Hanno Pahl | Literaturessay |

Geldtheorie, politisch

Literaturessay zu „The Currency of Politics. The Political Theory of Money from Aristotle to Keynes” von Stefan Eich

Stefan Eich:
The Currency of Politics. The Political Theory of Money from Aristotle to Keynes
USA
Princeton, NJ 2022: Princeton University Press
344 S., 35,00 $
ISBN 9780691191072

Nachdem sich die sogenannte unkonventionelle Geldpolitik im Anschluss an die Great Recession 2007 ff. verstetigt hatte und zwischenzeitlich als „voll normal“[1], also als konventionell, gelten konnte (womit die Differenz konventionell/unkonventionell temporär gegenstandslos wurde), scheint sich das Blatt gegenwärtig erneut zu wenden: Seit einigen Monaten sind höhere allgemeine Inflationsraten zu beklagen, wobei freilich unklar ist, welche Rolle die expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre bei dieser Entwicklung gespielt hat und welche möglichen anderen Faktoren zu veranschlagen wären – wie etwa die pandemiebedingt stockenden Lieferketten oder durch den Krieg in der Ukraine mitbedingte explodierende Rohstoffpreise, also Faktoren, auf die die Geldpolitik keinen nennenswerten Einfluss nehmen kann. Das hindert neo- und ordoliberale Parteigänger allerdings nicht daran, im Namen des Allgemeinwohls ausgeglichene Haushalte („Schwarze Null“) sowie zügige Leitzinserhöhungen zu fordern.[2]

Angesichts dessen – und zur Kontextualisierung des zu besprechenden Buchs – lohnt zunächst ein kurzer Blick in die jüngere Vergangenheit. Kürzlich wurde im Rahmen eines aktuellen Arbeitspapiers der amerikanischen FED mit dem schönen Titel Who Killed the Phillips Curve? A Murder Mystery[3] ein auf der Interpretation von Zeitreihen und Querschnittsdaten basierendes Modell vorgestellt. In ihm wird aufgezeigt, dass es sehr wahrscheinlich gar nicht die drastischen Leitzinserhöhungen der FED unter Paul Volcker zwischen 1979 und 1981 waren, die die Eindämmung der damaligen Inflation bewirkten. Die Autoren zeigen mit ihrem Modell, dass eine fast 90-prozentige Verringerung der Inflation auch ohne geldpolitische Änderungen möglich gewesen wäre, nämlich indem – im besten Ökonomenduktus vorgetragen – „the economy transitions from equal shares of power between workers and firms to a new balance in which firms dominate. [...] [T]he decline of trade union power reduces the share of monopoly rents appropriated by workers, and thus helps explain the secular decline of labor share, and the rise of profit share”.

In einfachen Worten: Es war die massive Unterdrückung der Gewerkschaften durch die erste Reagan-Regierung, die den Konsum der breiten Massen deutlich und zugunsten der Unternehmensgewinne, von denen nur wenige Leute profitierten, einschränkte. Diese Politik hatte einen dämpfenden Effekt auf das allgemeine Preisniveau.[4] Das Beispiel zeigt: Einerseits ist hinsichtlich den Ursachen von Inflation mit multiplen und kumulativen Kausalitäten zu rechnen und andererseits hat jegliche Geldpolitik eine Verteilungskomponente, denn sie wirkt sich unterschiedlich auf die verschiedenen Bevölkerungssegmente aus, je nach deren Vermögen und Interessenlage.

Ein weiterer Punkt, der der Besprechung des Buchs vorangestellt werden soll, schließt unmittelbar an: Das Leitbild, das in den letzten Jahrzehnten die Wirtschaftswissenschaften dominierte, bestand in der Annahme, dass dem Geldmedium eine grundsätzliche Neutralität zu eigen sei sowie – hierauf aufsattelnd – in der wirtschaftspolitischen Prämisse, dass einzig von politischen Entscheidungen unabhängige Zentralbanken das geeignete institutionelle Setting böten, um die Währungsstabilität zu sichern und „gutes Geld für alle“ auch faktisch bereitzustellen.

Dass diese Prämissen auf tönernen Füßen stehen, wurde in der polit-ökonomischen Forschung – sei es seitens der Soziologie des Geldes, der heterodoxen Ökonomik oder der Internationalen Politischen Ökonomie[5] – hinreichend herausgearbeitet: Aaron Sahr etwa spricht von einer „paraökonomische[n] Zone im Maschinenraum des Kapitalismus“:[6] Insofern Geschäftsbanken über das politisch-rechtlich offerierte Privileg verfügen, über die Vergabe von Krediten aus dem Nichts Geld herzustellen, beeinflussen sie Geldmenge, Inflation und Wirtschaftsgeschehen. Sie tun das aber nicht, wie Sahr weiter ausführt, in gleicher Weise wie andere Akteure (beispielsweise Unternehmen oder ArbeitnehmerInnen) unter Bedingungen von Knappheit. Daher ist bereits der Prozess der Produktion von Geld respektive der Vergabe von Kredit Ausdruck wie Quelle von Machtasymmetrien. Auch in dieser Hinsicht kann also von einer Neutralität des Geldes keine Rede sein.

Um das Dogma, dass politisch unabhängige Zentralbanken am besten dafür geeignet seien, ein für alle Bevölkerungssegmente vorteilhaftes Geld zu gewährleisten, ist es nicht besser bestellt. Zum Beleg seien nur drei empirische Studien exemplarisch erwähnt: So konnte Krippner[7] minutiös nachzeichnen, dass und inwiefern die unter dem Leitbild der Transparenz (im Gegensatz zu Diskretion) vorangetriebene zunehmende Zentralbankunabhängigkeit in den USA sukzessive zu einer größeren Abhängigkeit geldpolitischer Entscheidungen von den Märkten geführt hat. Krippner zeigt, dass so Regulationserfordernisse auf Märkte verschoben wurden, wo sie jedoch nicht sinnvoll verarbeitet werden konnten.

Polillo und Guillén[8] haben jenen mimetischen Druck analysiert, der zu einer zügigen globalen Verbreitung des Dogmas der Zentralbankunabhängigkeit geführt hat – und zwar auch in Ländern der Peripherie, etwa mittels deren Abhängigkeit von multilateralen Krediten und Auslandsinvestitionen. Dem Dogma der Zentralbankunabhängigkeit nachzukommen bedeutet hier vor allem, sich den machtpolitischen Imperativen und Eigeninteressen des globalen Nordens zu unterwerfen. Adolphs professionssoziologische Studie[9] weist schließlich nach, dass sich Zentralbanker, die, gemäß des sich durch die letzten Jahrzehnte ziehenden Trends, aus dem Finanzsektor stammen, stärker der Inflationsbekämpfung verschrieben haben. Insgesamt konnten und können durch die neuen Stellenbesetzungspraxen, die unter dem Leitbild von Transparenz und Unabhängigkeit organisiert werden, vermehrt Personen mit „Schatteninteressen“ in Zentralbanken wirken – populär ist hier oft von einem „Drehtüreffekt“ zwischen Wallstreet (Finanzindustrie) und einflussreicher Politik die Rede.

Zentralbankunabhängigkeit ist demnach (vielleicht nicht nur, aber auch) ein Euphemismus für eine Selbstauslieferung politischer Gemeinschaften an die Interessen von Finanzökonomie und Oberschichten, getrieben von der vagen und aus einem Oikodizee-Denken[10] gespeisten, allerdings empirisch kaum gedeckten, Hoffnung, beide Interessenlagen würden irgendwie schon konvergieren. Im zu besprechenden Buch findet sich dazu der pointierte Kommentar, dass es sich beim Konzept unabhängiger Zentralbankpolitik um einen performativen Widerspruch handele: „such calls are themselves political moves within the politics of money. Much of what passes as ,depoliticization’ would be more accurately described as the de-democratization of monetary politics, which itself ought to be subjected to democratic scrutiny” (S. XV).

