Floris Biskamp | Rezension |

Die Lügen, die uns binden

Rezension zu „Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit“ von Kwame Anthony Appiah

Kwame Anthony Appiah:
Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit
Deutschland
München 2019: Carl Hanser Verlag
336 S., 24 Euro
ISBN 978-3-446-26416-8

Der Begriff „Identität“ prägt politische und theoretische Debatten seit Jahrzehnten. Zuletzt wird er wohl am häufigsten und lautesten von jenen angerufen, die wie Mark Lilla, Francis Fukuyama und unzählige andere ein Ausufern von „Identitätspolitik“ beklagen. An dem überstrapazierten Streit zwischen Befürworter_innen und Gegner_innen der entsprechenden antirassistischen, feministischen, queeren usw. Politiken zeigt der britisch-ghanaische Philosoph Kwame Anthony Appiah in seinem 2018 auf Englisch und bereits ein Jahr später in deutscher Übersetzung erschienenen Buch wenig Interesse. Allenfalls am Rande geht es darum, ob es gut oder schlecht, notwendig oder vermeidbar ist, politisch über Identitäten zu streiten. Im Zentrum des Buches steht stattdessen die Frage, worüber man eigentlich streitet, wenn man über Identität streitet.

Ein Hinweis auf die Kernaussagen des Buches findet sich bereits im Titel des englischen Originals: „The Lies That Bind“. Damit ist zweierlei gesagt: Auf der einen Seite betrachtet Appiah Erzählungen über Identitäten als „Lügen“ oder zumindest als Geschichten, die wir uns erzählen, die aber nicht glaubhaft sind. Eine „Lüge“ sei vor allem die Annahme, dass die Identität einer Gruppe durch eine essenzielle Eigenschaft, ein Wesen konstituiert sei und alle dieser Identitätskategorie zugeordneten Menschen dieses Wesen teilten. Solche Essenzen gebe es schlichtweg nicht, weshalb Identitäts-Essenzialismus immer unhaltbar sei. Auf der anderen Seite betont Appiah jedoch auch, dass „Lügen“ über Identität für Lebensführung und Gesellschaft von großer Relevanz seien. Identitätsdiskurse stellen Bindungen her und wir können kaum anders, als uns in ihnen zu bewegen. Demnach besteht unser Umgang mit Identität darin, dass wir uns selbst und anderen laufend Lügen bzw. gute, aber bei Lichte betrachtet unglaubwürdige Geschichten erzählen, die uns binden – aneinander und an hierarchische Strukturen.[1]

Zuschreibungen schaffen soziale Ordnung

Im ersten Kapitel beschreibt Appiah sein eigenes Verständnis von Identität genauer. Alle Identitäten hätten dreierlei gemeinsam: Erstens handele es sich um Kategorisierungen, mittels derer Menschen einer bestimmten Gruppe zugeordnet würden. Zweitens seien Identitäten mit sozialer Bedeutung aufgeladen: Kategorisierungen seien nur dann Identitäten, wenn es den Menschen nicht gleichgültig ist, wie sie und andere kategorisiert werden, und die (Selbst-)Kategorisierung mit spezifischen normativen Vorstellungen vom richtigen Handeln einhergehe. Drittens schließlich zeichneten sich Identitäten dadurch aus, dass auf ihrer Grundlage Menschen ungleich oder zumindest unterschiedlich behandelt würden. Bei all dem seien Identitäten aber niemals fix, sondern zumindest potenziell immer Gegenstand von Aushandlung, Diskussion, Parodie, Streit und Kampf.

In den folgenden fünf Kapiteln widmet sich Appiah nacheinander den Identitätskategorien Religion, (Herkunfts-)Land, Hautfarbe, Klasse und Kultur. Geschlecht und Sexualität haben keine eigenen Kapitel, fungieren jedoch insofern als paradigmatischer Fall, als Appiah den Identitätsbegriff im ersten Kapitel anhand ihres Beispiels erläutert. Dabei vertritt er die These, dass biologische Differenzen zwar bestünden und Geschlechtsidentitäten sich auf diese Biologie bezögen; die Einteilung von Menschen in zwei oder mehr Geschlechteridentitäten sei aber Ergebnis eines kontingenten sozialen Prozesses.

