Julia Grillmayr | Rezension |

Ein revisionärer Realismus

Rezension zu „Die Kraft der Revision. Epistemologie, Politik und Ethik bei Donna Haraway“ von Katharina Hoppe

Katharina Hoppe:
Die Kraft der Revision. Epistemologie, Politik und Ethik bei Donna Haraway
Deutschland
Frankfurt am Main 2021: Campus
460 S., 39,95 EUR
ISBN 9783593513546

Donna Haraways bisheriges Gesamtwerk zu lesen und zu besprechen, und zwar mit einer Herangehensweise, die selbst maßgeblich von ihrem Werk informiert und geprägt ist, das macht sich Katharina Hoppe in Die Kraft der Revision zur Aufgabe. Das Buch, eine überarbeitete Fassung von Hoppes Dissertation, legt eine umfassende Darstellung sämtlicher Arbeiten der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin und Philosophin vor und setzt sich systematisch mit ihren Figuren, Konzepten und Thesen auseinander. Hoppe entwickelt dafür eine „relationale“ Lesart und greift damit die Forderung von Haraway auf, „ihre Arbeiten als in sich verwoben zu begreifen und nicht einzelne Figuren, Motive oder Argumentationsstränge zu einer Meta-Theorie zu stilisieren“ (S. 16). Analysiert man Haraways Argumente vereinzelt und ohne ausreichend Kontext, führe das nicht allein zu den üblichen Missverständnissen, eine solche Lesart verlöre zudem aus dem Blick, worum es der Denkerin geht, nämlich darum, „involviert“ zu sein „in ein dynamisches Feld sich historisch wandelnder Situationen und theoretischer Konstellationen“ (ebd.).

Für Haraway vollzieht sich Denken niemals in einem (ab)geschlossenen System, sondern ist selbst eine Bewegung, die notwendigerweise in Kontakt zu anderen Denker*innen, menschlichen sowie mehr-als-menschlichen Mitbewohner*innen, Texten, Phänomenen und Situationen ist und durch diese Beziehungen erst entsteht. Mit dieser relationalen Betrachtung wird daher auch Haraways „Aufforderung zur Situierung“ Rechnung getragen: „Ein Ganzes kann es zwar nicht geben, es kann aber der Versuch unternommen werden, ein dichtes Netz um Begriffe, Motive, Gedanken und Metaphern zu spannen, um deren konstitutive Beziehungen in den Blick zu bekommen und daraus etwas Neues entstehen zu lassen.“ (ebd.)

Keine Einführung, sondern eine theoretisch fundierte Werkschau

Die Kraft der Revision ist keine Einführung. Katharina Hoppes Dar- und Zusammenstellung von Haraways Gesamtwerk operiert auf hohem Niveau, gräbt sich kleinschrittig von Text zu Text durch Argumente und Verweise und setzt diese mit den Entwicklungen in der Theoriebildung und mit Haraways akademischer Biografie in Zusammenhang. Wie der Untertitel des Buches verspricht, tastet sich Hoppe durch dieses umfassende und dichte Netz entlang der Arten und Weisen, wie darin Epistemologie, Politik und Ethik in Beziehung gesetzt werden. Diese Reihenfolge deckt sich lose mit einer chronologischen Lesart des Werkes.

Hoppe stellt fest, dass die frühe Haraway insbesondere an einem Programm politischer Epistemologie arbeitet. Hier steht ihre Dissertation Crystal, Fabrics and Fields (1976) über den Organizismus und die Metaphern-Sprache der Embryologie, die Monografie Primate Visions (1989) und schließlich das Theorem „Situiertes Wissen“ im Mittelpunkt. In einem zweiten Teil, den Hoppe mit „Elemente der Herrschaftskritik“ überschreibt, geht es um Haraways „Strategien epistemologischer Politik“. Hier wird in die Grundthesen von Ein Manifest für Cyborgs (1985) eingeführt und gezeigt, wie und warum dieser Text so rege und nachhaltig rezipiert wurde und wird. In diesem Abschnitt geht Hoppe auch auf die Monografie mit dem auffälligen Titel Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan_Meets_OncoMouse (1997) ein. Besprochen wird etwa die interessante, heterogene Material-Zusammensetzung des Buches. Das erste Patent auf ein Lebewesen (OncoMouse) und welche Versprechen daran geknüpft werden, Science Fiction-Narrative (etwa The Female Man von Joanna Russ) und Wissenschaftstheorie (etwa von der vermeintlichen Objektivität eines konstruierten bescheidenen Beobachters) werden auf ein und derselben Ebene ausgebreitet und vielschichtig in Zusammenhang gebracht. Dies macht anschaulich, was mit einer „Informatik der Herrschaft“ beziehungsweise dem „technobiopolitischen Regime“ gemeint sein könnte, die beide bereits im Cyborg-Manifest skizziert sind und hier ins Zentrum der Untersuchung rücken.

