Kristian Naglo | Rezension |

Drei Einzelstudien zu Abwertung und Ausgrenzung

Rezension zu „Vorurteile und Stereotype im Vereinssport. Eine Analyse im Kontext von Sozialisation und Antidiskriminierung“ von Hannes Delto

Abbildung Buchcover Vorurteile und Stereotype im Vereinssport von Delto

Hannes Delto:
Vorurteile und Stereotype im Vereinssport. Eine Analyse im Kontext von Sozialisation und Antidiskriminierung
Deutschland
Bielefeld 2021: transcript
146 S., 35,00 EUR
ISBN 978-3-8376-5370-0

Das von Hannes Delto verfasste Buch Vorurteile und Stereotype im Vereinssport. Eine Analyse im Kontext von Sozialisation und Antidiskriminierung beschäftigt sich mit einem für Sport und Gesellschaft zentralen Thema. Es ist anzunehmen, dass Antidiskriminierungsaspekte und ihre Bedeutung für den Sport im Zuge der zunehmenden Förderung von Diversität/Vielfalt in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen werden. Insofern erscheint Deltos Buch zur richtigen Zeit, da es sich grundlegend mit wichtigen Konzepten beschäftigt und diese ansatzweise erhellend erläutert.

Aufbau und Erkenntnisinteresse

Im Zentrum der Arbeit stehen Vorurteile und das Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer). Beides bezieht Delto auf den organisierten Sport und diskutiert es unter Anbindung an die Soziale Identitätstheorie phasenweise interessant und durchaus zielführend. Seine drei Einzelstudien, die den empirischen Kern der Schrift bilden, stellt der Autor in einem angemessenen und nicht zu komplexen wissenschaftlichen Stil vor, er beschreibt ihr methodisches Vorgehen detailliert und präsentiert die Ergebnisse auf instruktive Art und Weise. Allerdings konzentriert sich Delto auf quantitative Daten, was die Erkenntnisse seiner Arbeit limitiert, wie sich beispielsweise in den eher oberflächlichen abschließenden Bemerkungen zur Relevanz des Buchs zeigt.

Bei dem Text handelt es sich um eine kumulierte Dissertationsschrift, die aus drei wissenschaftlich begutachteten Artikeln besteht. Drei zusätzliche, extra für das Buch verfasste Kapitel rahmen die Aufsätze: „Einführung“, „Relevanz und Diskussion der Befunde“ sowie „Schlussbetrachtung und Ausblick“. Problematisch ist, dass sich die Erkenntnisse der einzelnen Artikel an mehreren Stellen wiederholen, weshalb das Buch insgesamt etwas redundant wirkt. Es ist daher eher als Referenzwerk für quantitativ erhobene Ergebnisse im Rahmen eines größeren Förderprojektes zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Homophobie und Vorurteilen im organisierten Sport zu verstehen, denn als umfassende Bearbeitung eines Themas samt tiefgehender theoretischer Betrachtung. Entsprechend hat Delto meines Erachtens die Chance verpasst, für die Buchpublikation theoretisch aufzurüsten und den Text in ein Format zu bringen, das über die Einzelstudien hinausgeht, indem es sie auf eine übergeordnete theoretische Ebene hebt.

Die Arbeit von Hannes Delto fragt danach,

„wie die Ungleichwertigkeitsdimensionen Muslimfeindlichkeit, Sexismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Abwertung von homosexuellen Menschen, Rassismus und Abwertung von Menschen mit Behinderung miteinander in Beziehung stehen und ob sich eine gemeinsame vorurteilsbasierte Schnittmenge beschreiben lässt. Das Thema der Arbeit wird von der Stereotypen- und Vorurteilsforschung geleitet und sozialisationstheoretisch gerahmt. Das zentrale Erkenntnisinteresse ist auf Grenzziehungen, antidemokratische Einstellungen und eine Ideologie der Ungleichwertigkeit im Vereinssport gerichtet, die unterschiedliche Einstellungsmuster in den Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen analysiert, um schließlich eine soziale Integrationsfähigkeit bzw. ein Exklusionspotential im Vereinssport weiter abzuwägen.“ (S. 13)

Richtigerweise hebt Delto hervor, dass im Kontext sportbezogener Sozialisation Körperlichkeit im Zusammenspiel mit hegemonialer Männlichkeit eine entscheidende Rolle zukommt. Ebenso entscheidend ist Körperlichkeit im Kontext von Vorurteilen – zumal im Sport –, weshalb der Autor Aussagen zu körperzentrierten Formen von Rassismus und zur Abwertung homosexueller Menschen systematisch untersucht und vergleichend betrachtet (S. 28).

