Alexandra Schauer | Literaturessay |

„Die Sprache bringt es an den Tag“

Literaturessay zu „Schuldgefühle. Postnazistische Mentalitäten in der frühen Bundesrepublik“ von Peter von Haselberg

Peter von Haselberg, hg. von Michael Becker, Dirk Braunstein und Fabian Link:
Schuldgefühle. Postnazistische Mentalitäten in der frühen Bundesrepublik. Eine Studie aus dem Gruppenexperiment am Institut für Sozialforschung
Deutschland
Frankfurt am Main 2020: Campus
252 S., 29,95 EUR
ISBN 9783593511917

Die Sprache lässt sich als eine Ausdrucksform des Unbewussten verstehen. Dass sie zu Tage bringt, was eigentlich im Dunkeln bleiben soll, ist eine Überzeugung, die mit Blick auf den Nationalsozialismus immer wieder geäußert worden ist. „Was jemand willentlich verbergen will“ schreibt Victor Klemperer in seiner Analyse der Lingua Tertii Imperii, „sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“[1] Tatsächlich lässt sich das gesamte Projekt der LTI als Versuch verstehen, die Verrohung der Gesellschaft im Nationalsozialismus an deren Sprache abzulesen. Als Klemperer die Arbeit an diesem Projekt begann, hatte Karl Kraus seine – ebenfalls der Sprache des Dritten Reichs gewidmete – Studie Dritte Walpurgisnacht bereits abgeschlossen. Wortgleich fällt dort der oben zitierte Satz, wobei der Kontext die gedankenlose Verwendung militärischer Metaphern wie „Kampf“ oder „in Stellung bringen“ ist.[2] Dass ein solcher Sprachgebrauch nicht ungefährlich ist, dass die Phrase vielmehr zur Tat werden kann, dessen war sich Kraus schmerzlich bewusst. Er selbst hat die vergessene Gewaltgeschichte zahlreicher Redewendungen, wie etwa jemandem „Salz in die Wunde streuen“, untersucht.

Wie sehr auch die Sprache im Nachkriegsdeutschland von solchen unbewussten Sprachhandlungen bestimmt war, zeigt eine Studie, die nun in den Frankfurter Beiträgen zur Soziologie und Sprachphilosophie erschienen ist. Es handelt sich um Peter von Haselbergs Untersuchung Schuldgefühle. Postnazistische Mentalitäten in der frühen Bundesrepublik, für die ursprünglich der Titel „Verhaltensweisen gegenüber dem Schuldgefühl“ (Einführung, S. 23 f.) vorgesehen war. Als Teil des 1950/51 durchgeführten Gruppenexperiments des Frankfurter Instituts für Sozialforschung entstanden, blieb sie, wie viele Ergebnisse der „pilot study“,[3] lange unveröffentlicht. Von den ursprünglich zwölf geplanten Monografien erschien nur ein einziger umfangreicher Studienbericht – und auch der erst 1955. Dieser stellt hauptsächlich die Ergebnisse der quantitativen Analysen vor, die als eine Art Meta-Studie auf der inhaltsanalytischen Auswertung des Materials der Gruppendiskussionen basierten. Nur zwei qualitative Untersuchungen wurden beigefügt. Die Studie von Haselberg gehörte nicht dazu. Das Typoskript, das der aktuellen Veröffentlichung zu Grunde liegt, war nicht einmal bis zur Druckreife gelangt. Dass es nun zugänglich ist, ist Michael Becker, Dirk Braunstein und Fabian Link zu verdanken. Sie haben die Vorlage sorgsam editiert, kontextualisiert und mit einer lesenswerten Einführung über Postnazistisches Sprechen versehen. Weil sie die nachvollziehbare Entscheidung getroffen haben, bei ihrer Editionsarbeit auf strukturierende Eingriffe in den Text zu verzichten, hat die Studie ihren unvollendeten Charakter nicht verloren. So wurde die zwar vorgesehene, aber im Typoskript nicht vorhandene, Kapiteleinteilung ebenso wenig ergänzt wie kontextualisierende Abgaben zu den Diskussionsgruppen, aus denen das verwendete Interviewmaterial stammt. Der Einführung der Herausgeber ist zu entnehmen, dass einer der zentralen Gründe für die zurückhaltende Publikationspraxis die Brisanz der Ergebnisse war. Über sie herrschte am Institut Einigkeit. Friedrich Pollock nannte sie „beunruhigend“, weswegen eine für 1953 geplante kleine Tagung zum Gruppenexperiment „keinerlei öffentlichen Charakter“ haben sollte (zit. n. Einführung, S. 20). Theodor W. Adorno schätzte fast „alle Monographien“ als „zur Publikation nicht geeignet“ ein; „ihr Inhalt hätte bei den Lesern einen zu großen Schock ausgelöst“ (zit. n. Einführung, S. 21). Auf den Grund für diese Befürchtungen deuten bereits die quantitativen Analysen hin. Auch wenn sie aufgrund der qualitativen Konzeption des Gruppenexperiments nicht generalisierbar sind, zeichnen sie ein düsteres Bild der Nachkriegsgesellschaft: „Nur zehn Prozent standen“ uneingeschränkt „zur Demokratie, 22 Prozent lehnten sie ab, insgesamt 61 Prozent lehnten eine Westorientierung ab, 72 Prozent konnten als leicht oder deutlich antisemitisch gelten.“[4] Die Studie von Haselberg nähert sich diesen Einstellungen über eine Analyse der Sprache; vollends verständlich wird ihre Anlage jedoch erst, wenn man sie vor dem Hintergrund der inhaltlichen wie methodologischen Gesamtkonzeption des Gruppenexperiments betrachtet.

