Der Sockel des Eisbergs

Umrisse eines feministischen Marxismus für das 21. Jahrhundert

STREIK DER SORGEARBEIT: "Mit diesem Streik wollen wir deutlich machen, dass das Wirtschaftssystem ohne unsere tägliche Pflegearbeit zusammenbrechen würde. Eine Arbeit, die unsichtbar und entwertet ist, wenn das System durch die Aneignung der Pflege, die wir Frauen leisten, unterstützt wird, ohne unsere Bedürfnisse und lebenswichtigen Projekte zu berücksichtigen. Wir sind diejenigen, die sich ständig um unsere Familien, Partner, Mitarbeiter, Freunde, alle um uns herum kümmern. Und ohne all diese Aufgaben könnte niemand leben. Denn obwohl sie unsichtbar sind, sind sie für das Wohlergehen der Menschen und für die Nachhaltigkeit des Lebens und des Planeten unerlässlich. Wir wollen aufhören, Sorgearbeit zu leisten, aber – auf der anderen Seite – wollen wir die Sorgearbeit an sich zurückfordern, ihre Notwendigkeit, damit wir alle ihre lebenswichtige Bedeutung verstehen, damit sie zu einer sozialen, geteilten und umverteilten Verantwortung wird. Wir wollen damit aufhören, damit die Sorgearbeit nicht auf uns alleine zurückfällt. Wir schlagen vor, die täglichen Aktivitäten und Aufgaben zur Pflege der Menschen und zur Erhaltung der Lebensräume, in denen wir leben, einzustellen.“[1]

Nein, dieses Zitat entstammt nicht einem Geschichtsbuch zur Frauenbewegung der 1970er Jahren, sondern einem Aufruf, der gegenwärtig zwischen Spanien und Berlin zirkuliert und der vielleicht bald auch in der Schweiz, aus der ich selbst komme, einen Zwischenhalt einlegen wird.[2] Ich kann Sie aber beruhigen, denn ich habe nicht vor, den ehrwürdigen Rahmen einer Ringvorlesung für Politagitation zu missbrauchen, sondern werde gleich zur Philosophie zurückkehren – von der allerdings, dies nur als Zwischenbemerkung, auch Marx bekanntlich sagte, sie sei dazu da, die Welt zu verändern.

Dennoch werde ich mich im Folgenden nicht so sehr mit dem Marx der frühen Schriften, dem humanistischen Marx der Deutschen Ideologie und der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte befassen, sondern mit dem späten Marx der Kritik der Politischen Ökonomie, mit seinen Analysen also eher als mit deren befreiungstheoretischen Implikationen. Was also kann eine feministische Theoretikerin heute noch mit Marx anfangen? Und warum gerade mit seiner Politischen Ökonomie?

 

1. Feministisch mit und gegen Marx

Als feministische Theoretikerin folge ich Marx in seiner Absetzbewegung gegenüber einem liberalen Linkshegelianismus, der Freiheit in Absehung ihrer materiellen Bedingungen zu denken versucht. Aus feministischer Sicht ist auch die bürgerliche Revolution mit ihrem liberalen Freiheitsideal nicht unproblematisch, da der Mensch auch immer ein gesellschaftlich verwiesenes Wesen ist. Marx hat also zu Recht die Frage nach den materiellen Bedingungen dieser Freiheit gestellt und dabei geltend gemacht, dass jede Freiheit immer materielle Voraussetzungen hat, die nur gesellschaftlich – und nicht individuell – zu verwirklichen sind. Marx stellte damit einen auch für ein feministisches Gesellschaftsverständnis unverzichtbaren Begriff eines gesellschaftlichen Ganzen zur Verfügung, das wesentlich bestimmt ist durch die Weise der Produktion – ob es bestimmt, determiniert oder in letzter Instanz überdeterminiert ist, lasse ich hier ebenso offen wie die Frage, ob die einsame Stunde dieser letzten Instanz jemals schlagen wird. Es geht mir um ihre Bedeutung, ihre Gewichtigkeit für unseren Alltag, insofern wir gesellschaftlich-ökonomischen Zwängen unterworfen sind. Und ich finde es merkwürdig, dass dieser Umstand aus dem Bewusstsein der Sozialwissenschaften exakt in dem Moment verschwindet, wo der Kapitalismus gerade seinen letzten Feldzug zur Kolonialisierung auch noch der intimsten Winkel unseres Daseins antritt.

Als feministische Theoretikerin habe ich mit Marx aber auch ein Problem, dort nämlich, wo er seine ganze Hoffnung auf den technologischen Fortschritt gründet. Marx‘ Vertrauen, ja Faszination, die er dem technischen Fortschritt entgegenbringt, kommt insbesondere da zum Ausdruck, wo er die „transitorische() Notwendigkeit“ des Kapitalismus – in seinen Worten des Kapitalisten als „personifiziertes Kapital“ – zur Erlangung einer befreiten Gesellschaft betont:

„Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist.“[3]

Warum führte die Produktivkraftentwicklung nicht zu einer befreiten Gesellschaft, wie Marx hier ebenso verführerisch wie stringent in Aussicht stellt? Eine Aussicht, die auch heute noch die Herzen altgedienter Gewerkschafter höher schlagen lässt, wenn sie an eine Fabrik denken, obwohl dort die real existierenden Arbeiter längst durch Roboter ersetzt sind, die sich kaum für eine Revolution interessieren. Die Frage, warum sich der Kapitalismus beharrlich hält, ist denn auch eine der zentralen Fragen, die die internationale Marx-Rezeption seit längerem beschäftigen — und meines Erachtens auch die wichtigste. Ich glaube aber, dass diese Frage adäquat nur angegangen werden kann, wenn man die Erkenntnisse der Feministischen Ökonomie und ihrer älteren Schwester, der Hausarbeitsdebatte der 1970er Jahre, in die Überlegungen mit einbezieht.[4] Aus deren Perspektive wird deutlich, dass technischer Fortschritt zwar ein Segen für ein bestimmtes Segment, aber längst nicht für alle Zweige der gesellschaftliche Produktion darstellt. Meine These für den heutigen Abend lautet deshalb, dass die feministische Kritik einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion um die Persistenz des Kapitalismus leisten kann.