Über die Diskussionen der einzelnen Kategorien in den Kapiteln 2 bis 6 lässt sich dreierlei sagen: Erstens bergen sie in ihren Kernaussagen für diejenigen, die sich bereits intensiver mit den entsprechenden Debatten auseinandergesetzt haben, wenig grundlegend Neues. Stattdessen rekapitulieren sie Erkenntnisse, die in Fachdebatten wenig Widerspruch finden dürften – das Buch ist eher ein für eine interessierte Öffentlichkeit geschriebener gut lesbarer Essay als eine fachwissenschaftliche Studie. Zweitens bieten die Darstellungen nichtsdestoweniger für alle am Thema Interessierten eine lohnende und anregende Lektüre, weil Appiah zur Illustration seiner Thesen – im besten Sinne kosmopolitisch – einen ausgesprochen vielfältigen Schatz an Beispielen und Geschichten aus allen Erdteilen und historischen Epochen präsentiert. Auch Begebenheiten aus Appiahs eigener Familiengeschichte spielen in allen Kapiteln eine wichtige Rolle. Drittens gewinnt die gesamte Darstellung dadurch, dass Appiah intersektional denkt, ohne dabei eine allzu starke Analogisierung der verschiedenen Identitätskategorien zu forcieren. Vielmehr lässt er jede zu ihrem eigenen Recht kommen und zielt in jedem Kapitel darauf, bestimmte, für die jeweilige Kategorie spezifische Irrtümer zu entlarven.

In Bezug auf Religion (Kapitel 2) geht es um zwei solcher Irrtümer. Der erste ergibt sich aus einem allzu starken Fokus auf die Bedeutung des Glaubensinhalts gegenüber der Glaubensgemeinschaft und der gelebten religiösen Praxis; der zweite aus der Vorstellung, dass man einzelne Religionen und die entsprechenden religiösen Identitäten erfassen könne, indem man einen Ausgangstext verstehe – eine spezifische Form von Essenzialismus, die Appiah als „Schriftdeterminismus“ (S. 15) bezeichnet. Hier drängt sich jedoch die vom Autor nicht beachtete Frage auf, ob es sich bei diesen Irrtümern nicht eher um Folgen einer spezifisch christlich-protestantischen Weltsicht handelt denn um eine allgemein verbreitete Tendenz. In der Auseinandersetzung mit nationaler Identität und Zugehörigkeit (Kapitel 3) wendet sich Appiah gegen die nationalistischen Fiktionen des hohen Alters und der inneren Homogenität nationaler Gefüge. Weder die Erfindung einzelner nationaler Identitäten noch das moderne Konzept von Nation und Volk seien früher zu datieren als auf die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert; nationale Homogenität sei stets eine gefährliche Illusion.

In seiner Diskussion von „Hautfarbe“ bzw. race (Kapitel 4) rekapituliert Appiah die Herausbildung des Rassendenkens im Laufe der letzten Jahrhunderte. Prägend gewesen sei die Herausforderung, vor der Europäer_innen standen, als sie das aufklärerische Ideal der Gleichheit und Freiheit aller Menschen mit der Rechtfertigung von Kolonialherrschaft und Sklaverei zu vereinbaren hatten. Neu verfügbare biologisch-wissenschaftliche Methoden der Kategorisierung und Klassifizierung boten den zu keinem Zeitpunkt unumstrittenen Ausweg, einen Rassenunterschied zu konstruieren und einigen Menschen ein minderwertiges Wesen zuzuschreiben, das eine ungleiche Behandlung rechtfertige – mit fatalen Folgen bis in die Gegenwart. Denn auch wenn das Denken in Menschenrassen heute in seiner offenen Form weitgehend zurückgedrängt sei, bestünden die damit verbundenen Identitäten und Hierarchien fort.