Haraways „zweites Manifest“ und ihre Hinwendung zu den Gefährt*innenspezies vervollständigen Hoppes detaillierte Rekonstruktion der Cyborg-Figur und leiten zur Betrachtung von Haraways Spätwerk über. Auch in diesem dritten Teil geht Hoppe chronologisch vor; es geht von When Species Meet (2008) über Staying with the Trouble (2016) zu dem 2018 erschienenen Sammelband Making Kin Not Population, den Haraway gemeinsam mit Adele E. Clark herausgab. Dieser Werkkomplex zeichne sich vordergründig durch das Ziel aus, über eine Revision des Verantwortungsbegriffs zu einer „politischen Ethik“ zu gelangen, die „ihre Maßstäbe selbst als historisch verortet und umstritten begreift“ (S. 248). Auch dabei spielen Unabgeschlossenheit und Offenheit eine zentrale Rolle:

„Verantwortung wird hier im Wortsinne als eine Fähigkeit zur Antwort (response-ability) revisioniert. Damit schreibt sie sich in eine Traditionslinie ein, die – häufig ausgehend von den Arbeiten des Philosophen Emmanuel Lévinas – versucht, Verantwortung und Ethik jenseits eines Bezugs auf feststehende Normenkataloge und eine vorgängige autonom und intentional handelnde Subjektivität zu verstehen.“ (S. 248 f.)

Revisionäre Erkenntniskritik

Auf diese Weise folgt man Hoppe auf den insgesamt gut 400 Seiten oft in sehr detailreiche Darstellungen. Das erfordert stellenweise Geduld, ist aber ein lohnendes Unterfangen – etwa, wenn eingangs nachgezeichnet wird, wie sich Haraway mit der Wissenschaftsgeschichtsschreibung nach Thomas Kuhn, mit marxistischer Theorie und ihrer feministischen Ausformung sowie mit Kritik am Konstruktivismus auseinandersetzt und sich eine der ganz wichtigen Fragen ihres Denkens herauskristallisiert, nämlich „wie ein anspruchsvoller Realismus entwickelt werden könnte, der nicht hinter Einsichten in die Kontextgebundenheit von Wissen zurückfällt“ (S. 45).

Bereits in Haraways frühen Überlegungen zur Epistemologie werde die „Revision“ als zentrales Verfahren erkennbar. Der Begriff, der auf „die Notwendigkeit permanenter Wiederdurchsicht, die konstitutive Umstrittenheit von Wissen und etwaige Selbstkritik verweist“ (S. 50), sei für das Gesamtwerk von Haraway charakteristisch, schreibt Hoppe. Tatsächlich findet sie damit ein Moment, das es erlaubt, einen interessanten roten Faden durch das zu beleuchtende Gesamtwerk zu ziehen. Ebenso wie die „relationale“ Lektüre versteht Hoppe diese „revisionierende“ Herangehensweise aber nicht allein als ein Motiv ihres Forschungsgegenstands, sondern macht es sich zur Aufgabe, auch selbst in einer solchen Weise auf Haraways Werk blicken. Die Kraft der Revision verfährt somit stellenweise in rekursiven Schleifen, zeigt etwa vorausblickend, wie sich der jeweils besprochene Aspekt ins Gesamtwerkt eingliedert, oder rückblickend, wie sich bestimmte Figuren und Argumente weiterentwickelten. In einer solchen losen, vielfach unterbrochenen und damit zunehmend komplexer werdenden Chronologie, erfahren die Leser*innen von Kritik an einzelnen Texten und Argumenten von Zeitgenoss*innen, aber auch von der Art und Weise, wie sich Donna Haraway selbst analysiert, hier und da revidiert, auf jeden Fall stetig revisioniert.