Wenn ich mich als Feministin vor allem für Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie interessiere, so doch nur mit einer entscheidenden Ergänzung: Es gibt nicht nur – und heute vielleicht so generell überhaupt nicht mehr – den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Denn es gibt neben der „verborgene(n) Stätte der Produktion“, die Marx vor Augen stand (MEW 23: 189), noch eine zweite, vielleicht noch verborgenere Stätte, die Marx vergessen hat: Die Sphäre der Re-Produktion. Arbeiten also, die in privaten Haushalten, aber auch in bezahlter Form in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Kindergärten, Krippen, Tageshorten und und und… geleistet werden und die die – meist unsichtbare und stillschweigende – Voraussetzung jeder Lohnarbeit bilden. Mit andern Worten gibt es einen zweiten, heute meines Erachtens noch virulenteren Widerspruch: den zwischen Produktion und Reproduktion. Oder wie Maria Mies formuliert: es steht dem Kapital heute nicht so sehr die Lohnarbeit, sondern die Subsistenzproduktion entgehen, von der der Kapitalismus lebt, die er in der Tendenz aufzehrt, die sich aber auch gegen diese Zumutung wehrt.[5] Wie Nancy Fraser in diesem Zusammenhang feststellt, ist dieser Widerspruch zwar konstitutiv für die kapitalistische Produktionsweise, aber er erfährt in jeder historischen Konstellation eine andere Ausprägung.[6] Wenn also, um es in den Worten der Regulationsschule zu sagen, sich die verschiedenen Epochen der kapitalistischen Produktion durch ihre jeweiligen Akkumulationsregime unterscheiden, so ist dies zu ergänzen durch die Feststellung von Silke Chorus, dass jedes Akkumulationsregime mit einem je eigenen Reproduktionsregime einhergeht.[7] In diesem Regime herrschen andere Regeln und, vor allem, je eigene Formen der Ausbeutung. Es gibt somit neben der Mehrwertakkumulation noch eine andere Form der Akkumulation, die David Harvey als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet hat, eine moderne Form „primitiver Akkumulation“ gewissermaßen, die heute für die Aufrechterhaltung kapitalistischer Produktionsweisen vermutlich bedeutsamer ist als die Mehrwertakkumulation.[8]

Marx hat also in seiner Kritik am Linkshegelianismus, dass Freiheit nicht in Absehung ihrer materiellen Bedingungen gedacht werden kann, eine zentrale Bedingung vergessen, die mit dem Segen des technischen Fortschrittes, den uns der Kapitalismus bringt, nicht bewältigt werden kann: Der Umstand nämlich, dass wir alle einen relativ großen Teil unseres Lebens auf die Sorge anderer angewiesen sind. Diese Sorge ist Teil unseres materiellen Daseins und sollte eigentlich zum historischen Materialismus gehören. Dass Marx dies und damit die zweite „verborgene Stätte der Produktion“ übersah[9], hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sie zu seiner Zeit noch nicht die ökonomische Bedeutung hatte wie heute. Erst heute, wo diese Ressource zur Mangelware geworden ist, weil im Zuge der fortgeschrittenen kapitalistischen Vergesellschaftung und insbesondere durch die hohe Erwerbstätigkeit von Frauen kaum jemand mehr Zeit für Sorgearbeit hat, kann sie überhaupt zum Thema werden. Zu Recht versteht dann auch eine Bankangestellte heute nicht mehr, warum sie mit dem Kapital im Konflikt stehen soll. Einem gut situierten VW-Arbeiter mag es ähnlich ergehen. Den meisten Menschen aber, die in irgendeiner Weise in Reproduktionsarbeit – bezahlte wie unbezahlte – eingebunden sind, muss man dies nicht lange erklären. Sie wissen, dass die nötigen Ressourcen schwinden, denn sie bringen ihre Lohnarbeit kaum mit der erforderlichen Care-Arbeit unter einen Hut. Erst recht dann nicht, wenn auch ihre Lohnarbeit im Care-Sektor stattfindet.

Ich schließe mich deshalb in diesem Punkt Silvia Federici an, die mahnt, „dass es eine Illusion ist zu glauben, dass die Automatisierung der Produktion die materiellen Bedingungen für eine nicht-ausbeuterische Gesellschaft schaffen“ kann.[10] Nicht der Mangel an technischem know-how, sondern die Spaltung, die der Kapitalismus selbst in die Arbeiterschaft einführt, steht der Revolution entgegen. Zwar vereint, so Federici, die kapitalistische Produktionsweise die Arbeiterschaft unter einem unpersönlichen und allgemeinen Druck zur Veräußerung der Arbeitskraft. Jedoch zieht sie gleichzeitig durch die Weise, wie sie die Reproduktionsarbeit organisiert, erneut einen tiefen Riss durch die Arbeiterschaft.[11] Und diesen Riss wird kein technologischer Fortschritt schließen. Im Gegenteil wird er sich durch diesen weiter vertiefen. So betrachtet muss auch die Kritik an der Marx'schen Geschichtsteleologie anders lauten. Wenn die Erwartung eines baldigen, durch Entfaltung von Produktivkräften getriebenen Endes des Kapitalismus auch im Marxismus selbst heute kaum mehr eine breite Anhängerschaft findet, so haben doch gewisse Hoffnungen in die befreienden Aspekte des technologischen Fortschritts weiterhin Bestand.[12] Was es jedoch heißt, dass ein zunehmend größerer Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeit einer Automatisierung nicht zugänglich ist – die Arbeit nämlich, die zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendig ist –, und was es für eine Kritik der politischen Ökonomie bedeutet, dass diese Arbeit anteilmäßig an der gesamten gesellschaftlich notwendigen Arbeit laufend wächst[13], diese Fragen haben bisher keinen Eingang in die marxistische Reflexion und ihren Glauben an den technischen Fortschritt gefunden.

Und hieran schließt sich auch eine Kritik an der im Marxismus auch heute noch verbreiteten humanistischen Lesart mit ihrer Vorstellung einer „befreiten Gesellschaft“ an. Aus feministischer Perspektive nämlich ist der Begriff der Freiheit vielleicht sogar insgesamt problematisch. Denn was kann Freiheit angesichts unserer grundlegenden Verwiesenheit auf andere überhaupt heißen? Wäre die Zurückforderung der Sorgearbeit, wie sie im eingangs gelesenen Zitat zum Ausdruck kommt, nicht ein adäquateres emanzipatorisches Postulat, jedenfalls für eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts?

Um meine These zuzuspitzen, würde ich deshalb sagen, dass nur ein feministisch gewendeter oder erweiterter Marxismus ein Marxismus ist, der für das 21. Jahrhundert Bestand haben kann. Denn nur ein solcher ist in der Lage, die politische Ökonomie weitentwickelter westlich-kapitalistischer Gesellschaften zu verstehen und eine adäquate Kritik der politischen Ökonomie unserer Gegenwart zu leisten.

