Birgit Stammberger | Rezension |

Entkörperte Vernunft

Rezension zu „Körperpolitiken und Demokratie. Eine Geschichte medizinischer Wissensregime“ von Gundula Ludwig

Abbildung Buchcover Körperpolitiken und Demokratie von Ludwig

Gundula Ludwig:
Körperpolitiken und Demokratie. Eine Geschichte medizinischer Wissensregime
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2023: Campus
472 S., 35,00 EUR
ISBN 978-3-593-51810-7

Um es gleich vorab zu sagen, Gundula Ludwigs Buch ist keine Wissensgeschichte der Medizin, sondern eine demokratietheoretische Körpergeschichte anhand medizinischer Wissensordnungen. Ausgehend von den gegenwärtigen „Aporien der liberalen Demokratie“ (S. 16) entfaltet Körperpolitiken und Demokratie eine kritische Perspektive auf die körpertheoretischen Bedingtheiten moderner politischer Ordnungen. Anders gesagt: Für die Politikwissenschaftlerin Gundula Ludwig sind Körper und Körperpolitiken aufs Engste mit der Herausbildung und Verfestigung der hegemonialen Paradigmen liberaler Demokratien verknüpft. Politik, so Ludwigs Ausgangshypothese, wird immer schon „mit und durch Körper gemacht“ (S. 22). Eine politische Theorie muss deshalb erstens die „Bedeutung von Körpern für die moderne Konstruktion des politischen Gemeinwesens“ (S. 24) sichtbar machen und zweitens „die Bedeutung von Körperpolitiken für die Konstruktion des politischen Subjektes freilegen“ (S. 25). Damit verweist Ludwig auf ein gewichtiges Desiderat: Die vielschichtige Bedeutung von Körpern sei bisher nur unzureichend Gegenstand politischer Theorie, denn Körpern würden als „naturgegebene Entität“ angesehen (S. 23). 

Medizin als biopolitische Schlüsselwissenschaft

In einem Analysezeitraum von 1848 bis 1933 widmet sich der Band den Verwissenschaftlichungs- und Professionalisierungsbewegungen einer naturwissenschaftlichen Medizin, um deren einschneidende Transformationsprozesse in ihren Verbindungen zu Körperpolitiken rekonstruieren zu können. Mit ihrer Verwissenschaftlichung etablierte sich die Medizin als eine „biopolitische Schlüsselwissenschaft“ (S. 39). Ludwig weist ihr eine zentrale Rolle für implizite Regierungstechniken auf der Ebene jener alltäglichen körperpolitischen Mikropraktiken zu, die moderne Fremd- und Selbstverhältnisse wesentlich prägen.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Der erste Abschnitt rekonstruiert die medizinischen Wissensregime zwischen 1848 und 1933, im zweiten Teil führt die Autorin diese Entwicklungen aus einer radikaldemokratischen Perspektive weiter. Zunächst (Kapitel I und II) zeigt Ludwig, wie mit der Etablierung der Medizin als Naturwissenschaft und der damit einhergehenden Veränderung des wissenschaftlichen Denkens von Krankheit und Gesundheit der „Grundstein für ein Modell von Demokratie“ (S. 101) gelegt wurde. Vor dem Hintergrund der 1848er-Revolution schrieb man der Medizin spätestens seit den 1860er-Jahren eine Expertise für gesamtgesellschaftliche Aufgaben zu. Auf Grundlage eines Materialkorpus, bestehend aus öffentlichen Reden und Zeitschriftenartikeln, analysiert Ludwig sehr ausführlich die politischen Umbrüche im Kontext der Herausbildung einer naturwissenschaftlichen Medizin. Sie stellt unter anderem Rudolf Virchow, den Begründer der Zellularpathologie, der stets an den unermüdlichen Fortschritt seiner Profession glaubte, als paradigmatische Figur vor, die maßgeblich dazu beitrug, Medizin und liberale Demokratie zu verkoppeln. Ganz wesentlich sei dabei, so macht Ludwig deutlich, die Herausbildung eines neuen, nämlich wissenschaftlichen Denkstils, der „vom Anspruch auf Objektivität, Wahrheit und dem Ausschluss jedweder subjektiver Annahmen“ getragen war (S. 77). Ludwig zeigt ein Paradox der modernen Medizin auf: Das medizinische Körperwissen beruht auf „vorwissenschaftlichen andro- und eurozentristischen“ Prämissen, die im Diskurs um Wissenschaftlichkeit aber freilich „unartikuliert“ bleiben (S.77). 

