Sebastian Dute | Veranstaltungsbericht |

Drachenkunde und Kritik

Didier Fassins Vorlesung im Sommersemester 2021 am Collège de France (2/3)

In insgesamt acht Vorlesungen trug Didier Fassin von April bis Juni 2021 am Collège de France in Paris über die Anthropologie der öffentlichen Gesundheit vor. Im 16. Jahrhundert von König Franz I. ins Leben gerufen, vereint die nationale Forschungs- und Bildungseinrichtung renommierte Wissenschaftler*innen verschiedenster Disziplinen, um im Sinne ihres Leitspruchs Die Forschung in ihrer Entstehung zu lehren. Im 20. Jahrhundert trugen hier unter anderem Claude Lévi-Strauss, Michel Foucault und Pierre Bourdieu vor. Sämtliche Veranstaltungen stehen allen Interessierten offen und sind ohne Einschreibung zugänglich. Sebastian Dute saß für uns in dem Corona-bedingt nur zur Hälfte gefüllten Vorlesungssaal, den ersten Teil seiner dreiteiligen Berichterstattung finden Sie hier.

In seinen ersten drei Vorlesungen am Collège de France arbeitete Didier Fassin heraus, unter welchen Umständen etwas zum Problem für die öffentliche Gesundheit wird. Mit dem methodologischen und epistemologischen Ansatz, der seinen anthropologischen Zugriff auf Gesundheit in ihrer kollektiven Dimension auszeichnet, nahm Fassin an den folgenden vier Terminen spezifische Problemstellungen rund um den Vorlesungsgegenstand in Angriff: Verschwörungstheorien,[1] Krisensituationen, Migration und das Gefängnissystem. Dabei stellte er auch seinen Kritikbegriff vor und lenkte die Aufmerksamkeit auf Migrant*innen und Gefängnisinsassen als Randfiguren der öffentlichen Gesundheit. Somit erweiterte Fassin in diesen Sitzungen das theoretische Prisma, durch das er zum Abschluss des Kurses (um den es im letzten Teil dieser Reihe gehen wird) verschiedene Perspektiven auf die Corona-Pandemie auffächert.

Die Untersuchung von Drachen

Narrative, die hinter gesellschaftlichen Notlagen finstere Machenschaften vermuten, mögen in den letzten zwanzig Jahren vermehrt das Interesse der Sozialwissenschaften geweckt haben – in der öffentlichen Gesundheit aber sind sie bereits wesentlich länger ein omnipräsentes Thema, wie ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt. Für die Pest-Epidemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts machten die Menschen in weiten Teilen Westeuropas die jüdische Bevölkerung verantwortlich; als die zweite Cholera-Pandemie 1832 auch Frankreich erreichte, gerieten vielerorts zunächst die Herrschenden in Verdacht, Urheber des Übels zu sein. Die Mythen, die sich aktuell sowohl um die Entstehung des Corona-Virus als auch um den Impfstoff ranken, der es einhegen soll, knüpfen also an eine lange Tradition an. Fassin ist es jedoch wichtig, Verschwörungstheorien nicht vorschnell zu denunzieren. Er klassifiziert sie wertfrei als soziale Untersuchungsgegenstände und stellt sie damit in eine Reihe mit religiösen Ritualen oder wissenschaftlichen Praktiken. Sie böten neue Perspektiven auf die Gesellschaften, in denen sie sich verbreiten, und verdienten somit vor jeder Widerlegung oder Verurteilung unsere Aufmerksamkeit.

Um Verschwörungstheorien angemessen untersuchen zu können, schlägt Fassin eine historische und geografische Dezentrierung vor. Da sie weder auf die gegenwärtige Epoche noch auf die westliche Welt beschränkt seien, plädiert er dafür, den Fokus zu weiten und die longue durée dieser Erzählungen in den Blick zu nehmen. Somit will er die ihnen gemeinsame hermeneutische Struktur freilegen, der zufolge heraufkommende Übel in einem Modus der Anklage und Verfolgung verhandelt und auf mächtige, im Geheimen agierende Individuen (oder Institutionen, Vereinigungen etc.) zurückgeführt werden. Auf semiotischer Ebene seien Verschwörungstheorien zudem gewissermaßen übersättigt und erlaubten es dadurch, inmitten einer Vielzahl an Bedeutungen einen Sinn herzustellen. Ferner sind erstaunlich viele Menschen empfänglich für Verschwörungstheorien, die externen Beobachter*innen meist schon auf den ersten Blick sehr unwahrscheinlich scheinen. Fassin erklärt diesen Umstand mit einem Zusammenspiel zweier Arten von Faktoren: kognitive Bedingungen, die er auch universell nennt, da sie die interne Interpretationsstruktur von Verschwörungstheorien und die damit verbundenen (sozial-)psychologischen Mechanismen bezeichnen, sowie historisch-soziologische, die bestimmte Konjunkturen zu konkreten Zeitpunkten und in einzelnen sozioökonomischen Milieus hervorbringen.

