Daniel Lehnert | Rezension |

Gender Trouble und die Krise sozialer Reproduktion

Rezension zu "Antifeminismen. 'Krisen'-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential?" von Annette Henninger und Ursula Birsl (Hg.)

Annette Henninger / Ursula Birsl (Hg.):
Antifeminismen. 'Krisen'-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential?
Deutschland
Bielefeld 2020: transcript
S. 434, EUR 35,00
ISBN 978-3-8376-4844-7

In den Diskussionen über Familie, Geschlecht und Sexualität geht es immer wieder um Antigender-Bewegungen und Proteste gegen Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung.[1] Medial gab es zunächst vereinzelte Beiträge zu ‚Gender‘[2] und zu Protesten „zum Schutz der Familie“ in Frankreich („Le Manif pour tous“) und Deutschland („Die Demo für alle“). In der Politik greifen gegenwärtig vor allem rechte und rechtspopulistische Parteien und Bewegungen international familien- und geschlechterbezogene Themen auf. Der von Annette Henninger und Ursula Birsl herausgegebene und im transcript-Verlag erschienene Sammelband Antifeminismen. ‚Krisen‘-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential? nimmt die aktuellen Debatten größtenteils empirisch in den Blick und präsentiert Ergebnisse aus zwei Forschungsprojekten der Universität Marburg.[3] Das Buch zeigt anhand qualitativer Studien, wie sich Diskurse gegen ‚Gender‘ und Gleichstellungspolitik in den Medien, der Politik sowie der Wissenschaft darstellen und inwiefern sich Subjekte etwa „Vorstellungen von Elternschaft in antifeministischen Diskursen“ (S. 12) aneignen. Die konzeptionellen Überlegungen, die die Befunde rahmen, wollen neben einer kritischen Diskussion bisheriger Begriffsverwendungen einen Beitrag zu gesellschaftstheoretischen Erklärungsansätzen aus Perspektive der Geschlechterforschung leisten. Das mehr als 400 Seiten starke Buch gliedert sich in vier Teile: Nach einer Einleitung – bestehend aus zwei Beiträgen der Herausgeberinnen – widmen sich die sechs Beiträge des zweiten Teils verschiedenen empirischen Formen des Antifeminismus.[4] Der dritte Part diskutiert in drei weiteren Beiträgen die Konsequenzen für die Bildungs- und Präventionsarbeit. Abschließend werden im vierten Teil die Ergebnisse des Bandes aus krisen- und subjekttheoretischen Perspektiven interpretiert.

Wie Annette Henninger in ihrem systematisierenden Beitrag bemerkt, besteht in der Forschung nach wie vor Uneinigkeit darüber, wie aktuelle Erscheinungsformen des Antifeminismus beziehungsweise des Antigenderismus terminologisch und theoretisch plausibel beschrieben werden können. Dabei optiert Henninger in Auseinandersetzung mit bisherigen Begriffsvorschlägen für die Arbeit mit einem „herrschaftskritischen Feminismusbegriff“ (S. 15). Antifeministische Kampagnen versuchten, bereits erreichte sowie noch zu erkämpfende emanzipatorische Politiken zu verhindern oder rückgängig zu machen, „um die gesellschaftliche Vormachtstellung hegemonialer Formen der Geschlechterverhältnisse einschließlich der darin enthaltenen Privilegienstrukturen abzusichern“ (ebd.). Politikwissenschaftliche Analysen, so Henninger, interpretierten aktuelle Mobilisierungen gegen Gleichstellung und Gender als rechtspopulistische und extrem rechte Strategien im Kampf um gesellschaftliche Hegemonie. Demgegenüber griffen internationale Forschungsbeiträge zumeist auf analytische Überlegung aus der Bewegungsforschung zurück. Die deutschsprachige Geschlechterforschung wiederum nehme der Autorin zufolge „eine – allerdings theoretisch noch wenig ausgearbeitete – modernisierungstheoretische Perspektive“ (S. 20) ein. Im Anschluss an Lesarten, die die Formen des Antifeminismus als Reaktion auf einen Wandel der Erwerbsarbeit und des Sozialstaats beschreiben,[5] plädiert Henninger selbst für eine gesellschaftstheoretisch informierte Analyse, um besser aufzeigen zu können, „auf welche Veränderungen im Geschlechterverhältnis Antifeminismus wie reagiert“ (S. 23).