Die Entwicklungen der letzten Jahre resümierend stellt Eich ferner fest: „Today, the orthodoxy of neutral money is discredited but it is far from clear what could possibly replace it.” (S. 210) Auch diese Lagebestimmung dürfte zutreffen: Es ist sehr wahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren eine erneute Wende in der Geldpolitik eingeläutet wird, allerdings ist vollkommen offen, welche Richtung dabei eingeschlagen wird. Gegenwärtig ist – welch Ironie der Geschichte – Zentralbankunabhängigkeit gerade jenen Politsegmenten zunehmend ein Dorn im Auge, die zuvor mit dem Ziel, etwaige Ansprüche der Mehrheitsgesellschaft abzuwehren, am stärksten dafür plädiert haben: Die Zentralbanken seien bei der Anhebung des Leitzinses nicht schnell genug und hätten schon mit den Krisenbekämpfungsmaßnahmen 2007 ff. (Quantitative Easing etc.) ihr Mandat überzogen.

Wie genau, so ist im Folgenden zu fragen, reiht sich „The Currency of Politics” nun in den geschilderten Kontext ein, wo positioniert es sich in der geldtheoretischen Reflexion, die von Affirmation bis Kritik reicht? Und welche spezifisch neuen Argumente und empirischen Befunde wirft Stefan Eich in die Waagschale?

Die Forschungsagenda

Eichs Buch füllt im Diskursraum der kritischen Reflexion der Geldordnung insofern eine Lücke, als es die Frage nach der historischen Entwicklung von Geldtheorien mit jener nach politischen Theorien beziehungsweise Ordnungsvorstellungen verbindet. Politische Theorien bilden gegenwärtig so etwas wie „gallische Dörfer“ der Geldtheorie, weil sie (von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen) akademische Horte des Nichtnachdenkens über Geld und Geldordnungen sind. Das ist die disziplinäre Nische, die Eichs Buch besetzt, was an Relevanz kaum zu überschätzen ist (mehr dazu unten).

Daneben zeichnet sich das Buch aber auch durch einen besonderen Zugriff aus: Eich selbst bezeichnet sein Vorgehen pointiert als „a kind of geological stratigraphy of the political theory of money” (S. XIV). Untersucht werden historische Krisen jeweiliger Geldsysteme unter der (als solcher nicht ganz neuen, aber im vorliegenden Buch am konsequentesten durchgehaltenen)[11] Prämisse, dass es vor allem monetäre Krisensituationen waren, die das Nachdenken sowohl über Geld als auch über politisch-ökonomische Ordnungen vorangetrieben und verändert haben.

Als durchaus packenden Einstieg in diese Unternehmung gibt Eich (S. XIII) an, zunächst einschlägigen Fußnoten von Marxens Kapital gefolgt zu sein, die ihn zu Denkern wie Aristoteles oder Locke führten, aber auch zu anderen, heute zumeist vergessenen Geldreformern. Im Kapital, das zeigt Eich im späteren Verlauf des Buchs (S. 126f.), wählte Marx aus guten Gründen einen radikal formalen Präsentationsmodus, der von systematischen werttheoretischen Überlegungen angeleitet war und keinen Raum für ideengeschichtliche Exkursionen ließ. Während die vorbereitenden Schriften Grundrisse (1857/58) und Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859) noch jeweils im Haupttext ausführliche historiografische Debatten zur Geldtheorie enthielten, wurde diese ideengeschichtliche Komponente im ersten Band des Kapital (1867) nahezu vollständig in Fußnoten ausgelagert. Eich will nun den einschlägigen im Kapital enthaltenen Fußnoten folgen, um qua dieses Verfahrens, das man heute als eine Art Hypertext-Genealogie bezeichnen könnte, die fortgeschrittenen Marx‘schen Überlegungen wieder in jenem Kontext zu situieren, aus dem sie sich ursprünglich gespeist haben:

„These footnotes disrupt Marx’s formal analysis and take us back to Aristotle’s discussion of nomisma, to Locke’s coinage pamphlets, to the British suspension of gold during the Napoleonic Wars, and to nineteenth-century debates over socialist monetary reform, banking regulation, and currency laws. Reconstructing these moments allows us to understand the political history of money with which Marx himself grappled even where he later turned away from it.” (S. 127)

Eich erkennt, dass das originär bei Marx aufgefundene Verfahren, sich in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und Konfusion bei bestehenden Theorien zu bedienen, dies aber nicht unbedingt auch vollständig transparent zu machen, auch bei vielen anderen Ökonomen und Sozialtheoretikern Verbreitung fand und findet, dass es sich also um eine gängige Praxis handeln dürfte. Aus dem Nachvollzug dieser Anleihenahmen ist die im Buch ausgearbeitete geologische Stratigraphie der politischen Theorie des Geldes entstanden.

Die schwerpunktmäßig verhandelten Theoretiker repräsentieren einschlägige historische Stationen, es sind Aristoteles (erstes Kapitel), John Locke (zweites Kapitel), Johann Gottlieb Fichte (drittes Kapitel), Karl Marx (viertes Kapitel) und John Maynard Keynes (fünftes Kapitel). Das sechste Kapitel widmet Eich der politischen Theorie des Geldes nach dem Ende des Bretton Woods-Systems. In summa werden sechs historische Schichten von Währungskrisen im Hinblick darauf miteinander verglichen, welche Auswirkungen sie auf die Geschichte des politisch-ökonomischen Denkens hatten: „Each moment ties a monetary theorist to a particular impasse while setting the stage for future episodes of contestation.“ (S. XIV) Das ist eine so konstruktive wie innovative Vorgehensweise, gerade angesichts der insbesondere – wenn auch längst nicht ausschließlich – in der Mainstream-Ideengeschichte vorherrschenden Verfahren rationaler Rekonstruktion, mittels derer historische Theorien umstandslos in heute üblichen formalen Modellen dargestellt werden. Vom historischen Kontext und den Entstehungsbedingungen wird dort weithin abstrahiert, zugleich werden jene Theoriebestandteile übergangen, die sich einer Darstellung im Rahmen verfügbarer formaler Modelle entziehen.

Eich lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er ein politisches Programm verfolgt: Die Engführung von Geldtheorien und politischen Theorien, das Aufzeigen ihrer Verschlungenheit durch disparate historische Etappen hindurch, soll es ermöglichen, die gleichen Fragen an Geldordnungen zu richten, wie an politische Regime: „How do these regimes justify themselves, and where does their power lie?“ (S. XVI) Denn genau diese Frage wird in mainstream-ökonomischen Diskursen und davon inspirierten Politikprogrammen gemeinhin nicht gestellt. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Werturteilsfreiheit (und unter Rückgriff auf Theoriegrundlagen der alten Physik) wird die Geldordnung naturalisiert und Geldpolitik für neutral im Hinblick auf Verteilungsfragen erklärt.

Der Autor geht aber noch einen Schritt weiter und macht sich eine normative Position zu eigen, die sich auch immer wieder prominent im von ihm analysierten ideengeschichtlichen Material findet: Die Annahme, dass Geldordnungen als Werkzeug für eine demokratische Selbstorganisation und damit potenziell für emanzipatorische Zwecke einsetzbar sind. Eich (S. XVI) schließt sich zahlreichen kontemporären KritikerInnen (etwa der Modern Monetary Theory) an, wenn er – vollkommen zu Recht – darauf verweist, dass es sich beim Bereich der Kreditschöpfung im Herzen des heutigen Geldsystems um einen Ort ungezügelter privater beziehungsweise privatisierter Macht handelt. Anstatt das derzeitige internationale Währungssystem mit seinen krassen Hierarchien zu naturalisieren, müsse ausgelotet werden, wie ein demokratisches globales Geld zu denken wäre, die globale Geldordnung also demokratisiert werden könnte. Wie gestaltet sich die Argumentation im Einzelnen?

