Alexander Wierzock | Essay |

Die Tönnies-Schule

Voraussetzungen und Besonderheiten einer frühen soziologischen Schule

Die Rede von bestimmten Schulen und Schülergenerationen gehört zu den Standardtopoi der bundesrepublikanischen Soziologiegeschichte.[1] Die Entwicklung des Faches erscheint dabei als Ergebnis der Konkurrenz- und Konvergenzbeziehungen einflussreicher Schulen, die mit Orten wie Frankfurt am Main – der sogenannten „Schule aller Schulen“[2] –, Göttingen, Hamburg beziehungsweise Münster oder Köln verbunden sind.[3] Für die Zeit vor der Gründung der Bundesrepublik ist dieser modus operandi der Forschungspraxis – der kürzlich wieder als unverzichtbarer Ansatz der Soziologiegeschichte bezeichnet wurde[4] – hingegen alles andere als weitverbreitet: Die Geschichte der frühen deutschen Soziologie vom späten Kaiserreich bis zur Weimarer Republik ist bisher kaum als Geschichte von Schulen analysiert worden.

Dabei spielte diese Sozialform von Wissenschaft für die frühe Soziologie durchaus keine untergeordnete Rolle. Der Terminus der „Schule“ diente einerseits als Analysekategorie früher wissenssoziologischer Arbeiten, andererseits existierten innerhalb des disziplinären Umfelds der sich als Wissenschaft erst konstituierenden Soziologie selbst bestimmte Schulen. Mit Thomas Nipperdey ließe sich beispielsweise bereits die jüngere Historische Schule der Nationalökonomie um Gustav Schmoller als eine „soziologische Schule“ begreifen, trotz aller Abgrenzungen von Einzelpersonen wie Max Weber.[5] Soziologische Schulen im strengen Sinne formierten sich freilich erst nach dem Ersten Weltkrieg, als in der Weimarer Republik die ersten Lehrstühle für Soziologie gegründet wurden. Hierher gehören etwa die Kölner Schule um Leopold von Wiese, die sich am 1919 errichteten Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften bildete, oder die „Wissenschaftsgemeinschaft“ um Hans Freyer, die sich ab 1925 an der Universität Leipzig formierte – beides zumindest ansatzweise erforschte Schulbildungen der Weimarer Zeit.[6] Eine andere, ungleich weniger ausgeleuchtete soziologische Schule, um die es im Folgenden gehen soll, entstand im späten Kaiserreich an der seinerzeit nördlichsten deutschen Hochschule. Es ist die 1964 von Erhard Albrecht als „Tönnies-Schule in Kiel“ bezeichnete Personengruppe, die sich seit dem späten Kaiserreich an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zusammenfand.[7] Das Oberhaupt dieser Schule war Ferdinand Tönnies (1855–1936), der als langjähriger Vorsitzender beziehungsweise Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) bis 1933 die deutschsprachige Soziologie quasi ex officio repräsentierte.[8] Ähnlich wie später seine jüngeren Kollegen von Wiese und Freyer scharte Tönnies nach seiner Berufung[9] – Ende des Jahres 1908 erhielt er zunächst einen Lehrstuhl für Staatswissenschaften und Statistik in Kiel – eine Reihe von Schülern um sich, zu denen in der Weimarer Zeit vereinzelt auch Schülerinnen hinzukamen. Diese Form der Netzwerk- und Schulbildung unterscheidet Tönnies von anderen Klassikern der Soziologie wie Max Weber, der krankheitsbedingt nur wenige Schüler besaß,[10] oder Georg Simmel, dem nachgesagt wird, dass er mit seinen Vorlesungen zwar viel Publikum angezogen habe, „von den Studenten [aber] nur wie ein geistiger Zauberkünstler besucht“ worden sei.[11]

Untersuchungen zur Tönnies-Schule und ihren Mitgliedern sind Mangelware.[12] Diese Forschungslücke ist insofern symptomatisch, als sie einmal mehr zeigt, wie unzureichend Tönnies’ Schaffen von der Endphase des Kaiserreichs bis zur Weimarer Republik bislang untersucht wurde – und das, obwohl es sich dabei um die Zeitspanne handelt, in der sein Einfluss auf die frühe Soziologie am größten war. Für die Schule um Tönnies gilt daher nach wie vor, was Cay Baron von Brockdorff, einer der frühesten Schüler des Soziologen, im Festband zum 80. Geburtstag seines Lehrers bemerkte: „Tönnies ist Forscher und Lehrer. Den Forscher haben viele zu würdigen vermocht, den Lehrer in ihm noch keiner.“[13]

In seiner Philosophischen Terminologie von 1907 verglich Tönnies einmal wissenschaftliche Schulen sehr anschaulich mit insularen Welten. Im Extremfall würden sie, so wie die Schüler Hegels in der Philosophie, „viele kleine Sprach-Inseln“ bilden, „deren Bewohner“ – und hierin lag für den Soziologen ein nicht unbedeutendes Kommunikations- und Wissenstransferproblem – „jenseits ihrer Grenzen von Niemandem verstanden werden“.[14] Diese Entwicklung leitete Tönnies aus zeichentheoretischen Überlegungen her. Eine wissenschaftliche Schule entsteht demnach aus einer Personengruppe, die sich aus freier Zustimmung um „die individuelle Gestalt eines Lehrers“ zusammenfindet. Bei Letzteren handelt es sich für Tönnies um „geniale Individuen“, welche „die Bildung und Ausprägung von Begriffen“ als Erkenntnisgeneratoren vorantreiben. Um den Lehrer sammeln sich dann „die Schüler, die aus eigener, freier Einsicht in die Anerkennung der von ihm gebildeten Begriffe“ einwilligen „und somit deren Zeichen gelten“ lassen.[15]

Es liegt auf der Hand, dass eine wissenschaftliche Schule nicht bloß auf freier Zustimmung zu Begriffen, Methoden oder epistemischen Wissensstrukturen basiert. Ebenso geht es innerhalb eines solchen Personenzusammenhangs um Patronage, um Karriere- beziehungsweise Zukunftschancen, um Forschungsmittel, um Zugang zu Ämtern, Gremien, Verlagen, Kongressen, um Erweiterungen des gesellschaftlichen Umkreises, wie auch um allerlei symbolisches Kapital. Im Fall von Tönnies und seiner Schule spielten darüber hinaus aber auch persönlich-ideelle Implikationen eine entscheidende Rolle. Gerade die persönliche Erfahrung geistiger Erweckung und Förderung trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Personengruppe zeitlich und örtlich konstituierte.

Die Tönnies-Schule baute insofern auf Verbundenheit und „Prestige“ auf, um eine von Tönnies verwendete Kategorie aufzugreifen, mit der er beschreibt, wie sich in einem „engeren Kreise“ der „Einfluß einer Persönlichkeit“ geltend macht. Diese auf persönlicher Ausstrahlung und Autorität beruhende Wirkung nannte Tönnies auch „Machtzauber“ oder – mit Bezug auf Max Weber – „Charisma“.[16] Und eben eine solche Wirkung hatte er auf seine Schüler, die ihn nicht zufällig als „Meister“ anredeten und umgekehrt von sich als seinen „Jüngern“ sprachen. Damit verwendeten sie Begriffe, die Tönnies selbst gebrauchte, um den Zweck der universitären Lehre zu erläutern.[17] Tönniesʼ Schüler wollten sich ihm anschließen, zu dem Kern seines Denkens vordringen und an der weiteren Ausgestaltung der im akademischen Feld damals heftig umstrittenen jungen Wissenschaft der Soziologie mitarbeiten.[18] Vor allem wollten sie aber wissen, wie er sich zu der Idee stellte, ob, wie und auf welche Weise in der Gegenwartsgesellschaft wieder neue Formen von Gemeinschaft entstehen könnten. Damit gaben sie dem von Tönnies in seinem gleichnamigen Hauptwerk geprägten Gegensatzpaar Gemeinschaft und Gesellschaft eine ganz spezifische Wendung, in dem sie die darin enthaltene Zeitdiagnose einer Erosion von Gemeinschaft durch Gesellschaft umzukehren gedachten. Die soziologische Kategorie der „Gemeinschaft“ - nach einer treffenden Bemerkung des Politikwissenschaftlers Kurt Sontheimer „eines der magischen Worte der Weimarer Zeit“ –, war auch für viele von Tönnies’ Schülern eine Art von Sehnsuchtsformel, mit der sie politische, soziale und kulturelle Erneuerungshoffnungen verknüpften.[19]

Dieser Aspekt der Schulbildung um Tönnies – Soziologie als Erweckung von Gemeinschaft – soll mir im Folgenden als Ausgangspunkt dienen, um die Schüler-Lehrer-Gruppe und ihre Besonderheiten näher zu beschreiben, die Perspektive auf Tönnies als Hochschullehrer zu erweitern und über die historische Dimension wissenschaftlicher Schulen nachzudenken. Mit diesem Problemfeld, das gewissermaßen die „prophetische“ Dimension des Tönnies’schen Denkens umfasst, möchte ich einen Aspekt in den Blick nehmen, der in den Diskussionen über die Schulen der bundesrepublikanischen Soziologie häufig Kritik hervorruft, nämlich die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit. Die Betonung der „intellektuellen Führerschaft des Lehrers“, so der Einwand, würde die „Sozialität der Ideenproduktion“ übersehen.[20] Dagegen möchte ich zu bedenken geben, dass Alma mater und Doktorvater in der Spätphase des Kaiserreichs und in der Zeit der Weimarer Republik einen anderen Stellenwert hatten als in der Bundesrepublik. Die Sozialität der Ideenproduktion im akademischen Milieu war zeitbedingt sowohl qualitativ als auch quantitativ, also mit Blick auf die Zahl der Studierenden, eine andere. Keine „wissenschaftliche Schule“, heißt es etwa bei dem Staatsrechtler Georg Jellinek, „in denen es nicht Leitende und Abhängige gäbe.“[21] Dies betraf das gesamte Beziehungsgefüge und das Selbstverständnis von Lehrer und Schülern, von den Umgangsformen über den Stil bis hin zur Art und Weise des Sprechens und Schreibens, wie sich an vielen Facetten der Schule um Tönnies aufzeigen lässt.