Außerdem geht es um die Verbindungslinien zwischen Medizin und Demokratie, die sich vor allem in hygienischen und sozialhygienischen Diskursen zeigen (Kapitel III und IV). Anhand fachwissenschaftlicher Publikationen, wie beispielsweise der Deutschen Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege, und sozialhygienischer Maßnahmen, etwa der „Städtehygiene“ (S. 187), skizziert Ludwig, wie Gesundheit als „wissenschaftliche[r] Wert“ (S. 171) ihre politische Kraft entfalten konnte (S. 159). Als „Willen zur Gesundheit popularisiert“ etablierten sich zahlreiche Körperpraktiken, die „in die Lebensweisen der Menschen“ (S. 159) integriert wurden. Die Wirksamkeit des spezifischen Beziehungsgefüges von Demokratie, Wissen und Körperpraktiken (Kapitel V) beruhte auf der „Integration liberaler demokratischer Grundwerte wie Selbsttätigkeit und Freiheit“ (S. 342). Überzeugend legt Ludwig dar, wie die sozialhygienischen Diskurse zur gouvernementalen Regierungstechnik avancierten und demokratische Subjektivierung als „frei, selbsttätig, verantwortlich und rational“ (S. 353) festschrieben. 

Ein neuer Sinnhorizont des Politischen

Im Kapitel „Phantasmatische Episteme“ geht die Autorin der Frage nach, was es bedeutet, den „Körper als ‚Eigentum‘ zu definieren“ (S. 367): Das naturwissenschaftlich-medizinische Wahrheitsregime eines Körpers als Besitz imaginiert Körperlichkeit jenseits eines interkorporalen sozialen Gefüges und entzieht damit dem Politischen eine wesentliche Dimension. Im letzten Abschnitt macht die Autorin – unter Rückgriff auf ausgewählte Ansätze der radikalen Demokratietheorie – einen Vorschlag für eine körpertheoretische Politik, die jenseits identitärer Setzungen die Relationalität als grundlegende Prämisse von Demokratie und Gemeinschaft versteht. Im Anschluss an Judith Butler, Jacques Rancière und Isabell Lorey eröffnet Ludwig mit ihrem Verständnis des Körpers einen „neuen ‚Sinnhorizont des Politischen‘“ (S. 417). Entgegen einer Politik, die den Körper als eine vorpolitische Gegebenheit begreift, denkt sie politische Verhältnisse vom Körper her (S. 387) und plädiert damit für eine Konzeption des Politischen, die „von den Körpern ausgehend neue Formen der Gemeinschaft, Subjektivität und des Politischen entwirft“ (S. 417).

Bezogen auf die Gegenwart konstatiert die Autorin, was vielleicht schon zu einer schmerzvollen Gewissheit geworden ist: Auch die „liberale, repräsentative Demokratie“ ist „keine Bastion gegen Krisen“ (S 15). Letztere sind strukturell bedingt, sie gehen mit bestimmten Konstruktionsweisen des Politischen, der politischen Gemeinschaft und des politischen Subjekts einher, wie Ludwig an der Corona-Krise oder der Sorgekrise exemplarisch verdeutlicht. Im Anschluss daran verweist sie auf eine theoretische Unzulänglichkeit liberaler politischer Theorien. Ihnen fehle ein Instrumentarium, um die aktuellen krisenhaften Bedingtheiten zu analysieren, die politische Theorie sei angesichts multipler Krisen derzeit „auffällig schweigsam“ (S. 17). Eine politische Theorie, die „primär über ideale Bedingungen“ nachdenke, lasse „gesellschaftliche Macht-, Herrschafts- und Ungleichverhältnisse“ (ebd.) als etwas den Theoriebildungen Vorgelagertes und Unbearbeitetes außen vor.

Ziel der Studie ist es, das hegemoniale Paradigma zu rekonstruieren, mit dem in liberal-demokratischen Konzeptionen die Politik vom Körper getrennt wird – Ludwig spricht von entkörperter Vernunft. Darin erkennt sie einen spezifischen Zugriff auf den Körper. Sie formuliert ein theoretisches Verständnis von Demokratie, das weder auf einen „Prozess der Parlamentarisierung“ (S. 353) reduziert noch auf eine Staats- und Regierungsform verengt werden kann, es muss von und durch Subjekte in deren Mikropraktiken gelebt werden. Die historisch spezifische Ausgestaltung von Demokratie ist – so Gundula Ludwigs Anspruch und Ansinnen – mittels der Praktiken zu untersuchen (S. 38), in denen sich die (verkörperten) Subjekte des Demos konstituieren. 

