Kristian Naglo | Rezension |

Fußballgott und Revolutionär

Rezension zu „Diego Maradona. In den Farben des Südens“ von Glenn Jäger

Glenn Jäger:
Diego Maradona. In den Farben des Südens
Deutschland
Köln 2021: ‎ PapyRossa Verlag
263 S., 16,90 Euro
ISBN 978-3-89438-763-1

Diego Armando Maradona gehörte zweifellos zu den bemerkenswertesten Spielern, die der Weltfußball bislang hervorbrachte. Das gilt für seine besondere Art, das Spiel zu spielen und zu zelebrieren, aber auch für seine kompromisslosen, durchaus zur Provokation neigenden politischen Ansichten (etwa pro Chavez und pro Castro; contra Bush und die USA, Großbritannien oder die FIFA) sowie sein bewegtes Privatleben, das insbesondere in Neapel geprägt von Drogenmissbrauch und Beziehungen zur Mafia war. Später kamen vor allem Dopingvorwürfe hinzu, die zu seinem Ausschluss bei der WM 1994 in den USA führten. Maradona muss also in jeder Hinsicht als ambivalente Figur des Fußballs gelten, eine Persönlichkeit zwischen Nationalheld („des einfachen Volkes“), globalem Freiheitskämpfer und „Sozialbandit“ (S. 248), die faszinieren muss: Das hier zu besprechende Buch bezieht sich beispielsweise auf drei Dokumentarfilme sowie auf eine eigene Doku-Serie auf Netflix, etliche Videoclips sowie die vielen Online-Nachrufe, die nach seinem Tod am 25. November 2020, dessen Umstände bis heute nicht näher geklärt worden sind, veröffentlicht wurden.

Dieser Maradona steht hier im Zentrum einer „Verteidigungsschrift“ (S. 18), wie Glenn Jäger selbst zur Charakterisierung seines Textes vorschlägt: „Es gilt, ein Bild geradezurücken, das auf mancherlei Weise schief ist.“ (ebd.) Gemeint sind damit beispielsweise eher negativ wertende Porträts (etwa in der FAZ[1]), die einen Menschen außer Kontrolle beschreiben, der sich angeblich im politischen Delirium befand. Bereits nach den ersten Seiten des hier besprochenen Buches stellt sich allerdings die Frage, ob eine derart uneindeutige Gestalt wie Maradona eine solche Verteidigungsschrift überhaupt nötig hat. Warum sollte man ein öffentliches Bild von jemandem „geraderücken“, der gerne und häufig öffentlich provoziert hat und darüber hinaus – so viel lässt sich sicher sagen – als Provokateur wahrgenommen werden wollte? Diese Fragen müssen meines Erachtens gestellt werden, da der Text keine wirkliche Analyse darstellt, keinen theoretischen Anspruch formuliert, sondern vor allem versucht, Maradona vor dem Hintergrund seines sozialen wie politischen Kontextes zu erklären und nahezu jede seiner Handlungen darauf zurückführen will, um ihn so gleichzeitig zu entlasten.

Das Buch versucht, und das ist interessant, den politischen Maradona zu Wort kommen zu lassen. Es trägt eine Vielzahl an fesselnden Anekdoten zusammen und skizziert ihn in all seinen Facetten: als Fußballhelden, politischen (antikolonialen) Rebellen sowie als Lebemann. Der Text ist entsprechend leidlich unterhaltsam, wenn auch oft tendenziös, das heißt aus einer klaren Verteidigungshaltung heraus geschrieben. Der Stil ist eher journalistischer denn akademischer Natur: Der Argumentationsaufbau und das abwägende Argument stehen nicht im Vordergrund; vielmehr wechselt der Text ständig zwischen der Verteidigung und Verehrung des Protagonisten sowie der Anklage seiner Gegner, es wechseln sich interessante mit oberflächlichen und stark parteinehmenden Passagen ab. Passend entsprechen die Quellen eher selten reflektierten akademischen Forschungsarbeiten oder Äußerungen.

