Lars Döpking | Rezension |

Ein Fall für alle Fälle

Rezension zu „Model Cases. On Canonical Research Objects and Sites“ von Monika Krause

Monika Krause:
Model Cases. On Canonical Research Objects and Sites
USA
Chicago, IL 2021: University of Chicago Press
224 S., 27,50 $
ISBN 9780226780832

Wenn ein Organisationssoziologe eine Notfallambulanz beforscht, richtet sich sein Erkenntnisinteresse dann dezidiert auf eben jene Ambulanz als Organisation oder generell auf Organisationen im 21. Jahrhundert? Wenn die Wirtschaftssoziologie beinahe ausschließlich Start Ups im Silicon Valley untersucht, verzerrt sie damit systematisch unser Bild des digitalen Kapitalismus? Und wenn schließlich eine Hintze-Expertin dessen Staatsbegriff für einen Sammelband rekonstruiert, trägt sie dann primär zum Erkenntnisziel des Bandes bei oder repräsentiert und stärkt sie vor allem die Position Otto Hintzes im umkämpften Feld soziologischer Theorie?[1]

Solche und andere Fragen stellt Monika Krause in ihrem jüngsten Buch „Model Cases. On Canonical Research Objects and Sites“. Die an der London School for Economics lehrende Soziologin zeigt sich zutiefst irritiert davon, dass Sozial-, Geistes- und Naturwissenschaften zwar allesamt mittels Model Cases, also als exemplarisch geltenden und deshalb eingehend beforschten Fällen, zu theoretischen Schlüssen gelangen, die Sozialwissenschaften diesen Umstand aber nur unzureichend reflektieren. Diese Beobachtung motiviert Krause zu nicht weniger als einer Fundamentalkritik sozialwissenschaftlicher Forschungspraxis, also der Begriffe, mit denen wir Sozialwissenschaftler:innen uns Material erschließen, der Kriterien, anhand derer wir Fälle auswählen und schließlich der Kategorien, mittels derer wir Wissen systematisieren. Krauses Argument ist gerade deshalb innovativ, weil es ihr eben nicht um die unumgängliche normative Fundierung von Forschung geht. Stattdessen hinterfragt sie eingeschliffene Praktiken im Feld und erkundet deren Theorieeffekte. Diese Soziologisierung der (Sozial-)Wissenschaftssoziologie macht ihr dichtes, ungemein anregendes Buch unbedingt lesenswert,[2] obgleich die Lektüre mitunter schmerzhaft ist, da das Buch seine Leser:innen ununterbrochen mit unangenehmen Fragen konfrontiert: Nach welchen Kriterien habe ich eigentlich meinen Forschungsgegenstand ausgewählt? Wie viel Bequemlichkeit war dabei im Spiel? Hätte man diesen oder jenen Aufsatz vielleicht doch nicht schreiben müssen oder gar sollen? Nur vollendete Zyniker:innen werden Krauses Argumente persönlich kalt lassen. Doch bleibt man am Ende des Buches zwar gegeißelt, aber auch etwas ratlos zurück: Weil die geschilderten Probleme nun einmal kollektive Praxis sind, wird man als Einzelner wenig gegen sie unternehmen können. Dem dennoch nagenden Gefühl individueller Verschuldung hätte eine stärkere Analyse von Feldstrukturen Erleichterung verschafft.[3] Doch auch jenseits dessen zwingt uns Krause mit ihrer Model Case-Phänomenologie zu hinterfragen, ob und inwieweit wir deren Forschungslogik weiter reproduzieren wollen. Ihr großer Verdienst besteht darin, für die Probleme sensibilisiert, eine Debatte angestoßen[4] und Alternativen aufgezeigt zu haben.

