Esther Hutfless | Rezension |

Eine kritische Theorie im Interregnum

Rezension zu „Queere Theorien zur Einführung“ von Mike Laufenberg

Mike Laufenberg:
Queere Theorien zur Einführung
Deutschland
Hamburg 2022: Junius
300 S., 17,90 EUR
ISBN 978-3-96060-329-0

Queer Theory entstand in den 1990er-Jahren in den USA, gebunden an das Versprechen, „das Leiden an der gesellschaftlichen Normalität zu beenden, ohne selbst normal werden zu müssen“ (S 10). War queer bloß eine kurzlebige Idee, die mittlerweile und im Kontext neoliberaler Vereinnahmungen längst überholt und normalisiert ist und jeden revolutionären Impetus eingebüßt hat, oder sind queer und Queer Theory als etwas zu verstehen, das, wie Eve Kosofsky Sedgwick schreibt, „unauslöschlich“ ist, „ein anhaltender Moment, eine Bewegung, ein Motiv – widerkehrend, wirbelnd, beunruhigend“ (Sedgwick zitiert nach Laufenberg, S. 10)? Es sind diese Fragen, die um die Aktualität und die politische Sprengkraft von queer kreisen, die die längst überfällige deutschsprachige Einführung in queere Theorien von Mike Laufenberg einleiten.

In dem inhaltlich dicht gewebten Band möchte der Autor sowohl akademischen, theoretischen und aktivistischen Perspektiven Raum geben als auch jene Ansätze darstellen, die im deutschsprachigen Diskurs bisher kaum oder zu eindimensional rezipiert wurden. Dabei kontextualisiert Laufenberg queere Theorien nicht nur mit den sozialen und politischen Bewegungen, auf die sie sich beziehen, sondern er versteht sie selbst als zutiefst politisches und kritisches Projekt.

Im Titel des Einführungsbandes hat Laufenberg Queer Theory in den Plural gesetzt, um auf die große Vielfalt queerer Theorien seit ihrer Entstehung vor mittlerweile über 30 Jahren hinzuweisen. „Queer Theory“ ist heute ausdifferenziert, heterogen, manchmal auch widersprüchlich. Laufenberg zeichnet ihre Entwicklung von den Vorläufern, beginnend mit den lesbischen und schwulen Befreiungstheorien und -bewegungen in den 1960ern und 1970ern über die sich institutionalisierenden Gay- and Lesbian-Studies in den 1980ern und die Herausbildung und Institutionalisierung der Queer Theory in den 1990ern bis in die Gegenwart nach, aus der sie intersektionale und postkoloniale Ansätze aufgreift. Es gelingt Laufenberg, die ausgreifenden Wurzeln, die verschlungenen Pfade, die verschiedenen Standpunkte, Konzepte und Ansätze sowie die affirmativen und kritischen Bezugnahmen, die diese Entwicklungsgeschichte auszeichnen, auf nachvollziehbare Weise darzustellen ohne dabei unterkomplex zu werden.

Es sind vor allem zwei Strömungen der Queer Theory, deren Entwicklungsgeschichte sich Laufenberg ausführlich widmet. Die eine, beeinflusst vor allem durch poststrukturales Denken – etwa die Ansätze Michel Foucaults oder Jacques Derridas –, entstand bereits Anfang der 1990er-Jahre. Zunächst geprägt durch die Kritik an den binär-hierarchischen Strukturen der Sprache und des Denkens sowie durch die Dekonstruktion von Identitätskategorien und Normen, verwehrt sie sich konsequenterweise dagegen, queer im Sinne einer Wesensbestimmung zu fassen, sondern versteht Queer Theory als etwas Unbestimmbares, das sich fixen Definitionen verwehren und sich selbst permanent dekonstruieren muss, um der Aneignung durch herrschende Diskurse zu entgehen (S. 11). Die wohl bekannteste Vertreter*in dieser Strömung, Judith Butler, hat den Fokus ihrer Kritik auf Heteronormativität gelegt und arbeitet an einer Dekonstruktion der scheinbar natürlich gegebenen Geschlechterordnung (S. 101): „Heterosexualität erscheine gemeinhin als logische Konsequenz der Existenz von zwei Geschlechtern, fungiere zugleich aber als Norm, die der Annahme von lediglich zwei Geschlechtern erst Sinn verleihe. Diesen tautologischen Verweisungszusammenhang bezeichnet sie als ‚heterosexuelle Matrix‘“ (ebd.). Butlers Gegenentwurf besteht im Versuch, „einen erkenntnistheoretischen und normativen Grundstein zu legen, um vom anatomischen Zuweisungsgeschlecht unabhängige Geschlechtsidentitäten (z. B. trans und nicht-binäre Identitäten) jenseits von Pathologisierungen intelligibel werden zu lassen“ (S. 102). Butlers theoretischem Ansatz, der auf politischer Ebene zunächst eher nicht auf planbare Subversionen abzielt, stellt Laufenberg sogleich aktivistische Zugänge wie die von Sandy Stone, Kate Bornstein und Leslie Feinberg zur Seite und hebt deren Einfluss auf die queere Community hervor. Neben Butler zählen insbesondere Eve Kosofsky Sedgwick, Lee Edelman und David Halperin zu den Vertreter*innen dieser Theorieströmung.

