Thomas Hoebel | Essay |

Fragestellung formulieren

Sozialwissenschaftliche Studiengänge sind in einem zentralen Punkt besonders anspruchsvoll. In der Regel erwarten Lehrende von den Studierenden, die eine Seminar- oder Abschlussarbeit schreiben möchten, dass sie eigenständig eine Fragestellung vorschlagen, die sie bearbeiten möchten. Es geht darum, „den Haken zu setzen“, wie die Adam M. Grant und Timothy G. Pollock in ihrer Funktion als Herausgeber des Academy of Management Journal treffend schreiben.[1] Das Herz jeder guten Arbeit sei ein Rätsel und eine gute Idee, um es zu bearbeiten, hebt dazu passend der Chicagoer Soziologe Andrew Abbott hervor.[2]

Der Unterschied zwischen Thema, wissenschaftlicher Fragestellung und Forschungsfragen

Das ist leicht gesagt, jedoch umso schwerer getan. Um zu einem bearbeitbaren wissenschaftlichen Rätsel zu gelangen, das Sie beim Forschen und Schreiben orientiert und motiviert, ist es sinnvoll, sich zunächst einmal den Unterschied zwischen Thema, wissenschaftlicher Fragestellung und Forschungsfragen bewusst zu machen.[3] Das Thema ist eine vergleichsweise allgemeine Beschreibung Ihres Untersuchungsgegenstands. Es hat seinen Platz in der Regel auf dem Deckblatt oder im Titel Ihres Texts. Die wissenschaftliche Fragestellung ist – in den Worten Abbotts – das eigentliche Rätsel, das Ihren Untersuchungsgegenstand kennzeichnet. Kurz: Was möchten Sie herausfinden? Sie erläutern dieses Rätsel in der Regel in der Einleitung Ihres Texts. Nutzen Sie dafür ruhig die Formulierung „Ich möchte herausfinden, wie/was/wieso/weshalb/warum …“. Forschungsfragen schließlich zielen auf die Aspekte Ihres Untersuchungsgegenstands ab, die Sie wissen und ihrem Publikum erörtern müssen, um das Rätsel, das Sie sich stellen, bearbeiten zu können und Ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar darzulegen. In der Regel erläutern Sie dieses Wissen Schritt für Schritt in Ihrem Text. So stellt die Beantwortung der Forschungsfragen im Grunde die Bearbeitung des Rätsels dar. Nennen Sie die Fragen ruhig auch schon in der Einleitung, nachdem Sie das Rätsel („ich möchte herausfinden…“) vorgestellt haben.

Die berühmte „Gewindebohrerstudie“ von Joseph Bensman und Israel Gerver[4] ist ein gutes Beispiel, um den Unterschied zwischen Thema, wissenschaftlicher Fragestellung und Forschungsfragen begreiflich zu machen. Es handelt sich dabei um eine Fallstudie in einem Flugzeugwerk. Ihr generelles Thema ist die Informalität in Industriebetrieben und wie sie dazu beiträgt, dass die Beschäftigten die von ihnen geforderten Aufgaben erfüllen können. Das zentrale Rätsel betrifft jedoch nicht die im untersuchten Betrieb herrschende Informalität im Allgemeinen, sondern ein bestimmtes Werkzeug: Wie lässt sich erklären, dass die Monteure beim Zusammenbau der Flugzeuge (als offenes Geheimnis) fortlaufend einen Gewindebohrer einsetzen, obwohl seine Nutzung offiziell verboten ist, sie bei Zuwiderhandeln mit Strafen rechnen müssen und der Einsatz obendrein die Flugsicherheit gefährdet? Rätselhaft ist auch, dass sie für gewöhnlich nicht für den Einsatz des Bohrers sanktioniert werden, sondern nur dann, wenn sie das offene Geheimnis durch unbedachtes Handeln gefährden. Um die beiden Rätsel zu bearbeiten, stellen sich diverse Forschungsfragen: Wie viele Monteure nutzen den Gewindebohrer? Wer ist dabei anwesend? Welche Stellung haben die Monteure in der Betriebshierarchie inne? Wo wird das Werkzeug aufbewahrt? Welche Strafen existieren, wenn ein Monteur erwischt wird? Und so weiter und so fort. Man könnte das jeweilige Set an Forschungsfragen daher auch die Operationalisierung einer Studie nennen.

