Jürgen Osterhammel | Rezension |

Imperien überall

Rezension zu „Empires: A Historical and Political Sociology“ von Krishan Kumar

Krishan Kumar:
Empires. A Historical and Political Sociology
Großbritannien
Cambridge 2020: Polity
S. 224, £ 16.99
ISBN 978-1-509-52834-9

Das Thema „Imperien“ provoziert optische Täuschungen. Manchmal ist es riesengroß, manchmal klitzeklein. Die Nationalgeschichtsschreibung der europäischen Staaten hat Imperien lange als unbedeutende Anhängsel verstanden und sie kleinen Zirkeln von Spezialisten überlassen. Diese „Kolonial- und Überseegeschichte“, wie es im Titel einer jahrzehntelang maßgeblichen Schriftenreihe hieß, war schon seit den frühen 1970er-Jahren nur noch selten kolonialapologetisch. Eine kritische Kolonialgeschichtsschreibung, wie sie heute wieder gefordert wird, ist keineswegs erst durch den Postkolonialismus auf die Tagesordnung gesetzt worden. Trotz zahlreicher Monografien von hoher Qualität hat diese Literatur allerdings bis vor kurzem ein Schattendasein gefristet. Es ist noch nicht lange her, dass Gesamtdarstellungen der europäischen Geschichte im 19. Jahrhundert erschienen, in denen die Imperien nur in kurzen Momenten verschärfter Großmächterivalität über die historische Bühne huschten. Nur dort, wo ein neuzeitlicher europäischer Staat unübersehbar als composite monarchy verfasst war, trat der Reichsaspekt in den Vordergrund. Die Habsburgermonarchie, als „Habsburgerreich“ verstanden, war das markanteste Beispiel.

Dann wiederum konnte das Thema „Imperium“ riesengroß erscheinen und im weltgeschichtlichen Sinne als allumfassend angelegt werden. Von einem „Zeitalter des Imperialismus“ vor 1914 war schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg die Rede. Aber erst 1987 popularisierte Eric Hobsbawm im Titel des dritten Bandes seiner Tetralogie zur späten Neuzeit auch international die Bezeichnung Age of Empire.[1] Hobsbawm versah diese Epoche mit den ungefähren Jahreszahlen 1875 bis 1914. Von dort aus waren Erweiterungen leicht möglich. Es ließ sich Einvernehmen darüber erzielen, dass ein imperiales Zeitalter bis 1945, ja, bis zur Hauptwelle der Dekolonisation in den 1960er-Jahren andauerte. Umgekehrt machte der Blick zurück in die tiefere Vergangenheit neue Kontinuitätslinien sichtbar. Gab es nicht trotz des riesigen zeitlichen Abstands gewisse strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Imperien der Neuzeit und den „Altorientalischen Reichen“ – mit dem westlichen Imperium Romanum und Byzanz als Brücke zwischen den Zeitaltern? Man musste nur alle Staatsgebilde zusammentragen, an deren Spitze „Kaiser“ oder „Großkönige“ standen und die komplex genug waren, um in Zentren und Peripherien differenziert zu werden, und schon wurde für die letzten 4000 Jahre der Geschichte das Imperium zum Normalfall. 2016 erschien, in Krishan Kumars Buch Empires: A Historical and Political Sociology nicht erwähnt, eine 2.400 Seiten starke Enzyklopädie, herausgegeben von John M. MacKenzie, einem Pionier der Imperienforschung, mit Portraitskizzen von Hunderten politischer Gebilde und „civilizations“, die als Imperien identifiziert wurden: ein Museum der gesamten Weltgeschichte seit der Erfindung von Staat und Schrift.[2]

Krishan Kumar stellt sich in diese panimperiale Interpretationslinie, wenn er sein Buch mit dem Satz beginnt: „Empires have been the commonest form – the 'default' form, it has been said – of political organization for most of recorded history“ (S. viii). Wie gelangt man von einem solchen einschüchternden Maximalismus zu Aussagen, die über Trivialitäten und dürre Merkmalskataloge hinausgehen? Wie macht man das in einem Buch von genau 150 Seiten Text und auf der Grundlage von etwa 400 zitierten Referenzen? Kumar ist Professor für Soziologie an der University of Virginia, Verfasser zahlreicher Arbeiten zur Moderne und zur Theorie-, Ideen- und Mentalitätsgeschichte, zuletzt zu Nationalismus und imperialen Ideologien, ein geachteter Praktiker und Programmatiker der historischen Soziologie, erfahren im Geschäft der Reduktion auf das Wesentliche.[3] Es ist zunächst interessant, welche Pfade er nicht einschlägt.