Anlage und Methodik des Gruppenexperiments

Gegenstand des Gruppenexperiments war „die gegenwärtige deutsche Mentalität überhaupt, und zwar sowohl was die vorherrschende Ideologie wie was die tiefergehenden sozialpsychologischen Determinanten anlangt.“ (Projektplan, zit. n. Einführung, S. 16) Dabei sollten einerseits „Typen von Nationalismus und nationalistischen Personen“ (ebd.) herausgearbeitet werden, anderseits ging es um die Freilegung jener „‚transsubjektiven’ Faktoren“, die nach Ansicht der Forschergruppe um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Friedrich Pollock den vorbewussten Boden politischer Einstellungen bilden.[5] Um diesen zu ergründen, setzte man, ebenso wie in den vorangegangenen Studien des Instituts, auf eine Verbindung von Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse. Darüber hinaus strebte die Forschungsgruppe die Entwicklung eines Modells kritischer Sozialwissenschaft an, die als „Demokratiewissenschaft“ (Einführung, S. 22) Möglichkeiten eröffnen sollte, auf gesellschaftliche Zusammenhänge einzuwirken. Wie ein solches Einwirken aussehen könnte, hat Adorno in seinen Vorträgen Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit und Erziehung nach Auschwitz deutlich gemacht: Forderte er in Aufarbeitung der Vergangenheit die „Erziehung der Erzieher“ durch eine „Soziologie […], die zusammenfiele mit der geschichtlichen Erforschung unserer eigenen Periode“,[6] heißt es in Erziehung nach Auschwitz zudem: „politischer Unterricht“, der verhindern will, dass Auschwitz sich wiederhole, „müßte […] in Soziologie sich verwandeln“.[7]

Insgesamt wurden im Rahmen des Gruppenexperiments 121 Gruppendiskussionen mit 1635 Teilnehmern durchgeführt.[8] Methodisch innovativ war das Ansetzen von Gesprächsgruppen ebenso wie der verwendete Grundreiz, der die Diskussion stimulieren sollte. René König bezeichnete ihn in einem Brief anerkennend als „ein kleines Meisterwerk“.[9] Es handelte sich um einen von einer Schallplatte abgespielten fiktiven Bericht eines – je nach geografischem Untersuchungsgebiet amerikanischen oder britischen – Besatzungsoffiziers namens Michael T. Colburn oder Colburne, dessen Erfahrungen mit den Deutschen als Stimulus für Gespräche über sieben Testthemen dienen sollte. Sie sollten Aufschluss über die Einstellung zur Demokratie, zur Schuld, zu den Juden, zum westlichen Ausland, zum Osten und zur Remilitarisierung geben sowie die Selbstbeurteilung der deutschen Teilnehmer sichtbar machen. Als zentrales Thema kristallisierte sich im Verlauf der Untersuchung das Verhältnis von Schuld und Abwehr heraus.[10] Es war die „Schuldfrage als einem von der Mehrzahl der Deutschen unbewältigten objektiven und subjektiven Problem“, der in den Jahren 1950/51 „eine Schlüsselstellung für das Verständnis der öffentlichen Meinung und des politischen Potenzials in der Bundesrepublik“ zukam.[11]

Vor dem Hintergrund der in der Fachgeschichtsschreibung häufig kolportierten Erzählung von der zunehmenden – 1961 im Positivismusstreit in der deutschen Soziologie gipfelnden – Empiriefeindlichkeit der älteren Kritischen Theorie mag überraschen, dass die Einleitung des 1955 erschienenen Studienberichts „die methodischen Ergebnisse ebenso wichtig oder wichtiger als die inhaltlichen“ nennt.[12] Statt auf die Gegenüberstellung von Theorie und Empirie kam es dem Institut auf eine spezifische Verknüpfung beider Erkenntnisweisen an. Als Modell für eine solche soziologische Verfahrensweise führt Adorno in seiner Einleitung in den „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ bemerkenswerterweise die Sprachkritik des eingangs erwähnten Karl Kraus an. Mit seiner „entfaltete[n] Physiognomik der Sprache“ habe dieser „[a]us den Einzelphänomenen […] ein Ganzes“ extrapoliert, „dessen die komparative Allgemeinheit nicht mächtig ist“.[13] In gleicher Weise sollte nach Adorno eine theoretisch angeleitete Empirie verfahren; sie hätte zu zeigen, „daß das angeblich Konkrete, also die Fakten, in einem weiten Maß selber […] Ausdruck jener abstrakten Ordnung der Beziehungen ist“, die die Soziologie „Gesellschaft“ nennt.[14] Die Einleitung zum Studienbericht stellt auf die Herausforderungen der Verknüpfung ab: „Oftmals ist man – wenn auch nicht durchaus zu Recht – versucht zu denken, jeder Fortschritt in der Exaktheit und Objektivität der Forschungstechnik werde mit einem Verlust an Sinngehalt und umgekehrt jede Vertiefung der theoretischen Erkenntnis mit einem Verlust an bündiger Überprüfbarkeit bezahlt.“[15]

