Christine Magerski | Nachruf |

Ein Geisteswissenschaftler aus Kroatien

Nachruf auf Viktor Žmegač

Am 20. Juli 2022 verstarb der Germanist Viktor Žmegač in Zagreb. In Kroatien schlug die Nachricht große Wellen, die Tageszeitungen berichteten übergreifend, und bis heute ebbt die mediale Aufmerksamkeit nicht ab. Als Žmegač vor 93 Jahren in einer Kleinstadt an der kroatisch-ungarischen Grenze in eine bildungsbürgerliche, deutsch- und kroatischsprachige Familie hineingeboren wurde, wurde das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gerade zum Königreich Jugoslawien. Es folgten der Zweite Weltkrieg einschließlich dem Ustascha-Regime, das blockfreie Jugoslawien unter Tito, die Zerfallskriege der frühen 1990er-Jahre sowie die Staatsgründung Kroatiens mit anschließendem EU-Beitritt. Während Geschichte gemacht wurde, ging Žmegač seinen Weg: Von den Gymnasien in Virovitica und Osijek zum Studium der Musikwissenschaft und Germanistik in Zagreb und Göttingen über die Promotion an der Zagreber Germanistik weiter zur Professur und in die Akademien der Wissenschaften. Dass dieser Weg von den politischen Zäsuren, die ihn säumten, nicht gänzlich unberührt blieb, versteht sich von selbst. Und doch geht jeder Versuch einer politischen Positionierung am Wesen der Person Žmegač' vorbei. Denn er war vor allem eins: ein eminenter Vertreter jener Geistesarbeit, wie sie heute – längst überfällig – auch in Deutschland unter dem Konzept einer „Praxeologie der Geisteswissenschaften“ wieder gewürdigt wird.[1]

Die Geisteswissenschaften sind es, denen sich Žmegač zeit seines Lebens verpflichtet fühlte und die er in mindestens zwei Hinsichten bereicherte: Zum einen durch seine intensive „Erforschung der Kultur einzelner Regionen des Planeten“, wie sie eben „in den Händen historisch-philologischer Fächer“[2] liegt. Zum anderen durch seinen undogmatischen literatursoziologischen Ansatz, der das Verhältnis von moderner europäischer Literatur und ihrer Gesellschaft als faszinierendes Rätsel begreift. Angestoßen wurde Žmegač' Geistesarbeit durch Erich Auerbachs bahnbrechende Studie Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur (1946). Mit der zwischen Mai 1942 und April 1945 verfassten Arbeit setzte Auerbach einer versunkenen Epoche ein Denkmal, das an eine „europäische Wirklichkeitsdarstellung“ erinnerte. Deren Welthaltigkeit wurde nicht an der Stimmigkeit einer von der Kunst geschaffenen Welt gemessen, sondern an der mimetischen Kraft künstlerischer Darstellung. Mimesis verfolgt die Entwicklung dieser Kunst bis hin zur „Ausbildung der Vorstellung vom geschichtlich Werdenden“ und einer „Vertiefung des Problematischen“, die sich in Vieldeutigkeit, Abgerissenheit und der suggestiven Wirkung des Unausgesprochenen äußert.[3]

An diesem Punkt setzte Žmegač an. Er verfolgte jene Vertiefung des Problematischen, die schließlich den Wirklichkeitsbegriff selbst erfasste und den Glauben an die mimetische Kraft der Kunst fundamental erschütterte. Seine Bücher Der europäische Roman. Geschichte seiner Poetik (1990) sowie Tradition und Innovation. Studien zur deutschsprachigen Literatur seit der Jahrhundertwende (1993) konzentrieren sich auf eine antimimetische und konstruktivistische Kunst; eine Kunst, die Ambivalenz zur letzten Eindeutigkeit erklärt und die Vorstellung vom geschichtlich Werdenden zu einem avantgardistischen, sich von der Kunst bis in das Leben ausdehnenden Programm verdichtet. Wie Hans Blumenberg sah Žmegač, dass der Verlust des Wirklichkeitsbegriffs von der Möglichkeit der Kunst relativiert wird, eigene Welten zu kreieren.[4] Doch radikalisierte Žmegač diese Einsicht noch, wenn er behauptete, dass sich mit dem Aufstieg der Künstlichkeit die europäische Darstellungsform in ihr Gegenteil verkehre und aus der Mimesis eine „umgekehrte Mimesis“ werde. Das Konzept der umgekehrten Mimesis ist zentral für das Verständnis der von Žmegač eingeschlagenen Forschungsrichtung: Er selbst begriff darunter einen „paradox formulierte(n) Beitrag zu einer Theorie mentaler Traditionen sowie einer Diagnose von Lebensformen“, in denen die Kunstauffassung analytischen Vorrang hat.[5] Der Beitrag zur Kulturtheorie – und nur um eine solche kann es sich in Žmegač' Perspektive handeln – entstammt demnach aus der Literatur und Kunst selbst, konkret aus der Kultur um 1900, in der sich die Poetik des Ästhetizismus entfaltete und das ästhetische Primat zur zentralen Denkfigur der Moderne wurde.

