Juri Auderset | Rezension |

Die Unentbehrlichen

Rezension zu „Kalkulierte Mobilität. Ökonomische und biographische Perspektiven auf Saisonarbeit“ von Judith Schmidt

Judith Schmidt:
Kalkulierte Mobilität. Ökonomische und biographische Perspektiven auf Saisonarbeit
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2021: Campus
281 S., 39,95 EUR
ISBN 978-3-593-51448-2

„Ohne die Polen geht es heute nicht mehr! In diesen wenigen Worten liegt die ganze Bedeutung, die heute der landwirtschaftlichen Wanderarbeit in Deutschland zukommt.“ Diese Sätze stammen nicht etwa aus einer zeitgenössischen Quelle zur Bedeutung der Saisonarbeit in der deutschen Landwirtschaft, sondern finden sich in einer Untersuchung, die 1912 in der Schweiz über die „landwirtschaftliche Arbeiterfrage“ veröffentlicht wurde.[1] Dass eine Momentaufnahme aus dem frühen 20. Jahrhundert wie eine Gegenwartsdiagnose der heutigen Zeit erscheint, verweist auf die lange Kontinuität landwirtschaftlicher Saisonarbeit in der Moderne. Obwohl alle Praktiken der landwirtschaftlichen Produktion zyklisch und saisonal bedingt sind und der Bedarf an Arbeitskräften damit entlang der Vegetations- und der tierlichen Reproduktionszeiten variiert, sind die Haussen und Baissen im landwirtschaftlichen Arbeitsjahr nicht nur natürlich determiniert, sondern auch von anderen Faktoren abhängig. Neben Anbaustrukturen und Produktionssystemen oder den Marktordnungen mit ihren asymmetrischen Machtgefügen spielen nicht zuletzt die Normansprüche des Handels und der verarbeitenden Industrien sowie die Erwartungen der Konsument:innen eine wichtige Rolle. Während die Tendenz zur Spezialisierung die Saisonalität des Arbeitskräftebedarfs akzentuiert, ermöglichen diversifizierte Produktionsstrukturen eine ausgeglichenere Verteilung der Arbeit. Gehörte letztere lange und teilweise bis heute zur ökonomisch-kulturellen Logik bäuerlicher Familienbetriebe, wird erstere seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als Mittel zur Integration der landwirtschaftlichen Produktion in die industriekapitalistische Wachstumsgesellschaft propagiert, setzt aber die Existenz einer migrantischen „konjunkturellen Reservearmee“ (Ulrich Herbert) voraus,[2] ohne welche die saisonalen Arbeitsspitzen kaum zu bewältigen wären. Der massive und beschleunigte Rückgang der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung in der Nachkriegszeit und der damit verbundene Konzentrationsprozess in den westlichen Industriegesellschaften haben ihr oft unbeachtetes Pendant in der mobilen Saisonarbeit, welche die globalen Ernährungs- und Agrarsysteme aufrechterhält, damit die Konsumierenden losgelöst von agrarischen Saisonalitäten essen können – oder müssen. Insofern ist die zeitweise „Anstellung ausländischer Arbeitskräfte“ in der Tat ein Instrument „zur Erfüllung industriekapitalistischer Vorstellungen von Nahrungsproduktion“ (S. 12), wie Judith Schmidt in ihrer lesenswerten ethnografischen Studie schreibt, die auf einer an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz entstandenen Dissertation beruht. An der historischen Entwicklung dieser „industriekapitalistischen Vorstellungen von Nahrungsproduktion“ ist die Autorin indes weniger interessiert als an der Frage, wie das dadurch hervorgebrachte und verstetigte Phänomen der Saisonarbeit von Landwirten und Saisonarbeiter:innen in der Gegenwart erfahren und interpretiert wird.