Es ist schlicht nicht möglich im Rahmen einer Rezension den materialreichen Studien des Buchs vollständig gerecht zu werden. Stellvertretend sollen im nächsten Abschnitt daher einige zentrale Argumentationslinien aus Eichs überaus konzisen historischen Exkursionen angerissen werden, um die Machart der Studie hinreichend plastisch zu machen. Im anschließenden Teil werde ich kulturevolutionär angeleitete Möglichkeiten zum Weiterdenken von Eichs Forschungsagenda vorschlagen. Abschließend wird die zentrale Motivation des Buches, gesellschaftliche Emanzipation qua Reformen der Geldordnung auf den Weg zu bringen, kritisch diskutiert, und zwar anhand des diesbezüglich wohl einschlägigsten der von Eich diskutierten Theoretiker, Karl Marx.

Eine Ideengeschichte des politischen Geldes

Ein grundsätzlicher von Eich präsentierter Befund (S. 10), der die einzelnen historischen „Fallstudien“ übergreift, betrifft eine gewisse Skepsis des Autors gegenüber dem heute verbreiteten Verfahren, die Geschichte des monetären Denkens primär als Auseinandersetzung zweier konkurrierender theoretischer Lager zu lesen: orthodoxe Theorien eines Warengeldes („Substantialismus“) auf der einen und heterodoxe Theorien eines Kreditgeldes („Nominalismus“) auf der anderen Seite. Eich spricht dieser Klassifikation den Sinngehalt zwar nicht grundsätzlich ab, zeigt aber, dass sich viele historische Autoren gar nicht eindeutig einer der beiden Kategorien zuordnen lassen. Hier wird deutlich, dass sich problematische Komplexitätsreduktionen ideengeschichtlichen Materials nicht nur auf der Seite der Mainstream-Ökonomik auffinden lassen, sondern dass auch heterodoxe Stränge keinesfalls davor gefeit sind, solchen zu glatten Narrativen beziehungsweise allzu pauschalen Unterscheidungen anheim zu fallen.

Bereits bei Aristoteles, mit dem Eichs ideengeschichtliche Reise beginnt (S. 11 ff.), lässt sich die Sinnhaftigkeit einer als absolut begriffenen Unterscheidung von Warengeld und Kreditgeld hinterfragen. Eich weist darauf hin, dass Aristoteles seitens moderner LeserInnen – auf Grundlage entsprechender Textstellen, die eine solche Interpretation tatsächlich nahelegen – zumeist als früher Warentheoretiker des Geldes rubriziert wurde. Dem hält der Autor nicht nur konträre Textpassagen entgegen, sondern er rekurriert mittels einschlägiger historischer Studien (etwa von Leslie Kurke oder Sitta von Reden) auf die sozioökonomischen und kulturellen Kontexte der geld- und wirtschaftstheoretischen Überlegungen Aristoteles‘. Denn erst mit ihrer zureichenden Kontextualisierung wird eine Interpretation der überlieferten Texte überhaupt möglich. Vor diesem Hintergrund aus erscheint Aristoteles nicht mehr primär als Warentheoretiker des Geldes, sondern im Gegenteil als früher Denker von Geld als politischer Währung, also eines politischen Konventionalismus des Geldes.

Das Argument stützt sich auf die mittlerweile historisch gut erforschte Koevolution von Münzgeld (als neuer medialer Form von Geld) und Polis (als strukturell neuer Form von Politik respektive der Generierung kollektiv bindender Entscheidungen) im antiken Griechenland. Die Verbreitung des Münzgeldes ging, wie Eich einigermaßen detailliert nachzeichnet, Hand in Hand mit einer neuen Vorstellung von politischer Gemeinschaft. Das verlieh dem Münzgeld eine neuartige politische Dimension, die eng mit dem Begriff der Selbstverwaltung verbunden war: „For Aristotle, as for the Athenians in particular, currency was not only a means of commercial exchange but also a pillar of the specically political community and a crucial tool of justice.“ (S. 12) Die geldtheoretischen Überlegungen von Aristoteles können insofern nicht losgelöst von ihrem Kontext diskutiert werden, als ob sie in einem Ideenhimmel jenseits von Zeit und Raum situiert wären, sondern nur als Interventionen innerhalb einer historisch-spezifischen Konstellation. Qua der im antiken Griechenland erstmals verfügbaren Einsicht in die potenzielle Gestaltbarkeit von Herrschaft und Gemeinwesen – ein Gedanke, der sich in den vorangegangenen Hochkulturen so noch nicht findet und der ein Mehr an Reflexivität markiert – ist das parallel verbreitete Münzgeld von Anfang an eine ökonomisch-politische Zwittergestalt.

Von Aristoteles springt Eich weiter zu John Locke. Zwischen beiden liegen zwei Jahrtausende, der Argumentationsgang funktioniert gleichwohl. Als Bindeglied zwischen Aristoteles als antikem Denker und Locke als Denker der frühen Neuzeit dienen so gelungene wie relevante Ausführungen zur Genese moderner kapitalistischer Geldordnungen. So gab es in Europa während des gesamten Mittelalters – grob gesprochen – zwei parallele Währungssysteme: ein nominalistisches für lokale und inländische Transaktionen und ein auf Waren basierendes System für Transaktionen mit dem Ausland, wobei beide in mannigfaltigen Ausprägungen existierten. Im späten 17. Jahrhundert wurden beide Systeme miteinander verflochten. Denn das im Zuge der sogenannten Financial Revolution Ende des Jahrhunderts in England erstmals entstandene moderne kapitalistische Geld war ein Umbruch in der Art und Weise, wie Geld geschaffen und verstanden wurde und verschränkte die beiden zuvor getrennten Geldsysteme des (edelmetallbasierten) staatlichen Geldes und des (vertrauensbasierten, über Netzwerke validierten) privaten Geldes miteinander. Private Schulden wurden mittels eines Bankensystems monetarisiert, das wiederum durch den Staat gedeckt war (S. 14). Diese damals neuartige Konstellation bestimmt die Reflexionen über Geld und währungspolitische Ordnungen bis heute wesentlich.

John Locke als Zeitgenosse und wichtiger intellektueller Stichwortgeber dieser Umbruchzeit dient in der Mainstream-Ökonomik und der politischen Theorie als eine Art Säulenheiliger der Theorie, dass Geldwertstabilität durch Entpolitisierung der Geldordnung hergestellt wird. Eich bezeichnet diese Orthodoxie als „Lockeanismus“ (S. 209). Der Philosoph präsentierte eine für die frühe Neuzeit typische vertragstheoretische Konstruktion – einen „monetary contract as a tacit, prepolitical agreement of all mankind“ (S. 14 f.) – also eine (von ihm selbst erdachte) Gründungsszene, die die diskretionäre Beeinflussung des Geldwerts aus dem Bereich legitimes politischen Handelns ausschloss. Zur Grundlage von „zivilisierter“ Sozialität erklärte Locke einen immer schon wirksamen und von allen Gesellschaftsmitgliedern stillschweigend geschlossenen Vertrag, der als Band zwischen den Menschen fungiere. Eich zeichnet die Entwicklung von Lockes geldtheoretischen Überlegungen mit besonderem Blick auf Kolonialisierung und Kolonialadministration nach und diskutiert den Vergleich von Sprache und Geld beziehungsweise Währungen, dem sich Locke im Hinblick auf die Frage nach ihrer Übersetzbarkeit ausführlich widmet (S. 62 f.). So präsentiert Eich eine Erklärung für Lockes Insistieren auf einer Metalldeckung des Geldes, die sensibel ist für den historischen Kontext, dem sie entstammt.

