Rainer Schmalz-Bruns

Ein Nachruf

Foto: privat

 

Der Tod von Rainer Schmalz-Bruns markiert für die Geschichte der Politischen Theorie in Deutschland einen Einschnitt, der sich auch wissenssoziologisch bemerkbar machen wird. Mit Schmalz-Bruns verliert die Politische Theorie ein wichtiges Bindeglied zur restlichen Politikwissenschaft. Dieser Verlust ist zugleich ein Warnsignal in einer Zeit, in der an manchen universitären Standorten der Nachkriegskonsens aufgekündigt zu werden scheint, wonach in jedes politikwissenschaftliche Institut eine Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte gehört. Die Politische Theorie ihrerseits verliert eine vermittelnde Figur, die nicht nur auszugleichen verstand zwischen den Vertreterinnen normativer Ansätze und denjenigen einer Theorie der Politik, sondern ihr Zusammenwirken in einem ebenso anspruchsvollen wie paradigmatischen Konzept sozialwissenschaftlicher Theoriebildung gebündelt hat. Schmalz-Bruns verwahrte sich gegen einen historistischen oder moralischen, vor allem aber gegen einen antinormativen Reduktionismus, unerschütterlich verankert in einer institutionalistischen Sichtweise, die sein Denken in diagnostischer ebenso wie in präskriptiver Hinsicht anleitete. Das Scharnier, das seine komplexe Theorie für die Verbindung unterschiedlicher Zugangsweisen zum Gegenstandsbereich anbot, lag in seiner Konzeption von Demokratie, deren Modernisierung auf dem historischen Weg zu einer postnationalstaatlichen Konstellation zu seinem Lebensthema wurde.

Seine akademische Karriere verlief geradlinig, ganz nach seiner Devise, wo immer möglich „eine gerade Furche“ zu ziehen. Nach einem Lehramtsstudium in Hamburg verzichtete Schmalz-Bruns auf das Referendariat und promovierte stattdessen 1989 mit einer Arbeit unter dem Titel Alltag – Subjektivität – Vernunft. Praxistheorie im Widerstreit, die die postmarxistische Phänomenologie aus Frankreich als wesentlichen Strang im philosophischen Diskurs der Moderne, nicht der Postmoderne, wie man damals sagte, etablierte. Im gleichen Jahr legte er einen interdisziplinären Forschungsbericht zur Institutionentheorie vor, ein Kernunternehmen der 1984 gegründeten Theoriesektion innerhalb der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, auf dessen Basis dann ein großangelegtes DFG-Schwerpunktprogramm „Zur Theorie politischer Institutionen“ entstand. Damit stand er bereits mitten in den Auseinandersetzungen um die Professionalisierung der Disziplin, die damals wie heute aufs engste mit ihrem standing in der Forschungsförderung zusammenhängen. Als wissenschaftlicher Assistent ging Schmalz-Bruns 1989 an die Universität der Bundeswehr, die heutige Helmut Schmidt-Universität; die Habilitation erfolgte dann 1994 an der Universität Hamburg mit seiner Arbeit Reflexive Demokratie, die als systematischer Bezugspunkt seine gesamte spätere Forschung anleiten würde. Nach einer einjährigen Professurvertretung in Gießen wechselte Schmalz-Bruns 1997 als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an die Technische Universität Darmstadt; gleichzeitig übernahm er von 1997 bis 2003 das Amt des Vorstandssprechers in der Sektion für Politische Theorie und Ideengeschichte. 2005, nach einem einjährigen Aufenthalt am Berliner Wissenschaftskolleg, wechselte Schmalz-Bruns auf die Professur für Ideengeschichte und Theorien der Politik an die Leibniz-Universität Hannover. In seiner Hannoveraner Zeit übernahm er von 2010 bis 2016 die Leitung der Politischen Vierteljahresschrift (PVS), der Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft. Schmalz-Bruns verstand die PVS als einen Ort, „an dem die wechselseitige Wahrnehmung der Teildisziplinen, ihrer Themen und Vertreter_innen organisiert wird“, wie er in einem Interview sagte, das heißt als Organ der Selbstverständigung einer von zentrifugalen Kräften bestimmten Fachöffentlichkeit.

