Veit Braun | Veranstaltungsbericht |

Für eine soziologische Neuordnung der Eigentumsverhältnisse

Bericht von der Frühjahrstagung "Kritik des Eigentums. Zu einer Soziologie der Privatisierung und Vergesellschaftung" der DGS-Sektion Wirtschaftssoziologie vom 24. bis 26. März 2021

Es tut sich was in der deutschen Soziologie! Nach langen Jahren der Stille hat das Fach das Thema Eigentum wieder für sich entdeckt. Zur Aufbruchsstimmung trägt neben der jüngsten Bewilligung des Sonderforschungsbereichs 294 „Strukturwandel des Eigentums“ auch die von NATALIA BESEDOVSKY (Hamburg) und JOANNA KUSIAK (Berlin/Cambridge) organisierte Frühjahrstagung der Sektion Wirtschaftssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) bei. Unter dem Titel Kritik des Eigentums hatten die Organisatorinnen um Einreichungen gebeten, die die unterschiedlichen Formen des Eigentums kritisch-analytisch in den Blick nehmen und, so der hohe Anspruch der Tagung, nach langer Vernachlässigung durch das Fach einen Beitrag zu einer „(Wirtschafts-)Soziologie des Eigentums“ leisten. Von der Resonanz waren Kusiak und Besedovsky selbst überrascht: Eine beachtliche Zahl von vielversprechenden Einreichungen musste in einem schwierigen Auswahlprozess abgelehnt werden, so Besedovsky, weil selbst im straffen zweieinhalbtägigen Programm der Tagung nicht genug Platz für alle Beiträge war. Mit insgesamt 21 Vorträgen (von denen leider zwei entfallen mussten) und einer Podiumsdiskussion nimmt sich das letztendliche Programm dennoch umfangreich aus. So gestattet die Tagung einen repräsentativen Einblick in die gegenwärtige Lage der deutschen Eigentumssoziologie und, so viel sei bereits verraten, deren positive wie negative Potentiale.

Besedovsky und Kusiak eröffnen die Tagung mit einer kurzen Rundschau historischer und aktueller gesellschaftlicher und soziologischer Auseinandersetzungen rund um das Thema Eigentum: Die Wohnraumfrage in den Städten, die Diskussion um Impfstoffpatente oder auch die Debatte, ob Natur als Eigentum aufgefasst werden sollte oder vielmehr Rechte an sich selbst habe. Vor diesem Hintergrund verwundere es nicht, dass die Soziologie das Thema aktuell wieder aufgreift; etwas rätselhaft bleibe aber, warum sie es so lange aus dem Blick verloren hat. So habe etwa die Wirtschaftssoziologie lange lieber über Löhne, Arbeit oder Märkte statt über Eigentum gesprochen.

Wie aber könnte eine Soziologie des Eigentums aussehen? Besedovsky möchte hier anstatt einer vorschnellen Agenda nur ein paar Stichworte und Hinweise anführen: Elinor Ostroms Arbeiten zu den Commons[1] etwa, Hannes Siegrists These der Propertisierung[2] oder William Davies' Aneignungsordnungen[3] könnten als Anknüpfungspunkte dienen. Aus soziologischer Perspektive müsse Eigentum als ordnende Institution von Ökonomie und Gesellschaft beleuchtet werden, zugleich aber auch als – machtgeladene – Beziehung zwischen Personen. Kusiak weist ergänzend auf die unterschiedlichen Begrifflichkeiten in der deutschen und der anglophonen Forschungstradition hin sowie auf die Herausforderung, die Eigentum als Forschungsgegenstand grundsätzlich darstellt: Einerseits sei der Begriff zentral für das Funktionieren des globalen Kapitalismus, andererseits sei er als legal kodierte Kategorie notgedrungen in nationalen Rechtssystemen verhaftet.

Gegliedert ist die Tagung entlang thematischer Blöcke: Theorie, Wohneigentum, Staatlichkeit, Unternehmen und Infrastruktur sowie Digitalisierung und geistiges Eigentum. Vor allem die Wohnungsfrage nimmt dabei auch über das eigentliche Panel hinaus viel Raum ein, steht sie doch auch zentral im Forschungsinteresse der beiden Organisatorinnen (sowie des ursprünglichen Calls). Während es hier deutliche Synergien und Verbindungslinien zwischen einzelnen Vorträgen gibt, ist dies in anderen Bereichen nur zum Teil der Fall. Das mag freilich auch der Vielfalt der Beiträge geschuldet sein – dennoch bekommt man den Eindruck, dass vor allem die Themen Wohnen, Bauen und Stadt der Diskussion den fruchtbarsten Grund liefern, vielleicht auch, weil sie zum für das allgemeine Aufmerksamkeitsniveau günstigen Zeitpunkt am Donnerstag Vormittag zur Sprache kommen. Die beiden einleitenden konzeptuellen Blöcke zu Theorie und Kritik vermögen dagegen nur eingeschränkt als Impulsgeber für den Rest der Veranstaltung dienen.