In den folgenden beiden Abschnitten will ich zunächst beleuchten, wie sich die wissenschaftliche Tönnies-Schule räumlich an zwei Orten konstituierte. Dabei handelte es sich einerseits um das Institut für Staatswissenschaften in Kiel, und andererseits um die auf halber Strecke zwischen Kiel und Lübeck gelegene Kleinstadt Eutin, in welcher der Soziologe bis 1921 mit seiner Familie lebte. Stand das Institut, an dem Tönnies die Abteilung für Statistik leitete, für den modernen wissenschaftlichen Großbetrieb, für Lehrroutine und Professionalisierung, versinnbildlichte Tönniesʼ Wohnhaus in Eutin mit der malerischen Umgebung Ostholsteins andere Komponenten wissenschaftlicher Lebensführung wie informelle Geselligkeit, Zurückgezogenheit und persönliche Bildung. Die Frage, wie beides mit der schon angesprochenen Suche der Schüler nach Gemeinschaftskonzeptionen zusammenhängt, ist Gegenstand des dritten und letzten Abschnitts.

1. Tönnies und das Institut für Weltwirtschaft

Eine wissenschaftliche Schule benötigt institutionelle Anbindungen als zentrale Voraussetzung für ihr Entstehen. Im Falle der Schule um Tönnies oblag diese Rolle dem Institut für Staatswissenschaften in Kiel, aus dem 1914 das Königliche Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr hervorging, das als Institut für Weltwirtschaft (IfW) auch heute noch zu den führenden deutschen Wirtschaftsforschungseinrichtungen gehört. Derjenige, der mit seinen „rastlosen Bemühungen“ die Gründung des Instituts vorangetrieben hatte,[22] war Tönniesʼ organisatorisch talentierter Kollege, der Nationalökonom Bernhard Harms, der die Einrichtung bis 1933 leitete und während der Weimarer Republik zu einer weltweit anerkannten Lehr- und Forschungsstätte ausbaute.[23] Eine Besonderheit des IfW war sein umfassendes Lehrangebot. Ein Wegweiser für Studierende von 1922 informiert über die bemerkenswerte Bandbreite der angebotenen Veranstaltungen, die von sozialökonomischen Themen über juristische und praktische Felder bis hin zu neuen Wissensbereichen wie „Politik“ und „Soziologie“ reichte.[24] Kritiker des umtriebigen Harms scherzten, er wolle am Institut „eine eigene Universität innerhalb der Universität“ aufbauen.[25]

Mit der Gründung des Instituts und der von ihr ausgelösten Dynamik endeten jedoch nicht nur die „beschaulichen Zeiten“ der Staatswissenschaften in Kiel,[26] die sich zur modernen Wirtschaftswissenschaft wandelten. Der wissenschaftliche Ausdifferenzierungsprozess eröffnete auch Freiräume für die Soziologie – und damit auch Karrierechancen für Tönnies, der bis 1908 sein akademisches Dasein als „ewiger Privatdozent“ gefristet hatte.[27] Zwar hatte ihm das preußische Kultusministerium schon 1891 eine Titularprofessur erteilt, akademische Rechte und Pflichten waren damit aber nicht einhergegangen.[28] Nachdem Tönnies während des Hamburger Hafenarbeiterstreiks 1896/97 die Forderungen der Arbeiter publizistisch unterstützt und zu Spenden für die Streikenden aufgerufen hatte, war er beim preußischen Kultusministerium in Ungnade gefallen und hatte keine Aussicht, bei Berufungen berücksichtigt zu werden.[29] All das änderte sich, nachdem Friedrich Althoff, der allmächtige Universitätsreferent im preußischen Kultusministerium, der Tönnies‘ Karriere über Jahre hinweg blockiert hatte, im Oktober 1908 starb. Durch kluges Taktieren gelang es Harms, noch vor Jahresende ein Extraordinariat für den älteren Tönnies durchzusetzen.[30] Dann ging alles schnell: Schon im April 1909 erhielt Tönnies eine ordentliche Honorarprofessur, wenige Jahre später, im Juni 1913, folgte schließlich die so lange verwehrte Berufung auf das Ordinariat.

In dieser Funktion hielt Tönnies im Turnus mit Harms die Vorlesungen zur Einführung in die theoretische und praktische Ökonomie, was ihm mehr Studenten einbrachte – und damit auch potenziell mehr Schüler. Sein Einfluss auf die akademische Jugend weitete sich aus – auch und gerade mit Blick auf die Soziologie. So spielten in den nationalökonomischen Vorlesungen, die Tönnies seit dem Sommersemester 1909 regelmäßig zu geben hatte, immer öfter „Zusammenhänge mit Soziologie“ eine Rolle.[31] Zudem bot er Übungen an, die explizit als soziologische ausgewiesen waren. Den Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit bildeten jedoch sozialempirische Veranstaltungen zur Bevölkerungs-, Berufs- und Kriminalstatistik, die mit seiner Funktion als Leiter der statistischen Abteilung des IfW einhergingen.[32] Das Ordinariat und die damit verbundene Lehrtätigkeit bedeuteten für Tönnies einen erheblichen Statusgewinn im wissenschaftlichen Feld. Hinzu kam, dass sich mit seiner Person ein allgemein wachsendes Interesse am Projekt der Soziologie verknüpfte, was sich nicht zuletzt bei der Etablierung der DGS zeigte, die Tönnies im März 1909 mitbegründete.[33] Helmuth Plessner, der 1911 in Heidelberg die Soziologie kennenlernte, erinnerte sich später, dass man zu jener Zeit „als Student […] Tönniesʼ Namen schon bewundernd nennen hören“ konnte.[34] Das gewachsene Prestige verdankte sich auch dem gestiegenen Interesse an Gemeinschaft und Gesellschaft, das 1912 eine neue Auflage erlebte, und in der Weimarer Republik schließlich zum gesellschaftstheoretischen Standardwerk der Soziologie schlechthin avancierte.[35]

Die genannten strukturellen Voraussetzungen – das Ordinariat, die gewachsene Reputation und die institutionelle Anbindung an das IfW – begünstigten den Prozess der Schulbildung ungemein. Vor allem das Institut eröffnete Tönnies eine Rekrutierungsbasis. Hatte es kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs etwa 30 Mitarbeiter gezählt, waren es bei Kriegsende schon mehr als 100. Ein wissenschaftlicher Großbetrieb war entstanden, der Lehrkräfte, Assistenten, Repetenten, Hilfskräfte und Bibliotheksangestellte umfasste.[36] Aus diesem Kreis der Mitarbeiter konnte Tönnies „nicht wenige begabte und treue Schüler“ für sich gewinnen, wie er 1924 bemerkte.[37] Sein Einfluss auf den akademischen Nachwuchs blieb auch in der Weimarer Republik bestehen. Zwar hatte sich Tönnies bereits 1916 wieder vom Hochschuldienst entpflichten lassen und in den folgenden Jahren nur noch wenige Veranstaltungen zu Statistik und anderen ausgewählten Themen angeboten, doch diese Situation änderte sich grundlegend, als er 1921 in Kiel eine neue Lehrtätigkeit aufnahm: Das preußische Kultusministerium, das die Soziologie in der jungen Republik zu einer Integrationswissenschaft ausbauen wollte, um gelebte Staatsbürgerlichkeit zu erzeugen,[38] erteilte Tönnies einen Lehrauftrag für Soziologie. Dieser Vorgang bedeutete insofern eine wichtige Veränderung in Tönniesʼ akademischer Tätigkeit, als er sich von nun an ganz der Soziologie widmen konnte. Zum Mittelpunkt dieser Tätigkeit wurde erneut das IfW. Zufrieden berichtete Tönnies im August 1924 an Max Graf zu Solms, der wenige Jahre später bei Tönnies promovierte und habilitierte, über „begabte und eifrige Jünglinge“, die im vergangenen Sommersemester zu ihm gefunden hätten und von denen er hoffte, sie „als meine Schüler sich entwickeln zu sehen“.[39]

2. Eutin als Sammelpunkt der Tönnies-Schule

Die Zuordnung zu einer wissenschaftlichen Schule erfolgt oft erst „nachträglich“ und zwar als Etikettierung „nachfolgender Generationen“.[40] Diese Beobachtung trifft für den hier interessierenden Personenzusammenhang um Tönnies nicht zu. Was dessen Mitglieder angeht, verstanden sich diese nicht erst ex post als Angehörige einer wissenschaftlichen Schule; umgekehrt registrierte auch das damalige wissenschaftliche Feld frühzeitig, dass sich um Tönnies ein spezifisches, ihm zugehöriges Kollektiv gebildet hatte.