Der Fokus auf Revision als Begriff und Methode rückt also die bereits angesprochene Denkbewegung in den Vordergrund, die selbst in Schlaufen verläuft und sich durch eine gewisse Offenheit auszeichnet, sich unterbrechen und überraschen zu lassen. Vor diesem Hintergrund werden auch Haraways Spekulationsbegriff und die Bezüge auf Science Fiction gut greifbar, wenn Hoppe etwa aus Haraways Aufsatz „Monströse Versprechen“ zitiert: „Wir brauchen kein ‚Happy End‘, sondern ein Nicht-Ende.“ Und zusammenfasst: „Das Spekulative ist bei Haraway kein Telos, das sich verwirklichen wird oder auf das hingesteuert werden soll.“ (S. 167) Das Spekulative sei vielmehr ein Element, um das Denken immer wieder zu öffnen und in Bewegung zu bringen. Das markiert Haraway zu Beginn ihres Buches Unruhig bleiben mit dem Akronym „SF“, das sie zu einer „Figur“ beziehungsweise einer rasch aufrufbaren „Liste“ verdichtet:

„Eine allgegenwärtige Figur dieses Buches ist SF: Science-Fiction, spekulative Fabulation, Spiele mit Fadenfiguren (string figures), spekulativer Feminismus, science fact (wissenschaftliche Fakten), so far (bis jetzt). Diese Liste wirbelt und schlängelt sich immer wieder durch die kommenden Seiten; in Worten, aber auch in Bildern, die mich und meine LeserInnen in Wesen und Muster verflechten, die auf dem Spiel stehen. Wissenschaftliche Fakten und spekulative Fabulation brauchen einander und beide brauchen einen spekulativen Feminismus.“[1]

Die SF-Figur und Lektüren von Science Fiction-Romanen finden sich vor allem in A Cyborg Manifesto (1985), in Primate Visions (1989) und schließlich wieder in Unruhig bleiben (2018). Es wäre aber falsch, so argumentiert Hoppe, die dazwischen entstandenen Arbeiten von Haraway zu ignorieren, wie das in der Rezeption gern geschehe. Dabei handelt es sich um die Texte zu den Gefährt*innenspezies, The Companion Species Manifesto (2003) und When Species Meet (2008), die, wie Hoppe nachzeichnet, zurückhaltend, wenn nicht zurückweisend rezipiert wurden. Wie in einer relationalen Lesart sichtbar wird, stehen aber gerade diese Arbeiten in einer Kontinuität mit dem hochgradig einflussreichen Cyborg-Manifest. Haraway bettet die Figur der Cyborg in die größere Familie der Gefährt*innenspezies ein und legt dabei nahe, „dass sie das Cyborg-Manifest als ein politisches und das Manifest für Gefährt*innenspezies als ethisches begreift, wenn sie die Motivation der Texte auf Wut einerseits und Liebe andererseits zurückführt“ (S. 242). Die Gefährt*innenspezies seien wichtig für Haraways „post-anthropozentrische Ethik“, die eine „Reformulierung von Verantwortung als Einübung einer Fähigkeit des Antwortens auf und mit menschlichen und nicht-menschlichen Anderen“ (S. 274) zentral macht.

Die relationale Verfahrensweise, die Hoppe in Haraways Werk erkennt und für ihre eigenen Studie fruchtbar macht, erlaubt es, Epistemologie, Politik und Ethik jeweils als Schwerpunkte für eine Gliederung von Haraways Gesamtwerk zu setzen und gleichzeitig zu zeigen, dass diese Ansprüche innerhalb des Werks sehr eng miteinander verknüpft sind:

„Haraways These, dass gute Wissensproduktion mit einem Risiko einhergehen muss, rekurriert auf ihre Idee einer Revision der Welt als Aktant_in oder Trickster_in. Wenn nämlich davon ausgegangen wird, dass die Befragenden der Welt nicht als einem starren Gegenüber begegnen, wird das Irritations- und Transformationspotenzial deutlich, welches diesen Situationen inhärent ist.“ (S. 181)