Fassins Interesse gilt vor allem den sozialen und historischen Kontexten, die er in ein reziprokes Verhältnis eingebunden sieht: Nicht nur helfen uns Geschichte und Soziologie dabei, die Entstehung von Verschwörungstheorien besser zu verstehen; Letztere teilen uns, sobald man sie entziffert hat, auch etwas über die historischen und sozialen Umstände mit, in denen sie entstanden sind. Zur Erläuterung berichtet Fassin von seinen eigenen Forschungen zur AIDS-Epidemie in Südafrika, Anfang der 2000er-Jahre.[2] Präsident Thabo Mbeki und Teile seiner Regierung bezweifelten, dass das HI-Virus Ursache der Krankheit sei und stellten die Wirksamkeit einer Behandlung durch antiretrovirale Medikamente infrage. Weite Teilen der schwarzen Bevölkerung, darunter auch akademische Kreise, teilten das Misstrauen, das sich mit bestehenden Vermutungen über Geheimpläne zur gezielten Auslöschung von als überflüssig erachteten Südafrikaner*innen vermischte. Für Fassin ist es keine Überraschung, dass der Gesundheitssektor zum Gegenstand derartiger Spekulationen wurde. Denn über mehr als ein Jahrhundert hinweg trug er in Südafrika tatsächlich zur Beherrschung und Stigmatisierung der schwarzen Bevölkerung bei. So diente etwa die Errichtung von Native Locations, die die räumliche Segregation durch die Townships vorwegnahmen, nur vorgeblich dazu, die Ausbreitung der dritten Pest-Epidemie einzudämmen – spätere Studien zeigten, dass es die weiße Bevölkerung war, die den größeren Anteil an Infektionen aufwies. Fassin will derartige Zusammenhänge nicht aus dem Blick verlieren und verweist emphatisch auf das Diktum von Clifford Geertz, der in einem anderen Kontext zur „Untersuchung von Drachen und nicht ihre[r] Zähmung oder Brandmarkung“[3] aufrief. Mögen Verschwörungstheorien auch im Kern unwahr sein, so enthalten sie dennoch ein Stück Wahrheit über die Gesellschaften, in denen sie florieren.

Fassins ethnografische Sensibilität scheint durchaus angebracht, wenn es etwa darum geht, welchen Anteil die gewaltsame Vergangenheit der Apartheid an der Entstehung von Verschwörungstheorien hat. Fraglich ist jedoch, so wäre an dieser Stelle anzumerken, ob sich sein deskriptiver und defensiver Ansatz auch dann noch behaupten kann, wenn kritische Sozialwissenschaften selbst mit autoritären und diskursverzerrenden Implikationen in Verbindung gebracht werden. Fassin verweist selbst auf die anti- beziehungsweise postkritische Tradition von Karl Popper[4] bis Bruno Latour,[5] der zufolge Verschwörungstheorien und wissenschaftliche Kritik in einem ähnlichen Modus des Verdachts operieren würden, der die ‚wahre Interessenlage‘ hinter vermeintlich objektiven Gegebenheiten freizulegen sucht.

Sein eigener Ansatz weiß solchen Angriffen auf die Kritik jedoch nicht viel entgegenzusetzen. Denn indem er seine anthropologische Methode explizit von Philosophie und politischer Theorie abgrenzt, deren Aufgaben er auf Definitionsarbeit und fact checking reduziert, beraubt sich Fassin der Möglichkeit eines Gegenangriffs. Dieser läge in einer politisch-epistemologischen Analyse des Verhältnisses von (Un)Wahrheit und Politik, die die Kritik nicht nur vom Verdacht freispricht, sie leiste Verschwörungsnarrativen Vorschub, sondern sie auch gegen diese in Stellung bringt. Immerhin wäre eine solche Analyse in der Lage, die Funktionsweise der vorgebrachten Falschheiten offenzulegen, ohne gleich in das desillusionierte Klagelied von der Post-Truth-Ära einzustimmen, das sich nach der verloren geglaubten Autorität des Faktischen sehnt.[6] Dass Fassin die Struktur des Verschwörungsglaubens sowie seine politische Funktion mit zu wenig Tiefenschärfe betrachtet, zeigt sich auch daran, dass er den voraussetzungsreichen Begriff der „Verschwörungstheorie“ gebraucht, ohne seine Wahl zu begründen.