Die anschließend diskutierten Theoretiker, Fichte, Marx, Keynes und Proudhon, der im Zuge des Kapitels zu Marx ebenfalls näher betrachtet wird, werden vornehmlich bezüglich ihres Hinterfragens der Locke‘schen Metallgeld-Orthodoxie in jeweils anderen historischen Konstellationen betrachtet. Der Autor, der Eich zufolge in dieser Debatte am stärksten für eine reine Kreditwährung plädierte, war Johann Gottlieb Fichte (1762–1814). Fichtes Denken wird vor dem Hintergrund der Entstehung der – nicht zuletzt auf Staatsverschuldung aufbauenden – Fiskal- und Militärstaaten des 18. Jahrhunderts diskutiert. Denn das Zeitalter der Revolutionen während der Napoleonischen Kriege war eine Blütezeit grundsätzlicher Diskussionen über Währungs-, Handels- und Steuerordnungen. Es gab intensive Debatten in Großbritannien und Frankreich, aber auch in den vom Krieg gezeichneten deutschsprachigen Ländern (S. 15). Entgegen Lockes Verschränkung von Metallismus und Gesellschaftsvertrag argumentiert Fichte, dass gerade nationales Fiat-Geld und Gesellschaftsvertrag eine vom Welthandel isolierte, aber gleichwohl wirtschaftlich prosperierende Nation möglich machten (S. 209).

Keynes schließlich wird als Denker präsentiert, der im Handgemenge der kapitalistischen Großkrisen der erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und der durch sie mitverursachten Weltkriege sowie der von einer warentheoretischen Orthodoxie geprägten Mainstream-Ökonomie heterodoxen Positionen politisch zur Geltung verhalf. Durch die Arbeiten Georg Friedrich Knapps mit der Kredittheorie des Geldes und über Knut Wicksell mit den Geldschöpfungspraktiken privater Geschäftsbanken vertraut, kommt Keynes früh zu einer Kritik von Warentheorien des Geldes und weiß diese Kritik auch auf der politischen Agenda zu platzieren (S. 152 f.). Eichs Schilderungen sind sehr lesenswert und erinnern darüber hinaus an wichtige, heute kaum noch bekannte historische Episoden, wie beispielsweise einen Schlagabtausch zwischen Keynes und Hayek in den frühen 1930er-Jahren über die Rolle von Kreditgeld. Die von Eich andiskutierten Rezensionen, die die beiden wechselseitig von ihren Schriften angefertigt haben, offerieren einen guten Einblick in die Gemengelage von Weltanschauungen und Wirtschaftstheorien in den turbulenten 1930er-Jahren.

Zum Abschluss des referierenden Teils möchte ich mich den Ausführungen zu Marx etwas eingehender widmen, weil diese den Boden für die Schlussdiskussion bereiten. Eich arbeitet konzise heraus, welch großen Raum geldtheoretische Reflexionen in Marx‘ Forschung einnahmen. Er zeigt, dass einflussreiche Autoren wie Joseph Schumpeter als Stichwortgeber der späteren Neoklassik oder Geoffrey Ingham als gegenwärtig einflussreiche Stimme in der Geldsoziologie Marx zu Unrecht als Warentheoretiker des Geldes (letztlich als Metallisten) und Vertreter einer traditionellen Arbeitswertlehre interpretiert haben (S. 108). Eich widerlegt diese Interpretationen nicht nur, er rekonstruiert auch, wie und warum Denker wie Schumpeter oder Ingham, neben vielen anderen, überhaupt zu ihrer fehlerhaften Einschätzung gelangt sind. Eine zentrale Aussage hierzu sei im Original wiedergegeben:

„Marx’s analysis of the money commodity (Geldware) can at first sight appear reminiscent of an account of commodity money. After all, Marx draws a close connection between what he calls the commodity form and the money form in a way that is alien to credit theories of money. But Marx’s logic runs precisely contrary to that of the commodity theorists. While he posited a money commodity as the foundation of the monetary system, he did not ground the value of money in commodities. Instead his account of the money commodity was meant to stress the social conditions under which commodities themselves could rise to the level of becoming money.” (S. 130 ff.)

Interessant ist, dass Eich über diese Diagnose hinausgeht und auf substanzielle Verbindungen von – einem korrekt interpretierten – Marx zu neueren soziologischen Geldtheorien hinweist, die Geld als Recheneinheit (Ingham), als Institution des gesellschaftlichen Wertes (Aglietta) oder als Verfassungsprojekt (Desan) begreifen. Er erwähnt hier die Arbeiten der sogenannten „Neuen Marx-Lektüre“ beziehungsweise monetärer Lesarten von Marx‘ Wertformanalyse, wie sie etwa Michael Heinrich vorgenommen hat. Diese überwinden zwar die Beschränkungen älterer orthodoxer Lesarten von Marx und stellen den monetären Charakter der Marx‘schen Werttheorie heraus, sind aber die Diskussion mit heterodox-ökonomischen und geldsoziologischen Beiträgen bis dato weitestgehend schuldig geblieben (S. 128 ff.).

Dass dies definitiv nachzuholen ist entspricht auch der an anderer Stelle formulierten Einschätzung des Rezensenten, wonach die wichtigen begrifflichen Klärungen, die seitens der „Neuen Marx-Lektüre“ geleistet wurden, in historisch-empirische Forschungen überführt werden sollten.[12]

Zwischenfazit: Die „Geldordnungsvergessenheit“ der politischen Theorie

Was für ein Zwischenfazit lässt sich ziehen? Als gesichert dürfte gelten, dass Eichs Stratigraphie der politischen Theorie des Geldes im Bereich der politischen Theorie insofern einen Meilenstein darstellt, als er der „Geldordnungsvergessenheit“ in diesem akademischen Diskursfeld entschieden entgegentritt. Damit ist sehr viel erreicht und es ist dem Buch zu wünschen, dass ihm ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit zuteil wird. Denn die normative wie auch die sich als analytisch-deskriptiv verstehende politische Theorie ist bis heute eine Hochburg des kapitalistischem Realismus (Mark Fisher) beziehungsweise Fukuyamaismus (Slavoi Žižek), ist also Hort einer auf die Spitze getriebenen Naturalisierung der wirtschaftlichen und monetären Grundstrukturen der Gegenwartsgesellschaft. Eich diskutiert diesen Umstand unter anderem am Beispiel hegemonialer Denkern der politischer Theorie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie John Rawls, Jürgen Habermas, Michael Walzer und Michael Sandel (S. 178 ff. samt den zugehörigen Endnoten). Die Bedeutung einer konzisen und verständlichen Intervention in dieses geldtheoretische Tal der Ahnungslosen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Auch wenn der Rezensent im Allgemeinen kein Freund anekdotischer Evidenz ist, sei doch angemerkt, dass sich Eichs Diagnosen zum Feld der politischen Theorie mit eigenen Erfahrungen decken. Der Rezensent hat als Student der Politikwissenschaften an der Universität Bremen ab 1996 aus erster Hand miterlebt, wie die Kohorte der in der Folge von 1968 an die Reformuniversität berufenen HochschullehrerInnen abgelöst wurde durch eine Generation von ProfessorInnen, für die jegliche Auseinandersetzung mit ökonomischen Sachverhalten apriorisch Anathema war. Selbst ein Denker wie Habermas verstieg sich damals in zeitgeistige Aussagen, denen zufolge „die theoretischen Grundlagen der Marxschen Kapitalismuskritik [gewiß] überholt“ seien[13] – um sich anschließend für längere Zeit aus der Soziologie zu verabschieden. Politische Theorie und verwandte Forschungsfelder wie die internationalen Beziehungen haben sich in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre mit ihrer Ignoranz gegenseitig in die Hände gespielt und so einen a-geldpolitischen Wissensbestand generiert und kanonisiert, der heute – nur gut 25 Jahre später – angesichts aktueller Problemlagen (endogen induzierte Wirtschaftskrisen, endogen induzierter Klimawandel, endogen induzierter Autoritarismus) seltsam anachronistisch anmutet.[14]

