„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung

Oliver Römer im Gespräch mit Wolfgang Eßbach

Oliver Römer (OR): Hans Paul Bahrdt, der in diesem Jahr am 3. Dezember hundert Jahre alt geworden wäre, war ein öffentlicher Soziologe par excellence. Sein Wirkungskreis beschränkte sich nicht nur auf die engere Fachöffentlichkeit, sondern reichte weit darüber hinaus. Neben wichtigen industrie-[1] und stadtsoziologischen[2] Arbeiten, für die er als Autor verantwortlich zeichnete, konzipierte er Mitte der 1960er-Jahre außerdem eine soziologische Sendereihe für das Fernsehen,[3] und war einer der maßgeblichen Impulsgeber für die Gründung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) in Göttingen. Als Sie, lieber Herr Eßbach, zum Studium nach Göttingen kamen, befand sich Bahrdt auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und Bekanntheit. Aus Schilderungen von heutigen Studierenden der Soziologie weiß man, dass sie ProfessorInnen mit vergleichbarer öffentlicher Reputation und Breitenwirkung jenseits der großen Vorlesungen kaum noch zu Gesicht bekommen. Wie haben Sie als Student im unteren Semester den Professor und akademischen Lehrer Bahrdt wahrgenommen? War Bahrdt für seine Studierenden ein wirklicher Gesprächspartner oder wurde er durch einen ganzen Verwaltungsstab an Assistenten gegenüber dem Lehrbetrieb abgeschirmt?

 

Wolfgang Eßbach (WE): Was Bahrdts Rolle als öffentlicher Soziologe angeht, so profitierte er davon, dass im Unterschied zur heutigen Situation die Sozialwissenschaften und das Fach Soziologie in den 1960er-Jahren im Aufwind waren. Soziologie galt – zumal in den Prägungen, die aus den USA kamen – als das ideale Fach zur Einübung in die Demokratie. Soziologie war gewissermaßen schick und modern. Besonders attraktiv erschien vielen die Generalthese, dass die Übel dieser Welt nicht darauf zurückzuführen sind, dass es unfähige, feige, faule oder bösartige Menschen gibt, sondern gesellschaftliche Ursachen haben. In gewisser Weise konnte man sich durch den Rekurs auf gesellschaftliche Ursachen ein wenig von der eigenen Verantwortung entlasten. Kurz: Es gab damals eine enorme Nachfrage nach den gesellschaftlichen Ursachen für dieses oder jenes und Bahrdt hat diese Nachfrage und den daraus resultierenden Aufwind der Soziologie gut genutzt.

Persönlich habe ich Bahrdt als einen ausgesprochen geduldigen und zugewandten Professor wahrgenommen – und zwar nicht nur, wenn es darum ging, zu verstehen, was in sozialen Prozessen vor sich geht, sondern auch, wenn er auf studentische Wortmeldungen reagierte. Er fragte dann stets nach: Meinen Sie das so oder so? Die Art seiner Lehre war zutiefst dialogisch orientiert. Er griff mögliche Einwände auf, liebte es zu argumentieren und das Für und Wider abzuwägen. Für Thesen, die in den Raum gestellt wurden, verlangte er ein anschauliches Beispiel. Und, was ebenfalls nicht zu unterschätzen ist: Bahrdt verfügte über die vis comica, die Tugend des Humors. Zu den Höhepunkten in jedem Semester gehörte immer der Dienstag, weil an diesem Tag für gewöhnlich das Bahrdtsche Hauptseminar stattfand, das terminlich immer so lag, dass man anschließend den Abend zusammen in der Kneipe verbringen und bis spät in die Nacht diskutieren und Erzählungen austauschen konnte.

 

OR: Was können Sie uns über Bahrdts Verständnis von Universität und Studium sagen? Diese Frage scheint mir nicht zuletzt deshalbinteressant, weil in Göttingen das Fach Soziologie unter seiner Leitung die zu dieser Zeit an vielen anderen Universitäten vollzogene Umstellung auf das Diplom als Studienabschluss nicht mitmachte – ein Akt der Verweigerung, der in Zeiten von Bologna undenkbar scheint!