GESA LINDEMANNs (Oldenburg) und JAN-TOBIAS FUHRMANNs (Lüneburg) Vorträge machen den Anfang. Sie widmen sich jeweils der zentralen Bedeutung von Eigentum in einer modernen bzw. kapitalistischen Logik, können aber zu seiner sozialen Konstitution weit weniger sagen als etwa zu seiner Rolle für Marktwirtschaft und Finanzialisierung. Damit sind sie auf dieser Tagung nicht alleine: Eine Hauptschwierigkeit, so scheint es, besteht darin, einen genuin soziologischen Begriff von Eigentum zu entwickeln, der sich nicht mit dem Verweis auf rechtliche Begriffe begnügt oder diese zum übergeordneten Maßstab der eigenen Konzepte erklärt.

Aufschlussreicher ist PHILIPP DEGENS' (Hamburg) Vortrag, der Eigentum als „Bundle of Rights and Duties“ in den Mittelpunkt stellt, um seine Rolle im Nachhaltigkeitsdiskurs zu beleuchten. Gründlichere und vor allem kritische Diskussion hätte man sich von der Veranstaltung zu diesem im englischen Sprachraum nunmehr seit rund 150 Jahren etablierten (und keineswegs unhinterfragten) Konzept gewünscht.[4] Immerhin kehrt der Verweis auf die Verpflichtungen und die Verantwortung, die mit Eigentum einhergehen, im Verlauf der Tagung immer wieder. Besonders HANNA HILLBRANDTs und IFIGNEIA DIMITRAKOUs (Zürich) Fallstudie des Hannibal-II-Wohnkomplexes in Dortmund macht sich hier um Begriffskritik verdient. Die im deutschen Recht vor allem zwischen Vermieter*in und Mieter*in verortete Verantwortung vermag es im untersuchten Fall nicht, für würdige Wohnverhältnisse, Haftbarkeit international agierender Wohnungsunternehmen oder die Wahrnehmung von Fürsorgepflichten durch die Kommune zu sorgen.

SEBASTIAN KOHL (Köln) stellt in der Diskussion zu Hillbrandts und Dimitrakous Vortrag die interessante Frage in die Runde, ob der „abwesende Vermieter“ aus ihrer Fallstudie nicht ein grundsätzliches Problem der Wohnungsforschung sei. Tatsächlich könnte man diese Frage in leicht abgewandelter Form auch der Tagung Kritik des Eigentums stellen. Geht es um die Kritik an der Institution bzw. am Begriff des Eigentums – oder vielmehr um die Kritik der Eigentümerschaft? Die Vorträge zum Thema Wohneigentum nehmen eher letztere in den Blick. Kritisiert und problematisiert wird in erster Linie ein bestimmter Umgang mit Eigentum, der individuellen Nutzen maximiert, jedoch letztlich anderen und damit der Gesellschaft als Ganzer zur Last fällt. Dies räumt auch Joanna Kusiak in der Diskussion um die Bürgerinitiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen!“ ein: Anders als der Name es suggeriere, gehe es nicht um Enteignung als Eigentumstransfer, sondern darum, Wohnungsunternehmen mittels eines Gesetzes zur Verkörperung einer anderen, gemeinwohlorientierteren Rechtsform zu zwingen.

Wie schließlich GREGOR KUNGL (Stuttgart) in einer vergleichenden Studie zur Eigentümerstruktur von Energieversorgern und ISABELL STAMM (Berlin) mit ihrer Untersuchung zur Weitergabe von Familienunternehmen zeigen, kann auch der konkrete Fokus auf das Verhalten und die Motive der Eigentümer*innen höchst interessante soziologische Einblicke liefern. Dennoch drehen sich diese Diskussionen vorrangig um die Motive und Verhaltensmuster privater und öffentlicher Akteure und bekräftigen damit implizit eine allzu etablierte Trennlinie in der Eigentumsforschung.

