Walburga Hülk | Essay |

Flauberts Glanz, Baudelaires Elend

1857 / 1867

Kuratierte Reizüberflutung

Charles Baudelaire wurde am 9. April 1821 in Paris geboren, im selben Jahr wie Gustave Flaubert, und starb dort am 31. August 1867. In diesem Jahr zeigte Paris sich der Welt als „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, von April bis November kamen elf Millionen Besucher zur zweiten Pariser Weltausstellung. Wer mit dem Fesselballon über Paris schwebte und aus hoher Luft hinabschaute, sah auf dem Champ de Mars ein eiförmiges Gelände, einem riesigen Stadion der Zukunft ähnlich. Die Besucher am Boden betraten eine Traumfabrik und erlebten Industrie-, Landwirtschafts- und Kunstausstellung, Wunderkammer, Schaufenster und Rummelplatz gleichzeitig. Sie staunten über die französisch kuratierte Vielfalt der Kulturen, die sich in exotistischen Länderpavillons und Aufführungen „landestypischer“ Darbietungen zeigte,[1] und starrten in die Rohre von Krupp-Kanonen, die drei Jahre später im Deutsch-Französischen Krieg das Ende des Second Empire herbeiführen würden. Mit dem illustrierten Paris Guide erkundeten die Touristen die Schätze des vieux Paris und die in großen Teilen haussmannisierte ville lumière, die mit unendlichem Spaß lockte. La vie parisienne, das hieß: atemloses Vergnügen. Wer genug Geld hatte, konnte sich alle Wünsche erfüllen.

Bereits um 1850 war Paris eine Metropole mit mehr als einer Million Einwohnern, nach London die größte Stadt Europas. Verdichtung, Beschleunigung, Reizüberflutung und Fortschrittskult prägten das Leben und die Wahrnehmung der Einwohner. Die Grands Boulevards und der Grand Louvre waren eingeweiht, das Kaufhaus Le Bon Marché, neue Bahnhöfe, Theater, Hotels, Restaurants und die Pferderennbahn von Longchamp eröffnet worden. In den Cafés hatte man die Stühle zur Straße hin aufgestellt, denn die Straße war die größte Attraktion.[2] Von den Balkonen der gleichförmigen, eleganten Häuser – wie später auf dem berühmten Bild Édouard Manets, Le Balcon (1877), und auf Gemälden Gustave Caillebottes – schauten Bürger distanziert ins Leere oder hinab auf das Gedränge in den Straßen.[3] Flaneure stellten demonstrativ das Privileg des Müßiggangs aus, trotzten Hektik und Stress und setzten sich Begegnungen aus, die so plötzlich, flüchtig und grundstürzend sein konnten wie der tiefe Blick einer unbekannten Passantin oder der Klang eines zufällig aufgeschlagenen Prosagedichts (in einer Sammlung kurzer Texte, die noch nicht veröffentlicht war). Angestellte auf dem Weg in Büros und Läden hasteten an ihnen vorbei, während sich Elende, die in den schönen Stadtvierteln herumirrten, den Kopf an Hauswänden stießen – gerade so, als wären sie aus Gedichten Baudelaires ins Leben geworfen worden.[4]

Ärger und Verdruss

Im August 1867, als Paris feierte, starb Baudelaire in einer psychiatrischen Klinik im 16. Arrondissement. Er war im März 1866, auf einer Vortragsreise, in Namur zusammengebrochen. Die Notizen zu einer Rezension von Victor Hugos Roman Les Travailleurs de la mer, den ihm Adèle Hugo in Brüssel mit einer Widmung des Autors „an den Freund“ überreicht hatte, sind seine letzten Aufzeichnungen.[5] Madame Hugo schrieb an ihren Mann, der noch immer zusammen mit seiner Geliebten Juliette Drouet im Exil auf Guernsey ausharrte, Baudelaire sei verloren. Selbstverausgabung, Armut, Bitternis, Opium und die Syphilis hatten ihn ausgezehrt, wer die späten Porträts aus dem Atelier Nadar betrachtet, erkennt blitzartig die Verfasstheit des noch immer elegant gekleideten Mannes.[6] Das letzte Feuerwerk des Zweiten Französischen Kaiserreichs, dessen Dichter er war, nahm Baudelaire nicht mehr wahr.