 

WE: An Diskussionen zur Reform der Universitäten hat sich Bahrdt intensiv beteiligt, in vielen Punkten durchaus im Einklang mit studentischen Forderungen. Die Universität hatte für ihn einerseits großbetriebliche Züge, andererseits war das Verhältnis von Hochschullehrern und Studenten in seinen Augen keines, das nach Art von Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen funktioniert. Die vollständige Demokratisierung der Universität in einem technischen Sinn hielt Bahrdt auch dann nicht für möglich, wenn alle, die in ihr lehren, lernen und arbeiten, echte Demokraten wären. Wo Lernerfolge überprüft werden müssen, sind hierarchische Strukturen unvermeidlich. Entschieden eingetreten ist Bahrdt jedoch für Regelungen, die mehr „Mitbestimmung“ ermöglichen sollten.

Was Fragen der Studiengangsplanung betraf, war Bahrdt eher zurückhaltend. Die Einführung der Zwischenprüfung hat er mitgetragen, aber eine Abstufung, die über die bestehende Differenzierung in Proseminare, Hauptseminare und Oberseminare hinausging, lehnte er entschieden ab. Manchmal kündigte er ein Seminar mit dem augenzwinkernden Zusatz „Für fortgeschrittene Anfänger“ an. Im Übrigen war er der Auffassung, dass es sich mit dem Studium ähnlich verhielt wie mit einem Sonnenbad: Die Studenten kommen an die Uni und legen sich unter die Sonne der Wissenschaft. Die einen erwärmen sich schnell für das Fach, bei anderen dauert es länger, bis sie von der Soziologie entflammt sind – und diejenigen, bei denen gar keine Wärmeentwicklung einsetzt, sollten etwas anderes studieren.

 

OR: Wenn wir über die Göttinger Soziologie in den 1960er-Jahren reden, dürfen wir über die Studentenbewegung und die Proteste an den westdeutschen Hochschulen natürlich nicht schweigen. Sie waren ja während dieser Zeit selbst im SDS aktiv und zudem in den Jahren 1967/68 Vorsitzender des Göttinger AStA.[4] Von Bahrdt wiederum wissen wir, dass er die Studentenbewegung in ihren Anfängen durchaus wohlwollend begleitete. Zu einem Bruch scheint es erst gekommen zu kommen, als ihm klar wurde, dass die vom SDS Anfang bis Mitte der 1960er-Jahre erhobenen Forderungen nach einer auch in seinen Augen notwendigen Reform von Universität und Studium durch die fundamentale Politisierung eines Generationenkonfliktes überformt wurden oder – wie Bahrdt selbst es formulierte – „privates Elend durch politische Aktivität“[5] ausagiert wurde. Wie stand Bahrdt Ihrer Meinung nach zur Studentenbewegung?

 

WE: Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren lautete Bahrdts spätes, überraschendes Urteil über die Studentenbewegung, dass sie eine „zutiefst unpolitische Bewegung“[6] gewesen sei. Aber in ihrem Anfangsstadium hat er die studentischen Proteste nicht nur mit distanzierter Sympathie betrachtet, sondern auch die Funktion eines politischen Mentors übernommen. Auf der großen Demonstration am 5. Juni 1967 in Göttingen, an der mehrere Tausend Studenten teilnahmen, marschierte er in der ersten Reihe, und er gehörte auch zu den Rednern auf dem Platz vor dem Rathaus. Ende Juni 1967 hielt er im Hessischen Rundfunk einen Vortrag zum Thema „Taktische Ratschläge zur Politik der Studenten“.[7] Es lohnt sich, aus diesem Text etwas ausführlicher zu zitieren. Im Stil von Clausewitz stellte Bahrdt darin drei Regeln auf:

1. Regel: „Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen.“ 2. Regel: „Der Grad der Radikalität oder Kompromißbereitschaft (…) bestimmt sich nach der Phase des politischen Prozesses. Es gibt vor allem 2 Situationen, in denen Radikalität geboten ist. Einmal wenn nach einer schweren politischen Niederlage auf lange Zeit keine Möglichkeit besteht, offensiv zu werden. Wenn nur noch zu hoffen ist, daß ein Häuflein der Aufrechten in irgendeiner Nische der Gesellschaft überwintern kann, dann ist es wichtig, nach Sektenart die ‚reine Lehre‘ zu hüten. (…) Die andere Situation, in der sich Radikalisierung empfiehlt, tritt kurz vor dem Sieg ein. Wenn der Sieg schon sicher, aber noch nicht errungen ist, muß man die Ziele entschiedener und radikaler formulieren, als man es sich vorher leisten konnte.“ Die erste Alternative dieser Regel hat sich denn auch zwei Jahre später nach der Niederlage der Studentenbewegung 1969 bewahrheitet, als die Phase der sektenartigen Verknöcherung ‚reiner Lehren‘, wie zum Beispiel in den K-Gruppen, einsetzte. Von einem nahen Sieg, der eine Radikalisierung gerechtfertigt hätte, waren wir Studenten damals immer weit entfernt.

Die 3. Regel lautete: „Eine Massenbasis findet man nur dann, wenn man wenigstens ein Thema findet, das sowohl für den Kern der opponierenden Gruppe als auch für die breite Öffentlichkeit von zentraler Wichtigkeit und glaubwürdig ist. Wer auf der Suche nach Resonanz immer wieder neue Themen aufgreift, die alle für sich einen guten Grund zur Erregung abgeben mögen, entfacht nur ein eklektisches Dauerstrohfeuer.“ Nur „wenn sich die aktuellen anstößigen Ereignisse als Erscheinungsformen eines allgemeinen Mißstandes einfach und einleuchtend interpretieren lassen, gewinnt man langfristig Vertrauen und kann vom hektischen Revoluzzertum zur kontinuierlichen politischen Strategie übergehen.“

Hier hatte Bahrdt ein Kernproblem der Protestbewegung getroffen. Wir wollen alles, dieser Titel einer Zeitschrift der 1970er-Jahre[8] brachte das unverhüllt zum Ausdruck, es sollte buchstäblich „alles“ ganz anders werden.

 

OR: Wie sah es denn ein Jahr später aus, als die Proteste ihren Höhepunkt erreichten? Wie würden Sie Bahrdts Position im Jahr 1968 beschreiben?

 

WE: Dazu lohnt es sich, Bahrdts Rezension des Bandes Rebellion der Studenten oder die Neue Opposition mit Beiträgen von Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre, Uwe Bergmann und Ernst Rabehl zu lesen. Der Band erschien kurz nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968, erreichte binnen kürzester Zeit eine Auflage von über 130.000 Exemplaren und stand für mehrere Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste.[9] Unter dem Titel „Mangel an Augenmaß“ kritisierte Bahrdt den Versuch, zwei Themen miteinander zu verbinden, von denen ein jedes für sich genommen durchaus protestwürdig sei: die Kritik an der Universität und die Kritik am Vietnamkrieg.

Dem ersten Beitrag von Bergmann konzedierte Bahrdt, dass er „zwar nicht unparteiisch, aber doch mit gewisser Distanz, einen historischen Überblick über die Berliner Ereignisse bis zum 2. Juni 1967“ gebe. Dem Leser werde vor Augen geführt, „wie gerade an der Freien Universität Berlin, einer politischen Gründung mit Reformprogramm, die inneruniversitären Konflikte exemplarische Schärfe gewinnen und sich auf eine Thematik ausweiten mußten, die die alten Ärgernisse der deutschen Universität weit überschreitet.“ Worum es bei dieser Ausweitung ging, das zeigten Bahrdt zufolge die Beiträge von Dutschke und Lefèvre. Sie deuteten die Vorgänge an den Universitäten als „Teil einer weltweiten Revolution“, die, so Bahrdt, von ihnen „mit dem Begriffsapparat der neueren marxistischen Revolutionstheorie erklärt wird.“

