Oliver Römer | Literaturessay |

Gegenstrebige Fügung

Literaturessay zu „Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaften in der Nachkriegszeit“ von Fabian Link

Fabian Link:
Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaften in der Nachkriegszeit
Deutschland
Göttingen 2022: Wallstein
640 S., 66 EUR
ISBN 978-3-8353-5198-1

Die Geschichtsschreibung der westdeutschen Nachkriegssoziologie bleibt keineswegs auf ein wissenschaftsgeschichtliches Spezialistentum beschränkt, sondern ist im Unterschied zu anderen Epochen und Zusammenhängen der soziologischen Fachgeschichte längst ein fruchtbarer Gegenstand kultur- und sozialgeschichtlicher Forschung geworden. Wie die zu Recht vielbeachteten biografischen Studien von Carola Dietze und Franziska Meifort zu Helmuth Plessner bzw. Ralf Dahrendorf eindrucksvoll veranschaulicht haben, hängt dies mit der bemerkenswerten Fülle politisch-intellektueller Karrieren und Lebenswege der Protagonisten zusammen.[1] Ergänzend haben teilweise breit angelegte Studien die Herausbildung des soziologischen Feldes der Bundesrepublik mit Entwicklungen von Kultur und Gesellschaft der Nachkriegszeit insgesamt parallelisiert.[2]

Diese historischen Kontextualisierungen eines fremden Faches sollten stets auch einen Beitrag zur kritischen Selbstverständigung der Geschichtswissenschaften leisten. So fokussiert etwa Paul Nolte[3] jenes soziologische Orientierungswissen, das sich in der frühen Bundesrepublik in direkter Deutungskonkurrenz mit den Geschichtswissenschaften bemerkenswert erfolgreich entfalten und behaupten konnte. Durch die schnelle Einführung des Sozialkundeunterrichtes in den westlichen Besatzungszonen, den spürbaren Einfluss soziologischer Intellektueller wie Theodor W. Adorno, Helmut Schelsky und Ralf Dahrendorf in der Kultur-, Familien-, Bildungs- und Hochschulpolitik und den selbstbewussten Anspruch eines jungen Faches, eine eigenständige „Sozialgeschichtsschreibung der Gegenwart“[4] zu betreiben, begab sich die Soziologie in den ersten beiden Nachkriegszehnten auf kulturpolitische Felder, die bis weit in die Weimarer Republik hinein im Zuständigkeitsbereich der traditionellen staats- und geisteswissenschaftlichen Fächer lagen. Anfangs noch stark unter dem Protektorat der Westalliierten stehend und seit den 1950er-Jahren durch ehemalige Verfolgte des Naziregimes wie Adorno, Horkheimer, René König und Plessner geprägt, versprach sie im Gegensatz zu den unter Kontinuitätsverdacht stehenden etablierten Universitätsfächern einen substanziellen Beitrag für eine Erneuerung der postnazistischen politischen Kultur leisten zu können.

Diese Sonderposition, die in der frühen Bundesrepublik allenfalls noch die parallel begründeten Politikwissenschaften für sich beanspruchen konnten, trug mit dazu bei, dass sich westdeutsche Soziologen offensiv und kontrovers in Themenfelder und Diskussionen einmischen konnten, für die bisher in erster Linie die Geschichtswissenschaften zuständig waren. Eindrucksvollstes zeitgenössisches Beispiel hierfür war vermutlich Ralf Dahrendorfs Studie über „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“[5] – ein historisch-politisches Sachbuch eines jungen Tübinger Soziologieprofessors, der fachlich auf dem Gebiet der Bildungs- und Industriesoziologie ausgewiesen war.

In einer provokanten Zuspitzung diskutierte Dahrendorf den Nationalsozialismus als ein der Bundesrepublik vorauseilendes gesellschaftliches Modernisierungsprojekt. Dieser markiere einerseits das definitive historische Ende des deutschen Kaiserreiches, sei jedoch ein untrügliches historisches Zeugnis dafür, dass die staatsbürgerlichen Voraussetzungen für eine liberale Demokratie nach anglo-amerikanischem Vorbild auch in der jungen Bundesrepublik unerfüllt geblieben seien. Kaum weniger provokant lasen sich Dahrendorfs Thesen zur Funktion der Geschichtswissenschaften. Der Historikerzunft wurde von wenigen Ausnahmen abgesehen eine „klägliche Schulbuchperspektive“[6] vorgeworfen, die methodisch dilettantisch den Zusammenhang der deutschen Geschichte als Serie von „Betriebsunfällen“ verharmlose. Sogar in der „eindringlichsten historischen Analyse“ der westdeutschen Nachkriegswirklichkeit liege „ein Element der Beliebigkeit“[7]. Max Weber und C. Wright Mills folgend schlug Dahrendorf vor, den historische Analysen kennzeichnenden „Zwang der Einmaligkeit“ durch eine „experimentelle Haltung“[8] zu ersetzen. Geschichtsschreibung sollte als vergleichende sozialwissenschaftliche Strukturanalyse von Gesellschaften betrieben werden und den historischen ‚Sonderfall‘ Deutschland konsequent im durchaus unvorteilhaften Gegenlicht anderer westlicher Demokratien reflektieren.

Sowohl die historischen als auch die methodisch-theoretischen Perspektivverschiebungen, die Dahrendorf einforderte, boten bekanntlich mindestens Anregungen für die sich insbesondere von Bielefeld ausbreitende Form von deutscher Sozialgeschichtsschreibung.[9] Sie legten aber auch indirekt nahe, dass die Soziologie eine vom politischen Ballast des Nationalsozialismus weitgehend unbefleckte Form der wissenschaftlich-gesellschaftlichen Selbstbeobachtung einer Gesellschaft anzubieten habe, die sich in Richtung einer westlich-liberalen Demokratie entwickelte. So sprach etwa Paul Nolte – die Einlösung der von Dahrendorf noch eingeklagten politischen Liberalisierungs- und Modernisierungsversprechen behauptend – im Rückblick auf die alte Bundesrepublik von einer „wiedergefundenen Mitte“[10] in einer von Ideologien und Utopien befreiten Gesellschaft. Als ursächlich hierfür unterstellte er nicht zuletzt den in soziologischen Analysen vermittelten ‚Wirklichkeitssinn‘, der gewissermaßen in den Rang eines historischen Geburtshelfers stabiler demokratischer Institutionen erhoben wurde.[11]

Dass an dieser einseitig optimistischen Beschreibung der öffentlich-politischen Funktion der Soziologie als Demokratiewissenschaft, auch hinsichtlich ihres Umgangs mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen durchaus Korrekturen angebracht sind, hat die fachgeschichtliche Forschung in der Soziologie inzwischen selbst mehrfach eindrucksvoll belegt.[12] Die zunehmende Skepsis am demokratiewissenschaftlichen Selbstbild der Soziologie bildet ein Motiv für die unter dem Titel „Demokratisierung nach Auschwitz“ vorgelegte „Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaften“ des Schweizer Historikers Fabian Link. In einer ersten Fassung als Habilitationsschrift am Fachbereich für Geschichte und Philosophie der Frankfurter Goethe-Universität eingereicht, steht dieses Buch im Zusammenhang mit anderen, an dieser Stelle durchaus erwähnenswerten Veröffentlichungen des Verfassers. Hierzu zählen das Buch „Burgen und Burgenforschung im Nationalsozialismus“, mit dem Link sich bereits im Feld der Wissenschaftsgeschichte des Dritten Reiches profilieren konnte.[13] Zudem kann die von ihm mitherausgegebene Monografie „Schuldgefühle“ Peter von Haselbergs, die bereits Mitte der 1950er-Jahre im Kontext des „Gruppenexperimentes“ des Frankfurter Instituts für Sozialforschung entstanden war, als Vorarbeit für das vorliegende Buch bezeichnet werden.[14]

Remigranten und Dabeigewesene

Anders als der Untertitel suggeriert, liefert „Demokratisierung nach Auschwitz“ keine umfassende oder gar vollständige Rekonstruktion des sozialwissenschaftlichen Feldes der jungen Bundesrepublik. Vielmehr konzentriert sich Link auf zwei in vielen Punkten völlig gegensätzliche soziologische Schulbildungen, die sich unter den spezifischen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Voraussetzungen der Nachkriegsjahre in einer Art „gegenstrebiger Fügung“[15] miteinander verbanden. Während nämlich der erste untersuchte sozialwissenschaftliche Diskussionszusammenhang – die „Frankfurter Schule“ um den Sozialphilosophen Max Horkheimer – erst einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Exil zurückkehren sollte, bildet die zweite hier untersuchte sozialwissenschaftliche Schulbildung um Helmut Schelsky einen Ankerpunkt für die in den Nationalsozialismus verstrickte Sozialwissenschaft. Nicht zuletzt Schelsky selbst, dessen erste Berufung als Universitätsprofessor 1943 an die unter deutscher Besatzung stehende Reichsuniversität in Straßburg erfolgte, ist zu den eindeutigen Profiteuren nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik zu zählen.[16]