Der bereits erwähnte Festband anlässlich des 80. Geburtstages von Tönnies ist hierfür ein gutes Beispiel. In Abgrenzung zu anderen Beiträgern des Bandes, zu denen etwa Leopold von Wiese, Pitrim A. Sorokin und Karl Löwith gehören, rühmte sich hier Cay Baron von Brockdorff, „unmittelbar aus Tönniesʼ Schule“ zu kommen und nicht bloß ein „Schüler seiner Schüler“ zu sein.[41] Auch Harms, der zu Tönnies eine enge, wenn auch nicht unkomplizierte Fühlung aufrechterhielt, spielte auf die Schule seines Kollegen an, als er 1925 ausführte, wie sehr all diejenigen, „die das Glück haben, des Meisters Schüler zu sein“, von diesem „innigste Hingabe“ erfahren würden.[42] Ein weiteres Beispiel, das verdeutlicht, in welchem Maße die Schule zum Objekt von Fremd- und Selbstzuschreibungen wurde, liefert Else Brenke, die über ihren Verlobten Kurt Macard zum Kreis um Tönnies gefunden hatte und in Hannoversch-Münden lebte. Der „hoffnungsvolle Dr. Kurt Macard“ – so erinnerte sich Tönnies anlässlich des III. Soziologentags in Jena an seinen Lieblingsschüler[43] – war im Ersten Weltkrieg gefallen, Else Brenke aber blieb als langjährige persönliche Assistentin bei Tönnies. Anfang 1930 berichtete sie dem Philosophen Hermann Schmalenbach, mit dem sie gelegentlich verkehrte und der wie sie mit Tönnies persönlich bekannt war, von Reinhard Weber, dem neuen Landrat von Hannoversch-Münden, den sie als „Fernschüler von Tönnies“ vorstellte.[44] Entzückt endet ihr Brief: „Also wächst hier die Tönnies-Gemeinde.“

Nicht als Schüler, sondern als Fachkollege kam auch Leopold von Wiese auf die Schule von Tönnies zu sprechen, mit dem er seit 1922 viel zu tun hatte, da beide zum Vorstand der in diesem Jahr restaurierten DGS gehörten: Tönnies als Präsident und von Wiese als deren erster Schriftführer. Ungeachtet ihrer institutionell bedingten Zusammenarbeit besaßen beide konkurrierende Auffassungen vom Zweck der Soziologie.[45] Von daher war es nicht zufällig, wenn von Wiese die Schule seines Kollegen offen abschätzig kommentierte. So bemerkte er etwa 1925, dass sich bei nicht wenigen von Tönniesʼ Schülern eine Idealisierung des Sozialen entlang der binären Ordnung „Gesellschaft = böse, Gemeinschaft = gut“ feststellen lasse.[46] Ähnlich spitz formuliert überbrachte er im selben Jahr eine Grußadresse der DGS, als er bei den am IfW begangenen Feierlichkeiten zu Tönniesʼ 70. Geburtstag im Juli 1925 scherzte, dass die DGS, in die Tönnies mehrere seiner Schüler kooptiert hatte, „eigentlich den Namen Gemeinschaft Tönnies führen“ müsste.[47]

Dass sich die Schüler von Tönnies als Gruppe definierten und auch von anderen als solche identifiziert wurden, hatte Gründe. Zu diesen zählte nicht zuletzt die der Schule eigene besondere Form akademischer Geselligkeit, die auf einem kleinräumigen, äußerst engen Beziehungsgefüge jenseits der Universität basierte. Ihren Ausdruck fand diese Geselligkeit weniger in Kiel, sondern mehr in Eutin, wo sich Tönnies nach Stationen in Kiel, Hamburg und Altona mit seiner Familie niederließ. Im März 1901 erwarb er dort ein Haus mit ausgedehntem Garten.[48] Wenn auch keine Villa, bot das Haus ihm und seiner Frau Marie sowie der weiter wachsenden Schar seiner Kinder genügend Platz. Hinzu kam ein kleiner Personalstamm: Zwei Dienstmädchen, ein Gärtner, eine Waschfrau, eine Köchin und ein Kinderfräulein.[49] Insgesamt blieb Tönnies bis zum Herbst 1921, also über 20 Jahre, in Eutin, das bis zur Revolution und dem Ende des Deutschen Kaiserreichs im November 1918 zum Großherzogtum von Oldenburg gehörte.[50]

Welchen Stellenwert der Ort für seine Schüler hatte, wird deutlich, wenn diese sich in ihrer Korrespondenz als „Eutinfahrer“ inszenierten, von ihrer „Eutiner Tätigkeit“ schwärmten oder gemeinsam verbrachte Tage im Haus von Tönnies als „bedeutsame Eutiner Zeit“ bezeichneten.[51] Von Eutin, dem Haus und der näheren Umgebung – einer als Holsteinische Schweiz bekannten Region mit früh entwickeltem Fremdenverkehr –, wie natürlich auch von der Persönlichkeit ihres „Meisters“, der als geistreicher, gebildeter und an gesellschaftlichen Grundproblemen interessierter Gastgeber auftrat, ging insofern ein ganz besonderer Reiz aus. Der dänische Philosoph Anton Thomsen, der 1907 mit seiner Frau und dem Kollegen Harald Høffding aus Kopenhagen erstmals in Eutin bei Tönnies verweilte, nannte das Haus nicht von ungefähr ein „smukke hjem“, in dem er dank seines Eigentümers echte „Hjærtelighed“ erlebt habe, und auch Høffding meinte retrospektiv, dass sich an seinen „Eutineraufenthalt“ mit den intensiven Fachgesprächen und den Ausflügen auf den „Curwegen“ um die Kleinstadt „stärkende Erinnerungen“ anschließen würden.[52] Diese wenigen Beispiele zeigen bereits: Das Haus und die Umgebung boten den Gästen, ob es sich nun um Schüler oder Kollegen handelte, ein ungezwungenes und geselliges Ambiente, das zusammenhangstiftend wirkte: Man erinnerte sich gern an die gemeinsam verlebten Tage zurück und wollte sie entsprechend gerne erneuern.

Inwieweit unterschied sich die von Tönnies im Umgang mit seinen Schülern gepflegte Geselligkeit vom formalen Lehrbetrieb der Universität mit seinen Zwängen? Zunächst ist festzustellen, dass engere persönliche Bindungen zwischen Studenten und Professoren seinerzeit nicht unüblich waren, wobei diese Beziehungspflege je nach Personenkonstellation, Ort, Disziplin und situativem Kontext stark variieren konnte. In einer akademischen Welt, in der die Professoren den Großteil der Lehre in ihren Wohnungen abhielten und nicht selten erst nach einem Antrittsbesuch entschieden, wer an ihrem Seminar teilnehmen durfte und wer nicht, stellte sich enger Kontakt quasi zwangsläufig ein. Die „Atmosphäre war eigentlich gemütlich“, erinnerte sich etwa Theodor Eschenburg an die 1920er-Jahre, als er an der Universität Tübingen bei dem Historiker Johannes Haller studierte. Haller, damals eine „Zelebrität“ des Faches,[53] empfing seine Seminarteilnehmer sonntags zum Kaffeekränzchen und einmal im Semester gab es einen Tanzabend bei ihm mit seinen drei Töchtern.[54] Noch intensiver war Eschenburgs Verhältnis zu dem Verfassungshistoriker Fritz Hartung, bei dem er später in Berlin promovierte. Zu Hartungs Geselligkeitsrepertoire gehörten neben den obligatorischen Einladungen in sein Haus etwa gemeinsame Spaziergänge und Besuche im Café Bauer. Abende mit den Studenten im Wirtshaus waren dagegen eher unüblich.[55]

Informelle Geselligkeiten dieser Art – die hier in ihrer Komplexität nicht weiter historisiert werden können[56] – wurden auch von Tönnies intensiv gepflegt, wie aus den Kalendarien im Nachlass hervorgeht. In ihnen hat er stichpunktartig seinen Tagesablauf festgehalten: Neben Notizen zu seiner Lektüre und zu aktuellen Arbeiten, zum körperlichen Befinden oder zum Ein- und Ausgang von Briefen führte Tönnies auch Buch darüber, mit wem er wann und wo verkehrte. Erste punktuelle Auswertungen der Kalendarien geben Einblick in ein dichtes Bekanntschafts- und Kommunikationsnetz – auch und gerade zu Schülern. Greift man allein auf die erste Hälfte des Jahres 1914 zurück, in der Tönnies wegen seiner universitären Verpflichtungen regelmäßig zwischen Eutin und Kiel pendelte, lassen sich mittels der Eintragungen dutzende Treffen mit Schülern rekonstruieren. Dabei fällt auf, dass sich das Gros der Zusammenkünfte außerhalb der Universität abspielte. Einer der bevorzugten Orte, an denen Tönnies und seine Schüler sich begegneten, war etwa die Seeburg, ein 1910 errichtetes Studentenheim mit gastronomischem Betrieb direkt an der Kieler Förde. Hier lud Tönnies seine Studenten nach den „Übungen zur Bevölkerungs- und Moralstatistik“ regelmäßig um 20:00 Uhr zu Essen und Trinken ein.[57]

