Simon Schaupp | Rezension |

Die Mär von der technologischen Arbeitslosigkeit

Rezension zu „Automatisierung und die Zukunft der Arbeit“ von Aaron Benanav

Abbildung Buchcover Automatisierung und die Zukunft der Arbeit von Benanav

Aaron Benanav:
Automatisierung und die Zukunft der Arbeit
übers. von Felix Kurz
Deutschland
Berlin 2021: Suhrkamp
195 S., 16,00 EUR
ISBN 978-3-518-12770-4

In regelmäßigen Abständen klagen Arbeitgeberorganisationen über einen angeblichen Mangel an Arbeitskräften – besser gesagt: einen Mangel an Personen, die Willens sind, zu den von ihnen gebotenen Bedingungen zu arbeiten. So auch gegenwärtig in Großbritannien und den USA. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Arbeit jedoch weltweit kontinuierlich.[1] Wissenschaftliche Studien der letzten Jahre führten diese Entwicklung medienwirksam auf steigende Automatisierungspotenziale zurück. Modellbasierte Berechnungen prognostizieren, dass in naher Zukunft die Hälfte oder ein Drittel aller Jobs überflüssig werden.[2] Angesichts der Corona-Pandemie sind derartige Vorhersagen noch häufiger zu hören oder zu lesen, manche wollen allein anhand der Tatsache, dass es sich bei bestimmten Jobs um Routinetätigkeiten mit hohem Infektionsrisiko handelt, deren zukünftige Automatisierung erkennen.[3] In diesem Sinne erscheint die deutsche Übersetzung von Aaron Benanavs Buch zur Kritik des „Automatisierungsdiskurses“ (insbes. S. 17–34) zur rechten Zeit. Der Begriff bezeichnet „eine einflussreiche sozialwissenschaftliche Theorie […], die dem eigenen Anspruch nach nicht nur neue Technologien analysiert, sondern auch die Folgen des technologischen Wandels für die Gesellschaft insgesamt erforscht“ (S. 18).

Der im ersten Kapitel seines Buches rekonstruierte Diskurs interessiert Benanav nicht nur in ökonomischer Hinsicht, sondern vor allem aufgrund seiner politischen Implikationen. Viele Automatisierungstheoretiker:innen halten die Folgen der Automatisierung für gravierend, weshalb sie mit dem Ende der gegenwärtigen Arbeitsmärkte oder sogar der Arbeitsgesellschaft schlechthin rechnen.[4] Benanav geht ebenfalls von einem Ende der Arbeit, wie wir sie kennen, aus, wenn auch aus beinahe gegenteiligen Gründen. Bevor er darlegt, warum er nicht mit einer bevorstehenden technologischen Arbeitslosigkeit rechnet, merkt er an, dass „die Automatisierungstheoretiker zusammen mehr dafür getan haben, die Organisationslogik einer postkapitalistischen Gesellschaft zu durchdenken und mögliche Wege in eine Welt ohne Mangel auszuloten, als alle anderen mir bekannten Autorinnen“ (S. 12 f.).