Die Darmstädter Zeit und das Engagement für die Theoriesektion strukturieren im Rückblick sein wissenschaftliches wie organisatorisches Schaffen. Die Theoriesektion bildete schon seit den späten 1980er-Jahren das Zentrum seiner Betätigung im Wissenschaftssystem, und noch für lange Jahre, nachdem Jüngere die Vorstandsarbeit übernommen hatten, war er ihr pochendes Herz. Die Sektion war von Anfang an vor allem ein Professionalisierungsorgan der Zunft, die in einer Findungsphase der deutschen Politikwissenschaft eine neue Existenzberechtigung für die Politische Theorie allererst erarbeiten musste und sich nicht mehr auf die natürliche Autorität der klassisch gebildeten Gründungsväter zurückbeziehen konnte. Die Sektion reproduzierte sich damals wie heute über zwei jährliche Tagungen, deren Ergebnisse in Sammelbänden (Nomos-Verlag, Baden-Baden) unter Schmalz-Bruns’ Schriftleitung oder Herausgabe bahnbrechend waren. Trotz des abgebildeten Pluralismus enthalten sie Auseinandersetzungen, die uns heute fast neidvoll auf eine Selbstgewissheit der Diskurse schauen lassen, die nur auf der Basis der wechselseitigen Identifizierung als jeweils maßgebliche Gesprächspartner möglich war. Während heute jungen Wissenschaftlerinnen davon abgeraten wird, ihre Ergebnisse in Bänden, die nicht blind begutachtet werden, zu publizieren, um sich nicht der kritischen Auseinandersetzung und Qualitätskontrolle zu entziehen, dienen die Sektionsbände in der von Schmalz-Bruns geprägten Phase gerade zur Dokumentation einer agonalen, wiewohl zentripetalen Kultur, die ihre Fortschrittsimpulse aus einem öffentlich vollzogenen peer review zieht. Ein Vorteil dieser schwindenden Kultur ist gewesen, dass die restliche Politikwissenschaft genau verfolgen konnte, was im Zentrum der Politischen Theorie vor sich ging, welche avantgardistischen Diskurse sie für den Rest des Fachs erschloss und welche gesellschaftstheoretischen Ansätze sie zum Pflichtprogramm machte. Seither hat ein Prozess der Ausdifferenzierung eingesetzt, den Schmalz-Bruns im Blick auf die internationale Anschlussfähigkeit unterstützt, vor dessen Folgen im Sinn einer zunehmend weniger Verbindlichkeit stiftenden Diskussion er freilich gewarnt hat. Seit sich in der Politikwissenschaft wie in den umliegenden Fächern die Diskussion globalisiert hat und internationale, oft sektorale Anerkennung zur vorrangigen Währung zuhause geworden ist, hat sich die Frequenz und einordnende Kraft produktiver Konflikte und orientierender Kontroversen in womöglich riskanter Weise verringert.

Andererseits sah Schmalz-Bruns die Theoriesektion auch als professionspädagogisches Projekt, in dem er mehrere nachwachsende Generationen mit den Anforderungen, die eine akademische Karriere an sie stellt, allererst bekannt machte. Seine Fähigkeiten als Mentor und seine Bereitwilligkeit, sie auf höchst egalitäre Weise auszuüben, sind legendär. Als Lackmustest der Ernsthaftigkeit von Studierenden und Nachwuchsleuten konnten auch seine architektonisch durchstrukturierten Texte dienen. Seine oft furchteinflößende Syntax stellte für viele eine Bewährungsprobe dar. Aber wie wollte man das, was zum Stand der Diskussion gleichzeitig zu bedenken war, in Sätzen würdigen, die weniger als zwölf Zeilen umfassen? Sein Stil der Auseinandersetzung war darauf gerichtet, dem jeweiligen Gegenstand in seinen Facetten gerecht zu werden, um umfassende, leicht ironische, aber stets zivile Kritik zu üben. Viele seiner besten Aufsätze formulierte er daher im Zwiegespräch, in Bänden, die sich dem Werk von Autorinnen wie Heidrun Abromeit, Herfried Münkler oder Jürgen Habermas widmen.