Zur Beantwortung dieser Frage untersucht Schmidt die asymmetrisch miteinander verflochtenen Arbeitswelten von rumänischen Saisonarbeiter:innen und deutschen Landwirten auf rheinland-pfälzischen Obst-, Gemüse- und Weinanbaubetrieben. Diese Betriebe versteht sie mit Mary Louise Pratt als „Kontaktzonen“, in denen die systemischen Strukturen des „Agro-Migration-Komplexes“ ebenso sichtbar werden wie die partikulären ökonomischen Überlebensstrategien von landwirtschaftlichen Betrieben und rumänischen Saisonarbeiter:innen. Beide Akteursgruppen sind aus jeweils unterschiedlichen Gründen aufeinander angewiesen: Die landwirtschaftlichen Betriebe sind auf der Suche nach Arbeitskräften, die zu den angebotenen Konditionen bereit sind, temporär zu arbeiten, während die rumänischen Saisonarbeiter:innen in ihre saisonale Arbeitsmobilität investieren, um ihre beschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten zu erweitern. Wie unterschiedlich die lebens- und arbeitsweltlichen Erfahrungen und Deutungen von Saisonarbeit, Mobilität und ökonomischen Zwängen aufseiten aller Beteiligten sind, vermag die Autorin im Rahmen der themenzentrierten Experteninterviews mit den Landwirten und der biografischen Interviews mit den Saisonarbeiter:innen anschaulich herauszuarbeiten.

Aufbau und Struktur der Studie spiegeln in mancherlei Hinsicht den Erkenntnis- und Arbeitsprozess der Autorin, was nicht zuletzt durch die in knappen Verben gehaltenen Kapitelüberschriften unterstrichen wird. Im Kapitel „Entwickeln“ werden die zentralen Konzepte und Erkenntnisziele der Arbeit herausgearbeitet, das Kapitel „Eingrenzen“ beleuchtet die Hintergründe temporärer rumänischer Arbeitsmobilität in der deutschen Landwirtschaft. Danach folgt mit dem Kapitel „Erfahren“ eine detaillierte und selbstreflexive Darstellung der Feldforschung von den ersten Kontaktversuchen über die Forschungsarbeit auf den deutschen Betrieben und in den rumänischen Herkunftsregionen bis hin zur kritischen Betrachtung der sehr unterschiedlichen Interviewsituationen. In den analytischen Hauptkapiteln „Bewirtschaften“, „Bearbeiten“ und „Begegnen“ werden anschließend die themenfokussierten Interviews mit den Landwirten und die biografischen Interviews mit den Saisonarbeitskräften dargestellt, entlang von Narrationsanalysen untersucht und hinsichtlich ihrer Verschränkungen diskutiert.

Die Berichte der Landwirte sieht Schmidt geprägt von einer narrativen Rahmung, die sie als „Kalkulationserzählung“ versteht. Eingespannt in einen forcierten Verdrängungswettbewerb und dem Preisdruck des Weltmarkts sowie der Marktmacht des Einzelhandels ausgesetzt, betrachten die Landwirte demnach das wirtschaftliche Geschehen auf ihren Höfen in einem scheinbar unausgesetzten, nüchternen Kosten-Nutzen-Kalkül. Der „Bleistift [ist ständig] mit dabei“, zitiert die Autorin einen interviewten Landwirt (S. 153). Interessanterweise ist dieser scheinbar kühle rechnerische Blick zugleich streng auf die generationelle und als „nachhaltig“ imaginierte Hofübergabe gerichtet und lässt auch den Qualitätsanspruch gegenüber der eigenen Produktion nicht außer Acht. Die Widersprüche, die sich zwischen den allgegenwärtigen „Kalkulationserzählungen“ und der von der Autorin ebenso konstatierten „Durchdrungenheit der landwirtschaftlichen Arbeit mit immateriellen Elementen“ auftun (S. 152), werden zwar zur Kenntnis genommen, jedoch analytisch nicht weiterverfolgt.

Nicht weniger spannungsgeladen sind die Berichte der saisonalen Landarbeiter:innen aus Rumänien, die saisonale Arbeitsmobilität als zentralen Bestandteil eines „mobile livelihood“ beschreiben. Lohngefälle, Korruptionserfahrungen und die oft im Bau eines eigenen Hauses in Rumänien materialisierten Zukunftshoffnungen wirken auf die Selbstdeutungen der rumänischen Saisonarbeiter:innen ebenso ein wie das zeitweilige Zurücklassen der Familie. Hier werden ebenfalls „Kalkulationserzählungen“ sichtbar, „rechnen“ doch die saisonalen Arbeitskräfte die Härte der Arbeit und die emotionale Belastung durch die temporäre Trennung von der Familie und vom sozialen Umfeld gegen die höheren Löhne und die durch das Wohlstandsgefälle ermöglichte Kaufkraftsteigerung in der Heimat auf. Dabei zeigt sich auch hier, dass die Etablierung eines „mobile livelihood“ alles andere als geradlinig verläuft.