Wie beide Erkenntnisweisen tatsächlich zusammengebracht werden, zeigt sich am Methodenverständnis der Kritischen Theorie. Methoden werden nicht als formale Werkzeuge begriffen, die auf jeden beliebigen Gegenstand angewendet werden können, sondern ihre Auswahl muss sich gemäß des erkenntnistheoretisch wie auch sozialphilosophisch gebotenen „Vorrang[s] des Objekts“ nach dem Untersuchungsgegenstand richten.[16] Dass die methodische Entscheidung für die erste Studie, die das Institut nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Angriff nahm, auf die dort weitgehend unbekannte Gruppendiskussion fiel, hatte folglich ein fundamentum in re. Ihr Ziel war, „die Oberfläche der öffentlichen Meinung, so wie sie sich offiziell bekundet, zu durchdringen und ein wissenschaftlich fundiertes Urteil zu ermöglichen, wie charakteristische Gruppen der Bevölkerung der Bundesrepublik zu weltanschaulichen und politischen Fragen tatsächlich stehen“.[17] Die Einstellungen und Meinungen, die offen gelegt werden sollten, wurden jedoch nicht als statisch und durch einen Fragebogen abfragbar begriffen: Die Vorstellung, „[d]aß jeder über jedes eine eigene Meinung besitze“ galt als ein von der klassischen Meinungsforschung reproduziertes „Klischee der Moderne“.[18] Stattdessen war man am dynamischen Prozess der Meinungsbildung und -artikulation interessiert. Die Methode der Gruppendiskussion sollte den Annahmen Rechnung tragen, dass, erstens, Meinungen nicht isoliert entstehen, sondern in der Interaktion, dem Einzelnen also „häufig erst während der Auseinandersetzung mit anderen Menschen deutlich“ werden; dass sie zweitens wesentlich durch die „Persönlichkeitsstruktur“ geprägt sind und „Schwankungen des Affektlebens“ unterliegen; dass drittens die Unfähigkeit, Meinungen zu äußern, auf unbewusste Hemmungen zurückführbar sein kann, was gleichwohl nicht bedeutet, dass nicht „bestimmte Dispositionen“ vorliegen, und dass viertens „Antworten auf Fragen, gegen die man bewußt oder unbewußt Widerstände hat, […] häufig Rationalisierung [sind]“.[19] Diese Rationalisierungen zu erfassen und auf ihre latenten Sinngehalte zu durchleuchten, sah die Forschergruppe als eine ihrer zentralen Aufgaben an. Auch die Konzeption und Anwendung des Grundreizes ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Der Bericht des GI über seine guten und schlechten Erfahrungen mit den Deutschen, in dem alle Testthemen angesprochen wurden, war ausgewogen konzipiert und sollte doch auch provozieren: Gemäß der Einsicht, dass „[w]as ein Wütender sagt, nachdem sein Affekt die rationale Kontrolle durchbrochen hat, […] doch auch in ihm [ist]“, sollte er einen Zugang zu jenem „Vorrat vorbewußter, kurrenter Anschauungen“ eröffnen, die jeder „mit sich trägt“, ganz unabhängig davon, ob er sie „als voll Bewußter durch sein autonomes Urteil durchstreich[t] oder bestätig[t]“.[20]

Rezeption und Kritik des Studienberichts

Zwar betonten einige der nach der Veröffentlichung des Studienberichts zum Gruppenexperiment erschienenen Rezensionen dessen Beitrag „zur Methodenentwicklung in der Sozialwissenschaft“,[21] dennoch hat man der Kritischen Theorie – die Argumente aus dem Positivismusstreit vorwegnehmend – ihre spezifische Verknüpfung von Theorie und Empirie zum Vorwurf gemacht. Zentral hierfür war die Debatte, die 1957 in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie zwischen Theodor W. Adorno und Peter R. Hofstätter ausgetragen wurde. Ursprünglich hatte René König als Redaktionsleiter der Zeitschrift die Besprechung des Studienberichts übernehmen wollen, konfrontiert mit dem irreführend als Eine kritische Würdigung betitelten Verriss von Hofstätter, lud er Adorno ein, eine Replik zu verfassen.[22] Die Debatte ist auch über die methodischen Fragen hinaus interessant, weil sie zeigt, inwiefern der Gegenstand des Gruppenexperiments – postnazistische Mentalitäten in der jungen Bundesrepublik – auch die sich reformierende Soziologie betraf, in der sich Emigranten und Daheimgebliebene in konfliktträchtigen Konstellationen gegenüberstanden. Der aus Österreich stammende Hofstätter war während des Nationalsozialismus Wehrmachtspsychologe in Wien, anlässlich des Beginns der Auschwitz-Prozesse im Jahr 1963 erlangte er zweifelhafte Berühmtheit durch eine Reihe öffentlicher Stellungnahmen, in denen er konstatierte, Hitler habe „den Juden quasi den Krieg erklärt“, weswegen die Ausrottung der Juden im juristischen Sinne kein Mord gewesen sei, und sich für eine generelle Amnesie der Verbrechen der Wehrmacht einsetzte.[23] In seiner Kritik am Gruppenexperiment hob Hofstätter erstens auf die Konzeption des Grundreizes ab, dem er vorwarf, die Meinungen durch Provokation zu entstellen und als self-fulfilling prophecy zu wirken; zweitens wies er auf die tatsächlich große Zahl von Schweigern und auf die fehlende Generalisierbarkeit der Ergebnisse hin; drittens schließlich setzte er zu einem Frontalangriff auf die Grundkonzeption des Gruppenexperiments an, indem er die Existenz vorbewusster Dispositionen zurückwies. Vor allem auf Schuld und Abwehr als eine von zwei qualitativen Studien, die im Studienbericht veröffentlicht worden war, hatte es Hofstätter abgesehen. Sie sei eine „einzige Anklage, bzw. eine Aufforderung zur echten Seelenzerknirschung“ die übergehe, dass „kaum eine Möglichkeit“ bestünde, „wie ein einziges Individuum das Grauen von Auschwitz auf sich zu nehmen imstande wäre“.[24] Aus der en detail auf die Vorwürfe eingehenden Replik Adornos – von König als „brillantes Stück Kritik“[25] gelobt – hat vor allem ein Satz Berühmtheit erlangt. Er fällt, als Adorno Bezug nehmend auf die eben zitierte Formulierung Hofstätters zeigt, inwiefern die im Material erkennbare Tendenz zur Schuldabwehr auch die wissenschaftliche Kritik an der Untersuchung bestimmt: „Das Grauen von Auschwitz haben die Opfer auf sich nehmen müssen, nicht die, welche, zum eigenen Schaden und dem ihres Landes, es nicht wahrhaben wollen. Für die Opfer und nicht für die Nachlebenden war die ‚Frage der Schuld verzweiflungsträchtig’ (Hofstätter, S. 104), und es gehört schon einiges dazu, diesen Unterschied in dem nicht umsonst so beliebten Existenzial der Verzweiflung verschwimmen zu lassen. Aber im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden; sonst gerät man in den Verdacht, man habe Ressentiment.“[26]

Ob die sozialpsychologischen Dispositionen, die im Zentrum des Gruppenexperiments standen, ideologisch wirksam würden, hing für die Kritische Theorie nicht allein von der einzelnen Person, sondern vor allem von den gesellschaftlichen Verhältnissen ab: war ihr Einfluss unter den gegebenen Bedingungen gering, könnten sie jedoch „wenn sie sich abermals an starke objektive Mächte anschlösse, wieder ungeahnte Gewalt gewinnen“.[27] Gerade weil die Wirksamkeit dieser Dispositionen entscheidend von der jeweiligen gesellschaftspolitischen Lage abhing, strebte das Institut eine Wiederholung und Weiterführung der Forschung an. Ziel war das Anlegen eines „Archiv[s] von Bandaufnahmen und Protokollen“, das nicht nur „Soziologen und Psychologen zugute [käme], sondern vor allem Historikern, denen es primäres Quellenmaterial von ganz neuem Typus an die Hand gäbe.“[28] Zur Errichtung eines „solchen ‚Museum[s]’“[29] lebendiger Zeugnisse ist es nicht gekommen; das Gruppenexperiment wurde in der damaligen Form nicht weitergeführt.