Weitaus häufiger als in Kiel trafen sich die Schüler jedoch bei Tönnies in Eutin, wobei es nicht unüblich war, dass sie einige Tage im Kreise der Familie blieben. So etwa der bei Tönnies promovierte Kieler Privatdozent Kurt Albert Gerlach, der am 21. Februar 1914 mit seiner Frau Christiane nach Eutin kam, um für zwei Nächte einzukehren.[58] Wie sich dem Notizkalender entnehmen lässt, war der Besuch kurzweilig: Am ersten Tag wurde abends „gespielt“, den nächsten Vormittag eine „Wanderung u. [um] Eutin m. [mit] Gerlach u. [und] Frau“ unternommen; abends fand sich dann eine größere Runde bei Tönnies ein, die neben dem Hausherrn, seiner Frau Marie und den Gerlachs auch den norwegischen Schüler Ewald „Bosse“, Carl Max „Maedge“ und Alfons „Krziža“ sowie Hans „Ehlermann“ – vermutlich auch ein Schüler – umfasste.[59] Aus dem kleinstädtischen Bekanntenkreis der Familie Tönnies waren Maedges „Mutter“, „Fräulein“ Caroline „von W.“ [Wedderkop] und der Lehrer Heinrich „Hennings“ mit von der Partie. Am nächsten Tag, nach „Geplauder“ und einem „Spaziergang“ nach Malente, einer Nachbargemeinde, traf man erneut „Maedge“; anschließend reisten die „Gerlachs“ wieder ab.[60] Solche Zusammenkünfte füllten auch die weiteren Monate des Jahres 1914 aus. Mal traf sich Tönnies, wie am 7. Juni 1914, an der „Seepromenade“ am Eutiner See mit seinen Schülern Otto „Rose“, Hans Lorenz „Stoltenberg“ und „Maedge“, um eine Tour mit dem „Motorboot“ zu machen;[61] ein andermal am 31. März nahm Tönnies den Zug in die 15 Kilometer entfernte Stadt Plön, um von dort zum Gut „Sophienlust“ bei Ascheberg zu wandern, wo von „Brockdorff“ seinen Landsitz hatte. „Gespräche über Collegen“ füllten den Tag aus, wie die zugehörige Eintragung im Notizkalender dokumentiert.[62]

Die genannten Beispiele aus der ersten Jahreshälfte 1914, denen sich weitere beifügen ließen, sind charakteristisch für die enge informelle Verflechtung zwischen Tönnies und seinen Schülern. Was diese dabei vor allem suchten, waren ausgedehnte Spaziergänge mit Tönnies – eine Form von Geselligkeit, die antike Traditionen aktualisierte und Ende des 18. Jahrhunderts im akademischen Milieu eine neue Blüte erlebt hatte.[63] Tönnies wusste „schöne Spaziergänge“ zu unternehmen und „im Wandern, mit seinen Ideen, Meinungen und Ansichten bekannt zu machen“, so Friedrich Hoffmann, der spätere Vizedirektor des IfW.[64] Insbesondere „auf weiten Waldspaziergängen, wo er viel ungezwungener, fließender, anschaulicher und fesselnder sprach“ als in der Universität, „konnte man Tönnies stundenlang zuhören“, äußerte auch Baron von Brockdorff in seinen Erinnerungen.[65]

Aber so wenig Formen informeller Geselligkeit aus der sozialen Praxis der Tönnies-Schule wegzudenken sind, so wenig sollte aus deren Häufigkeit geschlussfolgert werden, dass dieser Personenzusammenhang egalitäre Umgangsformen gepflegt hätte. Zwar wird Tönnies oftmals als „nicht autoritär“ beschrieben, wie auch Ernst Manheim, ein Cousin Karl Mannheims, berichtet, der von 1923 bis 1925 Zugang zum Kreis um Tönnies fand.[66] „Nicht autoritär“ sollte aber nicht so verstanden werden, als ob der private Umgang vollkommen unbefangen und ohne statusbedingte Differenzen verlaufen wäre. Ganz im Gegenteil war es gerade deren Kultivierung, die Manheim an dieser Schule auffiel. Tönnies gab sich nicht als primus inter pares. Aus der Sicht des ungarischen Studenten verlief der gesamte persönliche Kontakt zu Tönnies in höchst auffälliger „respektvoller Distanz“, so dass ihm „die Atmosphäre in seinem Haus“ ganz „ähnlich wie an der Universität“ erschien.[67] Was Manheim verspürte, war nicht einfach die Distanz, die aus dem Statusunterschied zwischen dem renommierten Wissenschaftler und dem akademischen Nachwuchs resultiert – dafür war Tönnies zu unprätentiös –, sondern der Abstand zwischen Meister und Jüngern. Manheim zufolge bewirkte diese hierarchische Ordnung, dass sich in den untereinander geführten Diskussionen keine „frische Auseinandersetzung“ einstellte, sondern nur „erworbenes Wissen“ weitergegeben wurde. Insofern verkörperte Tönnies den „Typ des Alleinunterhalters“,[68] und eben dies missfiel Manheim, weshalb er sich stärker an dessen jüngeren Kollegen Hans Freyer hielt. Der 1922 auf einen Lehrstuhl für Philosophie nach Kiel berufene Freyer, der einer späteren Alterskohorte als Tönnies angehörte, pflegte nämlich einen regelrecht kameradschaftlichen Verkehr mit seinen Studenten.[69] Verglichen mit Freyer, bei dem Manheim schließlich 1928 nach dessen Fortgang nach Leipzig promovierte, wirkte Tönnies auf ihn wie ein „Patriarch“.[70]

Manheims Einordnung deckt sich auffällig mit den Gruß- und Anredeformeln, wie ganz allgemein mit der Färbung der Sprache, welche die Schüler von Tönnies in ihrer Korrespondenz mit dem „Meister“ gebrauchten. An der Wortwahl lässt sich erahnen, wie ausgeprägt und präsent das patriarchalische Verhältnis gewesen sein muss. Gerlach etwa, der zum engsten Kreis des Soziologen gehörte, sprach seinen Lehrer üblicherweise als „verehrter väterlicher Freund“[71] an; ähnlich äußerte sich auch Otto Neurath, einer der frühsten Schüler, der um 1900 mit Tönnies in Kontakt getreten war und später zu den wichtigsten Vertretern des Wiener Kreises gehörte. Neuraths Ehrerbietung ging so weit, dass er Tönnies in einem Brief, in dem er das 1903 in Eutin verbrachte Weihnachtsfest resümierte, zu einer Art Ersatzvater verklärte. Im Laufe seines Lebens sei er zwar schon vielen „bedeutenden Menschen“ begegnet, aber keiner habe bei ihm so viel Eindruck hinterlassen wie Tönnies, erklärte der damals 23-jährige. „Aber seit meinem Vater“, offenbarte er sich weiter, „waren Sie der Einzige, der auf mich als moralisches Wesen in seiner Ganzheit Eindruck machte“.[72]

Es würde zu kurz greifen, diese väterliche Überhöhung als beiläufige Komponente zu verbuchen, vielmehr sollte sie als ein weiteres Indiz dafür gesehen werden, dass die Mitglieder der Tönnies-Schule bei ihrem Oberhaupt nicht nur bloßes Wissen, sondern auch umfassende Lebensorientierung und geistige Unterweisung suchten. Ein eindrücklicher Beleg für diesen Aspekt des Lehrer-Schüler-Verhältnisses findet sich wiederum bei Neurath, der eine ebenfalls im Winter 1903 unternommene gemeinsame Schneewanderung zur metaphysischen Sinnsuche stilisiert, in der Tönnies bei einer Pause die „ruhige Stimmung ohne laute Freude“ so treffend mit der „Existenz nach dem Tode“ verglichen habe.[73] In ähnlicher Weise erinnerte Annemarie Hermberg, eine der wenigen Frauen der Schule, in einem Brief an das „eine große Gefühl in der Natur“, welches sie bei einem Spaziergang mit Tönnies empfunden habe. Die Beispiele illustrieren, dass der Soziologe vor seinen Schülern eine Art Selbstoffenbarung praktizierte, bei der höhere Dinge der Daseinserfahrung erörtert wurden, die dem Gegenüber ein Gefühl von Bedeutsamkeit vermittelten.[74] Zudem gelang es ihm auf diese Weise, den damals im Bildungsbürgertum diskutierten Hiatus zwischen Leben und Denken zu überwinden, woraus sich wohl einiges seiner Anziehungskraft auf die jüngere Generation erklärt. Unabweisbar verwoben mit der Schule um Tönnies war aber – spätestens nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs – noch ein weiteres Moment: die Gemeinschaft.

