Iris Dankemeyer | Rezension |

Dialektik des Ohrs

Rezension zu „Kritische Theorie des Hörens. Untersuchungen zur Philosophie Ulrich Sonnemanns“ von Martin Mettin

Martin Mettin:
Kritische Theorie des Hörens. Untersuchungen zur Philosophie Ulrich Sonnemanns
Deutschland
Heidelberg 2020: J.B. Metzler
392 S.
ISBN 978-3-476-05692-4

„Das Gehör sei das philosophischste aller Sinnesorgane“, heißt es in Thomas Bernhards Roman Das Kalkwerk.[1] Mit diesem Zitat beginnt Martin Mettins Studie, die gleich zwei Themenkomplexe umfasst: Zum einen handelt es sich um die erste systematische Interpretation des weitgehend vergessenen Werks des Philosophen, Psychologen und Schriftstellers Ulrich Sonnemann, zum anderen um eine von Mettin entwickelte Theorie zur Bedeutung des Hörsinnes für Erkenntnistheorie und Sprachkritik.

Sonnemanns Denken ist der Kritischen Theorie verbunden – das ist nicht nur an der prominenten Erwähnung seines Namens im Vorwort von Adornos Negativer Dialektik[2] abzulesen, sondern auch bei Mettin deutlich herauszuhören. Die Kritische Theorie des Hörens und die Untersuchungen zur Philosophie Ulrich Sonnemanns erweisen sich als nahezu unzertrennlich, denn sie bestärken und ergänzen sich wechselseitig. So strukturiert Mettins systematisches Interesse für das Hören Sonnemanns durchaus disparates Gesamtwerk und hilft, die verstreuten Schriften in ihrem Zusammenhang zu verstehen. Um der akustischen Fragestellung entgegenzukommen, wird Sonnemanns Werkchronologie von hinten aufgezäumt und dreigeteilt. Das Spätwerk mit dem unvollendeten Projekt einer transzendentalen Akustik bildet den Ausgangspunkt, leitet zur Negativen Anthropologie als philosophischem Hauptwerk über und wendet sich abschließend den frühen Schriften zu. Von dieser umfangreichen Materialbasis ausgehend und abweichend entwickelt Mettin dabei seine eigene dialektische Hörtheorie.

Der erste Teil widmet sich dem epistemologischen Potenzial des Hörens. Ausgangspunkt ist Sonnemanns Aufsatz Zeit ist Anhörungsform. Über Wesen und Wirken einer kantischen Verkennung des Ohrs,[3] den Mettin als „Nukleus der nicht nur unvollendeten, sondern nie geschriebenen Transzendentalen Akustik Ulrich Sonnemanns“ (S. 4) vorstellt. Dieser kritisiert an der transzendentalen Ästhetik Kants im Besonderen, was er für ein Problem der Philosophiegeschichte im Allgemeinen hält: eine einseitige, nämlich ausschließlich optisch gedachte Sichtweise auf die Welt. In Kants Anschauungsformen Raum und Zeit würde die spezifische Wahrnehmungsweise des Ohrs von Vorneherein verleugnet und infolgedessen die Auffassung von Zeit verzerrt – anstatt sie mit den Ohren als Bewegung zu denken, würde Zeit durch das Primat des Auges verräumlicht. Sonnemanns allzu polemische Vorwürfe gegen Kant korrigiert Mettin durch eine erweitere Lektüre der Kritik der reinen Vernunft und im Rückgriff auf die Kantkritik Johann Georg Hamanns. Der von Sonnemann nur in einer flüchtigen Nebenbemerkung erwähnte Augustinus wird durch Mettins genaue Lektüre zum entscheidenden Impulsgeber einer nicht-linearen Zeitauffassung. Mit diesen Ausarbeitungen und Vertiefungen macht Mettin deutlich, dass es bei Sonnemanns Kritik der „Okulartyrannis“ nicht darum geht, den Primat des Sehens in der Philosophie einfach durch einen Vorrang des Ohrs zu ersetzen. Gefordert wird eine umfassende Wahrnehmung, die nicht nur die Rationalität des distanzierten und feststellenden Blicks kennt, sondern auch von der ungegenständlichen und flüchtigen Wahrheit des Hörens weiß. Sonnemanns Anhörungsform bedeutet wesentlich „Erfahrungsoffenheit: sie will sich nicht nur bestätigen lassen, was ihr ohnehin als Gewissheit gegeben ist, vielmehr im Vernehmen bislang Unbekanntes und Unerkanntes zu Bewusstsein bringen.“ (S. 36) Indem er kapitelweise auf Autoren eingeht, die Sonnemann selbst nur implizit nennt oder gar nicht rezipiert, zeigt Mettin eindrucksvoll, dass es sich bei der „Gegenüberstellung von okularer und auditiver Erkenntnisweise nicht um eine zufällige Marotte Sonnemanns“ (S. 73) handelt, sondern um durchaus objektiv verschiedene Denkmodalitäten. So vollzieht er unter anderem mit dem (von Sonnemann nie zitierten) Blumenberg die „Opposition von griechisch-visueller und jüdisch-auditiver Denkgeschichte“ (S.75) nach. Ideengeschichtlich deutet er das (bei Sonnemann unerwähnt bleibende) Motiv der verstopften Ohren aus der Sirenenepisode der Odyssee, ihre Interpretation als Dialektik der Aufklärung[4] und Kafkas Gleichnis vom Schweigen der Sirenen.

