Julia Schulze Wessel | Rezension |

Die Politik der Anderen

Doppelrezension zu „Undienlichkeit. Gewaltgeschichte und politische Philosophie“ und „Widerstände. Gewaltenteilung in statu nascendi“ von Iris Därmann

Flüchtlinge, Sklav:innen, Nichtstaatsbürger:innen oder auch sogenannte Fremde gehören seit der Antike zu den ‚Anderen‘, denen spezifische Eigenschaften des Staatsbürgers abgesprochen wurden und die nicht in den Genuss spezifischer Rechte kamen. Für sie galten andere Regeln, sie siedelten an anderen Orten, in anderen Räumen und konnten nicht die gleichen Ansprüche an Staat und Gesellschaft stellen wie die (Staats-)Bürger (und später auch Staatsbürgerinnen). In der politischen Theorie und Ideengeschichte bezog die Figur des Staatsbürgers ihre Kraft immer auch aus der Abgrenzung von ihren Gegenfiguren. Vor allem als Folge der normativen Aufladung von Staatsbürgerschaft in republikanischen Ordnungsmodellen zählten auch im modernen politischen Denken Sklav:innen zu den zentralen Gegenfiguren des Staatsbürgers.

Spätestens mit dem 20. Jahrhundert traten auch Flüchtlinge und Staatenlose hinzu. Die Konstruktion als Gegenüber des Staatsbürgers reduzierte die Figur des Sklaven ebenso wie die des Flüchtlings lange Zeit auf ihr Ausgeliefertsein, auf ihre Defizite, auf den Verlust und die Unerreichbarkeit all dessen, was Staatsbürgerschaft versprach. Diesen Gegenfiguren wurden spezifische Orte zugewiesen, die das Außerhalb von Bürgerschaft und politischer Teilhabe markierten. Ihr Ausschluss beruhte auf hierarchisierenden Grenzziehungen, die konstant auf Defizite und Abweichungen vom Idealbild des Bürgers verwiesen. So fielen diese Gegenfiguren aus dem Fokus des politischen Denkens. Ihre Kategorisierung machte es kaum möglich, ihr Verhalten und ihre Handlungen als politische Handlungen verstehen und begreifen zu können.

Diese Gegenüberstellung hält sich zum Teil bis heute. Stehen Bürger:innen für ein Leben in Freiheit und Gleichheit, so symbolisieren Sklav:innen Unterdrückung und Unfreiheit; wird Bürgerschaft mit politischem Handeln assoziiert, werden Geflüchtete in ihrer Passivität und Hilflosigkeit gefasst.[1] Diese stereotype Aufteilung zwischen Bürger:innen und denjenigen, die weder als zur Politik qualifiziert galten noch für das Nachdenken über Möglichkeiten politischen Handelns von Interesse waren, wird jedoch seit längerem in den unterschiedlichsten Disziplinen in Frage gestellt. In diese diskursive Gegenbewegung sind auch die jüngst erschienenen Bücher von Iris Därmann Undienlichkeit. Gewaltgeschichte und politische Philosophie und Widerstände. Gewaltenteilung in statu nascendi einzuordnen.[2] In beiden Büchern verfolgt Därmann nicht die klassische Täter-Opfer-Erzählung, sondern zeigt, dass es auch unter den widrigsten Umständen Möglichkeiten des Handelns gibt, des Verweigerns, des Entzugs, oder, wie sie es vorzugsweise ausdrückt: des Sich-Undienlich-Machens. Diese Argumentationslinie ist bei Därmann eng mit einer zweiten verwoben, die dem Zusammenhang zwischen politisch-philosophischem Denken und dem historischen Phänomen millionenfacher Versklavung nachspürt. Därmann zeigt in ihren Büchern somit, dass „Widerstandsforschung […] zugleich Gewaltforschung sein“ (2021: S. 10) muss.

Undienlichkeit – eine Leerstelle im politischen Denken

Beide Bücher sind ein großer Gewinn gerade auch für alle, die sich mit der europäisch-amerikanischen politischen Philosophie und politischen Theorie auseinandersetzen. In klassischen Einführungsbüchern in das politisch-philosophische Denken, in Seminaren und Vorlesungen ist es noch heute nicht selbstverständlich, die modernen Freiheits- und Gleichheitsbegriffe, den Eigentums- und Ordnungsbegriff auf ihre Gewalt- und Widerstandsgeschichte hin zu befragen, auf ihre Ausschlüsse, Grenzziehungen und Ausbeutungslegitimationen. Genauso wenig gehört es zur Selbstverständlichkeit, jenseits von Bürger:innenschaft nach den Möglichkeiten politischen Handelns unter extremen Gewaltverhältnissen zu fragen. Wie im Rückgriff auf die beiden hier besprochenen Bücher gezeigt werden kann, fehlt es immer noch an begrifflichen und theoretischen Präzisierungen. Därmann hält der gesamten europäischen politischen Philosophie vor:

„An allen Akten politischer Selbstbefreiung ist das wohl Unerklärlichste, dass und wie überhaupt aus dem Leiden, das mit Kraftlosigkeit und Auszehrung, mit Ohnmacht, Unterwerfung und Mittellosigkeit verbunden ist, Widerstand in seinen aktiven und passivierenden Formen hervorgehen kann. Soweit ich sehe, hat kein einziger europäischer politischer Philosophieentwurf diese Frage bisher auch nur versuchsweise beantwortet, geschweige denn sich der Herausforderung gestellt, das europäische Verbrechen des transatlantischen Sklavenhandels hinlänglich zu problematisieren.“ (2020: 23 f.)

Diesen bisher unbetretenen Pfad zu verfolgen hätte auch Auswirkungen auf den Staatsbürgerbegriff, der sich immer in Abgrenzung zu ‚den Anderen‘ geformt hat. Die Fragen, die sich aus Därmanns Überlegungen und den diversen Beispielen heraus ergeben, sind weitreichend und höchst aktuell. Sie können an eine Überlegung Judith Shklars anschließen, die in 1990er Jahren eine fundamentale Kritik an der normativen Aufladung eines am öffentlichen Glück und gemeinsamen Handeln ausgerichteten Politikbegriffs geübt hat. Früh hat Shklar gezeigt, dass sich der Wert von Staatsbürgerschaft, der zentralen und wichtigsten Institution öffentlichen Lebens, am Grad seiner Abgrenzung von Frauen, Sklaven und nicht-besitzenden weißen Männern bemessen habe. Einig sei sich die Mehrheit der amerikanischen Bürger, so Shklar, dass kein Sklave, „no black person“, jemals Bürger sein konnte und die Weißen ihnen gegenüber keinerlei rechtliche Verpflichtungen hätten.[3] Staatsbürgerschaft zielt in dieser Lesart also nicht in erster Linie auf Gleichheit, sondern auf Differenz, die ihren Herrschaftsanspruch begründet.[4]

Därmanns Untersuchungen unterstreichen diese Lesart eindrucksvoll. Sie erschließt dabei neue Möglichkeiten der Kritik an unterschiedlichen Traditionslinien europäischen Denkens. Därmanns Frage, „inwiefern sich Menschen in Gewalträumen nicht rest- und widerstandslos menschlicher Gewalt fügen“ (2021: S. 110), stellt die gesamte westliche Tradition politischer Theorie und politischer Philosophie auf den Prüfstand. Därmann hält zunächst fest: Gewalt kann nie absolut sein. Aber wie können wir die Undienlichkeitspraktiken beschreiben, die sich in diesen Gewalträumen ereignen? Im politischen Denken fehlt es dafür an Begriffen und theoretischen Konzepten, weil der Staatsbürger als unausgesprochene Setzung im Mittelpunkt sämtlicher Überlegungen stand und vielfach immer noch steht. Das bedeutet, dass Kategorien und Begriffe neu geschaffen oder wiederentdeckt werden müssten, um auch Formen der „Undienlichkeittheoretisch adäquat beschreiben zu können. So schreibt Därmann zum Beispiel über das Thema Flucht, sie gehöre „nicht in den Tugendkatalog freier und gleicher Menschen und schon gar nicht in das Repertoire politischer Handlungsformen derer, die sich nicht selbst gehören durften.“ (2021: S. 43) Praktiken des Sich-Widersetzens gegen Gewalt jenseits von Widerstand oder auch zivilem Ungehorsam zu denken, die Perspektive auf den Entzug, die Unterbrechung, das Sich-Undienlichmachen innerhalb von Gewaltverhältnissen als eigene Form politischen Handelns zu verstehen, bilden den spannenden und vielversprechenden Ansatzpunkt der beiden Bücher.