Im darauffolgenden, der Identitätskategorie Klasse gewidmeten Kapitel 5 diskutiert Appiah Statusunterschiede in verschiedenen Gesellschaften und Epochen. Sein Zweifel gilt dabei vor allem der Vorstellung, moderne Gesellschaften könnten das Problem der Klassenherrschaft überwinden, indem sie den Einzelnen soziale Mobilität ermöglichten. Solange es starke Ungleichheiten gebe und Eltern bemüht seien, in den Status ihrer Kinder zu investieren, biete solche Mobilität keinen Ausweg aus der Klassenherrschaft – denn derartige Investition sichere den Status der eigenen Nachkommen auf Kosten der Mobilität von weniger Privilegierten. Im letzten Kapitel über die Kategorie Kultur widmet sich Appiah vor allem der Widerlegung der Annahme, es gebe eine klar identifizierbare westliche Kultur oder Zivilisation, die von der griechischen Antike bis in die Gegenwart reiche.

Im Epilog formuliert Appiah schließlich einen kosmopolitischen Appell, wie er für seine Bücher schon länger prägend ist:[2] Wir sollten im 21. Jahrhundert ein für allemal von unseren partikularen Identitätsvorstellungen und Essenzialismen aus dem 19. Jahrhundert abrücken und uns auf eine allgemein-menschliche Identität, der „nichts Menschliches (…) fremd“ ist, zubewegen (S. 296).

Viel Inspiration, wenig Theorie

In all diesen Kapiteln bietet das Buch viel Inspiration, Irritation und Material für das weitere Nachdenken über Identität in den genannten Kategorien. Erwartet man jedoch nicht nur Inspiration, sondern auch Theorie, bleibt manches zu wünschen übrig – denn die theoretische Präzision geht zwischen allem Reichtum an Geschichten und Fakten teils verloren. Dies sei im Folgenden an fünf Beispielen erläutert.

Erstens ist trotz der drei im ersten Kapitel angeführten „Gemeinsamkeiten“ aller Identitäten nicht klar, wie genau Appiah den Identitätsbegriff letztlich definiert, denn seine Verwendung im Buch ist keineswegs kohärent. Beispielsweise bleibt unklar, ob jede Identität essenzialistisch ist und wie sich das am Ende des Buches angerufene Ideal einer allgemein-menschlichen Identität mit der bis dato ausschließlich auf exklusiv-partikulare Identitäten zugeschnittenen Verwendung des Begriffs vereinbaren lässt.

Zweitens fällt es auch bei den einzelnen Identitätskategorien nicht immer leicht zu sagen, was genau Appiah darunter versteht. Am Ende des Klassenkapitels weiß man, dass Appiah mit dem Wort Klasse eine Statusdifferenz bezeichnet, die sowohl ökonomische als auch kulturelle Anteile hat – nicht aber, wann genau eine Statusdifferenz als Klassendifferenz zu bezeichnen ist. Im Nationalismuskapitel erhält man zwar eine durchaus klare Definition: „Eine Nation ist eine Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, gemeinsame Vorfahren zu haben, und denen diese angebliche Tatsache zudem auch wichtig ist.“ (S. 115) Jedoch ist diese Begriffsbestimmung kaum plausibel, wenn man bedenkt, dass es etwa in den USA Formen von Nationalismus gibt, die kaum auf „gemeinsame Vorfahren“ rekurrieren, aber doch eine nationale Identität behaupten.

Drittens neigt Appiah zu einer wenig überzeugenden Engführung zwischen den Identitäten in den einzelnen Kategorien und den Kategorien selbst: Er unterscheidet nicht zwischen Klasse, Klassenzugehörigkeit und Klassenidentität, zwischen Kultur, kultureller Zugehörigkeit und kultureller Identität usw. Hier scheinen Zweifel angebracht: Hat eine Person, die aus einer gewissen soziologischen Perspektive einer bestimmten Klasse zuzuordnen ist, automatisch eine entsprechende Klassenidentität – oder wäre dafür auch ein entsprechendes (Selbst-)Bewusstsein vonnöten? Und ließe sich bei einer stark religiösen Christin, die in einem historischen Kontext sozialisiert wird, in dem sie selbst nichts von der Existenz anderer Religionen weiß, dennoch von ihrer christlichen Identität sprechen – oder nur von einer christlichen Religiosität?