Baudelaire hatte bereits in den 1840er Jahren Gedichte geschrieben, die Gründung bohemischer Zeitungen – darunter Le Corsaire Satan und Le Sans le Sou[7] begleitet und begonnen, mit Übersetzungen, Literaturkritiken und kunstkritischen Salons seinen Lebensunterhalt zu verdienen.[8] Doch die meisten und vor allem seine berühmten Texte, Les Fleurs du Mal, Le Peintre de la vie moderne und Petits poèmes en prose / Le Spleen de Paris, sind in den knapp zwanzig Jahren des Second Empire entstanden. Statt Ruhm zu Lebzeiten brachten sie ihm, sofern sich überhaupt ein Verleger fand, öffentlichen Ärger und Verdruss ein.

1857 war eines seiner ärgsten Jahre. Im Einvernehmen mit der katholischen Kirche hatte sich das Second Empire Napoleons III. hinter Überwachungs- und Zensurpolitik verschanzt, Razzien in oppositionellen Milieus waren an der Tagesordnung. Baudelaire, der 1848 die Barrikaden und die Zweite Republik begrüßt hatte, äußerte sich nicht mehr zur Politik. An Narcisse Ancelle, den die Familie zu seinem Rechtsbeistand bestimmt hatte, schrieb er nach dem Staatstreich am 2. Dezember 1851, dieser Tag habe ihn „physisch entpolitisiert“.[9] Gleichwohl saß er 1857, sieben Monate nach Flaubert, vor der 6. Kammer des Strafgerichts im Département Seine auf der „Bank für die Gauner“ (sur le bancs des escrocs).[10] Die Anklage gegen beide lautete: Verstoß gegen die öffentliche Moral und die guten Sitten.

Die Immoralisten

Von allen „Immoralismusprozessen“, die im Second Empire – im Falle Eugène Sues post mortem – geführt wurden, sind diejenigen gegen Flaubert und Baudelaire bis heute am besten in Erinnerung geblieben. Vier Jahre zuvor mussten sich die Brüder Goncourt aus nichtigem Grund vor der Strafkammer einfinden: Sie hatten ein frivoles, längst vergessenes Gedicht aus dem 16. Jahrhundert wiederentdeckt und veröffentlicht.[11] Die Einschränkung der Kunstfreiheit wurde damals, nicht anders als in aktuellen, zunehmend vergifteten Kulturdebatten, mit gesellschaftlichen Normen gerechtfertigt. Mit dem Unterschied allerdings, dass diese Normen damals nicht mehr verhandelbar waren. Flaubert wurde freigesprochen und Madame Bovary zum Druck freigegeben. Das war der Beginn einer wunderbaren Karriere, dank seines exzellenten Verteidigers Jules Sénard und des Einsatzes von Princesse Mathilde, der freigeistigen Cousine des Kaisers, die man im literarischen Betrieb „Notre-Dame-des-Arts“ nannte. Flaubert verkehrte fortan in ihrem Salon in der Rue de Courcelles und schrieb ihr galante Briefe.

Baudelaire war niemals dort. 1857 versagten seine Netzwerke. Les Fleurs du Mal waren am 21. Juni in 1100 Exemplaren von Baudelaires Freund Auguste Poulet-Malassis und dessen Compagnon publiziert worden. Sofort setzte eine Kampagne gegen Autor und Werk ein. Am 11. Juli schrieb Baudelaire an Poulet-Malassis: „Schnell, verstecken Sie, aber verstecken Sie die ganze Ausgabe gut, 900 Exemplare müssen Sie noch haben.“[12] Minutiös rechnete er nach, wo die anderen Exemplare verblieben sein müssten, und warf dem Verleger vor, das Buch nicht seriös auf den Weg gebracht und dem Figaro – wenngleich damals noch nicht die große rechtsbürgerliche Zeitung von heute – einige Exemplare überlassen zu haben. Denn dort hatte der Kritiker Gustave Bourdin am 5. Juli die Fleurs du Mal als abscheuliche Ausgeburt eines kranken Hirns verrissen, ein Buch wie „ein Krankenhaus, offen für jeden Wahnsinn des Geistes und alle Fäulnisse des Herzens.“[13] Zwei Tage später beauftragte das Büro für öffentliche Sicherheit im Innenministerium die Staatsanwaltschaft, Anklage zu erheben und alle Exemplare zu konfiszieren.