Der Inhalt wird zunächst chronologisch entfaltet. Dabei steht der pibe de oro im Vordergrund, der Goldjunge, der in einem Armutsviertel in Buenos Aires (Villa Fiorito) aufwuchs. Die Zugehörigkeit zum Armenviertel, seine Herkunft, ist ein zentrales Motiv des Buches. Der Vater, ein Hafenarbeiter, hat indigene Wurzeln. Maradona gilt entsprechend als ein Cabecita Negra – übersetzt: Schwarzkopf, ein abwertender Begriff der Wohlhabenden der Stadt für die Einwohner*innen Fioritos. Seine Mutter wiederum stammt aus dem Süden Italiens. Der Süden ist ein weiteres zentrales, wenn auch nicht weiter theoretisch entfaltetes Motiv des Buches, da Maradona „dem Süden“ (global, Südamerika, Süditalien) laut Jäger die Würde zurückgeben wird, und zwar immer in Frontstellung zu den kolonialen Mächten (global, USA, Norditalien): „Die Bedeutung Maradonas ist auch deshalb nicht hoch genug einzuschätzen, weil er Sinnbild für einen Süden war […] Für einen Süden, der in Maradona jemanden sah, der ihm die Würde zurückgab. Zunächst innerhalb von Argentinien, später im gebeutelten Süden Italiens und nicht zuletzt im Weltmaßstab.“ (S. 211) Seine frühe Karriere in der argentinischen ersten Liga, wo er bereits im Alter von 15 Jahren debütierte, wird ausführlich geschildert. Auf der einen Seite skizziert das Buch Maradona bereits früh als unschuldigen Spielball des Fußballbusiness, andererseits wird ebenso früh seine Aufsässigkeit als Konstante eingeführt (S. 29).

Zum historischen, soziopolitischen Kontext Maradonas, geboren 1960, gehören natürlich auch die Heimsuchungen Südamerikas durch diverse Militärdiktaturen und die durchaus fragwürdige Rolle der USA in diesem Kontext, die nach Jäger zentral für den politischen Maradona seien. Letzterer zeigte sich immer wieder solidarisch mit den Großmüttern und Müttern des Plaza de Majo, die öffentlich das Verschwinden von Menschen während der Diktatur anprangerten. Ein interessanter Exkurs befasst sich vor diesem Hintergrund mit dem Deutschen Fußballbund (DFB) unter seinem damaligen Präsidenten Hermann Neuberger und der in Deutschland vorherrschenden als skandalös zu bezeichnenden, weil verharmlosenden Haltung gegenüber der argentinischen Diktatur während der WM 1978, besonders im Hinblick auf ein deutsches Opfer der Junta (Elisabeth Käsemann) und der fragwürdigen Verwicklung des Bundesaußenministeriums (S. 38 ff.). Diego Maradona wiederum war zu diesem Zeitpunkt nicht im Kader des Teams, das später die Heim-WM gewann. Allerdings konnte er im darauffolgenden Jahr mit der argentinischen Mannschaft die Junioren-WM 1979 für sich entscheiden, wodurch er sich, als würdiger Nachfolger von Mario Kempes, zum größten Versprechen des globalen Fußballs entwickelte, wie das Buch nachvollziehbar vermittelt.