In der Tat kommt es derzeit zu einer Umwälzung der Arbeitsmärkte, im Zuge derer eine Vielzahl von Jobs verschwindet. Benanav bezweifelt allerdings, dass es sich dabei um etwas nie Dagewesenes handelt. Denn auch über die Hälfte der Berufe, die Arbeiter:innen in den 1960er-Jahren ausgeübt hätten, existierten heute nicht mehr (S. 25). Der Unterschied zu früheren Dekaden – so Benanavs zentrale These – sei nicht der technologische Fortschritt, sondern die Tatsache, dass heute weit weniger neue Jobs entstünden als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Den konstatierten Rückgang führt er im zweiten Kapitel des Buches vor allem auf einen globalen Bedeutungsverlust der produzierenden Industrie zurück. So waren etwa in den USA 1970 22 Prozent aller Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe tätig, während es 2017 nur noch 8 Prozent waren (S. 36 f.). Der Beschäftigungsabbau sei jedoch nicht, wie oft angenommen, das Ergebnis einer Produktionsverlagerung in sogenannte Billiglohnländer. Denn wenn in den frühindustrialisierten Ländern Fabriken geschlossen worden wären, weil man sie ins Ausland verlegt hätte, müsste dort folgerichtig auch der absolute Output der Industrie zurückgehen – was in den letzten Dekaden nicht zu beobachten war. Allerdings wächst die Produktivität in der fortgeschrittenen Industriefertigung seit Jahrzehnten nur noch sehr langsam. Das Abflachen des Produktivitätswachstums hat sich seit 2011 noch verstärkt – also genau zu jenem Zeitpunkt, als viele Automatisierungstheoretiker:innen aufgrund technologischer Fortschritte mit einem rasanten Anstieg rechneten (S. 39). Entscheidend für Benanavs Argumentation ist die Feststellung, dass die Wachstumsraten des industriellen Outputs nicht in einem einzelnen Land, sondern weltweit gesunken sind. So stieg in den 1950er- und 1960er-Jahren die globale Industrieproduktion inflationsbereinigt um durchschnittlich 7,1 Prozent pro Jahr, in den 1970er-Jahren nur mehr um 4,8 Prozent, im Zeitraum von 1980 bis 2007 um lediglich 3 Prozent, und in den Jahren nach der Wirtschaftskrise – von 2008 bis 2014 – wuchs der weltweite Output der Industrie nur noch um 1,6 Prozent jährlich. Die Wachstumsraten der globalen Industrieproduktion sind also auf weniger als ein Viertel ihres Nachkriegswerts gesunken. Die genannten Zahlen schließen wohlgemerkt sogar den massiven Ausbau der Fertigungskapazitäten in China ein (S. 45 f.).

Unter Rückgriff auf die Diagnose eines „langen Abschwungs“ des Ökonomen Robert Brenner[5] erklärt Benanav die globale Deindustrialisierung vor allem mit einem weltweiten Überschuss an Produktionskapazitäten. Angesichts immer stärker umkämpfter internationaler Märkte sei es schwieriger geworden, hohe industrielle Wachstumsraten zu erzielen. Infolgedessen sei die Wachstumsrate des Kapitalstocks (also des Werts von Anlagen, Maschinen und Software) in allen frühindustrialisierten Ländern mit der Zeit gesunken (S. 57). Die Stagnationstendenz beschränke sich jedoch nicht auf die produzierende Industrie. In den anderen Sektoren, insbesondere dem Dienstleistungssektor, sei die Produktivität sogar noch langsamer gestiegen. Das bedeute, dass Arbeitskräfte, die aus der relativ gesehen schrumpfenden Industriebranche verdrängt würden, nicht mehr, wie in der Nachkriegszeit, von Tätigkeiten mit geringer Produktivität in hochproduktive Jobs wechseln könnten – weil es diese schlicht kaum noch gebe. Stattdessen fänden sie sich zunehmend in Dienstleistungsjobs mit niedriger Produktivität wieder (S. 63).

Außerdem sei die Nachfrage nach Arbeitskraft nicht nur in der Industrie, sondern branchenübergreifend gesunken. Denn da sein industrieller Motor erschöpft sei und sich keine Alternative gefunden hätte, habe das Wirtschaftswachstum stetig nachgelassen (S. 76). Die niedrige Arbeitskraftnachfrage manifestiere sich jedoch nicht so sehr in Arbeitslosigkeit, sondern vielmehr in verschiedenen Formen von Unterbeschäftigung. Damit ist vor allem die globale Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen durch den Rückbau sozialstaatlicher Institutionen gemeint. So folge in den meisten Fällen auf einen Jobverlust die informelle Beschäftigung. Aus diesem Grund hatten schon 2015 nur 26 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung eine ständige Anstellung in Voll- oder Teilzeit (S. 93). Damit ist es endgültig widersinnig, unbefristete Vollzeitjobs als Normalarbeitsverhältnisse zu bezeichnen.