Und das alles auf gerade einmal 125 Seiten, die das schmale Buch umfasst. Dessen sechs Kapital müssen nicht unbedingt chronologisch gelesen werden, entfalten aber in vier aufeinander aufbauenden Schritten ihre These und wenden sie sodann auf zwei Wissensfelder – Sozialtheorie und Postcolonial Studies – an. Worauf Krause hinaus will, wird schon in der Einleitung deutlich. Hier postuliert sie zunächst, dass prinzipiell jeder Forschungsprozess zwischen materiellen und epistemischen Forschungsobjekten unterscheidet. Erstere bezeichnen konkrete Gegenstände – etwa die eingangs erwähnte Notfallambulanz –, letztere das Erkenntnisinteresse der Untersuchung, das wahlweise auf Notfallambulanzen, Krankenhäuser oder Organisationen allgemein zielen kann. Krause argumentiert weiter, dass eigentlich in allen Disziplinen einigen wenigen materiellen Forschungsobjekten privilegierte Aufmerksamkeit zuteilwird, auch weil man gemeinhin annimmt, dass sie besonders gut bestimmte epistemische Forschungsobjekte repräsentieren: Manzonis Promessi Sposi, die gemeine Kohlmeise oder Pinochets Militärjunta stellen also allesamt Model Cases dar: Anhand von ihnen lassen sich hervorragend Aussagen über den italienischen Roman, tierische Verhaltensmuster oder neoliberale Wirtschaftspolitik treffen. Der springende Punkt von Krauses Argumentation ist nun, dass die Sozialwissenschaften im Gegensatz zu den Geistes- und Naturwissenschaften die Omnipräsenz und die Implikationen dieser Forschungslogik nicht hinreichend reflektieren. Während nämlich, so Krauses These, in den Geistes- beziehungsweise Lebenswissenschaften breit über Kanonisierung oder die Attribute von Organismen debattiert wird, häufen sich in den Sozialwissenschaften die Studien zur Berliner Gentrifizierung, soziologischen Klassikern oder Reagans Wirtschaftspolitik. Und weil wir dies unzureichend diskutieren, verzerren wir, laut Krause, beständig unsere theoretischen Kategorien.

Diese Problembeschreibung legt Krause in den nächsten Kapiteln im Detail dar. Dabei folgt ihre Argumentation vier Leitfragen: Wie und weshalb werden Forschungsobjekte zu Model Cases? Welche Selektionsmechanismen befördern ihren Aufstieg? Welchen Umgang pflegen die jeweiligen Disziplinen mit ihnen? Und schließlich: Inwieweit grenzen sich subdisziplinäre Wissensfelder anhand von Model Cases ab? Krause gibt sehr klare Antworten auf diese Fragen, trägt aber im Laufe der Darstellung wiederholt Einsichten vor, die weit über sie hinausweisen. Zudem bricht sie die normativen Implikationen ihrer Argumente am Ende jedes Kapitels in Tabellenform herunter, womit leicht ersichtlich ist, was Krauses Einschätzung nach zu tun und was künftig besser zu lassen ist. Nach der Lektüre findet man sich daher mit sechs Ge- und Verbotstafeln ausgestattet, welche die eigene Haltung gegenüber Forschungsobjekten fortan maßregeln (sollen). Ich gehe hier nicht weiter auf sie ein, sondern beschränke mich im Fortgang darauf, in groben Linien Krauses Argumentation nachzuzeichnen. Allerdings werde ich im Fazit noch einmal auf die normativen Implikationen zurückkommen, um das Argument des Buches kritisch zu würdigen.

In ihrem ersten Kapitel führt Krause am Beispiel von Stadt- und Arbeitssoziologie aus, wie Model Cases entstehen und unsere theoretischen Konzepte prägen: Denn was eine moderne Stadt soziologisch ausmacht, basiert ebenso selbstverständlich auf wegweisenden Arbeiten zu Schlachthöfen[5] und Gangs in Chicago,[6] wie unsere Begriffe industrieller Beziehungen auf Untersuchungen zur Autoindustrie in Billancourt, Wolfsburg oder Turin. Krause weist nun einerseits darauf hin, dass die Autor:innen entsprechender Studien ihr materielles Forschungsobjekt als „particullary well suited for general analytical concerns“ (S. 22) präsentieren, seine Eignung als Model Case also explizit hervorheben. Andererseits erinnert sie uns daran, dass es durchaus andere Forschungslogiken gibt, die Fallauswahl anders begründen (S. 24–30).[7] Mit ihrem Vergleich verdeutlicht sie, dass der sozialwissenschaftliche Gebrauch von Model Cases verschiedene Vor- und Nachteile hat, die gegeneinander abzuwägen sind: So mag die exklusive Analyse von bestimmten Automobilwerken dazu geeignet sein, den Status und die Rolle von Subjektivierungstendenzen im Arbeitsprozess auf theoretischer Ebene zu klären. Gleichzeitig gibt es berechtigte Einwände dagegen, theoretische Erkenntnisse, die eben nur an einem Gegenstand gewonnen wurden, auf andere zu übertragen: Wird in anderen Autowerken oder gar in der Schlachtindustrie gleichermaßen subjektiviert? Die unmittelbare Gefahr von Model Cases besteht demnach darin, die „full variance among cases“ (S. 32) systematisch auszublenden und zu unzulässigen theoretischen Schlüssen beispielsweise bezüglich der Form von Arbeit im frühen 21. Jahrhundert zu gelangen.

