Vgl. Genett, Der Fremde im Kriege, S. 32. Diese Einschätzung wurde auch von Teilen der SPD geteilt. Siehe Richard J. Evans, Sozialdemokratie und Frauenbewegung im deutschen Kaiserreich, übers. Von W. G. Sebald unter Mitarb. d. Verf., Berlin 1979, S. 98.
  19. Michels, Grenzen, S. 55.
  20. Arni, Liebesethik, S. 196.
  21. Ebd., S. 196 f.
  22. Nipperdey, Arbeitswelt und Bürgergeist, S. 104.
  23. Die meisten Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung beschränkten sich in der Ehediskussion auf die Forderung nach Reformen im Scheidungs- und Eigentumsrecht.
  24. Michels, Grenzen, S. 133.
  25. In dem gleichen Verlag erschien auch die von Gabriele von Lieber, Meta Hammerschlag und Hanns Dorn herausgegebene Monatszeitschrift Frauen-Zukunft. In der von 1910 bis 1912 bestehenden Zeitschrift veröffentlichte Michels bereits ein Jahr vor den Grenzen der Geschlechtsmoral einen längeren Artikel über den Neomalthusianismus. Vgl. Robert Michels, Neomalthusianismus, in: Frauen-Zukunft 1 (1910), Heft 1, S. 42–55.
  26. Das Wissen über die Editionsgeschichte beschränkte sich bislang auf das Erscheinungsjahr und den Verlag. Durch die Auswertung von Teilen der Korrespondenz, die im Robert Michels Archiv der Luigi Einaudi Stiftung in Turin aufbewahrt wird, konnten weitere Einzelheiten rekonstruiert werden. Die Idee für das Werk hat Michels demnach spätestens ab dem Frühjahr 1909 verfolgt, wie aus einem Brief von Helene Stöcker an Michels vom 22. Juni desselben Jahres deutlich wird. Am 3. Februar 1910 antwortet ihm die Verlegerin Gabriela von Lieber, der Michels in der Zwischenzeit ein entsprechendes Publikationsangebot inklusive Projektskizze unterbreitet haben muss. Lieber erklärt sich bereit, das Buch im Frauen-Verlag zu veröffentlichen. Im Jahr darauf erscheinen die Grenzen der Geschlechtsmoral in einer Auflage von 1.000 Exemplaren. Im selben Jahr folgt eine weitere Auflage mit abermals 1.000 Exemplaren, die Anfang 1915 nahezu ausverkauft ist, wie Michels in einem auf den 22. Februar 1915 datierten Brief erfährt: „Wäre jetzt nicht der Krieg dazwischen gekommen, so würde ich ohne weiteres das 3. Tausend in Angriff nehmen“, schreibt Lieber. Von einem „nicht sofort rentablen Unternehmen“ müsse sie jedoch aufgrund der aktuellen Verhältnisse absehen. Zwar ermuntert sie Michels, selbst eine Neuauflage als „Volksausgabe“ zu einem günstigen Ladenpreis anzugehen, doch dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Vgl. Helene Stöcker an Robert Michels, 22. Juni 1909; Gabriele von Lieber an Robert Michels, 3. Februar 1910; Gabriele von Lieber an Robert Michels, 22. Februar 1915. Alle Briefe befinden sich im Robert Michels Archiv der Luigi Einaudi Stiftung, Turin.
  27. Alle Zitate aus Michels, Grenzen, S. VII, VIII und X.
  28. Ebd., S. 63 f.
  29. Robert Michels, Die Zwischenstufen der Ehrbarkeit, in: Die neue Generation 5 (1909), Heft 9, S. 351–359.
  30. Michels, Grenzen, S. 146.
  31. Zu dieser Frage hatte sich Michels in seinen frühen, um die Jahrhundertwende entstandenen Artikeln eindeutig positioniert. Darin war Michels entschieden für das Frauenwahlrecht eingetreten. Siehe dazu u.a. Robert Michels, Frauenstimmrecht – schon heute eine Notwendigkeit, in: Die Frauenbewegung8 (1902), Nr. 23, S. 177–178.
