Dossier

Ein revolutionärer Psychiater

Frantz Fanon sechzig Jahre nach „Die Verdammten dieser Erde“

Chaque génération doit dans une relative opacité découvrir sa mission,
la remplir ou la trahir. (Les damnés de la terre, S. 198)

Neben einer Revolution, die ihren Namen verdient, mangelte es im Leben des Doktor Frantz Fanon vor allem an einem: Zeit. Mit nur 36 Jahren starb der Arzt aus Martinique am 6. Dezember 1961 in einem Krankenhausbett in der Nähe von Washington D.C. an den Folgen einer Leukämieerkrankung. Wenige Tage zuvor erschien im proalgerischen Verlag Maspero in Paris sein letztes Werk, Die Verdammten dieser Erde. Bis heute wird es überall auf der Welt, auch und gerade außerhalb der Schutzzone westlicher Universitäten, gelesen, auf nahezu religiöse Weise zitiert und exzerpiert, für seine poetische Kraft bewundert, auf seinen agitatorischen Impetus verkürzt, von edlen und blinden Hoffnungen überfrachtet.

Auf Fanons Wunsch schrieb Jean-Paul Sartre ein flammendes Vorwort, das dem todkranken Autor allerdings nicht nur Gutes beschied, denn es drängte ihn in die Rolle des aggressiven Heilers einer an sich selbst erkrankten europäischen Zivilisation, die den letzten Kreditrest der Aufklärung verspielt hatte. Nicht weniger ungelenk wirkt heute das Statement des Black Panther Stokely Carmichael, der den Versuch einer Frage nach den wichtigsten Schriftquellen des antiimperialistischen Widerstands einmal mit den Worten konterte: „Mao Zedong. Che Guevara. Frantz Fanon.“

Anders als die beiden Erstgenannten ist Fanon auch noch sechzig Jahre nach Erscheinen seines letzten Werks ein Denker von außergewöhnlicher Wucht und nicht nur historischem Interesse. Soziopolis nimmt den doppelten Jahrestag zum Anlass und widmet dem martinikanischen Arzt, Schriftsteller, Redakteur, Soziologiekritiker und ungeduldigen Dekolonisateur ein Dossier mit Originalbeiträgen und kritischen Essays. All diese Rollen füllte Fanon Zeit seines kurzen Lebens mehr oder weniger aus; die des revolutionären Psychiaters aber begleitete ihn überall hin. Dabei suchte er nicht nur nach theoretischen Lösungen für die psychopathologischen Rätsel der kolonialrassistischen Gesellschaft, sondern interessierte sich als Arzt und Leiter psychiatrischer Einrichtungen genauso für revolutionäre sozialpsychiatrische Methoden, die er in eigens aufgebauten Tageskliniken erprobte.

Die ersten Beiträge unseres Dossiers konzentrieren sich auf die oft unterschätzte Figur des Psychiaters Fanon. Den Auftakt macht das von André Hansen erstmals ins Deutsche übersetzte Stück „Begegnung von Gesellschaft und Psychiatrie“. Es setzt sich zusammen aus einem Vorwort und Aufzeichnungen der tunesischen Soziologin Lilia Ben Salem, die in den Jahren 1959/1960 als junge Studentin bei Fanons Lehrveranstaltungen am neu gegründeten Institut des Hautes Études in Tunis aufmerksam mitschrieb. Das Dokument illustriert das Tempo und die Weitsicht von Fanons Denken und liefert zudem wertvolle Bausteine für eine Soziologiegeschichte als dekoloniale Praxis. Mischa Suters Beitrag situiert den revolutionären Psychiater und Theoretiker der ,Sozialtherapie‘, der aus diesen Vorlesungen spricht, in ideengeschichtlichen und wissenschaftshistorischen Zusammenhängen. Und Hourya Bentouhami untersucht Maurice Merleau-Pontys Einfluss auf Fanon, der mindestens genauso hoch zu veranschlagen ist wie derjenige von Sartre, Hegel und Freud.

Unser Dossier wird in Kürze durch weitere Beiträge ergänzt, mit Fokus auf Fanon als zeitgeschichtlichem Beobachter und Kritiker der „Kolonialität der Macht“, um Aníbal Quijanos prägnante Formulierung aufzugreifen.

Man muss den frühen Tod Fanons, der 1925 als französischer Staatsbürger im koloniallogisch verwalteten Übersee-Département Martinique geboren wird, nicht mystifizieren, um überall in seinem dicht gedrängten Werk auf knappe, dicht gedrängte Zeit zu stoßen. Schon im Debüt Schwarze Haut, weiße Masken von 1952 äußert sich der dekoloniale Eifer, mit dem Fanon seine Phänomenologie des Schwarzen Körpers mit einer Psychopathologie des kolonialen Blicks verschränkt. Der bekannteste Aspekt der Aspekte der Algerischen Revolution von 1959 ist zweifelsohne Fanons Charakterisierung des Schleiers als Waffe im Kampf gegen die koloniale Besatzung. Nicht weniger faszinierend ist das zweite Kapitel, in dem Fanon eine soziologisch hellhörige Radiotheorie entwickelt. Er zeigt dort, wie unvermittelt der neu in die algerische Lebenswelt eingeführte Kommunikationsapparat die überspannten Sinne, Muskeln und Nerven der Kolonialisierten zu Handlungen anregt, ohne sie zuvor über die offiziellen Wege von Wille und Geist kontaktieren zu müssen.

Genau wie das Algerien-Buch diktiert Fanon auch sein letztes Werk, Die Verdammten dieser Erde, seiner Assistentin Marie-Jeanne Manuellan unter widrigen Umständen direkt in die Schreibmaschine; angesichts seines herannahenden Todes wohl im noch schärferen Bewusstsein um die „dringliche Aufgabe, über die taktischen Mittel zu entscheiden“, durch die allein eine „echte Dekolonisation“ von jeder falschen abzugrenzen ist (vgl. Die Verdammten, S. 45).

„Jede Generation muss in relativer Undurchsichtigkeit ihre Mission entdecken, sie entweder erfüllen oder verraten.“ Fanons berühmte Maxime beschreibt zugleich die Bedingungen, unter denen seine Schriften entstanden sind. Fanon lesen heißt demnach nicht, einer in aller Ruhe entfalteten philosophischen Systematik gewahr zu werden. Fanon lesen heißt, sich dem Abenteuer einer Theoriebildung in situ auszusetzen, die sich unter äußerstem und innerstem Zeitdruck auf ihre eigene Mission verständigt.

– Die Redaktion.

Hourya Bentouhami | Essay

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