Zum Weiterdenken: Kulturevolutionäre Fundierungen der geologischen Stratigraphie des Geldes

Der Autor interveniert jedoch nicht nur kritisch, er eröffnet mit seinem Buch Perspektiven zum Anknüpfen und Diskutieren, die weit über den Arbeitsbereich der politischen Theorie hinausweisen. Ich möchte zunächst zwei Punkte herausstellen, die zum Weiterdenken einladen, bevor ich Eichs Kernunterfangen von Geldreform abschließend kritisch reflektiere.

a) Eich beginnt seine Erkundungen mit guten Gründen im antiken Griechenland, weil dort mit Münzgeld und Polis zwei neuartige Medien von Vergesellschaftung koevolvierten, die sich im Laufe der Geschichte – zunächst in Europa, sodann mehr oder minder global – als (im Guten wie im Schlechten) sehr einflussreich erwiesen haben. Zugleich lässt sich fragen, ob es nicht gewinnbringend sein könnte, noch früher in der Geschichte des Geldes anzusetzen. Eich bemerkt selbst, dass der Etablierung des Münzgeldes zwei Jahrtausende vorausgingen, in denen andere Medien als Geld fundierten – ein Sachverhalt, der spätestens mit David Graebers „Schuldenbuch“[15] auch außerhalb von Spezialistenzirkeln Bekanntheit erlangt hat, allerdings bereits von Keynes thematisiert wurde, wie Eich anmerkt (S. 150 f.).

Eine solche Verlängerung von Eichs Forschungsprogramm sähe sich zwar mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass für die frühen Hochkulturen, wie dem hier einschlägigen Mesopotamien, keine theoretischen Semantiken existieren, die mit Aristoteles vergleichbar wären. Allerdings lässt sich die von Eich stark gemachte Verschränkung von Geld- und Rechtsentwicklung auch in ebenjenen frühen Hochkulturen auffinden und am Material rekonstruieren – man denke nur an den Codex Hammurapi aus dem 18. Jahrhundert v.u.Z., der sich mit dem heutigen Wissensstand über damalige Geldmedien und Geldverwendungsweisen in Bezug setzen lässt. So wie sich mit der Durchsetzung von Buchführungspraktiken seitens der Tempeladministration eine Metrisierung des Wirtschaftslebens ihren Weg bahnte, wurden im Codex Hammurapi, einer Sammlung und Systematisierung von Rechtssprüchen, qua ihrer Kodifizierung auch die Herrschaftsverhältnisse metrisiert, also als allgemeine Normen formuliert (wenn auch noch nicht im gleichen Grad wie später in Griechenland durch die solonischen Reformen).

Zusätzlich lässt sich durch einen Rekurs auf Mesopotamien beziehungsweise primäre Hochkulturen im Allgemeinen das gegen mainstream-ökonomische Tauschtheorien gerichtete Argument erhärten, wonach die Herausbildung von Märkten beziehungsweise einer kommerziellen Ökonomie ein historisch unbeabsichtigter Effekt von früh-staatlichem Verwaltungshandeln ist: Erst als ein kollektiv-bindender Wertstandard etabliert war, verbreiteten sich kalkulative Praktiken auch im sogenannten privatwirtschaftlichen Bereich.[16] Die von Eich ins Zentrum gerückte Verbindung von Geldreflexion und Reflexion politischer Ordnungen besitzt demnach noch eine weitaus längere Geschichte als die, die im vorliegenden Buch untersucht wird.

b) Damit eng verbunden ist die mögliche systematische kulturevolutionäre Erweiterung von Eichs Forschungsagenda. Eich zeigt am Beispiel Griechenlands sowie anhand späterer Entwicklungen, dass politische Gemeinschaften Instrumente der Reziprozität benötigen, um staatsbürgerliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern herzustellen. Neben den jeweiligen Geldordnungen und Rechtssystemen nennt Eich auch öffentliche Diskursformen. Diese Verbindung scheint nicht zufällig zu sein. Geldformen koevolvieren nicht nur mit Rechtsformen und anderen Medien von Reziprozität, sondern ganz allgemein mit den in einer jeweiligen Gesellschaftsformation verfügbaren Modi von Abstraktion. Andernorts ist diesbezüglich von „Formzusammenhängen“ die Rede, um etwa die Gleichursprünglichkeit von Münzgeld, Polis, phonetischem Alphabet und Philosophie im antiken Griechenland[17] oder den Nexus von Geld- und Schriftentwicklung und Monotheismus des antiken Judäa zu erklären.[18]

Eine solche Passförmigkeit der Abstraktionsmodi in sachlich differenten Sphären lässt sich auch im historischen Fortgang ausmachen. So zeigt beispielsweise Rotman[19] für die Renaissance beziehungsweise frühe Neuzeit die Gleichursprünglichkeit und identische semiotische Struktur von Algebra, Zentralperspektive und Papiergeld auf.[20] Es sind solche diachron aufeinander aufbauenden und synchron miteinander passförmigen Abstraktionen, über die sich im Prozess sozio-kultureller Evolution „Wagenhebereffekte“ (Michael Tomasello) realisieren, die einer Gesellschaftsformation sukzessiv weitere „Ebenen der Machbarkeit“ (Heinrich Popitz) hinzufügen, ohne dass man dafür historische Teleologie unterstellen müsste. Entwicklung hat zwar kein Ziel, ist aber gleichwohl – durch Prozesse von Pfadabhängigkeit – ein gerichteter Prozess. Das kann an dieser Stelle zwar nicht im Detail entfaltet werden, für Eichs Forschungsagenda ist eine kulturevolutionstheoretische Fundierung seiner auf Geldtheorie, politische Theorie und Reformbestrebungen bezogenen Spezialforschung jedoch unabdingbar.[21]

Schluss: Reformen des Geldsystems und Reformen der Gesellschaft

Zuletzt sei eine eher grundsätzliche Frage aufgeworfen, der ein paar Zeilen mehr eingeräumt werden müssen. Es besteht kein Zweifel daran, dass das gegenwärtige Geldsystem in einem Spannungsverhältnis zu in der Gesellschaft weit verbreiteten Ansprüchen und Proklamationen, aber auch zu den Institutionalisierungen von Demokratie und Egalität steht. Ebenso – und so detailliert und konzise wie im Buch von Eich wurde dies vermutlich noch kaum je gezeigt – ist die Geschichte monetärer Ordnungen dadurch gekennzeichnet, dass diese stets politisch umkämpft waren und dabei für progressive wie regressive Politikprogramme in Anspruch genommen wurden.

Eich selbst sieht sehr genau, dass sein eigenes Vorhaben, nach einer emanzipatorischen Gestaltung der Geldordnung zu fahnden, in gewissem Konflikt zur von Marx in verschiedenen Anläufen immer wieder vorgetragenen Kritik an Versuchen steht, über eine Reformation der Geldordnung zu einer emanzipatorischen Neugestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft zu gelangen (S. 109). Entsprechend liegt ein Hauptaugenmerk von Eichs Auseinandersetzung mit Marx in einer recht detaillierten Aufarbeitung verschiedener Entwicklungsstadien der Marx‘schen Skepsis bezüglich monetärer Reformen. Dabei widmet Eich sich einerseits dessen Kritiken an verschiedenen frühsozialistischen Geldreformern (am prominentesten Proudhon), die Marx gegen Ende der 1840er-Jahre erstmals ausarbeitete (S. 108 ff.). Andererseits nimmt Eich sich den umfangreichen (vor allem journalistischen) Arbeiten aus den 1850er-Jahren an, die Marx dann in den Grundrissen als erstem Versuch einer Generalsynthese zusammenführte.