Warum es der Care-Sektor ist, der heute einem besonderen ökonomischen Druck ausgesetzt ist, respektive warum sich heute gerade der Wiederspruch zwischen Produktion und Reproduktion zuzuspitzen scheint, kann im Rückgriff auf einige wirtschaftsgeschichtliche Überlegungen besser verstanden werden. Es zeigt sich nämlich, dass sich im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus in diesem Verhältniseine eine entscheidende Verschiebung zugetragen hat.[14]

 

2. Historischer Rückblick: Das Produktivitätsdilemma

Historisch gesehen hat der Kapitalismus seine Profite mit den Mitteln der Produktivitätssteigerung erzielt und dadurch tatsächlich den Lebensstandard für einen Großteil der Bevölkerung angehoben. Produktivitätssteigerung heißt im Prinzip nichts anderes, als dass mittels technischer Innovationen oder der Rationalisierung von Arbeitsabläufen die Produktion der Stückzahl pro Zeiteinheit erhöht wird. So ist die Prosperitätsphase des Fordismus, also der Wirtschaftaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg, im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass durch die innovative Arbeitsorganisation des Taylorismus und verschiedener technischer Entwicklungen die Güter des täglichen Bedarfs immer billiger wurden. Die damit einhergehende immense Ausdehnung des Produktionsvolumens stand am Beginn jenes historischen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeiterschaft, die der Fordismus prägte: Steigende Profitraten ermöglichten es den Unternehmen, gute Löhne zu zahlen, was wiederum die Arbeiterschaft dazu befähigte, die Güter, die so produziert wurden, auch tatsächlich zu kaufen und damit die Nachfrage zu sichern.[15] Dieser Zusammenhang lässt sich auch als „Durchkapitalisierung der Lebenswelt“[16] umschreiben, womit gemeint ist, dass immer mehr Güter des täglichen Bedarfs im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise und nicht mehr außerhalb von ihr – zum Beispiel in Formen subsistenzwirtschaftlicher Produktion – produziert wurden.

Genau dieser historische Ausgleich ist in der Krise des Fordismus Mitte der 1970er Jahre zusammengebrochen. Ein Hauptgrund dafür waren die sich seit den 1960er Jahren verlangsamenden Produktivitätszuwächse und in der Folge das Sinken der Profitraten.[17] Was wir heute als neoliberale Restrukturierungen bezeichnen, ist eine Reaktion auf diese Krise. Es ist der Versuch, die Produktivitätszuwächse und damit die Profite mit andern Mitteln wieder herzustellen. Die Mittel dazu sind bekannt: Ein generelles Absenken des Lohnniveaus, die Brechung der Macht der Gewerkschaften und im Gegenzug dazu das Angebot neuer Formen der Arbeitsorganisation, die weniger auf Hierarchie denn auf Selbstorganisation beruhen.[18] Für unseren Zusammenhang zentral ist, dass mit diesen Restrukturierungen auch ein Abkommen vom Modell des männlichen Ernährers einherging. Was aus der Sicht privater Kapitalverwertung eine ökonomische Notwendigkeit war, verband sich aber gleichzeitig auch mit einer Forderung der Zweiten Frauenbewegung, die dieses Modell des männlichen Ernährers als paternalistisch ablehnte und stattdessen den freien Zugang zum Arbeitsmarkt auch für Frauen forderte.

Ein Effekt dieser so gewollten, gleichzeitig aber auch erzwungenen Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen war, dass damit ein Teil der von ihnen vormals in Haushalten gratis verrichteten Arbeit in die Lohnförmigkeit überführt wurde. Damit einher geht eine eine ganz neue ökonomische Dynamik. Mit der immensen Ausweitung des bezahlten Care-Sektors[19] wächst jener Anteil an der Lohnarbeit laufend, der für das Bestreben der Kapitaleigner, Profite mittels Produktivitätssteigerung zu generieren, wenig interessant ist. Denn genau diese Möglichkeit zur Produktivitätssteigerung ist allen Arbeiten des Care-Sektors nur sehr begrenzt gegeben: Weder wachsen und entwickeln sich Kinder mittels technischer Innovationen schneller oder ist es möglich, ihnen damit das Alphabet in kürzerer Zeit in den Kopf zu trichtern, noch kann das Zuhören oder gar Verstehen einer Klientin in einer Beratungssituation mit der Rationalisierung der Arbeitsabläufe wesentlich effizienter gestaltet werden. Was für die Güter der Güterproduktion stimmt, gilt, wie die feministische Ökonomin Mascha Madörin immer wieder betont, aufgrund von deren Eigenlogik für die personenorientierter Dienstleistungen des Care-Sektors nicht.[20] Trotz gegenläufiger Versuche werden wegen der diesen Dienstleistungen anhaftenden Eigenart, als Produkt keine technisch herzustellende Ware, sondern ein Element von Intersubjektivität oder Beziehung anzubieten, rasante Gewinne hier nie zu erzielen sein.[21]

Ökonomisch gesehen lässt sich deshalb sagen, dass das fordistische Arrangement des Ernährermodells mit der Hausfrau die sogenannten wertschöpfungsschwachen Arbeiten aus dem Bereich der Lohnarbeit fernhalten konnte, wie dies Silke Chorus zu Recht herausstellt.[22] Die fordistische Produktionsweise war also genau deshalb eine Prosperitätsphase, weil die Produktion hier zu einem wesentlichen Teil Industrieproduktion war. So betrachtet hat sich das Problem, zu dessen Lösung der neoliberale Umbau beitragen wollte, durch eben diese ‚Lösung’ weiter zugespitzt. Durch die Ökonomisierung der Tätigkeiten, die nur wenig Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung bieten, verschärft sich das Problem der sinkenden Produktivitätsraten gesamtwirtschaftlich, das am Ursprung der Fordismuskrise stand.[23]

Wir sind damit heute vermutlich in einer für die kapitalistische Produktionsweise historisch völlig neuen Situation: Der Anteil der Arbeiten, mittels derer die private Kapitalverwertung gute Profite erzielen kann, schrumpft im Verhältnis zum jenem Teil, in dem dies nicht wirklich funktioniert, laufend. Linda McDowell und Madörin berechnen, dass dieser Anteil heute in weitentwickelten westlichen Gesellschaften (es sind Berechnungen für England und die Schweiz) ca. 30% des Bruttoinlandproduktes ausmacht.[24] Neoliberale Restrukturierungen müssen deshalb im Wesentlichen als Antworten auf dieses Dilemma verstanden werden. Denn es ist nicht zufällig so, dass neoliberale Programme heute vorrangig in diesem Bereich und damit im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen intervenieren. So können Restrukturierungen im Sinne des New Public Managements mit ihrem Prinzip der durch Quasimärkte künstlich induzierten Wettbewerbe oder Steuerungsmodelle wie die Output-Orientierung und die Fallpauschalen, die vorgeben, personenorientierte Dienstleistungen als klar definiertes Produkt zu designen, im Wesentlichen als – letztlich vergeblicher – Versuch gewertet werden, die Produktivität des Care-Sektors an die der Güterproduktion anzupassen. Der ganze Care-Sektor ist deshalb zu einem ökonomisch hochbrisanten battleground geworden, weil er es ist, der in besonderem Masse die privatwirtschaftlichen Profitinteressen tangiert.

