Robert Zwarg | Rezension |

Forever Achtundsechzig

Rezension zu „1968. Soziale Bewegungen, geistige WegbereiterInnen“ von Jens Bonnemann, Paul Helfritzsch, Thomas Zingelmann (Hg.) und „Im Vorraum. Lebenswelten Kritischer Theorie um 1969“ von Dennis Göttel und Christine Wessely (Hg.)

Jean-Luc Godards Week-End ist nicht nur ein Film, der formal und inhaltlich den Geist von „1968“ atmet, sondern er bietet in einer der berühmtesten Szenen auch ein passendes Bild für die Dynamik jener Forschungen, die sich seit mehreren Jahrzehnten daranmachen, das ikonische Jahr und das, wofür es steht, immer wieder neu zu dechiffrieren. Schon im Titel nimmt Week-End das eigentümliche französische, von Abneigung wie Faszination geprägte Verhältnis zu all things American auf, das sich vor allem in der Sphäre des Konsums geltend machte und dort wiederum vor allem in dem Statusobjekt par excellence verdichtete: dem Auto. Gleich zu Beginn geraten auf der Straße zwei Männer in eine Schlägerei, weil der eine das Fahrzeug des anderen touchiert; wenige Szenen später verspottet ein Kind im Indianerkostüm einen Mann, weil dieser nur einen „beschissenen Facel“ fahre. Die französische Automarke hatte zunächst enorm hochwertige Sportwagen hergestellt, war Mitte der 1960er Jahre aber an dem Eintritt in den Massenmarkt gescheitert und musste die Produktion einstellen. Dünn ist der zivilisatorische Firnis des Bürgertums, dessen Kritik der Film aus vielerlei Richtungen unternimmt. Gewalt und die rohe, triebhafte Spannungsabfuhr sind omnipräsent.

Kurz darauf sind die beiden Protagonisten Corinne und Roland (gespielt von Mireille Darc und Jean Yanne) auf dem Weg zu Corinnes Mutter, um sie umzubringen und das Testament einzustreichen. Corinne und Roland haben jeweils eine Affäre (das Verhältnis zu Sexualität und Beziehung galt in den sechziger Jahren an vorderster Stelle als Ausweis von Fort- oder Rückschrittlichkeit, pars pro toto für das Verhältnis zur herrschenden Klasse). Gut acht Minuten lang, gefilmt in einer einzigen Einstellung, fahren sie unter ohrenbetäubendem, auf kein einzelnes Auto zurückführbares Hupen auf einer Landstraße an einem Stau vorbei. Kinder rennen auf der Straße umher, immer wieder sind sie gezwungen, aus- oder einzuscheren. Auf der Überholspur, die keine ist, sondern die Gegenfahrbahn, passieren sie zwei Laster mit Tigern, Affen und einem Lama, sie sehen Bauern, Arbeiter und Kleinbürger, Mütter und Väter, Kleinwagen und Cabriolets, mehrere Wagen haben Pannen, andere liegen umgestürzt am Straßenrand. Immer wieder eskaliert die Stimmung zwischen einigen Menschen, andere spielen auf der Fahrbahn eine Partie Schach. Schließlich, das kakophonische Hupen ist kaum noch erträglich, erreichen Corinne und Roland den Unfall, der den Stau verursacht hat; drei Wagen waren daran beteiligt, drei Tote liegen am Straßenrand.

1968 – ein „bewachtes Ereignis“

Die Szene ironisiert nicht nur die allwöchentliche, bürgerliche Flucht aus der Großstadt Paris hinaus aufs Land sowie die verkniffene Petitesse der Fixierung auf das Automobil. Es handelt sich auch um ein kinematografisches Geschichtsbild: Der Stillstand des Staus und die das langsame Überholmanöver begleitende stetige Bewegung der Kamera treten in ein Spannungsverhältnis, so wie der von Fortschrittsemphase getragene Revolutionsgeist der Studentenbewegung sich in Reibung zur Statik und Trägheit der Verhältnisse in den sechziger Jahren befand. Je nach Deutung waren die vielfältigen Proteste in der ganzen Welt entweder Ausdruck oder Motor einer gesellschaftlichen Beschleunigung und die verschiedenen Bewegungen ihrem Selbstverständnis nach ein Überholen der zähen und katastrophenreichen Geschichte.