Der zweite einleitende Beitrag von Ursula Birsl unternimmt eine demokratietheoretische Verortung des Begriffs „Antifeminismus“ und diskutiert am Beispiel der Kundgebung „Marsch für das Leben“ „in welchem Verhältnis Akteur*innen des Anti-Gender-Diskurses zu Antifeminismus stehen“ (S. 44). Antifeminismus versteht Birsl als „weltanschauliche Gegenbewegung zur Demokratisierung von (androzentrischen) Macht- und Herrschaftsverhältnissen im Sozialen und Politischen“ (S. 47). Die Strömung biete „eine ideale Projektionsfläche, wenn ‚Alltagstheorien‘ auf Liberalisierungsbestrebungen treffen und diese abgewehrt werden“ (S. 53). So sind laut Birsl die Übergänge von zwar geschlechtskonservativen, nicht aber antidemokratischen zu manifest antifeministischen und antidemokratischen Positionen fließend. Jedoch müssten die empirischen Überschneidungen „in der ideologiekritischen Auseinandersetzung zumindest heuristisch voneinander unterschieden werden“ (S. 48). Auf der Akteursebene zeige sich, dass beim „Marsch für das Leben“ und bei der „Demo für alle“ christlich-fundamentalistische Gruppierungen, „die weit in das Spektrum der Amtskirchen und der konservativen Parteien […] hineinreichen“ (S. 50), direkt oder indirekt mit der radikalen bis extrem rechten Partei AfD verbunden seien.

Im zweiten Teil des Sammelbands fällt zunächst die Vielfalt der empirisch-qualitativen Zugänge zum Forschungsfeld auf: Die vorgestellten Studien arbeiten unter anderem mit Dokumenten- und Diskursanalysen oder führen qualitative Interviews und teilnehmende Beobachtungen durch. Verbindendes Element der Beiträge ist die zumeist herrschaftskritische Kontextualisierung der empirischen Ergebnisse. Marion Näser-Lather analysiert auf Grundlage wissenschaftlicher Publikationen, Interviews und medialer Beiträge die Aussagen von insgesamt 22 Wissenschaftler*innen, die sich gegen ‚Gender‘ positionieren. Die Ergebnisse ihrer kritischen Diskursanalyse zeigen, „dass es sich bei Gegner_innen der Gender Studies aus der scientific community um Personen unterschiedlichster Fachzugehörigkeiten mit teils hohem symbolischen Kapital handelt“ (S. 135). Deren Diskursbeiträge erfahren weniger in der Wissenschaft selbst als in konservativen sowie rechten und fundamental-christlichen Öffentlichkeiten Aufmerksamkeit, so Näser-Lather weiter. Indem der „‚Genderismus-Diskurs‘“ der analysierten Wissenschaftler*innen „das krisenhafte Erleben von Transformationsprozessen der Geschlechterordnung“ aufnehme, würden „Ängste und Unsicherheiten geschürt“ und anhand falscher Behauptungen „Bedrohungsszenarien aufgebaut“ (ebd.). Entsprechend befände sich den untersuchten Wissenschaftler*innen zufolge auch die Wissenschaft selbst in der Krise.

Auch Helga Krüger-Kirn, Leila Zoë Tichy und Anna Elsässer arbeiten diskursanalytisch, wenn sie anhand von Elternzeitschriften und leitfadengestützten Interviews mit Müttern gegenwärtige Vorstellungen von Elternschaft beziehungsweise Mutterschaft untersuchen. Es sind insbesondere die Themen Selbstverantwortung, Wahlfreiheit und Individualisierung, auf die sich die Aussagen der Mütter in den Interviews beziehen. Unter dem „Diktum der Wahlfreiheit“ (S. 221) etwa würden vergeschlechtlichte Zuschreibungen nicht mit strukturellen Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis in Zusammenhang gebracht, sondern als selbstgewähltes Lebensmodell dargestellt. Durch „die Verzahnung von neoliberalem Feminismus und konservativen Familienideologien“ lösten sich „feministische Themen wie Selbstbestimmung und Mutterschaft aus ihren herrschaftskritischen Bezügen“ (S. 222). In diesem Zusammenhang beobachten die Autorinnen, dass sich die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie „auf einen Konflikt zwischen Mutterrolle und der Rolle als emanzipierter Frau* ausgeweitet hat“, der „eine ‚Spaltungsbereitschaft‘ unter Müttern begünstige und „die Wahrnehmung kollektiver Ungleichheitserfahrungen“ verhindere (S. 223). Daraus resultierende Leerstellen und Erfahrungen der Isolation können, so die Autorinnen, „potenziell von antifeministischen Diskursen besetzt und instrumentalisiert werden“ (ebd.).