Erstaunlicherweise sind es gerade die genuin wirtschaftssoziologischen Tagungsbeiträge, die sich schwer damit tun, Eigentum als Konzept zu fassen: Eigentum ist hier oft Ausgangs-, aber nur selten Fluchtpunkt der Diskussion. Stattdessen geht es um staatliche Regulierung, Führung oder Wiederaneignung bestimmter Branchen, die vollmundigen Versprechungen der Sharing Economy oder den Staat als Wettbewerbsakteur. Häufig wird der ohnehin vielbemühte Karl Polanyi[5] als Stichwortgeber herangezogen, ohne dass klar wird, wie das vage Konzept der (Wieder-)Einbettung (re-embedding) den Blick auf das Eigentum soziologisch scharfstellen kann.

NIKLAS ANGEBAUERs (Oldenburg) Typologie der Eigentumskritik erweist sich hier als weniger abstrakt und praxisfern denn im Ausgang seines Vortrags von ihm selbst befürchtet: Zwischen den Forderungen der Einhegung und Zähmung von (Privat-)Eigentum einerseits und seiner radikalen Vergesellschaftung oder gar Abschaffung andererseits scheinen wenige Alternativen denkbar. So pragmatisch erstere im Einzelfall ist, so zahnlos ist sie doch, wenn es darum geht, aus ihr ein soziologisches Forschungsprogramm zu entwickeln. Die zweite Position ist hingegen derart radikal, dass nicht einmal die politisch einschlägig aktiven Wohnungsmarktforscher*innen sie vollumfänglich vertreten möchten. Es scheint, als sei sich die Tagung weitgehend einig, dass Eigentum im Grunde eine schützens- und bewahrenswerte Institution ist, die freilich stellenweise der Nachbesserung bedarf. Eine „Kritik des Eigentums“ mit bestimmtem Artikel ist damit aber wohl noch nicht formuliert.

Fruchtbarer, wenn auch ungleich schwieriger ist vielleicht eine dritte Art der Kritik, die Angebauer zumindest skizziert. Sie besteht darin, die Versprechen und die Logik des Eigentums zwar ernst zu nehmen, gleichwohl aber auch seine inneren Widersprüche aufzuzeigen. Neben Hillbrandts und Dimitrakous Beitrag gelingt das am ehesten den rechtssoziologischen Tagungsbeiträgen: JÜRGEN SCHRATENs (Gießen) Gegenüberstellung widersprüchlicher Eigentumsregime in Südafrika sowie den beiden Vorträgen von MICHAEL HUTTER (Berlin) und DORIS SCHWEITZER (Gießen) zum geistigen Eigentum, die sich zudem – auch das eher die Ausnahme auf dieser Tagung – dezidiert mit der Materialität von Eigentumsobjekten auseinandersetzen statt einseitig die Kalküle, Interessen und Motive von Eigentumssubjekten zu diskutieren.

Die vielleicht interessanteste Perspektive auf die materielle Dimension des Eigentums liefern jedoch DASHA KULETSKAYA und ALICJA WILLAM (Aachen), wenn sie am Beispiel Warschau anhand von Stadtplänen die Einschreibung postfeudaler Landparzellierung in die Baustruktur wachsender Städte beschreiben. Es ist diese Parzellierung des Bodeneigentums, so Willam und Kuletskaya, die eine wirksame, weil raumübergreifende Neuordnung von Wohneigentum verhindere. Angesichts der zahlreichen Diskussionen um Materialität und Dinglichkeit, die in der deutschen Soziologie in den letzten Jahrzehnten geführt wurden, überrascht es dann doch ein wenig, dass gerade die Architekturwissenschaft dem Thema auf einer Tagung zu Eigentum zu angemessener Geltung verhelfen muss.

Überhaupt ist die Veranstaltung dort am interessantesten, wo sie mit der reinen Lehre der (Wirtschafts-)Soziologie bricht. Neben den genannten rechtssoziologischen und stadtplanerischen Studien zeigen etwa HEIDRUN ALLERTs (Kiel) Interviews mit Digital Nomads zum Verhältnis von Eigentum und Ungebundenheit, wo und was die Kultursoziologie von den Erziehungswissenschaften lernen könnte. Sebastian Kohls und ALEXANDER DOBESONs (Uppsala) Analyse des langen Schattens der Landreformbewegung erklärt ein Stück weit die vieldiskutierte gesellschaftliche Fixierung auf Land-, Wohn- und Firmeneigentum und könnte in ihrer Methodik ebenso gut als politik- oder geschichtswissenschaftlich durchgehen. Die von SABINE NUSS (Berlin) geleitete Podiumsdiskussion mit Joanna Kusiak und ANDREJ HOLM (Berlin) zur Berliner Wohnungspolitik verlässt schließlich das rein akademische Terrain. Sie ist eines der Highlights der Tagung, vor allem weil Holm und Kusiak sich trotz eindeutiger persönlicher Positionierung sehr differenziert und sachkundig zu Eigentum und Wohnen in der deutschen Hauptstadt zu äußern wissen.

