Klaus Schlichte | Rezension |

Die Schließung der Welt

Rezension zu „Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert“ von Steffen Mau

Steffen Mau:
Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert
Deutschland
München 2021: C.H. Beck
189 S., 14,95 EUR
ISBN 978-3-406-77570-3

In den ersten Jahren nach dem Fall der Mauer verbreitete sich der Glaube an eine „entgrenzte Welt“. Nach der Lektüre von Maus neuem Buch weiß man, dass das wohl eher eine Illusion der „frequent travellers“ war. Der weit überwiegende Teil der Menschheit ist nach wie vor nicht international mobil, allein schon deshalb, weil den meisten dafür die Mittel fehlen, aber auch, weil sie an Grenzen scheitern würden. Dieser Befund, den Steffen Mau aus den Ergebnissen eines mehrjährigen Forschungsprojekts über die Veränderungen von Grenzpraktiken ableitet, veranlasst ihn, die „Globalisierung“ als widersprüchlichen Prozess zu verstehen (S. 15). Schließlich induziere sie nicht nur neue Verbindungen und Zusammenhänge, sondern genauso auch Schließungen und Exklusion. Grenzen seien Sortiermaschinen, Filter, mit denen erwünschte von unerwünschter Migration geschieden würde, und zwar mit einem technologisch immer avancierteren Ensemble aus Kontrollorten und Kontrolltechnologien.

Maus Analyse befasst sich ausschließlich mit der Mobilität von Personen; über Kapitalflüsse, die Mobilität von kulturellen Mustern, politischen Modellen oder Gütern enthält der Band nichts. Umso eindeutiger fällt Maus Befund aus: Heutzutage sei die Grenze als Sortiermaschine für Menschen ein komplexes Arrangement, das ihre Mobilität einem Sicherheitsparadigma unterwerfe, das über vielfach verschachtelte Kontrollräume operiere, Zonen der Zirkulation herstelle, sich an der Sozialfigur von vertrauenswürdigen – und meist wohlhabenden – Reisenden orientiere und letztendlich eine globale Hierarchie der ungleichen Mobilitätsrechte hervorbringe. An der Grenze werde Ungleichheit erzeugt und auf Dauer gestellt.

Im Anschluss an diese schon in der Einleitung des Buches formulierten Hauptbefunde geht Mau ins Detail. Das zweite Kapitel betrachtet den Zusammenhang von Staatlichkeit und Territorialität als eines der Kernmerkmale bei der „Neuerfindung der Grenze“. Mau hebt an dieser Stelle die für eine rechtsfixierte Auffassung der internationalen Politik irritierende Erscheinung informeller Staaten hervor, die obwohl oftmals nicht von anderen Staaten anerkannt, die gleichen Prozeduren wie „richtige“ Staaten anwendeten. Territorialität sei offenbar zur Basis für Klassifikationsprozesse geworden, und habe sich globalisiert. Die territoriale Ordnung der Welt ist seit dem Ende der Dekolonisation sogar erstaunlich stabil. Selbst die oft als „künstlich“ bezeichneten Grenzen afrikanischer Staaten sind seit der Dekolonisation beinahe vollständig unverändert geblieben. An einer späteren Stelle im Buch erwähnt Mau, dass die Reisemobilität in afrikanischen Subregionen dennoch häufig weniger eingeschränkt sei als in Europa. Überhaupt seien europäische Staaten gar nicht liberal was ihre Grenzregime angehe: Die „Festung Europa“ – wie auch die Abschottung der USA und anderer reicherer Länder – sei keine Mär, sondern findet sich in Maus Analyse bestätigt. Die „Entgrenzungsvariante“ der Globalisierungserzählung hält Mau auch aus diesem Grund für einen Mythos.

