Claus Leggewie | Rezension |

Eine überfällige Adjustierung der Debatte

Rezension zu „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit?“ von Martin Seeliger und Sebastian Sevignani (Hg.)

Abbildung Buchcover Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit? von Seeliger/Sevignani

Martin Seeliger / Sebastian Sevignani (Hg.):
Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit?
Sonderband Leviathan Nr. 37, Jg. 49 (2021)
Deutschland
Baden-Baden 2021: Nomos
498 S., 99,00 EUR
ISBN 978-3-8487-7171-4

Vor zwanzig Jahren konnte man in der Digitalisierung Anstöße für eine inklusive Kommunikation und zur Erweiterung der Öffentlichkeit erblicken, auch einen Schub für die Demokratie. Libertäre Enthusiasten machten sich daran, der Menschheit eine nunmehr multidirektionale und transnationale Plattform zu verschaffen, mit der man Machthaber, Gatekeeper und Zensoren umgehen und deliberative Demokratie ausprobieren konnte. Schon damals warnten Zeitdiagnostiker vor dem Umkippen der sogenannten E-democracy in elektronischen Populismus – ihre Bedenken erwiesen sich als berechtigt.

Der „gut informierte Bürger“ (Alfred Schütz)[1] ist an die Ränder und Nischen des Netzes verbannt, durchgesetzt haben sich der Facebook-/Meta-Konzern und der (nicht nur) chinesische Überwachungskapitalismus, weltweit dominiert ein konspirativer Politikstil. Dabei herrscht Verwirrung, was „digital“ sein soll – abgesehen von Smartphone-Apps, Flugtaxis und schnellem Internet. Ein Megatrend wohl, aber einer, der dem anderen Megatrend – der Klimawende und einer nachhaltigen Entwicklung – nicht nur ob des immensen Energieverbrauchs digitaler Medien diametral entgegensteht.

Digitalisierung verkam zum buzzword für techno-kulturelle Hypes und eine an den Finanzkapitalismus in seiner rohesten Form angehängte Dynamik, die das Hippietum der Garagenfirmen in die Machtmonopole der big four pervertierte. In diesem Milieu erblühten Allmachtsfantasien der next big idea, namentlich der Künstlichen Intelligenz (AI), die als ähnlich alternativlos und unausweichlich präsentiert wird. Es könnte übrigens sein, dass eine posthuman fortentwickelte Intelligenz als Nebenprodukt des Anthropozäns evolutionär wie nebenbei die anthropozentrischen Restillusionen im Klima- und Artenschutz abservieren wird. Gaia-Theoretiker wie James Lovelock und viele AI-Begeisterte halten eine emergente und dem menschlichen Gehirn überlegene Interaktion künstlicher Intelligenzen für möglich, die eine Vier-bis-fünf-Grad-plus-Welt schultern können.

Diagnostiziert wird seit Längerem ein erneuter Strukturwandel der Öffentlichkeit. Das war der Titel des meistzitierten Buches von Jürgen Habermas, der zu Beginn der Internet-Ära eine erste Revision unternahm[2] und für eine zweite hier das letzte Wort bekommen hat. Im Sonderheft der Zeitschrift Leviathan bearbeiten 26 Autoren die sozialökonomischen Megatrends Kommodifizierung, Globalisierung, Differenzierung und Digitalisierung, und man darf die Herausgeber – den am Institut Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen tätigen Martin Seeliger und den an der Universität Jena lehrenden Sebastian Sevignani – beglückwünschen für diese überfällige Adjustierung der Debatte, die die digitale Öffentlichkeit, den transnationalen Plattformkapitalismus und eine monadische Sozialität gesellschaftstheoretisch fasst.[3]

Bei Habermas ist die „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“ der Ort der Verständigungsprozesse der Gesellschaft über sich selbst und ein Modus kollektiven Lernens, in dem sich Privatinteressen einer vernünftigen Diskussion aussetzen und sozusagen gesellschaftsfähig werden.

Was war (und ist) Öffentlichkeit, in welchem Verhältnis steht sie zur Demokratie? Bei Habermas ist die „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“ der Ort der Verständigungsprozesse der Gesellschaft über sich selbst und ein Modus kollektiven Lernens, in dem sich Privatinteressen einer vernünftigen Diskussion aussetzen und sozusagen gesellschaftsfähig werden. Dafür müssen Transparenz herrschen und Zugänglichkeit bestehen, einvernehmliche Validierungskriterien für Argumente vorliegen und Spielregeln beachtet werden.