Vorwärts in Schlenkern und Schlaufen

Abschließend geht Hoppe näher auf Haraways Verständnis von Verantwortung als „Antworten“ und „Zum-Antworten-Befähigen“ ein. Sie zeigt die Aktualität, wenn nicht Dringlichkeit dieses Gedankens auf, indem sie einige für die Gegenwart besonders bedeutsamen Denker*innen anführt, die von dieser Inspiration ausgehend schreiben, aber auch, indem sie ihn mit der Rhetorik und den Forderungen von heutigen Umweltbewegungen wie Fridays For Future in Zusammenhang bringt. So soll etwa der Aufruf zur Panik von Greta Thunberg „keine apokalyptische Stimmung verbreiten, sondern darauf hinweisen, dass es der Welt zu antworten gilt“ (S. 410). Haraways Werk ist in einer Zeit der ökologischen Krisen und Katastrophen besonders anschlussfähig und inspirierend, so argumentiert Hoppe, da es hoffnungsvolle, affirmative Praktiken hervorhebt, sich aber gleichzeitig – einer Situierung verpflichtet – die komplexen, verfahrenen und zerstörerischen Situationen gegenwärtig hält und sich nicht mit einfachen Antworten zu retten versucht.

Blickt man auf das zeitgenössische kulturwissenschaftliche Weiterschreiben von Haraways Ansätzen, erscheint genau dies ein zentrales Motiv und eine starke Motivation zu sein. Alexis Shotwells Against Purity (2016), María Puig de la Bellacasas Matters of Care (2017) und Anna Lowenhaupt Tsings Mushroom at the End of the World (2015) sowie der von Tsing mitherausgegebene Band Arts of Living on a Damaged Planet (2017) – sie alle gehen von der Feststellung aus, dass „neue Weltentwürfe […] nicht losgelöst von Trümmern gedacht werden können“ (S. 404). Diese Einsicht ist alles andere als banal, vor allem, wenn sie mit dem Anspruch verknüpft ist, nicht in dystopischen Fatalismus oder Zynismus zu verfallen.

Was in Hoppes Untersuchung eventuell etwas zu kurz kommt bzw. durch die Fokussierung auf eine systematische Werkschau außen vor bleibt, ist die eigene Poetik und die gewitzte, ernste Ironie, die sich in Haraways Werk entfaltet – gespeist aus der heterogenen Quellenlage, ihrer präzisen und attraktiven Sprache und den oft eigenwilligen inhaltlichen Verknüpfungen, die hier geknotet werden. Die Kraft der Revision zeichnet sich aber besonders dadurch aus, dass hier deutlich und nachvollziehbar wird, wie ein solches „Zusammenspiel negativistisch-destruktiver und affirmativ-konstruktiver Weltbezüge und Praktika“ (ebd.) aussehen kann. Ganz im Sinne des in Bewegung bleibenden Denkens von Haraway geschieht dies nicht im Formulieren eines linearen Regelwerks. Vielmehr erlaubt die detailreiche Rundschau von Hoppe, die revisionierende Kraft in Haraways Denken und Werk immer wieder und in unterschiedlichen Kontexten aufblitzen zu lassen. Mit dem spannenden und für ein Weiterdenken äußerst fruchtbaren Fokus auf das Konzept der Revision wird also sichtbar, wodurch sich diese in Schlenkern und Schlaufen vorwärtsbewegenden Operationen auszeichnen, die eine Haltung des ,Unruhigbleibens‘ ermöglichen und nähren können.

  1. Donna Haraway, Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, übers. von Karin Harrasser, Frankfurt 2018, S. 11. Im Original unter dem Titel: Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene, Durham, NC 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Epistemologien Gender Technik Wissenschaft

Autorinnenfoto von Julia Grillmayr

Julia Grillmayr

Dr. Julia Grillmayr ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Wissenschaftskommunikatorin in Wien und Linz. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen spekulative (öko-)feministische Philosophie und Cyberpunk. Sie produziert Sendungen für den Ö1, gestaltet die Radioreihe „Superscience Me – Wissenschaft, Fiktion, Spekulation“ auf Radio Orange und podcastet für die Österreichische Akademie der Wissenschaften. Die restliche Zeit verbringt sie in den Wäldern der Donauauen und in Steppschuhen.

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