Insbesondere Studierende, die noch relativ frisch immatrikuliert sind, neigen dazu, nur ein Thema, aber keine Fragestellung zu bearbeiten. Daran schließen sich oft zwei zusätzliche Fehler an: Zum einen behandeln sie das Thema mit dem erstbesten Material, das ihnen in die Hände fällt. Sie prüfen nicht ausreichend, ob es einen fachlichen Leitfaden gibt, welches Material für sie relevant sein könnte.[5] Zum anderen setzen sich die Studierenden unter Druck, das gewählte Thema möglichst vollständig zu behandeln, legen dann aber zu viele inhaltliche Fäden aus, die sie im Fazit des Texts nicht mehr einigermaßen plausibel verknüpfen können. Darum mein Tipp: Nehmen Sie sich stattdessen lieber die Freiheit, einen Aspekt eines Themas zu behandeln! Sie beugen damit Schreibtischfrust und Schreibblockaden vor.

Rätsel entdecken

Fest steht, Studieren und Forschen brauchen ein gehöriges Maß an Inspiration. Man muss jedoch kein Genie sein. Denn es gibt diverse pragmatische Wege, um die nötige Inspiration für soziologische Rätsel zu finden und sie zu bearbeiten. Drei Vorschläge:

  1. Sie nutzen Ihre eigenen Beobachtungen „auf der Straße“ – was natürlich die Straßenbahn, das Uniseminar, die Kneipe, den eigenen Arbeitsplatz. etc. einschließt. Schauen Sie sich um! Das ist im Grunde die naheliegendste Strategie, um seine soziologische Vorstellungskraft zu kultivieren.[6] Soziale Phänomene – zumindest gegenwärtige – haben für gewöhnlich Orte, die Sie aufsuchen können.[7]
  2. Sie lesen problemzentriert die in Seminaren besprochene Fachliteratur, die tägliche Zeitung, wöchentliche Magazine oder einen investigativen Blog Ihrer Wahl. Problemzentriert heißt dabei, dass Sie ein Argument, die Datengrundlage der Autor:innen oder das verwendete theoretische Konzept hinterfragen. Was finden Sie überraschend, erstaunlich, widersprüchlich, ungerechtfertigt oder unverständlich? Machen Sie Ihren eigenen ‚Widerstand‘ gegenüber dem Gelesenen zu einem möglichen Startpunkt für eine eigene Arbeit zum jeweiligen Thema.
  3. Sie folgen – ebenfalls problemzentriert – der hoffentlich angeregten Diskussion in den Seminaren, die Sie besuchen. Achten Sie darauf, welche Fragen in der Diskussion auftauchen, welche Probleme die Lehrperson aufwirft und welche Vorschläge in den Raum geworfen werden, um einen besprochenen Aspekt vertieft zu behandeln, besser zu verstehen oder schlüssig zu erklären. Interessiert Sie eine solche Anregung, gehen Sie diesem Interesse nach.

Alle drei Vorschläge basieren auf dem Grundgedanken, sich bestmöglich in einen Modus des Erstaunens zu versetzen, wenn Ihnen etwas passiert, Sie etwas beobachten, über etwas lesen und von etwas hören. „Die Fähigkeit des Erstaunens über den Gang der Welt“, so betonte bereits Max Weber, „ist Voraussetzung der Möglichkeit des Fragens nach ihrem Sinn.“[8] Oftmals wird Ihnen ein Ereignis, ein Vorgang oder ein Sachverhalt als selbstverständlich präsentiert oder das betreffenden Geschehen stellt sich Ihnen selbst ganz gewöhnlich vor. Im Modus des Erstaunens gehen Sie anders an die Sache heran, nämlich hinterfragend. Sie problematisieren dann zum Beispiel, (a) wie und warum etwas passiert ist, (b) warum es (scheinbar) selbstverständlich ist, dass etwas geschieht, oder (c) welche Folgen es hat, dass etwas immer wieder oder in ähnlicher Weise passiert. Anhand dieser Fragen sind Sie bereits mittendrin, die entsprechenden Ereignisse, Vorgänge und Sachverhalte soziologisch zu reflektieren und soziologische Fragestellungen zu entwerfen.