Dabei zeigt sich, dass der frühe Marx Reformen des Geldsystems (etwa einer Nationalisierung und Entprivatisierung der gesellschaftlichen Kreditvorsorge) – trotz der harschen und teilweise anderes übertönenden Kritik an Proudhon et al. – durchaus eine mögliche emanzipatorische Rolle zugestand (S. 115 f.). Im Zuge der 1850er-Jahre arbeitete Marx seine Position dann jedoch theoretisch besser aus und wurde dabei politisch skeptischer, wie Eich ebenfalls minutiös rekonstruiert: Mit Blick auf die Krise von 1857 ff., die oftmals als erste umfassende Weltmarktkrise überhaupt verhandelt wurde, vertritt Marx Motive einer endogenen Geldtheorie. Jene Krise war, nebenbei bemerkt, auch ein wesentlicher Anlass für die hastige Niederschrift der Grundrisse, da Marx befürchtete, dass sie zu einer proletarischen Revolution führen würde, bevor er seine Theorie veröffentlicht hätte – ein Ausdruck der ihm durchaus eigenen Eitelkeit.[22] Möge sich die Krise, so Marx, auch augenscheinlich in Verwerfungen des Finanzwesens manifestieren, so seien es doch letzten Endes die Strukturen der kapitalistischen Produktion, etwa Probleme von Überakkumulation, die für ihren Ausbruch und Verlauf ursächlich seien. Vor dem Hintergrund solcher Feststellungen erscheinen Reformen von Geld und Kredit für Marx weniger denn je als adäquate Hebel emanzipatorischer Politik (S. 124 f.).[23]

Eich (S. 136) wendet zu Recht ein, dass Marxens weitreichende Kritik an Reformpotenzialen des Geldsystems problematische unbeabsichtigte Nebenfolgen hatte. Die Verlagerung des analytischen Schwerpunkts vom Geld auf die Wertform kann in der Tat verdecken, dass die Entstehung des modernen Kapitalismus keinesfalls zum Verschwinden von Geldpolitiken geführt hat: Es gab und gibt jeweils historisch bessere oder schlechtere Wege, kapitalistische Geldsysteme auszugestalten – ein Aspekt, den – wie Eich betont – die allermeisten Marxisten im 20. Jahrhundert allzu leichtfertig abtaten.[24] Der Autor resümmiert: „Monetary legislation and the structure of the domestic and international monetary system have proven remarkably consequential. Even under conditions of global financial markets the law makes, and continually remakes, money.” (S. 137)

Um die Potenziale von Geldsystemreformen herauszustellen, verweist Eich (S. 137) unter anderem auf die sogenannte „Staatsableitungsdebatte“ der 1970er-Jahre und die dort von dezidiert mit Marx argumentierenden TheoretikerInnen diskutierte relative Autonomie des Politischen. Doch ist fraglich, ob dieses Argument „zieht“. Denn eine der Pointen dieser – heute terminologisch zuweilen eigentümlich anmutenden, im besten 68er-Jargon vorgetragenen – Diskussion bestand auch in dem Versuch des Nachweises, dass gerade das bürgerlich-demokratische „Betriebssystem“ über systematische Machtasymmetrien verfügt. Die Staatsableitunsgsdebatte bezog nicht nur Position gegenüber den zwischen Voluntarismus und Geschichtsteleologie oszillierenden Staatstheorien des orthodoxen Marxismus sowjetischer Machart, sondern auch gegenüber jeglichen von europäisch-sozialdemokratischer Seite kolportierten „Sozialstaatsillusionen“, wie es im Titel eines damaligen Grundlagenbeitrags heißt.[25] In Kurzform: es wurde postuliert, dass demokratische Verkehrsformen und Klassenstrukturen (also Formen systematischer und struktureller Ungleichheit) sich gerade nicht ausschließen, sondern – jedenfalls in den real-existierenden Kapitalismen – einander bedingen.[26]

Aktuelle empirische Beispiele für solche Abhängigkeiten liefert Eich wiederum selbst, etwa im Epilog des Buches, wenn er unter Bezug auf Arbeiten von Adam Tooze das während der Präsidentschaft von George W. Bush in Kraft gesetzte sogenannte Troubled Asset Relief Program (TARP) verhandelt. Diese Rettungsaktion des Bankensektors hat zwar gezeigt, dass die Fortexistenz der (Finanz-)Wirtschaft während der Finanzkrise von 2008 von der Fähigkeit des amerikanischen Staates abhing, für ausreichende Liquidität zu sorgen. Aber dennoch bedeutete dieser Eingriff nicht, dass der Staat die Kontrolle über das Finanz- und Geldsystem zurückerobert hätte, wie Eich (S. 206 f.) mit Bezug auf Tooze herausstreicht:

„[T]hose enacting the bailouts came from the very same Wall Street-to-Washington networks as those sitting on the other side of the table as recipients. If this was an act of sovereignty, who precisely was sovereign – the American people or Wall Street? Whose interest did the state pursue? In its quest to restore faith and confidence in the financial system, even the most benign elements of the American state found themselves hostage to the finance franchise.”

Hier lag, wie der Autor weiter schreibt, insofern eine „perverse“ Situation vor, als dass die Zentralbank ihre relative Vormachtstellung eingesetzte, um den Banken finanzielle Liquidität zur Verfügung zu stellen. Sie bediente also Partialinteressen der Vermögenden, handelte aber nicht mittels einer breit angelegten Kreditvergabe im Dienste einer egalitären Finanzbürgerschaft (S. 208).

Auf Basis der Erfahrung, dass derlei wieder und wieder geschieht, solche Krisen und die ergriffenen Gegenmaßnahmen also nicht kontingent, sondern strukturell sind, will der Begriff „Staatsableitung” politisches Handeln vor dem Hintergrund der immer schon vorausgesetzten Imperative zur Aufrechterhaltung kapitalistischer Warenproduktion und –zirkulation erklären. Vorausgesetzt sind sie auch in dem Sinne, dass sie selbst in demokratischen Wahlen gar nicht zur Debatte stehen, also auch nicht abgewählt werden können.[27] So wie die „Fellachen“ der letzten 10.000 Jahre die ihnen vorgesetzte Herrschaftsordnung als göttlich legitimiert und insofern als unveränderlich wahrgenommen haben, begreifen die modernen StaatsbürgerInnen die Eigentumsordnung als notwendig und invariabel – mit dem Unterschied, dass die Legitimationsformel Gott durch die Legitimationsformel Demokratie ersetzt wurde. Marx hat sich zu Recht über diese Illusion mokiert weil sie die in der Gattung Homo sapiens biologisch-kulturell angelegten Reflexionspotenziale unterläuft. Heute wird hingegen deutlich, dass es ihrer bedarf, um die durch die industriell-kapitalistische Lebensweise vorangetriebene Selbstzerstörung der Gattung zu verhindern.[28]

Will man angesichts dieser Sachlage an Eichs wissenschaftlichem und politischem Programm festhalten – und der Rezensent spricht sich klar dafür aus – müssen Fragen nach den Gestaltungen einer gerechten Geldordnung viel stärker mit alternativen Möglichkeiten etwa der Planung und Organisation der Bereitstellung von Gütern, Dienstleistungen, Pflege und so weiter zusammengedacht werden. So wird die Frage der Eigentumsordnung an sich virulent.

Wobei nicht suggeriert werden soll, der Autor hätte die Beschäftigung mit diesen Themen anhand der Auseinandersetzung mit seinem Material auch noch hätte leisten können und sollen – Spezialisierung ist so notwendig wie sinnvoll und beschränkt das Ausmaß dessen, was angeeignet, verarbeitet und systematisch dargestellt werden kann, naturgemäß. Wohl aber soll suggeriert werden, dass Reformationspotenziale jenseits der Geldordnung als „Horizont“ stärker berücksichtigt hätten werden können – zumal Restrukturierungen auch der Produktionslandschaft bei im Buch verhandelten Denkern wie Fichte ganz selbstverständlich die anvisierten Reformen der Geldordnung sekundiert haben.

