Frank Nullmeier | Essay |

Ein Fall wechselseitiger Nicht-Wahrnehmung von Soziologie und Politikwissenschaft

Über Prozesssoziologie, Process Tracing und kausale Mechanismen

Das Verhältnis von Soziologie und Politikwissenschaft ist auch in jüngster Zeit von einem erstaunlichen Maß an wechselseitiger Nicht-Beachtung oder höchst selektiver Wahrnehmung geprägt. Was in der Soziologie neu konzeptualisiert und entwickelt wird, muss noch lange keine Aufmerksamkeit in der Politikwissenschaft erzeugen. Und genauso treffen prominente Publikationen im Bereich der Politikwissenschaft trotz allgemein sozialwissenschaftlicher Relevanz nur selten auf Resonanz in der Soziologie – und das sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene. Ein besonders eindrücklicher Fall dieser Art von wechselseitiger Nicht-Wahrnehmung sind die Entwicklungen um den Prozessbegriff und den damit in engem Zusammenhang stehenden Begriff kausaler Mechanismen. In beiden Disziplinen gibt es schon seit einiger Zeit Bestrebungen, Prozessen eine zentrale Stellung in Theoriebildung, Methodologie und Methodik einzuräumen, sie nehmen sich jedoch gegenseitig nicht ernsthaft zur Kenntnis und lassen dadurch das Potenzial ungenutzt, voneinander zu profitieren.

In der Soziologie sind es vor allem die Arbeiten von Andrew Abbott, so sein jüngstes Buch „Processual Sociology“,[1] die tradierte Theoriekonzepte jenseits prozessualer Forschungsansätze herausfordern. In Deutschland hat die prozesssoziologische Perspektive unter anderem in den Arbeiten von Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl eine aktuelle Fortsetzung nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Anwendung auf einzelne soziologische Themenfelder gefunden.[2] Die Politikwissenschaft kennt diese Richtung soziologischer Theorie (noch) nicht, hat aber auf dem Gebiet der qualitativen Forschungsmethodologie eine intensive Debatte zum sogenannten process tracing geführt, an der etliche deutsche Forscher*innen führend beteiligt waren. Das Vorgehen dieser Prozessanalytik zielt darauf, jenseits von Korrelationen und Kausalmodellen genauer zu erfahren, wie sich eine Wirkung Schritt für Schritt – und genau diese Schritte gilt es aufzuspüren und zu rekonstruieren – aus bestimmten Ursachen vollzieht. Sowohl auf der Ebene der Methodik als auch auf der Ebene der Grundkategorien gibt es beim Bemühen um Prozessualisierung und Temporalisierung in der Politikwissenschaft Berührungspunkte mit der Soziologie. Letztere hat sich bisher jedoch wiederum nicht mit dem Process Tracing auseinandergesetzt.

Diese wechselseitige Nicht-Wahrnehmung hat aber noch eine weitere Komponente. An die Stelle von Korrelationen und Regularitäten hat die Politikwissenschaft in ihrem Konzept zur Prozessanalyse kausale Mechanismen gesetzt, die die einzelnen Elemente einer Prozesskette miteinander verbinden und in jeden einzelnen Analysefall ein Element der Verallgemeinerungsfähigkeit einfügen sollen. Dass in der Soziologie eine umfangreiche Diskussion zum Mechanismenbegriff stattgefunden hat und sich einzelne Strömungen, wie etwa die analytische Soziologie, zentral auf diesen Begriff beziehen, ja ihn gar weiterentwickelt haben, wird in der Politikwissenschaft wiederum nicht wahrgenommen oder nicht rezipiert.