Die Teilstudie von Peter von Haselberg

Die Studie von Peter von Haselberg ordnet sich dem großen Thema des Gruppenexperiments Schuld und Abwehr ein, findet aber zugleich einen eigenständigen Zugang zu ihm. Ihr Fokus liegt auf der Sprache und was sich durch sie verrät. Haselberg interessiert nicht nur, was einer sagen will, sondern auch, was oftmals gegen dessen Willen aus seinen Worten spricht. Sigmund Freud hatte für diesen „Konflikt zwischen Intention und Ausdruck“ (S. 42) in Zur Psychopathologie des Alltagslebens den Begriff der Fehlleistung geprägt. Darunter verstand er „[g]ewisse Unzulänglichkeiten unserer psychischen Leistung […] und gewisse absichtslos erscheinende Verrichtungen“, die sich, „wenn man das Verfahren der psychoanalytischen Untersuchung auf sie anwendet, als wohlmotiviert und durch dem Bewusstsein unbekannte Motive determiniert“ erweisen.[30] Nicht alles, was in Haselbergs Studie als Entgleiten des „subjektiv Gemeinten“ (S. 39) verhandelt wird, mag als Fehlleistung im engeren Sinne zu verstehen sein. Und doch teilt es mit dieser, dass im Sprechen der Affekt Vormacht über die Ratio gewinnt und so das Gesagte bestimmt. Das dabei zutage Tretende wird nicht als individuelle Deformation, sondern als Ausdruck von durch die postnazistische Gesellschaft vorgezeichneten Bewusstseinsinhalten begriffen. Postnazismus ist dafür der richtige Begriff, weil er anzeigt, dass die „Gesinnungspartikel und Meinungsfragmente“ (S. 36), über die die Gruppendiskussionen Aufschluss geben sollen, ihren Ursprung nicht in der Gegenwart haben, sondern vielerorts auf „Ordnungskategorien aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes“ (S. 43) zurückgehen.

Haselberg interessiert sich für den Einfluss, den die Sprache als eine von den Menschen gemachte, aber zugleich verdinglichte Praxis auf die Fähigkeit oder Unfähigkeit zur Reflexion über die eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus hat. Einig weiß er sich mit Adorno als Forschungsleiter darüber, dass Sprache sowohl ein „Gefängnis“ als auch ein „Glashaus“ sein kann.[31] Ein – den Blick auf die Gegenstände freigebendes – Glashaus ist die Sprache dort, wo „das Auf-den-Begriff-Bringen“ als „Begreifen“ (Einführung, S. 24) der Sache näher kommt, indem es eine Beziehung zwischen dem moralischen Subjekt und der Schuldfrage als Gegenstand des Gruppenexperiments herstellt. Wo die Sprache diese Funktion erfüllt, trägt sie durch die Schulung der Reflexions- und Urteilsfähigkeit des Denkens zur Herausbildung autonomer Subjekte bei. Damit leistete sie zugleich einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung der Nachkriegsgesellschaft. Ein solches reflexives Begreifen sieht Haselberg in den Gesprächen jedoch nur selten am Werk. Stattdessen herrsche in diesen eine eigentümliche „Sprachtaubheit“, ein „Verzicht auf Reflexion“ (S. 129) vor, von dem die „auffällige Gleichförmigkeit der Sprache“ (S. 36) Zeugnis ablege. Es handele sich um eine deformierte Sprache der Phrasen und Stereotype, die „[i]n Wahrheit […] Gestammel“[32] sei. Historisch führt Haselberg die Gleichförmigkeit auf das Fortleben der nationalsozialistischen Propagandasprache in der postnazistischen Gesellschaft zurück. Das postnazistische Sprechen sei sowohl im Stil als auch in den zu Grunde liegenden Affekten und Sprachbildern durch die vorangegangene Gesellschaft geprägt. Sozialpsychologisch legt er als die zentrale Funktion des postnazistischen Sprechens die Abwehr von Schuld frei. Was die Sprache hier an den Tag bringt, ist, dass alles Gesagte vor allem der Verdrängung eigener Verantwortung dient. Besonders deutlich tritt dies dort hervor, wo – mit der Frage der Schuld konfrontiert – die Sprache ganz versagt, zum Kauderwelsch wird, weil „nichts, was in [ihren] Umkreis fällt, mehr einer schlüssigen Formulierung zugeführt werden kann“ (S. 40). Das bedeutet gleichwohl nicht, dass Schuld in den Gruppendiskussionen gar kein Thema ist. Aber es gelingt nicht, eine persönliche Beziehung zur Schuldfrage herzustellen. Haselberg zeigt, dass diese Unfähigkeit zur Thematisierung persönlicher Schuld kein individuelles Versagen ist, sondern das Fundament der frühen Bundesrepublik bildet. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen etwas mehr als 15 Jahre später auch Alexander und Margarete Mitscherlich, die in Die Unfähigkeit zu trauern einen Zusammenhang zwischen der Schuldabwehr und dem als Wirtschaftswunder titulierten tatkräftigem Wiederaufbau herstellen.[33] Damit ist das Sprachhandeln der Diskussionsteilnehmer durchaus realitätsgerecht. Bezahlt wird es jedoch mit einem „Verlust der Subjektivität“ (S. 43). Das Schwinden individueller Ausdrucksfähigkeit und der Bedeutungsverlust eines rationalen Diskurses stellen zwei Seiten der Deformation der Sprache dar: Die Folge ist, dass die Individuen – gefangen in einer Sprache, der sie „nicht mehr Herr sind“ (S. 125) – die Fähigkeit verlieren, in kritische Distanz zu den inkorporierten Ideologieelementen zu treten.