Bahrdt leistet in dieser Rezension zweierlei: Zum einen erläutert er den Lesern des SPIEGEL geduldig, wie die Autoren des Bandes argumentieren, und „warum so intelligente Autoren mit einem ungewöhnlich anspruchsvollen Vokabular auch verhältnismäßig harmlose Sit-ins, Asta-Erklärungen und Spaziergangdemonstrationen mit der gleichen Leidenschaft erörtern wie die Vorgänge in Vietnam, im Kongo oder in Lateinamerika.“ Zum anderen kritisiert er den Mangel an Augenmaß, nicht ohne zu bemerken, dass die Autoren „nichts dafür können, daß sie in der Bundesrepublik noch nicht in eine wirklich revolutionäre Situation geraten sind und die deshalb über eine beschränkte Erfahrung verfügen“.

Zu Lefèvres Analyse der traditionellen Strukturen der deutschen Universität schreibt Bahrdt: „Wenn auch in einer kaum zulässigen Vereinfachung, so wird hier doch der Kern des gebrochenen Verhältnisses der deutschen Universität zur Politik getroffen.“ Auch die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg werden anerkannt. Sie seien „eine deutliche Willenskundgebung, die mit zahlreichen anderen Demonstrationen in aller Welt dazu beitrug, den Amerikanern, die gern geliebt werden, vor Augen zu führen, daß auch unter ihren treuen Bundesgenossen ihre Vietnam-Politik nicht gebilligt wird. Das ist nicht viel, aber es bedeutet für die ‚Tauben‘ in den USA eine gewisse propagandistische Unterstützung.“

Es ist der Zusammenschluss der Proteste gegen den unpolitischen Elfenbeinturm der traditionellen Universität mit den Protesten gegen den Vietnamkrieg und die Einordnung in den imaginierten weltweiten revolutionären Prozess, in dem Bahrdt einen gravierenden Mangel an Augenmaß sieht.

Gebe man den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg „eine Funktion in einem revolutionären Eskalationsprozeß, der angeblich in der Bundesrepublik schon begonnen hat, dann liegt eine völlige Fehleinschätzung der politischen Situation vor.“ Bahrdt kritisiert die Art und Weise, wie „die verschiedenen Formen und Eskalationsstufen studentischer Politik als ein politischer Lernprozeß, als ein Prozeß der Bewußtwerdung und damit auch als Vorstufen oder bereits als Frühphasen einer revolutionären Bewegung gedeutet“ werden, so etwa, wenn „die Ereignisse des 2. Juni 1967 bereits als bürgerkriegsähnlich gedeutet“ werden. Und Bahrdt fragt: „Hat durch den internen Kampf in der Universität wirklich ‚Vietnam viel von seiner scheinbaren Abstraktheit‘ verloren, wie Dutschke meint?“

Welche Wege könnte die Protestbewegung nach Auffassung eines ihrer frühen politischen Mentoren nun einschlagen? Bahrdt skizziert drei Alternativen: 1. Infolge der Selbstüberschätzung, sich in einem revolutionären Prozess zu befinden, setzt man auf eine provokative Entlarvungsstrategie, die die Herrschenden zu gewaltsamen Reaktionen herausfordern soll. Schlage man diesen Weg ein, so Bahrdt, riskiere man „Blutbäder, bevor das System, das sturmreif gemacht werden soll, begonnen hat, seine Machtreserven zu mobilisieren, die natürlich sehr viel größer sind, als sie im Kuba Batistas waren.“ 2. Die studentische Opposition macht sich auf den Weg in das Getto des Sektierertums. Diese Alternative hält Bahrdt für die wahrscheinlichste. 3. Die Protestbewegung beteiligt sich an der Bildung einer neuen, breit aufgestellten Opposition, die die Verhältnisse ändert. Die Studenten könnten dabei „ohne Zweifel eine wichtige Rolle, in gewisser Hinsicht die einer Avantgarde, spielen. Immerhin haben sie gezeigt, daß außerhalb der Institutionen und etablierten Parteien bei minimalem Organisationsaufwand mit Massenaktionen zielbewußt politisch gehandelt werden kann.“ Und gegen mögliche Einwände von konservativer Seite fügt Bahrdt hinzu: „Mit ‚Vermassung‘ hat dies nichts zu tun, allerdings mit der Entstehung eines neuen plebiszitären Elements, auf das auch eine repräsentative Demokratie nicht verzichten kann. Hier haben sich die Väter des Grundgesetzes und unsere arrivierten Parteipolitiker geirrt.“ Für diesen Weg sei freilich „eine Wendung zu einer Volksfront- oder Koexistenzkonzeption“ erforderlich. Was die Autoren daran hindere, sei, der „Systemzwang ihres Spätmarxismus“.