Das dritte Kapitel des Buches zeigt die „Dialektik der Globalisierung“ noch deutlicher: Zwischen 80 und 90 Prozent der heute lebenden Menschen seien überhaupt noch nie geflogen, es gebe ohnehin wenig Süd-Süd-Flugverkehr, so dass die zunächst beeindruckend hohen Zahlen internationaler Mobilität vor allem auf die Aktivitäten von OECD-Bewohner*innen zurückgehen würden (S. 47). Spätestens an diesem Punkt gerät die Lektüre ins Stocken, denn eine Erklärung aus einer wie auch immer gearteten theoretischen Perspektive für diesen Umstand suchen Lesende vergebens. Stattdessen finden sich eher orakelhafte Formulierungen wie:

„In einer dialektischen Zuspitzung lässt sich die These aufstellen, dass Grenzöffnung und Grenzschließung sogar ursächlich miteinander verbunden sind, es also einen kausalen Nexus zwischen beiden gibt.“ (S. 49)

Unklar bleibt, worin dieser Zusammenhang bestehen könnte. Ist der Ausschluss der einen Voraussetzung für die Mobilität der anderen? Oder liegt der Freiheit der einen wie auch der Unfreiheit der anderen vielleicht etwas Drittes zugrunde? Mau bestimmt seinen Begriff von Globalisierung nicht näher, nennt aber in Anlehnung an Giddens eine „grenzüberschreitende Wechselseitigkeit“, einen „Prozess des In-Beziehung-Setzens“ als sein Verständnis (S. 48). Das dritte Kapitel, das den eigentlichen theoretischen Gehalt des Bandes präsentieren sollte, verbleibt so im Vagen: „Grenzen rüsten um, um die Öffnungsinteressen – Einbindung in einen Weltmarkt, Bewegungsmöglichkeiten für die eigenen Bürger, Tourismus etc. – mit Schließungsinteressen – Sorge um die Sicherheit, Angst vor unkontrollierter Zuwanderung – zu verbinden“ (S. 50), heißt es da. Und weiter? Gibt es keine Akteure? Um wessen Interessen geht es?

Für Leser*innen, die weniger mit der Literatur zur globalen Migrationspolitik vertraut sind – und Mau wendet sich in Tonfall, Wort- und Verlagswahl erkennbar an ein breiteres Publikum –, enthalten dafür die nächsten Kapitel viel Neues und Wissenswertes. Das auch die darin enthaltenen Einsichten Potenzial für Theoretisierung bieten, sei vorweggenommen. Die Kapitel vier, fünf und sechs stellen nämlich je einen spezifischen Typ von Grenze vor, der je eine von drei Tendenzen der Filterfunktion von Grenzen abbildet.

Der erste Grenztyp wird als „Fortifizierung“ (Kapitel 4, S. 51) bezeichnet. Grenzmauern als Bollwerke der Globalisierung seien ein Phänomen, das in der jüngsten Vergangenheit zunehme: Seit der Jahrtausendwende seien mehr Grenzen mit Bauten fortifiziert worden als insgesamt in den fünf Dekaden zuvor. Der Mauerbau sei ein globales Geschäft, ja sogar ein „westlicher Exportschlager“ geworden (S. 54). Der Anteil fortifizierter Grenzen sei von 5 % im Jahr 1990 auf aktuell 20 bis 25 % gestiegen, so das Ergebnis zweier voneinander unabhängiger Forschungsprojekte.

Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? Mau bleibt leider auch hier eine Begründung schuldig und belässt es bei der Wiederholung seines Befundes: Auch Mauern seien Sortiermaschinen, sie richteten sich nur gegen bestimmte Ströme, nicht gegen alle Menschen generell. Manche Grenzen seien auf eingefrorene Konflikte zurückzuführen, wie etwa zwischen Armenien und Aserbaidschan oder Pakistan und Indien. Andere dienten der „Terrorabwehr“, die meisten aber bildeten Wohlstandsgefälle ab. Das führt den Autor zur Homophilie-These: Je ähnlicher Wohlstandsniveaus ausfielen, desto weniger Grenzkontrolle gebe es zwischen zwei Staaten. Modifiziert werden müsse diese These indes vor dem Hintergrund einiger „historischer Faktoren“. Dazu zählt Mau etwa die Rivalität zwischen Pakistan und Indien oder die Einflusssphären von Großmächten.