So kann genau in dem Bereich, wo heute mehrheitlich Frauen erwerbstätig sind, die goldene Regel des historischen Klassenkompromisses, der durch die Gleichzeitigkeit von steigenden Profiten und guten Löhnen strukturiert war, nicht länger greifen. Um diesen Gedanken zu pointieren: Woran es uns heute fehlt, sind nicht Handys und Kühlschränke, die mit den Mitteln der Produktivitätssteigerung billiger hergestellt werden können. Woran es uns fehlt, ist die Zeit, die Großmutter zu besuchen, der Tante bei der Bezahlung der Rechnungen per e-Banking zu helfen oder gar umfassend für ihre Pflege aufzukommen, wenn sie diese braucht. Aber es fehlt auch das Geld, sich entsprechende Dienste aus privater Tasche am Markt zu kaufen, wenn wir nicht länger über die Zeit verfügen, dies selber zu tun. Der Mangel liegt heute also, anders als in der Zeit des Fordismus, nicht mehr im Bereich der Güter des täglichen Bedarfs, sondern im Bereich jener Dienstleistungen, die mit den Mitteln der Produktivitätssteigerung nur sehr bedingt profitabler oder billiger gemacht werden können. Dies führt zu ganz neuen Verteilungskämpfen und, wie eben Silvia Federici zu Recht feststellt, auch zu neuen Klassenverhältnissen.[25]

Die hier beschriebene ökonomische Dynamik ist, wie der liberale Ökonom William Baumol bereits in den 1960er Jahren festgestellt hat, ein Phänomen, das in allen weitentwickelten kapitalistischen Gesellschaften zwangsläufig auftritt.[26] Die von Baumol sogenannten „divergierenden Produktivitäten“ zwischen wertschöpfungsstarken und wertschöpfungsschwachen Sektoren wären an sich noch kein Problem. Sie werden es jedoch im Rahmen privater Kapitalverwertungsinteressen. Wie sich das Problem bemerkbar macht und welche Konsequenzen es für die einzelnen Individuen, für Männer und Frauen und das Geschlechterverhältnis hat, ist deshalb im Wesentlichen durch seine politischen Lösungen bestimmt.[27] Bekanntlich sind diese Lösungen gegenwärtig meist wirtschaftsfreundlich. Offensichtlich gelingt es der Privatwirtschaft, die Kosten dieses Dilemmas nicht selbst zu tragen. Die Antwort ihrer Fürsprecher liegt vielmehr im Versuch, sich der relativ gesehen immer teurer werdenden Reproduktionskosten dadurch zu entledigen, dass entsprechende Dienstleistungen vollständig der marktwirtschaftlichen Logik unterworfen werden. Wo das nicht geht und der Staat diese wertschöpfungsschwachen Leistungen weiterhin übernimmt, übt die Privatwirtschaft einen massiver Spardruck auf ihn aus, was letztlich zu demselben Ergebnis führt: In beiden Fällen entsteht ein massiver Druck auf die Löhne der Beschäftigten dieses Sektors und damit Reproduktionsverhältnisse, die, wie McDowell feststellt, teilweise eher an frühkapitalistische Ausbeutung erinnern.[28]

 

3. Neue Klassenverhältnisse

Resümierend lässt sich feststellen, dass wir heute nicht mehr von einem generellen Widerspruch oder Interessenskonflikt zwischen Kapital und Arbeit ausgehen können, wie es noch zu Marx‘ Zeiten der Fall war. Nicht alle Lohnerwerbstätigen geraten heute unter Druck, sondern vorrangig diejenigen, die in irgendeiner Weise in Reproduktionsarbeit, bezahlte wie unbezahlte, involviert, also im Care-Sektor tätig sind. So betrachtet verläuft ein neuer Widerspruch heute zwischen dem wertschöpfungsschwachen und dem wertschöpfungsstarken Sektor und den jeweils darin beschäftigten Personengruppen.

Während es historisch gesehen möglich war, die Reproduktionskosten dadurch zu senken, dass mittels technischer Innovationen die Güter des täglichen Bedarfs immer billiger produziert werden konnten, ist genau dies heute nicht mehr möglich, weil ein zunehmend größerer Teil der Reproduktionskosten aus personenbezogenen Dienstleistungen besteht, die im Verhältnis zur Güterproduktion relativ gesehen laufend teurer werden.[29] Wenn Marxisten sagen, das Kapital hätte die Tendenz, die Reproduktionskosten zu senken, so haben sie dabei die Güter des täglichen Bedarfs vor Augen, die mit den Mitteln der Produktivitätssteigerung tatsächlich günstiger werden. Sie denken dabei aber nicht an die Arbeit, die es braucht, um diese Güter zu verarbeiten. Sie verstehen deshalb auch nicht, wie das Kapital heute die Reproduktionskosten senkt: Den Haushalten wird durch Eingliederung der Frauen in die Lohnarbeit und die Beendung des fordistischen Ernährermodells die Zeit einer für Care-Arbeit freigestellten Person entzogen, gleichzeitig aber werden weitere Lohnbestandteile vorenthalten, die es ihnen ermöglichen würden, diese Leistungen mit ihrem Lohn am Markt einzukaufen. Wenn die Kosten dieser Dienstleistungen steigen und einen immer größeren Teil der Haushaltsbudgets beanspruchen, müsste sich dies eigentlich in generell steigenden Löhnen niederschlagen – was aber bekanntlich nicht der Fall ist. Marx selbst hat dies teilweise erkannt, wenn er, wenn auch nur in einer Fußnote, im Kapital schreibt:

„Da gewisse Funktionen der Familie, z.B. Warten und Säugen der Kinder usw., nicht ganz unterdrückt werden können, müssen die vom Kapital konfiszierten Familienmütter mehr oder minder Stellvertreter dingen. Die Arbeiten, welche der Familienkonsum erheischt, wie Nähen, Flicken usw., müssen durch Kauf fertiger Waren ersetzt werden. Der verminderten Ausgabe von häuslicher Arbeit entspricht also vermehrte Geldausgabe. Die Produktionskosten der Arbeiterfamilie wachsen daher und gleichen die Mehreinnahme aus.“[30]