Vor allem zwei naheliegende Möglichkeiten vermeidet Kumar, ohne dies näher zu begründen. Zum einen strebt er keine Theorie der Imperien (oder gar „des“ Imperiums) an. Dafür gäbe es durchaus theoriegeschichtliche Anknüpfungspunkte: Strukturmodelle der Machtverteilung wie bei Michael W. Doyle, Alexander J. Motyl oder – obwohl in den späteren Bänden seines Werkes nur sparsam theoretisch ausgearbeitet – bei Michael Mann, Verlaufsmodelle imperialer Schwellen und Kipp-Punkte wie bei Herfried Münkler, dynamische Modelle kollektiven Handelns wie bei Peter Turchin,[4] nicht zuletzt der altmodische, aber theoriearchitektonisch noch immer Respekt einflößende Strukturfunktionalismus von S. N. Eisenstadts The Political Systems of Empires mit seiner sorgfältigen Zuordnung von Sozialstrukturen, Institutionen, Weltbildern und Elitenstrategien.[5] All dies kennt Kumar nachweislich (oder vermutlich), doch es interessiert ihn nicht. Ebenso wenig geht er der reizvollen Frage nach, was an imperialen Spuren in den Klassikern der Soziologie steckt, die ja Zeitgenossen des Age of Empire waren.[6] Als Historiker steht man etwas ratlos vor derlei Abstinenz. So sympathisch es ist, wenn ein Soziologe beinahe so unschematisch und geradezu „narrativ“ schreibt, wie es dem Berufshabitus der Geschichtswissenschaft entspricht, so dankbar hätte man doch ein anspruchsvolleres Reflexionsangebot angenommen. Zur Theorieentwicklung trägt dieses Buch erstaunlich wenig bei. Dem im doppelten Sinne imperialen Theorieanspruch der Literaturwissenschaft – von Edward Said bis Laura Doyle[7] – in Sachen Imperium oder gar „Imperialität“ setzt er keine genuin soziologische Alternative entgegen.

Zum anderen geht Krishan Kumar einem Denkansatz aus dem Wege, der die Imperienforschung der letzten Zeit am erfolgreichsten mit einer der großen Strömungen der Sozial-und Geschichtswissenschaften verknüpft hat: der Idee, dass Globalisierungsprozesse, so lange es Imperien gab, innerhalb dieser Imperien und zwischen ihnen organisiert und gestaltet worden sind. Er weiß zwar, dass imperiale Eliten sich untereinander beobachteten und austauschten; in seiner Deutung der Dekolonisation betont er die Position einer Kolonialmacht im internationalen System als den entscheidenden ursächlichen Faktor für den jeweiligen Dekolonisierungsverlauf. Aber er widmet sich doch viel stärker den Traditionen und Pfadabhängigkeiten innerhalb der großen reichshistorischen Arenen (vor allem Europa zwischen Mittelmeer und Atlantik, China und Zentralasien, der Nahe und Mittlere Osten) als einer horizontalen Globalgeschichte interagierender Imperien, die übrigens ohne die ökonomische Dimension, die bei Kumar ganz fehlt, nicht auskäme.[8]

Die beiden genannten Aspekte – grob gesagt: eine Funktionstheorie und eine globalisierende Interaktionsanalyse von Imperien – lassen sich vermutlich nicht ohne weiteres zu einem übergreifenden Entwurf verbinden. Das hätte man von einem kompakten Buch wie diesem nicht erwarten können, aber vielleicht doch einen Seitenblick in mindestens eine der beiden Richtungen. Mit einem geschärften Begriff von historischer Soziologie hätte sich das gut begründen lassen. Man erfährt jedoch nicht, was das Buch unter „a historical and political sociology“ überhaupt versteht. Dazu hätte womöglich auch gehört, die Fragen zu diskutieren, was Imperien, soziologisch gesehen, überhaupt integriert und zusammenhält und ob es sinnvoll ist, jenseits der naheliegenden Beobachtung ethnischer Diversität von „imperialen Gesellschaften“ zu sprechen, wie es in der Literatur gelegentlich geschieht. Schließlich wäre auch eine historische Soziologie der Imperien denkbar, in der Sprache, Recht und Religion eine größere Rolle spielen, als es bei Kumar der Fall ist.