Ist damit als zentrales Thema der Studie die „Negation einer konkreten Schuld“ (S. 40) benannt, so wird diese im weiteren Verlauf entlang dreier zentraler Motive verhandelt. Für das erste hatte Haselberg den Titel „Aufrechnung der Schuld“ (S. 54, Fn. 17) vorgesehen. Die Erstellung von „Schuldkont[en]“ (S. 40) zur Verrechnung der deutschen mit einer „amerikanischen“, „jüdischen“ oder „russischen Schuld“ stellt ein widerkehrendes Motiv in den Gesprächsgruppen dar. „Ich bin überzeugt, daß, wenn wir mal in der Lage sein werden, unsere Gegenrechnung den Amerikanern zu präsentieren“, konstatiert in diesem Sinne Z, der die Bombardierung deutscher Städte im Blick hat, „wir kämen, was Ziffern anbelangt, mit den Amerikaner pari.“ (S. 55) Andere führen in der Aufrechnung von „Untat gegen Untat“ (S. 70) den Krieg in Korea, die unlautere Bereicherung durch einzelne Personen oder die Lynchmorde in den Südstaaten an. Haselberg arbeitet heraus, wie dieses „[h]ändlerische[] Denken […] jedes Interesse an der Erforschung der Sache selbst [verdrängt]“ (S. 59). Weil eine Beziehung zwischen Tat und Täter gar nicht mehr hergestellt wird, läuft die Aneinanderreihung von „Beispiele[n] der Unmenschlichkeit“ (S. 45 f.) auf eine Beseitigung allen humanen Denkens, aller Empathie oder Einsicht hinaus. „Auffällig an dieser Art Unterhaltung“, konstatiert Haselberg, „ist das vollständige Fehlen jeden Echos, jeglicher Erschütterung über das Vernommene.“ (S. 45) Diese Aufrechnung von Untaten kann so weit gehen, dass sich die, die sich angeklagt fühlen, im Dienste der eigenen Schuldabwehr zu Anklägern erheben. Überall im Material tauchen neben Elemente des alten, Spuren eines „neue[n] Antisemitismus“ (S. 70) auf, den die Forschung später auf den Begriff des sekundären Antisemitismus bringen wird. Es handelt sich um einen Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. „Die deutschen Juden sind jetzt wohl wieder da“, äußert in diesem Sinne M., „aber sie lassen sich jetzt als Märtyrer pflegen und behandeln“ (S. 50). Haselberg erkennt in diesem „Protest über die nicht zustande kommende Normalisierung“ „(e)in Bedürfnis, die Juden zu bestrafen dafür, daß man ihnen gegenüber sich bedrückt fühlt und Schuld hat zugeben müssen“ (S. 51).

Ein zweites zentrales Motiv stellt der „Staatsfetischismus“ (S. 95) der Gesprächsrunden dar, der, wenn auch dem Nationalsozialismus entsprungen, gleichwohl nicht auf den Hitlerstaat beschränkt bleibt. Diese autoritäre Unterwerfung geht einerseits mit einer Verklärung der nationalsozialistischen Vergangenheit einher. Deutlich wird das etwa auch an einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 1948, in der 57 Prozent der befragten Deutschen den Nationalsozialismus als eine gute Idee beschreiben, die nur schlecht ausgeführt war (Einführung, S. 14). Anderseits erfüllt die Unterwerfung unter den Staat aber auch eine spezifische Funktion der Schuldabwehr. Viele stellen als „eine der wesentlichen Aufgaben des totalitären Staates“ heraus, dass dieser „seinen Bürgern zugleich mit den Rechten und der Verantwortung auch jegliche Schuld“ abgenommen habe (S. 89). Diese Umdeutung der eigenen Nichtigkeit in einen Vorteil stellt ein weiteres Motiv dar, dass das gesamte Material durchzieht.

Im abschließenden Teil wendet sich die Studie noch einmal den sprachlichen Details zu. Thematisiert werden „formelhafte Ausdrücke“ (S. 129), die „Beschwörung von Bildern“ (S. 162) und „Metaphern, die […] an die Stelle des Tatsachenbewußtseins treten“ (S. 159). Haselberg interpretiert sie als Ausdruck einer „Sprache, der die Sprechenden nicht mehr Herr sind“, die aber durch und durch „ihren geistigen Zustand [formt]“ (S. 125). Über sie werden Affekte, Ängste und Wünsche ausagiert, ohne dass diese, da sie unbewusst bleiben, dem Urteil zugänglich sind. Dieser Teil der Studie ist der hermeneutisch ertragreichste, da er die unbewussten Assoziationsketten, die Grundlage der ideologischen Deutungen der Wirklichkeit sind, offenlegt. Deutlich wird an ihnen nicht nur der Zusammenhang zwischen nazistischem und postnazistischem Sprechen, sondern auch, was Kraus meint, wenn er den Aufbruch der Phrase zur Tat als Merkmal des nationalsozialistischen Regimes ansieht. Die „befremdliche[n] Zuordnungen von Menschen zu niedersten Tiergruppen“ (S. 136), ihre Bezeichnung als „Ungeziefer“ (S. 137), ist eines der zentralen Elemente des modernen Antisemitismus. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik hat das Sprachbild in tödliche Realität umgesetzt: Die Mittel, derer sie sich bediente, waren „der Praxis der Ungezieferbekämpfung entlehnt“ (S. 138). Ebenso wie verwandte Sprachbilder, zu denen etwa die „‚organischen’ Metaphern“ (S. 132) oder die affektbesetze Gegenüberstellung von „Reinheit“ (S. 150) und „physische[m] Ekel[]“ (S. 143) zählen, ist auch die des „Ungeziefers“ aus dem Sprachschatz der Nachkriegsgesellschaft nicht wegzudenken. Für Haselberg ist das „der Beweis, daß, was damals geschehen [ist], von denen, die so reden, in keiner Weise begriffen“ (S. 137 f.) wurde. Statt der Sache näher zu kommen wirkt Sprache hier als „Bannzauber[] gegen die Realität“ (S. 167).