Diese Differenz – also die Frage, wie aus den gegensätzlichen Ausgangpositionen die Forderung nach Demokratisierung bundesdeutscher Verhältnisse und ein Umgang mit der historischen Erbschaft des Nationalsozialsozialismus erwuchsen – strukturiert Links Buch insgesamt. Untersucht wird der Zeitraum von 1931 bis 1961. Link hebt somit am Vorabend des Dritten Reiches an, wo – je nach Perspektive – eine außerordentlich vielversprechende Tradition deutscher Soziologie abriss und im Exil fortgesetzt werden musste[17] oder die Soziologie angesichts ihrer ausgespielten „Melodien“[18] auf eine dringende Erneuerung wartete. Er endet mit dem Beginn des Positivismusstreits und damit mit jener soziologischen Kontroverse, die während der 1960er-Jahre nicht nur ihre Hauptprotagonisten, die Vertreter der Frankfurter Schule (Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas) und des sogenannten Kritischen Rationalismus (Karl R. Popper und Hans Albers), sondern mit ihnen Teile der westdeutschen Soziologie entzweien sollte. Weil der Positivismusstreit die Hoffnung damaliger Beobachter enttäuschte, dass die vorparadigmatische Phase in der westdeutschen Soziologie, ihr Zerfallen in konkurrierende Schulen und Lehrmeinungen, durch das Projekt einer gemeinsamen Wissenschaftssprache überholt und für eine an die Standards der nordamerikanischen Diskussion angepasste „Weltsoziologie“[19] geöffnet werden könnte, gilt er bis heute als wissenschaftsgeschichtlicher Transformationspunkt: Er verschob das Profil der Disziplin insgesamt und bereitete das Terrain für weitere wissenschaftlich-theoretische Folgekontroversen wie die Habermas-Luhmann-Debatte.[20] Zugleich fand im Jahr 1961 der Eichmann-Prozess in Jerusalem statt, der hinsichtlich der Wahrnehmung der bis dahin aus dem öffentlichen Gedächtnis weithin verdrängten Verbrechen des Nationalsozialismus zu einer Zäsur werden sollte.

Diese zeitliche Eingrenzung, die den Entstehungs- und Institutionalisierungszusammenhang der beiden untersuchten soziologischen Schulkontexte recht gut abdeckt, liefert damit auch die Basis für die Strukturierung des Buches insgesamt, das aus drei größeren Teilen besteht. Einer allgemeinen Darstellung des sozialwissenschaftlichen Feldes in der westdeutschen Nachkriegsphase sowie einer Erläuterung neuralgischer begrifflicher und methodisch-theoretischer Vorentscheidungen der Untersuchung folgt im zweiten, fast 400-seitigen Hauptteil eine Abhandlung über den Zeitraum von 1931 bis 1957. Sie lässt sich grob in eine Phase vor sowie eine Phase nach 1945 unterteilen und behandelt vor allem die Frage nach dem Wandel sowie der Neukonstitution der Sozialwissenschaften in Deutschland. Die Jahre 1957 bis 1961 werden als Zeitraum des Erstarkens theoretischer Orientierung einerseits, einer sozialwissenschaftlichen Erziehungspolitik andererseits gedeutet. Link geht im Einklang mit einschlägigen fachgeschichtlichen Darstellungen davon aus, dass in den späten 1950er-Jahren eine breite Konjunktur von sozialempirischen Studien, die den Identitätskern der frühen westdeutschen Soziologie ausmachten, durch eine Reihe von wissenschaftstheoretischen Grundsatzdebatten abgelöst wurde. Die kurze Schlussbetrachtung „Fragmentierte Sozialwissenschaften, unvollständige Demokratisierung“ kann daher als ein eher skeptisches Nachwort gelesen werden. Sowohl die angestrebte Demokratisierung der Bundesrepublik als auch der Anspruch an die Sozialwissenschaften, zu einer kritischen gesellschaftlichen Reflexionsinstanz heranzuwachsen, blieben letztlich unvollendet. Die sich an den Eichmann-Prozess anschließende Aufarbeitungsdiskussion wurde zwar durchaus unter öffentlichkeitswirksamer soziologischer Beteiligung geführt, wie etwa die Beiträge Adornos im öffentlichen Rundfunk belegen,[21] blieb aber ohne sozialempirische Begleitung in entsprechenden fachwissenschaftlichen Studien. Als Musterbeispiele für solche Studien werden von Link das am Frankfurter Institut für Sozialforschung durchgeführte „Gruppenexperiment“[22], das die Frage nach den demokratischen Haltungen in der westdeutschen Nachkriegsbevölkerung fokussierte, und die von Helmut Schelsky geleiteten empirischen Studien zur Situation von Vertriebenenfamilien an der Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft[23] ausführlich diskutiert – zwei Studien also, die Mitte bzw. Anfang der 1950er-Jahre auf dem Höhepunkt der sozialempirischen Orientierung der westdeutschen Soziologie entstanden.

Idiome und Schulen

Im ersten Teil des Buches bemüht sich Link nicht nur um eine historische Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes, sondern unternimmt zugleich einige methodisch-theoretische Weichenstellungen, die näher zu beleuchten sind. Hierzu zählt insbesondere der Begriff des Idioms, der bei der Differenzierung der untersuchten soziologischen Denkzusammenhänge für Klarheit sorgen soll. In weitgehender Übereinstimmung mit dem von Ludwik Fleck geprägten Begriff des Denkstils geht Link davon aus, das in den beiden von ihm untersuchten sozialwissenschaftlichen Traditionen ein jeweils relevanter Kern von Trägern einer bestimmten, relativ kohärenten sozialwissenschaftlichen Weltanschauung und Lehrmeinung ausgemacht werden könne. Mit Blick auf die von Horkheimer und Adorno geprägte Kritische Theorie spricht Link sogar von einer zumindest zeitweilig „nahezu geschlossene[n] Gruppe an Sozialwissenschaftlern“ (S. 67). Der Kreis um Helmut Schelsky wird dagegen als „ein deutlich loseres nach 1945 vielfach verändertes Geflecht an Akteuren“ (ebd.) charakterisiert. Aufgebrochen worden sei die relative Geschlossenheit beider Gruppen, die auch das Produkt zweier räumlich weit auseinanderliegender universitärer Denkzusammenhänge in Frankfurt bzw. Leipzig war, durch eine bis zu einem gewissen Grade von außen aufgezwungene Orientierung an den internationalen, insbesondere nordamerikanischen Sozialwissenschaften. Das amerikanische Exil einerseits, ein sich bereits in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland konstituierendes Interesse an angewandter Sozialwissenschaft für kriegsrelevante Bereiche andererseits, schließlich die alliierte Wissenschaftspolitik, verbunden mit finanziellen Anreizen über stiftungsfinanzierte Forschungsaufträge und mit institutioneller Starthilfe für die Gründung bzw. Erneuerung von außeruniversitären Sozialforschungsinstituten, legten bereits vor der eigentlichen Gründung der Bundesrepublik die Grundlagen für den in den 1950er-Jahren entstandenen Boom empirischer Sozialforschung.[24]

Empirische Methoden, strukturfunktionalistisches Vokabular und mathematisierte Theorienbildung verbanden sich in der Folge nach nordamerikanischem Vorbild immer deutlicher zu einer sozialwissenschaftlichen ‚lingua franca‘, die laut Link auf eine „idiomfreie“ (S. 70) Weise die Verkehrsbeziehungen zwischen den entstehenden akademischen Schulen der Soziologie in Westdeutschland immer stärker regelte.

Was unter einer solchen idiomfreien Kommunikation verstanden werden kann, erläutert Link anhand des von Hans-Jörg Rheinberger für den Bereich der Naturwissenschaften eingeführten Konzeptes des Experimentalsystems. Durch die Etablierung quasi-naturwissenschaftlicher Arbeitstechniken und -mittel wie IBM-Rechenmaschinen, Lochkartenverfahren und Fragebogenschemata wurden vorhandene sozialwissenschaftliche und -philosophische Begriffsapparate in der Nachkriegszeit auf eine neue Produktionsgrundlage gestellt. Sie mussten sich im Licht experimenteller Hypothesen und Forschungspraktiken bewähren und gegebenenfalls transformieren – eine Erfahrung, die insbesondere die Protagonisten der Frankfurter Schule bereits im amerikanischen Exil prägte.[25]

Auch wenn Links grundlegende Intention nachvollziehbar ist, ein belastbares Differenzierungskriterium für die beiden von ihm untersuchten sozialwissenschaftlichen Schulbildungen und damit auch für die Strukturierung seines Buches zu finden, sind an dieser Stelle erste kritische Rückfragen angebracht: Die historische Isolierung anhand von Akteursgruppen, ihre Amalgamierung zu Denkkollektiven, bereitet – wie Link selbst eingestehen muss – sichtlich Probleme. So tauchen etwa in dem für das Schelsky‘sche Wissenschaftsidiom prägenden Leipziger Kreis um den Soziologen Hans Freyer neben jungkonservativen Protagonisten wie etwa Arnold Gehlen sowie klar nationalsozialistisch orientierten Sozialwissenschaftlern wie Karl Heinz Pfeffer oder Gunther Ipsen auch Sozialwissenschaftler wie Paul Tillich, Karl August Wittfogel, Arkadij Gurland oder Heinz Maus auf, die zeitweise im Dunstkreis der Frankfurter Schule standen. Dass Link Hugo Fischer[26], der vor den Nazis ins Exil floh, ohne weiteren Kommentar der Fraktion der völkisch-nationalistischen Sozialwissenschaftler zuschlägt, veranschaulicht zusätzlich die Unschärfen dieser auf Kohärenz zielenden Klassifikation.