Die Fahrt Corinnes und Rolands entlang des Staus wirkt aber vor allem wie eine vorauseilende Allegorie auf die späteren Forschungen zu „1968“. Denn was die Szene mit Anleihen bei der surrealistischen Ästhetik mit ihren Vorlieben für Brüche und Deplatzierungen verbildlicht und karikiert, ist die Suche nach einem Anfang, nach einer Ursache. Nicht nur schiebt sie das Finden des letzten Grundes quälend hinaus und führt so die Ursprungsidee ad absurdum. Zugleich ziehen zahlreiche Bilder von Unfällen vorbei, von denen weder klar ist, wie sie entstanden sind, noch, welcher von ihnen nun eigentlich für den Zeitstau verantwortlich ist. Die in der Forschung immer wieder verhandelten Fragen, wann „1968“ beginnt, welche ideengeschichtlichen Linien bis wohin zurückreichen, ob vielleicht nicht eher 1967 das viel wichtigere Jahr ist,[1] ob es ein kurzer oder ein langer Sommer der Theorie war,[2] welche Reichweite die damals angestoßenen Veränderungen hatten oder worin sich die verschiedenen Proteste gleichen oder unterscheiden, diese Fragen – gleichwohl für sich genommen jeweils berechtigt – führen zu einer paradoxen Mischung aus Verflachung und Hyperkomplexität. Zeitgenössischen Versuchen der Aktualisierung wiederum, die emphatische Bezugnahme auf das ,Erbe von 68‘, geht nicht selten ein Gespür für die historische Distanz ab, die die Gegenwart von 1968 trennt und die zu ermessen doch gerade die Vorbedingung jeder Aktualisierung wäre. In beiden Spielarten lässt sich jedenfalls, mit einer treffenden Formulierung von Silvia Bovenschen, von „1968“ als einem „bewachten Ereignis“[3] sprechen.

Idealistische Rettungsversuche

Jüngst sind nun zwei Sammelbände erschienen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise zu dieser Gemengelage – heillose Überforschung einerseits und beharrliches Gegenwartsinteresse andererseits – ins Verhältnis setzen. Der Titel des ersten Bandes 1968. Soziale Bewegungen, geistige WegbereiterInnen, herausgegeben von Jens Bonnemann, Paul Helfritzsch und Thomas Zingelmann, evoziert (trotz des Binnen-Is bei überwiegend männlicher Beteiligung) die konventionelle Forschung zu „1968“. Bereits durch die Rede von den „geistigen“ WegbereiterInnen wird eine für die Forschung ebenfalls charakteristische idealistische Vorentscheidung getroffen. „1968“ ist in diesem Sinne ein im Wesentlichen von Ideen getragenes Phänomen, nicht ein Ensemble von – gleichwohl theoretisch imprägnierten – Praktiken. Vergeblich sucht man etwa die Erwähnung schlichter politökonomische Tatsachen wie diejenige, dass die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Bevölkerungsschichten in den späten sechziger Jahren so gering war wie zu keinem späteren Zeitpunkt in der BRD, oder Erläuterungen zur Frage, inwiefern ein im Vergleich zu heute einigermaßen intakter Sozialstaat die Bedingungen der Freiräume schaffte, in denen die prägenden Zeitschriften, Lesekreise und politischen Gruppen existieren konnten.

Wäre „1968“ ein alter Hut, gäbe es weder die Sammelbände noch die entsprechenden Konferenzen und das sie flankierende Feuilleton.

Die Formulierung des Titels lässt zunächst offen, ob es um die geistigen WegbereiterInnen von „1968“ oder um die 1968er als WegbereiterInnen späterer Entwicklungen geht, und tatsächlich bedienen die Beiträge mal die eine, mal die andere Lesart. Die Einleitung der Herausgeber allerdings rückt ganz entschieden die Aktualität in den Vordergrund, gehe es doch darum, „interdisziplinäre Antworten“ auf die Frage zu geben, ob es sich bei „1968“ um eine „alten Hut“ handele oder ob – in einer schiefen Metapher – „das intellektuelle und kulturelle Klima“, aus dem die 68er-Bewegung hervorging, „heute immer noch wegweisend“ (S. 7) sei.