Hierbei handelt es sich nicht nur um schlicht zu belächelnde Fälle disziplinärer Borniertheit. Vielmehr sind es manifeste Hindernisse für die weitere Entwicklung in beiden Disziplinen. In der Politikwissenschaft wird die Anwendung der Prozessanalytik auf politische Entscheidungsprozesse aller Art dadurch gebremst, dass es bei den Forscher*innen an Fantasie und Kenntnis mangelt, was das anzustrebende Resultat, sprich: die Identifikation kausaler Mechanismen, inhaltlich bedeuten könnte. Folglich rutschen viele Arbeiten zurück in den Einflussbereich der quantitativen Forschung, obwohl es fast Konsens ist, dass die Politikwissenschaft mehr darüber wissen muss, was sich zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen in prozessualer Hinsicht abspielt. In der Soziologie wiederum könnte die Weiterentwicklung der Prozesssoziologie dadurch behindert werden, dass sie auf der Ebene der Soziologischen Theorie (und weniger ihrer Anwendungsfelder) verbleibt und keine Verbindung zu einem Set an Forschungsmethoden herstellt. Denn bisher hat die qualitative Sozialforschung das Process Tracing noch nicht adaptiert und auf soziologische Bedarfe hin angepasst.

Die Darstellung und Klage über die wechselseitige Nicht-Wahrnehmung ist daher zugleich ein an beide Disziplinen gerichtetes Plädoyer dafür, den Prozessbegriff in theoretischer wie methodischer Hinsicht gemeinsam zu debattieren, weiterzuentwickeln und für beide Seiten fruchtbar zu machen. Als Auftakt sei hier kurz das politikwissenschaftliche Process Tracing vorgestellt, bevor anschließend auf die Folgeprobleme bei der Verwendung des Mechanismenbegriffs eingegangen wird, die sowohl für eine politikwissenschaftliche Prozessanalyse als auch für eine Prozesssoziologie von grundlegender Bedeutung sein könnten.

Das Process Tracing der Politikwissenschaft

Das Process Tracing ist in der Politikwissenschaft ursprünglich als eine Art Abwehrreaktion entstanden. 1994 hatten führende Fachvertreter, namentlich Gary King, Robert O. Keohane und Sidney Verba in „Designing Social Inquiry. Scientific Inference in Qualitative Research“ (entsprechend der Anfangsbuchstaben der Autorennamen wird dieses Buch in der Innung schlicht nur als KKV bezeichnet) eine Methodologie vorgelegt, in der die Einheit allen politikwissenschaftlichen Forschens, insbesondere den qualitative Methoden anwendenden Arbeiten, unter dem Signum jener Schlussverfahren behauptet beziehungsweise gefordert wurde, die in der quantitativen Forschung leitend waren.[3] Dieser methodologische Imperialismus rief mit einiger Verzögerung abwehrende Reaktionen hervor, die die Spezifik von qualitativer Forschung mit einer geringen Zahl an Fällen herausarbeiteten. Diese Versuche, die vergleichende Fallstudienmethodik zu modernisieren und gegen KKV in Stellung zu bringen, mündeten im Process Tracing als einer spezifischen Kombination eines verfeinerten Kausalitätsverständnisses unter der Beibehaltung der methodologischen Terminologie der Variablen: „The process-tracing method attempts to identify the intervening causal process – the causal chain and causal mechanism – between an independent variable (or variables) and the outcome of the dependent variable.”[4] Die Basisdefinition des Process Tracing lautet entsprechend: „We instead characterize process-tracing as a procedure for identifying steps in a causal process leading to the outcome of a given dependent variable of a particular case in a particular historical context.”[5] Mit dieser Bestimmung als Verfahren zur Identifizierung von kausalen Schritten ist die grundlegende Ausrichtung aller Varianten einer Prozessanalyse und deren Bindung an eine Variablen-Methodologie vorgegeben. Darin kommt eine durchaus defensive Positionierung innerhalb des Faches der Politikwissenschaft zum Ausdruck. Begründer des Process Tracing in der Politikwissenschaft war der bereits 2006 verstorbene Alexander L. George. 1979 veröffentlichte er den ersten Aufsatz, der den Begriff des Process Tracing für die Politikwissenschaft reklamierte. Der Autor entlehnte ihn aus dem Feld der Psychologie, wo der Begriff für alle Methoden zum Einsatz kommt, die zur Entdeckung von Spuren nicht direkt beobachtbarer kognitiver Entscheidungsprozesse bei Individuen angewandt werden.[6] Von der gerade in der Vergleichenden Politikwissenschaft und Politischen Ökonomie einflussreichen Strömung des Historischen Institutionalismus wurden diese Überlegungen schließlich aufgegriffen und zu einem zentralen Thema der Debatte zwischen konkurrierenden Forschungsansätzen erhoben. Die Jahre 2012 bis 2016 markieren den bisherigen Höhepunkt der wissenschaftlichen Diskussion zum Process Tracing.[7] Als Manifest einer neuen qualitativen Politikforschung kann „A Tale of Two Cultures“ von Gary Goertz und James Mahoney aus dem Jahre 2012 gelten, die die quantitative und qualitative Politikforschung – die qualitative Sozialforschung soziologischer Tradition wird bezeichnenderweise in eine Fußnote verbannt[8] – als zwei unterschiedliche wissenschaftliche Kulturen ansehen, die auf unterschiedlichen mathematischen Traditionen beruhen.[9] Das Process Tracing wird in der Folge zunehmend von einer formalen methodologischen Debatte aufgesogen, nähert sich aber gerade nicht einem inhaltlich-theoretischen Verständnis von Mechanismen.