Kritik an der „zu starken Abstraktion und der Vernachlässigung von den konkreten Lebensrealitäten und den Kämpfen sexueller und anderer marginalisierter Gruppen sowie Versäumnisse in der Analyse von Rassismus, Klassenverhältnissen und Kapitalismus als materiellen Bedingungen“ (S. 18) führte jedoch zu einer Ausdifferenzierung queerer Ansätze. Bedeutsam für die Entwicklung der zweiten Strömung queerer Theorien, die seit den 2000er-Jahren an Präsenz gewonnen hat, waren die Arbeiten von Phillip Brian Harper, Anne McClintock, José Esteban Muñoz und Trish Rosen. Zwar versteht auch Muñoz, durchaus ähnlich wie Butler, Queer Theory als etwas, das sich Offenheit bewahren muss, woraus „folgt, dass Queerness und das, was mit dem Begriff beschrieben wird oder erreicht werden soll, in der Zukunft womöglich etwas ganz anderes umfasst als in der Gegenwart“ (S. 13), nichtsdestotrotz argumentiert Laufenberg, dass sich beide Strömungen voneinander unterscheiden. Denn die von der „Queer-of-Color-Kritik“ beeinflusste zweite Strömung teilt mit poststrukturalistischen queeren Ansätzen zwar „die Kritik an essenzialistischen und statischen Vorstellungen von Identität, bettet diese aber in marxistische und politökonomische Analysen kapitalistischer Vergesellschaftung ein. […] Gemeinsam ist allen Arbeiten, die der Queer-of-Color-Kritik zugeordnet werden, dass sie dem Rassismus als strukturellem Herrschaftsverhältnis eine grundsätzliche Relevanz dafür zusprechen, wie sich Sexualität und Geschlecht kulturell und sozial artikulieren und wie mit ihnen Politik gemacht wird“ (S. 116, 117).

Während also zunächst die Dekonstruktion heteronormativer Konzepte wie binärer Geschlechtlichkeit und der an ihr orientierten Gegenüberstellung von Homo- und Heterosexualität im Zentrum standen, rückte mit der zweiten Strömung auch „die staatliche Lenkung der Sexualität und Reproduktion (auch von heterosexuell lebenden) Schwarzen, die Wohn- und Arbeitsbedingungen von Migrant*innen oder die Polizeigewalt gegen queere jugendliche of Color“ (S. 19) in den Fokus. Da sie sich im gegenseitigen Bezug weiterentwickelt haben, sind die beiden Strömungen, wie Laufenberg herausarbeitet, zwar als different, aber nicht als einander entgegengesetzt zu verstehen. Ich teile seine Einschätzung, dass die zweite Variante vor allem im anglophonen Raum mittlerweile die verbreitetere Theorieströmung darstellt. Das sollte jedoch nicht mit einem quasi-evolutionären Ablösungsverhältnis gleichgesetzt werden, denn dies würde einer Totalisierung Vorschub leisten, gegen die Laufenberg in seiner Einführung argumentiert.

Durch die Integration von ökonomischer und von Queer-of-Color-Kritik wird Queer Theory, so Laufenberg, zu einer „kritischen Theorie“ unserer Zeit (S. 20). Es sind vor allem zwei Aspekte, die es dem Autor ermöglichen, Queer Theory als kritische Theorie zu verstehen: „eine Parteiname für emanzipatorische Kämpfe und die Annahme, dass Fragen der Sexualität, des Geschlechts und des Begehrens – und ‚queer‘ als Teil davon – nicht isoliert behandelt werden können […]“ (S. 21). Obwohl vor mittlerweile mehr als 30 Jahren entstanden, sieht Laufenberg queere Theorien noch lange nicht an ihr Ende gekommen, denn das in queer enthaltene Versprechen einer radikalen „Umgestaltung unserer Gesellschaft, die darauf abzielt, queeres Leben in all seinen Erscheinungsformen aktiv zu befördern und auszuweiten, steht noch immer aus“ (S. 11).