Solcherlei breit gefasste Fragen gehören zur vertrauten Nomenklatur des akademischen Betriebes. Sie beantworten sich selbst, allerdings eben nur in der Allgemeinheit, in der sie gestellt werden. Anders gesagt, wäre „1968“ ein „alter Hut“, gäbe es weder die Sammelbände noch die entsprechenden Konferenzen und das sie flankierende Feuilleton. Die Frage ist allerdings, für wen „1968“ kein alter Hut mehr ist oder sein soll. Selbst die großen Gesten der Verabschiedung der ProtagonistInnen[4] gehören noch in die Logik solcher Erinnerungs- und Aufarbeitungsrituale. Selbstbewusster und erhellender wäre es, entweder schlicht zu fragen, worum es sich bei „1968“ eigentlich gehandelt hat, oder die Gestalt, in der das Ereignis in der Gegenwart präsent ist, kritisch zu betrachten.

Die Beiträge des Sammelbandes gehen in dieser Orientierung an der konventionellen Forschung zu „1968“ zwar nicht auf, spiegeln aber in ihren Inhalten die eingeschliffenen Deutungsmuster und den Katalog der gebräuchlichen Figuren und Themen. Bereits der Aufbau des Bandes – geordnet nach den drei Rubriken „Zeitdiagnosen“, „WegbereiterInnen“ und „Perspektiven“ – ist dafür ein Indiz. Die Idee einer auf die Revolution ausgerichteten Kunst, wie sie vor allem vom Situationismus verfochten wurde, ist ebenso prominent vertreten wie Texte, die sich den ideengeschichtlichen Ursprüngen der sexuellen Befreiung oder dem Begriff des Intellektuellen widmen – wir begegnen bekannten Figuren aus den Reihen der Vordenker (ohne Binnen-I) wie Herbert Marcuse, Jean-Paul Sartre, Georg Lukács oder Günther Anders (wenngleich die Rolle von Letzterem erst in jüngerer Zeit zunehmend in den Fokus der Forschung rückt[5]).

Häufig folgt das den Beiträgen zugrundeliegende geschichtsphilosophische Narrativ dem vor allem von Zeitzeugen in Anschlag gebrachten dramatischen Muster von emphatischem Aufbruch, schneller Kumulation und dem sich daran anschließenden Umschlag – wahlweise ein Abgleiten in Gewalt, Militanz oder Zersplitterung.[6] Dergestalt beschreibt beispielsweise Wolfgang Kraushaar Rudi Dutschkes anfängliche Sympathien für den Situationismus im Umfeld der Gruppe Subversive Aktion, die mit der Zeit einem Voluntarismus im „Fahrwasser[…] eines rechtsnationalen Denkers wie Carl Schmitt“ (S. 60) wichen.

Die Beiträge sind mehrheitlich getragen von der detaillierten Rekonstruktion ideengeschichtlicher Verbindungslinien. Jüngeres wird durch Älteres zu erhellen versucht – wie in dem instruktiven Beitrag von Hannah Chodura und Paul Helfritzsch zu Guy Debords Begriff des Spektakels und Francisco de Goya – und zuweilen wird tatsächlich Ernst gemacht mit den Verbindungslinien zur Gegenwart, wie in Jens Bonnemanns Aufsatz zu den „Fallstricken der sexuellen Befreiung“, in dem die Theorien von Herbert Marcuse und Wilhelm Reich mit Michel Houellebecqs Romanen enggeführt werden.

Der theoretische und philosophische Hintergrund ist dabei durchaus unterschiedlich, zumindest dort, wo die Ebene der ideengeschichtlichen Deskription verlassen wird. So entwirft Paul Helfritzsch in seinem Text „Dann sind es Monster, also Intellektuelle. Eine Frage der Verantwortung“ in einem weitgespannten Bogen von Jean-Paul Sartre über Frantz Fanon bis hin zu Judith Butler die Idee einer nicht weniger als ontologischen, aus der „Veränderbarkeit gesellschaftlicher Strukturen“ erwachsenden Verantwortung des Intellektuellen, seine Stimme zu erheben und „performativ“ diese gesellschaftlichen Strukturen zu „benennen“ (S. 241 f.). Einerseits wird die Funktion des Intellektuellen verengt auf die reine Bezeichnung, zugleich wird der Begriff des Intellektuellen verwässert, insofern mit ihm „alle Menschen, die Unterdrückungsmechanismen aufzeigen“ (S. 230), gemeint sind. Darüber hinaus bleibt die Frage unbeantwortet, was denn den ontologischen Status der Verantwortung, die der Anrufung des seine Bürger in die Pflicht nehmenden Staates nur allzu ähnlich ist, zu mehr als einer ahistorischen Setzung macht, schließlich waren „gesellschaftliche Strukturen“, wenn auch in unterschiedlichem Maße, schon immer veränderbar.