Process Tracing nutzt die Metapher der „Spur“, um zu signalisieren, dass die Forschung den Wegen folgen muss, die von den Ursachen zu einer bestimmten Wirkung führen. Der Prozess zwischen Ursachen und Wirkung wird als eine komplexe Abfolge von Ereignissen verstanden. Die Verknüpfung zu einer kausal interpretierbaren Schrittfolge kann aber nur gelingen, wenn jedes einzelne Element dieser Kette aus Spuren mit dem nächsten kausal verbunden ist. Die Spurenlese muss dazu auf etwas rekurrieren, das allgemeiner ist als der untersuchte Einzelfall – und genau das leisten kausale Mechanismen in dieser Konzeption qualitativer Forschung. Sie bezeichnen allgemeine Formen der Verursachung, die selbst über keinen Raum- und Zeitindex verfügen, aber auch in ihrem Auftreten bzw. Nicht-Auftreten nicht exakt bestimmt sind, also keine Gesetzmäßigkeiten darstellen. Ohne das Element kausaler Mechanismen ließen sich im Process Tracing keine kausalen Verknüpfungen und damit Erklärungen produzieren, es bliebe immer nur bei dichteren Beschreibungen von zeitlich aufeinander folgenden Abläufen.

Kausale Mechanismen in der Politikwissenschaft

Diese stark auf methodologische Aspekte ausgerichtete Diskussion kausaler Mechanismen stellt die Rezeption und Verbreitung des Process Tracing innerhalb der Politikwissenschaft vor größere Probleme. Jedes Forschungsprojekt, das den Weg der Prozessanalyse beschreiten will, muss sich fragen, was im zu untersuchenden Fall als kausaler Mechanismus in Betracht kommen könnte. Das Process Tracing lässt die empirische Politikforschung bei dieser Suche nämlich im Stich. Es gibt in der Politikwissenschaft jenseits der Methodenliteratur nur wenige Hinweise auf eine Theorie politischer Mechanismen oder ein Set an Mechanismen, die als Ausgangspunkt einer systematischen Suche nach politikwissenschaftlich relevanten Mechanismen dienen könnten. Große Unsicherheit herrscht bereits bei der ‚Größenordnung‘ von Mechanismen. In der Folge werden ganze Forschungsansätze ebenso zu Mechanismen erklärt wie einzelne, sich über Jahrzehnte erstreckende Prozesse oder kleinteilige sozialpsychologische Reaktionsformen von Personen. „Mechanismus“ wird eher als Symbol für eine nicht-quantifizierbare, auf prozessuales Geschehen fokussierende Vorgehensweise verstanden und für die additive Auflistung von Punkten genutzt, die für die Erklärung des jeweiligen Prozesses als relevant angesehen werden können. Ein aktuelles Lehrbuch[10] weist sogar den gesamten identifizierten Prozess zwischen einer Ursache und einer Wirkung als einen einzigen Mechanismus aus – mit der Folge, dass es letztlich genauso viele Mechanismen wie einzelne Untersuchungsfälle geben müsste. Entsprechend ist dem Process Tracing der Sprung von der Methodenliteratur zu einem etablierten Standardvorgehen in der materialbezogenen politikwissenschaftlichen Forschung nicht gelungen.