Im Kapitel „Begegnen“ führt Schmidt die Darstellung der beiden „Lebensentwürfe“ von Landwirten und Saisonarbeitskräften zusammen. Mit Beginn der Erntesaison kommt es demnach auf deutschen Betrieben zur Ausbildung von „Kontaktzonen“, in denen die unterschiedlichen Vorstellungen, Interessen, kulturellen Normen und ökonomischen Nutzenerwartungen der Beteiligten aufeinandertreffen und verhandelt werden. Anschaulich und abwägend beschreibt die Autorin, wie das Phänomen der landwirtschaftlichen Saisonarbeit rumänisch-deutsche Beziehungsgeschichten hervorbringt, die ebenso von kulturellen Stereotypen, Reibungen und Konflikten wie von ökonomisch-kulturellen Übersetzungen, wechselseitigem Verständnis und kooperativen Konfliktlösungsstrategien geprägt sind. Konstitutiv für diese Beziehungsgeschichten ist der Umstand, dass die soziale Ungleichheit zwischen Rumänien und Deutschland ebenso als Druck auf die Arbeitsmobilität rumänischer Saisonarbeiter:innen wirkt, wie letztere ein unabdingbares Arbeitskräftereservoir für das ökonomische Überleben deutscher Landwirtschaftsbetriebe darstellen, von denen viele vor der Zwangsalternative „Wachsen oder Weichen“ stehen. Es treffen sich hier in einem ungleichgewichtigen, aber wechselseitig wirkenden Abhängigkeitsverhältnis zwei Akteursgruppen, die durch ihre unterschiedlich motivierten Praktiken die „industriekapitalistischen Vorstellungen von Nahrungsproduktion“ oft nichtintendiert aufrechterhalten und dabei gleichzeitig stärker als andere soziale Gruppen unter den damit verbundenen Zwängen, Verwerfungen und Verunsicherungen leiden und um das wirtschaftliche Überleben kämpfen müssen, wie Schmidt in ihrem abschließenden, mit „Verstehen“ überschriebenen Kapitel andeutet.

Dass die Darstellung der Ergebnisse streng entlang des Forschungsprozesses erfolgt, erleichtert zwar die Nachvollziehbarkeit der empirischen Forschung, ist aber nicht ohne Tücken. So entsteht zuweilen der Eindruck, dass der Gang der Forschungsarbeit die gewählte Darstellungsform determiniert, die Autorin also von dem organisatorischen Nacheinander ihrer Feldforschung und den in diesem Prozess jeweils erarbeiteten Teilergebnissen getrieben wird, anstatt dass sie diese systematisch reflektiert, einordnet, analysiert und in eine vom eigentlichen empirischen Forschungsprozess unabhängigere Darstellungsform bringt. Schmidts Entscheidung für eine eng am Arbeitsprozess orientierte Gliederung hat nicht nur etliche Redundanzen zur Folge, sondern zieht auch einen theoretischen Eklektizismus nach sich, welcher der analytischen Kohärenz der Untersuchung zuweilen abträglich ist. Wenn fast jeder Abschnitt und jedes damit angesprochene empirische Problem mit einer neuen theoretischen Referenz eingeleitet wird, führt dies unweigerlich dazu, dass die Argumentationsfäden ausfransen und sich nur noch schwer nachvollziehen lassen. So fragt man sich, ob es für die Untersuchung des Phänomens Saisonarbeit tatsächlich adäquat und sachgerecht ist, Agro-Food-Studies, ökonomische Anthropologie, Agrarökonomie und -soziologie, Erzählforschung, Generationstheorien, Mobilitätsstudien, Raumsoziologie sowie die Konzepte der „Kontaktzone“, der „Arbeitskraftunternehmer“ und der „Einbettung“ in additiver Manier heranzuziehen, ohne sie sinnvoll miteinander zu einer kohärenten Analyseperspektive zu verbinden. Hier hätte eine stringentere und weniger beliebige theoretische Durchdringung des empirischen Materials zur Schärfung der Analyse und zur konzeptuellen Integration der Feldforschungsresultate beitragen und den Eindruck verhindern können, dass die empirischen Befunde in keineswegs immer passende theoretische Gefäße gegossen wurden.