Trotz der Vielfalt und Menge der Beiträge fehlen der Tagung zahlreiche Perspektiven, etwa praxeologische Ansätze oder Einblicke aus der Ethnologie, immerhin ein benachbartes Fach mit einer langen Tradition der Eigentumserforschung.[6] Aber auch, wie die Organisatorinnen bereits zu Beginn selbstkritisch anmerken, Genderperspektiven, Race-Aspekte und – mit Ausnahme von Jürgen Schratens Beitrag – postkoloniale Themen- und Fragestellungen. Auch mehr nichtdeutsche Beiträge hätte man sich vielleicht gewünscht, kreist die Diskussion doch vielleicht ein wenig zu oft um spezifisch deutsches Recht, vor allem um die Eigentumsartikel des Grundgesetzes. Erfrischend sind denn auch jene Vorträge, die ihre Aufmerksamkeit über Deutschland hinaus richten oder gar nicht erst versuchen, sich streng in der Forschungstradition der deutschen Soziologie zu verorten. Sie zeigen, dass es vor allem von „den anderen“ viel zu lernen gibt: Statt sich in die Vergangenheit zu begeben, um eine Tradition der Eigentumssoziologie mit und seit Marx, Weber und Tönnies zu rekonstruieren, wäre die deutsche Soziologie sicher gut beraten, den Blick über den disziplinären und nationalen Tellerrand zu werfen.

Dröge oder belanglos ist die Veranstaltung allerdings zu keinem Zeitpunkt. Das rege Interesse im Vorfeld wie auch dasjenige, das sich in den an die Vorträge anschließenden Diskussionen zeigt, sind dafür sicher ein guter Gradmesser. Wichtige Erkenntnisse und Ergebnisse der Tagung sind dabei etwa die Schärfung des Verpflichtungsbegriffes und die Einsicht, dass öffentliche oder private Eigentümerschaft in der Praxis oft wenig Einfluss auf konkretes ökonomisches Handeln und dessen Rationalisierung haben. Diese Perspektive weiter zu stärken, könnte einen wichtigen kritischen Beitrag einer Soziologie des Eigentums zur gesellschaftlichen Debatte bedeuten.

Überraschenderweise fällt das Fazit der Teilnehmenden trotz lebhafter Debatten und vieler interessanter empirischer Einblicke aber letztlich doch sehr einsilbig aus. So stellt sich die entscheidende Frage: Braucht es überhaupt eine Soziologie des Eigentums? Man könnte natürlich, wie die abschließende Runde es im Rückblick auch tut, auf die Evidenzen verweisen, die die Frage beinahe von selbst mit Ja zu beantworten scheinen: dass das Thema von der Soziologie aufgegriffen wird, dass zahlreiche theoretische Anknüpfungspunkte zu etablierten soziologischen Fragestellungen existieren, dass die Vielfalt der Einreichungen wie auch die zur Kenntnis genommenen Lücken auf ein Desiderat der Forschung verweisen. Sicherlich ist auch richtig, dass die Eigentumsperspektive einen interessanten Zugang zu vielen Konflikten der heutigen Zeit eröffnet und zu erwarten ist, dass sie durch die immer breiter geführten Debatten um Cultural Property, Restitution oder den Besitz persönlichen Daten weiter an Bedeutung gewinnt.