Konzepte und Faktoren

Theoretischer Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Soziale Identitätstheorie (SIT), entwickelt von Henri Tajfel und anderen.[1] Nach dem Grundkonzept der SIT sowie ihren konzeptionellen Erweiterungen dienen die kognitiven Prozesse, in denen wir andere sozial kategorisieren und uns mit ihnen vergleichen, zur motivationalen Aufrechterhaltung und Verteidigung unserer eigenen sozialen Identität, welche sich von der Zugehörigkeit zu positiv bewerteten Gruppen ableitet. Der Ansatz erscheint hier sinnvoll und naheliegend: Erstens steht er für eine nichtreduktionistische Perspektive auf Beziehungen zwischen Gruppen und deren Verhalten; zweitens interessiert er sich in besonderer Weise für Identitätsdynamiken; und drittens versteht er die individuelle Ebene des Selbst und die der sozialen Gruppenzugehörigkeiten als aufeinander bezogene Teile der Identität, deren Verbindungen es in den Blick zu bekommen gilt. Die Studie schließt außerdem an die Diskriminierungsforschung[2] sowie an Analysen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit im Rahmen der Vorurteilsforschung an.[3] Das etwas sperrige Konzept „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ fasst verschiedene Vorurteilsfacetten zu einem Syndrom zusammen, das auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit basiert. Zentral ist, dass es hier nicht um individuelle Antipathie geht, sondern um eine Beziehung zu Fremdgruppen im Rahmen von Kategorisierung und Vergleich.

Als Erklärungsfaktoren zieht der Verfasser Dominanzorientierungen, Nationalismus, Gewalt, Autoritarismus sowie demokratiegefährdende antidemokratische Einstellungen heran. Speziell für den Vereinssport geht er der Verbindung zwischen Vorurteilen einerseits und Fairplay, Toleranz und Solidarität andererseits nach. Die letztgenannten, im organisierten Sport gern betonten Werte sieht Delto als gerade für den Vereinssport maßgebend an. Hier zeigt sich ein Manko der Studie, und zwar die nur in Ansätzen vorhandene theoretische Auseinandersetzung mit den aufgeführten Faktoren und Konzepten. Die Beschäftigung – zu nennen ist hier auch noch der äußerst komplexe Autoritarismusbegriff der Kritischen Theorie nach Adorno, auf den Delto an verschiedenen Stellen verweist – bietet über die Einordnung in das Kategorisierungs- und Vergleichsschema hinaus keinen Mehrwert. Die stärksten theoretischen Passagen der Schrift beziehen sich auf die Frage der Körperlichkeit im Sport und deren Bedeutung für die Entstehung von Vorurteilen (z.B. S. 27–30).

Analysen und Ergebnisse

Deltos Studien untersuchen unterschiedliche Aspekte von Ausgrenzung und Abwertung, unterscheiden sich aber kaum in ihrer Herangehensweise. In der ersten Studie geht es um das Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, das Wilhelm Heitmeyer und andere anhand einer in Sachsen durchgeführten quantitativen Umfrage entwickelt haben. Die Antworten machen deutlich, dass im Sport Vorurteile existieren, die zur Aufrechterhaltung menschenfeindlicher Einstellungen beitragen. Dabei sind unterschiedliche Vorurteilsdimensionen miteinander verbunden.

Die zweite Untersuchung analysiert homophobe Stereotype im organisierten Vereinssport in Sachsen-Anhalt und deren Verbindung zu Aspekten wie Bildungsabschluss, Akzeptanz von Gewalt (sehr relevant), Autoritarismus (eher stark), Demokratiekritik und Nationalismus (eher untergeordnet). Ihr zufolge sind homophobe Einstellungen statistisch bei Männern verbreiteter als bei Frauen. Außerdem äußern sich ältere Sportvereinsangehörige eher homophob als jüngere.

Studie 3 beschäftigt sich mit Macht und Vorurteilen im Sportvereinskontext anhand einer Umfrage in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Sie kommt zu Schlüssen, die denen der beiden vorhergehenden Untersuchungen ähneln.

„Die Befunde zeigen, wie eng Vorurteile im körperbetonten Sozialsystem miteinander verbunden sind, die zudem ein Syndrom bilden: Wer einem Vorurteil zustimmt, neigt mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, weitere Gruppen aufgrund der ihnen zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit abzuwerten.“ (S. 109)

Und: „Weiterhin haben die Analysen ergeben, dass positive Einstellungen zur kulturellen und sozialen Vielfalt mit weniger Feindseligkeiten im vereinsorganisierten Sport einhergehen.“ (S.110) Der Verweis auf Diversität ist durchaus interessant, wirft aber an dieser Stelle deutlich mehr Fragen auf, als er zu beantworten in der Lage ist, da Delto lediglich unterkomplex und allgemein – die Wertschätzung sozialer und kultureller Vielfalt – auf den Aspekt eingeht.