Nun wägen aber die Sozialwissenschaften diese Vor- und Nachteile für gewöhnlich nicht hinreichend ab. Krauses Analyse legt nahe, dass Forschungsobjekte in unserem Feld meist schleichend zu Model Cases gerieren, viele von ihnen deshalb gar nicht als solche identifiziert wurden und sie daher unbemerkt unsere Forschungspraxis beeinflussen. Im zweiten Kapitel analysiert sie daher die Selektionsmechanismen, mittels derer bestimmte Fälle bevorzugt untersucht werden. Krause argumentiert überzeugend gegen die Vorstellung an, die Gründe, die für eine getroffene Fallauswahl vorgebracht würden, seien stets authentisch. Sie weist stattdessen auf sechs Formen von „Sponsorship“ (S. 41) hin, welche dazu verleiten, Fälle taktisch statt forschungsstrategisch auszuwählen (S. 43-51): Schlichte Bequemlichkeit, kulturelle Stereotype, subkulturelle Sympathien, eindrückliche oder besonders fortschrittlich anmutende Entwicklungen, Publikationsmöglichkeiten, politische Intervention oder aktiv zur Beforschung einladende Forschungsobjekte mögen demnach vernünftige Argumente ausstechen. Das Kapitel verdeutlicht, dass solche Faktoren unsere Fallauswahl systematisch verzerren, zur Entstehung von impliziten Model Cases beitragen und so die theoretischen Möglichkeiten der Sozialwissenschaft beschränken.

Im dritten Kapitel untermauert Krause ihr Argument, dass eine grundsätzliche Differenz zwischen den Geistes-, den Sozial- und den Naturwissenschaften im Umgang mit Model Cases besteht. Während nämlich etwa in der Biologie nicht nur engagiert darüber diskutiert wird, welche Organismen sich für die Bearbeitung welcher Fragestellungen eignen, sondern diese Organismen zudem standardisiert werden – die genetische Variation von Fruchtfliegen und Mäusen wird technisch gezielt minimiert – sei in den Sozialwissenschaften keines von beidem üblich: „In contrast to both biologists and literary scholars, social scientists do not intervene with specimen, nor do they standardize them. […] This means we have the concentration of certain cases organized in a way that does not deliver on the advantages of privileged material research objects in biology.” (S. 67) An dieser Stelle fragt sich der Rezensent allerdings, ob Krause ihre sonst erhellenden kontrastierenden Vergleiche zwischen den Disziplinen hier nicht zu weit treibt. Wie sie selbst anmerkt (S. 62), haben sozialwissenschaftliche Forschungsobjekte nun einmal die Eigenschaft, nicht mit sich selbst identisch zu bleiben, weshalb sie auch nicht standardisiert werden können und sich solchen Versuchen gar aktiv widersetzen mögen: Management wie Arbeiter:innen einer Autofabrik würden wohl kaum akzeptieren, dass eine Produktionsstraße geschweige denn ein Werk nach den Wünschen von Soziolog:innen organisiert würde – wahrscheinlich aus guten Gründen. Trifft dies aber zu, wäre es vielleicht falsch, Praktiken der Sozial- und Lebenswissenschaften überhaupt auf dieselbe Stufe zu stellen. Nichtsdestotrotz macht Krause zum einen deutlich, dass andere Fächern einen reflektierten Umgang mit Model Cases pflegen und zeigt zum anderen, dass Träume von einer sozialwissenschaftlichen Einheitsmethode (so der Titel des Kapitels), Luftschlösser sind, da sozialwissenschaftliche Forschungsobjekte nun einmal jeweils eigene Qualitäten aufweisen, die mit jeweils anderen methodischen Zugängen zu erfassen sind.