Bereits diese Formulierung lässt erahnen, dass das abschließende Urteil Haselbergs über den Zustand der Sprache und mit ihr über die Fähigkeit der Sprechenden zur Reflexion wenig optimistisch ausfällt. Für ihn ist die – durch den Nationalsozialismus vorangetriebene – Deformation der Sprache so weit fortgeschritten, das er eine Verständigung über das Schuldproblem eigentlich für unmöglich hält: „Als gesprochene“, so die abschließenden Sätze der Studie, „vermag sie die moralischen Ordnungen, die sie einst konstituierten, heute nicht mehr transparent zu machen. Darum – und nicht allein aus der Unübersichtlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse – ist die Antwort auf die Frage nach der Schuld nicht mehr zu leisten.“ (S. 178) Die Herausgeber attestieren Haselberg hier einen „polemische[n] Überschuss seiner Kritik“, der in eine „argumentative Sackgasse“ führe (Einführung, S. 28). In seiner bereits 1955 veröffentlichten Teiluntersuchung zeigte sich Adorno nicht gleichermaßen pessimistisch. Nicht nur betonte er dort die moralische Ambivalenz. Die Abwehr von Schuldgefühlen bedeute „nicht nur, daß man sich reinwaschen will, sondern ebenso auch, daß man, was begangen ward, eben doch unrecht fand und darum ablehnt.“[34] Auch sah er die in seiner Typologie als Verständigungswilligen identifizierten als Träger einer zukünftigen Demokratisierung an. Dass dieser Demokratisierungsprozess einen gewissen Erfolg verzeichnen konnte, darauf deuten spätere Studien des Instituts hin, die zeigen, „daß die Einstellung zur Demokratie in Deutschland sich erheblich, und zwar positiv, geändert hat, selbst bei den extrem konservativen Gruppen wie den Bauern.“[35]

Postnazismus früher und heute

Geht man aber so weit wie Haselberg, dann wäre zumindest ein Teil des Gruppenexperiments – nämlich dessen gesellschaftspolitischer Bildungsanspruch – als gescheitert anzusehen. Sein großer Verdienst, der auch an der hier besprochenen Teilstudie augenfällig wird, liegt gerade in der Erforschung der Kluft, die zwischen der formalen Neukonstituierung der Bundesrepublik als Demokratie und den realen politischen Mentalitäten bestand. Eine Stunde Null hat es in der Frühgeschichte der Bundesrepublik nicht gegeben. Vielmehr hatte der Nationalsozialismus sowohl im Hinblick auf das institutionelle Gefüge als auch auf die politischen Mentalitäten Voraussetzungen geschaffen, „unter denen“ und gegen die „die Demokratie durchgesetzt werden musste“ (Einführung, S. 21). Insofern ist den Herausgebern Recht zu geben, wenn sie feststellen, dass sich das Verhältnis der Bundesrepublik zum Nationalsozialismus nur „durch die präzise Beschreibung und Interpretation von Kontinuitäten und Diskontinuitäten“ (Einführung, S. 21) verstehen lässt.

Dass sich diese Kontinuitäten bis in unsere Gegenwart erstrecken, darauf deuten nicht zuletzt aktuelle Meldungen über rechtsextreme Umtriebe in staatlichen Institutionen wie der Polizei oder dem Verfassungsschutz hin. Nimmt man Adornos Diktum, dass sich die politische Kultur der Bundesrepublik angemessen nur verstehen lässt, wenn man dem „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie“[36] nachspürt, ernst, drängen sich mit Blick auf die aktuellen Fälle zwei Fragen auf: Erstens die nach der Entstehungsgeschichte dieser Institutionen, die auf ihre strukturellen und personellen Verbindungen zum NS-Staat durchleuchtet werden müsste. Zu untersuchen wäre sodann, ob und wie diese dazu beigetragen haben, dass staatliche Institutionen – wie zuletzt deutlich der Umgang mit den NSU-Verbrechen gezeigt hat – auf dem rechten Auge oftmals blind sind. Zweitens stellt sich die Frage nach der intergenerationalen Weitergabe von Schuldabwehrmechanismen und postnazistischem Sprechen sowie nach den Entwicklungen und Transformationen, die diese dabei durchlaufen haben. Gefühlserbschaften aus Kriegs- und Nazizeit führen, wie jüngere Forschungen zeigen, nicht nur zu familiären Umdeutungen von Tätern in Opfer, sondern die Unbewussten Erbschaften des Nationalsozialismus können auch zur Ausbildung rechtsextremer Orientierungen in der Gegenwart beitragen.[37]

Allerdings wollte das Gruppenexperiment nicht nur eine gesellschaftstheoretische Verhältnisbestimmung zwischen bundesdeutscher Demokratie und nationalsozialistischer Vergangenheit vornehmen. Es wollte zugleich ein Modell kritischer Sozialforschung liefern, das in diese Konstellation hineinwirkt. Mit Blick auf den Gegenstand der Studie von Haselberg hätte das bedeutet, offen zu legen, wo im Sprechen eine Dimension aufscheint, in der Sprache nicht nur Gefängnis, sondern auch Glashaus ist. Auf eine solche kritische Sozialwissenschaft, die die politischen Mentalitäten nicht nur ideologiekritisch erforscht, sondern ihnen zugleich praktisch etwas entgegenzusetzen sucht, käme es an in einer Gegenwart, in der der latente Autoritarismus erneut manifest zu werden droht. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass die Rückkehr „starke[r] objektive[r] Mächte“,[38] an die die autoritären Dispositionen anschließen können, vielerorts mit einer Rückbesinnung auf die ältere Kritische Theorie zusammenfällt. Adornos 1967 vor dem Verband sozialistischer Studenten Österreichs gehaltener Vortrag Aspekte des neuen Rechtradikalismus schaffte es 2019 – nach seiner erstmaligen Veröffentlichung in Schriftform – auf die Bestsellerlisten von Spiegel, Stern, Focus und Börsenblatt. Die sich überschlagenden Rezensionen stellen fast einstimmig seine „verblüffende[] Aktualität“[39] heraus und preisen ihn als „direkten Kommentar zur Methode und Ideologie der Rechten seit 2015“.[40]