Tatsächlich aber zeigt sich in den Beiträgen eine Spannung zwischen der eingangs beschriebenen idealistischen – oder ideengeschichtlichen – Vorentscheidung sowie der Allgemeinheit der Ausgangsfragen einerseits und dem materiellen, lebensweltlichen Zusammenhang, in dem die Theorien erst ihre Wirkung entfalten, andererseits. Ein Bewusstsein dieser Spannung – das zugleich eine Verbindung zu dem zweiten hier besprochenen Sammelband stiftet – findet sich vor allem in jenen Texten, deren Gegenstand von sich aus auf die Sphäre des Alltags verweist, wie Thomas Zingelmanns Aufsatz „Der Beat einer Revolution? Beatniks, Hippies Punks und die 1968er“ oder Peggy Breitensteins „Rotwerden in finstren Zeiten. 68 als Erfahrung“. So beginnt Breitenstein ihren Beitrag mit einer vermeintlichen Banalität: einer rot leuchtenden Tomate. Von dort aus entfaltet der Beitrag ein Panorama der feministischen Seite von „1968“, die ihr ikonisches Bild in Sigrid Damms Tomatenwurf findet. Dem vorgeschaltet ist allerdings – und dies soll hier hervorgehoben werden – eine Verteidigung dessen, was gemeinhin als banal gilt. Denn: „Wer bestimmt, was es wert ist, tradiert zu werden, was hingegen getrost vergessen werden kann? Wer dirigiert, was in welchem Lichte gefeiert wird, was im Schatten verbleibt? (…) Schließlich: Wer spricht, wer erzählt aus welcher Perspektive wessen Geschichte?“ (S. 244) Dies verbindet sich sodann mit einer Reflexion auf Walter Benjamins Begriff der Geschichte, der sich sowohl gegen die historistische Einhegung wie gegen die unreflektierte Fortschrittserzählung richtet.

Durchaus überzeugend ist Breitensteins Vermutung, „dass Benjamin einen Großteil der ihr [= der Geschichtsschreibung der 1968er] gewidmeten Text- und Bildbände als konformistisch ansehen würde.“ (S. 245) Vor allem aber liegt Benjamins Geschichtsbegriff ein Begriff der Erfahrung zugrunde, dessen Ort gerade durch das bestimmt ist, was gemeinhin aus ihr ausgeschlossen bleibt, nämlich das Alltägliche, jene Sphäre, in der Geistiges, Materielles und Somatisches stets miteinander verschlungen sind. Nur ist dieses Alltägliche nicht positivistisch zu verzeichnen, sondern verlangt der historisch-materialistischen Rettung. Erfahrung ist, mit anderen Worten, nie unmittelbar gegeben, sondern, in Benjamins Worten: Sie „huscht vorbei“ (zit. nach ebd.), hat „Widerfahrnischarakter“ (S. 244). Um dieser Erfahrung habhaft zu werden, muss man sich, wiederum in Abwandlung eines Gedankens von Walter Benjamin, gleichsam ins „Vorzimmer“[7] der Revolution begeben: Und das ist nichts anderes als die Sphäre des Alltags oder – um den Begriff mit größerer philosophischer Weihe zu versehen – der Lebenswelt.

Subtile Distanzierungen

Theorie als zwar durch Alltägliches motiviert und vermittelt, dieses zugleich aber immer auch übersteigend darzustellen, das ließe sich durchaus als das zentrale Anliegen des zweiten hier besprochenen Sammelbandes bezeichnen. Im Vorraum. Lebenswelten Kritischer Theorie um 1969, herausgegeben von Dennis Göttel und Christina Wessely, ist aus einer Konferenz in Lüneburg hervorgegangen, was sich zum Teil der mit Jubiläen und Erinnerungsritualen verbundenen Aufmerksamkeitssteigerung verdankt, die in diesem Fall durch den fünfzigsten Todestag von Theodor W. Adorno Anschub erhielt. Wenngleich der Fokus damit natürlich spezifischer ist als bei dem oben besprochenen, ganz auf das Ereignis „1968“ fokussierten Sammelband, zeigen die Beiträge doch in ihrer Zusammenschau, wie sich den sechziger Jahren und ihrem Echo jenseits konventioneller Deutungsmuster genähert werden kann.