Dass manche Wünsche unerfüllt bleiben, liegt auch an dem nicht leicht bestimmbaren Gattungscharakter des Buches. Als Überblick über die Weltgeschichte von Imperien, etwa für Studierende der Geschichte, kann es starke Konkurrenz nicht aus dem Feld schlagen.[9] Als textbook und Aufriss eines Themenbereichs der Soziologie mag es zu systemlos und bei aller Kürze zu detailfreudig sein. Eine eigene Theorie bietet es nicht. Was aber enthalten die 150 Seiten? Weshalb könnte die Lektüre lohnen?

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert. Kapitel eins begründet die Unmöglichkeit einer allgemeinen Definition von „Imperium“: vermutlich eine List des Autors, denn mit dem Lesefortschritt gewinnt man unter der Hand und kumulativ durchaus eine Vorstellung davon, wie eine solche Definition aussehen könnte. Auch undefiniert lassen sich zwei „watersheds“ in der Weltgeschichte der Imperien unterscheiden: die Achsenzeit (ca. 800–200 v. Chr.) und der europäische Imperialismus, den Kumar vor allem in seiner frühneuzeitlichen Gestalt diskutiert, während ihn der klassische Imperialismus von Hobsbawms Age of Empire kaum beschäftigt. Kapitel zwei behandelt drei „traditions of empire“ im Sinne kulturell spezifischer Kontinuitätskonstruktionen: die römisch-„westliche“, die chinesische und die (in sich sehr heterogene) islamische Tradition. In allen dreien findet sich die Idee des unzerstörbaren, von Dynastie zu Dynastie weitergereichten Imperiums.

Kapitel drei („Rulers and Ruled“) ist robuste politische Soziologie: ein gedankenreiches und kompaktes Kapitel, mit dem man gut eine Seminarsitzung bestreiten könnte.[10] Kumar reaktiviert und verfeinert einen Gedanken der älteren britischen Imperialismusforschung, den deren theoretischer Kopf Ronald E. Robinson bereits 1972 in seiner „Kollaborationsthese“ formulierte: Imperien sind zwar Zwangsveranstaltungen, beruhen aber selten auf permanenter Gewaltausübung, sondern generieren vested interests einheimischer Elitegruppen, die an der Stabilisierung von Kolonialherrschaft mitwirken.[11] Anders gesagt: Aus der Sicht imperialer Zentren und kolonialer Herrschaftsapparate funktionieren Imperien dann am besten, wenn ihre Mechanismen kostengünstig durch soft power geschmiert werden. Kumar übersieht Machtgefälle, Rassismus und andere Arten von „colonial difference“ nicht, warnt aber vor zu einfachen „dichotomous models of the relation between rulers and ruled in the empires“ (S. 70 f.). Damit hat er Recht. Imperien und Kolonien sind durch einen simplen Täter-Opfer-Binarismus unzureichend beschrieben.

In Kapitel 4 („Empires, Nations, and Nation-States“) widerspricht Kumar der Vorstellung, moderne Nationalstaaten hätten sich zwangsläufig aus vormodernen Imperien entwickelt. Selbst wo dies geschehen sei, hätten die Nationalstaaten „in the shadow of empire“ existiert (S. 90). Letzten Endes seien die Typen „Imperium“ und „Nationalstaat“, so Kumar im Anschluss an Ernest Gellners Nationalismustheorie, durch unterschiedliche politische und kulturelle Logiken charakterisiert: Nationalstaaten sind partikular und verfolgen Interessen, Imperien beanspruchen Universalität und sehen sich zu Missionen berufen.