Der von Habermas in seiner Habilitationsschrift von 1962 herausgearbeitete Strukturwandel zeigte sich beim Zerfall der bürgerlichen Öffentlichkeit im Oligopolkapitalismus, vorangetrieben durch vermachtete PR-Massenmedien in einer gelenkten Demokratie. Die Beiträge des Bandes lassen nun einen „dritten“ Strukturwandel erkennen. Der datenhungrige Plattformkapitalismus paart sich mit der „Singularisierung des Sozialen“ (Andreas Reckwitz). Bestand einmal die Hoffnung, die digitale Konstellation der Many-to-Many-Kommunikation in dezentralen Netzwerken werde erweiterte Öffentlichkeit(en) hervorbringen und die kollektive Handlungskoordination grenzüberschreitend verbessern, bewirkte vor allem die Proliferation des Web 2.0 mit fälschlich als „sozial“ etikettierten Medien eher eine Verengung, Homogenisierung und Ideologisierung in tribalen, ganz selbstbezogenen Teilöffentlichkeiten. Das zeigen der Beitrag von Philipp Staab und Thorsten Thiel über „Privatisierung ohne Privatismus“, die das Allerintimste publik stellt, ebenso wie Felix Maschewskis und Anna-Verena Nosthoffs Aufsatz zum „Plattformökonomischen Infrastrukturwandel der Öffentlichkeit“, für den die Machenschaften von Facebook und Cambridge Analytica stehen, oder Otfried Jarren und Renate Fischer, die den „Relevanzverlust des Journalismus als demokratische Herausforderung“ begreifen. Gatekeeper wie herkömmlich die Redaktionen der Massenpresse sind abgelöst worden durch Algorithmen, mit deren Hilfe Plattformunternehmen Daten sammeln und, wichtiger: diese zur Verhaltenssteuerung auswerten. Das microtargeting (auch zur politischen Werbung und Manipulation) korreliert mit einer narzisstischen Selbstbespiegelung von Individuen, die sich eher flüchtig und unverbindlich in Echokammern Gleichgesinnter sammeln.

Was wir wissen, wissen wir über ‚die Medien‘, doch die Plattformen fungieren gar nicht mehr als solche, nämlich vermittelnd. Sie forcieren nur je eigene, oft idiosynkratrische Positionen, die unilateral Anerkennung verlangen, anstatt wechselseitige Verständigung anzustreben.

Während Öffentlichkeit idealerweise dazu angetan ist, diskrepante Erfahrungen und Wahrnehmungen zu teilen und plurale Gesellschaften zu integrieren, bilden sich faktisch antagonistische Cybergettos. Was wir wissen, wissen wir über ‚die Medien‘, doch die Plattformen fungieren gar nicht mehr als solche, nämlich vermittelnd. Sie forcieren nur je eigene, oft idiosynkratrische Positionen, die unilateral Anerkennung verlangen, anstatt wechselseitige Verständigung anzustreben.

Identitätspolitik, an sich eine legitime Betonung von bis dato unterdrückten und unsagbaren Selbstdefinitionen, endet in Autoaffirmation, und die von Subalternen betriebene Erweiterung der Öffentlichkeit beschränkt sich auf Sternstunden, in denen es Protestbewegungen wie dem arabischen Frühling, BlackLivesMatter und #meToo gelingt, zahlreiche Menschen zu mobilisieren. Das aber tun auch Alt-Right und Querdenker, die den kommunikativen Austausch durch Trolle, gezielte Desinformation und social bots stören und damit das Potenzial haben, Demokratie zu unterminieren. Wie Claudia Ritzi mit einer passenden planetaren Metapher unterstreicht, fehlen „Librationspunkte“, die das Öffentlichkeits-Multiversum so ausbalancieren, wie sich im astrophysikalischen Universum massereiche und -arme Kräfte ausgleichen. Ohne zivile Kommunikation setzt das Internet die Tyrannei der Mehrheit frei und hat der politische Nihilismus freie Bahn.