  32. Michels, Grenzen, S. VIII.
  33. Genett, Der Fremde im Kriege, S. 65.
  34. Michels, Grenzen, S. 128.
  35. Ebd., S. 11.
  36. Bebels Buch war Michels selbstverständlich bekannt. Er erwähnt es nicht nur in den Fußnoten seiner Grenzen der Geschlechtsmoral, sondern hat es zudem bereits 1904 für die von Clara Zetkin herausgegebene proletarische Frauenzeitschrift Die Gleichheit positiv rezensiert. Siehe Robert Michels, Der vierundreißigste Bebel, in: Die Gleichheit 14 (1904), Nr. 15, S. 113–115; August Bebel, Die Frau und der Sozialismus [1879], 1. und 50. Aufl., wieder abgedruckt in: ders., Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 10, hrsg. vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam, München u. a. 1996.
  37. Siehe u. a. Robert Michels, Die Arbeiterinnenbewegung in Italien, in: Die Frau 9 (1902), Nr. 6, S. 328–336.
  38. Robert Michels, Entstehung der Frauenfrage als soziale Frage, in: Die Frauenbewegung 9 (1903), Nr. 3, S. 17–18.
  39. Robert Michels, Erotische Streifzüge. Deutsche und italienische Liebesformen. Aus dem Pariser Liebesleben, in: Mutterschutz. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik 2 (1906), Heft 9, S. 362–374.
  40. Unter anderem Robert Michels, Ein sexueller Kongreß in Italien, in: Die neue Generation 7 (1911), Heft 2, S. 63–70; ders., Vom Wesen der Koketterie, in: Die neue Generation 8 (1912), Heft 11, S. 603–606.
  41. Unter anderem Robert Michels, Rückblick auf die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung in Italien, in: Die Gleichheit 13 (1903), Nr. 1, S. 2–3; Nr. 2, S. 11–13; Nr. 5, S. 36–38; Nr. 8, S. 58–60; Nr. 11, S. 83–85; Nr. 17, S. 131–134.
  42. Siehe Robert Michels, Die deutsche Frau im Beruf, in: Die Gleichheit 14 (1904), Nr. 11, S. 82–84; ders., Das Weib und der Intellectualismus, in: Dokumente der Frauen (1902), Nr. 4, Bd. 7, S. 106–114.
  43. Die Inventarliste der Korrespondenz von Robert Michels aus dem bereits erwähnten Archiv der Luigi Einaudi Stiftung in Turin liest sich wie das Who's who der deutschen Frauen- und Arbeiterbewegung.
  44. Helene Stöcker an Robert Michels, 7. Mai 1923, Robert Michels Archiv der Luigi Einaudi Stiftung, Turin.
  45. Die italienische Ausgabe erschien in der Piccola biblioteca di scienze moderne, die französische in der von René Worms herausgegebenen Bibliothèque Sociologique Internationale und die englische in der von Havelock Ellis initiierten Contemporary Science Series.
  46. Die englische Ausgabe ist deutlich umfangreicher als die deutsche. Außerdem ist sie von Michels an manchen Stellen überarbeitet worden. Es wäre eine interessante Aufgabe, den Überarbeitungsprozess genauer zu untersuchen. Vgl. Robert Michels, Sexual Ethics. A Study of Borderland Questions, London u. New York 1914).
  47. Geske, Ein neuer Blick, S. 107.
  48. Robert Michels, Sittlichkeit in Ziffern? Kritik der Moralstatistik, Berlin 1928, S. V.
  49. Gennett, Der Fremde im Kriege, S. 44.
  50. Robert Michels, Altes und Neues zum Problem der Moralstatistik (Kritik der Geschlechtsmoralstatistik), in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (1927), Bd. 57, Heft 2, S. 417–469 und S. 701–745.
  51. Andrew Bonnell, Robert Michels, Max Weber, and the Sexual Question, in: The European Legacy 3 (1998), No. 6., S. 97–105.