Fiebrig, mit großer Dringlichkeit suchte Baudelaire Rat und Unterstützung. Er wandte sich an Kollegen, Freunde, einflussreiche Vertreter des Literaturbetriebs und Vertraute von Princesse Mathilde: an Gautier, du Camp, Sainte-Beuve, Flaubert, an Hugo, dessen Stimme immer wieder laut über den Ärmelkanal schallte, und an die Salonnière Mme Sabatier („La Présidente“), die nicht nur dem Dichter ihre Reize darbot, sondern auch dem Grafen Morny, Halbbruder des Kaisers, Regisseur des Staatsstreichs, graue Eminenz des Second Empire und berüchtigter Akteur des Demi-monde. Und er schrieb an den für die Konfiszierung zuständigen Staatsminister Achille Fould.

Vergebliche Mühen. Der Prozess eröffnete am 20. August, die Anklage war schneidend, erniedrigend. Baudelaires Anwalt Gustave Chaix d’Est-Ange zeigte sich, anders als Flauberts Verteidiger Sénard, dem Staatsanwalt Ernest Pinard nicht gewachsen. Am Ende wurden sechs Gedichte – „Les Bijoux“, „Le Léthé“, „A celle qui est trop gaie“, „Lesbos“, „Femmes damnées (Delphine et Hippolyte)“, „Les métamorphoses du vampire“ – verboten, die Verleger zu je 100 Francs und der Autor zu 300 Francs Geldstrafe verurteilt. Das sind nach heutiger Rechnung etwa 1200 Euro, eine für die damalige Zeit gewaltige Summe, fast ein Viertel vom Jahresgehalt eines Arbeiters.[14] Baudelaire konnte das Geld unmöglich aufbringen.

An eine Kaiserin

Am 6. November 1857 schrieb er in seiner eleganten, schnörkellosen Handschrift an die Kaiserin, adressierte sie mit der förmlichen Anrede „Madame“ und nannte sich selbst in der alten Schreibweise „poëte.“[15] Es lohnt sich, diesen sarkastischen, stolzen und verzweifelten Brief ganz zu lesen:

Charles Baudelaires Brief vom 6. November 1857 an die Kaiserin Eugénie, Archives Nationales (France)

„Es bedarf der ganzen ungeheuren Anmaßung eines Dichters, um es zu wagen, die Aufmerksamkeit Eurer Majestät für einen so kleinen Fall wie den meinigen in Anspruch zu nehmen. Ich hatte das Unglück, für eine Gedichtsammlung namens Les Fleurs du Mal verurteilt zu werden, nachdem mich die schreckliche Freizügigkeit meines Titels nicht genügend geschützt hatte. Ich hatte geglaubt, ein schönes und großes, vor allem klares Werk geschrieben zu haben; es wurde als so dunkel beurteilt, dass ich verurteilt bin, das Buch zu überarbeiten und einige Stücke (sechs von hundert) zurückzuziehen. Ich muss sagen, dass ich von der Justiz mit bewundernswerter Höflichkeit behandelt worden bin und noch der Wortlaut des Urteils die Anerkennung meiner hohen und reinen Absichten bedeutet. Aber die Geldstrafe, um für mich unverständliche Kosten gewachsen, überschreitet die Möglichkeiten der sprichwörtlichen Armut der Dichter, und, ermutigt durch so viele Beweise der Hochachtung, die ich von so hochgestellten Freunden erhalten habe, und zur gleichen Zeit überzeugt davon, dass das Herz der Kaiserin offen ist für Mitleid angesichts aller misslichen Drangsal, der geistigen wie der materiellen, habe ich mir, nach zehntägiger Zauderei und Schüchternheit, vorgenommen, um die höchst huldreiche Güte Eurer Majestät zu ersuchen und Euch zu bitten, für mich beim Justizminister vorzusprechen.“

Der Brief schließt mit der Bitte, die Kaiserin möge die Bekundung der Empfindungen höchsten Respekts annehmen, die „der äußerst hingebungsvolle und gehorsame Diener und Untertan Charles Baudelaire, 19, quai Voltaire, die Ehre habe, Ihrer Majestät entgegenzubringen.“[16] Es ist davon auszugehen, dass der jungen, gottesfürchtigen Kaiserin aus altspanischem Adel die Wahrung der guten Sitten und der Moral im Sinne von Kirche und Staat äußerst wichtig war. Auch bewarb sie sich mit spektakulären Wohltätigkeitsaktionen um den Rang einer Kaiserin der Herzen. Möglicherweise setzte sie sich bei dem mächtigen Innenminister Adolphe Billault für Baudelaire ein, weil sie erneut ihr huldreiches Wirken unter Beweis stellen wollte.