Auch im vierten Kapitel setzt Krause sich mit den epistemischen Besonderheiten verschiedener Fachdisziplinen auseinander. Denn diese Fächer – hier Anthropologie, Geschichtswissenschaft und Soziologie qua Regionen, Epochen und Gegenstandsbereichen – folgen selbst der Logik von Model Cases und verstärken deshalb die in der Kritik stehenden Selektionslogiken (S. 74–82). Dies wird deutlich, wenn beispielsweise im Rahmen von Bewerbungsverfahren bestimmte Forschungsobjekte als (un)passend für bestimmte Lehrbereiche erachtet werden – eine Studie zu Evangelikalen in den USA mag eine Kandidat:in für eine religionssoziologische Professur qualifizieren, komparative Forschung zu jezidischen und zoroastrischen Religionspraktiken vielleicht nicht. Was im Hinblick auf religionssoziologische Erkenntnisinteressen unter Umständen einen Verlust darstellt, ist mit Krause auf die Wirkmächtigkeit von Model Cases zurückzuführen. Sie organisieren, inwiefern in den universitären Fachbereichen ebenso wie in der Lehre bestimmte Gegenstandbereiche abgedeckt werden, und andere nicht – wobei die Frage, inwiefern etwa eine Bewerberin dem fachlichen Profil gerecht wird, in Berufungskommissionen nicht selten umstritten ist.

Im fünften und sechsten Kapitel verdeutlicht Krause ihre Kritik schließlich anhand zweier Subdisziplinen – der Soziologischen Theorie und den Postcolonial Studies. Diese Auswahl scheint erst einmal kontraintuitiv: Während man im ersten Fall kaum an materielle Forschungsobjekte denken mag, tendiert man im zweiten Fall vielleicht zu der Annahme, dass gerade dort besonders sensibel mit Generalisierungen umgegangen würde. Doch haben beide Subdisziplinen sukzessive ihre jeweils eigenen, wenig reflektierten Model Cases ausgebildet: Die Soziologische Theorie transformiert schleichend Kolleg:innen in Autoren,[8] um sich dann auf sie als kanonisiert-privilegierte Fälle zu beziehen (S. 87–94). Die Postcolonial Studies ignorieren wiederum einerseits Ungleichgewichte innerhalb des von ihnen kritisierten Eurozentrismus – der schwedische Wohlfahrtsstaat ist besser beforscht als der portugiesische – und produzieren andererseits qua ähnlicher Selektionsmechanismen selbst Model Cases, wie beispielsweise den indischen Subkontinent, der deutlich intensiver beforscht wird, als andere postkoloniale Kontexte (S. 104–112). Krause gelingt es so, die Reichweite ihres eigenen Arguments überzeugend zu demonstrieren. Zudem plädiert sie dafür, dass die Soziologische Theorie die ganze Bandbreite des theoretischen Werkzeugkastens nutzen und auch inter- und transdisziplinäre Ansätze stärker berücksichtigen sollte. Darüber hinaus spricht sie sich dafür aus, die Fallauswahl in den Postcolonial Studies zu diversifizieren und bisher wenig beachtete „cases of modernity“ (S. 117) – wie etwa Brasilien – sowie Kontexte, die weder westlich, noch postkolonial sind,[9] stärker in den Fokus zu rücken.