Politik als Biopolitik

Warum aber braucht eine körpertheoretisch fundierte politische Theorie zugleich eine Analyse medizinischer Wissensregime? Hier kommt eine weitere Prämisse ins Spiel, die den Band anleitet: „Politik ist immer auch Biopolitik“ (S. 18) und die Medizin hat sich im 19. Jahrhundert als eine „biopolitische Schlüsselwissenschaft“ (S. 39) par excellence etabliert, schreibt Ludwig. Darum sei eine Perspektive erforderlich, die weit über den Gegenstandsbereich der Medizin hinausgehe und „das Zusammenwirkungen von Medizin und Biopolitik“ (S. 41) in jeweils historisch spezifischen Konstellationen untersuche. Hiermit schließt die Autorin an wissenschaftstheoretische Zugangsweisen an: Wissenschaftliche Erkenntnisproduktion werde weder nur von wissenschaftsimmanenten noch bloß von externen Faktoren bestimmt, sondern sei, so konstatiert sie im Anschluss an Ludwig Fleck, in ihrer Verwobenheit mit dem Politischen freizulegen. Das heißt, sie versteht wissenschaftliche Wissensproduktion dezidiert als soziale und politische Praxis, woraus sich die Notwendigkeit ergibt, die Genese und Genealogien wissenschaftlicher Erkenntnisse beständig zu be- und hinterfragen. Wenn Leben und Körper keine vorpolitischen Gegebenheiten sind, können sie auch nicht als etwas der Erkenntnis Vorrangiges gedacht werden. Körper konstituieren sich mit der Herausbildung spezifischer Wissenspraktiken, umgekehrt ist der Einsatz von wissenschaftlichem Wissen ist immer schon mit vielfältigen Körperpraktiken und Formen der Subjektivierung verknüpft. 

Und genau hier setzt der Band an, indem er herausarbeitet, wie „Medizin, Körperpolitik und die Genealogie der liberalen Demokratie in Deutschland miteinander verflochten“ (S. 52) sind. Es geht darum, die vorherrschenden Logiken und politischen Rationalitäten medizinischer Wissenspraktiken zu rekonstruieren. Ludwig vermeidet apodiktische Aussagen und bemüht sich um eine sorgfältige Analyse, die sich in kritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Situiertheit vollzieht. Sie fragt nach den Beschränkungen und Ausschlüssen liberaler Demokratien und erarbeitet eine körpertheoretische Konzeption des Politischen, die Offenheit und Kontingenz als fundamentale Grundlagen von Demokratie Rechnung trägt. 

Das Buch verdeutlicht, wie eng verwoben Demokratisierungsprozesse und epistemische Praktiken des Körpers sind, die wiederum von heteronormativen, rassistischen und androzentristischen Annahmen geprägt sind. Ob sich auf Grundlage dessen Räume für emanzipatorische Bewegungen und Anliegen eröffnen, bleibt eine zu klärende Frage. So liegen mittlerweile zahlreiche Ansätze vor, wie Sorge- und Versorgungsstrukturen partizipativ und inklusiv ausgestaltet werden können – von transdisziplinären Konzepten einer trans-care-Medizin bis zu genderkritischen und antirassistischen Perspektiven. Körperpolitik und Demokratie macht einmal mehr deutlich, dass vergeschlechtliche und rassifizierende Logiken in gesellschaftlichen Strukturen vorherrschen. Somit verhandelt der Band die fundamentale und aktuelle Frage, wie Wissensregime die Bedingungen strukturieren, unter denen wir als Menschen ein Leben führen (können). Das sind Überlegungen, die jenseits routinemäßig eingespielter Wissensformen disziplinüberschreitende Denkbewegungen erfordern und uns somit auch die eigenen Selbstverständlichkeiten hinterfragen lassen. Und genau dafür lohnt die Lektüre des vorliegenden Buches.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Demokratie Gesundheit / Medizin Körper Politik Wissenschaft

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Birgit Stammberger

Birgit Stammberger, Dr. phil., ist Kulturwissenschaftlerin und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsgeschichte (IMGWF) an der Universität zu Lübeck tätig. Seit 2015 koordiniert sie das Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck (ZKFL). Zu ihren Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten gehören Feministische Wissenschaftskritik, Geschichte der Psychoanalyse ("Der Zwei-Kulturen-Freud") sowie Geschlechterwissen in der Medizin.

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