Im nächsten Part kommen Praxispartner*innen aus der Bildungs- und Präventionsarbeit zu Wort,[6] die unter anderem zu Gender, Antifeminismus und rechten Geschlechterpolitiken arbeiten. Ferdinand Backöfer zeigt in seinem Beitrag am Beispiel des Buches Fit for Love, inwiefern die sexualpädagogische Publikation einer Autorin mit christlich-konservativem bis christlich-reaktionärem Hintergrund „im Kern fachliche und wissenschaftliche Mängel aufweist, didaktisch fragwürdig vorgeht und höchst wahrscheinlich politisch-ideologisch motiviert ist, ohne dies transparent zu machen“ (S. 319). Der Aufsatz von Ulla Wittenzellner und Sarah Klemm beschäftigt sich mit der pädagogischen Arbeit zu Antifeminismus (S. 327) und betont, dass Angebote zum Thema eine kritische Auseinandersetzung ermöglichen und von antifeministischen Angriffen betroffene Personen stärken können. Der Beitrag von Judith Rahner zum „Motivkomplex rechtsterroristischer Attacken“ (S. 337) beschließt den dritten Teil des Sammelbands. Er stellt heraus, dass die Einstellungen der zumeist männlichen Täter von Antifeminismus, Antisemitismus, Rassismus und Frauenfeindlichkeit geprägt sind und betont die Bedeutung einer geschlechtersensiblen Rechtsextremismusprävention. Für sich genommen sind die Beiträge aus der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik spannend und informativ. Jedoch können die Ausführungen, die sich vor allem an Praktiker*innen in der Bildungs- und Präventionsarbeit richten, an die akademischen Argumentationen des restlichen Bandes nicht recht anknüpfen.

Im Hinblick auf die Forschungsergebnisse lässt sich insbesondere ein Krisen- und Bedrohungsnarrativ, das in den empirischen Daten in unterschiedlicher Ausprägung von Bedeutung ist, als übergreifendes Phänomen ausmachen. In diesem Zusammenhang zeigen sich immer wieder Rollenkonflikte, Unbehagen und Unsicherheiten auf Seiten der Subjekte– auch im Kontext gegenwärtiger Sorge- und Erwerbsarbeitsverhältnisse (etwa hinsichtlich einer ‚guten‘ Elternschaft). Plausibel ist dabei das (regulationstheoretisch inspirierte) Argument des resümierenden Beitrags von Annette Henninger, Ferdinand Backöfer, Christopher Fritzsche und Marion Näser-Lather. Demnach sei der Widerspruch zwischen Produktion und Reproduktion als strukturelle Ursache von aktuellen Krisen im Geschlechterverhältnis in den Blick zu nehmen (vgl. S. 365). Dabei zeigen sich die Autor*innen darüber verwundet, dass „die Krise sozialer Reproduktion, die mit Prekarisierung, einer Erosion des Ernährer-Hausfrau-Modells und mit der Zunahme sozialer Ungleichheit innerhalb der Genusgruppen einhergeht“ (S. 377) weder in den untersuchten medialen Diskursen noch von den interviewten Personen dezidiert thematisiert wird. Vielmehr würde „die Familie als bedroht angesehen“, Medienberichte und Interviewpartner*innen riefen „Szenarien des bedrohten Kindes“ (S. 377) auf, die wiederum mit „umfassende[n] gesellschaftliche[n] Krisen- und Zusammenbruchszenarien verbunden“ seien (S. 377). Letztlich diene die „De-Thematisierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung […] der Aufrechterhaltung vergeschlechtlichter Herrschaftsverhältnisse“ (S. 378). Dieses (analytische) Unbehagen, das sich auch in anderen Beiträgen des Bandes findet (u.a. Krüger-Kirn/Tichy, S. 221), bietet Anlass für weitere Forschungen. So müssen Paradoxien und Widersprüche im empirischen Material „nicht auf Dysfunktionalitäten hinweisen“, sondern können zunächst auch Anhaltspunkte dafür sein, „dass die soziale Welt nicht dem wissenschaftlichen Wunsch nach Rationalität und Widerspruchsfreiheit folgt, besonders dann nicht, wenn wir es mit Personen zu tun haben“.[7] In diesem Sinne ließe sich beispielsweise danach fragen, welche Probleme die aus den Interviews destillierte „Umdeutung der Mutterrolle zur Rolle der ‚Familienmanagerin‘“ im Beitrag von Krüger-Kirn/Tichy (S. 220 ff.) für die jeweils befragten Personen lösen. Weitergehend könnten biografisch-narrative Interviews zeigen, inwiefern die Angst vor dem Verlust der ‚traditionellen‘ Familie, die Emphase für eine ‚gute‘ Mutterschaft und die ‚Sorge‘ um das Kindeswohl Folgen der Prekarisierung von Sorgetätigkeiten (der „Reproduktion“) im gegenwärtigen deutschen Wohlfahrtsstaat sind.