3. Neuerung durch Gemeinschaft

Mitte der 1920er-Jahre befand sich Tönnies auf dem Zenit seiner Karriere. Mit Koryphäen wie Werner Sombart oder dem bereits verstorbenen Georg Simmel zählte er damals zu den bekanntesten deutschen Sozialwissenschaftlern der Zeit. Dass Tönnies in die Breite wirken konnte und sein lange nur in Fachkreisen gewürdigtes Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft in aller Munde geriet, interpretierte der Soziologe Rudolf Heberle in den 1960er-Jahren als einen generationsspezifischen Effekt. Erfüllt von einem „longing for Gemeinschaft“ habe nach Krieg und Revolution eine „new generation, disillusioned with the existing social order“ die Beschäftigung mit Tönnies in Gang gesetzt. Vor allem sein Hauptwerk sei von ihr „with enthusiasm“ aufgenommen worden.[75] Heberle, ein enger Schüler von Tönnies, der 1924 dessen älteste Tochter Franziska heiratete und nach seiner Emigration 1938 in den USA selber zu einem bekannten Soziologen avancierte, greift hier einem Topos der Forschung vor, der heute communis opinio ist. Die Sichtweise geht dahin, eine unmittelbare Verbindung zwischen Tönnies und der Jugendbewegung herzustellen, in der eine „anti-racional reception of Tönniesʼ work“ erwachsen sein soll.[76] Ungeachtet der Geläufigkeit dieser Ansicht fehlt es bislang jedoch an gesicherten Nachweisen, die belegen, dass Gemeinschaft und Gesellschaft in jugendbewegten Kreisen tatsächlich so oft gelesen wurde, wie behauptet. Der Rekurs auf den Begriff der „Gemeinschaft“, der seinerzeit als Sehnsuchtswort und utopisch aufgeladener Gegenbegriff in einer Vielzahl von Kleingruppen und Zirkeln kursierte, die man heute als „Jugendbewegung“ zusammenfasst, ist dafür kein zwingendes Indiz. Dafür war der Gemeinschaftsbegriff in den politischen, sozialen und kulturellen Diskursen der Weimarer Republik zu weit verbreitet und zu vieldeutig.

Es empfiehlt sich daher, Heberles Rede von einer „new generation“ vielmehr als Hinweis auf Erfahrungen zu beziehen, die er im Umfeld seines späteren Schwiegervaters machte, zu dessen Schülerkreis er seit 1921 gehörte. Dass der Gemeinschaftsbegriff für diesen Personenzusammenhang eben keine bloß heuristisch nützliche Analysekategorie, sondern einen lebensweltlichen Neuerungsbegriff darstellte, lässt sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg an Eduard Rosenbaum erkennen, der ebenfalls zur Tönnies-Schule gehörte und seinerzeit als Assistent am IfW beschäftigt war. Im Jahr 1914 veröffentlichte Rosenbaum einen Aufsatz, in dem er Gemeinschaft und Gesellschaft, das zwei Jahre zuvor in zweiter Auflage erschienen war, als ein Werk der Gegenwartsorientierung vorstellte. Von Maximen innerer Geselligkeit, die er mit Stefan George und dessen Kreis in Verbindung brachte, über Herbert George Wells utopische Idee vom Order of the Samurai bis zu David Lloyd Georges sozialpolitischer Forderung nach einem People’s Budget – in den Augen Rosenbaums deutete damals vieles auf einen sich ausbreitenden „Gemeinschaftsgedanken“ hin.[77] Tönniesʼ Schüler glaubte insofern eine im Entstehen begriffene internationale Entwicklung beobachten zu können, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnte, wenn auch vorerst nur in der „Menschheit des europäisch-amerikanischen Bruchteils“. Rosenbaum war nicht so naiv, eine direkte Verbindung zwischen Tönnies und dieser Entwicklung anzunehmen, aber er war davon überzeugt, dass erst die Begriffe „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ es ermöglichen würden, in diesem „Strom des Geschehens“ zu „einem Standpunkt“ zu gelangen.

Was sich bei Rosenbaum zunächst nur andeutet, tritt dann im Gefolge des Ersten Weltkriegs und der Umbruchszeit 1918/19 vollends hervor: Der Gemeinschaftsbegriff löst sich aus dem Objektbereich der Sozialwissenschaften und wird zu einem schillernden, in zahllosen semantischen und normativen Varianten verwendeten rhetorischen Versatzstück in den ideologischen und weltanschaulichen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik. „Gemeinschaft“ wurde letztlich zu einem Austauschbegriff, wie auch Tönnies feststellen musste: Es gebe „wenigstens im Deutschen“ eine auffallende Tendenz, schrieb er 1922 in seiner Kritik der öffentlichen Meinung, nicht mehr von „Sozialismus“ zu sprechen und diesen Ausdruck, „dessen Sinn mit Zwang, Bureaukratie, Schematismus allzu eng verschmolzen ist“, durch „das Wort Gemeinschaft“ zu ersetzen.[78] Aber damit nicht genug: Unter Rekurs auf die schillernde Kategorie der „Gemeinschaft“ wurden die unterschiedlichsten und gegensätzlichsten Ziele beschworen – der Neue Mensch, die innere Einheit, Solidarität, Wiederaufbau, nationale Geschlossenheit, Gemeinwohl und noch vieles mehr.[79] In seiner Allgegenwärtigkeit war der Terminus also ausgesprochen diffus. Nicht von ungefähr regte sich der Schriftsteller Alfred Döblin 1926 auf, dass deutschlandweit ein „erbärmlicher, unehrlicher, unklarer Gemeinschaftsfimmel“ grassieren würde.[80]

Dieser politisch-historische Kontext ist zu berücksichtigen, wenn Cay Baron von Brockdorff berichtet, dass sich 1921 an der Universität Kiel ein „kleiner soziologischer Kreis“ um ihn versammelt hatte, den die Frage beschäftigte, „wie man zur Gemeinschaft zurückkehren könne.“[81] Wahrscheinlich deckungsgleich mit einem Seminar von Brockdorffs, das im Sommersemester des Jahres schlicht als „Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft“ angekündigt war,[82] lebte dieser Kreis eine Zeitlang, so von Brockdorff weiter, in der Überzeugung, „auch so etwas wie eine Gemeinschaft“ zu bilden.[83] Vor diesem Hintergrund arrangierte von Brockdorff schließlich am 5. August 1921 auf seinem Landsitz Sophienlust ein Treffen zwischen ihm, den Studenten und Tönnies, der für dieses Datum eine „Sitzung“ mit „Studenten“ bei Plön in seinem Taschenkalender notierte.[84] Mit Spannung erwarteten von Brockdorff und seine Studenten – zu denen auch Heberle gehörte –, wie sich Tönnies zu ihren Erneuerungsbestrebungen verhalten würde. Das Ergebnis dürfte sie überrascht haben, denn statt die Ambitionen zu begrüßen, ging der Soziologie mit ihnen ins Gericht. Der Übergang von Gemeinschaft zu Gesellschaft sei unumkehrbar, erläuterte Tönnies, wer diesen Prozess zurückdrehen wolle, gebe den Standpunkt wissenschaftlicher Betrachtung auf. Seine eigenen Vorannahmen machte Tönnies deutlich, indem er den Übergang von der einen Sozialform in die andere als eine Entwicklung charakterisierte, die mit dem individuellen „Lebensprozeß“ verglichen werden könne. „Kann ich dafür, daß ich alt werde?“ Mit dieser rhetorischen Frage schnitt Tönnies jede weitere Erörterung einer Vergemeinschaftung ab.[85]

Die hier etwas näher geschilderte Episode ist bezeichnend für Tönnies. Tatsächlich fällt auf, dass er alle zeitgenössischen Erwartungen, den konkurrierenden Ideenangeboten im Zeichen der Gemeinschaft klärend gegenüberzutreten oder ihnen sogar einen eigenen großangelegten Entwurf an die Seite zu stellen, weitgehend ignorierte. Und diese Erwartungen waren durchaus zahlreich – gerade unter seinen Schülern. Als ein weiteres Beispiel sei hier Alfred Meusel angeführt, der 1922 kurzzeitig Assistent von Tönnies war, um dann an die Technische Hochschule Aachen zu gehen, wo er sich habilitierte und 1926 ein Extraordinariat für Volkswirtschaftslehre und Soziologie erhielt.[86] Meusel gehörte innerhalb der wissenschaftlichen Schule von Tönnies sicherlich nicht zum engsten Kreis, trotz aller Begegnungen mit ihm, die meist in den Sommer fielen, wenn Meusel seine Heimatstadt Kiel besuchte. Wenn persönliche Verhältnisse eine Balance aus Nähe und Distanz darstellen, so neigte er gegenüber Tönnies, wie seine Korrespondenz mit dem Soziologen veranschaulicht, mehr zur Distanz. Seinen Lehrer wie Neurath als eine Art Ersatzvater zu adressieren, so etwas kam Meusel nicht in den Sinn. Er vermied persönliche Zudringlichkeiten und war eher reserviert.