Anlässlich der Konformistischen Rebellen, die auf Pegida-Demonstrationen oder als Coranaleugner die Straßen besetzen, fragt ein im letzten Jahr erschienener Sammelband nach der Aktualität des autoritären Charakters,[41] und auch in den USA hat der Aufstieg Donald Trumps die Debatte um die dort entstandenen Studies in Prejudice wiederbelebt. „If I asked you what most defines Donald Trump supporters“, fragt Matthew MacWilliams im Januar 2016 noch vor dem offiziellen Wahlerfolg des zukünftigen Präsidenten, „what would you say? They’re white? They’re poor? They’re uneducated? You’d be wrong. In fact, I’ve found a single statistically significant variable predicts whether a voter supports Trump – and it’s not race, income or education levels: It’s authoritarism.“[42] Peter E. Gordon betont in seiner Relektüre der Studien zum autoritären Charakter demgegenüber nicht die Persönlichkeitsstruktur der Wähler, sondern die objektiven gesellschaftlichen Umstände, in deren Folge stereotypes Denken und Handeln zur gesellschaftlichen Normalität geworden sei.[43] Auch das Gruppenexperiment hatte diese Stereotypie des Denkens zum Gegenstand, es begriff die „Wiederkehr eines beschränkten Vorrates immer gleicher Thesen und Formeln“ als Ausdruck „objektiv vorgegebene[r], gesellschaftlich vorgezeichneter Bewußtseinsinhalt[e]“, die als transsubjektive Faktoren in die Meinungsbildung eingingen.[44] Die Vernachlässigung dieser vorbewussten Prägungen könnte einer der Gründe dafür sein, dass die klassische Meinungsforschung den Wahlerfolg Trumps nicht antizipieren konnte.

Der vorliegenden jüngsten Veröffentlichung aus dem Fundus des Gruppenexperiments ist zu entnehmen, dass die Hebung dieses vergessenen Archivschatzes nicht die letzte ihrer Art bleiben soll. Zu hoffen wäre, dass die Wiederentdeckung vergessener Untersuchungen zugleich zur Wiederbelebung einer Forschungstradition beiträgt, die Gesellschaftstheorie auf vielversprechende Weise mit empirischer Sozialforschung und Sozialpsychologie verknüpft. Dass eine solche Wiederbelebung gleichwohl keine einfache Wiederholung sein kann, darauf weist bereits der ursprünglich veröffentlichte Studienbericht hin. Nicht nur betont er den vorläufigen und experimentellen Charakter der Untersuchung, sondern er erkennt selbstkritisch an, dass für einige „methodologischen Schwierigkeiten“, die das Verhältnis transsubjektiver und individueller Faktoren betreffen, „bisher keine befriedigende Lösung gefunden“ sei.[45] Zu den methodischen Herausforderungen treten solche hinzu, die mit dem Zeitkern einer jeden Gesellschaftsbeobachtung einhergehen: die Formen der Sozialisation und die Charakterstrukturen der Individuen haben sich geändert, wie auch die Gesellschaft nicht die gleiche geblieben ist. Geht man davon aus, dass sich die Methode nach dem Gegenstand zu richten hat, dann wird ein solcher Wandel auch methodologisch zu berücksichtigen sein. Zu bewahren wäre jedoch der ideologiekritische Anspruch: im „‚Abhub der Erscheinungswelt’“ – in den Fehlleistungen, Oberflächenphänomenen und Alltagsdingen – „das Wesentliche“ zu entdecken.[46]