Kausale Mechanismen in der Soziologie

Die in der Politikwissenschaft bisher noch ausstehende sozialtheoretische Auseinandersetzung mit kausalen Mechanismen fand in der Soziologie indes bereits statt. Lässt man die Verwendung eines an die Naturwissenschaften angelehnten Mechanismenbegriffs in der Geschichte der frühen Soziologie außer Acht, so lassen sich seit den 1970er-Jahren drei Theoriestränge in der Soziologie ausmachen,[11] die sich um eine theoretisch gehaltvolle Entwicklung dieses Begriffs bemühen.

Die älteste Entwicklungslinie, die in der angelsächsischen Soziologie bis heute stark fortwirkt, im deutschsprachigen Raum jedoch nur wenig bekannt ist, bildet der Kritische Realismus. Als Begründer des critical realism gilt Roy Bhaskar, in dessen Werk „A Realist Theory of Science“ der Begriff des generative mechanism in Anlehnung an Noam Chomskys „generative Transformationsgrammatik“ eine zentrale Stellung einnimmt.[12] Bei Bhaskar werden erfahrbare Ereignisse auf nicht unmittelbar erfahrbare Strukturen zurückgeführt. Es sind die Strukturen als generative Mechanismen, die die empirischen Einzelereignisse erzeugen. Das, so Bhaskar, ist die causal power der Mechanismen. Heute ist es Margaret Archers morphogenetische Soziologie,[13] die in Bhaskarscher Tradition das Konzept generativer Mechanismen insbesondere zur Bewältigung des Mikro-Makro-Problems der Soziologie nutzt. Letztlich dominiert bei Bhaskar und Archer eine strukturalistische Konzeption von Mechanismen: Es sind nicht die Individuen, sondern die Strukturen und Makrophänomene, die über eine eigenständige kausale Kraft verfügen. Wenn die Strukturen zu Trägern der kausalen Kraft werden, kommt der Untersuchung einzelner Prozesse jedoch nur instrumenteller Wert zu, sie interessieren nur, um zu den wirklich bedeutsamen Strukturen vorzudringen. Das Unterfangen, einzelne Prozesse in ihrer Besonderheit ernst zu nehmen und zugleich zu einer allgemeinen sozialwissenschaftlichen Theoriebildung beizutragen, kann auf einer solchen Entwicklungslinie kaum gelingen.

Die zweite Entwicklungslinie beginnt in den späten 1970er-Jahren mit dem „analytischen Marxismus“. Diese Strömung entstand aus der Enttäuschung über die strukturalistischen Interpretationen des Marxismus, wie sie etwa von Louis Althusser und Nicos Poulantzas vertreten wurden. Der analytische Marxismus zielte auf eine wissenschaftliche Rekonstruktion des Marxismus, die ihn von Formen Hegelscher Dialektik ebenso lösen wie vom Determinismus ökonomischer Gesetzmäßigkeiten befreien sollte. Gegen den Versuch, ein Modell funktionaler Erklärung zum Kernelement eines modernen wissenschaftlichen Marxismus zu erheben, wandte sich der norwegische Sozialwissenschaftler Jon Elster. Stattdessen führte er die Spieltheorie und andere Rational-Choice-Konzepte in die Debatte ein und synthetisierte diese Überlegungen 1989 in „Nuts and Bolts for the Social Sciences“ zu der ersten systematischen Theorie kausaler Mechanismen.[14] Unter dem Label der Mechanismen führte Elster nutzenmaximierende Rationalität einerseits mit den in der Sozialpsychologie bekannten Anomalien wie Wunschdenken oder Vermeidung kognitiver Dissonanzen (wie in der Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben) und andererseits der für Rational-Choice-Ansätze lange problematischen Handlungsrelevanz sozialer Normen zusammen. Dieser das üblicherweise strikte Rational-Choice-Denken sprengende Integrationsversuch von Elementen aus Sozialpsychologie, Soziologie und Ökonomie ermöglichte es, eine stärker sozialtheoretisch ausgerichtete Entwicklung des Konzepts kausaler Mechanismen zu entwickeln – womöglich auch heute noch der aussichtsreichste Ansatz, zu einer Theorie kausaler Mechanismen zu gelangen.