Kolonialismus als Ideengeber und Legitimationsinstrument

Den historischen Gewaltkontext liefert im weit umfangreicheren Buch Undienlichkeit in erster Linie die Geschichte der Sklaverei. Sehr detailliert rekapituliert Därmann über mehrere Kapitel hinweg die Gewalterfahrungen von Sklav:innen. Sie verfolgt darüber hinaus aber noch eine weitere Spur: den Einfluss des kolonialen Gewaltsystems auf die europäische politische Philosophie als Ideengeber und Legitimationsinstrument. Thomas Hobbes, John Locke oder auch Carl Schmitt sind je eigene Kapitel gewidmet. Dazwischen können die Handlungen entdeckt werden, auf die der Titel verweist: Unter dem Begriff Undienlichkeit fasst Därmann unterschiedliche Praktiken des Sich-Entziehens vom Zugriff herrschaftlicher Gewalt bis hin zum aktiven, auch gewaltsamen Widerstand von der Antike bis zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Es ist ein großer Verdienst der beiden Bücher, dass sie es ermöglichen, die enge Verknüpfung zwischen der kolonialen Perspektive und dem Herausfallen von Figuren wie der Sklavin, dem Flüchtling oder dem Häftling aus europäischer Politik und politischer Theorie zu denken.

So breit sie geschichtlich gefasst sind, so breit gestreut sind auch die Formen, die unter dem Begriff subsumiert werden: Selbstmord (einzeln oder im Kollektiv), Kindstötung, Flucht, Manipulationen des Körpers, Verweigerungen, Entzug bis hin zu Revolutionen (hier in Bezug auf Haiti), gewaltsamer Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern (2020: S. 288–304) oder auch das Entfernen der Nummerntätowierung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (2020: S. 287). Ein Ziel von Därmann besteht darin, den Widerstandsbegriff „radikal zu erweitern“, um auch „flache Widerstandsformen“ (2021: S. 12) bis hin zur Passivität (2020: S. 30) sichtbar machen zu können. Diese können zum Beispiel in Praktiken eines stillen Durchbrechens von Regeln bestehen wie dem unerlaubten Besuch von Sklav:innen auf Nachbarplantagen oder auch nächtlichen Feiern (2021: S. 39).

Es ist nicht einfach, strukturelle Gemeinsamkeiten dieser so unterschiedlichen Praktiken zu fassen, die laut Därmann dadurch verbunden werden sollen, dass die gewaltsam zugewiesenen Positionen nicht vollständig akzeptiert und zumindest teilweise oder vorübergehend verlassen würden (2020: S. 201). Wenn aber aus dieser sehr allgemein gefassten Gemeinsamkeit der Politikbegriff der europäischen Tradition neu gedacht werden soll, dann müsste noch viel an theoretischer Arbeit geleistet werden. Hinzu kommt, dass einige von Därmanns Erklärungen im Dunkeln bleiben, wie etwa dort, wo es heißt, „menschliche Arbeit [müsse] im Zeichen der Undienlichkeit von der Trauerarbeit aus gedacht werden.“ (2020: 181) So bleibt es insgesamt schwierig, eine große theoretische Linie im Undienlichkeitsbuch ausfindig zu machen, das daher eher als ein Eröffnen des Feldes verstanden werden sollte als ein in sich geschlossener Beitrag.

Eine neue Form politischen Handelns

Es ist aber insgesamt ein großer Verdienst beider Bücher, dass sie es ermöglichen, die enge Verknüpfung zwischen der kolonialen Perspektive und dem Herausfallen von Figuren wie der Sklavin, dem Flüchtling oder dem Häftling aus europäischer Politik und politischer Theorie zu denken. Denn schon zur Zeit der US-amerikanischen Sklaverei wurde versucht, die als unüberschreitbar gesetzte Linie zwischen Undienlichkeitspraktiken wie Flucht oder Sabotage und politischem Handeln zu durchbrechen. Demungeachtet schreiben bis heute weite Teile der politischen Philosophie und Theorie diese Trennlinie fort und halten somit Undienlichkeit und politisch relevantes Handeln wechselseitig auf Distanz.

Iris Därmann schreibt in diese Lücke hinein. Es wäre für die Ausdifferenzierung des Begriffs und die theoretische Untermauerung mit Sicherheit hilfreich gewesen, wenn die Autorin neben der recht umfangreichen Analyse von Primärquellen und den großen Denker:innen der politischen Theorie und Philosophie, auch die theoriegeleiteten empirischen Studien zu verschiedenen Formen des Widerstands miteinbezogen hätte. Vor allem zum Thema Flucht, aber auch zu widerständigen Praktiken von Sklav:innen liegt mittlerweile eine recht große Bandbreite an Forschungsliteratur vor. Sie untersuchen genau die von Därmann ins Auge gefassten Formen widerständiger, sich der Herrschaft entziehender Praxis,[5] auch unter dem Begriff der imperceptible politics gefasst, von Menschen auf der Flucht,[6] die Debatte um die Autonomie der Migration, die citizenship studies,[7] das Konzept der Grenzfiguren.[8] Es muss nicht sein, dass diese Untersuchungen in die Idee der Undienlichkeit passen, aber sie wären eine Auseinandersetzung, Abgrenzung oder Integration wert gewesen. Mithilfe solcher Konzepte und Methoden hätte das, was sich zurecht unter dem Begriff der Undienlichkeit fassen lässt, präzisiert, ausdifferenziert und vor allem viel stärker theoretisiert werden können.