Diese beiden letzten Kapitel laden zu einer breiten interdisziplinären Debatte ein, in der die formulierten Kritikpunkte ebenso kritisch zu prüfen, wie die von Krause aufgezeigten Alternativen praktisch zu evaluieren wären. So werden die laufenden Diskussionen über Kanonisierung in der soziologischen Theorie sicherlich von Krauses Terminologie profitieren.[10] Hingegen erschließt sich nicht unmittelbar, weshalb, wie Krause postuliert, die Sozialwissenschaften primär „neglected cases of modernity“ untersuchen sollten. Wer bereit ist, von der Annahme, dass Soziologie und Moderne untrennbar miteinander verbunden sind, abzurücken, wird auch mit Mediävisten:innen oder Archäolog:innen produktive Gespräche über Sozialtheorie und Methoden führen können. Aber solche Einwände können dem grundsätzlichen Argument von Monika Krause wenig anhaben. Anstatt mit ihnen möchte ich es mit zwei Gedanken konfrontieren. Sie betreffen zum einen die Feldstrukturen in den Sozialwissenschaften und zum anderen deren Jargon.

Meinem ersten Kritikpunkt ist vorwegzuschicken, dass Krause nie den Fehler begeht, Individuen allein für die von ihr zurecht kritisierten Missstände verantwortlich zu machen. Sie hebt wiederholt hervor, dass alle Forschenden – sie selbst und ihre Leser:innen eingeschlossen – gezwungen sind, Konflikte in einem Feld auszutragen, in welchem Wahrheit und damit die Herausbildung kulturellen Kapitals im Vergleich zu sozialem und ökonomischem Kapital unter Umständen nachrangig verhandelt werden. Doch weist das Buch da Lücken auf, wo die Implikationen der Beziehung zwischen Praxis und Feld genauer auszubuchstabieren wären. Denn insofern die auf Pierre Bourdieu[11] zurückgehende, unlängst von Richard Münch[12] und jüngst von Uwe Schimank[13] erneuerte Kritik zutrifft, sind einzelne Forschende mehr als schlecht beraten, den Ge- und Verboten Krauses Folge zu leisten. Sie würden sich wahrscheinlich aus dem Jobmarkt katapultieren und so ihre Chancen zum Erwerb ökonomischen Kapitals minimieren, während sie zugleich wohl nur auf wenige Gleichgesinnte zum inhaltlichen Austausch träfen, was sich wiederum negativ auf ihr soziales Kapital auswirken würde. Im akademischen Kapitalismus kann in aller Regel nicht unilateral zu kommunistischer Arbeitsteilung übergegangen werden, also morgens gejagt und abends kritisch kritisiert werden. Krauses konkrete Vorschläge sind daher kaum auf individueller Ebene umzusetzen. Sie zielen vielmehr auf einen Umbau der sozialwissenschaftlichen Feldstrukturen insgesamt ab, die allerdings aus Verhältnissen resultieren, die im Buch nicht hinreichend diskutiert werden.

Zweitens läuft Monika Krauses Argument Gefahr, sozialwissenschaftlichem Säbelrasseln auf den Leim zu gehen. Wenn es, wie sie bemerkt, stimmt, dass die Gründe für eine Fallauswahl nicht immer authentisch vorgetragen werden – Großbritannien wird vielleicht besonders gern aus Gründen der Sprachkompetenz untersucht und nicht, weil es ein repräsentatives Beispiel für moderne Staatlichkeit abgibt – dann könnte es doch sein, dass auch die mitgeteilten Erkenntnisinteressen, welche Forschungen vorgeblich anleiten, nicht immer ganz ernst gemeint sind. Einerseits könnte ich ja taktisch behaupten, dass der Aufstieg Ronald Reagans einen privilegierten Zugang zum epistemisches Forschungsobjekt Neoliberalismus bietet, um Forschungsförderung zu erhalten, obwohl mein epistemisches Forschungsobjekt eigentlich die Geschichte der USA in den 1980er-Jahren und die Rolle der Filmindustrie ist. Zudem könnte ich geneigt sein, die kausalanalytischen und theoretischen Schlüsse meiner Arbeit zu überspitzen, um Aufmerksamkeit für meine Forschung zu generieren. Das mag nämlich nicht nur meine Weiterbeschäftigung fördern, sondern auch den Verlag freuen, der die Studie schließlich in Buchform verkaufen muss. Das Produkt dieser kollektiven Praxis ist ein sozialwissenschaftlicher Jargon, der schlicht deshalb steile Thesen und Kausalitäten vorträgt, weil verstehende Verfahren nicht mehr vermarktbar erscheinen. Daraus resultiert jedoch ein anderes Problem als bei Model Cases: Denn wenn niemand mehr realistische Einschätzungen hinsichtlich der Reichweite des eigenen Arguments abgibt, sondern stets maßlos übertreibt, aber alle um diesen Umstand wissen, dann hat Krause vor allem ein rhetorisches und weniger ein epistemisches Phänomen im Visier. Nichtsdestotrotz sollte Model Cases ganz oben auf der Lektüreliste stehen – im Masterstudium, vor der Ausarbeitung von Forschungsprojekten und auf den Amtstuben der Forschungsbürokratie, wo schlussendlich entschieden wird, wie sehr wir als Disziplin unser Wirken weiterhin der Logik von Model Cases unterwerfen müssen.