Der Begriff der Lebenswelt rückt in den Vordergrund, was einem ideengeschichtlichen oder politikwissenschaftlichen Blick auf die Studentenbewegung häufig entgeht: den Alltag.

Der Sammelband vollzieht eine bereits im Titel erkennbare, doppelte Verschiebung, eine subtile Distanzierungsgeste. Die Jahreszahl 1969 ist in diesem Sinne nicht nur ein Hinweis auf das Jahr, in dem Adorno gestorben ist, sondern verweist explizit auf die Zeit nach 1968 und wird damit zur Chiffre eines Nachlebens. Der Begriff der Lebenswelt wiederum rückt gerade das in den Vordergrund, was einem ideengeschichtlichen oder politikwissenschaftlichen Blick auf die Studentenbewegung und deren Folgen häufig entgeht: den Alltag. Konzeptionell greifen die Herausgeber dafür auf Siegfried Kracauers Begriff des Vorraums zurück, der sich in seinem posthum 1969 veröffentlichten History. The Last Things Before the Last findet. Die Jahresangabe im Titel verweist also auch auf dieses Werk, in dem Kracauer eine Geschichtsphilosophie nach der Geschichtsphilosophie entwirft, und zwar in einer Zeit, in der sich weltweit Menschen ganz emphatisch als Subjekte historischer Prozesse begriffen.

Eine Pointe des Buches besteht darin, weniger die letzten Dinge anzuvisieren – also im Sine des Godard’schen Unfalls am Ursprung des Staus –, sondern die vorletzten, die alltäglichen Fälle und Unfälle selbst. Gemeint ist mit dem Begriff des Vorraums also diejenige Sphäre der Geschichte und des materiellen Lebens, der die idealistische Philosophie des 19. und noch des frühen 20. Jahrhunderts die Wahrheit der letzten Dinge abzutrotzen versuchte. Das gelingt aber niemals vollkommen. „In Kracauers Geschichtsphilosophie“, so Dennis Göttel und Christina Wessely in ihrem einleitenden Beitrag, „ist die Philosophie zur Disposition gestellt – der Geschichte kann man philosophisch nicht vollends gerecht werden, weil an ihr der Abhub in den Begriff nicht restlos gelingen kann.“ (S. 10)

Nicht nur diesem Rest widmen sich die folgenden Texte, sondern auch den lebensweltlichen und im wörtlichen Sinne räumlichen Sphären, in denen die Theorie überhaupt erst entsteht und in denen sie widerhallt. Insofern gilt der Band auch einer Verteidigung des Wertes „der verstaubten Reste, des Krimskrams, des Marginalen, des Alltäglichen und der Anekdote für die Historiographie“. Die Texte führen „ins Kaffeehaus und den Jugendclub, auf den Dachboden, in verstaubte Keller und in die Abgründe der Provinz“ (S. 11) und nehmen zudem Figuren in den Blick, die in der auf große Namen konzentrierten Forschung zu „1968“ im Allgemeinen und der Kritischen Theorie im Besonderen oftmals im Schatten bleiben, wie Elisabeth Lenk oder das Lüneburger Milieu um Hermann Schweppenhäuser.

Nicht zuletzt stellt der Band damit einen erhellenden Beitrag zur Erforschung der Kritischen Theorie jenseits von Frankfurt dar, eine Geschichte, die, wie Göttel und Wessely erklären, durch ein auffälliges „Nebeneinander von universitärer Institutionalisierung und antiakademischer Verve, von Verwissenschaftlichung und Wissenschaftskritik“ (S. 8) geprägt ist. Die Frage nach der Funktion der Lebenswelt für die Gestalt der Theorie, wie sie beispielsweise Zarin Ashrafi am Beispiel des Club Voltaire oder Magnus Klaue hinsichtlich des Café Laumer erörtern, ist dabei nicht akzidentiell. Bereits 1987 hat Russell Jacoby in The Last Intellectuals mit Blick auf den US-amerikanischen Kontext die These aufgestellt, dass es für Form und Inhalt einer Theorie einen Unterschied macht, ob deren Vertreter und Vertreterinnen diese lediglich im vergleichsweise abgeschotteten Raum der Universität erarbeiten und erproben oder ob sie Berührung mit offeneren, weniger homogenen Milieus wie Clubs, Cafés oder außeruniversitären politischen Kreisen halten.[8] Dass allein schon die Verortung jenseits akademischer Hotspots die Theoriearbeit beeinflussen kann, zeigt eindrucksvoll der Beitrag von Christina Wessely über die Kritische Theorie um Hermann Schweppenhäuser in Lüneburg, ein Ort, der mit Blick auf die Traditionshegemonie Frankfurts durchaus als eine Art „kleines Exil“ (S. 105) gelten kann.