Da heute vor allem das „Dingen der Stellvertreter“ – die personenorientierten Dienstleistungen – ins Gewicht fallen, übersteigen, um in Marx‘ Terminologie zu bleiben, die „Produktionskosten“ der postfordistischen Familie vermutlich bei weitem deren Mehreinnahmen durch das Zweiverdienermodell. So betrachtet handelt es sich bei dem im Postfordismus favorisierten Adult-Worker-Modell vor allem um eine Externalisierung von Reproduktionskosten aus der Akkumulationsökonomie.[31]

Federici spricht deshalb davon, dass wir es gegenwärtig weltweit gesehen mit einer „Restrukturierung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft“ zu tun haben und bezeichnet diese Restrukturierung als eine Form von primitiver Akkumulation.[32] Sie meint damit, dass die Weise, wie Menschen sich reproduzieren, einem tiefgreifenden Wandel unterworfen wird, der, mehrheitlich durch äußere Rahmenbedingungen erzwungen, letztlich den Haushalten massiv Ressourcen an Zeit und Geld entzieht, die diese für ihre eigene Reproduktion benötigen. Mit dieser These leistet Federici einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion um eine sogenannte „Neue Landnahme“. Doch während diese im Anschluss an David Harvey geführte Diskussion auf die spektakulären Formen der Enteignung von Commons wie die Privatisierung von Wasser, Luft oder öffentlicher Infrastruktur zielt, geht die Enteignung im privaten Bereich meist stillschweigend und oftmals auch für die davon Betroffenen selbst kaum greifbar vor sich.[32]

Schwer greifbar ist dieser Modus von Landnahme vor allem deshalb, weil er in spezifischer Weise in Lohnerwerbsarbeit verstrickt ist. Während Marx davon ausging, dass im Bereich der Lohnarbeit zwar eine Ausbeutung stattfindet, die ausbezahlten Löhne jedoch gleichwohl so hoch ausfielen, dass sie zumindest den „Wert der Ware Arbeitskraft“ abdecken – hier ist an seine Definition zu erinnern, nach der der Wert der „Ware Arbeitskraft“ dem Wert der zu ihrer Reproduktion benötigten Waren entspricht[33] –, so ist genau dies heute im Bereich der bezahlten Care-Arbeit nicht mehr der Fall. Da der Care-Sektor als wertschöpfungsschwacher Sektor im Rahmen kapitalistischer Produktionsweise zwangsläufig ein Niedriglohnsektor bleibt, in dem es zunehmend nicht mehr möglich ist, ein existenzsicherndes Einkommen zu generieren[34], bleiben die darin Tätigen, meist Frauen, für ihre eigene Reproduktion in großem Umfang auf die unbezahlte Arbeit anderer angewiesen. Was so entsteht, ist ein komplexes Ineinandergreifen von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit: Personen, meist Frauen, die unter ihrem Reproduktionsniveau im Care-Sektor arbeiten, müssen sich selbst und ihre Kinder – da sie oftmals selbst Haushaltsvorständinnen sind – zusätzlich durch unbezahlte Reproduktionsarbeit erhalten, die wiederum meist von andern Frauen erbracht wird, die in der Folge demselben Mechanismus ausgesetzt sind. Das heißt, die Überführung vormals von Frauen unentgeltlich verrichteter Arbeit in die Lohnförmigkeit führt unter kapitalistischen Verhältnissen paradoxerweise dazu, dass auch die Anforderungen an die unbezahlte Arbeit wächst, für die aber im Zuge des Adult-Worker-Modells nominell niemand mehr zur Verfügung steht. Die Reproduktionssphäre wird gegenwärtig also in doppelter Weise, sowohl in der bezahlten wie in der unbezahlten Care-Arbeit, Formen der Enteignung ausgesetzt, wobei beide Formen in einem komplexen Wechselverhältnis miteinander interferieren.

Wenn wir versuchen, diese Überlegungen auf Marx zurückzubeziehen, so ergibt sich folgendes Bild: Marx ging davon aus, dass der voranschreitende Kapitalismus zunehmend alle Menschen des Globus in Lohnarbeit integrieren würde. Diese Feststellung ist zugleich richtig und falsch. Richtig ist sie, insofern Marx damit das globale Ausgreifen der Lohnarbeit voraussah. Falsch ist sie, da diese Ausweitung der Lohnarbeit offenbar auch gleichzeitig mit einer Ausweitung der unbezahlten Arbeit einhergeht oder anders formuliert ist das Lohnverhältnisse nicht ausschließlich das, worin sich die Existenz der Lohnerwerbstätigen gründet. Weder ist es möglich, noch liegt es im Interesse der kapitalistischen Produktionsweise, alle gesellschaftlich notwendige Arbeit in Lohnarbeit zu überführen.

 

3.1. Rosa Luxemburg und Bennhold-Thomson: Subsumtion und Marginale Masse

Zu einer solchen Korrektur von Marx haben die – heute leider weitgehend vergessenen – Ansätze der Bielefelder Entwicklungssoziologinnen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof bereits in den 1970er Jahre im Rahmen der damaligen Hausarbeitsdebatte bereits theoretisch Wegweisendes geleistet. Sie bezogen sich dabei auf Rosa Luxemburgs Kritik, dass Marx in seiner Vorstellung der Kapitalakkumulation zu Unrecht von einem geschlossenen Kreislauf ausging. In ihrem ökonomischen Hauptwerk Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus macht Rosa Luxemburg vielmehr geltend, dass die Kapitalakkumulation stets auf „nicht-kapitalistische Produktionsweisen“ angewiesen ist, indem sie postuliert:

„Die Akkumulation ist nicht bloss ein inneres Verhältnis zwischen den Zweigen der kapitalistischen Wirtschaft, sondern vor allem ein Verhältnis zwischen Kapital und dem nichtkapitalistischen Milieu ...“.[35]

In ihrer Formulierung, „dass die kapitalistische Akkumulation zu ihrer Bewegung nichtkapitalistischer sozialer Formationen als ihrer Umgebung bedarf, in ständigem Stoffwechsel mit ihnen vorwärts schreitet und nur so lange existieren kann, als sie dieses Milieu vorfindet“,[36] macht Luxemburg deutlich, dass sie sich dieses Verhältnis als Artikulation unterschiedlicher Produktionsweisen denkt.[37] Luxemburgs These, dass die kapitalistische Produktionsweise „in jeder Beziehung auf die gleichzeitige Existenz nichtkapitalistischer Schichten und Gesellschaften angewiesen ist,“[37] inspirierte die Bielefelder Soziologinnen dazu, auch die häusliche Produktion in den Haushalten der kapitalistischen Metropolen des Nordens als eine solche nicht-kapitalistische Produktionsweise zu verstehen. Sie verbanden damit die Aussage, dass es keine Lohnarbeit ohne Subsistenzproduktion gibt, sondern dass die Lohnarbeit vielmehr umgekehrt auf dieser Produktion aufruht wie – um es im Bild von Maria Mies zu sagen – die Spitze des Eisberges auf seinem Sockel.[38]