  1. Diese wie alle weiteren Beispiele sind frei erdacht, Ähnlichkeiten mit realen Forschungsprojekten sind rein zufällig.
  2. Anzumerken ist jedoch, dass der Rückgriff auf Endnoten in einem solchen Buch eine Unart ist und jeder Verlag, der zu solchen Mitteln greift, dafür im Rezensionswesen permanent kollektiv abgemahnt werden sollte.
  3. Diesen Punkt hat bereits Dan Hirschmann hervorgehoben: scatter.wordpress.com/2021/11/12/comments-on-krauses-model-cases-on-canonical-research-objects-and-sites/
  4. Krauses Buch wurde unter anderem auf dem DGS Kongress in Bielefeld und auf der Social Science History Association in Amsterdam mit einer eigenen Veranstaltung bedacht. Gleichsam war es Gegenstand des Podcasts des Mittelweg 36: https://shows.acast.com/mittelweg-36/episodes/generalisieren (13.11.2022)
  5. Upton Sinclair, The Jungle, New York 1906.
  6. William F. Whyte, Street Corner Society, Chicago 1943.
  7. So definiere, erstens, die Logic of Coverage Objekte als untersuchungswürdig, wenn sie bisher noch keine oder wenig Aufmerksamkeit erfahren haben. Zweitens bilden Model Cases häufig das Medium einer Logic of Application, welche die Reichweite theoretischer Konzepte austestet: Gibt es Neoliberalismus, dessen Wesensmerkmale am britischen Fall rekonstruiert worden sind, auch in Finnland? Dagegen verschließt sich, drittens, die Logic of Reprensentativeness solchen Anliegen, da sie Aussagen über Populationen insgesamt und nicht über einzelne Fälle treffen will. Schließlich folgen alternativ dazu, viertens, Formal Models, wie es sie in den Wirtschafts- oder Politikwissenschaften gibt, einer „spielerischen oder experimentellen“ (S. 30) Logik.
  8. Zum Gender-Bias in diesem Vorgang vgl. Nicole Holzhauser, „Quantifying the exclusionary process of canonisation, or How to become a classic of the social sciences”, in: International Review of Sociology, 31 (2021), Heft 1, S. 97-122: doi.org/10.1080/03906701.2021.1926673
  9. Dem Rezensenten ist schleierhaft, welche Kontexte damit genau gemeint sind, schließlich sind der Westen und Postkolonialität extrem breite Kategorien.
  10. Vgl. etwa Barbara Grüning und Marco Santoro, „Is there a canon in this class?“, in: International Review of Sociology, 31 (2021), 1, S. 7–25 doi.org/10.1080/03906701.2021.1926674 .
  11. Pierre Bourdieu, Homo academicus, Frankfurt am Main 1992.
  12. Richard Münch, Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschulreform, Berlin 2011.
  13. So einem Bericht in der FAZ zu entnehmen: https://www.faz.net/-hfh-ayz2u (13.11.2022).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Epistemologien Gesellschaft Methoden / Forschung Wissenschaft

Lars Döpking

Lars Döpking, M.A., ist Soziologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere und Neueste Geschichte am Deutschen Historischen Institut in Rom. Zuvor war er Mitglied der Forschungsgruppe Demokratie und Staatlichkeit am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht primär zu Kapitalismus und Steuern in Italien und Westeuropa. Darüber hinaus untersucht er die Entwicklung des soziologischen Theoriekanons seit den 1950er Jahren in vergleichender Perspektive.

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