Zentrale Aussage des Buches – gleichsam in Ermangelung einer wirklichen These – ist der bereits oben angesprochene Versuch, Maradona (unter Fans bekannt als D10S, eine Kombination aus dem spanischen Wort Dios für Gott und seiner legendären Trikotnummer 10) als jemanden zu charakterisieren, der ‚dem Süden‘ Würde verliehen hat (Dem Süden Würde verliehen. Von Boca über Barça nach Neapel, S. 59 ff.). Der Band beschäftigt sich in diesem Zusammenhang intensiv mit den Stationen der Laufbahn Maradonas. Die Vereine Boca Juniors und SSC Neapel ähneln sich darin, als Klubs der einfachen Leute zu gelten, im Gegensatz etwa zum FC Barcelona, wo Maradona eine unglückliche, von Verletzungen geprägte Zeit verbrachte, in der offenbar alle – abgesehen vom deutschen Legionär und Zimmerkumpanen Bernd Schuster – gegen ihn waren (etwa Vereinspräsident Nuñez, der Trainer Udo Lattek und die Moralvorstellungen des katalanischen Bürgertums, S. 60). Im Zentrum steht immer wieder seine Zeit in Neapel, sportlich ohne Frage die erfolgreichste, gleichzeitig aber auch geprägt durch viele Kontroversen in seinem Privatleben, vor allem wegen seiner berüchtigten Verbindung zur Camorra. Jäger schreibt: „Der sportliche Erfolg hätte noch größer ausfallen können, wäre da nicht die Wettmafia gewesen. […] Früh genug wurde er von der Camorra umgarnt. Uhren, Autos, Koks bot man ihm, in welchen Etablissements auch immer. Die Kehrseite des Ruhms bedeutete schließlich die Flucht aus Neapel.“ (S. 88) Ein weiterer Aspekt sind vermeintlich manipulierte Spiele der italienischen Liga in der Saison 1987/88 (ebd.).

In Neapel wurde er fraglos zum Volkshelden und machte sich laut Jägers Ausführungen näher mit den Schriften und Taten seines Landmanns, dem Revolutionär Che Guevara vertraut, den er immer wieder als ‚größten Revolutionär aller Zeiten‘ preisen sollte. Mit ihm sah er sich offensichtlich verbunden im antikolonialen Kampf und dem Wunsch nach einem vereinten Lateinamerika. „Diego trat aktiv für die venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez (1999–2013) und Nicolás Maduro (2013 ff.) sowie für den bolivianischen Präsidenten Evo Morales (2006–2019) ein. Darin – und in der Unterstützung Kubas – liegt das eigentliche politische Vermächtnis Maradonas“, ordnet Jäger das politische Wirken des Fußballers weiter ein.

Da das Buch keine wirkliche inhaltliche Linie aufweist und ständig von Schauplatz zu Schauplatz sowie zwischen Politik, Fußball, Drogenmissbrauch und Liebesbeziehungen springt, fällt es nicht ganz leicht, seinen Inhalt stringent wiederzugeben. Für Maradonas Reputation, sowohl als Spieler wie auch als politischer Mensch, ist allerdings das WM-Viertelfinale von 1986 gegen England im Aztekenstadion (Mexiko-Stadt) kaum zu überschätzen, das im Buch immer wieder angeführt wird. Gleich zweimal übte Maradona in diesem Spiel laut Jäger gleichsam im Alleingang Rache für den verlorenen Falkland-Krieg (1982) gegen das imperiale England: Mit seinem schon fast mythischen Handtor (Die Hand Gottes), das freilich heute keinem Videobeweis mehr standhalten würde, sowie einem unvergleichlichen Sololauf inklusive Tor in der glühenden Mittagshitze (Anstoßzeit 12:00 Uhr wegen der Fernsehzeiten, ein Umstand, den Maradona immer wieder als Kritiker der FIFA anprangerte) führte er die kreolische Spielweise zum Sieg über die englische. Ein Spiel, das später, nicht zuletzt von Maradona selbst, zum antikolonialen Befreiungsschlag umgedeutet wurde (S. 110 ff.), durchaus gleichzusetzen mit dem deutsch-nationalen Narrativ rund um das sogenannte Wunder von Bern.