Kritik in der Krise

Eine offensivere Rolle gesteht Fassin der Kritik hingegen in der (aktuellen) Krise der öffentlichen Gesundheit zu. Während die weitverbreitete Überzeugung, Krisen erforderten eine zumindest vorübergehende Suspension kritischer Stimmen auch in der zu Beginn der Corona-Pandemie ausgerufenen ‚Stunde der Exekutive‘ zum Ausdruck kam, verlangen krisenhafte Situationen für Fassin geradezu nach kritischen Interventionen. Er verweist auf die etymologische Verwandtschaft der beiden Begriffe im Altgriechischen, wo die dramatische Zuspitzung etwa einer Krankheit, ihre krísis, dazu auffordert, die Situation zu beurteilen, die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten gegeneinander abzuwägen und sich für eine von ihnen zu entscheiden (krino). Indem er die Krise einzuschätzen helfe, befähige ein ausgeprägter kritischer Sinn im disruptiven Moment der Krise somit überhaupt erst zu einer Reaktion und ermögliche ein Eingreifen, das sie gegebenenfalls aufzulösen vermag.

Dass aus einer kritischen Situation auch tatsächlich eine Krise hervorgehe, sei zudem nicht von vornherein ausgemacht. Es sind deshalb auch die Machtbeziehungen zu untersuchen, die bestimmte Akteure mit der nötigen performativen Autorität ausstatten, eine Krise auszurufen und somit erst entstehen zu lassen. Bezogen auf seinen Untersuchungsgegenstand bedeutet all dies für Fassin, dass eine kritische Analyse zunächst aufzeigen muss, dass sich keine Krise der öffentlichen Gesundheit auf ihre medizinische Komponente reduzieren lässt, sondern dass in ihrer Entstehung immer auch politische, ökonomische und moralische Faktoren am Werk sind. Diese wirken sich vor allem darauf aus, welche Gruppen in welchem Maße von der Krise betroffen sind.

Zur Erläuterung schildert Fassin die water crisis der Stadt Flint im US-Bundesstaat Michigan. 2014 stellten die dortigen Verantwortlichen die städtische Wasserversorgung aus finanziellen Gründen auf den verschmutzten Flint River um. Wie im französischen Fall des Saturnismus, dem sich Fassin zum Auftakt der Vorlesung widmete, traten auch in Flint massenhaft Bleivergiftungen bei Kleinkindern auf. Da ein Großteil der Einwohner*innen schwarz ist, war in einer weiteren Parallele auch hier eine bestimmte Gruppe besonders betroffen. Die Behörden unter der Leitung des republikanischen Gouverneurs reagierten gleichgültig auf die Gefahren für die Gesundheit der hauptsächlich afroamerikanischen Bevölkerung und versuchten, das Problem erst zu leugnen und dann zu verschleiern. Laut Fassin hätten sich Segregation, Diskriminierung und Ausbeutung der armen schwarzen Bevölkerung im Laufe des 20. Jahrhunderts derartig gegenseitig verstärkt und mit einer für Flint besonders harten Deindustrialisierung vermischt, dass das finanzielle und politische Kalkül den Vorrang vor der Gesundheit der Menschen erhielt.