Viertens bleibt die politische Dimension von Identität tendenziell unterbelichtet. Zwar betont Appiah immer wieder, dass der Streit um Identität politisch ist. Letztlich überwiegt aber der Eindruck, dass das Denken in Identitäten ein Irrtum sei, der durch anti-essenzialistische Kritik aufgeklärt werden kann und soll. Das überzeugt nur bedingt. Auch wenn jede essenzialistische Identifikation eine „Lüge“ sein mag, kann mit der Berufung auf Identität politisch sehr Unterschiedliches verbunden sein. Sie kann ein Mittel extremer Unterdrückung sein oder für besonders marginalisierte und bedrohte Subjektivitäten der einzig mögliche Weg zur Erlangung emanzipativer Handlungsfähigkeit. In beiden Fällen ist eine ideologiekritische, reflexive Aufklärung über die Irrtümer nur bedingt nützlich.

Fünftens schließlich wird das grundsätzliche Verhältnis von Identitätsdenken und moderner Gesellschaft kaum reflektiert. Während Appiah in Hinblick auf partikulare Identitäten einen strikten Anti-Essenzialismus vertritt, schreckt er selbst nicht vor essenzialistischen Aussagen über die Natur des Menschen zurück. Zur Essenz des Menschen zähle demnach auch der unvermeidliche Hang zum Essenzialismus selbst. Wenn man das Denken in Essenzen und Identitäten aber dergestalt naturalisiert, ergibt sich nicht nur das Problem, ob sich das Identitätsdenken überhaupt dauerhaft überwinden lässt, sondern auch die Frage, warum es sich in seiner heute vorherrschenden Gestalt erst im 19. Jahrhundert herausbildete, wie Appiah selbst anmerkt (S. 15). Mögliche Erklärungen: Erstens sind Menschen in modernen Gesellschaften mit einer viel größeren Zahl von konkurrierenden Mitmenschen, mit einer wachsenden Vielfalt von Subjektivitäten und mit extremen Ungleichheitsverhältnissen konfrontiert. Dies dürfte ihnen Praktiken des identifizierenden Kategorisierens attraktiv erscheinen lassen. Zweitens liegt es nahe, dass Subjekte, die in den abstrakten sozialen Formen von kapitalistischer Ökonomie und moderner Staatlichkeit leben, eine strukturähnliche Neigung zu entsprechend abstrakt-identifizierendem Denken entwickeln. Sollte das Denken in und mit Identitäten dergestalt auf modernen Verhältnissen fußen, wäre Appiahs kosmopolitischer Appell, dieses Denken durch Ideologiekritik und kosmopolitische Ambition zu überwinden, wenig aussichtsreich, solange diese Verhältnisse materiell und strukturell fortbestehen.

Trotz der genannten Mängel bietet Appiahs Buch einen hervorragenden Anstoß für das Nachdenken über solche und verwandte Probleme.

  1. „Aber zu den wichtigsten Dingen, die Menschen mit Identitäten tun, gehört deren Verwendung als Grundlage für Hierarchien des Status und des Respekts sowie für die Festigung von Machtstrukturen.“ (S. 31)
  2. Exemplarisch: Kwame Anthony Appiah, Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgers, übers. von Michael Bischoff, München 2007.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Gesellschaft Interaktion Kultur Lebensformen Normen / Regeln / Konventionen Öffentlichkeit

Floris Biskamp

Floris Biskamp ist Politikwissenschaftler und Soziologe und arbeitet derzeit als Koordinator und Postdoc im Promotionskolleg „Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität“ an der Universität Tübingen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen politische Theorie, Gesellschaftstheorie, politische Ökonomie, Religionspolitik, Populismusforschung und Rassismusforschung. Zudem betreibt er einen Blog mit kürzeren Texten zu aktuellen Themen und ist in der politischen Bildungsarbeit tätig.

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