Sieben W-Fragen

Allerdings bieten eigene Beobachtungen, Lektüren und Seminardiskussionen erst einmal nur gute Ausgangspunkte für eine eigene wissenschaftliche Arbeit. Sie sind noch nicht der Haken selbst, den Grant und Pollock meinen. Die zentrale Aufgabe, vor der Sie nun stehen, besteht in erster Linie darin, die Anregungen in die Form einer Frage oder einer These, die Sie bearbeiten oder begründen möchten, in Ihr Untersuchungsgebiet zu integrieren. Sieben W-Fragen können Ihnen helfen, den Haken tatsächlich zu setzen:

  1. Was möchte ich herausfinden?
  2. Welche untergeordneten Fragen könnte ich stellen?
  3. Inwieweit ist meine Fragestellung anderen Fragestellungen in meinem Untersuchungsgebiet ähnlich, inwieweit ähnelt meine These anderen Thesen?
  4. Worin unterscheidet sich meine Fragestellungen von ähnlichen Zugängen zu meinem Untersuchungsgebiet, worin unterscheidet sich meine These von anderen Thesen?
  5. Was könnte sich an meiner Fragestellung oder These noch ändern, wenn ich erst einmal begonnen habe, sie zu bearbeiten beziehungsweise zu begründen?
  6. Was soll an meiner Fragestellung oder These unbedingt so bleiben?
  7. Welchen Platz hat meine Fragestellung oder These ungefähr in der Forschungslandschaft? (Im Bachelorstudium müssen Sie sich nicht allzu sehr um die siebte Frage kümmern. Sie wird erst ab dem Masterstudium bedeutsamer.)[9]

Wie oben bereits empfohlen: Nehmen Sie sich die Freiheit, nur ein Detail des angeregten Themas zu bearbeiten.[10] Die Methode des Freewriting[11] kann Ihnen dabei helfen, das Detail zu fassen zu bekommen und alle Energie auf eine Frage zu fokussieren. Sie gestatten sich, erst einmal ‚schmutzige‘ Textfassungen zu produzieren, und entdecken Sie dabei, was Ihnen so alles mit Blick auf eine mögliche Fragestellung durch den Kopf geht.

„Beim Free Writing schreibst du zu einem Thema oder einer Fragestellung einfach drauf los. Dabei entstehen freie Assoziationen, die du in Sätzen und Satzfragmenten aufs Papier bringst. Free Writing macht das Schreiben lebendiger: Anstatt zu stocken, wenn ein Problem entsteht, bearbeitest du es schreibend. Deshalb ist es gerade bei Denk- und Schreibblockaden geeignet, aber auch, um den Einstieg ins Schreiben zu finden. […]

Nimm dir 1 bis 2 Minuten Zeit, um zu entspannen und den Kopf freizubekommen. Free Writing ist nichts, was du ‚gut’ machen musst; die Entspannung ist das Wichtigste, um die Technik wirksam einzusetzen. Dann nimm Stift und Papier (oder deinen PC) zur Hand und setze dir ein Zeitlimit, z.B. fünf Minuten. Hierzu kannst du dir auch einen Wecker oder eine Stoppuhr stellen. Überlege, was der thematische Fokus sein soll. Es ist hilfreich, diesen als Satzanfang aufzuschreiben, um den Einstieg ins Schreiben zu erleichtern."[12]

Woran erkennen Sie schließlich, dass Sie eine bearbeitbare wissenschaftliche Fragestellung haben? Idealerweise sind Sie der Meinung, dass Ihre Fragestellung keinem oder nur wenigen dieser zehn Punkte widerspricht. Ihre Fragestellung

  • ist für Sie als Schreibende beziehungsweise als Schreibenden interessant.
  • ist in dem fachlichen Kontext, in dem die Arbeit angesiedelt werden soll, relevant.
  • ist aus eigenen Beobachtungen über einen auffälligen Sachverhalt, über ein fachliches Problem, einen Widerspruch oder eine Forschungslücke entstanden.
  • ermöglicht es Ihnen, ein Argument zu entwickeln.
  • ermöglicht es Ihnen, abschließende Schlussfolgerungen anzustellen.
  • hat die Form einer direkten Frage oder einer Behauptung, die Sie belegen können.
  • beinhaltet eine klare Hauptfrage und Nebenfragen nur, wenn unbedingt nötig.
  • ist präzise formuliert.
  • ist kurz (Daumenregel: maximal fünf Zeilen).
  • wird in der Einleitung vorgestellt und bildet die Basis dafür, wie Sie Ihren Text gliedern.[13]