In einer dergestalt kritischen Lage kann die öffentliche Gesundheit zum Brennpunkt werden, in dem sich soziale, politische und ökonomische Spannungen überlagern und zum Ausbruch kommen. Fassin legt nun dar, wie sich die Betroffenen dafür einsetzten, dass die Situation zwar auf landesweiter Ebene als Krise anerkannt, zugleich als solche aber nicht auf ihre gesundheitliche Dimension reduziert wurde. Gemeinsam mit Aktivist*innen und Anwält*innen richteten sie die gesundheitlichen Fragen an politische Gremien und juristische Instanzen, in Zusammenarbeit mit Sozialwissenschaftler*innen der lokalen Universitäten qualifizierten sie die Krise als Erbe des strukturellen Rassismus in den Vereinigten Staaten.[7]

Kritik besteht für Fassin also darin, über den spezifischen soziohistorischen Tellerrand zu blicken und den Zusammenhang einer gesundheitlichen Krise mit bestimmten sozialen Strukturen zu erkennen und zu benennen. Neben einer breit angelegten Ursachenforschung, die gesundheitliche Krisen als sozial produziert begreift, mahnt er auch zur Aufmerksamkeit für die Konsequenzen, wenn eine kritische Situation zur Krise deklariert wird. Zwar eröffne eine solche Klassifizierung mitunter einen größeren Handlungsspielraum und lenke mehr Aufmerksamkeit auf das Problem. Allerdings bestehe auch die Gefahr, dass der disruptive Charakter einer Krise und die Dringlichkeit, mit der sie verhandelt wird, die genannten strukturellen und langfristigen Ursachen aus dem Blick geraten lassen. Versteht man die (von oben oder von unten) ausgerufene Krise als spezifische Art und Weise, eine kritische Situation zu problematisieren, so ist es Arbeit und Aufgabe der Kritik, die Krise und ihre Verhandlung beständig zu reproblematisieren.

Akademische Kritik verlängert gewissermaßen das kritische Verständnis, das die Betroffenen von ihrer Lage und den darin wirksamen Machtverhältnissen haben. Sie tut dies, indem sie die verschiedenen Diskurse mit- und gegeneinander betrachtet und zur sozialen Stellung der Akteur*innen in Beziehung setzt.

Einen wichtigen Punkt lässt Fassin dabei weitgehend implizit, nämlich die Frage nach den Akteur*innen der Kritik. Das von ihm gewählte Beispiel aber legt nahe, dass er eine kritische Praxis weder auf den sozialwissenschaftlichen Elfenbeinturm noch auf die Betroffenen selbst beschränkt wissen will. Vielmehr scheint er sich Kritik auf Basis eines wechselseitigen Lernprozesses vorzustellen. An anderer Stelle kennzeichnet Fassin seine Methodik ganz in diesem Sinne, wenn er die „Erarbeitung sowohl des empirischen Materials als auch dessen theoretische Interpretation in einem interaktiven Prozess zwischen dem Ethnografen und seinen Gesprächspartnern“[8] verortet. Akademische Kritik verlängert gewissermaßen das kritische Verständnis, das die Betroffenen von ihrer Lage und den darin wirksamen Machtverhältnissen haben. Sie tut dies, indem sie die verschiedenen Diskurse mit- und gegeneinander betrachtet und zur sozialen Stellung der Akteur*innen in Beziehung setzt. Dadurch geraten sowohl die disruptive Erfahrung als auch die strukturellen Ursachen der Krise in den Blick – jedoch nicht im Zuge einer Arbeitsteilung, sondern durch „Koproduktion“.[9]

Randfiguren

Was wir Fassin zufolge jedoch allzu häufig übersehen, sind die meist impliziten ethischen Wertungen, die gesellschaftliche, hier: gesundheitspolitische Strukturen stützen. Welche Leben in welcher Weise behandelt und, wenn es darauf ankommt, als schützenswert erachtet werden, ist eine Frage, die grundlegend für Fassins gesamte Arbeit ist und die ihn in seiner Vorlesung zu zwei Randfiguren der öffentlichen Gesundheit führt: Migrant*innen und Strafgefangene. In genealogisch und soziologisch angelegten Streifzügen spürt Fassin dem gesundheitspolitischen Umgang mit beiden Gruppen nach und thematisiert damit auch die ethischen Implikationen für diejenigen Gesellschaften, die diese Menschen aufnehmen oder abweisen beziehungsweise inhaftieren. Zudem schlägt er eine Neuorientierung der theoretischen Perspektive auf die für seine Begriffe besonders verletzlichen Gruppen vor.