Ein Unterkapitel zu Zeitgeschichte und Geschichtsphilosophie bei Marx und Benjamin betont den gesellschaftlichen Gehalt hörenden Denkens als zeitlich bestimmter Auffassung. Auch wo Mettin deutlich über Sonnemann hinausgeht, bleib alles ganz dessen transzendental-akustischer Auffassung verhaftet, dass das Sehen in der philosophischen Tradition für Erkenntnis, Selbstbeherrschung und Kontrolle steht, während das Hören eher für Zeit, Geschichte und Überlieferung zuständig ist. Darüber hinaus scheint das Ohr als Vermittlungsinstanz zwischen dem intelligiblen Freiheitssinn der inneren Stimme und der Faktenlage empirischer Erscheinungswelt prädestiniert. Ist es also doch das „philosophischste Organ“? In Mettins Sonnemannlektüre ist es zumindest ein genuin menschliches Organ, da es sowohl zu sinnlicher Wahrnehmung wie zu geistiger Reflexion fähig ist. In einem Exkurs zu Herders Schrift zum Ursprung der Sprache[5] wird der Hörsinn als mittlerer Sinn zwischen der Nähe des Tastsinns und der Ferne des Sehens bestimmt. Hier lässt Mettin bereits anklingen, dass Sonnemanns Entwurf einer transzendentalen Akustik als Verbindung zwischen akustischem Erkenntnis- und sprachlichem Ausdrucksvermögen fortgeschrieben werden könnte.

Wenn das Gehör als transzendental-akustischer Sinn der Wahrheit verstanden wird, ist dies natürlich nicht naturalistisch gemeint. Die menschlichen Sinnesvermögen sind keine anthropologischen Konstanten, sondern geschichtlich geformt. Insofern kann das Ohr nicht superlativisch „das philosophischste aller Sinnesorgane“ sein, sondern als marginalisierter Sinn lediglich relational zur erkenntnistheoretischen Dominanz des Auges verstanden werden.