Vielleicht auch deshalb nahm sich Meusel heraus, Tönnies 1927 aufzufordern, sich zu den Ideen einer Erneuerung von Gemeinschaft klarer als bisher zu positionieren. Tatsächlich hatte Tönnies, wenn auch nur äußerst zögerlich, im Verlauf der 1920er-Jahre einige eigene Angebote für eine politische, soziale und kulturelle Erneuerung mit einer Renaissance von Gemeinschaft in Verbindung brachte. Er hatte es allerdings bei eher vorsichtigen Andeutungen belassen, wie sich Gemeinschaft stärken ließ, und gleichzeitig immer auch vor übertriebenen Erwartungen an eine Reintegration der Gesellschaft durch Gemeinschaftskonzepte gewarnt. Letztlich zielten Tönniesʼ Gedanken auf die langwierige und praktisch unlösbare Aufgabe einer Versittlichung der Gesellschaft und des Einzelnen in ihr.[87] Zusammengenommen wirkte das auf Meusel alles andere als konkret, weshalb er 1927 in einer Rezension von Tönniesʼ Werk Fortschritt und soziale Entwicklung seinen vormaligen Lehrer mit der Frage konfrontierte, ob der Übergang von Gemeinschaft zu Gesellschaft tatsächlich so alternativlos sei oder ob es nicht Anzeichen dafür gab, dass eine neue Epoche bevorstehe, die eine Synthese von Gemeinschaft und Gesellschaft anbahne. „Um so verdienstvoller wäre es“, brachte Meusel seine Forderung vor, „wenn der Autor, der der sozialen Sehnsucht seiner Zeit zur Klärung verhalf, indem er ihr eine Sprache gab, sich zum Problem der Rekonstituierung der Gemeinschaft äußern würde.“[88] Doch auch Meusels Appell konnte nicht bewirken, dass sich Tönnies eingehender zu der Frage einer Erneuerung von Gemeinschaft äußerte. Es blieb bei einigen Andeutungen, die verstreut über das Werk zu finden sind. An diesem Punkt wirkt die Schule um Tönnies, um den Titel eines Buches über den George-Kreis abzuwandeln, wie ein „Kreis ohne Meister“;[89] zugleich kann die Leerstelle aber auch erklären, warum sich immer wieder aufs Neue Schüler um Tönnies scharten. Da, wo er permanent nur zurückhaltende Andeutungen machte, erzeugte er eine Erwartungshaltung, die seine Schüler nur umso stärker an ihn band. Man suchte Anschluss an ihn, um über die Frage der Erneuerung von Gemeinschaft zu Orientierung zu gelangen, man erhielt große persönliche Nähe und ein Gefühl von Bedeutsamkeit, aber keine Antwort.

4. Verortung und Bewertung

Dass die wissenschaftliche Schule um Tönnies auffällig mit der Idee einer Erneuerung von Gemeinschaft verknüpft ist, dafür spricht die Innen- und Außenwahrnehmung des hier in Ausschnitten beleuchteten Personenzusammenhangs. Die akademische Geselligkeit der Tönnies-Schule hatte – zumindest was einige Schüler anbelangt – ganz klar ideelle Implikationen, was allerdings nichts daran ändert, dass materielle Aspekte, die von der akademischen Qualifikation über den Zugang zu Zeitschriften bis zur Kooptation in die DGS reichen konnten, ebenso eine Rolle gespielt haben dürften. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch konstatieren, dass die wissenschaftliche Schule keine la sociabilité pour la sociabilité praktizierte. Ihre gesellige Praxis zielte nicht etwa darauf ab, einen sozialen Aktionsraum zu erzeugen, welcher dem „Kunstwerk“ näher als der „Realität“ stehen sollte.[90] Eine solche Wirkung verfolgte man eher im Kreis der beiden Salonmenschen Georg und Getrud Simmel in Berlin-Charlottenburg, der sich seit den 1890er-Jahren um sie bildete.[91] Natürlich stand auch die wissenschaftliche Schule um Tönnies in einem Gegensatz zur Alltagswelt der Universität, wie bereits an Eutin als Bühne des geselligen Kontakts offenbar wurde. In einem Punkt allerdings ging es auch Tönnies um „Kunst“, nämlich um die Kunst der Lehre und Unterweisung. Im Grunde erstrebte er in Eutin eine Neuordnung von Forschung und Lehre, bei der die an der Universität vorhandene Einheit beider Bereiche aufgehoben werden sollte, wie er 1911 über eine Akademie der Zukunft ausführte. Das bedeutete für ihn kein Ende der Lehre, sondern einen begrüßenswerten Wechsel der Form. „Und doch kann er [der Forscher, A. W.] seine Kunst lehrend mitteilen: als ein Meister, nicht als ein Lehrer; Jünger wird er neben sich wachsen lassen, die von seinem Geiste sich nähren“.[92]

Das soll nicht heißen, dass damit das letzte Wort über die soziologische Schule von Tönnies gesprochen wäre. Es bedarf weiterer Untersuchungen, einerseits um diesen Personenzusammenhang und dessen einzelne Mitglieder genauer zu erforschen, und anderseits, um ein besseres Bild von Tönnies als Hochschullehrer und Mentor zu gewinnen.[93] Generell wäre eine Erforschung der unterschiedlichen Schulen der frühen Soziologie wünschenswert, denn erst so ließen sich systematischere Zugänge aus vergleichender Perspektive herstellen, und nur so könnte Klarheit gewonnen werden, was für die Denkschulen dieser Zeit allgemein charakteristisch, was eher besonders gewesen ist und was sich nach 1945 fortgesetzt hat. Auf diese Weise könnte eine intensivere Auseinandersetzung mit den einzelnen Schulen nicht nur wertvolle Aufschlüsse für die frühe Institutionalisierungsphase der Soziologie im deutschsprachigen Raum geben, sondern auch prägende Weichenstellungen und Wirkungen für die weitere Entwicklung kenntlich machen.