Die Hoffnung der modernen europäischen Kultur, dass die Wirklichkeit die von Kunst und Literatur entworfenen Normen und Formen performativ umsetzen könne, wird noch heute von einer ästhetisch interessierten Sozialtheorie gehegt, die proklamiert, dass wir alle aufgrund eines tiefgreifenden Prozesses gesellschaftlicher Ästhetisierung zu Lebenskünstlern in einem neuen, von der Kunst angehauchten Kapitalismus geworden sind. Der Geisteswissenschaftler Žmegač war in dieser Hinsicht weitaus zurückhaltender. Überhaupt lief die Methoden- und Theoriearbeit bei ihm nie losgelöst von konkreter literatur- und kulturwissenschaftlicher Forschung. So folgten der Promotionsschrift Die Musik im Schaffen Thomas Manns (1959) kleinere, der historischen Avantgarde gewidmete Arbeiten, die sich bemühten, den Kontext formästhetischer Innovationen zu erfassen.[6] In Kunst und Wirklichkeit (1969) suchte der junge Žmegač nach Rat bei den Klassikern der Moderne und las die Literaturtheorien von Brecht, Lukács und Broch als eine Reihe von Versuchen, das Problem des Form- und Wertewandels für die Literatur, wenn nicht zu lösen, so doch konstruktiv zu wenden.[7] Dass Žmegač dieses Unterfangen ausgerechnet am Beginn der sogenannten Postmoderne aufnahm, verweist nicht auf ein gezieltes Gegenprogramm. Er war offen für neue Ansätze und verfolgte gerade die aufkommenden postmodernen Theorien mit großem Interesse. Seine Einträge „Moderne“ und „Postmoderne“ in dem gemeinsam mit Dieter Borchmeyer herausgegebenen Band Moderne Literatur in Grundbegriffen (1994) sind noch immer einschlägig.[8] Nur verlor sich Žmegač nie in jenen Abstraktionen, die Christoph Butler treffend als ‚big hotel view‘ bezeichnet hat.[9] Dazu war der Germanist zu sehr an konkreten Fragen interessiert, wie eben der, wie es möglich ist, dass Kategorien wie das Tragische, das Idyllische oder auch das Humoristische zwar nicht mehr der Lebenswirklichkeit entsprechen, mithin zu „literarischen Stereotypen“ werden, aber ihr Einfluss auf die Denk- und Handlungsformen ungebrochen ist.[10] An Denkwürdigkeiten wie dieser entwickelte er seine Version der Literatursoziologie: die Erforschung der Wechselwirkung zwischen symbolischen, medialen und sozialen Formen als Beitrag zu einer allgemeinen Kultur- und Sozialgeschichte.[11]

Dass ihn seine konkreten Erkenntnisinteressen nicht zum Solitär machten, belegen die zahlreichen Sammelbände, die er herausgab und die ein breites Themenspektrum abdecken – von Marxistische Literaturkritik (1970), Methoden der deutschen Literaturwissenschaft. Eine Dokumentation (1971), Der wohltemperierte Mord. Zur Theorie und Geschichte des Detektivromans (1971) über Literatur und Gesellschaft (1973) und Zur Kritik literaturwissenschaftlicher Methodologie (1973) und Formalismus, Strukturalismus und Geschichte (1974) bis hin zu Moderne Literatur in Grundbegriffen (1993). Vor allem aber stehen Žmegač' literaturgeschichtliche Großprojekte für den kollektiven Charakter seines Programms. Scriptors Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, entstanden im Zeitraum von 1979 bis 1984, sowie die dreibändige, inzwischen in vierter Auflage erschienene Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart trotzen dem vermeintlichen Ende der Metanarrative und können als Modelleiner Literaturgeschichte gelten, die sich noch mit A New History of German Literature (2005) fortschrieb.[12]