Stattdessen lässt sich mit guten Gründen behaupten, dass die Anziehungskraft des Freyer-Kreises für dieses höchst heterogene Feld junger soziologisch orientierter Intellektueller im zusehends schrumpfenden sozialwissenschaftlichen und -philosophischen Angebot während des Nationalsozialismus bestand. Wurden etwa die stark jüdisch und sozialistisch geprägten Frankfurter Sozialwissenschaften schon unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis abgewickelt, so verstummten bürgerlich und liberal gesonnene Soziologen wie Alfred von Martin, Alfred Weber oder Leopold von Wiese zusehends und richteten sich im „inneren Exil“ ein. Angesichts dieser Situation wurde ein rechtshegelianisch orientierter Sozialphilosoph wie Freyer, der seiner wirklichkeitswissenschaftlichen Grundlegung der Soziologie sogar ein bemerkenswert kenntnisreiches Kapitel über Marx hinzuzufügen wusste,[27] rasch zu einem letzten Anlaufpunkt sogar für die wenigen Vertreter der in Deutschland verbliebenen linken Intelligenz.[28] Wie Schelsky selbst jugendbewegt, aber eben auch wie die Autoren der Frankfurter Schule in der Spätphase der Weimarer Republik von einem Scheitern des liberalen Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie überzeugt, versammelte der Autor der „Revolution von rechts“[29] in Leipzig auch nach 1933 noch einen durchaus heterogenen Kreis junger Intellektueller, die in Teilen Kontakte bis in den nationalbolschewistischen Widerstandszirkel um Ernst Niekisch unterhielten.[30] Zugleich gehörte Freyer, der 1933 den Vorsitz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie übernahm und von 1935 bis 1944 das Deutsche Kulturinstitut in Budapest leitete, ebenfalls zu den eindeutigen Profiteuren nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik.[31]

Komplementär hierzu ist aber auch fraglich, inwiefern der im europäischen und amerikanischen Exil sich um Max Horkheimer formierende Kreis tatsächlich über ein kohärentes Idiom verfügte oder um eine Art theoretischen ‚Nullpunkt‘ angeordnet werden kann. Das Gravitationszentrum des Frankfurter Instituts für Sozialforschung bildete in den 1930er-Jahren gerade keine geschlossene Theorie oder Weltanschauung, sondern die Zeitschrift für Sozialforschung, die mit dem Anspruch antrat, einen offenen Diskussionsort für die programmatische Erneuerung der wissenschaftlichen Traditionen der Arbeiterbewegung unter sich verändernden historisch-gesellschaftlichen Umständen zur Verfügung zu stellen.[32] Dass die Kritische Theorie, der Horkheimer selbst einen sich stets verwandelnden Zeitkern unterstellte, in irgendeiner der programmatischen Arbeiten der 1930er- und 1940er-Jahre jemals kohärent ausformuliert wurde, darf zu Recht bezweifelt werden. Die theoretischen Dynamiken sowie personellen Loyalitäten und die Fluktuation des Horkheimer-Kreises waren – wie Link selbst immer wieder punktuell festhält – unter den Bedingungen des Exils eng an die oft knappen finanziellen Zuwendungen eines stiftungsfinanzierten Forschungsinstituts gebunden. Mit anderen Worten: Sie hingen stärker von den schwankenden Börsenkursen einer hochgradig krisenhaften Weltwirtschaft ab als von den theoretischen Kehren und Brüchen einer neomarxistischen Tradition. Die Vertreter der Frankfurter Schule können aufgrund dieser zwar prekären, aber keineswegs verzweifelten Situation durchaus zu den „Privilegierte[n] unter den NS-Geschädigten“ (S. 125) gezählt werden. Zudem scheint es keineswegs vermessen, Horkheimer selbst nicht primär als theoretischen Vordenker, sondern als „Unternehmer in Sachen ‚Kritische Theorie‘“[33] zu bezeichnen: Über die Vergabe von Stipendien und Forschungsaufträgen fungierte er in der Zeit des Nationalsozialismus als eine Art ‚Gatekeeper‘, der den Zugang exilierter Sozialwissenschaftler:innen zum amerikanischen Wissenschafts- und Universitätssystem regulierte. Eine vergleichbare Funktion kam ihm und Adorno schließlich bei der Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der frühen Bundesrepublik zu.

Rückblickende Historisierung und generationale Aneignungen

Angesichts dieser Ausgangsposition spricht vieles dafür, das von Link adressierte Idiom der Frankfurter Schule als das Produkt einer historisch späten, rückblickenden Historisierung zu betrachten, die mit der Rezeption in der westdeutschen Studentenbewegung einsetzte und damit aus dem historischen Fokus von Links Buch herausfällt. Auch weil diese Rezeptionsgeschichte, die genau die Frage nach der ‚reinen Lehre‘ überhaupt erst aufwarf, unreflektiert bleibt, tendiert die hier praktizierte Interpretation der Geschichte der Frankfurter Schule dazu, eine mit und nach 1968 hegemonial gewordene Deutung kritiklos zu reproduzieren. Kritische Theorie verengte sich somit gewissermaßen auf den Ausfluss der kongenialen Gedankenproduktion Adornos und Horkheimers. Dass jenseits von den in dieser Rezeptionslinie ebenfalls eingemeindeten Herbert Marcuse und Walter Benjamin zahlreiche sozialwissenschaftliche und intellektuelle Beiträge des Horkheimer-Zusammenhangs bis heute kaum ausreichend gewürdigt wurden und insbesondere die frappierende Abwesenheit von weiblichen Stimmen immer noch nicht hinreichend diskutiert worden ist, kann man ebenfalls recht eindrucksvoll anhand unterschiedlicher Passagen dieses Buches nachvollziehen. So werden etwa an den empirischen Projekten des Frankfurter Instituts beteiligte Wissenschaftlerinnen wie Käthe Leichter, Marie Jahoda oder Herta Herzog von Link zwar erwähnt, aber zugleich als „positivistisch“ und „wissenschaftlich zeitgemäß arbeitende Sozialforscherinnen“ (S. 135) charakterisiert. Ihr Ausschluss aus der „dialektisch-geschichtsphilosophischen Wissensebene“ der Kritischen Theorie gilt daher als ausgemachte Sache. Nicht thematisiert wird hingegen, dass die Differenzierung eines solchen sozialphilosophischen ‚Wesenskerns‘ kritischer Theorie von einer äußerlichen ‚Hülle‘ standardisierter sozialstatistischer Registratur eher zum Repertoire des Positivismusstreits als zu dem vom jungen Horkheimer in Ansätzen begründeten „interdisziplinären Materialismus“[34] zu zählen ist.

Weil der Begriff des Idioms in frappierend unhistorischer Weise eingeführt wird, geraten bei Link also auch die generational spezifischen Rezeptionsmuster der diskutierten Theoreme teilweise aus dem Blick. Die von ihm hervorgehobene tendenzielle Theorielosigkeit der ersten Phase westdeutscher Soziologie, ihre pragmatische Neigung zu den ‚Fakten‘ sozialempirischer Studien ist aber nur dann erklärbar, wenn man den durch den Nationalsozialismus verursachten Bruch in der Rezeption der intellektuellen Traditionen der Zwischenkriegszeit adäquat berücksichtigt. Dazu wäre es jedoch notwendig gewesen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg konstituierenden Formen der Wiederaneignung intellektueller Traditionen und Ausdrucksformen durch eine jüngere, im Zweiten Weltkrieg aufgewachsene Generation – die sogenannte Flakhelfer- oder 45er-Generation – näher zu diskutieren. Gerade die sozialempirischen Studien, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt entstanden sind, liefern interessante Belege für eine ebenso bruchstückhafte wie intellektuell eigenständige Rezeptionsarbeit im Rahmen sozialwissenschaftlicher Auftragsforschung. Nicht nur die Lesekreise und Verlage gründende 68er-,[35] sondern bereits die 45er-Generation kann mit guten Gründen als Kohorte theoretisch interessierter Autodidakten begriffen werden. Ihre theoretische Neugier speiste sich aus den Fragmenten der untergegangenen politisch-philosophischen Kultur der Zwischenkriegszeit, die in empirischen Erhebungen nicht selten als Kontrastmittel zur Einordnung und Erweiterung der nordamerikanischen Forschungsstrategien und -methoden weiterlebte.[36] Weil progressive geistige Angebote an den von Kriegs- und Emigrationsverlusten gezeichneten deutschen Universitäten rar waren, blieb die schmale junge kritische Intelligenz der Adenauer-Republik jedoch auf ein mindestens ergänzendes Selbststudium angewiesen.

Dass diese Gruppe von Intellektuellen spätestens mit dem Antritt eigener akademischer Karrieren eine Affinität zu den als fortschrittlich geltenden Sozialwissenschaften entwickelte und obendrein durch die Vertreter der Gründungsgeneration der westdeutschen Soziologie – namentlich Schelsky, Horkheimer, Adorno, Plessner, René König und Otto Stammer – besonders gefördert wurde, ist unbestritten. Gleichwohl gestaltete sich die Frage von Schülerschaften und Schüler:innen viel verwickelter als Links Rede von konkurrierenden Idiomen unterstellt. Zu beachten wäre in diesem Zusammenhang auch, dass diese zweite Generation, zu der neben dem schon genannten Ralf Dahrendorf etwa die am Institut für Sozialforschung beschäftigten Ludwig von Friedeburg, Jürgen Habermas und Helge Pross zählten, die wissenschaftliche Durchführung der von ihren Mentoren angeregten sozialempirischen Studien nicht selten in Eigenregie verantworteten. Sie spielten demnach für die Herausbildung der westdeutschen Sozialwissenschaften eine eigenständige, kaum zu überschätzende Rolle.