Mit der Prekarisierung geht nicht nur ein Absinken der Reallohnquote einher, sondern es steigt auch die Diskrepanz zwischen Durchschnitts- und Medianlöhnen:[6] Die Löhne von ausführenden Beschäftigten sinken also im Verhältnis zu den anwachsenden Löhnen von Manager:innen (S. 29). In dieser Situation ist es aus Unternehmenssicht ökonomisch wenig attraktiv, menschliche Arbeit durch teure Robotik zu ersetzen, da Erstere wesentlich billiger zu haben und gleichzeitig flexibler einsetzbar ist. Benanav malt ein entsprechend düsteres Bild der Zukunft. Er sieht

„eine Welt, die nicht geprägt ist von neuen sauberen, automatisierten Fabriken und Tischtennis spielenden Konsumrobotern, sondern von maroder Infrastruktur und deindustrialisierten Städten, überarbeiteten Pflegekräften und unterbezahlten Verkäuferinnen sowie von einer gewaltigen Aufstauung finanzialisierten Kapitals, das immer weniger Anlagemöglichkeiten findet“ (S. 9).

Das zweite Drittel des Buches diskutiert die politischen Konsequenzen, die aus diesen ökonomischen Entwicklungen zu ziehen sind. Automatisierungstheoretiker:innen von links und rechts sind sich diesbezüglich einig: Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) soll die Existenzsicherung von der Erwerbsarbeit abkoppeln. Diesen Vorschlag lehnt Benanav ab. Da das BGE die Eigentumsverhältnisse unangetastet lasse, verbleibe die ökonomische Macht vollständig in den Händen der Besitzenden, denn mit dem Abzug von Investitionen könnten sie jede noch so fortschrittliche Regierung unter starken Druck setzen. Deshalb sei es wahrscheinlich, dass sich – anstelle eines auf Umverteilung basierenden BGE-Modells – derjenige der vielen neoliberalen Vorschläge durchsetzen würde, der sich als der tragfähigste Stützpfeiler einer von Ungleichheit geprägten Gesellschaft erweise. Benanavs Schlussfolgerung: „Nur eine Eroberung der Produktion, mit der es endlich gelingt, den Kapitalisten die Macht über Investitionsentscheidungen zu entwinden, […] kann uns den Weg in eine Zukunft ohne Mangel bahnen.“ (S. 129 f.).

Zum Ende des Buches skizziert Benanav kurz seine eigene Vorstellung einer postkapitalistischen Zukunft. Wie die Automatisierungstheoretiker:innen will auch er die Knappheit überwinden – allerdings mit sozialem statt technologischem Fortschritt: „Fülle ist, so verstanden, nichts was jenseits einer bestimmten technologischen Schwelle läge, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis: Es beruht auf dem Prinzip, dass in keiner Beziehung, die man zu anderen unterhält, die Fähigkeit, die eigene Existenz zu sichern, auf dem Spiel steht.“ (S. 143) Auf Basis einer Ökonomie in Gemeineigentum könne man die Arbeitszeit um zwei Drittel reduzieren. An die Stelle von Lohnarbeit habe die freiwillige Arbeitsteilung zu treten. Angebot und Nachfrage nach Arbeit sollten sich über die Länge der Arbeitszeit regulieren, die man solange herabsetzen müsse, bis sich eine Person findet, welche die entsprechende Aufgabe übernimmt.

In einem Postskriptum geht Benanav auf die Frage ein, wer die Treiber einer solch radikalen gesellschaftlichen Transformation sein könnten. Die Massenorganisationen der Arbeiter:innenbewegung hält er dabei für wenig erfolgversprechend. Diese seien ein Phänomen der goldenen Zeiten des Produktivitätswachstums gewesen. Für Benanav sind es deshalb vielmehr die verschiedenen emanzipatorischen sozialen Bewegungen, die sich in Bezug auf eine Überwindung des Kapitalismus radikalisieren müssten.

Das Buch stellt eine Kulmination von Aaron Benanavs langjähriger Arbeit zu den Themen Unterbeschäftigung und Deindustrialisierung dar. Entsprechend sind seine Kritik am Automatisierungsdiskurs und seine Erklärung der Auswirkungen wirtschaftlicher Stagnation gleichermaßen konzise wie überzeugend. Darüber hinaus macht er trotz der Vielzahl der zitierten volkswirtschaftlichen Statistiken eindrucksvoll deutlich, dass es sich keineswegs nur um eine innerakademische Debatte handelt, sondern dass das Thema von höchster politischer Relevanz ist.