Ausführlich werden im Buch die einzelnen WM-Turniere aus der Sicht Maradonas dargestellt sowie seine anschließende, einigermaßen kuriose Laufbahn als Trainer, vom argentinischen Nationaltrainer über Stationen in Dubai bis hin zur zweiten mexikanischen Liga. Maradona ließ sich im Jahr 2000 nach einem durch seinen Kokainmissbrauch ausgelösten, körperlichen Kollaps zu Jahresbeginn in einem kubanischen Gesundheitszentrum behandeln. Er entwickelte Jägers Ausführungen zufolge in dieser Zeit eine freundschaftliche Beziehung zu Fidel Castro, den er im Nachgang sogar für eine Fernsehsendung interviewte. Hervorgehoben wird in diesem Kontext immer wieder sein Einsatz für ein freies und vereintes Südamerika im Namen des Chavismus (Ein „Soldat Venezuelas“: Der Chavista Maradona, S. 190 ff.) und Peronismus sowie seine Gegnerschaft zu den Vereinigten Staaten. Die im Band zusammengetragene Vielzahl an Details und Geschichten wird allerdings immer wieder durchzogen vom Versuch, Maradonas problematischere Haltungen und Handlungen – etwa gegenüber Frauen, seinen Drogenkonsum, öffentliche Ausraster, seine Funktion als Teil der Konsumindustrie und des kommerzialisierten Fußballs und so weiter – mit einer eher oberflächlich psychologisierenden Darstellung seiner Herkunft beziehungsweise seiner politischen Haltung relativieren zu wollen. Das ist aus meiner Sicht nicht nur unnötig, sondern lässt die Legitimation und Relativierung der schwierigen wie infantilen Facetten einer faszinierenden (gerade weil ambivalenten!) Figur des Weltfußballs als Hauptmotiv des Textes erscheinen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Glenn Jägers Buch in Teilen interessant und unterhaltsam geschrieben ist, letztlich aber mit keinen neuen Erkenntnissen aufwartet, sondern vornehmlich eine stark normative Zusammenschau und Interpretation vorhandener Materialien zu Diego Maradona bietet – quasi pünktlich zum Todestag. Erst zum Schluss (S. 248 f.) erwähnt der Autor etwa Eric Hobsbawms Idee des ‚Sozialrebellen‘ in wenigen Sätzen, auf die man sich durchaus stärker hätte beziehen können und die unter Umständen eine tiefergehende Betrachtung des Argentiniers ermöglicht hätte. Aus meiner Sicht stellt sich mit der Figur Maradona, wenn man sie denn weniger individuell betrachten würde, auch die weiterführende Frage nach Persönlichkeiten im Bereich des Sports in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren, die durch ihre Präsenz und die spezifische Art der Ausübung ihrer jeweiligen Sportart als kulturverändernd bezeichnet werden können und – als popkulturelle Ikonen – direkte Auswirkungen auf Gesellschaften und ihre Imaginäre zeitigten; zu nennen wären hier neben Maradona in Deutschland etwa Boris Becker und Steffi Graf[2] oder Michael Jordan in den USA, die alle mehr oder weniger zur gleichen Zeit sportlich aktiv waren. Ein systematischer Vergleich zwischen solchen Persönlichkeiten könnte stark biografisch-anekdotisch orientierte Schriften wie die hier besprochene sinnvoll um neue Perspektiven ergänzen und auch die Frage nach der prägenden Funktion der jeweiligen Sportart in ihrer Zeit mehr in den Vordergrund rücken.

  1. Paul Ingendaay, Himmelfahrt und Höllensturz, in: FAZ (28.11.2020).
  2. Kristian Naglo, Steffi Graf and Boris Becker. German Tennis, National Identity and the Mash of Media Images, in: Roberst J. Lake, The Routledge Handbook of Tennis: History, Culture and Politics, London 2019, S. 76–86.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Globalisierung / Weltgesellschaft Körper Kultur Politik Rassismus / Diskriminierung

Kristian Naglo

Dr. Kristian Naglo ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Kultur-, Sport- und Sprachsoziologie mit den Schwerpunkten Interkulturalität, 'Fußballwelten' und Mehrsprachigkeit. Er ist Mitinitiator der internationalen Forschungsgruppe Small Worlds of Football.

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