  52. Kandal, The Woman Question, S. 201–211.
  53. Robert Michels, Brautstandsmoral. Eine kritische Betrachtung, Leipzig 1904, S. 3. Die Datierung der Broschüre ist nicht ganz einfach, da sowohl Robert Michels selbst, als auch Timm Genett sie auf das Jahr 1906 datieren. Wie ein inzwischen digitalisiertes Exemplar zeigt, war die Broschüre jedoch schon 1904 in der 5. Auflage erschienen. Aus einem Brief von Helene Stöcker erfährt man zudem, dass der Text ursprünglich für die Frauen-Rundschau gedacht war, aber von Stöcker abgelehnt wurde, weil er in der Form und im Ausdruck zu scharf für das „Frauenpublikum“ sei. Daraufhin entschloss sich Michels im Mai 1903, den Text als Broschüre zu veröffentlichen. Es ist möglich, dass diese noch im Laufe desselben Jahres erschien, spätestens aber im Folgejahr, denn im Frühjahr 1904 wurde die Broschüre von den Behörden wegen Verstoßes gegen die Sittlichkeit beschlagnahmt. Michels drohte sogar ein Verfahren, aber ob es wirklich dazu kam und wie sich der Vorfall weiter entwickelte, ließ sich leider bislang (noch) nicht ermitteln. Langfristig aus dem Verkehr gezogen wurde die Broschüre offensichtlich nicht. Siehe Helene Stöcker an Robert Michels, 13.5.1903, 12.6.1903, 17.2.1904 und 19.5.1904, Robert Michels Archiv der Luigi Einaudi Stiftung, Turin.
  54. Anne-Laure Briatte, Bevormundete Staatsbürgerinnen. Die ‚radikale‘ Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich, Frankfurt am Main 2020, S. 103–115; Anette Dietrich, Weiße Weiblichkeiten. Konstruktionen von „Rasse“ und Geschlecht im deutschen Kolonialismus, Bielefeld 2007, S. 313–319.
  55. Italia wurde im August 1900 in einem kleinen norditalienischen Ort geboren, starb aber bereits vier Monate nach der Geburt. Genett, Der Fremde im Kriege, S. 165.
  56. So auch Kandal, Sexual Question, S. 208.
  57. Michels, Brautstandsmoral, S. 7 f.
  58. Arnold van Gennep, Les rites de passage, Paris 1909. Siehe dazu Roland Mischung, Religionsethnologie, in: Bettina Beer / Hans Fischer (Hg.), Ethnologie. Einführung und Überblick, Berlin 2012, S. 213–236, hier S. 230–234.
  59. Mischung, Religionsethnologie, S. 231.
  60. Michels, Brautstandsmoral, S. 5.
  61. Michels, Grenzen, S. 118.
  62. Michels, Brautstandsmoral, S. 11 f.
  63. Ebd., S. 13.
  64. Alle vier Zitate ebd., 13 f., S. 10 f. und S. 14.
  65. Michels, Grenzen, S. 122 f.
  66. Ebd., S. 65.
  67. Robert Michels, Beitrag zum Problem der Moral, in: Die neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie 20, (1903), Bd. 1, Heft 15, S. 470–475, hier S. 471 f.
  68. Ebda, S. 472.
  69. Michels, Grenzen, S. 124.
  70. Genett, Der Fremde im Kriege, S. 57.
  71. Friedrich Engels unternimmt in Der Ursprung der Familie zwar keine Kritik der bürgerlichen Brautstandsmoral, bietet mit seinen Ausführungen allerdings eine ökonomische Erklärung für den Ritus: Demnach soll die strenge sexuelle Disziplinierung der Frau dafür sorgen, dass sich der Ehemann seiner etwaigen Vaterschaft gewiss sein kann. Auf diese Weise solle sichergestellt werden, dass das Erbe nur an legitime Nachkommen weitergereicht wird. Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates [1884], in: Marx-Engels-Werke, Bd. 21, Berlin 1962, S. 56–58 und 65.
  72. Michels, Brautstandsmoral, S. 20.
  73. Michels, Grenzen, S. 127.
  74. Angelika Schaser, Geschlecht strukturiert die Welt. Die Bedeutung des 19. Jahrhunderts für die Permanenz der Geschlechterhierarchie, in: Birgit Aschmann (Hg.), Durchbruch der Moderne? Neue Perspektiven auf das 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main / New York 2019, S. 171–198, hier S. 186–191; Evans, Sozialdemokratie und Frauenbewegung, S. 99 f.
  75. Robert Michels, Attorno ad una questione sociale in Germania, in: Riforma Sociale 8, fasc. 4, Bd. 6, Sonderabdruck, 1901.