Leider gerät dieser Umstand in „Demokratisierung nach Auschwitz“ stellenweise ebenso aus dem Blick wie die Tatsache, dass die Karrierewege dieser zweiten Generation keineswegs zwangsläufig an eine bestimmte Schule gebunden waren: Während ihre Mentoren und Förderer in der Nachkriegszeit schon aufgrund ihrer Position im Wissenschaftsbetrieb bestimmten Forschungsinstituten und Universitätsorten verpflichtet waren, zeigten die Laufbahnmuster ihrer Assistent:innen eine bemerkenswerte, in soziologiegeschichtlichen Studien bisher zu wenig thematisierte soziale Mobilität.[37] Hierzu zählten insbesondere eigenständige Auslandserfahrungen, die gewissermaßen eine zweite Welle der Internationalisierung der westdeutschen Soziologie einleiteten. Namen wie Ralf Dahrendorf, Erwin K. Scheuch oder Renate Mayntz standen genau für diese Entwicklung, die im Grunde quer zu den schulenspezifischen Trennungslinien innerhalb des soziologischen Feldes der Nachkriegsphase liegt.

Sozialwissenschaften oder Soziologie?

Wollte man diese feldspezifischen Dynamiken angemessen einbeziehen, wären weitere terminologische Vorentscheidungen der Arbeit zu diskutieren. So bevorzugt Link etwa den Begriff ‚Sozialwissenschaften‘, um das wissenschaftliche Terrain abzustecken, auf dem die beiden untersuchten Idiome einander begegneten. Dass dieser Begriff helfen soll, den Blick über allzu eng gezogene Fachgrenzen hinaus zu weiten, ist einleuchtend und plausibel. Weder das theoretische Denken Schelskys, das sich – wie Link ebenso ausführlich wie treffend veranschaulicht – in einem Spannungsfeld von anthropologischen, politisch-theoretischen und sozialphilosophischen Fragestellungen konstituierte, noch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule waren jemals auf Soziologie oder empirische Sozialforschung zu reduzieren. Es hätte allerdings zur begrifflichen Schärfung der Untersuchung beitragen können, wenn es Link nicht bei der beiläufigen Feststellung belassen hätte, Sozialwissenschaft sei „ein analytischer, also kein zeitgenössischer Quellenbegriff“ (S. 16). Die eher beiläufige Begründung, ein sozialwissenschaftliches Feld „mit mehr oder weniger klar konturierten Grenzen“ (ebd.) habe es zu dieser Zeit in Westdeutschland nicht gegeben, greift bei genauerem Hinsehen nämlich eindeutig zu kurz.

Zutreffend mag diese Einschätzung für den Bereich der Universitäten in der unmittelbaren Nachkriegszeit gewesen sein, wo die Besetzung von Professuren mit sozialwissenschaftlichem Profil nur schleppend vorankam.[38] Erste Diplom-Studienordnungen für das Fach Soziologie wurden bekanntlich erst ab Mitte der 1950er-Jahre eingeführt. Bemerkenswert blieb jedoch die schnelle Gründung von zwei Zeitschriften, die die professionellen Sozialwissenschaften in der Nachkriegszeit nahezu vollumfänglich repräsentierten und eine Vermessung dieses Feldes bereits in der frühen Nachkriegszeit erlaubten. Die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg neugegründete und von der Sozialforschungsstelle Dortmund verantwortete Soziale Welt war mit den Schwerpunkten soziale Praxis sowie Sozialpolitik befasst. Sie übernahm somit eine Scharnierfunktion für unterschiedliche empirische und praktisch orientierte sozialwissenschaftliche Disziplinen. Der thematische Kern akademischer Soziologie wurde hingegen durch die aus den Kölner Vierteljahresheften für Soziologie hervorgegangene Kölner Zeitschrift für Soziologie repräsentiert. Unter Leitung Leopold von Wieses verstand sich die Zeitschrift vor allem als ein Archiv für soziale Beziehungslehre sowie als Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Beide Zeitschriften standen somit in ihrem Verhältnis zueinander für eine Form der wissenschaftlichen Differenzierung von akademischer Soziologie und angewandter Sozialwissenschaft, wie sie in Deutschland als Folge des Werturteilsstreits seit dem späten Kaiserreich gebräuchlich geworden war. Diesen Punkt hätte man bei der Bestimmung des Untersuchungsfeldes ebenso bedenken müssen wie jene Veränderungen, die diese Konstellation mit der Übernahme der Kölner Zeitschrift durch René König Mitte der 1950er-Jahre erfuhr.

Dass Link König, der 1951 die Kölner Professur Leopold von Wieses übernahm, als prägende Gestalt des soziologischen Kontextes der Nachkriegszeit freilich vielfach erwähnt, aber ihn nicht weiter als einen eigenständigen Akteur im Beziehungsgeflecht des Schelsky- und des Horkheimer-Kontextes behandelt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als die größte Leerstelle, die das Buch der weiteren Forschung hinterlässt. Zwar liegen eine vorbildlich gearbeitete und kommentierte Ausgabe von Königs Schriften sowie eine erste Monografie vor, die intellektuelle Wurzeln und Schülerschaften jenes Gründers der „Kölner Schule“ der Soziologie thematisiert.[39] Im Lichte der umfangreichen Forschungen zur Frankfurter Schule, aber auch im Vergleich zum inzwischen immer besser untersuchten Schelsky-Zusammenhang bleibt der Kölner Kontext jedoch immer noch eine Terra incognita.

Nichts als Soziologie

Frappierend ist dieser Umstand nicht nur deshalb, weil die Kölner Soziologie neben dem Schelsky-Kreis und der Frankfurter Schule bereits zeitgenössisch als eine von „drei Soziologien“[40] der Bundesrepublik gewürdigt wurde. René König und der von ihm begründete Kölner Denk- und Arbeitszusammenhang beanspruchten vielmehr spätestens ab Mitte der 1950er-Jahre mehr als irgendeine andere soziologische Richtung die wissenschaftliche Deutungshoheit über den Zuschnitt empirischer Sozialwissenschaft in der Bundesrepublik. Als Medium hierfür diente fortan auch die Kölner Zeitschrift. Wie Horkheimer und Adorno durch die sozialwissenschaftliche Diskussion im Exil geprägt, versuchte König ihr Profil verstärkt für zeitgenössische internationale Einflüsse zu öffnen, was schon in dem 1954 hinzugefügten bis heute erhalten gebliebenen Zusatz ‚Sozialpsychologie‘ bis in die Namensgebung hinein sichtbar wurde. Mehr als jeder andere Soziologe in Westdeutschland bemühte König sich nach seiner Übersiedlung von Zürich nach Köln Anfang der 1950er-Jahre um eine wissenschaftsorganisatorische Neubestimmung der Grenzen und Möglichkeiten des soziologischen Feldes. Neben Sozialpsychologie und funktionalistischer Kulturanthropologie lag hierbei bekanntlich ein besonderes Augenmerk auf der Standardisierung von empirischen Forschungsmethoden und -verfahren.

Dieser Schwerpunkt materialisierte sich insbesondere in dem in mehreren Bänden und Auflagen erschienenen Standardwerk „Handbuch der empirischen Sozialforschung“.[41] Ursprünglich vom Horkheimer-Assistenten Heinz Maus und dem von Wiese-Assistenten Karl Gustav Specht konzipiert, sollte jenes Manual eigentlich ein Brückenprojekt der beiden größten westdeutschen Sozialforschungsinstitute in Frankfurt am Main und Köln werden. Es sollte erste Versuche, eine einheitliche und verbindliche Fachsprache über unterschiedliche Standorte der westdeutschen Sozialforschung hinweg zu entwickeln, vertiefen und festigen.[42] Warum dieses Handbuch, das erstmals während des Positivismusstreits erschien, in seiner Struktur und Aufmachung schließlich gar als ein Gegenprojekt zur Frankfurter Schule aufgenommen wurde, verdeutlicht bereits der Blick in das Inhaltsverzeichnis: Die beiden voluminösen Bände der Erstausgabe wiesen entgegen der ursprünglichen Intention des Projektes einzig und allein König als Herausgeber aus. Mit dem zu dieser Zeit in Osnabrück lehrenden Werner Mangold, der den Beitrag über die Methode der Gruppendiskussion übernommen hatte, und dem in Marburg verorteten Heinz Maus kannte es nur noch zwei Autoren, die wenigstens entfernt dem Frankfurter Institut zugeordnet werden konnten. Maus, einst Initiator des Projektes, verlor zudem auf Initiative von König unmittelbar vor der Drucklegung des Werkes den Status eines Mitherausgebers und wurde nur noch als Mitarbeiter genannt. Der bis Ende der 1950er-Jahre in Hamburg situierte Schelsky-Kontext und die von Schelsky seit 1959 geleitete Sozialforschungsstelle in Dortmund gingen bei der Vergabe der Beiträge gänzlich leer aus.

Der weitgehende Ausschluss zweier die empirische Forschungsarbeit prägender soziologischer Schul- und Forschungszusammenhänge wurde durch Königs Vorstoß konfirmiert, die Soziologie als eine empirische Einzelwissenschaft zu betreiben. König spitzte seine diesbezüglichen konzeptionellen Überlegungen bekanntlich auf die Formel einer Soziologie zu, die „nichts als Soziologie“[43] sein sollte. Jene nur auf den ersten Blick redundante Feststellung, die leitmotivisch den mehr als 400.000 gedruckten Exemplaren des Fischer-Lexikons Soziologie vorangestellt war, bezeichnete nichts anderes als die systematische Disqualifizierung von philosophisch-anthropologischen (Gehlen und Schelsky) und geschichtsphilosophischen Fragestellungen (Horkheimer und Adorno).[44] In ihr reflektierte sich ein systematischer Streit um die Grundlagen einer jungen Wissenschaft, der wissenschaftlich-theoretische und politisch-weltanschauliche Aspekte miteinander amalgamierte. Weder die linkshegelianisch orientierte Frankfurter Schule noch der rechtshegelianisch verortete Freyer-Kreis waren aus Sicht von König anschlussfähig für eine sich von Amerika aus in den westlichen Industriegesellschaften durchsetzende empirische Soziologie.