Herzstück der Philosophie Sonnemanns ist das im wörtlichen Sinn Unvorhersehbare ­– die menschliche Spontaneität. Vorstudien zur Sabotage des Schicksals heißt darum der Untertitel des Hauptwerks Negative Anthropologie.[6] Negativ ist sie, weil es ihr gerade nicht um ein angeblich ewiges Wesen des Menschen geht, sondern um die „Erschließung des Humanen aus seiner Verleugnung und Abwesenheit“.[7] Warum die menschlichen Ohren bisher philosophisch vernachlässigt und gesellschaftlich zugestopft wurden, erklärt der zweite Teil von Mettins Studie mit ideologiekritischen Einsprüchen gegen den distanziert-registrierenden Blick als Sinnbild instrumenteller Vernunft. Sonnemanns Kritik gilt Descartes, sein Hauptfeind ist Gehlen. Ähnlich wie schon im Fall Kants behandelt Mettin Descartes ungleich differenzierter und Gehlen wesentlich genauer, um aus Sonnemanns streitbaren Aversionen begründete Argumente zu machen. Er rekonstruiert, wie bei Descartes aus der Skepsis gegen alle Gewissheiten ein methodisches Dogma werden konnte: Wer den Zweifel nämlich abstrakt zum selbstgewissen cogito des erkennenden Subjekts negiert, hat die Trennung von Subjekt und Objekt nicht vermittelt, sondern verabsolutiert. Dieses rationalistische Erbe kritisiert Sonnemann paradigmatisch anhand des naturwissenschaftlichen Erkenntnisanspruchs der Anthropologie Arnold Gehlens. Darüber hinaus nennt er weitere Beispiele kartesianischer Wissenschaft, von der Testpsychologie, die den beobachteten Probanden zum willenlosen Objekt degradiert, bis hin zu Diltheys Weltanschauungslehre, die „Geschichte zum Schauplatz anschaulich registrierbarer, aber nicht beeinflussbarer Prozesse“ (S. 220) macht. Mettin arbeitet an dieser Stelle anhand sprachkritischer Interventionen Sonnemanns die „Sabotage einer selbstgewissen Sprachweise“ (S. 254) heraus; Einspruch gegen positivistische Protokollsätze und Unterbrechung monotoner Monologe. Denn ein Bruch mit dem Cartesianismus als „Spaltung mithin zwischen Anschauendem und Angeschautem; darin eine teilnahmslose, angeblich neutrale und passive Distanz des beobachtenden Subjekts“ (S. 215) wäre wiederum eine Aufgabe, die der Sprache zukommt.

Die Kritische Theorie des Hörens hat ein Bewusstsein davon, dass Vernunft nicht notwendig nur verwerten und vernichten muss, sondern auch ein Nachdenken mit geschlossenen Augen und offenen Ohren beinhalten kann.

Damit ist der dritte Teil im „Zentrum des ganzen Sonnemannschen Oeuvres“ angelangt: „Auslegende, interpretierende und bewusstmachende Spontaneität der Sprache lässt in sich die Möglichkeit zur Sabotage des Schicksals aufscheinen: Zertrümmerung falscher Fetische und zersetzende Kritik naturalisierter Vergesellschaftungsform.“ (S. 292) Mettin kontrastiert die Gedanken der negativen Anthropologie hier mit Motiven aus Sonnemanns noch im amerikanischen Exil verfassten Studie Existence and Therapy. An Introduction to Phenomenological Psychology and Existential Analysis[8] – allerdings „in Hinblick auf das verbindende Element: eine einerseits philosophisch fundierte, andererseits aus der therapeutischen Praxis gespeiste Theorie vom Bewusstsein als psyché“ (S. 293). Dass die Gesetze der Psyche auch solche der Geschichte sind, beide also weder als unveränderlich noch getrennt voneinander gedacht werden können, klärt ein kurzes Kapitel zu Freud und Marx. Dass es diese festen Gesetze nicht gibt, zeigt sich sowohl in der prinzipiellen Offenheit der freien Rede als auch in der analytischen Formulierung. Mit der These, dass sich Sonnemanns Interesse am Akustischen aus seiner Erfahrung als Psychologe speise, die seine Hellhörigkeit für Unbewältigtes, Unbewusstes, Verdrängtes geschärft habe, leitet Mettin zur akustischen Dimension der Psychoanalyse über, die er im Rekurs auf Theodor Reiks Studie Hören mit dem dritten Ohr[9] überzeugend ausdeutet. Das dritte Ohr ist offen für alles; es hat keine fertige Interpretation parat, sondern nimmt zunächst alles unterschiedslos wahr. Dabei horcht es auch auf Zwischentöne und Lautloses - der Analytiker hört nicht nur, was die Worte sagen, sondern auch, was sie nicht sagen. Die psychoanalytische Hörpraxis wird nun über ihren engeren Geltungsbereich hinaus in ein Erkenntnismodell transponiert, in dem auch die philosophische Aufmerksamkeit nicht nur auf Offensichtliches und Logisches gerichtet ist, sondern ebenso Unerhörtes und Irrationales wahrnimmt. Im Hinblick auf die Methode bedeutet das, dass auch freie, also individuelle Assoziationen zum jeweiligen Forschungsgegenstand einbezogen werden müssen. Über eine Analogie zum musikalischen Hören führt Mettin die in den ersten beiden Teilen angelegten sprachphilosophischen und –kritischen Überlegungen schließlich mit Nietzsche und Karl Kraus zu einem „somatisch tingierten“ Verständnis von Artikulation und Ausdruck zusammen. Wer die Welt in Worte fassen will, muss wissen, dass Sprache nicht nur logische Register hat, sondern auch ein klangliches Eigenleben. Die Kritische Theorie des Hörens hat ein Bewusstsein davon, dass Vernunft nicht notwendig nur verwerten und vernichten muss, sondern auch ein Nachdenken mit geschlossenen Augen und offenen Ohren beinhalten kann.