Insgesamt handelt es sich beim vorliegenden Sammelband um einen interessanten Beitrag zum Forschungsstand. Für die Gender Studies sind insbesondere die empirischen Studien zu Antigender-Diskursen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern von Relevanz. Damit empfiehlt sich der Band für all jene, die sich über neue empirische Ergebnisse aus einer herrschaftskritischen Perspektive informieren wollen.

  1. Vgl. Maren Behrensen / Marianne Heimbach-Steins / Linda E. Hennig (Hg.), Gender – Nation – Religion. Ein internationaler Vergleich von Akteursstrategien und Diskursverflechtungen, Frankfurt am Main 2019; Roman Kuhar / David Paternotte (Hg.), Anti-Gender Campaigns in Europe. Mobilizing against Equality, London / New York 2017; Sabine Hark / Paula-Irene Villa (Hg.), Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015.
  2. Gender setze ich im Folgenden in einfache Anführungszeichen, sofern (politische und mediale) Diskurse über den Begriff gemeint sind. Gender ohne Anführungszeichen bezeichnet demgegenüber die wissenschaftliche Verwendung.
  3. „‚Genderismus‘ in der medialen Debatte. Themenkonjunkturen 2006 bis 2016“ (Laufzeit 8/2017 – 1/2019, gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst) und „REVERSE – Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial“ (Laufzeit 10/2017 – 1/2020, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung).
  4. Zur Begriffswahl vgl. insbes. den Beitrag von Annette Henninger im Band.
  5. Mona Motakef / Julia Teschlade / Christine Wimbauer, Prekarisierung und der Verlust moderner (Geschlechter-)Gewissheiten. Prekarisierungstheoretische Überlegungen zu Diskursen gegen Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung, in: Soziale Welt 69 (2018), 2, S. 112–138.
  6. Die Autor*innen dieses Buchteils waren am Forschungsprojekt „REVERSE – Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial“ beteiligt, auf das der Band empirisch aufbaut.
  7. Jasmin Siri, Zur Aktualität von Karl Mannheims Analyse des politischen Konservatismus, in: Martin Endreß / Klaus Lichtblau / Stephan Moebius (Hg.), Zyklos 3. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Wiesbaden 2017, S. 91–112, hier S. 108 f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Care Familie / Jugend / Alter Feminismus Gender Medien Politik Sozialer Wandel

Daniel Lehnert

Daniel Lehnert ist Doktorand am Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität an der Universität Tübingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geschlechtersoziologie, Politische Soziologie, Wissenssoziologie, Sozialtheorie sowie Methoden der qualitativen Sozialforschung.

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