  76. Ebd., zitiert nach Genett, Der Fremde im Krieg, S. 59.
  77. Michels, Grenzen, S. 128.
  78. Ebd., S. 146.
  79. Ebd., S. 155.
  80. Ebd., S. 176.
  81. Ebd., S. 188.
  82. Ebd., S. 163.
  83. Ebd., S. 164.
  84. Ebd., S. 165.
  85. Ebd., S. 167.
  86. Von führenden Sozialdemokraten wie August Bebel, Clara Zetkin und Rosa Luxemburg wurden Verhütungsmittel noch in der „Gebärstreik-Debatte“ kurz vor dem Ersten Weltkrieg abgelehnt. Karl Kautsky vertrat hingegen seit mindestens 1880 eine affirmative Position zu Verhütungsmitteln, blieb damit aber eine Ausnahme in der Partei, deren Position sich aber infolge der „Gebärstreik-Debatte“ zaghaft wandelte, da der Wunsch nach besseren Möglichkeiten der Geburtenkontrolle offensichtlich einem weitverbreiteten Bedürfnis der Arbeiterklasse entsprach. Siehe Evans, Sozialdemokratie und Frauenbewegung, S. 244–250.
  87. Michels, Grenzen, S. 180.
  88. Ebd., S. 178.
  89. Ebd., S. 178 f.
  90. Zu rassenhygienischen Diskursen in der bürgerlichen Frauenbewegung siehe Dietrich, Weiße Weiblichkeiten, S. 327–341. Zu Formen sozialistischer Eugenik siehe Michael Schwartz, Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozialtechnologien in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890–1933, Bonn 1995.
  91. Michels, Grenzen, S. 183.
  92. Ebd., S. 184.
  93. Ebd.
  94. Karin Hausen, Die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere‘. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: dies. (Hg.), Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte [1976], Göttingen 2012, S. 19–49.
  95. Marianne Weber, Beruf und Ehe, Berlin 1906.
  96. Michels, Grenzen, S. 193.
  97. Ebd., S. 195.
  98. John Stuart Mill, Parlamentsrede über die Zulassung der Frauen zum Wahlrecht, in: Ulrike Ackermann / Hans Jörg Schmidt [Hg.], Ausgewählte Werke, Bd. 1, Hamburg 2012, S. 389–402, hier S. 394 f.
  99. Michels, Grenzen, S. 128.
  100. Ebd., S. 91.
  101. Gisela Michels-Linder, Frage der Mutterschaftsversicherung in Italien, in: Die Gleichheit 16 (1906), Nr. 13, S. 87; Fortsetzung in: Die Gleichheit 16 (1906), Nr. 14, S. 94 f.; dies., Die sozialistische Frauenbewegung in Italien, in: Die Gleichheit 16 (1906), Nr. 22, S. 153.
  102. „Im Geschlechtsleben ist die aus Liebe eingegangene Frühehe und deren Reinerhaltung ein über alle Zeitläufe erhabenes gesellschaftliches Ideal.“ Michels, Sittlichkeit in Ziffern?, S. 219.
  103. Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit, Frankfurt am Main 1986, S. 128.
  104. Briatte, Bevormundete Staatsbürgerinnen, S. 103–116.
  105. Frevert, Frauen-Geschichte, S. 132.
  106. Briatte, Bevormundete Staatsbürgerinnen, S. 197.
  107. Manfred Scharinger, Proletarische Frauenbewegung. Kritische Bilanz und politische Lehren, Wien 2009, S. 433.
  108. Michels, Erotische Streifzüge. Deutsche und italienische Liebesformen. Aus dem Pariser Liebesleben, in: Mutterschutz 2 (1906), Heft 9, S. 362–374.
  109. Max Weber an Robert Michels, 11.1.1907, in: Max Weber Gesamtausgabe, Abt. 2, Bd. 5: 1906–1908, S. 211.
  110. Michels, Grenzen, S. 127.
  111. Eine zeitgenössische Kritik wurde damals unter anderem von den Saint-Simonistinnen formuliert. Vgl. Skadi Siiri Krause, Die Saint-Simonistinnen zwischen Frauen- und Arbeiterbewegung, in: Vincent Streichhahn / Frank Jacob (Hg), Geschlecht und Klassenkampf. Die „Frauenfrage“ aus deutscher und internationaler Perspektive im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 2020, S. 185–201, hier S. 189–193.