Forderungen und Maßnahmen

Kapitel 5 diskutiert die Relevanz der Studie insgesamt, indem es die Ergebnisse in eine antidiskriminierungspädagogische Perspektive überführt und Strategien einer vorurteilsbewussten und diversitätsorientierten Sozialisation im Vereinssport befürwortet. Grundsätzlich ist die Entwicklung und Implementierung solcher Maßnahmen zu begrüßen. Die im Text gemachten Vorschlägen sind jedoch nicht wirklich tiefgehend, vielmehr stellt der Autor eher oberflächliche Ansprüche, denn wer will nicht „eine gleichberechtigte Teilhabe auf möglichst vielen Ebenen des vereinsorganisierten Sports“ (S.118) erreichen? Allgemeine Forderungen nach Anlaufstellen für Betroffene und nach einem Antidiskriminierungsprogramm mit politischer Bildung für Trainer:innen und Betreuer:innen sind – wenn sie nicht konkret ausbuchstabiert werden – eher symbolisch als systematisch.

Hier wäre eine kritische Reflexion des ambivalenten Diversitätsbegriffs (im Sport) meines Erachtens wichtig gewesen, insbesondere in einer Arbeit, die sich mit Vorurteilen und Stereotypen befasst. Beispielsweise greift die Kritik des Diversitätsansatzes seine Nähe zum Neoliberalismus und die ihm zugrundeliegende ökonomische Logik auf.[4] Demnach beziehe sich der Diversitätsdiskurs auf durchaus legitime politische Forderungen nach Gleichstellung und Empowerment, treibe aber letztlich die Optimierung von Organisationen beziehungsweise deren Profitsteigerung voran. Dies sei alles andere als hilfreich im Kampf gegen soziale Ungleichheiten. Letztlich verschleiere der Begriff sogar Dominanzstrukturen und Rassismus, anstatt sie anzuprangern, und verschlechtere damit möglicherweise die Situation marginalisierter und prekarisierter Gruppen.[5] Hier hätte man sich eine Begriffsentwicklung gewünscht, insbesondere für den organisierten Sport, die Diversität nicht einfach unhinterfragt mit positiver Vielfalt gleichsetzt und auch kritische Aspekte beleuchtet.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Studie von Hannes Delto interessantes Datenmaterial analysiert und auf Grundlage dessen zum besseren Verständnis von gruppenbezogener Antidiskriminierung beiträgt. Die Einzelstudien sind für sich jeweils erkenntnisreich; jedoch scheint mir ihre Verbindung im Rahmen des hier rezensierten Buchs nur bedingt gelungen, da die drei Untersuchungen weitgehend unverbunden nebeneinanderstehen und sich inhaltlich teilweise stark wiederholen.

  1. Henri Tajfel / John C. Turner, An Integrative Theory of Intergroup Conflict, in: William G. Austin / Stephen Worchel (Hg.), The Social Psychology of Intergroup Relations, Monterey, CA 1979, S. 33–47.
  2. Z.B. Andreas Zick / Beate Küpper, Alltagsdiskriminierung als Form der Gruppenbezogenen Menschlichkeit, in: Britta Marschke / Heinz Ulrich Brinkmann (Hg.): „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …“ Alltagsrassismus in Deutschland, Berlin 2015, S. 93–115.
  3. Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Deutsche Zustände. Folge 10, Frankfurt am Main 2012.
  4. Michael Meuser, Diversity Management – Anerkennung von Vielfalt?, in: Ludger Pries (Hg.), Zusammenhalt durch Vielfalt? Bindungskräfte der Vergesellschaftung im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2013, S. 167–181.
  5. Boris Nieswand, Die Diversität der Diversitätsdiskussion, in: Antje Röder / Dariuš Zifonun (Hg.), Handbuch Migrationssoziologie, Wiesbaden 2021, S. 5.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Demokratie Körper Rassismus / Diskriminierung

Kristian Naglo

Dr. Kristian Naglo ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Kultur-, Sport- und Sprachsoziologie mit den Schwerpunkten Interkulturalität, 'Fußballwelten' und Mehrsprachigkeit. Er ist Mitinitiator der internationalen Forschungsgruppe Small Worlds of Football.

Alle Artikel

Empfehlungen

Kristian Naglo

Fußballgott und Revolutionär

Rezension zu „Diego Maradona. In den Farben des Südens“ von Glenn Jäger

Artikel lesen