Gleichzeitig sollten Sie sich nicht nur mit Fragenkatalogen beschäftigen. Sicher, Schreiben kann ein ganz schön einsames Geschäft sein. Und es ist vielfach scham- und angstbesetzt.[14] Je eher Sie jedoch mit anderen über die von Ihnen entwickelte Fragestellung zu sprechen beginnen, desto frühzeitiger finden Sie heraus, ob sie ‚funktioniert‘. Im Zweifel gehen Sie damit auf Ihre Lehrenden zu. Wenn diese ihren Job verstehen, werden Sie Ihnen zuhören.

  1. Adam M. Grant / Timothy G. Pollock, Publishing in AMJ--Part 3. Setting the Hook, in: Academy of Management Journal 54 (2011), 5, S. 873–879.
  2. Andrew Abbott, Methods of Discovery. Heuristics for the Social Sciences, New York 2004, S. xi.
  3. Claus Ebster / Lieselotte Stalzer, Wissenschaftliches Arbeiten für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Stuttgart 2017, S. 31–42.
  4. Joseph Bensman / Israel Gerver, Vergehen und Bestrafung in der Fabrik. Die Funktion abweichenden Verhaltens für die Aufrechterhaltung des Sozialsystems, in: Heinz Steinert (Hg.), Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie, Stuttgart 1973, S. 126–138; dies., Crime and Punishment in the Factory. The Function of Deviancy in Maintaining the Social System, in: American Sociological Review 28 (1963), 4, S. 588–598; Stefan Kühl, Rezension: Bensman, Joseph/Gerver, Israel (1963): Crime and Punishment in the Factory, in: ders. (Hg.), Schlüsselwerke der Organisationsforschung, Wiesbaden 2015, S. 85–88.
  5. Andrew Abbott, Varianten der Unwissenheit, in: David Gugerli / Michael Hagner / Philipp Sarasin / Jakob Tanner (Hg.), Nach Feierabend: Universität (= Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte), Zürich 2010, S. 15–34, hier S. 28.
  6. Piotr Sztompka, The Focus on Everyday Life. A New Turn in Sociology, in: European Review 16 (2008), 1, S. 23–34, hier S. 24.
  7. Howard S. Becker, Soziologische Tricks. Wie wir über Forschung nachdenken können, übers. von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann, Hamburg 2021, S. 80.
  8. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 3, hrsg. von Marianne Weber, Tübingen 1998, S. 221.
  9. Helga Esselborn-Krumbiegel, Von der Idee zum Text. Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben, Paderborn u.a. 2008, S. 64–66 (leicht modifiziert, T.H.).
  10. Judith Wolfsberger, Frei geschrieben. Mut, Freiheit und Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten, Wien u.a. 2009, S. 77.
  11. Peter Elbow, Writing without Teachers, New York 1998; ders., Toward a Phenomenology of Freewriting, in: Journal of Basic Writing 8 (1989), 2, S. 42–71.
  12. Zentrum für Lehren und Lernen der Universität Bielefeld (Hg.), Freewriting [6.5.2022].
  13. Wolfsberger, Frei geschrieben, S. 83 f.
  14. Thomas Hoebel / Swantje Lahm, Schreibgefühle. Über emotionale Ambivalenzen der publikationsorientierten Arbeit an Texten, in: Dzifa Vode / Frank Sowa (Hg.), Schreiben publikationsorientiert lehren – Lehrkonzepte aus den Fächern, Bielefeld 2022 (im Erscheinen).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Universität Wissenschaft

Thomas Hoebel

Thomas Hoebel, Soziologe, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht zu organisierter Gewalt, schreibt an einer Methodologie prozessualen Erklärens und befasst sich mit dem Rätsel, wie gute wissenschaftliche Texte entstehen.

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