  112. Wally Zepler kritisierte, dass die „freie Liebe“ für die meisten Sozialisten „nichts weiter darstellt als die von Gesetzeszwang befreite monogamische Ehe“. Wally Zepler, Das psychische Problem in der Frauenfrage, in: Sozialistische Monatshefte (1906), Heft 4, S. 306–315, hier S. 309.
  113. Robert Neuman, The Sexual Question and Social Democracy in Imperial Germany, in: Journal of Social History 7 (1974), 3, S. 271–286, hier S. 272.
  114. Evans, Sozialdemokratie und Frauenbewegung, S. 257 f.
  115. Michels, Problem der Moralstatistik, S. 443.
  116. Heinz Niggermann, Emanzipation zwischen Sozialismus und Feminismus. Die sozialdemokratische Frauenbewegung im Kaiserreich, Wuppertal 1981, S. 237–282.
  117. Oda Olberg, Polemisches über Frauenfrage und Sozialismus, in: Sozialistische Monatshefte (1905), Heft 4, S. 301–310, hier S. 309; Wally Zepler, Die Frau der Zukunft und die freie Liebe, in: Sozialistische Monatshefte (1899), Heft 6, S. 290–300.
  118. Briatte, Bevormundete Staatsbürgerinnen, S. 196.
  119. Karl Kautsky, Das Erfurter Programm in seinem grundsätzlichen Theil erläutert [1892], Stuttgart 1912, S. 146.
  120. „Die Bourgeoisie gibt historisch der Familie den Charakter der bürgerlichen Familie, worin die Langweile und das Geld das Bindende ist und zu welcher auch die bürgerliche Auflösung der Familie gehört, bei der die Familie selbst stets fortexistiert. Ihrer schmutzigen Existenz entspricht der heilige Begriff in offiziellen Redensarten und in der allgemeinen Heuchelei.“ Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 3, Berlin 1969, S. 5–530, hier S. 164.
  121. Clara Zetkin, Nur mit der proletarischen Frau wird der Sozialismus siegen. Rede auf dem SPD-Parteitag in Gotha, in: Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratische Partei Deutschland, abgehalten zu Gotha vom 11. bis 16. Oktober 1896, Berlin 1896, S. 160–168, hier S. 167. Niggermann zufolge zeigt sich darin die humanistisch-idealistische Tradition, der Zetkin verpflichtet gewesen sei. Vgl. Niggermann, Emanzipation, S. 241.
  122. Olberg, Polemisches, S. 309.
  123. „Was wir also heutzutage vermuten können über die Ordnung der Geschlechtsverhältnisse nach der bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Produktion ist vorwiegend negativer Art, beschränkt sich meist auf das, was wegfällt. Was aber wird hinzukommen? Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlecht herangewachsen sein wird […]. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen – Punktum.“ Engels, Ursprung der Familie, S. 83.
  124. Helene Stöcker, zitiert nach Briatte, Bevormundete Staatsbürgerinnen, S. 198.
  125. Helene Lange, Feministische Gedankenanarchie, in: Marielouise Janssen-Jureit (Hg.), Frauen und Sexualmoral [1909], Frankfurt am Main 1996, S. 147–155.
  126. Michels, Grenzen, S. 126.
  127. Arni, Liebesethik, S. 200.
  128. Michels, Grenzen, S. VIII.
  129. Jasmin Siri, Parteien. Zur Soziologie einer politischen Form, Wiesbaden 2012, S. 53.
  130. Gegenwärtige Einordnungen fallen eher undifferenziert bis banal aus: „Michels’ discussions of sexuality, sexual morality, and the relations of the sexes had as its stimulus ‚the new sexual ethic‘ advocated by feminists.“ Kandal, Egalitarian Sexual Ethics, S. XXII.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

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Vincent Streichhahn

Vincent Streichhahn ist Politikwissenschaftler und Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er promoviert an der MLU Halle-Wittenberg zur „Theorie und Praxis der ‚Frauenfrage' in der Sozialdemokratie des Deutschen Kaiserreichs". Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören marxistische und feministische Theorie sowie die Geschichte der deutschen Arbeiter:innen- und Frauenbewegung.

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