Die Ikonographie des Klassenkampfs

Eine Zeitreise durch vergangene Wellen vormaliger Marxbegeisterung

Zum nahenden Ende des Marx-Jahres präsentieren wir eine kleine Auswahl von Marx-Plakaten aus dem Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die die Bildwelten vergangener Jahrzehnte lebendig werden lassen und Einblicke in die Geschichte der jüngeren bundesrepublikanischen Popkultur gewähren.[1]

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral - John Heartfields Fotomontage erschien 1931 im Zuge der Berichterstattung über den SPD-Parteitag in Leipzig: Nachdem der SPDler Wilhelm Sollmann Aussagen von Marx über die Arbeiter als reaktionär bezeichnet hatte, stellte Heartfield die Pazifizierung der SPD-Klientel mittels Regierungsbeteilung dar. Die Montage steht in der sozialkritischen Plakattradition der Weimarer Republik, die einin merklichen Kontrast zu den folgenden Plakaten bildet.

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Beim Barte des Propheten! - Die DKP nutzte für ihren Wahlkampf 1972 die Köpfe von Karl Marx und Angela Y. Davis, die - verbunden durch ihre jeweilige Haarpracht - gewissermaßen eine symbiotische Verbindung eingingen. Davis war nach ihrer Rückkehr in die USA 1968 dem afroamerikanische Che-Lumumba-Kreis innerhalb der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) beigetreten. Im bundesdeutschen Wahlkampfjahr hatte sie die DDR besucht und dort unter anderem eine Ehrung von Erich Honecker erhalten.

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Das Wort hat der Abgeordnete Marx - Worüber er wohl gesprochen hätte? Als guter Philologe hätte er mit Sicherheit etwas zu dem falsch wiedergegebenen, um die beiden Punkte auf dem ö bereinigte Zitat unter dem Plakat zu sagen gehabt.

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Auch wenn die DKP das seinerzeit weit verbreitete Logo der Trimm-Dich-Bewegung für ihre klassenkämpferischen Ziele nutzte, lief sie dem Feld der anderen Parteien bei der Bundestagswahl 1972 doch nur hinterher. Am Ende brachte die Partei gerade einmal 0,3% der Wählerstimmen ins Ziel.

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Rot, rot, rot sind alle meine Fahnen - Während andere im Mai 1968 ihren Marx raushängen ließen, versuchte sich die Bewegung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei an konkreten Reformen: Zeitgenössisches Plakat von W. A. Schlosser.

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Zur Sonne, zur Freizeit - Das Plakat aus der Volksrepublik China zeigt den Vordenker der werktätigen Massen beim Sonntagsausflug ins Grüne. Die Bildunterschrift lautet: „Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus, hatte sich nach der harten Arbeit immer Zeit genommen, mit seiner Frau und seinen Töchtern zu spielen. Engels nahm auch regelmäßig an solchen Aktivitäten der Familie teil. Dieses Gemälde stellt Marx in seinen späteren Lebensjahren dar, als er mit seiner Tochter Jenny (gleicher Name wie ihre Mutter), Enkel Jonny und Engels unterwegs war. Jonny ist auf dem Rücken von Marx geritten, als ob sein Großvater eine Kutsche wäre, um sich zu beeilen. Es zeigt, dass Marx im täglichen Leben die Arbeitszeit und Freizeit gut aufteilte. Er arbeitete hart. Allerdings wusste er auch, wie man ausruht und die nächste Generation liebt.“[2]

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Auch wenn das Werk der „nagenden Kritik der Mäuse“ anheimgefallen sein mag, die Selbstverständigung ist geglückt und damit das von Karl Marx im Vorwort der Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ postulierte Klassenziel erreicht ‑ so der selbstbewusste Tenor dieses Plakats.

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Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte - So heißt es zumindest bei Marx und Engels. Auf diesem Bild aus der Kursbuch-Redaktion sind gleich mehrere Lokomotiven mit verschiedenen Zügen unterwegs, aber dynamisch, geschweige denn fortschrittlich geht es dabei nicht gerade zu: Der von den letzten Getreuen gezogene Zug der DKP rumpelt abgehängt vor sich hin. Ihnen voraus fahren, mit etwas Dampf im Kessel, aber eigentümlich führerlos, die Reformisten. Und ganz vorne im Bildraum dreht sich, offensichtlich neben der Spur, die Lokomotive der Ikonen im Kreis. Ein Schelm wer da an die Selbstbezüglichkeit der Theorie denkt.

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Die 2 von der Weltrevolution - Die Zeitschrift Revolte schickt im Jahr 1973 Karl Marx und Bakunin gemeinsam auf die Reise, um für den Sozialismus zu werben. Montiert wurden die Köpfe der beiden Vordenker auf die Körper von - na klar! - Dick & Doof.

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Gruppenbild mit Damen - Das Ausstellungsplakat mit den abgebildeten Persönlichkeiten der 1969 gegründeten „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ setzt die politischen Wahlverwandtschaften der involvierten Künstler in Szene. Aufbau und Arrangement sowie die Abwesenheit bestimmter Persönlichkeiten fallen direkt ins Auge.

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Zeitschriftenherbst - Der junge Mann auf dem Plakat von 1975 bemerkt es sofort: Die Roten Blätter lassen in ihrer Gesamtheit den Marx durchscheinen. Was aber, wenn der Winter kommt?

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Der Klassiker - Nachdem die Deutsche Bahn 1966 mit eben diesem Spruch für sich und die Zuverlässigkeit ihrer Fahrdienste geworben hatte, machte der Stuttgarter SDS in seinem Wahlkampf 1968 deutlich, dass seine Überzeugungen nicht von der politischen Großwetterletterlage in der Bundesrepublik abhingen. Das schon bald zum Inventar jeder studentischen WG zählende Plakat avancierte zu einem ikonischen Bild der deutschen Popkultur.

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Eine gewitzte Abwandlung des Originals, die den Sozialismus als Alternative zur vermeintlich allgegenwärtigen Vetternwirtschaft anpreist.

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Völker, hört die Signale! - Die Freie Deutsche Jugend Westberlin, organisatorisch und finanziell der DDR verbandelt, sucht mit ihrer Singegruppe Anschluss an die aufkommende Folkbewegung. 

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Die Welt als Wille und Vorstellung - Für die Abteilung Agitation des ZK der SED war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ganze Welt rot sein würde. Da man die Geschichte hinter sich glaubte, konnte man getrost schon 1970 das Jahrhundert des Marxismus-Leninismus ausrufen.

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Die Revolution schläft nicht, sie liest. - Auf dem Bild leistet ein nachdenklicher junger Mann seinen Beitrag zur Befreiung der Arbeiterklasse.                                 

Fußnoten

[1] Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Reinhart Schwarz, dem Leiter des Archivs, der die Zeitreise ermöglicht hat.

[2] Der Dank der Redaktion gilt Xichu für ihre Übersetzung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Felix Hempe und Karsten Malowitz.