Ich glaube, mit diesen Ausführungen ist Bahrdts Position recht gut umrissen.

 

OR: Von anderen Universitätsstandorten wie beispielsweise Berlin, Frankfurt oder auch dem „roten“ Marburg wissen wir, dass auch linke Hochschullehrer spätestens von 1968 an mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatten. Wie war die Situation am Soziologischen Seminar in Göttingen? Bahrdt, der sich selbst als Liberalen bezeichnete, schreibt einerseits, er sei damals von der Plötzlichkeit des Ausbruchs überrascht worden, andererseits charakterisiert er die Göttinger Studentenbewegung als eine Bewegung von „geringer Heftigkeit“, wenn auch in ihren Folgen „zäh und nachhaltig“.[10] Was ist dran an dieser Wahrnehmung? Wie sehr standen in Ihrer Erinnerung die Göttinger Soziologen und Bahrdt selbst im Fokus der Studentenbewegung?

 

WE: Während meiner Zeit im AStA gab es zwischen dem damaligen Göttinger Polizeichef Erwin Fritz und uns eine Absprache. Er kam nach dem Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 mit seinem Adjutanten Pages ins AStA-Büro und erklärte, dass er bei Demonstrationen die Polizei weitgehend unsichtbar für die Demonstranten in den Nebenstraßen aufstellen werde und sagte mir dann: „Wenn einer Ihrer Leute einem meiner Leute etwas antut, dann bekommen Sie es mit mir zu tun.“ An diese Abmachung hat sich Fritz gehalten, auch in schwierigen Situationen, wie zum Beispiel der Besetzung des Audimax am Weender Tor, das wegen einer anonymen Bombendrohung geräumt werden sollte. In dieser Situation hat auch Bahrdt kräftig mitgeholfen, dass die Verhandlungen zu dem Ergebnis führten: Der AStA überzeugt die Besetzer, das Gebäude zu verlassen, die Polizei sucht nach der Bombe und danach toleriert sie, dass die Besetzer wieder in das Audimax einziehen. Die Bombendrohung stellte sich als Fake heraus, im Audimax gab es über Nacht ein „Sleep-in“ und am Morgen war das Gebäude verriegelt. Der Polizeichef Fritz wurde später abgesetzt – übrigens in den Semesterferien, aus Sorge vor Sympathiekundgebungen der Studenten –, weil er sich geweigert hatte, die Polizei gegen Schüler auf dem Schulhof einzusetzen, die dort Flugblätter verteilten. „Ich setze meine Leute nicht gegen Kinder ein“, hatte er erklärt.

Bahrdt hat sich oft in Debatten eingemischt, nicht nur mündlich, sondern auch durch Stellungnahmen, die er hektographiert verbreitete, bisweilen ironisierend mit „Privat-Flugblatt“ überschrieben, manchmal auch in gebundene Rede mündend. Seine Offenheit für Diskussionen mit Mitarbeitern und Studenten hat mit dazu beigetragen, dass er sich, wie er gelegentlich zu sagen pflegte, angesichts des Aufruhrs an der Uni im Soziologischen Seminar wie im „Auge des Hurrikans“ fühle.