Schmalz-Bruns gehörte zum Typus des Gelehrten, für den sich ein autonomes Wissenschaftssystem aus Korporationen, nicht Eremiten zusammensetzt. Sein Respekt für sein Heimatinstitut an der Universität Hamburg resultierte auch aus der Anerkennung der strategischen Fähigkeit, von Siegfried Landshut bis Christine Landfried nicht weniger als sechs Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft hervorgebracht zu haben. An Figuren mit hoher Organisationsenergie wie Hans-Hermann Hartwich imponierte ihm das „zähe und konfliktreiche Ringen um ein modernes Selbstverständnis des Fachs [unter] inneren und äußeren Belastungs- und Bewährungsproben“ – eine Beschreibung, die auch als Selbstportrait durchginge. In seiner eigenen Produktion hielt er dagegen – trotz einer großen Anzahl kooperativer Projekte mit mehreren Generationen von Kolleginnen – nichts von den Imperativen einer „betriebsmäßigen Forschung“, die jüngere Wissenschaftlerinnen zu ausführenden Organen degradiert. Innerhalb der Organisation war Schmalz-Bruns kein abständiger Stratege, sondern vielen ein enger, zugewandter, jederzeit belastbarer Freund. Sie werden es als schmerzlich empfinden, dass ihm unter gegenwärtigen Bedingungen kein Abschied von Sartre’schen Ausmaßen bereitet werden kann.

Da seine bedeutende Hamburger Habilitationsschrift, die eine noch weitgehend nationalstaatlich eingehegte Reflexive Demokratie entwirft, bereits andernorts fachkundig gewürdigt wurde, soll hier vor allem seinem zweiten unverzichtbaren Beitrag zur Politischen Theorie der Gegenwart, seinen Schriften zur Demokratie unter Bedingungen der Globalisierung, nachgegangen werden, die seit der Darmstädter Zeit ab 1997 entstanden. Das Darmstädter Institut, an dem damals Heidrun Abromeit und Klaus Dieter Wolf wirkten, war eines der stärksten der Republik.[1] Dort führte Schmalz-Bruns die emergierenden Diskussionen über die Legitimität transnationalen Regierens und den Formwandel der Demokratie zusammen, die aus den Internationalen Beziehungen, der Vergleichenden Politikwissenschaft und sogar aus der Policy-Forschung kamen, und verpasste ihnen ein gemeinsames diskursives Gerüst in dem, was er 1999 in der Zeitschrift für Internationale Beziehungen auf den Begriff des „Deliberativen Supranationalismus“ brachte. Die Darmstädter Sozialwissenschaftlerinnen hatten den methodischen Nationalismus früher als andere hinter sich gelassen und testeten funktionale Äquivalente für elektorale Zustimmung daraufhin, ob sie nicht ebenso legitimitätswirksam werden könnten. Schmalz-Bruns hat sich durch die Alternativen einer rein moralischen Legitimation oder einer durch Expertise nie beeindrucken lassen; daher überzeugte ihn auch der Ansatz von Christian Joerges und Jürgen Neyer wenig, in den Deliberationen auf der administrativen Ebene der Europäischen Union ein Anschlussprojekt für nationalstaatliche Demokratie zu sehen. Sein eigenes Demokratieprojekt verlangte von den Institutionen jenseits des Nationalstaats, „reflexive, aktivierende und prozessperfektionierende“ Elemente miteinander zu verbinden, um den Nationalstaat beerben zu dürfen, ohne seine Funktionen vollständig zu absorbieren. Eine epistemische Verbesserung der outputs konnte nur unter der Bedingung als Fortschritt gelten, dass die Teilhabemöglichkeiten verallgemeinert wurden und die zur konstitutionellen Transformation berechtigten Akteure auch Herren des Verfahrens blieben. Der Schlüsselbegriff seines Denkens ist daher die „hierarchische Selbsteinwirkung“, zu der Bevölkerungen auch jenseits staatlicher Grenzen noch in der Lage sein müssten. Diese angemahnte Fähigkeit zur Selbstintervention hat Schmalz-Bruns gegenüber kommunikativen und kontestatorischen Governance-Modellen nie zur Disposition gestellt. Damit hat der Autor des „Deliberativen Supranationalismus“ auf fast schon ironische Weise den neuwestfälischen Zug, der die Entwicklung der globalen Ordnung und ihre Begleitforschung seit mehr als einem Jahrzehnt kennzeichnet, gerade in seinen programmatischen Beiträgen zur Überwindung des nationalen Regierens deutlich vorweggenommen.