Während im Positivismusstreit vor allem methodisch-theoretische Argumente herangezogen wurden, definierte König diese Scheidelinie allerdings politisch, moralisch und demokratietheoretisch.[45] Den Frankfurtern warf er aufgrund ihrer Unfähigkeit, sich vom theoretischen Erbe des Hegelianismus und Marxismus zu befreien, eine indirekt fortbestehende Nähe zum Denken des Totalitarismus vor, die ihren zeitgenössischen Ausdruck in einer resignativen Kulturkritik ohne adäquates erfahrungswissenschaftliches Fundament gefunden hätte.[46] Den Versuch, die Kritische Theorie im amerikanischen Exil zu konservieren, bewertete König folglich als eine mangelhafte Aufnahmebereitschaft für Einflüsse der modernen internationalen Sozialforschung – namentlich vor allem für jene Innovationen, die mit der „Kölner Schule“ eng zusammenarbeitende Wissenschaftler wie Paul Lazarsfeld und Robert K. Merton der Soziologie beschert hatten.

Im Grunde verselbstständigte sich folglich auch bei König die Frankfurter Schule in das von Link entworfene gleichschenklige Idiom von Geschichtsphilosophie, empirischer Sozialforschung und Erziehungspolitik. Hinsichtlich der erziehungspolitischen Seite – also einer gegen die postnazistischen Kontinuitäten in der Bundesrepublik gerichteten politischen Aufklärung – wusste er sich in weitgehender Übereinstimmung mit Adorno und Horkheimer und agierte auf diesem Feld sogar weitaus konfrontativer als der auf taktische Kompromisse setzende Horkheimer.[47] Die Frage der Integration von Sozial- und Geschichtsphilosophie markierte dagegen den zu keiner Zeit zu überbrückenden Graben zwischen Köln und Frankfurt, der durch den Positivismusstreit weiter vertieft wurde. Weniger eindeutig verlief die Grenze zwischen beiden soziologischen Schulen, wenn es um die Leistungsfähigkeit der sogenannten nordamerikanischen Methoden, also der maßgeblich in den USA entwickelten Techniken empirischer Sozialforschung ging. Sowohl in Frankfurt als auch in Köln wurde sie zumindest anfangs als Mittel zur demokratischen Selbstaufklärung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft begrüßt.[48]

Allerdings wurden die positiven Parteinahmen aus Frankfurt spätestens Ende der 1950er-Jahre seltener, der von Link erwähnte „freundschaftliche Kontakt“ (S. 265) zwischen Adorno und König ließ frappierend nach. Das scheint mehrere Gründe gehabt zu haben. So trat in Frankfurt während der Durchführung des mit hohen Erwartungen belasteten Gruppenexperiments eine gewisse Ernüchterung bezüglich des demokratiewissenschaftlichen Potenzials empirischer Forschung ein. Wie Link im Hauptteil seiner Monografie überzeugend herausarbeitet, war diese Untersuchung angetreten, um über die bloße Registratur von Meinungen und Haltungen hinaus im Medium des Gruppengesprächs eine kritische Selbstreflexion der Probanden anzuregen. Angesichts dieser selbstgeschaffenen Komplexität erwies sich das Untersuchungsdesign jedoch als immer weniger handhabbar, was im Ergebnis zu dem von Friedrich Pollock notdürftig zusammengestellten und zeitgenössisch kaum beachteten Forschungsbericht führte.[49] Weil auch die Wirkung der Gruppengespräche auf die Haltung der Teilnehmenden zweifelhaft blieb, entpuppte sich diese mit großem Aufwand betriebene Studie, die das Herzstück der empirischen Institutsarbeit in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre war, als forschungsstrategische Sackgasse. In der Folge dominierte auch in Frankfurt die vorrangig betriebssoziologisch orientierte kommerzielle Auftragsforschung.

Diese Art der Forschung bildete das tägliche Brot der Kölner Soziologie. König leitete nämlich nicht nur ein lehrintensives universitäres Institut, sondern betreute beispielsweise auch den soziologischen Teil des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung. Im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno verstand er es, den in der Forschungsarbeit anfallenden intellektuellen Überschuss in einschlägigen Publikationen und Standardwerken zu sammeln bzw. durch seine zahlreichen Assistenten und Mitarbeiter bündeln zu lassen. Schon mit dem Beginn des Positivismusstreits hatte Köln Frankfurt als Zentrum der empirischen Sozialforschung im Grunde abgelöst. Man kann mit Blick auf Frankfurt sogar von einer Krise der empirischen Sozialforschung sprechen: Die Idee, die Institutsarbeit nach der Rückkehr aus dem Exil wieder in einer Zeitschrift zu konzentrieren, reduzierte sich auf eine Buchreihe, in der größtenteils Qualifikationsarbeiten erschienen, nämlich auf die von Adorno mit Walter Dirks herausgegebenen „Frankfurter Beiträge zur Soziologie“. Die Integration von Kritischer Theorie und Empirie bzw. Philosophie und Soziologie wurde zunehmend zu einem ungelösten Problem. Da Adorno in den 1960er-Jahren sein philosophisches Spätwerk vorantrieb und Horkheimer sich aufgrund einer zunehmenden Belastung mit hochschul- und forschungspolitischen Aufgaben aus der alltäglichen Forschungsarbeit zurückzog, entstand ein forschungsstrategisches Vakuum, in das Köln hineinzustoßen vermochte.

Eine weitere Facette, die für die von Link aufgeworfene Frage nach einem Idiom Kritischer Theorie entscheidend ist, aber in dem Buch bestenfalls randständig behandelt wird, betrifft die Frage, inwiefern empirische Forschung überhaupt als eine exemplarische Form des Erlernens der Theorie geeignet sein konnte. Gerade Königs Position, die sich auf ein Theorie, Empirie und eingreifende soziale Praxis gleichermaßen verbindendes programmatisches Ethos „praktische[r] Sozialforschung“[50] stützte und zum Richtungsanzeiger für die funktional-berufsständische Eingliederung einer kritischen sozialwissenschaftlichen Intelligenz in die moderne Industriegesellschaft erhob,[51] hätte für Link einen hervorragenden Kontrapunkt zur in Frankfurt immer stärker erwachenden Skepsis gegenüber den nordamerikanischen Methoden bilden können: Der Pakt von Theorie und Empirie, auf den sich Horkheimer bekanntlich schon in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung[52] einließ, war nach der Rückkehr aus dem Exil zwar anziehend für eine Reihe erstklassiger empirisch orientierter Forscherpersönlichkeiten. Neben den bereits genannten Helge Pross oder Ludwig von Friedeburg wären hier auch einige weitere unbekannt gebliebene wie der früh an Leukämie verstorbene Adorno-Mitarbeiter und Jugendsoziologe Gerhard Baumert zu nennen. Zu Trägern einer von Adorno und Horkheimer begründeten theoretischen Tradition wurde allerdings niemand von ihnen, weshalb bis heute der Eindruck dominiert, die Frankfurter Schule hätte zwar „viele Intellektuelle ausgebildet, aber nur wenige Sozialwissenschaftlerinnen und akademische Philosophen“.[53]

In der Tat ist es eine ebenso wichtige wie offene soziologiegeschichtliche Frage, wie sich an den beiden wichtigsten westdeutschen Sozialforschungsinstituten in Köln und Frankfurt das Spannungsfeld einer auf standardisierten Verfahren beruhenden sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis und einer auf der Einübung und Diskussion von ‚philosophischen‘ Lehrmeinungen fußenden Seminarpraxis[54] entwickelte und veränderte. Das von Link gezeichnete Bild einer idiomfreien Kommunikation auf der Basis der nordamerikanischen Methoden müsste hierfür allerdings einer deutlichen Korrektur unterzogen werden. Nicht als eine den unterschiedlichen soziologischen Schulen äußerliche Verkehrssprache, sondern als ein anfangs nur wenig bekannter und kaum standardisierter Gegenstand geriet empirische Sozialforschung in den Fokus einer spezifisch westdeutschen Auseinandersetzung um wissenschaftliche Reputation, politischen Einfluss und Forschungsgelder. Dem soziologischen Feld in Westdeutschland eine unmittelbare Orientierung an einer fremden, anglophonen Fachsprache zu unterstellen, ist insofern irreführend. Auch hier wären die nach 1945 wechselnden Gatekeeper unterschiedlicher Sozialforschungsinstitute und soziologischer Schulen insgesamt stärker zu beachten gewesen.

Dass König, der zwischen 1962 und 1966 Vorsitzender der International Sociological Association und somit das internationale Gesicht der westdeutschen Soziologie war, bei Link diesbezüglich nicht wirklich zur Geltung kommt, mag auch an der Fokussierung des Buches auf den Positivismusstreit liegen. Bekanntlich griff König in diese Auseinandersetzung niemals direkt ein, obwohl das auf Adorno zurückgehende Etikett „Positivismus“ kaum anders denn als eine Einladung zum Disput mit dem Kölner Soziologen zu verstehen war. Ein Grund für diese Weigerung mag Königs immer wieder kokett zur Schau gestelltes Desinteresse an jenen wissenschaftslogischen Begründungsfragen gewesen sein, die wegen der Hinzunahme Poppers von vornherein den Ton der Auseinandersetzung bestimmten. König, dessen eigenes Bekenntnis zum Positivismus ein bis auf Auguste Comte zurückführendes Bündnis von soziologischer Erfahrungswissenschaft und sozialer Reform betonte, wählte für seine Auseinandersetzung mit Adorno bezeichnenderweise die Form eines kommentierenden Dialogs, der sich beiderseitig in den mit tageaktueller Polemik gespickten Vor- und Nachworten zu den deutschsprachigen Editionen der Werke Émile Durkheims entfaltete.[55]

Empirische Sozialforschung oder soziologische Tatsachenfeststellung?