Unter maßgeblicher Prägung von Peter Hedström[15] wurden die Überlegungen Elsters mit Einsichten von Raymond Boudon, James Coleman und Thomas C. Schelling zur Theorierichtung der „analytischen Soziologie“ verknüpft. Hedström und Ylikowski entwickelten 2010 das vermutlich am weitesten verbreitete Modell von Mechanismen, indem sie die Mechanismen-Terminologie in das Colemansche Erklärungsmodell, die berühmte Badewanne, integrierten und entsprechend drei Typen von Mechanismen, nämlich: „situational mechanisms“, „action-formation mechanisms“ und „transformational mechanisms“, unterschieden, womit die Verbindung zur Handlungstheorie betont wurde.[16] In der Folge gewannen innerhalb der analytischen Soziologie die Elemente der Rational-Choice-Tradition und einer stärker formalisierten wie auch modellbasierten Forschung zunehmend an Einfluss gegenüber der weit offeneren Theoriebildung bei Jon Elster. Nach und nach verlor selbst der Mechanismenbegriff seine tragende Bedeutung für die analytische Soziologie,[17] was berechtigterweise zu folgendem Urteil über derartige Ansätze führte: „Die Debatte neigt sich ihrem Ende zu.“[18]

Es existiert aber noch eine dritte Entwicklungslinie: die historische Soziologie, beginnend in den 1960er- und 1970er-Jahren mit Arbeiten von Charles Tilly, Barrington Moore und Theda Skocpol.[19] Dieser Theoriestrang war zur Politikwissenschaft hin immer durchlässig, unter Titeln und Begrifflichkeiten wie „historischer Institutionalismus“ oder „comparative-historical analysis“ entwickelte sich diese Forschungsrichtung im Überschneidungsbereich von Soziologie und Politikwissenschaft von den 1970er-Jahren an bis heute.[20] Zeitlichkeit und Prozessualität standen hier immer im Zentrum, jedoch meist auf makrosoziologischer Ebene. Es ging stets darum, in sich komplexe Entwicklungsprozesse über einen langen Zeitraum hinweg wie bei Revolutionen oder der Entstehung von Demokratie und Kapitalismus zu analysieren. Noch am ehesten in der Erforschung von Protestereignissen, etwa in „Dynamics of Contention“ aus dem Jahre 2001,[21] entwickelt sich ein hinreichend konkretes wie kleinteiliges Verständnis von Mechanismen. Eine sozialtheoretische Vertiefung des Mechanismenbegriffs erfolgt in diesem Entwicklungsstrang nicht, entsprechend hilflos lassen einen die Versuche einer tableauhaften Zusammenführung der bisher identifizierten Mechanismen zurück.[22]