Vielleicht berührte Baudelaires Brief sie tatsächlich. Wir wissen es nicht. Ihre Intervention jedoch erwirkte die Absenkung der Strafsumme auf 50 Francs. 50 Francs, das war für Baudelaire immer noch viel und alles war teuer, selbst das Holz für den Winter, das gerade geschlagen wurde. Aber ein kleiner Sieg war dieser Ausgang des Verfahrens doch. Hugo hatte ihm schon am 30. August geschrieben, die Blumen des Bösen leuchteten wie Sterne, er rufe dem entschlossenen Geist mit aller Kraft „Bravo“ zu und gratuliere ihm zur Verurteilung: „Eine der raren Auszeichnungen, die das aktuelle Regime zu vergeben hat, eine Krone mehr. Ich schüttele Ihnen die Hand, poëte.“[17]

Wer Baudelaires Korrespondenz aus den 1850er und 1860er Jahren liest, stößt auf zahlreiche Bittbriefe. Ebenso wie Balzac, Gautier und andere Kollegen hatte er sich längst aus den alten Bohèmezirkeln verabschiedet, in denen Armut als Adelsprädikat idealisiert worden war. Stattdessen strebte er, bei gleichzeitiger Betrübnis über die „käufliche Muse“, nach Erfolg und symbolischen Kapital.[18] Versuche der Konsekration, wie seine 1861 von Flaubert mit einem Empfehlungsschreiben unterstützte Kandidatur für die Aufnahme in die Académie Française, schlugen fehl, es war ja auch, genau besehen, ein provozierend vermessenes, geradezu groteskes Unterfangen.

Stets aber fehlte das Geld, und das unstete Leben hatte ihn ausgelaugt. Immer wieder wandte er sich an Ancelle und die Mutter, mal bat er um 500, mal um 300 Francs. Mehrfach schickte er, ohne Erfolg, ein Gesuch an den Präsidenten der Société des Gens de Lettres, der 1837 von Louis Desnoyers mit Balzacs, Hugos und Sands Hilfe begründeten Schriftstellergewerkschaft. Einmal teilte er dem Adressaten mit, er benötige dringend 100 Francs.[19] Aufträge blieben aus oder es fiel ihm schwer, ihnen nachzukommen, wie beispielsweise einem Brief aus dem Winter 1853/54 an Fernand Desnoyers, ein Mitglied der Bohème um Henri Murger, zu entnehmen ist.

Dieser lud ihn ein, sich an einer Sammlung von Naturgedichten zu beteiligen, gemeinsam mit Hugo, Gautier, Sand, Janin, Lamartine, Musset, Nerval, Béranger, Champfleury. Ein illustrer Autorentreff also. Baudelaire antwortete, er empfinde keine Zärtlichkeit für Pflanzen, und die neue Naturreligion, in ihnen Gott zu erkennen, sei „für jedes spirituelle Wesen shocking“. Er glaube gar, es gebe „in der blühenden Natur etwas Schamloses und Trauriges. Tief im Wald, eingesperrt unter den Gewölben, die an jene der Sakristeien und Kathedralen erinnern“, denke er an „die staunenswerten Städte“. Er schickte Desnoyers im selben Brief zwei Gedichte, Les deux crépuscules – die Dämmerungen des Abends und des Morgens: „Der Abend, Freund des Verbrechers, [...] kommt wie ein Komplize [...] Inmitten der Lichter, die der Wind peinigt / entzündet sich die Prostitution in den Straßen [...]“. „Und die Verruchten kehrten heim, von ihren Arbeiten gerädert, als das zitternde Morgenrot im rosa und grünen Gewand / langsam auf der verlassenen Seine vorrückte / Und das dunkle Paris sich die Augen rieb.“[20]