  1. Victor Klemperer, LTI. Notizbuch eines Philologen, Reclam Leipzig 1975 [1947], S. 21. Den Hinweis auf die doppelte Abwandlung des Gedichttitels von Adalbert von Chamisso »Die Sonne bringt es an den Tag« durch Victor Klemperer und Karl Kraus verdanke ich Sebastian Tränkles Studie Nichtidentität und Unbegrifflichkeit. Philosophische Sprachkritik nach Blumenberg und Adorno, in der sich auch eine ausführliche Erläuterung des Kraus’schen Gedankens eines Aufbruchs der Phrase zur Tat findet (Kapitel 8: III). Sie hat mich auf die zentrale Bedeutung der Sprache auch für die soziologischen Untersuchungen der älteren Kritischen Theorie aufmerksam gemacht. Die Studie erscheint 2021 bei Klostermann in der Weißen Reihe.
  2. Karl Kraus, Die Dritte Walpurgisnacht, München 1967 [1952], S. 241.
  3. Friedrich Pollock, Gruppenexperiment. Ein Studienbericht, Frankfurt am Main 1955, S. 34.
  4. Alex Demirović, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999, S. 362.
  5. Pollock, Gruppenexperiment, S. 34.
  6. Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, Gesammelte Schriften Bd. 10.2, Frankfurt am Main 2003 [1959], S. 555–572, hier: S. 569.
  7. Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, Gesammelte Schriften Bd. 10.2, Frankfurt am Main 2003 [1967], S. 674-690, hier: S. 690.
  8. Alex Demirović, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999, S. 362.
  9. René König an Theodor W. Adorno am 24.6.1954, zit. n. Ebd., S. 361.
  10. Theodor W. Adorno, Schuld und Abwehr, Gesammelte Schriften Bd. 9.2, Frankfurt am Main 2003 [1955], S. 121–324.
  11. Pollock, Gruppenexperiment, S. 47.
  12. Pollock, Gruppenexperiment, S. 3.
  13. Theodor W. Adorno, Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, in: Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt am Main 2003 [1969], S. 280–353, hier: S. 329 u. 331.
  14. Theodor W. Adorno, Einführung in die Soziologie. Vorlesungen aus dem Jahr 1968, Frankfurt am Main 2003, S. 87.
  15. Pollock, Gruppenexperiment, S. 5 f.
  16. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Gesammelte Schriften Bd. 6, Frankfurt am Main 2003 [1966], S. 185. Erkenntnistheoretisch gilt dieser insofern als „[v]om Subjekt […] Objekt nicht einmal als Idee wegzudenken [ist]; aber vom Objekt Subjekt“ (ebd., S. 184), sozialphilosophisch ist er begründet durch den realen „Vorrang des Gesellschaftlichen vorm Einzelmenschlichen“. Theodor W. Adorno, Zur Logik der Sozialwissenschaften, Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt am Main 2003 [1962], S. 536–565, hier: S. 563.
  17. Pollock, Gruppenexperiment, S. V.
  18. Pollock, Gruppenexperiment, S. 18.
  19. Pollock, Gruppenexperiment, S. 32 f.
  20. Adorno, Schuld und Abwehr, S. 148.
  21. L. H. Adolph Geck, Gruppenexperiment, in: Soziale Welt 7 (1956), 3–4, S. 379–380, hier: S. 380. Zur Rezeption des Gruppenexperiments vgl. auch: Demirović, Der nonkonformistische Intellektuelle, S. 361–366.
  22. Wolfgang Bock, Dialektische Psychologie. Adornos Rezeption der Psychoanalyse, Wiesbaden: Springer VS 2018, S. 432.
  23. Peter R. Hofstätter, Brief an die Deutsche Nationalzeitung, in: Deutsche Nationalzeitung Nr. 34 (1963). Vgl. auch: Peter R. Hofstätter, Bewältigte Vergangenheit, in: Zeit 24 (1963); Peter R. Hofstätter im Interview, Sind die ermordeten Juden gefallen?, in: Spiegel 38 (1963).
  24. Peter R. Hofstätter, Zum Gruppenexperiment von F. Pollock. Eine kritische Würdigung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 9 (1), 1957, S. 97–104, hier: S. 103.
  25. René König an Theodor W. Adorno, 14.1.1957, zit. n. Demirović, Der nonkonformistische Intellektuelle, S. 364.
  26. Theodor W. Adorno, Replik zu Peter R. Hofstätters Kritik des Gruppenexperiments, in: Gesammelte Schriften Bd. 9.2, Frankfurt am Main 2003 [1957], S. 378–398, hier: S. 392 f.
  27. Adorno, Schuld und Abwehr, S. 149.
  28. Pollock, Gruppenexperiment, S. V.
  29. Pollock, Gruppenexperiment, S. V.
  30. Sigmund Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Gesammelte Schriften Bd. IV, Frankfurt am Main 1999 [1941], S. 267.
  31. Theodor W. Adorno, Metaphysik. Begriff und Probleme. Frankfurt am Main 2006, S. 107 u. 108. Vgl. dazu auch: Tränkle, Nichtidentität und Unbegrifflichkeit, Kapitel 1.
  32. Pollock, Gruppenexperiment, S. 59.
  33. Alexander und Magarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlage kollektiven Verhaltens, München/Zürich 2001 [1967]. Vgl. auch: Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, S. 563 f.: „Nach der subjektiven Seite, in der Psyche des Menschen, steigerte der Nationalsozialismus den kollektiven Narzißmus, schlicht gesagt: die nationale Eitelkeit ins Ungemessene. […] Dieser kollektive Narzißmus ist durch den Zusammenbruch des Hitlerregimes aufs schwerste geschädigt worden. […] Sozialpsychologisch wäre daran die Erwartung anzuschließen, daß der beschädigte kollektive Narzißmus darauf lauert, repariert zu werden, und nach allem greift, was zunächst im Bewußtsein die Vergangenheit in Übereinstimmung mit den narzißtischen Wünschen bringt, dann aber womöglich auch noch die Realität so modelt, daß jene Schädigung ungeschehen gemacht wird. Bis zu einem gewissem Grad hat der wirtschaftliche Aufschwung, das Bewußtsein des Wie tüchtig wir sind, das geleistet.“
  34. Adorno, Schuld und Abwehr, S. 150.
  35. Pollock, Gruppenexperiment, S. 11.
  36. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, S. 555 f.
  37. Gesa Koch-Wagner, Gefühlserbschaften aus Kriegs- und Nazizeit. Mutter-Tochter-Beziehungen unter dem Einfluss von Kriegstraumen und nationalsozialistischen Ideologiefragmenten, Achen, Shaker Verlag 2002. Jan Lohl, Angela Moré (Hg.), Unbewusste Erbschaften des Nationalsozialismus. Psychoanalytische, sozialpsychologische und historische Studien, Gießen 2014.
  38. Adorno, Schuld und Abwehr, S. 149.
  39. Michael Angele, Das Radikale siegt immer. Was Theodor W. Adorno bereits über Björn Höcke wusste, Der Freitag 29 (2019).
  40. Benjamin Moldenhauer, Was Adorno 1967 schon über die neue Rechte wusste, in: Spiegel Online, https://www.spiegel.de/kultur/literatur/aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus-von-theodor-w-adorno-a-1280586.html (25.03.2021).
  41. Andreas Stahl / Katrin Henkelmann / Christian Jäckel / Niklas Wünsch / Benedikt Zopes (Hg.), Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters, Berlin 2020.
  42. Matthew MacWilliams, The One Weird Trait That Predicts Whether You’re a Trump Supporter. And it’s not gender age, income, race or religion, in: Politico, https://www.politico.com/magazine/story/2016/01/donald-trump-2016-authoritarian-213533/ (25.03.2021).
  43. Peter E. Gordon, The Authoritarian Personality Revisited: Reading Adorno in the Age of Trump, in: Boundary 2, https://www.boundary2.org/2016/06/peter-gordon-the-authoritarian-personality-revisited-reading-adorno-in-the-age-of-trump/, (25.03.2021).
  44. Pollock, Das Gruppenexperiment, S. 61.
  45. Pollock, Das Gruppenexperiment, S. 61.
  46. Adorno, Einleitung in die Soziologie, S. 34 f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gesellschaft Kritische Theorie Methoden / Forschung Philosophie Sozialgeschichte

Alexandra Schauer

Dr. Alexandra Schauer ist im Sommersemester 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Politische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören Sozialphilosophie und kritische Gesellschaftstheorie, Subjekttheorie und Sozialpsychologie sowie fachgeschichtlich das Verhältnis der Soziologie zum Nationalsozialismus. Ihr Buch „Mensch ohne Welt. Zur spätmodernen Vergesellschaftung des Individuums“ erscheint 2022 bei Suhrkamp.

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