Plädoyer für gemeinsames Arbeiten

Ohne eine sozialtheoretisch fundierte Weiterentwicklung des Konzepts kausaler Mechanismen wird die politikwissenschaftliche Prozessanalyse sich auch zukünftig allein in methodologischen Spezialdebatten ergehen und für empirische Arbeiten – außer als Buzzword zur Signalisierung der Ablehnung quantitativer Forschung – keinen Gewinn aus dem Konzept ziehen können. In der Soziologie könnte die Auseinandersetzung mit den Wegen und Irrwegen der politikwissenschaftlichen Arbeiten zur Methodik und Zielsetzung der Prozessanalyse hilfreich sein, den Prozessbegriff in der eigenen Disziplin zu schärfen. Darüber hinaus könnten sie verhindern, nur auf der Ebene der Theoriebildung zu verharren und keinen hinreichenden Bezug zur empirischen Forschung zu gewinnen. Sowohl die Temporalisierung sozialwissenschaftlicher Grundbegrifflichkeiten als auch die Prozessorientierung empirischer Forschung bis hin zur Einzelfallanalyse könnten, nein: sollten ein gemeinsames Anliegen beider Disziplinen sein. Bei einem solchen Unterfangen mag der oft missverständliche, teils verfehlte Terminus „Mechanismen“ hinderlich sein. Dennoch bezeichnet er eine Leerstelle, die im Zuge der Zuwendung zu Prozessen besetzt werden muss. Die an Prozessen interessierten Sozialwissenschaften sollten angeben können, was sie jenseits von Wahrscheinlichkeiten, Korrelationen und Gesetzmäßigkeiten, aber auch jenseits von stark kontextsensiblen Beschreibungen jedes spezifischen sozialen Geschehens suchen.