Chacun pour soi

Baudelaire, jeder weiß das, ist der Dichter der großen Stadt. Abgesehen von einer Schiffsreise, die ihn in seiner Jugend bis nach Mauritius und Indien führte, und einigen Aufenthalten in Belgien, lebte er in Paris, in häufig wechselnden Wohnungen, Hotels, möblierten Zimmern, bei Maitressen, Freunden und, wenn es besonders schlecht lief, bei der Mutter in Honfleur.[21] Paris war sein Erfahrungsraum, die Straße sein Arbeitsplatz, die Menschenmenge ein „elektrischer Speicher“ (un réservoir d'éléctricité),[22] dessen Energie und Funkenflug er in ein klassisches Metrum und einen geschmeidigen Rhythmus übersetzte, die Akzentstellen auf exzentrischen Wörtern, knirschenden Lauten oder gar einem Bindestrich. Das war sein Verständnis von Modernität und von jener „bizarren“ Schönheit, die er in den Texten Edgar Allan Poes, in außereuropäischer Kunst und in der im Umbau begriffenen großen Stadt entdeckt hatte. Diese Schönheit vibrierte, sie glühte voller Erregung, Verlangen und Not, und sie verewigte den Augenblick.

Viele Schriftsteller – unter ihnen Balzac, Hugo, Edmond und Jules de Goncourt, Flaubert und Zola – lassen uns in das Paris des 19. Jahrhunderts eintauchen. Doch Baudelaire bleibt der Dichter, der für die Transformation von Paris, den rauschhaften Aufbruch in die Moderne und die Sozialfiguren der großen Stadt die intensivste und überraschendste Sprache fand. Das Leben eines Autors kann wahrscheinlich nicht, wie wir Anhänger der Dekonstruktion lange Jahre glaubten, für gänzlich unwichtig erklärt werden. Denn viel naheliegender ist es doch, anzunehmen, dass Baudelaire, gerade weil er selbst dem Prekariat so nahe kam, jene große Sensibilität für Armut, wachsende soziale Spaltungen und die vielen Modernisierungsverlierer oder „Abgehängten“ entwickelte, die uns – neben prachtvollen, wollüstigen Frauen, Flaneuren und Dandys – aus seinen Texten anblicken: Arme, Lumpensammler, Trinker, alte Frauen, Drogensüchtige, Verbrecher. Auch ihnen gab er in dichterischer Sprache, wie es nur François Villon 400 Jahre zuvor getan hatte, Würde und Form: in der klassischen Strenge der Verse, Strophen und Architektur der Fleurs du Mal, und in jenem schwingenden Ausdruck des modernen Lebens, der sich in der damals jungen Textgattung der Petits poèmes en prose manifestiert. Die Sammlung von 50 Prosagedichten, unter ihnen L’Étranger und Les Foules, für die Baudelaire zu Lebzeiten keinen Verleger gefunden hatte, wurde erst 1869 gedruckt, im selben Jahr wie Flauberts Roman L‘Éducation sentimentale. In der Vorrede an Arsène Houssaye fordert Baudelaire seine Leser auf, in diesem Buch ohne „Kopf und Schwanz“ herumzuschweifen, hier und dort innezuhalten und zu lesen, gerade so, wie man sich bei häufigen Besuchen dem Rhythmus großer Städte überlässt.

Karikatur des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert aus der Sammlung "Les Soirées du Louvre" von Eugène Giraud
Eugène Giraud: Les Soirées du Louvre (Flaubert), Bibiliothèque Nationale de France

Im Juni 1867, als Baudelaire nicht mehr sprechen konnte und der Welt abhandenkam, glänzte Flaubert auf dem Ball in den Tuilerien, zu dem das Kaiserpaar die Monarchen und Regierungshäupter, die in diesem sehr heißen Frühsommer zur Weltausstellung angereist waren, und Vertreter des Pariser Kulturbetriebs eingeladen hatte. Drei Jahre zuvor hatte er an der exklusiven Herbstvillegiatur in Compiègne teilgenommen und der Kaiserin einen Strauß weißer Kamelien überreicht. Doch obwohl Flaubert im Frack und mit weißen Handschuhen höchst geschmeichelt einherstolzierte,[23] blieb er stets ein scharfsinniger und ätzender Analytiker. In der mondänen Welt sammelte er, im Kostüm des Dandys, Material für die Lehrjahre der Männlichkeit[24] und spottete, „die Herrscher“ hätten ihn als eine „der prachtvollsten Kuriositäten Frankreichs“ eingeladen.[25] Über den Abend in den Tuilerien schrieb er an seine „chère maître“ George Sand: „Ohne jeden Scherz, es war großartig. Paris wird im Übrigen kolossal. Es wird verrückt und maßlos. Vielleicht kehren wir zum Alten Orient zurück. Es kommt mir vor, als wüchsen Idole aus dem Boden.“[26]

