Anne Tittor | Rezension |

Gaia vs. Goliath

Rezension zu „Die Grenzen der Rohstoffausbeutung. Umweltkonflikte und ökoterritoriale Wende in Lateinamerika“ von Maristella Svampa

Maristella Svampa:
Die Grenzen der Rohstoffausbeutung. Umweltkonflikte und ökoterritoriale Wende in Lateinamerika
übers. von Ann-Katrin Lauer / Lisa-Marie Maier
Deutschland
Bielefeld 2020: transcript
156 S., 17,50 EUR und Open Access
ISBN 978-3-8376-5378-6

Mit dem gut 150-seitigen Buch Die Grenzen der Rohstoffausbeutung. Umweltkonflikte und ökoterritoriale Wende in Lateinamerika hat die argentinische Soziologin Maristella Svampa eine Zeitdiagnose der aktuellen Strukturprobleme des globalen Kapitalismus und seiner sozial-ökologischen Auswirkungen in Lateinamerika vorgelegt. Um es vorweg zu nehmen: In komprimierter Form ermöglicht die Schrift einen hervorragenden Einblick in die lateinamerikanische Extraktivismusdebatte und macht die Leserschaft mit der Position einer Autorin vertraut, die diese Diskussion wesentlich mitgeprägt hat. Viele der hier vorgebrachten Thesen und Argumente hat Svampa an anderer Stelle,[1] meist in spanischer Sprache, ausführlicher entwickelt und belegt. Das vorliegende Büchlein ist als Synthese ihrer Arbeiten zu Umweltkonflikten in Lateinamerika zu verstehen, zugleich aber auch allen zu empfehlen, die sich für die globalen Dimensionen der Extraktivismusdebatte interessieren. Denn Svampa beleuchtet die Dilemmata einer auf Rohstoffextraktion ausgerichteten Wirtschaftsweise, mit denen sich auch linke und progressive Regierungen konfrontiert sehen, und widmet sich zudem den Alternativen zu dieser Wirtschaftsweise, wie sie sozial-ökologische Bewegungen formulieren.

Für Maristella Svampa ist „Extraktivismus“ sowohl ein analytischer, zeitdiagnostischer Begriff, der als Kristallisationspunkt einer Krisendiagnose fungieren beziehungsweise zur Kritik einer (produktivistischen) Entwicklungsweise in Stellung gebracht werden kann, als auch ein Kampfbegriff sozialer Bewegungen, die sich gegen eben dieses Akkumulationsmodell und seine sozial-ökologischen Folgen wehren (S. 15 ff.). Das auf Rohstoffabbau und -export basierende Wirtschaftsmodell des Extraktivismus folge den Mustern kolonialer Naturaneignung und präge Lateinamerika seit 500 Jahren. Dennoch gebe es derzeit einige neue Entwicklungen zu beobachten: Den zeitgenössischen Extraktivismus kennzeichne neben seinem Gigantismus, der Entwicklung immer größerer und teurerer Erschließungs- und Infrastrukturprojekte (S. 20), eine stetige Ausweitung der Nutzungsgebiete auf zuvor unproduktive Flächen. Diese Ausweitung werde durch eine steigende Nachfrage nach Rohstoffen und Energie des globalen Kapitalismus angetrieben. Nach der Jahrtausendwende, so Svampa, wurde der Washington Consensus in Lateinamerika von einem „Rohstoff-Konsens“ (S. 22) abgelöst, der auf dem großangelegten Export von Primärgütern, Wirtschaftswachstum und einem „konsumorientierten Inklusionsmodell“ (S. 26) beruht. Durch die neoliberalen Reformen im Zuge des Aufstiegs des Finanzkapitalismus und insbesondere seit der Finanzkrise 2008 habe außerdem der Finanzsektor an Bedeutung bei der Erschließung und Preisbestimmung der Rohstoffe gewonnen, was die potenziellen innergesellschaftlichen Umverteilungseffekte der zeitgleich steigenden, aber auch volatilen Einnahmen aus den hohen Rohstoffpreisen konterkariere. Der Versuch der Länder des Zentrums, die eigene Wirtschaft in eine Green Economy zu verwandeln, fördere zudem die Kommodifizierung der Natur und die Finanzialisierung nicht nur von Emissionen, sondern auch von Luft, Wasser und anderen natürlichen Prozessen. Auf einer spezifischeren Ebene sei der Extraktivismus auch als ein „sozio-territoriales Modell“ (S. 19) zu verstehen, das auf nationaler, regionaler oder lokaler Ebene analysiert werden könne. Dabei lässt er sich als Entwicklungsmodell charakterisieren, das auf der Überausbeutung von Naturressourcen beruht und die Ausweitung der Nutzungsgrenzen auf Gebiete vornimmt, die zuvor aus Sicht des Kapitals als unproduktiv galten.