Fassin beginnt mit einem Überblick über historisch aufeinander folgende Paradigmen des Verhältnisses von Migration und öffentlicher Gesundheit. Dabei bemerkt er zwei Merkmale, die ihnen gemein seien und die bis heute den Blick auf die Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund prägten. Zum einen würden Migrant*innen häufig als eine einheitliche Gruppe gefasst. Dadurch gerieten die sozialen, historischen und politischen Unterschiede der jeweiligen Emigrationsgeschichte aus dem Blick. Die Situation der Söhne malischer Bauernfamilien etwa, die in den 1960er-Jahren in französischen Fabriken angestellt wurden, ist kaum vergleichbar mit der von Kongoles*innen, die dreißig Jahre später auf der Flucht vor den Ausschreitungen in ihrem Land in Frankreich um Asyl baten. Zum anderen schreibe man Migrant*innen die Verantwortung für oder sogar die Schuld an ihrer Gesundheit häufig selbst zu, anstatt die Umstände miteinzubeziehen, unter denen sie in ihrer neuen Heimat leben und arbeiten. So sind Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur in Frankreich überdurchschnittlich harten Arbeitsbedingungen ausgesetzt, die nicht ohne Auswirkung auf ihre Gesundheit bleiben. Fassin empfiehlt deshalb, von der Gesundheit am Arbeitsplatz anstatt von derjenigen der Migrant*innen selbst zu sprechen. Deren Gesundheitszustand stünde nämlich nur indirekt mit ihrer Einwanderung in Verbindung, dergestalt dass Unternehmen sie aufgrund ihrer sozialen Vulnerabilität – die wiederum mit ihrer Migration zusammenhängt – benachteiligen und ausbeuten können.

Im Anschluss an die Differenzierungen im Verhältnis von Migration und Gesundheit bringt Fassin verschiedene Emigrationsgeschichten wieder auf einen Begriff, um das sie vereinende Moment herauszustellen. Mit Blick auf die Gegenwart macht er in den Emigrationsbewegungen heutiger Geflüchteter und Migrant*innen, Asylsuchender und Ausländer*innen ohne gültige Papiere eine gemeinsame Lebensform aus, die er an anderer Stelle als „prekäre[s] transnationale[s] Nomadentum“[10] bezeichnet. Diesen so ungewissen wie wechselhaften Zustand knüpft Fassin nicht an persönliche Eigenschaften, sondern an die historischen Umstände: Es sei die restriktive und repressive Politik an den europäischen Außengrenzen, die die nomadische Lebensform determiniere. Dadurch werde es erforderlich, zum Phänomen der Emigration nicht nur Herkunft und Abreise, sondern auch die Route ins Zielland selbst zu zählen. Denn Letztere sei in vielen Fällen noch nie so lang und gefährlich gewesen wie heute, was die Emigration zu einer eigenständigen Lebensphase mache, die unvorhersehbar sei. Habe sie für alle einen Anfang, so scheine sie doch für viele kein Ende zu nehmen.

Mit dem Gefängnissystem – hier im Vergleich Frankreichs mit den Vereinigten Staaten – fokussiert Fassin schließlich den Bereich, der ihm zufolge in der öffentlichen Gesundheit am wenigsten Beachtung findet.[11] In der zusammenfassenden Betrachtung einer Vielzahl an empirischen Studien etabliert er einen Zusammenhang zwischen dem Strafsystem und der mentalen Gesundheit der Inhaftierten.[12] Psychologische Fragilität und psychiatrische Vulnerabilität kämen in benachteiligten Klassen häufiger vor und gingen in vielen Fällen mit straffälligem Verhalten einher. Es sei daher nicht verwunderlich, dass von den in Frankreich zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Personen ein auffallend großer Teil unter psychischen Störungen und psychiatrischen Erkrankungen leide, die im Gefängnis jedoch nur unzureichend behandelt würden und sich im Laufe der Inhaftierung oft noch verschlechterten. Und auch von denjenigen, die ihre Strafe ohne psychologische Diagnose anträten, erkranke ein nicht unerheblicher Teil während des Gefängnisaufenthalts. Angesichts all dessen erbringt Fassin den Nachweis, dass und wie psychische Probleme im heutigen Justizsystem allzu oft ins Gefängnis anstatt in die Psychiatrie führen. Für den Gesetzgeber wie für die Richterin sei jemand, der mit einer geistigen Erkrankung straffällig wird, primär zu bestrafen und nicht zu behandeln. Da zudem das öffentliche Psychiatriewesen überlastet und unterbesetzt sei, würde die Betreuung von Patient*innen aus sozial schwächeren Milieus immer schwerer; dadurch sei letztlich auch die präventive Arbeit massiv behindert.