Daran anschließend vertrat Veronika Bennholdt-Thomsen bereits zu Beginn der 1980er Jahren die These, dass mit fortschreitendem Kapitalismus ein zunehmend größerer Teil der Lohnerwerbstätigen sich, zumindest teilweise, außerhalb der Lohnverhältnisse reproduziert. Um dieses Phänomen zu fassen, prägte Bennholdt-Thomsen den Begriff der „marginalen Masse“.[39] „Masse“ meint dabei, dass in weit entwickelten Kapitalismen wie den unsrigen mittlerweile eine Mehrheit der Bevölkerung ihre Existenz so gründen muss. „Marginal“ meint, dass sie eine „Randexistenz“ führt, die jedoch zur „Normalität“ geworden ist. Wichtig hierbei ist, dass Bennholdt-Thomsen von der marginalen Masse nicht primär deshalb spricht, weil sie wie Marx mit seiner Metapher der „Reservearmee“ auf einen Mechanismus kontinuierlicher Senkung des Lohns hinauswill.[40] Die Bedeutung der marginalen Masse liegt für Bennholdt-Thomsen vielmehr darin, dass sie sich aus der Perspektive des Kapitals kostenlos reproduziert, ihm aber je nach Bedarf dennoch zur Verfügung steht, womit sie eine für den Gesamterhalt des kapitalistischen Systems höchst wichtige Funktion übernimmt:

„Da ein Teil der Bevölkerung die notwendige Subsistenzarbeit übernimmt, ohne dem Kapital Kosten zu verursachen, erhöht sich dadurch die Möglichkeit der Aneignung von Mehrarbeit für das Kapital enorm. (…) Die marginale Masse befindet sich nicht außerhalb oder am Rande, sie bildet vielmehr einen integralen Bestandteil des kapitalistischen Systems.“[40]

Diese unterordnende Integration bezeichnet Bennholdt-Thomsen deshalb als „marginale Subsumption“. „Marginale Subsumption“ bedeutet somit, „dass nur ein minimaler Teil der für ihre Reproduktion notwendigen Arbeit auf der Kapitalseite als Kosten erscheint“, das heißt ihre „Reproduktion letztlich [den Arbeitenden] selbst aufgelastet wird“, gerade insofern sie teilweise Lohnerwerbsarbeitende sind.[41] Im Falle der Reproduktion ist es also nicht nur so, dass der Kapitalismus sein eigenes Außen selbst hervorbringt. Er hat darüber hinaus auch ein großes Interesse daran, sich dieses Außen zu erhalten, um weiterhin von seinen Ressourcen zu leben.

Es ist klar, dass Veronika Bennholdt-Thomsen damit bereits in den 1980er Jahren das beschreibt, was wir heute unter dem Stichwort einer Prekarisierung der Lohnarbeit diskutieren. Die in weitentwickelten Kapitalismen zu beobachtende Zunahme prekarisierter Arbeitsverhältnisse lebt integral von den Ressourcen der Subsistenzproduktion. Dabei ist zu bedenken, dass jede prekarisierte Lohnarbeit in spezifischer Weise Arbeits-Ressourcen der Reproduktion und somit „Mehrarbeit“ anzapft, die zwar außerhalb der Lohnarbeit stehen, gleichwohl als Mehrarbeit aber in diese zurückfließen „Diese Mehrarbeit“, schreibt Bennholdt-Thomsen, „unterscheidet sich von jener Mehrarbeit innerhalb des Lohnverhältnisses dadurch, dass sie in einem Arbeitsprozess verausgabt wird, der vom Kapital nicht direkt kontrolliert wird, (…).“[42]

Es geht deshalb bei der von Bennholdt-Thomsen so bezeichneten „marginalen Subsumtion“ nicht um die Frage des Formwandels von unbezahlter in bezahlte Arbeit, sondern gerade um die für das postfordistische Akkumulationsregime notwendige Erhaltung der unbezahlten Arbeit oder noch genauer, um das für postfordistische Verhältnisse konstitutive Wechselverhältnis von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit, die beide zusammen die „normale“ Lohnarbeit subventionieren. Bezogen auf die Empirie dieses Verhältnisses berechnet Madörin für die Schweiz, dass die bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit zusammen rund zwei Drittel des um die unbezahlte Arbeit erweiterten Bruttoinlandsproduktes ausmacht[43], das heißt diese zwei Drittel des Wirtschaftens sind im Wesentlichen die ökonomische Grundlage, auf der der – so betrachtet – tatsächliche „Rest“ des Wirtschaftens aufruht.[44]

 

3.2. Ein feministischer Marxismus des 21. Jahrhunderts

Die Frage, wie das Verhältnis der kapitalistischen Produktion zur anderen Produktionsweise, das heißt, das Verhältnis von Lohnform und Subsistenzproduktion theoretisch zu konzipieren ist, ob als Landnahme, als Artikulation, als Subsumtion – oder nochmals als etwas ganz anderes, scheint mir die große Leerstelle der marxistischen Theoriebildung und das Desidertat für einen Marxismus des 21. Jahrhunderts zu sein. Deutlich jedenfalls sollte geworden sein, dass der gegenwärtige Kapitalismus nicht leben könnte ohne das riesige Heer bezahlter und unbezahlter meist weiblicher Care-Arbeiterinnen, ein Care-Proletariat, dessen ökonomische Bedeutung – und ich würde sagen, damit auch politische Bedeutung – laufend zunimmt, ein Umstand, der sich heute unter anderem in den sich weltweit mehrenden Frauenstreiks manifestiert. Mit einer klassischen Mehrwerttheorie und dem klassischen Habitus der Arbeiterbewegung kommt man hier nicht weiter. Hier stimmen die Modelle aus dem 19. Jahrhundert ganz einfach nicht mehr, da es sich um ganz andere Arbeitsformen handelt. Marx wäre höchstwahrscheinlich der erste gewesen, der das erkannt hätte, da er sich stets auch für die konkreten Arbeitsverhältnisse und Arbeitsprozesse interessierte.

Fußnoten

[1] Dieser Aufruf findet sich unter: https://keinemehr.files.wordpress.com/2018/04/wie-streiken.pdf (Mai 2018)

[2] Bei dem vorliegendem Text handelt es sich um die Überarbeitung eines Vortrages, den ich im Rahmen der Erfurter Ringvorlesung 200 Jahre Karl Marx! im Sommersemester 2018 in Erfurt gehalten habe. Die stilistische Form des Vortrages wurde beibehalten.

[3] Karl Marx, Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie Bd. 1, Berlin 1972, S. 618.