Svampa teilt den zeitgenössischen Extraktivismus in Lateinamerika in drei Phasen ein (S. 31 ff.). Die erste, Positive Phase (2003–2008) sei von der Hoffnung auf Umverteilung und Umgestaltung der Wirtschaft geprägt gewesen. In dieser Zeit gingen soziale Verbesserungen, meist in Gestalt von Sozialplänen, mit dem Rohstoffboom einher. In einer zweiten Phase (ca. 2008–2012) zeichnete sich die Multiplikation der Megaprojekte und mit ihnen auch der sozial-ökologischen Konflikte ab. In der Phase der Zuspitzung des Neoextraktivismus (2013–2015) wurde mit einer Ausweitung der Abbaumenge und einer erneuten Erweiterung der Rohstoffgrenze auf den Fall der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt reagiert. Mittlerweile erlebten wir „Extremfiguren des Extraktivismus“ (S.75 ff.), die mit einer starken Zunahme von Gewalt bis hin zu Morden an Umweltaktivist*innen einhergingen; zugleich komme es zu einer „Maskulinisierung der Territorien“ (S.83), da beispielsweise mit der Durchsetzung des Bergbaus in einem Gebiet oft auch Prostitution und Menschenhandel zunähmen. Die Stellung der Frau in den erschlossenen Regionen verschlechtere sich, körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen, insbesondere auch gegen Umweltaktivistinnen, nehme zu. Es entwickelten sich „Gewaltketten“ (S. 79) – ein Begriff, den Svampa von Javier Auyero und María Fernanda Berti (2013) entleiht. Des Weiteren würden immer neue Technologien der „Extremen Energien“ eingeführt (S. 86). So entstehen beispielsweise in Argentinien und Brasilien große Fracking-Projekte, in Argentinien werden Ölsande abgebaut, in Venezuela wird Schiefergas gefördert. Einzig Uruguay hat Fracking fürs erste verboten.

Nach dieser stark komprimierten Problemdiagnose widmet Svampa einen erheblichen Teil ihres Buches der Analyse verschiedener sozialer Bewegungen, die sich gegen Rohstoffausbeutung zur Wehr setzen. Gemäß der politischen Orientierung der unterschiedlichen Bewegungen unterteilt sie den Widerstand in vier Kategorien: a) die bäuerlich-indigene Matrix, b) die national-populare Matrix, c) die Matrix des Klassenkampfes und d) die der Autonomie, zu der etwa umweltpolitische und feministische Gruppen gehören. Dabei konstatiert sie, dass zahlreiche Bewegungen in den letzten Jahren eine „ökoterritoriale Wende“ (S. 57) vollzogen hätten. Gemeint ist damit, dass im Kontrast zu vorangegangenen Jahrzehnten Auseinandersetzungen im ländlichen Raum an Bedeutung gewinnen und dabei die Verteidigung der Territorien, das heißt der ruralen Lebensräume und ihrer Ökosysteme, im Mittelpunkt steht. Zugleich, so Svampa, haben sich auch Unternehmen, Planer*innen und politische Entscheidungsträger*innen einem spezifischen Konzept von Territorialität verschrieben, was die Aneignung von Territorien erst so umkämpft mache – sowohl auf materieller als auch auf symbolischer Ebene (S. 39). Der Extraktivismus gehe oft mit einer neuen Sprache der Inwertsetzung einher, die die Territorien als „gesellschaftlich leer“, „unproduktiv“ und „nutzlos“ abwerte. Dagegen artikuliere sich der Widerstand der vielfältigen Bewegungen. Bemerkenswert seien dabei vor allem die innovativen Verflechtungen und Netzwerke zwischen indigen-bäuerlichen Akteur*innen einerseits und nach Autonomie strebenden, umweltpolitischen wie feministischen Bewegungen andererseits. So erkennt Svampa in einem neuartigen popularen Feminismus und einem weiblichen Protagonismus[2] in vielen Kämpfen gegen Extraktivismus zwei Faktoren, die nicht nur die Rolle der Frauen in sozialen Bewegungen stärken, sondern auch ein Verständnis von Mensch-Naturverhältnissen mit sich bringen, das stärker von Interdependenz und Sorge geprägt ist (S. 69 ff.).

In Svampas Augen ist das Konzept des Extraktivismus nicht zuletzt dazu geeignet, gegenwärtige Veränderungen und Umbrüche auf der Ebene der Geopolitik zu analysieren. So betrachtet sie den Versuch Lateinamerikas, einen unabhängigen Regionalismus zu entwickeln, als gescheitert sowie eine Süd-Süd-Kooperation auf Augenhöhe als reines Wunschdenken (S. 99 ff.). Zwar habe sich China zu einem wichtigen Handelspartner der lateinamerikanischen Länder entwickelt, aber wie Svampa kenntnisreich ausführt, sind diese Handelsbeziehungen sehr asymmetrisch und führen zu einem intensivierten Wettbewerb zwischen den lateinamerikanischen Rohstoffexporteuren.