Zusammen mit dem seit den 1970er-Jahren drastischen Anstieg der Inhaftierungszahlen, bedingt durch die immer härtere Bestrafung auch geringer Vergehen, und dem gleichzeitigen Rückbau psychiatrischer Krankenhäuser ist Fassin zufolge eine Situation entstanden, angesichts derer sich Leser*innen von Michel Foucaults Frühwerk Wahnsinn und Gesellschaft verwundert die Augen reiben dürften. In einem Kapitel, das den Titel „Die große Einsperrung“ trägt, beschreibt Foucault wie die Hôpitaux généraux des 17. und 18. Jahrhunderts „den Armen, Arbeitslosen, Sträflingen und Irren eine gleiche Heimat zu geben schien[en]“.[13] Auch die heutigen Haftanstalten in Frankreich und den Vereinigten Staaten, so Fassin, versammeln hinter ihren Gittern Benachteiligte und Unerwünschte, zu denen auch Angehörige ethnischer Minderheiten gehören. Vor dem Hintergrund seines Befundes fordert Fassin dazu auf, beide Bereiche zusammen zu denken: den Umgang mit geistigen Krankheiten und strafrechtlichen Verstößen, Psychiatrie und Strafjustiz, die Anstalt und das Gefängnis.

  1. Zu diesem Thema trug Fassin vor Kurzem auch im Rahmen der Mosse-Lectures der Humboldt-Universität vor: Didier Fassin, Conspiracy Theories as Crises and Critique. [28.7.21].
  2. Die daraus entstandene Monografie – Didier Fassin, Quand les corps se souviennent. Expériences et politiques du sida en Afrique du Sud, Paris 2006 – liegt bisher nur in englischer Übersetzung vor. Ders., When Bodies Remember. Experiences and Politics of AIDS in South Africa, übers. von Amy Jacobs und Gabrielle Varro, Berkeley, CA / Los Angeles, CA 2007.
  3. Clifford Geertz, Anti-Antirelativismus [1984], übers. von Claudia Brede-Konersmann, in: Ralf Konersmann (Hg.), Kulturphilosophie, Leipzig 1996, S. 253–291, hier S. 284.
  4. Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen [1945], übers. von Paul K. Feyerabend, hrsg. von Hubert Kiesewetter, Tübingen 2003.
  5. Bruno Latour, Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang, Zürich/Berlin 2007. Vgl. Didier Fassin, Der lange Atem der Kritik, übers. von Christine Pries, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 16 (2019), 1, S. 3–32.
  6. Frieder Vogelmann macht diesbezüglich den so gewagten wie überzeugenden Vorschlag, Kritik müsse gerade angesichts der in der Politik grassierenden Unwahrheit in der Form radikaler Vernunftkritik(en) praktiziert werden. Ders., Should Critique Be Tamed by Realism? A Defense of Radical Critiques of Reason [26.7.2021], in: Le foucaldien 5 (2019), 1, S. 1–34.
  7. Michigan Civil Rights Commission (Hg.), The Flint Water Crisis. Systemic Racism through the Lens of Flint [26.7.2021], Lansing, MI 2017.
  8. Fassin, Der lange Atem der Kritik, S. 25.
  9. Ebd.
  10. Didier Fassin, Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung, übers. von Christine Pries, Berlin 2017, S. 61. Für Fassins theoretische Herleitung des Begriffs der „Lebensform“ anhand von Ludwig Wittgenstein, Georges Canguilhem und Giorgio Agamben vgl. ebd., S. 44–61.
  11. Den Strafpraktiken in liberalen Demokratien hat sich Fassin auch in einer Monografie gewidmet. Ders., Der Wille zum Strafen, übers. von Christine Pries, Berlin 2018.
  12. Siehe exemplarisch Laurent Plancke et al., La santé mentale des personnes entrant en détention dans le Nord et le Pas-de-Calais, Lille 2017; Bruno Falissard et al., Enquête de prévalence sur les troubles psychiatriques en milieu carcéral, Bourg-la-Reine 2004.
  13. Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, übers. von Ulrich Köppen, Frankfurt am Main 1969, S. 71.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Gesundheit / Medizin Kolonialismus / Postkolonialismus Migration / Flucht / Integration

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Sebastian Dute

Sebastian Dute studiert Politische Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und an der TU Darmstadt. Zurzeit ist er für einen Auslandsaufenthalt an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Kritische Theorie, neuere französische Philosophie und Demokratietheorie.

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