 

OR: Eines der zentralen Forderungen der Studentenbewegung betraf die „Demokratisierung der Hochschulen“. Alle Einrichtungen, von den Seminaren und Vorlesungen bis hin zur Verwaltung, sollten „demokratisiert“ werden, was in der Praxis nicht selten dazu führte, dass der gesamte Betrieb durch Institutsbesetzungen oder andere Maßnahmen lahmgelegt wurde. Wie gestaltete sich in dieser Zeit – auch im Vergleich zu anderen Fächern – das Verhältnis zwischen dem stets politischen Hochschullehrer Bahrdt und den politisierten Studierenden in Seminar- und Vorlesungsveranstaltungen? Wie reagierte er etwa auf Forderungen nach demokratischer Mitbestimmung in der Lehre?

 

WE: Ich kann mich nicht an Besetzungen des Soziologischen Seminars erinnern, auch nicht an Go-ins in soziologische Veranstaltungen. Da am Seminar eine deutliche Mehrheit linker Assistenten arbeitete, die Themen anboten, die den Interessen politisierter Studenten entgegenkamen, gab es inhaltlich wenig Gründe zur „Sprengung“ von Veranstaltungen. In diesem Punkt sahen sich die Professoren anderer Fächer wie etwa der Germanistik, deutlich öfter mit teilweise heftigen Konflikten konfrontiert. Die Semesterplanung erfolgte in der Seminarversammlung, an der auch Studierende der Fachschaft teilnahmen. Mit dem Ausbalancieren von Konflikt und Kooperation hatte Bahrdt selten Probleme.

 

OR: Bahrdt war alles andere als ein Marxist. Gleichwohl schenkte er in seiner Zeit dem sogenannten „Seminarmarxismus“ der „68er“ besondere Aufmerksamkeit. Sie selbst haben ja im direkten Umfeld von Bahrdt intellektuellengeschichtlich und -soziologisch über die Junghegelianer gearbeitet.[11] Was konnte man von Bahrdt über Marx und „den Marxismus“ lernen? Und was könnten Soziologinnen und Soziologen rund 50 Jahre nach „68“ – einer Zeit also, in der uns Marx weniger als Theoretiker der Revolution, sondern als ein fachlich gut integrierter und zitierfähiger „Klassiker“ der Soziologie erscheint – heute noch von Bahrdt lernen?

 

WE: Was seine politische Heimat betraf, so war Bahrdt als Student in den SDS und in die SPD eingetreten. Prägend für seine politische Wahrnehmung waren zwei Dinge: Zum einen die Erfahrung, dass die bürgerliche Elite der Elterngeneration sich als unfähig erwiesen hatte, den Vormarsch Hitlers rechtzeitig zu stoppen, und zum anderen die Überzeugung, dass es einen Sozialstaat braucht, wenn man die Demokratie in den unteren Schichten verankern will. Für ihn war das Bündnis mit der Arbeiterbewegung verlässlicher als „die unzuverlässigen bürgerlichen Kreise“, wie er sie gelegentlich nannte. Was mit Marx und der Arbeiterbewegung zusammenhing, war ihm wohlvertraut. 1954 rezensierte er die Memoiren von Henrik de Man, ein heute nur selten gelesener sozialistischer Wissenschaftler und Politiker.[12] Dass erst die Studentenbewegung Marx wiederentdeckt habe, war für Bahrdt nichts anderes als eine Legende. Sein persönliches Interesse an Marx wurde in den Seminaren des Historikers Hermann Bollnow geweckt, nicht zuletzt durch die „Pariser Manuskripte“, die nach 1945 den Blick auf einen Marx freilegten, der im Leninismus und Stalinismus pervertiert worden war. Die radikale Abspaltung des „jungen Marx“ vom „reifen Marx“ und die Dogmatisierung des Letzteren brach sich erst 1965 mit Louis Althussers Pour Marx Bahn.[13] Bahrdt kannte sich in der Geschichte des Sozialismus gut aus. An Diskussionen über mögliche Formen von Rätedemokratie hat er sich gern beteiligt, auch sympathisierte er mit plebiszitären Ergänzungen der Verfassung, aber insgesamt hielt er den Parlamentarismus für die vernünftigste Staatsform.