Ganz grundsätzlich verweist die Bedeutung des Extraktivismus in Lateinamerika auf die gegenwärtige Krise der Moderne, die in den planetaren Veränderungen, die der Mensch im Anthropozän ausgelöst hat und nicht zu bremsen vermag, ihren Ausdruck finden. Angesichts der massiven Eingriffe in das Ökosystem, der Stauung der Hälfte der Flüsse weltweit, des dramatischen Biodiversitätsverlustes und der Veränderung der Stickstoff- und Phosphorkreisläufe spricht Svampa von einer „sozial-ökologischen Krise zivilisatorischen Ausmaßes“ (S. 125), der sie den Charakter einer Systemkrise zuschreibt. Die Antworten der ökologischen Modernisierung und der Green Economy reichten keinesfalls aus, um dieser Krise zu begegnen. Stattdessen hofft Svampa auf eben jene sozialen Bewegungen, die sich an agrarökologischen Projekten und dekolonialen Initiativen orientieren und sich vom Anthropozentrismus abgewendet haben. Sie stellen dabei das instrumentelle Verhältnis zur Natur, ein wesentliches Paradigma der Moderne, infrage und setzen diesem eine holistische Vision von Natur, Gaia, Gea beziehungsweise Pachamama entgegen.

Insgesamt hält sich das Buch nicht mit einer langatmigen Zusammenfassung von theoretischen Debatten auf, sondern synthetisiert viele der Argumente aus den Diskussionen um Extraktivismus und sozial-ökologische Transformation, aus der Bewegungsforschung beziehungsweise der lateinamerikanischen politischen Soziologie und unterfüttert sie zugleich mit der Schilderung aktueller Entwicklungen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Deutschen Leser*innen mag der Wechsel zwischen theoretischen und empirischen Ausführungen sowie Svampas Verzicht auf methodische Erläuterungen ungewöhnlich erscheinen, in der lateinamerikanischen Soziologie ist diese Darstellungsform jedoch üblich. Ihr Stil passt damit sehr gut zum Format der Long-Essay-Reihe, die das auf deutsch-lateinamerikanischen Austausch ausgerichtete Maria Sibylla Merian Centre for Advanced Latin American Studies in the Humanities and Social Sciences (CALAS) herausgibt. Die spanische Originalfassung erschien bereits 2018 unter dem Titel Las fronteras del neoextractivismo en América Latina. Conflictos socioambientales, giro ecoterritorial y nuevas dependencias in der gleichen Reihe.

Durch die gelungene Übersetzung von Ann-Katrin Lauer und Lisa-Marie Maier, die sehr nah am spanischen Original ist und dadurch gelegentlich ungewöhnliche Wortschöpfungen im Deutschen entstehen hat lassen, ist Svampas als Open-Access-Publikation erschienenes Buch nun endlich auch einer breiten deutschen Leser*innenschaft zugänglich.

  1. Maristella Svampa, Cambio de época. Movimientos sociales y poder político, Buenos Aires 2008 [Epochenwechsel. Soziale Bewegungen und politische Macht]; Maristella Svampa / Mirta Antonelli (Hg.), Minería transnacional, narrativas del desarrollo y resistencias sociales, Buenos Aires 2009 [Transnationaler Bergbau, Entwicklungsnarrative und sozialer Widerstand]; Maristella Svampa / Enrique Viale, Maldesarrollo. La Argentina del Extractivismo y el despojo, Buenos Aires 2014 [Missentwicklung. Das Argentinien des Extraktivismus und der Verdrängung].
  2. Popularer Feminismus (beziehungsweise populare Feminismen) bezeichnet als Oberbegriff eine Strömung der (lateinamerikanischen) Frauenbewegung, die Frauen in popularen Organisationen, das heißt vor allem in Stadtteilbewegungen in Unterschichts- und Mittelschichtsvierteln, Bauernbewegungen, lokalen Umweltgerechtigkeitsbewegungen, darin unterstützt, patriarchale Strukturen infrage zu stellen (vgl. Claudia Korol, „Feminismos populares. Las brujas necesarias en los tiempos de cólera“, in: Nueva Sociedad (2016), 265, S. 142–152. Oft bezeichnen sich diese Aktivistinnen selbst nicht als Feministinnen, dennoch wehren sie sich gegen sexualisierte Gewalt und männliche Dominanz in ihren Organisationen. Gerade in diesen Basisorganisationen, die sich um Alltagsbedürfnisse wie Wohnraum, Wasserversorgung, Schutz vor Verschmutzungen und Landrechte kümmern, sind Frauen zunehmend sichtbare Sprecherinnen und Führungsfiguren der Bewegungen – ein Umstand, der in der entsprechenden Literatur als weiblicher Protagonismus bezeichnet wird.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers.

Kategorien: Gewalt Globalisierung / Weltgesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Kolonialismus / Postkolonialismus Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Anne Tittor

Dr. Anne Tittor arbeitet als Post-Doc in der BMBF-Nachwuchsgruppe „Bioökonomie und soziale Ungleichheiten" am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Entwicklungstheorie, Globalisierung/Transnationalismus, Extraktivismus, soziale Bewegungen, Umwelt-, Gesundheits- und Sozialpolitik mit regionalem Fokus auf Lateinamerika. (Foto: Friedrich-Schiller-Universität Jena)

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