Baudelaire, der Spröde, Stolze, Verletzliche, beobachtete die Maßlosigkeit und Verrücktheit des neuen Paris von der Straße aus und kapitulierte vor den Götzenbildern des materiellen Fortschritts, die sich aus dem Asphalt erhoben. Ein großer Auftritt in Festsälen war ihm nie vergönnt, aber in einem besonders kritischen Moment seines Lebens hatte er die Kaiserin erreicht. Zwei Leben, zwei Karrieren: Für Baudelaire und Flaubert war der Stil eine existenzielle Frage, beide sind in diesem Jahr zu feiern, chacun de son côté.

  1. Volker Barth, Mensch versus Welt. Die Pariser Weltausstellung von 1867, Darmstadt 2007.
  2. Walburga Hülk / Gregor Schuhen (Hg.), Haussmann und die Folgen. Vom Boulevard zur Boulevardisierung, Tübingen 2012.
  3. Hermann Doetsch / Cornelia Wild, Im Gedränge. Figuren der Menge, München 2020.
  4. Zum Weiterlesen: Walburga Hülk, Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand, Hamburg 2019 (eine Taschenbuch-Ausgabe erscheint im Mai 2021); zuletzt auch: Karin Westerwelle, Baudelaire und Paris. Flüchtige Gegenwart und Phantasmagorie, München 2020.
  5. Charles Baudelaire, „[Note sur] Les Travailleurs de la mer“, in: ders., Œuvres complètes II, hg. und komm. von Claude Pichois, Paris 1976, S. 244 u. 1194–5. (Soweit nicht anders vermerkt, stammen sämtliche Übersetzungen in diesem Beitrag von der Verfasserin, W. H.)
  6. Bernd Stiegler, Nadar. Bilder der Moderne, Köln 2019.
  7. Nicole Pöppel, Die Pariser Bohème in der petite presse. Freibeuter auf dem Boulevard, Berlin 2020, insbes. S. 63–165.
  8. Wolfgang Drost, Der Dichter und die Kunst. Kunstkritik in Frankreich. Baudelaire, Gautier und ihre Vorläufer Diderot, Stendhal und Heine, unter Mitarbeit von Ulrike Riechers, Heidelberg 2019, insbes. S. 157–276.
  9. Charles Baudelaire, Brief vom 5. März 1852 an Narcisse Ancelle, in: ders., Correspondance I, hg. und komm. von Claude Pichois, unter Mitarbeit von Jean Ziegler, Paris 1966, S. 188.
  10. Gustave Flaubert, Brief vom 23. Januar 1857 an Alfred Blanche, in: ders., Correspondance II, hg. und komm. von Jean Bruneau, Paris 1980, S. 672.
  11. Zum Gesamtkontext vgl. Klaus Heitmann, Der Immoralismusprozess gegen die französische Literatur im 19. Jahrhundert, Homburg v. d. Höhe / Berlin / Zürich 1970; Emmanuel Pierrat, Accusés Baudelaire, Flaubert, levez-vous ! Napoléon III censure les Lettres, Paris 2010.
  12. Baudelaire, Correspondance I, S. 412.
  13. Baudelaire, Correspondance I, S. 412 und 935–937, insbes. S. 936, Anm. 4.
  14. Maurice Allem, La vie quotidienne sous le Second Empire, Paris 1948.
  15. Diese Graphie mit Trema war ihm wichtig. In der Erstausgabe der Fleurs du Mal stand „poète“ (genauso wie hier in der hier konsultierten Pléiade-Ausgabe). Für die Ausgabe von 1861 korrigierte er den accent grave an jeder Stelle. Siehe auch https://www.24matins.fr/topnews/une/baudelaire-poete-ou-poete-1283124 (2.4.2021).
  16. Baudelaire, Brief vom 6. November 1857 an Kaiserin Eugénie, in: ders., Correspondance I, S. 433. Das Autograph wird aufbewahrt in den Archives Nationales, Inventarnummer AE/II/1980 (BB11 633, dossier 75, pièce 13), https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Lettre_de_Charles_Baudelaire_à_l%27impératrice_Eugénie_1_-_Archives_Nationales_-_AE-II-1980.JPG (2.4.2021).