Kapitel 5 behandelt so genannte „Filtergrenzen“ (S. 72), denen die Funktion zukomme, die Mobilität bestimmter Personenkreise zu ermöglichen, gleichzeitig aber diejenige anderer zu unterbinden. Die Ausgestaltung dieser Filterfunktion scheine im Wesentlichen von utilitaristischen Erwägungen der Regierungen bestimmt zu sein, die beispielsweise wirtschaftlich nützliche Arbeitsmigration zuließen oder sogar förderten. Gleiches gelte für die verbreitete Praxis, Wohlhabenden die Ansiedlung im eigenen Land zu erlauben, um für Kapitalimporte attraktiv zu sein. Längst sei eine Kommerzialisierung von Mobilitätsrechten entstanden, die die Wahl einer Staatsbürgerschaft für eine bestimmte Klientel zum Kaufakt habe werden lassen. Die Praxis des EU-Landes Zypern, in dem es die Staatsangehörigkeit bei Inlandinvestitionen von über zwei Millionen Euro automatisch oben drauf gibt,[1] sei hierfür das bekannteste Beispiel. Mit dem Unterton der leichten Skandalisierung nimmt Mau dieser Entwicklung gegenüber eine kritische Haltung ein, die jedoch nicht so recht dazu passen mag, dass er in diesem Kontext den Ausdruck „Staatsbürgerlotterie“ verwendet –ein falscher Begriff, ist doch von einem absichtlichen Ausschluss die Rede, nicht von einer Verteilung des Zugangs nach Zufalls- und Glücksprinzip.

Immerhin wird in diesem Kapitel deutlich, dass die vermeintlichen Reisefreiheiten global anders gestaffelt sind, als ein populärer Glaube es annimmt. Zwar verfügen Staatsbürger*innen der Schweiz, Deutschlands und Schwedens weltweit über die größten Mobilitätschancen, umgekehrt aber ist etwa die Region Ostafrika viel liberaler bei der Gewährung von Einreise- und Ansiedlungsrechten als es die Europäische Union oder die USA sind. Wie sich diese Muster in anderen Regionen fortsetzen, wie liberal oder illiberal die Beziehungen etwa zwischen Indien und den Golfstaaten, zwischen Singapur und seinen südostasiatischen Nachbarn sind, wäre an dieser Stelle interessant gewesen, hätte es doch Aufschluss darüber erlaubt, wie stark Mobilitätsrechte eventuell doch nur von Kapitalverwertungsinteressen bestimmt werden, die als Standortwettbewerb inszeniert werden.

In Kapitel 6 thematisiert Mau einen dritten Typ von Grenze, die so genannten „smart borders“ (S. 99 ff.). Reisende sehen sich in den letzten 20 Jahren mit einer rasanten Entwicklung der Grenzkontrolltechnologie konfrontiert, bei der eine nicht überschaubare – und in weiten Teilen auch unbekannte – datenmäßige Erfassung der Personenmobilität mit einer immer ausgefeilteren Technologie zur Unterscheidung von Menschen einhergehe. Diese Entwicklung nahm mit der „Bertillonage“, also der Bestimmung des Individuums anhand einzelner Körpermerkmale im 19. Jahrhundert und der Entwicklung von personalisierten Ausweisen ihren Anfang. Während Mau diese wichtige historische Entwicklung der staatlichen Biometrie auslässt, nennt er die heute üblichen Technologien des Körperscanning, des algorithmisch gesteuerten Gesichterabgleichs und andere „tracking“-Formen. Wie im Fall der Arbeits- und Investitionsmigration sei auch hier ein neuer Markt entstanden, nicht nur für die Anbieter dieser Technologien, sondern auch für Firmen, die Wohlhabenden die mit solchen Prüfungsprozeduren verbundenen Umstände und Unannehmlichkeiten ersparen helfen.

Die Kapitel 7 bis 9 des Buches entwickeln schließlich eine These, die über die klassischen Vorstellungen von Staatsgrenzen – und damit auch über die vorangegangenen Kapitel des Buches – insofern hinausweist, als sie die Exterritorialisierung von Kontrolle, die Entstehung von Grenzzonen und die Globalisierung eines Grenzregimes behandeln, das mit dem „Global War on Terror“ und Prozessen der regionalen Integration neue Konturen angenommen habe. Sowohl die USA als auch die EU haben die Migrationskontrolle ihren eigentlichen Grenzen weit vorgelagert, in den Sahel, nach Mittelamerika hinein. Auch hier seien neue Technologien wie neue Sicherheitsbedürfnisse treibend. Zugleich indizierten der Schengen-Raum und ähnliche regionale Liberalisierungen, dass Grenzregime und -praktiken immer weniger mit nationalen Grenzen zusammenfallen. So konstatiert Mau die Emergenz von neuen „Makroterritorien“, innerhalb derer Mobilität vereinfacht sei, während ihre Außengrenzen einer immer stärkeren und technologisch aufgerüsteten Kontrolle unterlägen. Dies gelte nicht nur für den Schengenraum, sondern gleichwohl auch für Lateinamerika und die „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ (S. 129).