Ganz im Sinne der aktuellen Entwicklungen verortet der Autor queer und die LGBTIQ-Bewegung als intersektionales Projekt, als ein Projekt also, das von seinem Beginn mit den Stonewall-Riots an das Zusammenwirken verschiedener Unterdrückungskategorien adressiert hat. Als „Stonewall-Riots“ werden eine Reihe von spontanen Protesten der LGBTIQ-Community bezeichnet, die ausgehend vom Szenelokal Stonewall Inn in der Christopher Street in Greenwich Village (Lower Manhattan) am 28. Juni 1969 begannen und mittels derer sich die Community erstmals gegen brutale Polizeirazzien auflehnte. Zum Gedenken an dieses Ereignis fand am 28. Juni 1970 in Chicago, Los Angeles, New York und San Francisco der sogenannte Christopher Street Day mit den ersten „Gay Pride Parades“ statt. Dass das Stonewall Inn ein Ort war, an dem sich vor allem Unterprivilegierte trafen, ist, wie Laufenberg hervorhebt, Ausdruck davon, dass der Kampf um die Gleichberechtigung von LGBTIQs auch im Kontext von Klassenfragen und der Unterdrückung durch Rassialisierung – und daher intersektional – verstanden werden muss.

Die spätmoderne LGBTIQ-Bewegung wurzelt also „in zivilem Ungehorsam […], der sich nicht etwa eindimensional gegen sexuelle Repression, sondern gegen ein ganzes System der Unfreiheit, der Unterdrückung und der Prekarität richtete, das durch staatliche Gewalt aufrechterhalten wurde. Theorie und Praxis der queeren Befreiung entwickelten sich Hand in Hand mit politischen und sozialen Kämpfen für veränderte gesellschaftliche Beziehungen, in denen Sexualität und Geschlecht frei ausgedrückt, gelebt und genossen werden können sollen“ (S. 245).

Wie Laufenberg beschreibt, haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse – und mit ihnen Sexualmoral, Geschlechter- und Arbeitsverhältnisse – seit Stonewall zwar verändert, doch „die Überzeugung des queeren Liberationismus nach Stonewall, die transgressiven Begierden der Perversen und Genderqueers ließen sich nicht durch das Kapital absorbieren, hat sich nicht bewahrheitet“ (S. 246). Laufenberg stellt daher am Ende des Buches die berechtige Frage: „Was heißt queere Befreiung heute?“ (ebd.). Mit Antonio Gramscis Begriff des Interregnums beschreibt er die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation als eine, die maßgeblich durch ideologische Widersprüche gekennzeichnet ist (S. 247). Hier weist die facetten- und kenntnisreiche Einführung über die Grenzen des Genres hinaus. Der Autor beschreibt das Interregnum als „eine Phase unausbalancierter Hegemonie, in der sich verschiedene gesellschaftliche Kräfte gegenseitig blockieren, so dass der Weg für einen neuen Konsens versperrt ist“ (ebd.). Als Theorie des Interregnums versteht Laufenberg die Queer Theory folglich im doppelten Sinne: Einerseits findet sie in diesem Zwischenzustand ihre Ermöglichungsbedingung, andererseits hat sie „die Dialektik von Freiheitszugewinn und neuen herrschaftsförmigen Einhegungen“ (ebd.) immer schon zum Gegenstand gehabt. Und diese Einhegungen gilt es, das möchte ich anfügen, auch in queeren Theorien und Praxen immer wieder aufzuspüren und zu dekonstruieren, damit queere Theorien ganz im Sinne Sedgwicks tatsächlich eine „unauslöschliche“, beunruhigende Bewegung bleiben können. In diesem Sinne scheint es mir bedeutsam, am Ende dieser Buchbesprechung noch einmal jene poststrukturalistischen Ansätze stark zu machen, denen es insbesondere um die permanente Subversion und Dekonstruktion – auch von sich selbst – geht, um sich offen und damit in Bewegung zu halten, die, so mein Eindruck, für Laufenberg im Zuge neuerer Entwicklungen tendenziell an Bedeutung verloren haben. Beide Entwicklungslinien queerer Theorien – die poststrukturalistische wie die intersektionale – scheinen mir in einem sich gegenseitig befruchtenden Dialog für den Fortbestand und die Weiterentwicklung queerer Theorien und Praxen bedeutsam.

Alles in allem stellt Mike Laufenbergs Buch eine inhaltlich dichte, von der Darstellung her umfangreiche Einführung dar, die ich allen ans Herz legen möchte, die sich für einen akademischen Überblick über queere Theorien, deren Entstehungsgeschichte, Grundkonzepte und Entwicklungslinien interessieren.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gender Politik Politische Ökonomie Queer Rassismus / Diskriminierung Soziale Ungleichheit

Esther Hutfless

Dr. Esther Hutfless, geboren 1980, ist Philosoph*in und Psychoanalytiker*in in Wien. Zu Hutfless’ Lehr-, Publikations- und Forschungsthemen gehören Queer-Theorie und Psychoanalyse, psychoanalytische Gesellschaftstheorien, Poststrukturalismus und Dekonstruktion, Trauma, nicht-normative Ansätze in der Psychoanalyse und die Wirkung sozialer Machtverhältnisse auf psychische Strukturen. 2017 ist der gemeinsam mit Barbara Zach herausgegebene Sammelband „Queering Psychoanalysis. Psychoanalyse und Queer Theory – Transdisziplinäre Verschränkungen“ im Wiener Zaglossus-Verlag erschienen.

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