  1. Für Hinweise zu diesem Artikel bedanke ich mich bei Frank Baudach, Uwe Dörk und Sebastian Klauke. Die folgenden Ausführungen basieren auf meinem Dissertationsprojekt „Ferdinand Tönnies: Eine intellektuelle Biografie 1855–1936“ an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  2. Clemens Albrecht, Schüler machen Schulen. Zur Dynamik generationsübergreifender Forschungsgruppen am Beispiel der „Frankfurter Schule“, in: Joachim Fischer / Stephan Moebius (Hg.), Soziologische Denkschulen in der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2019, S. 15–38, hier S. 16.
  3. Die vier Schulen der bundesrepublikanischen Soziologie gruppieren sich für Frankfurt um die Namen von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, für Göttingen um Helmuth Plessner, für Hamburg beziehungsweise Münster um Helmut Schelsky und für Köln um René König. Neuere Überblicke zu diesen Denkschulen präsentieren die entsprechenden Beiträge in Fischer/Moebius (Hg.), Soziologische Denkschulen. Lesenswerte Einzeldarstellungen liefern u. a. Oliver Römer / Ina Albert-Almenart (Hg.), Erkundungen im Historischen: Soziologie in Göttingen. Geschichte, Entwicklungen, Perspektiven, Wiesbaden 2019; Stephan Moebius, René König und die „Kölner Schule“. Eine soziologiegeschichtliche Annäherung, Wiesbaden 2015; Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule. Geschichte. Theoretische Entwicklung. Politische Bedeutung, München 2001.
  4. Vgl. Joachim Fischer / Stephan Moebius, Soziologische Denkschulen. Zur Archäologie der bundesrepublikanischen Soziologie, in: dies. (Hg.), Soziologische Denkschulen, S. 1–14.
  5. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. 1: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1994, S. 665. Es dürfte lohnend sein, der von Nipperdey gelegten Spur einmal nachzugehen und die Gründungsgeschichte der Soziologie bis in die Historische Schule der Nationalökonomie zurückzuverfolgen, „zu deren Kindern wir ja selbst gehören“, wie Max Weber 1904 im neu begründeten Archiv für Sozialwissenschaft schrieb. Siehe Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis [1904], in: ders., Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik, hrsg. v. Johannes Winckelmann, Stuttgart 1973, S. 186–262, hier S. 254. Vielfältige Anregungen für eine stärkere Nuancierung der Entstehungsgeschichte der Soziologie finden sich auch in Jens Herold, Der junge Gustav Schmoller. Sozialwissenschaft und Liberalkonservatismus im 19. Jahrhundert, Göttingen 2019.
  6. Siehe Stephanie Knebelspieß / Stephan Moebius, Programm, personelle und organisatorische Entwicklung des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften 1918/1919 bis zum heutigen Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS), in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 71 (2019), S. 515–552. Zu Freyers Schule in Leipzig siehe Elfriede Üner, Soziologie als „geistige Bewegung“. Hans Freyers System der Soziologie und die „Leipziger Schule“, Weinheim 1992. Das Zitat ebd., S. 11.
  7. Erhard Albrecht, Einführung in die Philosophie. Bd. 2: Kritik der bürgerlichen Philosophie und Soziologie der Gegenwart, Greifswald 1964, S. 144.
  8. Zur DGS und zu Tönnies’ Rolle in ihr, die vor allem in der Weimarer Zeit nicht zu unterschätzen ist, siehe vor allem Uwe Dörk, Die frühe deutsche Gesellschaft für Soziologie. Zum organisatorischen, epistemischen und sozialen Profil einer Fachgesellschaft, in: Stephan Moebius / Andrea Ploder (Hg.), Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Bd. 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum, Wiesbaden 2018, S. 809–828; ders., Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) in der Zwischenkriegszeit (1918–1933). Akademische Etablierung unter dem Zeichen elitär-demokratischer Kreisbildung, in: ebd., S. 829–848. Stärker zusammenfassend: Uwe Dörk / Sonja Schnitzler / Alexander Wierzock, Die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vor 110 Jahren, in: Soziologie 48 (2019), 3, S. 309–316.
  9. Zur bisher kaum erforschten Lehrtätigkeit von Tönnies siehe Nicole Holzhauser / Alexander Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie: Ferdinand Tönnies’ Lehrveranstaltungen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in: Zyklos. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie 5 (2019), S. 209–245.
  10. Für diese Einschätzung siehe Dirk Käsler, Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung, Frankfurt am Main 2003, S. 255.
  11. Theodor Lessing, Der jüdische Selbsthass, Berlin 1930, S. 138. Zur fehlenden Schule um Simmel siehe Wolf Lepenies, Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft, Frankfurt am Main 2006, S. 294.
  12. Bisherige Forschungen haben das Thema nur gestreift, so dass der Kenntnisstand entsprechend gering ist. Eine Ausnahme mit Fokus auf die frühe Weimarer Republik bildet Detlef Siegfried, Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialwissenschaft und Linksradikalismus 1917–1922, Wiesbaden 2004.
  13. Cay Baron von Brockdorff, Persönliches von Ferdinand Tönnies, in: Reine und angewandte Soziologie. Eine Festgabe für Ferdinand Tönnies zu seinem achtzigsten Geburtstage am 26. Juli 1935, Leipzig 1936, S. 363–376, hier S. 363.
  14. Ferdinand Tönnies, Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Ansicht, in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 7: 1905–1906, hrsg. v. Arno Bammé und Rolf Fechner, Berlin / New York 2009, S. 119–250, hier S. 235.
  15. Ebd., S. 183 f.
  16. Siehe Ferdinand Tönnies, Gesamtausgabe, Bd. 14: 1922. Kritik der öffentlichen Meinung, hrsg. v. Alexander Deichsel, Rolf Fechner u. Rainer Waßner, Berlin / New York 2002, S. 56 f., 163.
  17. Carl Max Maedge an Ferdinand Tönnies, 21.10.1912, in: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (SHLB), Tönnies-Nachlass (TN), Cb 54.56:495; siehe auch Ferdinand Tönnies, Die Akademie der Zukunft, in: ders., Gesamtausgabe, B. 9: 1911–1915, hrsg. v. Arno Mohr in Zusammenarbeit mit Rolf Fechner, Berlin / New York 2000, S. 160–162, hier S. 161.
  18. Noch 1923 schimpfte etwa der Historiker Johannes Haller die Soziologie eine „Feuilettonswissenschaft, nur für Frauen“. Johannes Haller, zit. nach Theodor Eschenburg, Also hören Sie mal zu. Geschichte und Geschichten. 1904 bis 1933, Berlin 1995, S. 150.
  19. Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1962, S. 315.
  20. Fischer/Moebius, Soziologische Denkschulen, S. 10.
  21. Georg Jellinek, Das Recht des modernen Staates, Bd. 1: Allgemeine Staatsrechtslehre, Berlin 1900, S. 83.
  22. Ferdinand Tönnies, Ferdinand Tönnies, in: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, hrsg. v. Raymund Schmidt, Leipzig 1924, S. 202–242, hier S. 230.
  23. Gunnar Take, „Die Objektivität ist durch sein Wesen verbürgt.“ Bernhard Harmsʼ Gründung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und sein Aufstieg im Ersten Weltkrieg, in: Demokratische Geschichte 26 (2015), S. 13–74; ferner auch ders., Forschen für den Wirtschaftskrieg. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft im Nationalsozialismus, Berlin / Boston, MA 2019, S. 19–34.
  24. Siehe hierzu Das Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr. Wirtschaftswissenschaftliche Forschungs- und Lehranstalt an der Universität Kiel. Ein Wegweiser für Studierende, Kiel 1922, S. 6 f.
  25. Ernst Schuster, Bernhard Harms als Mensch und Lehrer, in: Weltwirtschaftliches Archiv 92 (1964), S. 23–30, hier S. 29 f.
  26. Bernhard Harms, Ferdinand Tönnies. Tischrede, gehalten zum 70., überreicht zum 80. Geburtstage. 26. Juli 1925 und 1935, in: Reine und angewandte Soziologie, S. 377–382, hier S. 377.
  27. Dies ist eine Selbstbezeichnung. Siehe Tönnies, Ferdinand Tönnies, S. 225.
  28. Siehe hierzu Gesuch des Privatdocenten Dr. Ferdinand Tönnies um Verleihung des Titels und Ranges eines Professors, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I HA Rep. 76 Va Sekt. 9 Tit. IV Nr. 1 Bd. 8.
  29. Siehe Aufruf!, in: Rolf Fechner (Hrsg.), Ferdinand Tönnies, Schriften zum Hamburger Hafenarbeiterstreik, München u. Wien 2010, S. 229–231.
  30. Siehe Privatdienstliches Schreiben von Bernhard Harms an den Geheimen Oberregierungsrat Ludwig Elster im Kultusministerium, 10.11.1908, in: Acta Borussica, Neue Folge, 2. Reihe: Preussen als Kulturstaat, Abt. II: Der preußische Kulturstaat in der politischen und sozialen Wirklichkeit, Bd. 13: Hartwin Spenkuch, Preußische Universitätspolitik im Deutschen Kaiserreich. Dokumente zu Grundproblemen und ausgewählten Professorenberufungen in den Philosophischen Fakultäten zur Zeit Friedrich Althoffs (1897 bis 1907), Berlin / Boston, MA 2018, S. 587 f.
  31. Dies zeigt ein Vorlesungsleitfaden von 1911: Ferdinand Tönnies, Leitfaden einer Vorlesung über theoretische Nationalökonomie, in: Ders., Gesamtausgabe. Bd. 9: 1911–1915, hrsg. v. Arno Mohr i. Z. m. Rolf Fechner, Berlin u. New York 2000, S. 3–10, hier: S. 10.
  32. Siehe hierzu die Liste aller Vorlesungen von Tönnies bei Holzhauser & Wierzock, Zwischen Philosophie, S. 231–241 (wie Anm. 9).
  33. Siehe Dörk/Schnitzler/Wierzock, Die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, S. 309 f.
  34. Helmuth Plessner, Nachwort zu Ferdinand Tönnies, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 7 (1955), S. 341–347, hier: S. 341.
  35. Zur Wirkungsgeschichte von Gemeinschaft und Gesellschaft siehe ausführlich den editorischen Bericht von Bettina Clausen und Dieter Haselbach, in: Ferdinand Tönnies, Gesamtausgabe, Bd. 2: 1880–1935. Gemeinschaft und Gesellschaft, hrsg. v. Bettina Clausen u. Dieter Haselbach, Berlin / Boston, MA 2019, S. 433–807, hier S. 597–807.
  36. Take, Bernhard Harmsʼ Gründung, S. 39 f.
  37. Tönnies, Ferdinand Tönnies, S. 230.