Die Rolle, die Schelsky in dieser zunehmend konfliktiven Gemengelage spielte, ist ebenfalls kommentarbedürftig. Sie lässt sich zumindest mit Blick auf die 1950er-Jahre kaum an der Existenz eines weiteren, auf Augenhöhe operierenden sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitutes festmachen. Erst ab 1959 war Schelsky im Rahmen seiner Professur an der Universität Münster auch an einem großen Sozialforschungsinstitut – der Sozialforschungsstelle Dortmund – verortet. Glaubt man einem Bericht, den M. Rainer Lepsius Anfang der 1960er-Jahre im Auftrag der DFG über die Lage der akademischen Soziologie und der Politikwissenschaften anfertigte, so standen die für die Ausbildung in und die Durchführung von modernen empirischen Forschungsverfahren notwendigen „epistemischen Dinge“ (S. 312) wie IBM-Rechenmaschinen oder Tonbandgeräte bestenfalls an den beiden universitätsnahen Forschungsinstituten in Köln und Frankfurt sowie dem mit der George-Washington-Stiftung verbundenen Institut in Mannheim ausreichend zur Verfügung. An vielen anderen Standorten konnte angesichts der begrenzten Kapazitäten von kleinen Seminarbibliotheken mit einem Umfang von durchschnittlich etwa 3000 Bänden der internationale Forschungsstand des Faches – wenn überhaupt – nur in Ansätzen nachvollzogen werden: „Von wenigen Fällen abgesehen, entsprechen die soziologischen Seminare und Institute dem Muster der traditionellen geisteswissenschaftlichen Seminare.“[56]

Die Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft, die den Rahmen für die von Schelsky geleiteten Ostvertriebenenstudien zur Verfügung gestellt hatte, war daher sehr sicher nicht zu den erstklassigen sozialwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen Westdeutschlands zu zählen, sondern wie von Link zutreffend bemerkt ein „Institut des zweiten Bildungswegs“ (S. 247). Dass es Schelsky dennoch gelang, sich als dritte Partei im Feld der westdeutschen Nachkriegssoziologie Gehör zu verschaffen, ist zuerst mit der zeitgenössischen publizistischen Wirkung seiner soziologischen Bestseller zum „Wandel der deutschen Familie“, zur „Skeptischen Generation“[57] sowie zur „Soziologie der Sexualität“[58] zu erklären. Gewissermaßen über den Umweg der öffentlichen Resonanz in gewerkschaftlichen Kreisen, aber auch im christdemokratisch geführten Familienministerium gewann Schelsky in der jungen westdeutschen Soziologie an Gewicht und Format.[59]

Vergleicht man Schelskys Art der soziologischen Erkenntnisproduktion mit den gängigen empirischen Studien, Forschungsberichten und Methodenreflexionen dieser Zeit, fällt auf, dass ihn die moderne empirische Forschung als ein Medium wissenschaftlicher Innovation kaum interessierte. Stattdessen nutzte er ihre Resultate als Materialbasis für eine höchst eigenwillige Form der sozialen „Tatbestandsaufnahme“, die gegenwärtige Formen des zeitdiagnostischen Schreibens in der Soziologie teilweise vorwegnahm.[60]

Dass Schelskys Soziologie eine breite öffentliche Wirkung entfalten konnte, ist aber nicht nur das Ergebnis gelungener Wissenschaftskommunikation, sondern das Produkt einer ebenso riskanten wie methodisch fragwürdigen Wette. Forschungsergebnisse, die sein Assistent Gerhard Wurzbacher zur Lage von Vertriebenenfamilien aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten sammelte, wurden ohne weitergehende empirische Überprüfung auf die westdeutsche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit übertragen und als Ausdruck gegenwärtiger sozialer Entwicklungstendenzen verallgemeinert.[61] Schelsky behandelte das Motiv der kollektiven Entwurzelung der aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten Vertriebenen in der Bundesrepublik folglich als Signatur einer ganzen, vom Weltkrieg erschütterten Gesellschaft. Die so herausdestillierte Formel der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ beruhte auf einer ebenso fragwürdigen wie kreativen Verklammerung von rechtem Volksgemeinschaftsdenken, das der junge Schelsky aus dem Leipziger Freyer-Kontext adaptiert hatte, mit jenen zeitgenössischen Massengesellschaftsthesen, die etwa von David Riesman in den USA entwickelt wurden.[62] Die auf diese Weise soziologisch gerechtfertigte Verallgemeinerung des Leids einer bestimmten sozialen Gruppe hatte in den ersten Nachkriegsjahren eine nicht zu unterschätzende sozialpsychologische Funktion. Sie stieß im Gegensatz zum Frankfurter Gruppenexperiment auch deshalb auf Gehör, weil sie jede politische und moralische Schulddiskussion um den Holocaust überlagerte und zur Relativierung und zum Vergessen der jüngeren deutschen Vergangenheit einlud. Zutreffend spricht Link diesbezüglich von einer „Neutralisierung von Auschwitz“ (S. 537), die den unter alliierter Besatzung implementierten demokratiewissenschaftlichen Anspruch der Soziologie systematisch unterlief.

Das Nachleben der westdeutschen Soziologie

Im Gegensatz zu der von Ralf Dahrendorf Mitte der 1960er-Jahre aufs Korn genommenen Historikerzunft kann man Links Buch „Demokratisierung nach Auschwitz“ sicherlich keine „klägliche Schulbuchperspektive“ vorwerfen. Auf der Grundlage eines intensiven Quellenstudiums, das unter anderem auf der inzwischen stark verbesserten digitalen Erschließung des Nachlasses von Max Horkheimer in Frankfurt sowie der Wiederentdeckung des in Münster deponierten Nachlasses von Helmut Schelsky beruht, fördert es eine Fülle neuen Materials und wichtige Erkenntnisse über die Konstellation der westdeutschen Nachkriegssoziologie zu Tage. Die vergleichende Anlage der Arbeit und die Kontrastierung zweier stark gegensätzlicher sozialwissenschaftlicher Denk- und Arbeitszusammenhänge wirft zwar in ihrer Durchführung einige kritische Fragen auf, ist aber mit Blick auf weitere historische Tiefenbohrungen innovativ und vielversprechend. Aufgrund des ausgewerteten Materials bildet das Buch definitiv einen Meilenstein der wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Erschließung der Sozialwissenschaften der frühen Bundesrepublik. Künftige Studien zu diesem Feld werden also auf den Schultern von Links Studie stehen müssen, um weitersehen zu können. Dass sich hinter dem von Link sorgfältig durchgearbeiteten Untersuchungsfeld ein breiter Horizont für zukünftige soziologiegeschichtliche Forschung abzeichnet, sollte in dieser Besprechung deutlich geworden sein.

Hinzu kommen methodisch-begriffliche Erwägungen der Wissenschaftsgeschichtsschreibung. So fehlt eine wirkungsgeschichtliche Perspektive. Dass die frühe westdeutsche Soziologie mit ihrer oft widersprüchlichen Haltung zu Fragen der Demokratisierung und der Aufarbeitung der Vergangenheit über die frühen 1960er-Jahre hinaus ein Nachleben im soziologischen Diskurs der Bundesrepublik führt, ist zu keiner Zeit ein Thema. Link vertraut nahezu ausschließlich den Quellen aus seinem fein säuberlich eingegrenzten Forschungszeitraum. So entgeht ihm jedoch völlig, dass das für die Soziologie und Gesellschaft der Bundesrepublik „kulturbedeutsame“ Bild einer Disziplin selbst auch das Produkt einer eigenständigen soziologischen Vergangenheitsbewältigung ist, die im Grunde genommen erst 1959 mit der Veröffentlichung von Helmut Schelskys Streitschrift „Ortsbestimmung der deutschen Soziologie“ beginnt. Parallel zum Positivismusstreit und der durch ihn ausgelösten, andauernden Auseinandersetzungen über methodisch-theoretische Grundlagen der Sozialwissenschaften diskutierten wiederum zentral Schelsky und König die historischen Leistungen des Faches in Deutschland.[63] Sie und viele andere Fachvertreter:innen formten auf der Basis von biografischen Rechtfertigungen, politischen Stellungnahmen und theoretischen Konzeptualisierungen rückblickend jene teils widersprüchlichen Vorstellungen der Soziologie in Westdeutschland, die mal zum demokratiewissenschaftlichen Mekka eines international orientierten empirischen Forschergeistes erhöht, mal als politische Rechtfertigungswissenschaft der Adenauer-Ära und theorieloser Provinzialismus verpönt wurde und wird.