Dass Ambitionen hinsichtlich gesamtgesellschaftlicher Produktionsplanung nach der Negativerfahrung mit gleichermaßen sozial autoritären wie sachlich defizitären historischen Varianten (etwa dem sowjetischen „Gosplan“-System) für nahezu ein Jahrhundert auch vonseiten kapitalismuskritischer Positionen stark in Verruf geraten sind, ist nur verständlich. Hier zeichnen sich in den letzten Jahren allerdings Veränderungen ab. Christoph Sorg[29] hat unlängst das gegenwärtig prosperierende Feld all jener Ansätze vermessen, die angesichts neuer sozio-technologischer Möglichkeiten auf digital-demokratische Planungsformen setzen, welche die marktorientierte Verteilung ergänzen oder gar ersetzen sollen.[30] Entsprechende Szenarien und Programme, die sich in abgeschwächter Variante zuweilen auch im Polit-Mainstream finden lassen,[31] können evidenterweise nur bis zu einem gewissen Grad „am Reißbrett“ entworfen werden. Ein Ende des bisher vorherrschenden kategorischen „Bilderverbots“ bezüglich möglicher postkapitalistischer Vergesellschaftungsmodi wäre als Antidot zum kapitalistischen Realismus jedoch zu begrüßen – und wäre mit Eichs Agenda durchaus vereinbar.