Wie im Vorwort angekündigt leistet Mettins Studie eine „ausführliche Darstellung und Entfaltung von Sonnemanns systematischem Hauptpunkt, der Verbindung von Gesellschaftstheorie und -kritik mit der Frage nach den Formen sinnlicher Wahrnehmung“ (S. XXIV). Der Band behandelt dabei verschiedenste Themenfelder wie „Erkenntnistheorie und -kritik, Sprach- sowie Religionsphilosophie, materialistische Kulturgeschichte und kritische Gesellschaftstheorie, um nur einige zu nennen“ (S. IX) und bietet zudem einen enormen Fundus an Fußnoten, der Gedichte Else Lasker-Schülers ebenso beinhaltet wie Miniaturabhandlungen über die Raumwahrnehmung der Renaissancemalerei. Dabei ist Mettins Buch nicht nur eine philosophische Untersuchung zum Problem von Vernunft und Erfahrung, ein Beitrag zur aktuellen Diskussion um Audiokulturen, ein kritischer Kommentar zur Resonanztheorie und eine leise musiktheoretische Kritik am Selbstverständnis der sound studies, sondern eine Arbeit, die Neuland betritt, indem sie Massen von Material mittels einer eigens entwickelten mikrologischen Methode in eine anspruchsvolle und zugleich leichte Lektüre verwandelt. An zwei entscheidenden Stellen wird die wissenschaftliche Darstellung für zwei „Hörmodelle“ unterbrochen. Diese Prosaskizzen erzählen in einem leisen, aber klaren Ton, dass es keine transzendentale Akustik ohne Konzertbesuch und keine negative Anthropologie jenseits der Alltagssprache gibt. Die Studie leistet damit nicht nur einen Beitrag zur Wissenschaft, sondern auch Widerstand gegen deren reine Form – in Solidarität mit dem akademischen Sonderling Sonnemann und als Konsequenz aus seinem Denken.

  1. Thomas Bernhard, Das Kalkwerk, Frankfurt am Main 1976, S. 66.
  2. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Gesammelte Schriften Band 6, Frankfurt am Main 1966, S. 11.
  3. Ulrich Sonnemann, Zeit als Anhörungsform. Über Wesen und Wirken einer kantischen Verkennung des Ohrs, in: ders., Tunnelstiche. Reden, Aufsätze und Essays, Frankfurt am Main 1987, S. 279–298.
  4. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Gesammelte Schriften Band 3, Frankfurt am Main 1981.
  5. Johann Gottfried Herder, Abhandlung über den Ursprung der Sprache, hg. von Hans Dietrisch Irmscher, Stuttgart 2012.
  6. Ulrich Sonnemann, Negative Anthropologie. Spontaneität und Verfügung. Sabotage des Schicksals, Schriftenand 3, Springe 2011.
  7. Ebd., S. 161.
  8. Ulrich Sonnemann, Existence and Therapy. An Introduction to Phenomenological Psychology and Existential Analysis, New York 1954.
  9. Theodor Reik, Hören mit dem dritten Ohr. Die innere Erfahrung eines Psychoanalytikers, Hamburg 1976.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Kritische Theorie Psychologie / Psychoanalyse

Iris Dankemeyer

Dr. Iris Dankemeyer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Philosophie an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle. Sie studierte Soziologie und Sozialpsychologie in Hannover und Philosophie und Neuere deutsche Literatur in Berlin. 2020 erschien ihr Buch „Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno“ in der Edition Tiamat. Ihre Interessengebiete umfassen vor allem psychoanalytische Kulturtheorie und materialistische Ästhetik.

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