[4] Vgl. zur Hausarbeitsdebatte Maria Mies, Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 9/10 (1983), 6, S. 115-124; Claudia von Werlhof, Der Proletarier ist tot. Es lebe die Hausfrau, in, dies. / Maria Mies / Veronika Bennholdt-Thomsen (Hg.), Frauen, die letzte Kolonie. ‚Die Zukunft der Arbeit’ 4. Hamburg 1983, S. 113-136; Veronika Bennholdt-Thomsen, Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion. Ein Beitrag zur Produktionsweisendiskussion, in: Hans Georg Backhaus et al. (Hg.), Gesellschaft: Beiträge zur Marxschen Theorie 14. Frankfurt 1981, S. 30-51. Vgl. zu einem sehr guten Überblick The Commoner: „Care Work“ and the Commons. (2012), 15.

[5] Maria Mies, Hausfrauisierung, Globalisierung, Subsistenzproduktion. In: Marcel von der Linden / Karl Heinz Roth, Über Marx hinaus. Hamburg 2009, S. 255–290, hier S. 282.

[6] Nancy Fraser, Behind Marx’s hidden abode. In: New left Review 86 Mar/Apr, p. 55-72, hier S. 62.

[7] Vgl. Silke Chorus, Who Cares? Kapitalismus, Geschlechterverhältnisse und Frauenarbeit. Regulationstheoretische Sehkorrekturen. In: Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, Jg. 25 (2007), Nr. 2, S. 202- 216; und dies., Care-Ökonomie im Postfordismus. Perspektiven einer integralen Ökonomietheorie. Münster 2013, S. 89f.

[8] David Harvey, Der Neue Imperialismus. Hamburg 2005, S. 142-151.

[9] Für einen guten Überblick  über Marx vereinzelte Bezugnahmen auf Reproduktionsarbeit, vgl. Käthe Knittler / Martin Birkner, Frauen am Herd & Arbeitswert. Zur Geschichte und möglichen Zukunft feministischer Auseinandersetzungen mit der marxschen Kritik der politischen Ökonomie, in: Jan Hoff et al. (Hg.), Das Kapital neu lesen – Beiträge zur radikalen Philosophie. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 324–350.

[10] Silvia Federici, The Reproduction of Labour Power in the Global Economy and the Unfinished Feminist Revolution, in: Maurizio Atzeni (ed.) Workers and Labour in a Globalised Capitalism. Contemporary Themes and Theoretical Issues. New York 2014, S. 85–107

[11] Silvia Federici, The reproduction of labour-power in the global economy, Marxist theory and the unfinished feminist revolution, Reading for Jan. 27, 2009, UC Santa Cruz seminar “The Crisis of Social Reproduction and Feminist Struggle” https://caringlabor.wordpress.com/2010/10/25/silvia-federici-the-reproduction-of-labour-power-in-the-global-economy-marxist-theory-and-the-unfinished-feminist-revolution/

[12] Silvia Federici, The reproduction of labour power in the global economy and the unfinished feminist revolution, in: Maurizio Atzeni (ed.) Workers and Labour in a globalised capitalism. Contemporary themes and theoretical issues. New York 2014, S. 88.

[13] Zur anteilsmässig Zunahme dieser Arbeiten am BIP für die USA vgl. die Berechnungen von Baumol seit den 1950er Jahren (2012: S. 5-14). Für die Schweiz zeigt Madörin eine ähnliche Entwicklung des Arbeitsvolumens für den Zeitraum zwischen 1991-2005 (2007: S. 150) und der Arbeitsplätze und der Bruttowertschöpfung zwischen 1997 und 2013 (2017: S. 56). Für England zeigt dies McDowell für den Zeitraum 1951-2001 (2009: S. 38) und aktuelle für Österreich Knittler (2018) für den Zeitraum 1995-2015. Zur genauen Begründung dieser Zunahme vgl. den folgenden Abschnitt. Eine sehr gute Zusammenfassung bietet Madörin 2017: S. 50-56.

[14] Es ist wichtig zu betonen, dass ich vorerst nur von unseren Verhältnissen hier, d.h. von weitentwickelter westlich-kapitalistischer Gesellschaften spreche.

[15] Klaus Dörre, Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus, in: Klaus Dörre / Stephan Lessenich / Hartmut Rosa, Soziologie, Kapitalismus, Kritik. Eine Debatte. Frankfurt/M 2009, S. 21–86, hier S. 46–54.

[16] Joachim Hirsch / Roland Roth, Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Postfordismus. Hamburg 1986, S. 50ff.

[17] Hirsch/Roth, Gesicht des Kapitalismus, S. 78–82.

[18] Dörre, Landnahme, S. 57–68.

[19] Dazu gehört das Gesundheitswesen, Sozialarbeit, Erziehung und Bildung.

[20] Vgl. Mascha Madörin, Plädoyer für eine eigenständige Theorie der Care-Ökonomie, in: Torsten Niechoj / Marco  Tullney (Hg.), Geschlechterverhältnisse in der Ökonomie. Marburg 2006, S. 277–297, hier S. 291ff; dies., Neoliberalismus und die Reorganisation der Care-Ökonomie. Eine Forschungsskizze. In: Denknetz (Hg.): Zur politischen Ökonomie der Schweiz. Eine Annäherung. Jahrbuch 2007. Zürich 2007, S. 141–162, hier S. 148-153 und dies., Das Auseinanderdriften der Arbeitsproduktivitäten: Eine feministische Sicht, in: Denknetz (Hg.), Gesellschaftliche Produktivität jenseits der Warenform. Jahrbuch 2011. Zürich 2011, S. 56–70.

[21] Vgl. Madörin, Neoliberalismus, S. 153f.

[22] Silke Chorus Ökonomie und Geschlecht? Regulationstheorie und Geschlechterverhältnisse im Fordimus und Postfordismus. VDM Verlag 2007, S. 49–85.

[23] Chorus spricht deshalb in diesem Zusammenhang von einem „doppelten Produktivitätsdilemma“, dies., Who Cares? Kapitalismus, Geschlechterverhältnisse und Frauenarbeit. Regulationstheoretische Sehkorrekturen, in: Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, 25 (2007), 2, S. 202–216, hier S. 209ff.

[24] Vgl. Madörin, Neoliberalismus, S. 146ff.; Linda McDowell, The Rise of the Service Economy, in: dies. (Hg.): Working Bodies. Interactive Service Employment and Workplace Identities. Wiley-Blackwell 2011, S. 25–48, hier S. 29ff.

[25] Vgl . Federici, Marxist Theory, S. 2.; dies., The reproduction of labour power, S. 97-99

[26] Vgl. William Baumol, The Cost Deasease. Why Computers Get Cheaper and Health Care Doesn’t, New Haven CT 2012.