Erst eine systematische Durchdringung der unterschiedlichen historischen Schichten dieses Dickichts – also ein rekonstruktives Programm von Soziologiegeschichte, dem etwa George Steinmetz jüngst den doppelt reflexiven Namen „historische Soziologie der Soziologie der Sozialwissenschaften“[64] gegeben hat – könnte für jene Klarheit sorgen, die dem methodisch-begrifflichen Fundament von Links Buch stellenweise leider fehlt. Die Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaften, ihre nichtgenutzten Potenziale hinsichtlich der Demokratisierung dieser Gesellschaft sowie ihre verdrängten Entwicklungstendenzen und Entwicklungslinien in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bedürfen mit anderen Worten einer sehr viel grundlegenderen Reflexion im Lichte späterer Entwicklungen, die zum Teil bis in unsere Gegenwart hineinreichen. Erst wenn dieses Nachleben als ein die geschichtliche Wahrnehmung und das Bild der frühen westdeutschen Soziologie stets mitverändernder Aspekt eine angemessene methodische Einbindung findet, ist auch eine historische Aufklärung und Selbstkorrektur solch spontaner Historiografien zu leisten, von denen sich Links Studie immer wieder leiten lässt. Hierzu zählt die zutiefst problematische Vorstellung, die frühe westdeutsche Soziologie zerfalle in (mindestens) drei große Schulen, die sich auf der Ebene von Idiomen bereits adäquat beschreiben und voneinander unterscheiden ließen. Nicht weniger folgenreich ist überdies die in dem Buch behauptete Periodisierung des Untersuchungszeitraums, die sich keineswegs organisch aus dem Untersuchungsgegenstand ableiten lässt, sondern das Produkt bestimmter historischer Erkenntnisinteressen und Werturteile bleibt. Die Kennzeichnung der frühen westdeutschen Soziologie als „atheoretisch“ oder „vorparadigmatisch“ war nämlich nicht ein Produkt eindringlicher historischer Analyse, sondern diente wenigstens in den 1970er-Jahren noch dazu, den Wissensfortschritt und die Entwicklung der Soziologie zu einer an westdeutschen Universitäten fest verankerten Forschungsdisziplin plausibel zu machen sowie gegenüber relevanten gesellschaftlichen Adressaten wie Studierenden, Wissenschaftsministerien und Forschungsförderungseinrichtungen zu rechtfertigen.[65] Dass dabei der in „Demokratisierung nach Auschwitz“ vollkommen zurecht hervorgehobene demokratiewissenschaftliche Gesichtspunkt der Soziologie erheblich in den Hintergrund rückte, erscheint unmittelbar einsichtig. Verliert man diese Facette allerdings aus dem Blick, dann erhält auch die von Fabian Link zugrunde gelegte historische Periodisierung „ein Element der Beliebigkeit“ (Dahrendorf). Eine Historiografie, die diesem zum common sense geronnenen Bild der frühen westdeutschen Soziologie nicht auf den Leim gehen will, müsste nun die auf Helmut Schelsky verweisende Idee einer „Sozialgeschichtsschreibung der Gegenwart“ gewissermaßen vom Kopf auf die Füße stellen: Vergegenwärtigung der Sozial- und Wissenschaftsgeschichte als kritische Erinnerung widersprüchlicher Historiografien wäre der Ausgangspunkt eines soziologiegeschichtlichen Programms, das die Anatomie der zeitgenössischen Soziologie als einen Schlüssel zur Anatomie ihrer eigenen Vergangenheit begreifen würde.