Dennoch ist im Verlauf der dicht bepackten zweieinhalb Tage nicht wirklich klarer geworden, wie aus all den verstreuten Einsichten, Beobachtungen und Bemerkungen eine gemeinsame Soziologie des Eigentums – etwa nach dem Vorbild einer Soziologie der Märkte oder des Körpers – aussehen könnte. Gut möglich, dass das Ausbleiben einer brauchbaren Synthese der allgemeinen Erschöpfung der Teilnehmenden geschuldet ist. Aber vielleicht ist diese Ratlosigkeit auch bezeichnend für die Gesamtlage des Forschungsfelds: Immer wieder hat es in den letzten Jahrzehnten inner- und außerhalb der Soziologie Anstrengungen und Aufrufe gegeben, Theorie, empirische Erforschung und Kritik des Eigentums neu aufzustellen, Appelle, die allerdings, so scheint es, weitgehend folgenlos geblieben sind.[7] Auch die Eingangs der Tagung von Besedovsky genannten Autor*innen (Ostrom, Siegrist, Davies usw.) spielen in der Diskussion bestenfalls eine Nebenrolle. Das lässt ahnen, dass es für die langfristige Etablierung einer Eigentumssoziologie mehr bedarf als einer Rückbesinnung auf die Klassiker oder einer Bündelung bereits erprobter Forschungsansätze. Vielmehr, so wird im Laufe der Veranstaltung deutlich, fehlt ein genuin soziologischer Begriff von Eigentum, der sich nicht einfach auf verfügbare rechtliche, ökonomische oder philosophische Ansätze verlässt, gleichwohl aber an bestehende Reflexionen und Theoriebildungen in anderen Fächern und Feldern anknüpfen kann.

Als Gründungsveranstaltung einer deutschen Eigentumssoziologie kann die Sektionstagung trotz der in diesem Bericht geschilderten Verdienste nicht gelten. Gescheitert ist sie deswegen aber nicht: Immerhin liefert sie eine gute Bestandsaufnahme des Feldes aus Sicht der Wirtschaftssoziologie, die sich das Eigentum erst noch als dezidierten Gegenstand erarbeiten muss – und dabei viel von anderen Disziplinen lernen kann und muss. Woran es freilich schon jetzt keinen Mangel gibt – das zeigen die Vorträge in ihrer Fülle und Breite –, sind interessante Fallstudien und Forschungsprojekte, die durchaus die Chance bergen, Eigentum als sozialwissenschaftlichen Begriff zu schärfen und zu etablieren. Zu hoffen ist also, dass es dem eben erst angelaufenen Sonderforschungsbereich gelingt, nicht nur bestehende interessante Forschungsansätze und -projekte zu bündeln sowie empirische Leerstellen zu füllen, sondern darüber hinaus auch als Forum und Werkstatt für neue soziologische Arbeit am Eigentumsbegriff zu dienen. Für die Beantwortung der Frage, worauf ein solches Laboratorium bereits jetzt aufbauen kann und wo es noch starken, auch grundsätzlichen Nachholbedarf gibt, liefert diese Tagung wichtige Hinweise und Impulse.

  1. Elinor Ostrom, Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge/New York 1990.
  2. Hannes Siegrist, Die Propertisierung von Gesellschaft und Kultur. Konstruktion und Institutionalisierung des Eigentums in der Moderne, in: Comparativ 16 (2006), 5–6, S. 9–52.
  3. William Davies, Ways of Owning: Towards an Economic Sociology of Privatisation, in: Poetics 40 (2012), 2, S. 167–84.
  4. Für eine Übersicht siehe J. E. Penner, The “Bundle of Rights” Picture of Property, in: UCLA Law Review 43 (1996), 3, S. 711–820; Daniel B. Klein / John Robinson, Property: A Bundle of Rights? Prologue to the Property Symposium, in: Econ Journal Watch 8 (2011), 3, S. 193–204.
  5. Karl Polanyi, The Great Transformation: The Political and Economic Origins of Our Time, New York 1944.
  6. Siehe etwa Bertram Turner, The Anthropology of Property, in: Michele Graziadei / Lionel S. Smith (Hg.), Comparative Property Law: Global Perspectives, Cheltenham/Northampton 2017, S. 26–47.
  7. Genannt seien hier Chris Hann (Hg.), Property Relations: Renewing the Anthropological Tradition, Cambridge 1998; Bruce G. Carruthers / Laura Ariovich, The Sociology of Property Rights, in: Annual Review of Sociology 30 (2004), 1, S. 23–46; sowie Bernhard Gill / Barbara Brandl / Stefan Böschen / Michael Schneider, Autorisierung. Eine wissenschafts- und wirtschaftssoziologische Perspektive auf geistiges Eigentum, Berliner Journal für Soziologie 22 (2012), 3, S. 407–440.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Digitalisierung Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Recht Sozialpolitik Stadt / Raum

Veit Braun

Veit Braun ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Interesse gilt den Verflechtungen von Wirtschaft, Wissenschaft und Recht.

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