Fazit

Zweierlei lässt sich der Zusammenschau der beiden Sammelbände entnehmen: Zum einen die mit den Jahren und der Menge der Forschungsbeiträge wachsende Hypothek einer auf Breite und Großfragen wie „Ursprünge“, „Wirkung“ oder „Aktualität“ angelegten Auseinandersetzung mit „1968“. Zum anderen die Produktivität einer historiografischen Engführung von Theorie und Alltag, die ihre Angemessenheit nicht zuletzt daraus bezieht, dass sich die Theorien, die in den 1960er Jahren formuliert und propagiert wurden, gerade durch ihre lebensweltliche Relevanz legitimiert sahen. Das bedeutet freilich nicht, sich gleichsam historistisch auf den geschichtlichen Moment zu beschränken und von der Beschäftigung mit dem Nachleben von 1968 abzusehen. Was aber immer deutlicher wird, ist, dass sich die 1960er Jahre und die mit ihnen verbundene politische und kulturelle Liberalisierung nicht mehr ohne eine Diskussion der Integrations- und Verwandlungskräfte dessen diskutieren lässt, was gemeinhin Neoliberalismus genannt wird.

  1. So die These von Robert Stockhammer, 1967. Pop, Grammatologie und Politik, Paderborn 2017.
  2. Detlev Claussen, Der kurze Sommer der Theorie, in: ders., Aspekte der Alltagsreligion, Frankfurt am Main 2000, S. 154–163; Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, München 2015. An anderer Stelle wäre zu überlegen, inwiefern die Metaphorik der Jahreszeiten selbst schon die Historiografie zu „1968“ formt und in eine allzu glatte Erzählung überführt, die die tatsächliche Dynamik begradigt und entschärft.
  3. Silvia Bovenschen, Achtundsechzig: Das bewachte Ereignis (1988), in: dies., Schlimmer machen, schlimmer lachen, Frankfurt am Main 2009, S. 223–234.
  4. Daniel Cohn-Bendit, Forget 68. Entreviens avec Stéphane Paoli et Jean Viard, Paris 2008.
  5. Vgl. Anna Pollmann, Fragmente aus der Endzeit. Negatives Geschichtsdenken bei Günther Anders, Göttingen 2020.
  6. Metaphern wie die von den „kurzen“ oder eben „langen“ Sommern gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang der retrograden Dramatisierung der jüngeren Theoriegeschichte, die an „1968“ anschließt. Vgl. Felsch, Der lange Sommer.
  7. Benjamin verwendet den Begriff des Vorzimmers gleichwohl anders (wenngleich in der Rückschau die Parallelen zu „1968“ sich durchaus rekonstruieren ließen; die Bedeutung liegt auf dem Warten, das gemeinhin in einem Vorzimmer stattfindet: „War die klassenlose Gesellschaft erst einmal als unendliche Aufgabe definiert, so verwandelte sich die leere und homogene Zeit sozusagen in ein Vorzimmer, in dem man mit mehr oder weniger Gelassenheit auf den Eintritt der Revolution warten konnte.“ (Walter Benjamin, Ms I098v, in: ders., Gesammelte Schriften, Band I.3, Frankfurt am Main 1974, S. 1231).
  8. Vgl. Russell Jacoby, The Last Intellectuals. American Culture in the Age of Academe, New York 1987.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Kritische Theorie Kultur Lebensformen Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Robert Zwarg

Dr. Robert Zwarg ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Sozialphilosophie, Kritische Theorie und Psychoanalyse sowie das Verhältnis von Theorie und Alltag. 2017 erschien „Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition“ bei Vandenhoeck & Ruprecht.

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