Abgesehen von diesen methodischen und darstellerischen Monita, ermöglicht Schmidts Studie überaus interessante und differenzierte Einblicke in die zwischen Rheinland-Pfalz und Rumänien aufgespannten wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisse von Landwirten und saisonalen Arbeitskräften. Sie bietet damit eine aufschlussreiche Perspektive auf jene Akteursgruppen, deren Lebens- und Arbeitswelten oft entweder gänzlich ignoriert werden oder der massenmedialen Logik des Skandals folgend für einen Moment eruptiv an die Oberfläche gespült werden, um dann wieder der gesellschaftlichen Indifferenz anheimgestellt zu werden. Dass die Autorin diesem Muster der Skandalisierung nicht folgt, sondern Hegemonien und wechselseitige Abhängigkeiten gleichermaßen ins Blickfeld nimmt und differenziert analysiert, ist ein großes Verdienst ihrer Studie. Denn an der Ignoranz weiter Teile der Gesellschaft gegenüber den saisonalen migrantischen Landarbeiter:innen und ihren häufig prekären Arbeitsbedingungen offenbart sich nicht zuletzt ein generelles Desinteresse an den Bedingungen der modernen Lebensmittelproduktion. Die inzwischen als „normal“ geltende Erwartungshaltung, jederzeit möglichst „billig“ und „frisch“ essen zu können – wobei „frisch“ paradoxerweise nicht in einer essenskulturellen Anpassung an saisonale Produktionsbedingungen und Ernterhythmen verstanden wird, sondern in deren Überwindung –, ist zugleich ein Indikator dafür, dass Agrarreformen ohne Ernährungsreformen wenig Aussicht auf Gelingen haben. Insofern lädt Schmidts interessante Studie auch dazu ein, das Phänomen Saisonarbeit und die damit verbundene Mobilität als inhärente Bestandteile historisch gewachsener Agro-Food-Regime in modernen industriekapitalistischen Gesellschaften zu begreifen.

Zwei weiterführende Perspektiven drängen sich nach der Lektüre des Buches auf: Zum einen sollte die in der vorliegenden Arbeit teilweise etwas präsentistisch geratene Darstellung des Phänomens Saisonarbeit noch deutlicher in ihren historischen Tiefendimensionen ausgeleuchtet werden; zum anderen wäre es wünschenswert, zukünftig stärker dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die Machtverhältnisse im Agro-Food-Regime der Gegenwart weder Landarbeiter:innen noch Landwirt:innen begünstigen, sondern anderswo ihre Konzentrationspunkte finden. Eine entsprechende Erweiterung der Forschungsperspektive böte sich hier an. So aufschlussreich die konkrete Analyse der bäuerlichen und migrantischen Lebens- und Arbeitswelten ist, so merkwürdig abgekoppelt erscheinen sie in Schmidts Studie vom Einfluss der den eigentlichen agrarischen Produktionsprozessen vorgelagerten und nachgelagerten Industrien sowie der Finanzinstitute, der Handelsunternehmen, der Einzelhändler:innen und der Konsument:innen. Hier zeichnet sich ein Feld für weitere ethnografische Studien über Agrar- und Ernährungsfragen der Gegenwart ab, das darauf wartet, bestellt zu werden.

  1. Die landwirtschaftliche Arbeiterfrage in der Schweiz. Dritter Teil: Vorschläge zur Lösung des Problems, Bern 1912, S. 113.
  2. Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Bonn 1986, S. 117.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Arbeit / Industrie Geld / Finanzen Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Interaktion Lebensformen Migration / Flucht / Integration Wirtschaft

Juri Auderset

Juri Auderset ist Assistenzdozent für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am Historischen Institut der Universität Bern und Co-Leiter des Bereichs Forschung im Archiv für Agrargeschichte in Bern. Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert, Begriffsgeschichte und Intellectual History, atlantische Geschichte im Zeitalter der Revolutionen und die Geschichte der Landwirtschaft im Industriekapitalismus.

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