So gesehen leuchtet auch der scheinbare thematische Bruch ein, mit dem das Buch zur Diskussion einer wünschenswerten Zukunft der Arbeit übergeht. Während seine Kritik am Grundeinkommen durchaus nachvollziehbar ist, wirft sein eigener Vorschlag mehr Fragen auf als er Antworten gibt. Dies mag hauptsächlich daran liegen, dass Benanavs Skizze auf wenige Seiten begrenzt bleibt und deshalb notwendigerweise schematisch erscheint. Vor allem sein großes Vertrauen in soziale Bewegungen ist im Gegensatz zum Rest des Buches kaum argumentativ unterfüttert. Hier stellt sich insbesondere die Frage, welche Machtmittel den Bewegungen für eine gesellschaftliche Transformation überhaupt zur Verfügung stehen, gesetzt den Fall, dass sie ihre Zersplitterung überwinden könnten und die von Benanav geforderte Radikalisierung stattfinden würde. Vor diesem Hintergrund scheint es vorschnell, die Organisationsformen der Arbeiter:innenbewegung und damit auch den Streik als Druckmittel einer Politik von unten für tot zu erklären – gerade angesichts der gegenwärtigen Streikwelle in den USA und den Generalstreiks gegen neoliberale Regime im globalen Süden.[7] Die vorgebrachten Einwände beschränken sich jedoch auf den kurzen letzten Teil des Buches. Die Argumentationen des Hauptteils hingegen sind – nicht zuletzt durch die sehr gestraffte Präsentation – überaus bestechend. Das Buch verdient es also, breit rezipiert und diskutiert zu werden.

  1. Aaron Benanav, The Origins of Informality. The ILO at the Limit of the Concept of Unemployment, in: Journal of Global History 14 (2019), 1, S. 107–125.
  2. Besonders prominent: Carl Benedikt Frey / Michael A. Osborne, The Future of Employment. How Susceptible Are Jobs to Computerisation?, in: Technological Forecasting and Social Change 114 (2017), S. 254–280.
  3. Alex W. Chernoff / Casey Warman, COVID-19 and Implications for Automation, in: National Bureau of Economic Research (Hg.), Working Paper 27249 (2020); Joel Blit, Automation and Reallocation. Will COVID-19 Usher in the Future of Work?, in: Canadian Public Policy 46 (2020), S2, S. 192–202.
  4. Erik Brynjolfsson / Andrew McAfee, The Second Machine Age. Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies, New York 2014; Nick Srnicek / Alex Williams, Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit, übers. von Thomas Atzert, Berlin 2016.
  5. Robert Brenner, The Economics of Global Turbulence. The Advanced Capitalist Economies from Long Boom to Long Downturn, 1945–2005, London 2006.
  6. Als Medianlohn bezeichnet man die Lohnhöhe, von der aus die Anzahl Personen mit niedrigeren Löhnen gleich groß ist wie diejenige mit höheren Löhnen. Damit definiert der Median das mittlere Einkommen. Der Durchschnittslohn bezeichnet hingegen das arithmetische Mittel aller Löhne. Letzterer ist höher, da die Unterschiede zwischen mittleren und höchsten Löhnen oft um ein Vielfaches größer sind als die Unterschiede zu den niedrigeren Einkommen und einige wenige Personen sehr hohe Löhne beziehen.
  7. So fanden etwa in Indien und Südafrika in den letzten Jahren die wohl größten Streiks der Menschheitsgeschichte statt. Vgl. Alexander Gallas, Mass Strikes in a Global Conjuncture of Crisis. A Luxemburgian Analysis, in: Vishwas Satgar (Hg.), BRICs and the New American Imperialism. Global Rivalry and Resistance, Johannesburg 2020, S. 182–202.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Arbeit / Industrie Digitalisierung Kapitalismus / Postkapitalismus Technik

Simon Schaupp

Simon Schaupp ist Assistent am Lehrstuhl für Sozialstrukturanalyse der Universität Basel. Er forscht zur Digitalisierung der Arbeitswelt und sozialer Selbstorganisation. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Munich Center for Technology in Society der Technischen Universität München.

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