Den souveränen Schlusspunkt des Bandes setzt der 92-jährige Initiator dieser Debatte selbst. Jürgen Habermas beharrt auf dem „idealisierenden Überschuss“ des Konzepts „Öffentlichkeit“, ohne die in Gesellschaften, die über keine gemeinsame Religion oder Weltanschauung verfügen, kein (stets provisorischer) Konsens zustande kommt und ohne die es keine intersubjektiv geteilte Welt mehr gibt. Der Altmeister ist ganz auf der Höhe der Debatte und blamiert die Rede von „alten weißen Männern“ – auch digital natives sollten den Text respektvoll studieren. Sorgen macht Habermas vor allem der Niedergang des professionellen Journalismus, dessen Akteure heute als „Torsteher“ diskreditiert werden, obwohl allein sie den inklusiven Charakter der öffentlichen Meinungsbildung garantieren können. Was das Ausstreuen von Fake News bei gleichzeitiger Denunziation der ‚Lügenpresse‘ für die Demokratie bedeutet, lässt sich am US-amerikanischen Beispiel und an zahllosen weiteren Fällen demokratischer Regression studieren. Es ist eine bittere Ironie, wie relativ gut die 1962 kritisierten Massenmedien im Rückblick dastehen. Wenn kommunikative Inhalte nicht „in der Währung kritisierbarer Geltungsansprüche ausgetauscht“ (S. 497) werden können, sind Fake News gar nicht mehr zu erkennen.

Der Band enthält auch selbstreflexive Plädoyers für öffentliche Sozialwissenschaften in transnationaler Perspektive, die Öffentlichkeit selbst erproben sollen – in Gestalt der Universitätsorganisation und der publikumsfreundlichen Aufbereitung ihrer Ergebnisse. Für Georg Krücken bleiben die Universitäten trotz ihrer strategisch-zweckrationalen Ausrichtung der beste Ort für gesellschaftliche Verständigung; Wissenschaft – per se diskursiv, unsicher, ergebnis- und interpretationsoffen – biete die Matrix einer erneuerten Öffentlichkeit. Silke von Dycks Einwände gegen das gängige Motto „Follow the science!“ sind nachvollziehbar, aber sie setzt eine problematische Pointe gegen jede Art von Tatsachenwahrheiten: (Deren)

„Imperative sind immer Verdichtungen von Kräfteverhältnissen, auch wenn man sie in Grad Celsius messen kann. Egal wie hoch der Temperaturanstieg ausfällt, egal wie viele Inseln im Meer versinken, es ist eine Frage der bestreitbaren politischen Priorität, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse aussehen werden, die aus dieser sozialökologischen Konstellation erwachsen.“ (S. 86)

Zur ökologischen Wende und diesbezüglichen Experimenten mit deliberativen und konsultativen Formaten, die gesellschaftliche Verständigung einüben, enthält der Band kaum weiterführende Hinweise. Die in Deutschland und Frankreich aufgesetzten Bürgerräte zur Klimawende und thematisch andere Experimente in Kanada und Irland sind Anwendungsbeispiele erweiterter Öffentlichkeit und ihrer digitalen Komponenten.[4]

  1. Claus Leggewie, Netizens oder: Der gut informierte Bürger heute, in: Transit. Europäische Revue 13 (1997), S. 3–25. 2000 wurde das inter- und transdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) an der Universität Gießen ins Leben gerufen. Vgl. dazu Christoph Bieber / Claus Leggewie (Hg.), Interaktivität. Ein transdisziplinärer Schlüsselbegriff, Frankfurt am Main / New York 2004.
  2. In Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, mit einem Vorw. zur Neuausg., Frankfurt am Main 1990.
  3. Siehe auch die Publikationen der WZB-Arbeitsgruppe „Politik der Digitalisierung“ [4.11.2021].
  4. Dazu Cristina Lafont, Unverkürzte Demokratie. Eine Theorie deliberativer Bürgerbeteiligung, übers. von Michael Adrian und Bettina Engels, Berlin 2021; sowie meine Besprechung, Die neue Deliberative, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.9.2021.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Digitalisierung Kommunikation Medien Öffentlichkeit Sozialer Wandel

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Claus Leggewie

Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen und leitet das dortige „Panel on Planetary Thinking“. Von 2007 bis 2017 war er Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

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