  38. Maßgeblichen Anteil an dieser Idee hatte der damalige Unterstaatssekretär Carl Heinrich Becker, der später preußischer Kultusminister wurde. Siehe hierzu Guido Müller, Weltpolitische Bildung und akademische Reform. Carl Heinrich Beckers Wissenschafts- und Hochschulpolitik 1908–1933, Köln/Weimar 1991, S. 338–352; Erhard Stölting, Akademische Soziologie in der Weimarer Republik, Berlin 1986, S. 92–95.
  39. Ferdinand Tönnies an Max Graf zu Solms, 2.8.1924, in: Max Graf zu Solms, Ein Lebensgang. Briefe – Selbstzeugnisse – Berichte, hrsg. v. Freda Gräfin zu Solms, Marburg 1982, S. 150.
  40. Fischer/Moebius, Soziologische Denkschulen, S. 12, Fn. 53.
  41. Brockdorff, Persönliches von Ferdinand Tönnies, S. 364 u. 371.
  42. Harms, Ferdinand Tönnies. Tischrede, S. 377.
  43. Ferdinand Tönnies, Rede zur Eröffnung des III. Deutschen Soziologentages, in: ders., Gesamtausgabe. Bd. 15: 1923–1925, hrsg. v. Dieter Haselbach, Berlin / New York 2000, S. 534–538, hier S. 534 f.
  44. Else Brenke an Hermann Schmalenbach, 11.2.1930, Universitätsbibliothek Basel, Nachlass Hermann Schmalenbach, Aa 55,1. Das folgende Zitat ebd.
  45. Spannungen zwischen Tönnies und von Wiese waren allgegenwärtig. Ein beredtes Beispiel stammt aus dem Jahr 1929, als der preußische Landtag empfahl, weitere Lehrstühle für Soziologie zu errichten und das preußische Kultusministerium in der Folge die DGS ersuchte, in einem Gutachten geeignete Kandidaten vorzuschlagen. Unfähig, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen, verfassten Präsident und Schriftführer der DGS zwei separate Denkschriften. Siehe Alexander Wierzock, Ferdinand Tönnies über den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Soziologie. Eine vergessene Denkschrift aus der Zeit der Weimarer Republik, in: Zyklos. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie 3 (2017), S. 313–339.
  46. Leopold von Wiese, Tönniesʼ Einteilung der Soziologie, in: Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie 5 (1925/26), S. 445–455, hier S. 450.
  47. Ehrungen für Geheimrat Tönnies, Kieler Neueste Nachrichten, 28.7.1925.
  48. Lokales. Kauf, in: Anzeiger für das Fürstenthum Lübeck, 2.3.1901.
  49. Franziska Heberle, Erinnerungen an meine Mutter, in: Tönnies-Forum 1 (2001), S. 15–60, hier S. 34 f.
  50. Zur Geschichte des Fürstentums Lübeck bis 1918 siehe Wolfgang Prange, Der Landesteil Lübeck, in: Albrecht Eckhardt (Hg.), Geschichte des Landes Oldenburg. Ein Handbuch, Oldenburg 1987, S. 549–590.
  51. Harald Høffding, Olga Thomsen, Kurt Albert Gerlach, Paul Smidt, Herdis Krarup u. Arthur Christensen an Ferdinand Tönnies, 25.9.1909, in: Ferdinand Tönnies / Harald Höffding, Briefwechsel, hrsg. u. komm. v. Cornelius Bickel und Rolf Fechner, Berlin 1989, S. 106 (es handelt sich um eine Postkarte, die von allen genannten Personen signiert worden war); Carl Max Maedge an Ferdinand Tönnies, 21.10.1912, in: SHLB, TN, Cb 54.56:495 und ders., Über den Ursprung der ersten Metalle, der See- und Sumpferzverhüttung, der Bergwerksindustrie und ihrer ältesten Organisation in Schweden, Jena 1916, S. VI.
  52. Anton Thomsen, F. Tönnies, in: Tilskueren, 30 (1913), 1, S. 307 f., hier: S. 308; Harald Høffding an Ferdinand Tönnies, 7.7.1907, in: Tönnies/Höffding, Briefwechsel, S. 98 f., hier S. 99.
  53. Eschenburg, Also hören Sie mal zu, S. 160. Das zweite Zitat ebd., S. 150.
  54. Ebd., S. 161.
  55. Ebd., S. 193–195.
  56. Aus der Vielzahl der Literatur siehe etwa Matthias Asche / Dietmar Klenke (Hg.), Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Köln 2017.
  57. Zu den Veranstaltungen siehe die Liste „Sämtliche Veranstaltungen (Abschrift)“ bei Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, S. 231–241.
  58. SHLB, TN, Cb 54.11:12, Taschenkalender 1914, 21.2.1914.
  59. Ebd., 22.2.1914.
  60. Ebd., 23.2.1914.
  61. Ebd., 7.6.1914.
  62. Ebd., 31.3.1914.
  63. Siehe Otto Ulbricht, Geselligkeit im akademischen Milieu: Kiel in den 1790er Jahren, in: Peter Albrecht / Hans Erich Bödeker / Ernst Hinrichs (Hg.), Formen der Geselligkeit in Nordwestdeutschland 1750–1820, Tübingen 2003, S. 371–395, hier S. 381–384.
  64. Friedrich Hoffmann, Ferdinand Tönnies im Gedenken seiner heimatlichen Verbundenheit, in: Arno Bammé / Heinz Hülsmann / Günter Reisbeck (Hg.), Ferdinand Tönnies. Soziologe aus Oldenswort, München u. Wien 1991, S. 43–58, hier S. 47.
  65. Brockdorff, Persönliches von Ferdinand Tönnies, S. 366.
  66. Ernst Manheim, zit. n. Elisabeth Welzig, Die Bewältigung der Mitte. Ernst Manheim: Soziologe und Anthropologe, Wien 1997, S. 66.
  67. Ebd. Die beiden folgenden Zitate ebd.
  68. Dies unterschied Tönnies beispielsweise von Max Weber, der in seinem Kreis in Heidelberg ganz anders auftrat. Hierzu sowie zum Zitat siehe Joachim Radkau, Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2013, S. 437.
  69. Eben dies wird von der Forschung auf Freyers jugendbewegte Sozialisation zurückgeführt. Siehe Üner, Soziologie, S. 11.
  70. Im Jahr 1925 erhielt Freyer in Leipzig den ersten ,reinen‘ Lehrstuhl für Soziologie an einer deutschen Universität. Zum Zitat siehe Welzig, Die Bewältigung der Mitte, S. 69.
  71. Kurt Albert Gerlach an Ferdinand Tönnies, 29.12.1918, SHLB, TN, Cb 54.56:296.
  72. Otto Neurath an Ferdinand Tönnies, o. D. [Dezember 1905], SHLB, TN, Cb 54.56:539.
  73. Ebd.
  74. Annemarie Hermberg an Ferdinand Tönnies, 7.8.1923, SHLB, TN, Cb 54.56:35.
  75. Rudolf Heberle, Tönnies, Ferdinand, in: David L. Sills (Hg.), International Encyclopedia of the Social Sciences, Vol. 16, New York 1968, S. 98–103, hier S. 102.
  76. Niall Bond, Understanding Ferdinand Tönniesʼ „Community and Society“. Social Theory and Political Philosophy between Enlighted Liberal Individualism and Transfigured Community, Zürich/Berlin 2013, S. 133. Weitere Beispiele: Cornelius Bickel, Ferdinand Tönnies (1855–1936), in: Dirk Käsler (Hg.), Klassiker der Soziologie. Bd. 1: Von Auguste Comte bis Alfred Schütz, München 2006, S. 114–127, hier S. 114 oder Volker Kruse, Geschichte der Soziologie. Bd. 1, Konstanz u. Stuttgart 2018, S. 122.
  77. Eduard Rosenbaum, Ferdinand Tönniesʼ Werk, in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche 38 (1914), 4, S. 2149–2196, hier S. 2195. Die folgenden Zitate ebd., S. 2194 u. 2196.
  78. Tönnies, Kritik der öffentlichen Meinung, S. 666 (Hervorh. im Original).
  79. Hierzu weiterführend Alexander Wierzock, „Nicht Kartenhäuser oder Luftschlösser, sondern einen Tempel des Geistes und der Gesittung“. Ferdinand Tönniesʼ Verhältnis zu den revolutionären Erneuerungshoffnungen 1918/19, in: Albert Dikovich / Alexander Wierzock (Hg.), Von der Revolution zum Neuen Menschen. Das politisch Imaginäre in Mitteleuropa 1918/19: Philosophie, Humanwissenschaften und Literatur, Stuttgart 2018, S. 39–66, hier S. 53 f.
  80. Alfred Döblin, Kunst, Dämon und Gemeinschaft, in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 22: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur, Frankfurt am Main 2013, S. 192–195, hier S. 195.
  81. Brockdorff, Persönliches von Ferdinand Tönnies, S. 372.
  82. Verzeichnis der Vorlesungen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Sommersemester 1921, Kiel 1921, S. 25.
  83. Brockdorff, Persönliches von Ferdinand Tönnies, S. 372.
  84. SHLB, TN, Cb 54.11:19, Taschenkalender 1921/22, 5.8.1921.
  85. Brockdorff, Persönliches von Ferdinand Tönnies, S. 372.
  86. Zum Verhältnis zwischen Meusel und Tönnies siehe Alexander Wierzock, Tragisches Bewusstsein und sozialer Pessimismus als wissenschaftliche Erkenntnisvoraussetzung: Alfred Meusel und Ferdinand Tönnies, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 62 (2014) S. 901–920.
  87. Zu Tönniesʼ Ideen einer Erneuerung von Gemeinschaft in der Umbruchszeit 1918/19 siehe Wierzock, Kartenhäuser, S. 57–61.
  88. Alfred Meusel, Rezension zu Ferdinand Tönnies, Fortschritt und soziale Entwicklung. Geschichtsphilosophische Ansichten, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 83 (1927), S. 380–383, hier S. 383.
  89. Ulrich Raulff, Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben, München 2010.
  90. Georg Simmel, Soziologie der Geselligkeit [1911], in: ders., Bd. 12: Aufsätze und Abhandlungen 1909–1918, hrsg. v. Rüdiger Kramme und Angela Rammstedt, Frankfurt am Main 2001, S. 177–193, hier S. 180.
  91. Angesichts des personellen Zuschnitts dieses Kreises ist diese ästhetisierende Ausrichtung nur zu verständlich. Denn Simmels „erlesene geistvolle Gesprächskunst“, wie sie Marianne Weber einmal bezeichnete, zog Personen wie Stefan George, die Gebrüder Gundolf, Gertrud Kantorowicz, das Malerpaar Reinhard und Sabine Lepsius oder Rainer Maria Rilke an. Einige Simmel-Schüler gehörten aber auch dazu, wie etwa der später mit Tönnies bekannte Schmalenbach. Siehe Marianne Weber, Max Weber. Ein Lebensbild, Tübingen 1984, S. 373; Nicole C. Karafyllis, Die Philosophen Herman Schmalenbach und Willy Moog und ihr Wirken an den Technischen Hochschulen in Hannover und Braunschweig, Hannover 2016, S. 11.
  92. Tönnies, Akademie, S. 161.
  93. Im Rahmen einer Projektzusammenarbeit mit Sebastian Klauke entsteht derzeit eine umfassende Dokumentation von Tönniesʼ Schülerinnen und Schülern. Bei der 1. Sektionstagung der Sektion der DGS im Mai 2021 haben wir „Zur Schulbildung um Ferdinand Tönnies in Kiel“ vorgetragen und dabei eine Schüler-Liste vorgestellt, die aktuell über 70 Namen umfasst. Eine Publikation der Ergebnisse ist im siebten Band des Zyklos-Jahrbuchs geplant.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Gruppen / Organisationen / Netzwerke Universität Wissenschaft

Alexander Wierzock

Alexander Wierzock promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Biografie über den Soziologen und politischen Intellektuellen Ferdinand Tönnies (1855-1936). Außerdem ist er derzeit am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen im DFG-Projekt „Ferdinand Tönnies: Eine digitale Briefedition“ beschäftigt.

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