Für die Art und Weise von Bahrdts Interventionen in Sachen Marxismus will ich nur ein charakteristisches Beispiel anführen. In der frühen Phase des 1968 in Göttingen gegründeten Soziologischen Forschungsinstituts hatten Martin Baethge, Horst Kern und Michael Schumann ein 18-seitiges Paper verfasst und es mit Thesen zur Bestimmung von empirischer Sozialforschung im entwickelten Kapitalismus betitelt.[14] Bahrdt reagierte darauf mit „Anmerkungen zum Paper“, die nicht weniger als sieben Seiten umfassten und in denen er Punkt für Punkt – mal zustimmend mal korrigierend – Stellung bezog. So hatten die Autoren unter der Überschrift „Zur politischen Relevanz der Sozialforschung“ geschrieben: „In dieser Phase ist es dem Kapitalismus durch eine Reihe politischer Maßnahmen gelungen, die Klassenauseinandersetzungen im Innern der einzelnen kapitalistischen Gesellschaften zumindest soweit einzudämmen und zu regulieren, daß sie nicht zur Zerstörung des Systems oder auch nur zur permanenten offenen Bedrohung der Kapitalverwertung geführt haben.“

Zu dieser Aussage merkte Bahrdt an: „In einer soziologischen Formulierung kann man einen Begriff, der die Intention eines Subjekts impliziert, z.B. das Wort ‚gelingen‘, nur dann verwenden, wenn das grammatische Subjekt auch tatsächlich Subjektcharakter hat. Wer ist der Kapitalismus? Die Kapitalisten? Dies wird nicht ausgesprochen, ist wohl auch nicht so gemeint. Sollten mit dem Kapitalismus objektive Strukturen gemeint sein, die irgendwelche regelmäßigen Auswirkungen haben, worüber sich reden ließe, dann ist er aber schwerlich das Subjekt „politischer Maßnahmen“. Wer ist denn aber das Subjekt dieser Maßnahmen? Politiker, die nur Agenten des Kapitals sind?“

Und an anderer Stelle heißt es: „Es ist mir nicht klar, warum der in dem Paper bevorzugte Typ der Sozialforschung ‚materialistisch‘ genannt wird, es sei denn, das Wort meint ‚marxistisch‘. Es fragt sich aber, ob die Marxisten sich wirklich einen Gefallen getan haben, wenn sie sich den Beinamen „materialistisch‘ zulegten. Dies hat zu unendlichen Irrtümern geführt, auch bei ihnen selbst. Aus der Umkehrung des Hegelschen Idealismus entsteht etwas ganz anderes als ‚Materialismus‘ (im Sinne der philosophischen Terminologie).“

 

OR: Meine letzte Frage betrifft die Entwicklung der Soziologie nach 1968. Von Bahrdt wissen wir, dass er der zu dieser Zeit in allen Lagern verbreiteten Neigung zur „großen Theorie“ äußerst skeptisch gegenüberstand. Vielleicht können Sie etwas dazu sagen, wie Bahrdt die Entwicklungen innerhalb des Faches wahrgenommen und welche Perspektiven er für die Soziologie gesehen hat?

 

WE: Von Bahrdt habe ich gelernt, dass es in der Wissenschaft zuerst um Sachen geht. Um sie zu erforschen, braucht man Methoden, und für die Deutung und Darstellung der Resultate können Theorien hilfreich sein. Für Soziologen liegen die Themen auf der Straße, zu ihnen kommt man nicht durch gedankliche Akrobatik, sondern durch hinsehen. Methoden sind nichts weiter als Instrumente, es gibt keine einer Methode immanente Wahrheit. Theorien sind immer einäugig, weil sonst keine intellektuelle Homogenität herstellbar ist. Aber: „Die Wirklichkeit ist nicht geometrisch“, so eine von Bahrdts hilfreichen Sentenzen. Theorien- und Methodenpluralismus ist nur dann ein Gräuel, wenn man sich von den Sachen, die auf der Straße liegen, bereits verabschiedet hat und an alleinseligmachende Methoden glaubt oder daran, das Ganze des Sozialen in einer Theorie zu fassen wie in einer Weltformel.