In seinem Schlusskapitel bezeichnet Mau die „Öffnungsglobalisierung“ erneut als Schimäre, und jede*r, der/die mit dem Wohl und Wehe des Reisens von Nicht-OECD-Bürger*innen vertraut ist, wird dem nickend zustimmen. Gleichwohl fehlt dem Buch der Clou: Was ist denn das für eine Welt? Eine aus Staaten, eine aus Regionen bestehende? Oder ein hegemoniales Projekt, indem ein vorgeblicher Nationalismus nur der Akkumulation von international beweglichen Oligarchen dient, wie dies etwa Jean-Francois Bayart in seinem L’impasse national-libérale (2017) hervorgehoben hat? Auch die Arbeiten von Zygmunt Bauman, Gérard Noiriel oder Michel Agier haben die meisten von Maus Befunden teils vor vielen Jahren schon hervorgehoben, ganz zu schweigen von den critical security studies, die Mau ausgiebig zitiert. Zu denken wäre auch an Deleuze und Guattaris These der gleichzeitigen Deterritorialisierung und Reterritorialisierung. Eine etwas weitergehende Interpretation hätte man sich vor diesem Hintergrund schon gewünscht.

Eine zweite Bemerkung betrifft das Empirische. Zweifellos kann kein Buch über Grenzen alle Aspekte abbilden, aber bei der Frage der Personenmobilität gibt es doch ein paar langjährige Dauerbefunde, mit denen Maus Referat hätte kontrastiert werden müssen. Wie wichtig sind Außengrenzen eigentlich in der räumlich-sozialen „Sortierung“ der Weltgesellschaft? Solche Effekte müssten ja zunächst zu denen der „inneren Grenzen“ ins Verhältnis gesetzt werden. Die „Green Belts“ in Bagdad und Kabul oder die geschützten Siedlungen von UN-Mitarbeitenden in Interventionsgebieten sind sicher Extremfälle, aber die globale Expansion von „gated communities“ bildet ähnliche Muster im Inneren von Staaten ab, die Mau nur an den Außengrenzen beobachtet. Durchaus sanktionsbewehrte Segregation ist auch in vielen anderen Kontexten zu beobachten, am deutlichsten sicher in Südafrika, aber auch in Lateinamerika, den USA und seit den 1990er-Jahren auch in Russland. Vielleicht geht es bei den „Filtern“ gar nicht um eine nationalstaatliche Logik der Ausschließung und Öffnung, sondern um Kapitalienbesitz, wie etwa Anja Weiß in ihrer Analyse globaler sozialer Ungleichheit (2017) argumentiert hat.

Fazit: Maus Buch hält für Spezialist*innen keine neuen Erkenntnisse bereit, ist aber wunderbar für ein allgemeines Publikum geeignet, das sich eventuell gern ein wenig in Selbstgewissheiten eigener Liberalität ergeht. Und: All diese Anmerkungen ändern nichts an der interessierten Freude, mit der man Mau liest. Es ist ein bisschen so, als beobachte man die deutsche Soziologie gerade dabei, wie sie die Wohnzimmertür aufstößt und über den Flur in die große Welt hinausgeht.

  1. Vgl. Andrej Přívara, Citizenship-for-Sale Schemes in Bulgaria, Cyprus, and Malta, Migration Letters, 16 (2019), 2, S. 245–254.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Daten / Datenverarbeitung Demokratie Digitalisierung Geld / Finanzen Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Internationale Politik Macht Migration / Flucht / Integration Staat / Nation

Klaus Schlichte

Klaus Schlichte ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bremen und leitete dort von 2012 bis 2015 die exzellenzgeförderte Graduate School für Sozialwissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Soziologie internationaler Politik und politische Gewalt in historischer Perspektive. Ausgewählte Veröffentlichungen: Der Staat in der Weltgesellschaft. Politische Herrschaft in Afrika, Asien und Lateinamerika, Frankfurt am Main 2005; In the Shadow of Violence. The Politics of Armed Groups, Frankfurt am Main / Chicago, IL, 2009.

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