Ob es die Kollektivarbeiten oder Einzelleistungen sind, die bleiben, wird die Wissenschaftsgeschichte zeigen. Es ist zu hoffen, dass die Studien zu jüdischen Gestalten in der Literatur der Jahrhundertwende nicht dem Vergessen anheimfallen.[13] Zur Hinterlassenschaft Žmegač' gehört auch ein umfangreiches Spätwerk in kroatischer Sprache: Hinter Titeln wie Duh impresionizma i secesije (1996), Književnost i glazba (2003), Od Bacha do Bauhausa. Povijest njemačke kulture (2006), Majstori europske glazbe (2009), Prošlost i budućnost 20. stoljeća: kulturološke teme epohe (2010), Strast i konstruktivizam duha: temeljni umjetnički pokreti 20. Stoljeća (2014) oder Četiri europska grada; kulturološki obzori (2017) verbirgt sich eine mit meisterhaft leichter Hand verfasste europäische Kulturgeschichte. Dass der Autor mit seinen Schriften dazu beitrug, die Großerzählung weiter zu spinnen, hätte er als Kritik wohl dankbar angenommen. Viktor Žmegač kannte kein Zurückschrecken vor der Künstlichkeit. Seine Welt war die der europäischen Kultur, der Musik, der Literatur und der Kunst. In ihr war er ganz zuhause, sehr bescheiden und überaus anspruchsvoll zugleich. In Kroatien ein regelrechter Popstar, wirkte er als Mitglied in zahlreichen Akademien des In- und Auslandes und wurde gerade in Deutschland mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet, darunter der Friedrich-Gundolf-Preis, der Gottfried-von-Herder-Preis, der Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung sowie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Der Heidelberger Germanist Dieter Borchmeyer rechnete seinen Freund Viktor in seiner Schrift Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst (2017) zu den drei „Weggefährten vieler Jahrzehnte“, denen er sein Werk in Dankbarkeit und Freundschaft widmet. Freunde waren Žmegač und ich nie, eher verband uns eine anregende Kollegialität. In beinahe zwei Jahrzehnten der Zusammenarbeit habe ich sehr viel gelernt über Literatur, Kunst und Leben und darüber, wie sich der Sinn für Geschichte und die Suche nach Ganzheit mit Ironie und Gelassenheit verbinden können. Womöglich könnte eine derartige Praxis auch den Geisteswissenschaften auf der Suche nach sich selbst helfen. Was aber kann ich Viktor Žmegač am Ende nachrufen? Vielleicht ein Wort, das er sich für ganz besondere Leistungen der Kunst und Geistesarbeit aufsparte: Chapeau!

  1. Steffen Martus / Carlos Spoerhase, Geistesarbeit. Zur Praxeologie der Geisteswissenschaften, Berlin 2022.
  2. Wolfgang Essbach, Interdisziplinäre Kreuzungen. Soziologie – Anthropologie – Geschichte. Wiesbaden 2022, S. 75.
  3. Erich Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur [1946], Bern und München 1971, S. 26.
  4. Siehe hierzu Hans Blumenberg, Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans, in: Hans Robert Jauß (Hg.), Nachahmung und Illusion, Kolloquium Gießen, Juni 1963, Vorlagen und Verhandlungen, München 1964, S. 9–27.
  5. Žmegač, Der europäische Roman, S. 283.
  6. Reinhold Grimm / Viktor Žmegač, Iwan Goll: Der ewige Methusalem. Text und Materialien zur Interpretation, Berlin, 1966 sowie Viktor Žmegač, „Zenit”, eine vergessene Zeitschrift, in: Welt der Slaven, Bd. 4,, München 1967, S. 353–362.
  7. Viktor Žmegač, Kunst und Wirklichkeit. Zur Literaturtheorie bei Brecht, Lukács und Broch, Bad Homburg 1969.
  8. Dass der ursprünglich beim Niemeyer-Verlag erschienene Band heute von De Gruyter allein unter der Herausgeberschaft von Borchmeyer (et al.) erscheint, sagt weniger über die Anteile an Geisterarbeit als vielmehr über die Wissenschaftskultur, in der diese heute stattfindet.
  9. Christoph Butler, Postmodernism. A Very Short Introduction, Oxford 2002, S. 3.
  10. Viktor Žmegač, Probleme der Literatursoziologie, in: Zdenko Škreb / Viktor Žmegač (Hg.), Zur Kritik literaturwissenschaftlicher Methodologie, Frankfurt am Main 1973, S. 253–282, hier S. 282.
  11. Zur Stil- und Formsoziologie der Zagreber Schule siehe ausführlicher: Christine Magerski, Schule machen. Zur Geschichte und Aktualität der Literatursoziologie, in: Zagreber Germanistische Beiträge 24 (2015), S. 193–220.
  12. Viktor Zmegac / Zdenko Škreb / Ljerka Sekulić, Scriptors Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Königstein 1981, als Kleine Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Königstein 1984, erweiterte Fassung: Kleine Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin 1993. (Ursprünglich in kroatischer Sprache als Književnost njemačkoga jezičnog izraza. Zagreb, 1974) sowie Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Königstein 1980–1984.
  13. Viktor Žmegač, Der historische und der typologische Jude. Studien zu jüdischen Gestalten in der Literatur der Jahrhundertwende, Berlin 1996.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Europa Geschichte Kultur Kunst / Ästhetik Methoden / Forschung

Christine Magerski

Prof. Dr. Christine Magerski lehrt Neuere deutsche Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Zagreb. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Literatursoziologie, die Literatur- und Gesellschaftstheorie sowie die Literatur-, Kultur- und Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.

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