 

OR: Lieber Herr Eßbach, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch!

 

 

Fußnoten

[1] Vgl. Heinrich Popitz / Hans Paul Bahrdt / Ernst August Jüres / Hanno Kesting, Das Gesellschaftsbild des Arbeiters. Soziologische Untersuchungen in der Hüttenindustrie, Tübingen 1957; dies., Technik und Industriearbeit. Soziologische Untersuchungen in der Hüttenindustrie, Tübingen 1957. – Die Untersuchung bot nicht nur wichtige methodologische Innovationen, sondern wurde auch in der zwischen Soziologie, Sozialdemokratie und westdeutscher Linker ausgetragenen Diskussion über die Klassenstruktur der Bundesrepublik intensiv zur Kenntnis genommen.

[2] Siehe Hans Paul Bahrdt, Die moderne Großstadt. Soziologische Überlegungen zum Städtebau, Reinbek bei Hamburg 1961. Mit dem Buch wirkte Bahrdt über die Soziologie hinaus in andere Berufsfelder wie zum Beispiel Architektur und Stadtplanung hinein.

[3] Die Serie ist dokumentiert in Hans Paul Bahrdt, Wege zur Soziologie. München 1961. Aus einer weiteren Fernsehserie entstand außerdem der gemeinsam mit Horst Kern, Martin Osterland und Michael Schumann verfasste Band Zwischen Drehbank und Computer. Industriearbeit im Wandel der Technik (Reinbek bei Hamburg 1970).

[4] Vgl. hierzu Gerald Wagner, Achtundsechzig war das Ende einer Reformphase. Wolfgang Eßbach im Gespräch.

[5] Hans Paul Bahrdt, Selbst-Darstellung. Autobiographisches, in: ders., Himmlische Planungsfehler. Essays zu Kultur und Gesellschaft, München 1996, S. 21–56, hier S. 31.

[6] Hans Paul Bahrdt, Selbst-Darstellung, S. 49.

[7] Hans Paul Bahrdt, „Taktische Ratschläge zur Politik der Studenten“, Vortrag im Hessischen Rundfunk, gesendet am 23. 7. 1967 [unveröffentlichtes Manuskript]. Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Zitate in den beiden nachfolgenden Absätzen aus diesem Vortrag.

[8] Die Zeitschrift Wir wollen alles erschien zwischen 1973 und 1975 beim Verlag Politladen Erlangen.

[9] Hans Paul Bahrdt, Mangel an Augenmaß. Über Rudi Dutschke u. a.: „Rebellion der Studenten oder die Neue Opposition“, in: DER SPIEGEL, 10.6.1968, S. 116–118. Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Zitate in den nachfolgenden Absätzen aus diesem Beitrag.

[10] Vgl. Bahrdt, Selbst-Darstellung, S. 45.

[11] Vgl. Wolfgang Eßbach, Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe, München 1988; ders., Die Bedeutung Max Stirners für die Genese des historischen Materialismus. Zur Rekonstruktion der Kontroverse zwischen Karl Marx, Friedrich Engels und Max Stirner, Göttingen 1978.

[12] Hans Paul Bahrdt, Memoiren eines europäischen Sozialisten. Besprechung von Hendrik de Man, Gegen den Strom, in: Politische Literatur, Berichte über das internationale Schrifttum zur Politik, 3. Jg., 1954, H. 5/6.

[13] Deutsche Übersetzung: Louis Althusser, Für Marx, Frankfurt am Main 1968.

[14] Martin Baethke / Horst Kern / Michael Schumann, Thesen zu Bestimmung von empirischer Sozialforschung im entwickelten Kapitalismus, ohne Jahresangabe, hektographiert.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.