  1. Jan Sparsam / Malte Flachmeyer, Voll normal: Die unkonventionelle Geldpolitik der EZB seit der Euro-Krise. In: Leviathan 48 (2020), 2, S. 176–194.
  2. Wobei sich angesichts der sogenannten Vermögenspreisinflation der letzten Jahrzehnte, also dem langanhaltenden massiven Preisanstieg bei Aktien, Anleihen und vor allem Immobilien, keiner der oben genannten politischen Interessensvertreter zum Handeln veranlasst sah.
  3. David Ratner / Jae Sim, Who Killed the Phillips Curve? A Murder Mystery. In: FEDS 28 (2022), S. 1–36, hier S. i.
  4. Auch die Inflation der 1970er-Jahre – um ein weiteres Beispiel anzubringen – lässt sich nicht monokausal auf die expansive Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank zurückführen. Vielmehr waren daneben auch realwirtschaftliche Gründe wie der Vietnamkrieg oder die beiden Ölpreisschocks (1973–74 und 1979–81) wirksam. Siehe Dean Baker, NAIRU: Dangerous Dogma at the Fed (Financial Markets Center Report, December 2000), https://cepr.net/documents/publications/fmsno00.pdf (7.9.2022). Die Parallelen zur Gegenwart sind offensichtlich.
  5. Geldpolitik wird gegenwärtig nicht nur in den einschlägigen wissenschaftlichen (Sub-)Disziplinen kritisch diskutiert, sondern natürlich auch in diversen Teilöffentlichkeiten. Hier sei das immer sehenswerte Youtube-Format „Wohlstand für alle“ von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt erwähnt, das einen wichtigen Kontrapunkt sowohl gegen die in den sozialen Medien grassierende Vulgäraffirmation als auch die Vulgärkritik des Geldsystems setzt.
  6. Aaron Sahr, Das Versprechen des Geldes. Eine Praxistheorie des Kredits, Hamburg 2017, S. 346.
  7. Greta R. Krippner, Capitalizing on crisis. The political origins of the rise of finance, Cambridge/London 2012.
  8. Simone Polillo / Mauro F Guillén, Mauro F., Globalization pressures and the state: The worldwide spread of central bank independence, in: American Journal of Sociology 110 (2005), S. 1764–1802.
  9. Christopher Adolph, Bankers, bureaucrats, and central bank politics. The myth of neutrality. Cambridge 2013.
  10. Mit dem Begriff der Oikodizee (angelehnt natürlich an den Begriff der Theodizee) bezeichnet Joseph Vogl die seit der frühen Neuzeit bis heute im wirtschaftswissenschaftlichen Denken prominente Argumentationsfigur, vermittels derer Märkte – im Sinne einer innerweltlich wirksamen Vorsehung – zu Garanten von gesellschaftlicher Ordnung verklärt werden. Dem entgegen plädiert Vogl zutreffend für eine „Säkularisierung ökonomischen Wissens“: es müsse darum gehen, „Ökonomien ohne Gott, Märkte ohne Vorsehung und Wirtschaftssysteme ohne prästabilierte Harmonien in Rechnung zu stellen“. Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, Zürich 2016, S. 176.
  11. Siehe etwa die Feststellung von Florian Brugger: „Wohl in keinem anderen Teilgebiet der Ökonomie war und ist der Einfluss von Krisen auf die Theorie so stark ausgeprägt wie in der ökonomischen Geldtheorie. Fast immer haben Finanzkrisen, die durch die gängige Geld- und Finanztheorie nicht vermeidbar, vorhersehbar und lösbar waren, zu umfassenden geld- und finanztheoretischen Debatten geführt, welche wiederum häufig die Geldtheorie stark verändert oder auch revolutioniert haben“. Florian Brugger, Die ökonomische Geldtheorie und ihre (Finanz-)Krisen: Von David Hume bis zur Gegenwart, in: Klaus Kraemer / Sebastian Nessel (Hg.), Geld und Krise. Die sozialen Grundlagen moderner Geldordnungen, Frankfurt am Main 2015, S. 79–109, hier S. 79. Eichs Konzentration auf den Nexus von Geldtheorie und politischer Theorie ist freilich ein Alleinstellungsmerkmal seines Buches.
  12. Hanno Pahl, Geld, Kognition, Vergesellschaftung. Soziologische Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht. Wiesbaden 2021, S. 239 ff. Ich möchte an dieser Stelle ferner auf die extrem hilfreichen Arbeiten von Martha Campbell hinweisen, in denen diese Lesart der Kritik der politischen Ökonomie bereits angelegt ist, die aber bei Eich keine Erwähnung finden. Siehe stellvertretend für eine ganze Reihe einschlägiger Texte: Marthe Campbell, The Credit System, in: ebd. / Geert Reuten (Hg.), The Culmination of Capital. Essays on Volume III of Marx's Capital, New York 2002, S. 212–227.
  13. Jürgen Habermas, Die Normalität einer Berliner Republik, Frankfurt am Main 1995, S. 92. Solche Aussagen setzen immer voraus, dass man weiß worüber man spricht. Dass, wie Hans-Georg Backhaus einmal pointiert festgestellt hat, „Orthodoxie [...] in der 120jährigen Wirkungsgeschichte des Kapital hinsichtlich der Marxschen Wert- und Geldtheorie immer nur Anspruch geblieben“ ist, wird gar nicht als Möglichkeit in Betracht gezogen. Siehe dazu ausführlich: Hans-Georg Backhaus, Elementare Mängel in der traditionellen Rezeption der Marxschen Form-Analyse, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 13, Frankfurt am Main, hier S. 403. Die maßgeblichen Arbeiten zur sozio-kulturellen Entwicklung von Habermas stammen aus den 1970er- und 1980er-Jahren und bleiben tendenziell traditionellen Lesarten des Marx’schen Werkes verhaftet (auf die Habermas oft wohlwollend referiert, die er zu Recht aber auch kritisiert).
  14. Aus heutiger Perspektive kann man vermuten: Das zügige Abdanken der Altmännerregime des sogenannten real-existierenden Sozialismus verleitete „den Westen“ zu der Fehleinschätzung, dass die real-existierenden Kapitalismen im Rahmen einer Systemkonkurrenz „gesiegt“ hätten. Diese Regime haben aber nicht eigentlich gesiegt, sondern sind schlicht übriggeblieben, was doch ein großer Unterschied ist. Robert Kurz gehört zu den ganz wenigen Denkern, die ein solches Argument frühzeitig in den Raum gestellt haben, leider – im Falle von Kurz – in Kombination mit einer unterkomplexen Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus. Siehe Robert Kurz, Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie, Frankfurt am Main 1991.
  15. David Graeber, Debt. The First 5000 Years, New York 2011.
  16. Siehe dazu Axel T. Paul, Theorie des Geldes zur Einführung. Hamburg 2017. Das ist ein Sachverhalt, der mittlerweile auch in der Mainsteam-Ökonomik eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, aber nicht produktiv in die disziplineigene Modellakrobatik intergriert werden kann. Charles Goodhart zwischen 1997 und 2000 Mitglied des höchsten Entscheidungsgremiums der Bank of England, des Monetary Policy Committee, hat dies ganz offen ausgesprochen: „I believe that the consensus among historians and anthropologists is that money developed as a social (and governmental) artefact, rather than as a mechanism for reducing transactions costs in private-sector markets. But such a viewpoint is somewhat woolly and socio-logical, and has not, in the past, lent itself to mathematical modelling. So, economists have tended to ignore historical reality, to establish formal mathematical models of how private agents (with no government), transacting amongst themselves, might jointly adopt an equilibrium in which they all settle on a common monetary instrument“. Charles A. Goodhart, The Continuing Muddle of Monetary Theory: A Steadfast Refusal to Face Facts, in: Frank Cowell / Amos Witztum (Hg.), Lionel Robbins’s essay on the nature and significance of economic science, London 2008 S. 292–305, hier S. 301. Was ist dies anderes als eine elegant vorgetragene Bankrotterklärung?
  17. Siehe dazu Arno Bammé, Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt; Zäsuren abendländischer Epistemologie, Weilerswist 2011; Davor Löffler, Generative Realitäten I. Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts, Weilerswist 2019; Pahl, Geld, Kognition, Vergesellschaftung.
  18. Joachim Schaper, Media and Monotheism. Presence, Representation, and Abstraction in Ancient Judah, Tübingen 2019; ebd, Was kann ein ‚medienmaterialistischer‘ Ansatz zur Rekonstruktion der frühesten Geschichte des israelitisch-judäischen Monotheismus beitragen? In: Zeitschrift für Altorientalische und Biblische Rechtsgeschichte / Journal for Ancient Near Eastern and Biblical Law 27 (2021), S. 227–242.
  19. Brian Rotman, Signifying Nothing. The Semiotics of Zero, London 1987.
  20. Siehe aktuell Axel Paul für die Koevolution von Geld und Mathematik in der Renaissance: Axel T. Paul, Axel Vom Zahlen und Zählen. Über die mittelalterlich-monetären Ursprünge der mathematischen Naturwissenschaften, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 28 (2019), 3-4, S. 186–226.
  21. Eine nicht minder instruktive kulturevolutionäre Perspektive, die jedoch einen anderen Ansatz verfolgt, liefert Joseph Henrich. Henrichs Populationsdenken eröffnet unter anderem eine historisch-genetische Perspektive auf die sozialstrukturellen und psychologischen Voraussetzungen der frühneuzeitlichen Vertragstheorien Europas (Hobbes, Locke), die bei Eich prominent diskutiert werden. Siehe Joseph Henrich, The Weirdest People in the World. How the West became psychologically peculiar and particularly prosperous, New York 2020.
  22. So notiert in einem Brief an Ferdinand Lassalle vom 22. Februar 1858: „After all, schwant es mir, daß jetzt, wo ich nach 15jährigen Studien so weit, Hand an die Sache legen zu können, stürmische Bewegungen von außen wahrscheinlich interfere werden. Never mind. Wenn ich zu spät fertig werde, um noch die Welt für derartige Sachen aufmerksam zu finden, ist der Fehler offenbar my own“. Karl Marx / Friedrich Engels, Werke (MEW) 29, Berlin 1956, S. 551.
  23. Eich fasst die Marx’sche Position treffend zusammen: „Until the end of his life, he predicted that laws to reform the monetary system would prove to be unworkable as long as the pervasive rule of capital had not been fully grasped and, indeed, overcome. Behind his theory of value and his account of the endogeneity of capitalist money stood a broader, and altogether more political, point about the futility of preventative monetary management and the ultimate inability of the law to shape capitalist money” (S. 135).
  24. Hier mag freilich auch ein gewisser Hang zum „Vulgärmaterialismus“ seinen Dienst getan haben, resultierend aus einer so populären wie naheliegenden Allianz von traditioneller Arbeitswerttheorie und historischem Materialismus, einem Basis-Überbau-Schema von Produktion und Zirkulation.
  25. Wolfgang Müller / Christel Neusüß, Die Sozialstaatsillusion und der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital, in: PROKLA 1, 1971 (1), 7–70.
  26. Zuletzt hat Søren Mau (2022) den soziologischen beziehungsweise sozialen Gehalt der Marx‘schen Ökonomiekritik und des Theorems sozio-ökonomischer Sachzwanghaftigkeit nochmals herausgestellt – in sehr innovativer Art und Weise. Maus Buch stellt auch eine wichtige Kontrastfolie zu gegenwärtig grassierenden kultursoziologischen Entfremdungstheorien dar, die auf eine monetär-formanalytische Grundierung verzichten und oft genug in romantischer Zivilisationskritik münden. Søren Mau, Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Berlin 2022.
  27. Den Nexus von Recht und Kapital hat jüngstens Katharina Pistor im Rahmen einer kritischen Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen des gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus untersucht: Katharina Pistor, The code of capital. How the law creates wealth and inequality, Princeton 2019. Auch diese Analyse, die von vollkommen anderen theoretischen Voraussetzungen ausgeht als die Staatsableitungsdebatte der 1970er-Jahre, unterstreicht die Relevanz der vorherigen Befunde.
  28. Siehe dazu Edward O. Wilson „Human existence may be simpler than we thought. There is no predestination, no unfathomed mystery of life. Demons and gods do not vie for our allegiance. Instead, we are self-made, independent, alone, and fragile, a biological species adapted to live in a biological world. What counts for long-term survival is intelligent self-understanding, based upon a greater independence of thought than that tolerated today even in our most advanced democratic societies”. Edward O. Wilson, The meaning of human existence, New York / London 2015, S. 16.
  29. Christoph Sorg, Failing to Plan Is Planning to Fail: Toward an Expanded Notion of Democratically Planned Postcapitalism, in: Critical Sociology 2022 (online first).
  30. Siehe dazu auch den alternierenden Ansatz von Likavčan und Scholz-Wäckerle: Lukáš Likavčan / Manuel Scholz-Wäckerle, The Stack as an Integrative Model of Global Capitalism. In: tripleC 20 (2022), 2, S. 147–162.
  31. Hier sticht natürlich heraus: Mariana Mazzucato, Mission economy. A moonshot guide to changing capitalism, London 2021. Es spricht ganz klar für Robert Habeck, dass er sich in seiner Funktion als Wirtschaftsminister auch auf Mazzucatos exzellente polit-ökonomische Forschungen und Programme bezieht, währenddessen andere Spitzenpolitiker ausgerechnet in der populären Kultursoziologie nach Orientierung zu suchen scheinen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Geld / Finanzen Kapitalismus / Postkapitalismus Politik Politische Ökonomie Politische Theorie und Ideengeschichte Wirtschaft

Hanno Pahl

Dr. Hanno Pahl, Soziologe, ist ab Oktober 2015 Mitarbeiter im BMBF-Projekt „Vom Modell zur Steuerung – Der Einfluss der Wirtschaftswissenschaften auf die politische Gestaltung der Finanzmärkte durch Zentralbanken“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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