Es wäre ein mehr als lohnendes Unterfangen, die verschiedenen Forschungsansätze, empirischen Fallstudien und begrifflichen Prägungen der unterschiedlichen Disziplinen zu systematisieren und aus dieser Systematisierung heraus den tradierten Politikbegriff zu hinterfragen und zu erweitern. Dazu eignen sich jedoch vermutlich weniger die Großtheorien als die vielfältigen theoriegesättigten und zugleich empiriegeleiteten Untersuchungen, die das Feld bereits vorweisen kann.

  1. Dieses Bild ist bis heute dominant. Ein gutes Beispiel hierfür sind die veröffentlichten Antworten auf die 2015 ausgelobte Preisfrage der Gesellschaft für analytische Philosophie: „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“. Verschiedene Beiträge stellen dem agierenden und entscheidenden ‚Wir‘ der Ankunftsgesellschaften die anonymisierte Masse der Flüchtlinge gegenüber beziehungsweise dem agierenden ‚Wir‘ das passive, in Not geratene Individuum, das selbst nicht agieren kann. Außer einem moralischen Anspruch auf Hilfe verbindet diese Figur nichts mit der Gesellschaft, die sie aufnehmen oder des Landes verweisen kann. Thomas Grundmann / Achim Stephan (Hg.), Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen? Philosophische Essays, Stuttgart 2016.
  2. Im Schwerpunkt wird hier Undienlichkeit besprochen. In Widerstände liegt der Fokus auf dem Nachdenken über Widerstand in Form von Flucht, Freitod, Rückzug, Passivität in Absetzung von verschiedenen (westlichen) Traditionssträngen des politischen Denkens über Widerstand. Diese Formen von Widerstand werden in Undienlichkeit in die Geschichte und politische Rechtfertigung der Gewalt eingebettet.
  3. Judith Shklar, American Citizenship. The Quest for Inclusion, Cambridge, MA / London 1991, S. 16 f. und 25–62.
  4. Ebd., S. 16, S. 23 und S. 27 f.
  5. Siehe zum Beispiel das Buch von Jürg Martin Meili über die widerständigen Praktiken, die sich in der afro-amerikanischen Musik widerspiegeln: Jürg Martin Meili, Kunst als Brücke zwischen den Kulturen. Afro-amerikanische Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, Bielefeld 2011.
  6. Dimitris Papadopoulos / Niamh Stephenson / Vassilis Tsianos, Escape Routes. Control and Subversion in the 21st Century, London 2008.
  7. Engin F. Isin / Peter Nyers, (Hg.), Routledge Handbook of Global Citizenship Studies, Hoboken, NJ 2014.
  8. Julia Schulze Wessel, Grenzfiguren. Zur politischen Theorie des Flüchtlings, Bielefeld 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Gewalt Kolonialismus / Postkolonialismus Migration / Flucht / Integration Staat / Nation

Autorinnenfoto von Julia Schulze Wessel

Julia Schulze Wessel

PD Dr. Julia Schulze Wessel ist Sozialwissenschaftlerin, Dozentin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Dresden und Geschäftsführerin von anDemos – Institut für angewandte Demokratie- und Sozialforschung e.V. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Demokratietheorie, Grenzen der Demokratie, Partizipation, Bürger:innenschaft, Flucht und Migration. Ihr Buch „Grenzfiguren. Zur Politischen Theorie des Flüchtlings“ ist 2017 im transcript Verlag erschienen.

Alle Artikel

Empfehlungen

Jakob Borchers

Aufgelesen

Die Zeitschriftenschau im Juni 2021

Artikel lesen

Volker M. Heins

Die kommende Internation

Marcel Mauss als politischer Philosoph

Artikel lesen

Sebastian Dute

Drachenkunde und Kritik

Didier Fassins Vorlesung im Sommersemester 2021 am Collège de France (2/3)

Artikel lesen