Kapitel 5 behandelt wenig systematisch und beinahe anekdotenhaft das Ende von Imperien. Befreiungsbewegungen wird eine erstaunlich geringe Bedeutung zugemessen; die marxistische These, dass formale Kolonialherrschaft verschwand, weil sie sich nicht mehr lohnte, wird noch nicht mal diskutiert. Imperien wurden in der Regel durch Kriege zu Fall gebracht. Und was blieb von ihnen „after Empire“ (Kapitel 6)? Diese Frage bezieht sich sowohl auf die Metropolen als auch auf die ehemaligen Kolonien und Einflusszonen. Abermals setzt sich Kumar eher den Hut des Historikers als die Kappe des Soziologen auf und trägt mit gebremstem Generalisierungswillen lebendig geschilderte Beispiele zusammen. Auch wenn er an keiner Stelle von den Ordnungsleistungen historischer Imperien schwärmt, sieht er das Imperiale nicht auf dem Schrottplatz der Geschichte. „Everyone is searching for the post-national state.“ (149) Muss dieser Staat aber „empire“ heißen?

  1. Eric J. Hobsbawm, The Age of Empire 1875-1914, London 1987.
  2. John M. Mackenzie (Hg.), The Encyclopedia of Empire, 4 Bde., Chichester 2016.
  3. Vgl. Krishan Kumar, „Historical Sociology“, in: Bryan S. Turner (Hg.), The New Blackwell Companion to Social Theory, Chichester 2009, S. 391–408; ders., „Nation-States as Empires, Empires as Nation-States: Two Principles, One Practice?“, in: Theory and Society 39 (2010), 2, S. 119–143; ders., Visions of Empire: How Five Imperial Regimes Shaped the World, Princeton, NJ 2017.
  4. Michael W. Doyle, Empires, Ithaca, NY / London 1986; Alexander J. Motyl, Revolutions, Nations, Empires: Conceptual Limits and Theoretical Possibilities, New York 1999; ders., Imperial Ends: The Decay, Collapse, and Revival of Empires, New York 2001; Michael Mann, The Sources of Social Power, 4 Bde., Cambridge 1986–2013; Herfried Münkler, Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005; Peter Turchin, War and Peace and War: The Rise and Fall of Empires, New York 2007.
  5. S. N. Eisenstadt, Political Systems of Empires, New York 1963.
  6. George Steinmetz (Hg.), Sociology and Empire: The Imperial Entanglements of a Discipline, Durham, NC / London 2013; Jeremy Adelman (Hg.), Empire and the Social Sciences: Global Histories of Knowledge, London 2019.
  7. Edward W. Said, Orientalism, London 1978; Laura Doyle, Inter-Imperiality: Vying Empires, Gendered Labor, and the Literary Arts of Alliance, Durham, NC / London 2020.
  8. Eine solche horizontale Globalgeschichte, besonders für die Frühe Neuzeit, ist John Darwin, After Tamerlane: The Global History of Empire Since 1405, London 2007.
  9. Vor allem Jane Burbank / Frederick Cooper, Empires in World History: Power and the Politics of Difference, Princeton, NJ / Oxford 2010; Hans-Heinrich Nolte, Kurze Geschichte der Imperien, Wien/Köln/Weimar 2017.
  10. Zu politikwissenschaftlichen und -geschichtlichen Ansätzen vgl. Eva Marlene Hausteiner / Sebastian Huhnholz (Hg.), Imperien verstehen. Theorien, Typen, Transformationen, Baden-Baden 2019. Noch immer auf eine imperientheoretische Rezeption wartet: Samuel E. Finer, The History of Government From the Earliest Times, 3 Bde., Oxford 1997.
  11. Ronald E. Robinson, „Non-European Foundations of European Imperialism: A Sketch for a Theory of Collaboration", in: Roger Owen / Bob Sutcliffe (Hg.), Studies in the Theory of Imperialism, London 1972, S. 117–142; Ronald E. Robinson, „The Excentric Idea of Imperialism, With or Without Empire", in: Wolfgang J. Mommsen / Jürgen Osterhammel (Hg.), Imperialism and After: Continuities and Discontinuities, London 1986, S. 267–289. Vgl. auch Dane Kennedy, The Imperial History Wars: Debating the British Empire, London 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers.

Kategorien: Kolonialismus / Postkolonialismus Geschichte Globalisierung / Weltgesellschaft

Jürgen Osterhammel

Jürgen Osterhammel war bis 2018 Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz. Seither ist er Distinguished Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies. Er leitet dort das Balzan-FRIAS Programme in Global History. Neueste Buchveröffentlichungen: (mit Jan C. Jansen), Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, 9., überarb. Aufl., München 2021; (Hrsg., mit Valeska Huber), Global Publics: Their Power and Their Limits, 1870-1990, Oxford 2020.

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