„Hierarchische Selbsteinwirkung“ ist nichts anderes als das, was vom Staat übrigbleiben muss, um Ideen demokratischer Selbstbestimmung jenseits der Allmachtsfantasien des Souveränitätsdenkens in die Gegenwart zu retten. Die Fähigkeit zur Selbsteinwirkung darf aber nicht mit dem effektiven Krisenmanagement verwechselt werden, das uns gegenwärtig als überlegenes Merkmal digital-autokratischer Herrschaft verkauft wird. Sie zeigt sich Schmalz-Bruns zufolge nicht in der Verfügung über Gewaltmittel oder Ordnungspolitiken, sondern in der institutionell gewährleisteten Fähigkeit, in die Programmierung der eigenen Normierungs- und Machtpotenziale selbst noch einmal transformierend eingreifen zu können. Demokratie bezeichnete dann hauptsächlich noch die Fähigkeit, die Bedingungen politischer Arbeitsteilung selbsttätig zu bestimmen. In der transnationalen Politik, so geschmeidig sie auf die verschiedenen Notstandsangebote des 21. Jahrhunderts reagieren mag, ist damit allerdings eine große Abwesende bezeichnet. Was in einer Zeit, in der wir von einem exekutivischen Notstand zum nächsten hasten, vor allem zu vermissen ist, sind gerade reflexive institutionelle Vorkehrungen, in denen die Neuanordnung von Macht und Befugnissen auf eine den Tageserfordernissen entzogenen Weise geplant und durchgeführt werden könnte. Was zu tun wäre, um in der gegenwärtigen Lage etwa die flexiblen europäischen Reaktionen auf die voraussagbaren Zyklen von Ausnahmesituationen verfassungsförmig programmieren zu können – sei es durch Änderung der Verträge, basisdemokratische Initiativen oder die Einrichtung verfassunggebender Versammlungen – entzieht sich gegenwärtig zwar nicht der demokratischen Imagination, wohl aber seriöser Voraussage.

Transformationen sind, so Schmalz-Bruns, insofern dem Historischen Institutionalismus verpflichtet, jedenfalls auf solche „critical junctures“ angewiesen, um sich in der Wirklichkeit zur Geltung zu bringen. Seine jüngeren Arbeiten waren, darin einem anderen elder statesman der Politikwissenschaft, Claus Offe, vergleichbar, von einer zunehmenden Sensibilität für „Eintrittswahrscheinlichkeit[en]“ geprägt, und nicht eben optimistisch. Unter konstruktiver Perspektive stellen diejenigen „Elemente von Staatlichkeit“, auf die jede hierarchische Selbsteinwirkung zurückgreifen muss, bleibende Erfolgsbedingungen politischer Vergesellschaftung auch jenseits des Nationalstaats dar. Schmalz-Bruns ist zur Ausarbeitung seiner staatstheoretischen Überlegungen angesichts der veränderten zeithistorischen Umstände nicht mehr gekommen, aber wir hätten seinen Beitrag gut gebrauchen können, nicht zuletzt, um die falsche Alternative zwischen der Verteidigung nationaler Sicherheits- und Sozialstaatlichkeit und der Unterwerfung unter die Systemimperative supranationalen Regierens zurückzuweisen.

Am 30. März 2020 ist Rainer Schmalz-Bruns im Alter von 65 Jahren in Lüneburg gestorben.

Fußnoten

[1] Dazu trug neben der frühen Adoption eines governance-theoretischen Vokabulars als lingua franca der Teildisziplinen auch seine gefürchtete Fußballmannschaft bei. Manche erinnern Schmalz-Bruns in der Rolle eines Günter Netzer, doch verriet seine Position als klassischer 4er, dass er seine Qualitäten eher in der Rolle des Abräumers sah. Eleganz zeigte er auf dem Tennisplatz.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.