Soziologe avant la lettre

Zum 250. Geburtstag von G. W. F. Hegel. Einleitung zum Schwerpunkt

 

 

Die kleine Korrespondenz zwischen Hans Georg Gadamer und Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1962, die hier nachgelesen werden kann, bietet wohl genug Anlässe, um gleich ein halbes Dutzend Texte aufzusetzen, die sich allesamt mit Hegel, seinem Werk und seiner Wirkungsgeschichte beschäftigen. Doch wird es in diesem Hegel-Schwerpunkt, den wir anlässlich des 250. Geburtstags des Philosophen präsentieren, weder um das Ende der Philosophie noch um Hegels Anspruch gehen, diese Disziplin überhaupt erst als Wissenschaft begründet zu haben. Auch sollen uns weder eine so offenbar enervierenden Gestalt wie Heinz-Jürgen Schüring und dessen Arbeiten noch der Vortrag über „Hegel als Person“ beschäftigen, den Gadamer via Briefpost an Adorno schickte. Schließlich verfolgen wir auch nicht die Absicht, das spannungsreiche Verhältnis zwischen Hegel und seinen willensmetaphysischen Antagonisten Arthur Schopenhauer auszuleuchten. Und da wir von diesen Dingen Abstand nehmen, müssen wir schließlich sogar die wissenschaftspolitische Frontstellung ignorieren, die zwischen der eher dem Ostblock zugewandten Internationalen Hegel-Gesellschaft auf der einen und der von Hans Georg Gadamer auf der anderen Seite gegründeten Internationalen Hegel-Vereinigung bestand und die offiziell erst 2003, das heißt immerhin 14 Jahre nach Mauerfall, bei einem ersten gemeinsamen in Rotterdam veranstalteten Kongress aufgelöst wurde. Am Ende haben wir selbst auf die Schilderung der Umstände verzichtet, aufgrund derer Jürgen Habermas zwischen die Fronten geriet, was ihm Mitte der 1970er-Jahre, ausgelöst durch sein Bestreben, am Moskauer Hegel-Kongress der Internationalen Hegel-Gesellschaft teilzunehmen, eine Auseinandersetzung mit dem Gründer der Gesellschaft, das heißt mit Wilhelm Raimund Beyer, bescherte. (Wer den ebenso informativen wie unterhaltsamen Briefwechsel zwischen Habermas und Beyer nachlesen möchte, findet ihn hier).

Natürlich muss sich ein Schwerpunkt, der Texte versammelt, die einen Denker ehren sollen, der vor 250 Jahren das Licht der Welt erblickte, an das halten, was Adorno so treffend „die Interpretation Hegel’scher Wahrheitsgehalte“ nennt. Von ihnen ist bei Andreas Arndt die Rede, der ausdeutet, wie Hegel die bürgerliche Gesellschaft und den Staat begrifflich ins Verhältnis setzt. Arndt arbeitet heraus, dass Hegel die individuellen Freiheitsrechte der vergesellschafteten Personen als eine sich gegenüber dem Staat verselbständigende Sphäre zur Geltung bringt. Zugleich ist dem Soziologen avant la lettre jedoch völlig klar, warum sie der Einhegung durch den Staat bedarf. Ihre immanente Tendenz zur Durchsetzung partikularer Interessen gefährdet die Grundlagen eines Staates, der doch nur dann verdient, vernünftig genannt zu werden, wenn er das Soziale in seiner für die Rechtspersonen verbindlichen Allgemeinheit erfolgreich verkörpert. Dass ein entfesselter Kapitalismus toxisch für die bürgerliche Gesellschaft sein würde, sieht Hegel also bereits lange vor dessen globaler Durchsetzung.

Es zeichnet sich also das Bild eines Gesellschaftsanalytikers ab, der um die Zerrissenheit der Moderne weiß und sie nicht zuletzt deshalb begrifflich zu fassen sucht, weil er auf Versöhnung der gesellschaftlichen Verhältnisse zielt, unter denen er selbst gelitten hat. Gerade weil Hegel, wie Adorno bemerkt, als Person ganz hinter seinem Werk zurücktritt, könnte es lohnenswert sein, dem Leben dieses Philosophen nachzugehen.

Vor wenigen Tagen erschien Jürgen Kaubes Hegels Welt, nachdem sich der Feuilleton-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuletzt mit einem anderen Theoretiker der Moderne befasst hat, nämlich mit Max Weber. Wir sind ihm und seinem Verlag Rowohlt Berlin dankbar dafür, einen Auszug aus dieser Monografie veröffentlichen zu dürfen. Und da wir ein Portal für Gesellschaftsbeobachtung sind, musste es eine Passage aus dem Kapitel sein, in dem Kaube die Phänomenologie des Geistes aufblättert. Die Philosophin Annette Sell hat Kaubes Buch für uns gelesen, sie würdigt seine Darstellung als gelungene Rückprojektion von Hegels Philosophie in die zeitgeschichtlichen Umstände, unter denen er gelebt und gedacht hat.

Doch ist Kaubes Monografie nicht der einzige Beitrag, der pünktlich zum „Hegel-Jahr 2020“ in der Absicht erschien, Leben und Werk in Beziehung zu setzen. Auch Klaus Viewegs Biografie Hegel. Ein Denker der Freiheit, bereits Ende letzten Jahres veröffentlicht, verfolgt dieses Anliegen. Was bei Vieweg zu lernen ist, kann man in Martin Bauers Literaturessay nachlesen und auch erfahren, welche Fragezeichen an diese viel gepriesene Biografie anzubringen sind.

Angesichts all der mehr oder weniger verdienstvollen Sekundärliteratur kann unser finaler Appell nur lauten: „Hegel lesen!“. Dieser Aufforderung verleiht Dietmar Dath mit seinem bei Reclam erschienenen Einführungsbändchen Hegel. 100 Seiten Nachdruck. Offenbar erfolgreich, denn Florian Paetows Rezension lobt Daths kompaktes Vademecum als eine gelungene Einladung, sich der alles andere als leichten Aufgabe zu stellen, Hegel endlich im Original zu lesen.

- Die Red.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Hannah Schmidt-Ott.