  17. Victor Hugo, Brief vom 30. August an Baudelaire, https://www.lesvraisvoyageurs.com/2018/03/31/victor-hugo-charles-baudelaire/, Abruf am 27.3.2021. Der Brief, den Baudelaire ihm zuvor geschrieben hatte, ist verschollen, sein Verhältnis zu Hugo zweispältig.
  18. Vgl. hierzu Thomas Becker, „Subjektivität als Camouflage. Die Erfindung einer autonomen Wirkungsästhetik in der Lyrik Baudelaires“, in: Marcus Joch / Norbert Christian Wolf (Hg.), Bourdieu im literaturwissenschaftlichen Feld, Tübingen 2005, S. 159–176; zu Bourdieus Einschätzung der Stellung Baudelaires im literarischen Feld siehe ders., Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes (1992), übers. von Bernd Schwibs und Achim Russer, Frankfurt am Main 1999, hier: S.87 f., 99–103 und passim; sowie Pöppel, Die Pariser Bohème, S. 33–44.
  19. Baudelaire, Brief vom 28. Juni 1855, mit Verweis auf eine vorausgehende, abgelehnte Bitte um Geld. Im Brief vom 9. Juni 1855 „À Monsieur“ spricht er davon, dass ihn das bisherige herumirrende Leben zermürbt habe (ma vie errante m'a disloqué), https://fr.wikisource.org/wiki/Lettres_(Baudelaire)/Texte_entier (2.4.2021).
  20. Baudelaire, Brief von Ende 1853 / Anfang 1854 an Fernand Desnoyers, Correspondance I, S. 248–250 und 843–844.
  21. Claude Pichois, Baudelaires Paris. Topographie eines verwirrten Lebens, übers. von Martina Dervis, Berlin 1992.
  22. Charles Baudelaire, Le peintre de la vie moderne, in: ders., Œuvres complètes II, S. 692.
  23. Vgl. dazu Walburga Hülk, „Flaubert: Ourserie und Saltimbanquage. Künstlermythen, Freundschaften und Netzwerke im Second Empire“, in: Anna Wörsdörfer u.a. (Hg.), Sur les chemins de l’amitié. Beiträge zur französischen Literaturgeschiche, Freundesgabe für Dietmar Rieger, Wiesbaden 2017, S. 81–97; siehe auch die weiter oben abgebildete Karikatur von Eugène Giraud, Flaubert (ca. 1867), BNF Paris, Dép. des Estampes et de la Photographie, Réserve NA-87 (2)-FT 4.
  24. Flauberts Roman L’Éducation sentimentale ist unter wechselnden Titeln übersetzt worden, „Lehrjahre / Erziehung des Gefühls / der Gefühle / des Herzens“. Elisabeth Edl hat sich in ihrer viel gelobten Neuübersetzung entschieden für Lehrjahre der Männlichkeit (München 2020).
  25. Gustave Flaubert, Brief vom 7. Juni 1867 an seine Nichte Caroline, in: ders., Correspondance III, hg. und komm. von Jean Bruneau, Paris 1991, S. 649.
  26. Flaubert, Brief vom 12. Juni 1867 an George Sand, in: ders., Correspondance III, S. 653; siehe auch das Gemälde von Pierre Tetar van Elven, Fête de nuit aux Tuileries, le 10 juin 1967 (1867), Paris: Musée Carnavalet.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Affekte / Emotionen Kultur Kunst / Ästhetik Moderne / Postmoderne Stadt / Raum

Walburga Hülk

Walburga Hülk war bis 2019 Professorin für Romanische Literaturen an der Universität Siegen. Zuvor lehrte sie in Freiburg und Gießen und als Gastprofessorin in Berkeley, Paris und Valenciennes. Ein Schwerpunkt der Forschung ist das 19. Jahrhundert in Frankreich, zahlreiche Projekte und Studien sind der Literatur und Kunst der Moderne gewidmet. Seit der Emeritierung arbeitet sie als freie Autorin.

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