  1. Vgl. Carola Dietze, Nachgeholtes Leben. Helmuth Plessner 1892–1985, Göttingen 2006; Franziska Meifort, Ralf Dahrendorf. Eine Biographie, München 2017.
  2. Vgl. insbesondere Jens Adamski, Ärzte des sozialen Lebens. Die Sozialforschungsstelle 1946–1969, Essen 2009; Ulrike Kändler, Die Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland 1930 bis 1960, Bielefeld 2016; Paul Nolte, Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert, München 2000 sowie die beim Marburger Politikwissenschaftler und Faschismushistoriker Reinhard Kühnl eingereichte Dissertation von Johannes Weyer, Westdeutsche Soziologie 1945–1960, Berlin 1984.
  3. Vgl. Nolte, Die Ordnung der deutschen Gesellschaft.
  4. Helmut Schelsky, Ortsbestimmung der deutschen Soziologie, Düsseldorf 1959, S. 74.
  5. Vgl. Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965.
  6. Ebd., S. 32.
  7. Ebd., S. 33.
  8. Ebd., S. 30.
  9. Vgl. hierzu u.a. Paul Nolte / Manfred Hettling / Frank Michael Kuhlemann / Hans-Walter Schmuhl (Hg.), Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte, München 2000.
  10. Nolte, Die Ordnung der deutschen Gesellschaft, S. 208.
  11. Ein ähnliches Bild der gesellschaftlichen Funktion der westdeutschen Soziologie zeichnet Joachim Fischer, Bundesrepublikanische Soziologie 1949 bis heute, in: Zyklos 2. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, S. 73–99; vgl. hierzu auch die kritischen Repliken in Zyklos 3.
  12. Vgl. hierzu u.a. die Beiträge in Michaela Christ / Maja Suderland (Hg.), Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven, Berlin 2014.
  13. Vgl. Fabian Link, Burgen und Burgenforschung im Nationalsozialismus. Wissenschaft und Weltanschauung 1933–1945, Köln u.a. 2014.
  14. Vgl. Michael Becker / Dirk Braunstein / Fabian Link (Hg.), Peter von Haselberg – Schuldgefühle. Postnazistische Mentalitäten in der frühen Bundesrepublik. Eine Studie aus dem Gruppenexperiment am Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main / New York 2020.
  15. Vgl. Jacob Taubes, Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung, Berlin 1987.
  16. Vgl. Gerhard Schäfer, Zur Herausbildung des philosophisch-soziologischen Denkens bei Helmut Schelsky in der Ära des Nationalsozialismus, in: Thomas Gutmann / Christoph Weischer / Fabian Wittreck (Hg.), Helmut Schelsky. Ein deutscher Soziologe im zeitgeschichtlichen, institutionellen und disziplinären Kontext. Interdisziplinärer Workshop zum 100. Geburtstag [= Rechtstheorie, Beiheft 22], S. 17–56.
  17. Vgl. René König, Soziologie in Deutschland. Begründer, Verfechter, Verächter, München 1987.
  18. Vgl. Schelsky, Ortsbestimmung der deutschen Soziologie, S. 37.
  19. Vgl. Reuben Hill, Die „International Sociological Association” und die Fortschritte der Weltsoziologie, in: Heine von Alemann / Hans Peter Thurn (Hg.), Soziologie in weltbürgerlicher Absicht. Festschrift für René König, Opladen 1981, S. 414–425.
  20. Zur historischen Genesis dieser Debattenlagen und der sich an die 1960er-Jahre anschließenden Entwicklungen vgl. die Beiträge in Georg Kneer / Stephan Moebius (Hg.), Soziologische Kontroversen. Beiträge zu einer anderen Wissenschaft vom Sozialen, Berlin 2010; Stephan Moebius, Sociology in Germany. A History, Cham 2021; Stephan Moebius / Oliver Römer, Die „wilden Siebziger” und ihre „gegnerischen Soziologien“, in: Zeitschrift für Soziologie 51 (2022), 4, S. 307–334.
  21. Vgl. Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker, Frankfurt am Main 1970.
  22. Vgl. Friedrich Pollock, Das Gruppenexperiment. Ein Studienbericht. Frankfurt am Main 1955.
  23. Vgl. Helmut Schelsky, Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirischen Tatbestandsaufnahme, Stuttgart 1954; Gerhard Wurzbacher, Leitbilder gegenwärtigen deutschen Familienlebens. Methoden, Ergebnisse und sozialpädagogische Folgerungen einer soziologischen Analyse von 164 Familienmonographien, Stuttgart 1954.
  24. Vgl. Horst Kern, Empirische Sozialforschung. Ursprünge, Ansätze, Entwicklungslinien, München 1982, S. 217 ff.
  25. Vgl. Theodor W. Adorno, Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika, in: Theodor W. Adorno, Bemerkungen zu ‚The Authoritarian Personality‘ und weiterer Texte, hrsg. von Eva-Maria Ziege, Berlin 2019, S. 71–107.
  26. Vgl. Heiko Christians, Hugo Fischer, in: Matthias Schöning (Hg.), Ernst Jünger-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart/Weimar 2014, S. 358–367.
  27. Vgl. Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. Logische Grundlegung des Systems der Soziologie, Leipzig 1930, S. 91–103.
  28. Vgl. hierzu ausführlich Oliver Römer, Heinz Maus in Leipzig. Eine Konstellation der Entwicklungsgeschichte der deutschen Soziologie um 1933, in: Zyklos 4. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Wiesbaden 2018, S. 183–216.
  29. Vgl. Hans Freyer, Revolution von rechts, Jena 1931.
  30. Vgl. Sebastian Haffner, Ernst Niekisch, in: Sebastian Haffner / Wolfgang Venohr, Preußische Profile, Berlin 1986, S. 289–306.
  31. Vgl. hierzu unter anderem Jerry Z. Muller, Enttäuschung und Zweideutigkeit. Zur Geschichte rechter Sozialwissenschaftler im „Dritten Reich“, in: Geschichte und Gesellschaft 12 (1986), 3, S. 289–316; Gerhard Schäfer, Wider die Inszenierung des Vergessens. Hans Freyer und die Soziologie in Leipzig 1925–1945, in: Hans-Jürgen Dahme u.a. (Hg.), Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1990, Opladen 1990, S. 121–175; Hans Linde, Soziologie in Leipzig, in: M. Rainer Lepsius (Hg.), Soziologie in Deutschland und Österreich 1918–1945. Materialien zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 23, Opladen 1982, S. 102–130.
  32. Vgl. hierzu u.a. den „Anhang: Die ‚Zeitschrift für Sozialforschung‘“ in Heinz Maus, Bericht über die Soziologie in Deutschland 1933 bis 1945, in: René König (Hg.), 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Soziologie 1909–1959, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 11 (1959), 1, S. 72–99, S. 92 ff.
  33. Vgl. Rolf Wiggershaus, Max Horkheimer. Unternehmer in Sachen „Kritische Theorie“, Frankfurt am Main 2013.
  34. Vgl. Wolfgang Bonß / Norbert Schindler, Kritische Theorie als interdisziplinärer Materialismus, in: Wolfgang Bonß / Axel Honneth (Hg.), Sozialforschung als Kritik. Zum sozialwissenschaftlichen Potential der kritischen Theorie, Frankfurt am Main 1982, S. 31–67.
  35. Vgl. aktuell hierzu Hannah Mittelstädt, Arbeitet Nie! Die Erfindung eines anderen Lebens. Chronik eines Verlages, Hamburg 2023.
  36. Bestes Beispiel hierfür ist die von Heinrich Popitz geleitete Untersuchung zum Gesellschaftsbild des Arbeiters. Die Probleme empirischer Forschung werden mit phänomenologischen Analysen von Arbeitssituationen und industrie- und techniksoziologischen Erwägungen verschmolzen, die sich angefangen von Marx bis hin zu Friedrich Georg Jünger aus disparaten intellektuellen Quellen speisen. Vgl. Heinrich Popitz / Hans Paul Bahrdt / Ernst August Jüres / Hanno Kesting, Das Gesellschaftsbild des Arbeiters. Soziologische Untersuchungen in der Hüttenindustrie, Wiesbaden 2018 [1957].
  37. Vgl. hierzu aktuell den Schwerpunkt zur „Zweiten Generation der westdeutschen Soziologie“, in: Martin Endreß / Stephan Moebius (Hg.), Zyklos 7. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Wiesbaden 2023.
  38. Vgl. hierzu die tabellarische Auflistung in M. Rainer Lepsius, Die Entwicklung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg. 1945 bis 1967, in: Günther Lüschen (Hg.), Deutsche Soziologie seit 1945, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 21, Opladen 1979, S. 25–70, S. 65 f.
  39. Vgl. René König, Schriften. Ausgabe aus letzter Hand, Wiesbaden 1998 ff. sowie Stephan Moebius, René König und die „Kölner Schule“, Wiesbaden 2015.
  40. Ralf Dahrendorf, „Drei Soziologien. Zu Helmut Schelskys Ortsbestimmung der deutschen Soziologie“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 12 (1960), S. 120–133.
  41. Vgl. René König (Hg.), Handbuch der empirischen Sozialforschung, Bd. 1, Stuttgart 1962; René König (Hg.), Handbuch der empirischen Sozialforschung, Bd. 2, Stuttgart 1969.
  42. Von einer solchen fachsprachlichen Annäherung der Sozialforschungsinstitute in Frankfurt und Köln zeugt insbesondere ein gemeinsames Glossar standardisierter Fachbegriffe (vgl. hierzu den Anhang in René König (Hg.), Das Interview. Formen, Technik, Auswertung, Zürich 1952).
  43. Vgl. René König, Einleitung, in: ders. (Hg.), Soziologie. Fischer-Lexikon, umgearbeitete und erw. Neuausgabe, Frankfurt 1967, S. 8–14, hier S. 8.
  44. Vgl. hierzu die Beiträge „Allgemeine Soziologie“, „Geschichts- und Sozialphilosophie“, „Soziologische Theorie“ in: König (Hg.), Soziologie. Fischer Lexikon, a.a.O.
  45. Vgl. Oliver Römer, Remigranten und Dabeigewesene. Das ‚vulkanische Terrain‘ der westdeutschen Nachkriegssoziologie zwischen Kontinuität und Neubeginn, in: Kirsten Heinsohn / Rainer Nicolaysen (Hg.), Belastete Beziehungen. Studien zur Wirkung von Exil und Remigration auf die Wissenschaft in Deutschland nach 1945, Göttingen 2021, S. 225–247.
  46. Vgl. René König, „Max Horkheimer, Theodor W. Adorno. Die Kritische Theorie“, in: Michael Klein (Hg.), René König – Aufgaben des Soziologen und die Perspektiven der Soziologie. Schriften zur Entwicklung der Soziologie nach 1945 (= Schriften, Bd. 10), Wiesbaden 2014, S. 147–166.
  47. Vgl. Gerhard Schäfer, Soziologie auf dem Vulkan. Zur Stellung René Königs in der Dreieckskonstellation der westdeutschen Nachkriegssoziologie, in: Frank Deppe / Georg Fülberth / Rainer Rilling (Hg.), Antifaschismus, Heilbronn 1996.
  48. So bemerkt etwa Adorno 1952: „Insbesondere im ‚public opinion research‘, in dem Bereich, für den sich mittlerweile das unglückliche Wort ‚Meinungsforschung‘ eingebürgert hat, sahen die Nazis mit gutem Instinkt ein demokratisches Potential. Daß der statistischen Auswertung jede Stimme gleich viel gilt, daß der bei der Bildung von Querschnitten so wichtige Begriff des Repräsentativen kein Privileg kennt, erinnert allzu sehr an die freie und geheime Wahl, mit der denn auch die einschlägigen Erhebungen den Namen ‚Poll‘ teilen. Der amerikanische Einfluß seit 1945, das starke, wenngleich unartikulierte Bedürfnis der Menschen, ihre Urteile, Wünsche und Bedürfnisse nicht bloß auf dem Stimmzettel geltend zu machen, kam den Methoden des ‚social research‘ im Nachkriegsdeutschland entgegen.“ (Theodor W. Adorno, Zur gegenwärtigen Stellung der empirischen Sozialforschung in Deutschland, in: ders., Soziologische Schriften 1, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1979, S. 478–493, hier: S. 478 f.
  49. Vgl. Pollock, Das Gruppenexperiment.
  50. So der Name einer von König bei Kiepenheuer & Witsch seit 1952 herausgegebenen Reihe mit Readern zur empirischen Sozialforschung.
  51. Vgl. René König, Wandlungen in der Stellung der sozialwissenschaftlichen Intelligenz, in: ders., Studien zur Soziologie, Frankfurt am Main 1970, S. 87–102.
  52. Vgl. Max Horkheimer, Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung, in: ders., Gesammelte Schriften, hrsg. von Alfred Schmidt, Band 3: 1931–1936.
  53. Vgl. Tilman Reitz, Funktionen der Soziologie. Eine wissenssoziologische Einführung, Weinheim 2023, S. 103.
  54. Vgl. hierzu für die Frankfurter Schule bereits die ausführliche Dokumentation von Dirk Braunstein (Hg.), Die Frankfurter Seminare Theodor W. Adornos 1949–1969, 4 Bde., Berlin 2022.
  55. Vgl. hierzu ausführlich Oliver Römer, Von Frankfurt aus zwischen den Schulen. Heinz Maus und die frühe bundesrepublikanische Soziologie, in: Zyklos 1. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Wiesbaden 2015, S. 127–167, hier: S. 157 ff.
  56. Vgl. M. Rainer Lepsius, Denkschrift zur Lage der Soziologie und der politischen Wissenschaft, Wiesbaden 1961, S. 45; vgl. hierzu auch die exemplarische Analyse der empirischen Forschungsarbeit am Göttinger Soziologischen Seminar von Oliver Römer / Gerhard Schäfer, Zum Schicksal der deutschen Soziologie im Ausgang ihrer bürgerlichen Epoche. Lehrkörperstruktur und Nachwuchsfragen in der frühen westdeutschen Soziologie im Spiegel der Göttinger Hochschullehrerstudie (1952–1956), in: Oliver Römer / Ina Alber-Armenat (Hg.), Erkundungen im Historischen: Soziologie in Göttingen. Geschichte, Entwicklungen, Perspektiven, Wiesbaden 2019, S. 153–202.
  57. Vgl. Helmut Schelsky, Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend, Düsseldorf 1957.
  58. Vgl. Helmut Schelsky, Soziologie der Sexualität. Über die Beziehungen zwischen Geschlecht, Moral und Gesellschaft, Hamburg 1955.
  59. Vgl. Gerhard Schäfer, Soziologie ohne Marx. Helmut Schelsky als „Starsoziologe“ und Intellektueller im Hamburg der 1950er Jahre [= Supplement der Zeitschrift Sozialismus 2015, 1], Hamburg 2015.
  60. Vgl. Fran Osrecki, Die Diagnosegesellschaft. Soziologie zwischen Zeitdiagnostik und medialer Popularität, Bielefeld 2011.
  61. Vgl. Michael Klein, Helmut Schelsky, in: Rosemarie Nave-Herz (Hg.), Die Geschichte der Familiensoziologie in Portraits, Würzburg 2016.
  62. Vgl. Gerhard Schäfer, Der Nationalsozialismus und die soziologischen Akteure der Nachkriegszeit, in: Christ / Suderland (Hg.), Soziologie und Nationalsozialismus, S. 119–161.
  63. Vgl. Helmut Schelsky, Rückblicke eines „Antisoziologen“, Opladen 1981; René König, Soziologie in Deutschland. Begründer, Verfechter, Verächter, München 1987.
  64. George Steinmetz, Begriffsbeben. Von der Wissenschaftsgeschichte zu einer historischen Soziologie der Sozialwissenschaften, in: Mittelweg 36 29 (2020), 3, S. 79–100, hier: S. 79.
  65. Vgl. M. Rainer Lepsius, Die Entwicklung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg. 1945 bis 1967; Joachim Matthes, Einführung in das Studium der Soziologie, Reinbek bei Hamburg 1973, S. 41 ff.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky, Stephanie Kappacher.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Kritische Theorie Methoden / Forschung Universität Wissenschaft

Oliver Römer

Dr. Oliver Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Georg-August-Universität Göttingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind soziologische Theorie, Geschichte und Wissenschaftstheorie der Soziologie sowie politische Philosophie.

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