[27] Vgl. dazu Mascha Madörin, Kommentar zu Donaths Artikel aus der Sicht einer feministischen Politökonomin, in: Iris Bischel et al. (Hg.): Kritik des kritischen Denkens, Zürich 2014, S. 178–187; dies. Überlegungen zur Zukunft der Care-Arbeit, in: Hans Diefenbacher / Benjamin Held / Dorothee Rodenhäuser (Hg.): Das Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende. Arbeiten in einer Postwachstumsgesellschaft. Marburg 2017, S. 35–67, hier S. 50–53), die Baumols Thesen in Anlehnung an Susan Donath für die Feministische Ökonomie fruchtbar gemacht hat: „Was Baumols Ansatz von auch linkskeynesianischen oder marxistischen Ansätzen unterscheidet ist die Einsicht, dass es in einer Wirtschaft sehr unterschiedliche Entwicklungen der Arbeitsproduktivitäten und damit Profitraten gibt und dass dies grundlegende Fragen für die arbeitsintensiven Sektoren und Branchen der Wirtschaft aufwirft. Um die Dynamik gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen zu verstehen, müssen die wirtschaftlichen Entwicklungen von arbeits- und kapitalintensiven Wirtschaftssektoren unterschieden werden“, Mascha Madörin, Zählen was zählt. Sorge- und Versorgungswirtschaft als Teil der Gesamtwirtschaft, in: Knobloch, Ulrike (Hrsg.): Ökonomie des Versorgens. Beiträge zur Pluralen Feministischen Wirtschaftstheorie, Weinheim und Basel 2019 (im Erscheinen).

[28] McDowell, Service Economy, S. 37.

[29] Vgl. Baumol, Cost Desease, S. 25–32.

[30] Karl Marx, Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie Bd. 1, Berlin 1972, S. 427, Fn. 121.

[31] Dabei ist die Implikation für das Geschlechterverhältnis immer mitzudenken. Wie Madörin festhält. ist „die Versorgungsökonomie (…) bis heute wesentlich eine Frauenwirtschaft, die Akkumulationsökonomie wesentlich männerdominiert.“ (Madörin 2019, im Erscheinen). Sie berechnet, dass Frauen rund vier Fünftel ihrer gesamten Arbeitszeit (bezahlt und unbezahlt) im Care-Sektor arbeiten, vgl. Mascha Madörin, Überlegungen zur Zukunft der Care-Arbeit, in: Hans Diefenbacher / Benjamin Held / Dorothee Rodenhäuser (Hg.): Das Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende. Arbeiten in einer Postwachstumsgesellschaft, Marburg 2017, S. 35–67 hier S.47.

[32] Federici, The Reproduction of Labour Power, S. 94f.

[32] Vgl. zur allgemeinen Diskussion um die Neue Landnahme Harvey, Der Neue Imperialismus. Hamburg 2005, S. 136-178) und zur Landnahme im Bereich der Reproduktion Dörre/Haubner Landnahme Durch Bewährungsproben – Ein Konzept für die Arbeitssoziologie, in: Klaus Dörre / Diter Sauer / Volker Wittke (Hg.): Kapitalismustheorie und Arbeit. Neue Ansätze soziologischer Kritik, Frankfurt/M. 2012, S. 74–91 und Feministische Autorinnengruppe, Das Theorem der neuen Landnahme: eine feministische Rückeroberung, in: Hans Baumann et al. (Hg.): Care statt Crash. Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus,. Zürich 2013, S. 99–118 (2013).

[33] Karl Marx, Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie Bd. 1, Berlin 1972, S. 542–545.

[34] So stellt McDowell, Working Bodies, einen unmittelbaren Zusammenhang her zwischen der Expansion des Care-Sektors und der Entstehung der sog. Working poor her, vgl. dazu ihr statistisches Material S. 38-42. Für Deutschland vgl. bspw. Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt, Vom Korporatismus zur Strategischen Allianz von Sozialstaat und Sozialwirtschaft: Neue ‚Sozialpartnerschaft‘ auf Kosten der Beschäftigten? In: Heinz-Jürgen Dahme, Archim Trube, Norbert Wohlfahrt (Hrsg.): Arbeit in Sozialen Diensten: flexibel und schlecht bezahlt? Baltmannsweiler 2007, S. 22-34.

[35] Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke Band 5, Ökonomische Schriften. Ostberlin 1978, S. 365.

[36] Luxemburg, Die Akkumulation, ebd.

[37] Dies kommt insb. in ihrer Schlussfolgerung zum Ausdruck: „Wenn der Kapitalismus also von nicht-kapitalistischen Formationen lebt, so lebt er genauer gesprochen, von dem Ruin dieser Formationen, und wenn er des nichtkapitalistischen Milieus zur Akkumulation unbedingt bedarf, so braucht er es als Nährboden, auf dessen Kosten, durch dessen Aufsaugen die Akkumulation sich vollzieht. Ohne sie kann die Akkumulation des Kapitals nicht vor sich gehen, die Akkumulation besteht aber, von dieser Seite genommen, im Zernagen und im Assimilieren jener. Die Kapitalakkumulation kann demnach sowenig ohne die nichtkapitalistischen Formationen existieren, wie jene neben ihr zu existieren vermögen. Nur im ständigen fortschreitenden Zerbröckeln jener sind die Daseinsbedingungen der Kapitalakkumulation gegeben“ Luxemburg, Die Akkumulation, ebd.

[37] Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke Band 5, Ökonomische Schriften. Ostberlin 1978, S. 314.

[38] Mies, Hausfrauisierung, Globalisierung, Subsistenzproduktion, in: Marcel von der Linden / Karl Heinz Roth (Hg.), Über Marx hinaus, S. 275.

[39] Veronika Bennholdt-Thomsen, Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion. Ein Beitrag zur Produktionsweisendiskussion, in: Hans Georg Backhaus et al. (Hg.), Gesellschaft: Beiträge zur Marxschen Theorie 14, S. 30–51 hier 43.

[40] Karl Marx, Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie Bd. 1, Berlin 1972, S. 657ff.

[41] Bennholdt-Thomsen, Subsistenzproduktion, S. 44.

[41] ebd.

[42] Bennholdt-Thomsen, Subsistenzproduktion, S. 34f.

[43] Die Schweiz berechnet seit Beginn der 2000er Jahre die Bruttowertschöpfung der unbezahlten Arbeit, vgl.: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/unbezahlte-arbeit/satellitenkonto-haushaltsproduktion.html . Zur Diskussion in Deutschland vgl.: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/WirtschaftStatistik/2016/02/UnbezahlteArbeit_022016.pdf?__blob=publicationFile

[44] Madörin, Zukunft der Care-Arbeit, S. 39–47.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.