  1. Andrew Abbott, Time Matters. On Theory and Method, Chicago/London 2001; ders., Processual Sociology, Chicago/London 2016, deutsche Ausgabe: ders., Prozessuales Denken. Reflexionen über Marx und Weber, Hamburg 2019; ders., Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie, Hamburg 2020. Vgl. zum Werk Abbotts: Thomas Hoebel / Wolfgang Knöbl / Aaron Sahr, Reputation und Randständigkeit. Andrew Abbott und die Suche nach der prozessualen Soziologie, in: Andrew Abbott, Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie, Hamburg 2020, S. 7–61. Siehe aber auch den breiteren Zugang bei Rainer Schützeichel / Stefan Jordan (Hg.), Prozesse. Formen, Dynamiken, Erklärungen, Wiesbaden 2015.
  2. Thomas Hoebel / Wolfgang Knöbl, Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie, Hamburg 2019.
  3. Gary King / Robert O. Keohane / Sidney Verba, Designing Social Inquiry. Scientific Inference in Qualitative Research, Princeton 1994. Vgl. zur Gegenbewegung insbesondere: James Mahoney, After KKV. The New Methodology of Qualitative Research, in: World Politics 62 (2010), 1, S. 120–147.
  4. Alexander L. George / Andrew Bennett, Case Studies and Theory Development in the Social Sciences, Cambridge, London 2004, hier: S. 206–207.
  5. Ebd., S. 170.
  6. Alexander L. George, Case Studies and Theory Development. The Method of Structured, Focused Comparison, in: Paul Gordon Lauren (Hg.), Diplomacy. New Approaches in History, Theory, and Policy, New York 1979, S. 43–68, wieder abgedruckt in: Dan Caldwell (Hg.), Alexander L. George, A Pioneer in Political and Social Sciences, Cham 2019, S. 191–214.
  7. Derek Beach / Rasmus Brun Pedersen, Process-Tracing Methods. Foundations and Guidelines, Ann Arbor 2013; Andrew Bennett / Jeffrey T. Checkel (Hg.), Process Tracing. From Metaphor to Analytic Tool, Cambridge 2015; Joachim Blatter / Markus Haverland, Designing Case Studies. Explanatory Approaches in Small-N Research, Basingstoke 2012; Ingo Rohlfing, Case Studies and Causal Inference. An Integrative Framework, Basingstoke 2012; Carsten C. Schneider / Claudius Wagemann, Set-Theoretic Methods for the Social Sciences. A Guide to Qualitative Comparative Analysis, Cambridge 2012; Christine Trampusch / Bruno Palier, Between X and Y. How Process Tracing Contributes to Opening the Black Box of Causality, in: New Political Economy 21 (2016), 5, S. 437–454.
  8. Die gesamte Tradition der qualitativen Sozialforschung, wie sie in der Soziologie gepflegt und entwickelt wird, ihre methodologischen Überlegungen, ihre Verbindung mit interpretativen und sozialkonstruktivistischen Ansätzen, ihre Ausführungen zu Erhebungs- und Auswertungsmethoden werden nicht weiter diskutiert.
  9. Gary Goertz / James Mahoney, A Tale of Two Cultures. Qualitative and Quantitative Research in the Social Sciences, Princeton / Oxford 2012, hier: S. 2.
  10. Derek Beach / Rasmus Brun Pedersen, Process-Tracing Methods. Foundations and Guidelines, 2. Aufl., Ann Arbor 2019.
  11. Inzwischen hat sich jenseits der Sozialwissenschaften mit Anstößen aus der Wissenschaftsphilosophie, der Biologie und der Lebenswissenschaften ein „new mechanism“, eine „mechanical philosophy“ herausgebildet. Als Minimaldefinitionen von Mechanismus kursieren in diesem nicht-soziologischen Diskussionsstrang zwei Varianten: „Mechanisms are entities and activities organized such that they are productive of regular changes from start or set-up to finish or termination conditions.” (Peter Machamer / Lindley Darden / Carl F. Craver, Thinking about Mechanisms, in: Philosophy of Science 67 (2000), 1, S. 1–25, hier: S. 2) und: „A mechanism for a phenomenon consists of entities (or parts) whose activities and interactions are organized so as to be responsible for the phenomenon.” (Stuart Glennan, The New Mechanical Philosophy, Oxford 2017, hier: S. 17) Die disziplinübergreifende Funktionsfähigkeit dieser Definitionen liegt darin begründet, dass Entitäten und Aktivitäten je nach Gegenstandsbereich ausgedeutet werden können.
  12. Roy Bhaskar, A Realist Theory of Science, London / New York 1975.
  13. Margaret S. Archer, Realist Social Theory. The Morphogenetic Approach, Cambridge / New York 1995; dies. (Hg.), Generative Mechanisms Transforming the Social Order, Cham 2015.
  14. Jon Elster, Nuts and Bolts for the Social Sciences, Cambridge / New York 1989; fortentwickelt in: ders., Explaining Social Behavior. More Nuts and Bolts for the Social Sciences, überarb. Aufl., New York 2015.
  15. Peter Hedström / Richard Swedberg (Hg.), Social Mechanisms. An Analytical Approach to Social Theory, Cambridge / New York 1998; Peter Hedström, Dissecting the Social. On the Principles of Analytical Sociology, Cambridge / New York 2005; Peter Hedström / Peter Bearman (Hg.), The Oxford Handbook of Analytical Sociology, Oxford / New York 2009.
  16. Peter Hedström / Petri Ylikoski, Causal Mechanisms in the Social Sciences, in: Annual Review of Sociology 36 (2010), S. 49–67.
  17. Peter Hedström / Peter Bearman (Hg.), The Oxford Handbook of Analytical Sociology, Oxford / New York 2009.
  18. Hoebel/Knöbl, , Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie, Hamburg 2019, S. 180.
  19. Als Gründungsdokumente dieser Tradition können gelten „The Vendée. A Sociological Analysis of the Counter-Revolution of 1793“ von 1964, „Social Origins of Dictatorship and Democracy“ von Barrington Moore aus dem Jahre 1966 und Theda Skocpols „States and Social Revolutions. A Comparative Analysis of France, Russia and China” aus dem Jahre 1979.
  20. Die Auseinandersetzung mit dem Mechanismenbegriff im akteurzentrierten Institutionalismus bei Renate Mayntz und Fritz W. Scharpf kann hier leider nicht in die Untersuchung mit einbezogen werden.
  21. Doug McAdam / Sidney Tarrow / Charles Tilly, Dynamics of Contention, Cambridge / New York 2001.
  22. Ebd., S. 275.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Gesellschaftstheorie Methoden / Forschung Politische Theorie und Ideengeschichte Wissenschaft

Frank Nullmeier

Prof. Dr. Frank Nullmeier ist Politikwissenschaftler am SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. 2021 hat er eine Monografie zum Thema „Process Tracing und kausale Mechanismen. Perspektiven qualitativer Politikforschung“ vorgelegt.

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