Heiko Berner | Rezension |

Innovation durch Migration

Rezension zu „The Diaspora and Returnee Entrepreneurship. Dynamics and Development in Post-Conflict Economies“ von Nick Williams

Abbildung Buchcover The Diaspora and Returnee Entrepreneurship von Nick Williams

Nick Williams:
The Diaspora and Returnee Entrepreneurship. Dynamics and Development in Post-Conflict Economies
Großbritannien
Oxford 2021: Oxford University Press
184 S., £ 47,99
ISBN 978-0190911874

Die Nachkriegsgesellschaften der Balkanstaaten befinden sich noch immer – Jahrzehnte nach der Auflösung Jugoslawiens – in einer Phase der ökonomischen und institutionellen Erneuerung. Bosnien und Herzegowina erklärte 1992 seine Unabhängigkeit vom damaligen Restjugoslawien und rief 1995, nach dem Ende des Bosnienkriegs, seine Staatsgründung aus. Montenegro erklärte 2006 nach einem Referendum seine Unabhängigkeit von Serbien, die Republik Kosovo folgte im Jahr 2008. Alle drei Länder leiden seither unter einer hohen Arbeitslosigkeit und Armutsrate bei zugleich niedrigem wirtschaftlichem Wachstum. Alle drei erlebten eine erhebliche Emigration. So verließen Bosnien und Herzegowina etwa zwei Millionen Personen, was 53 Prozent der Bevölkerung entspricht, aus Kosovo emigrierten rund 700.000 Personen – das sind 40 Prozent der Bevölkerung – und aus Montenegro an die 200.000 Personen, was 32 Prozent der montenegrinischen Bevölkerung entspricht (S. 11). Diese ausgewanderten Personen behielten enge Verbindungen zu ihren Heimatländern. Sie sind nach einer gewissen Zeit im Ausland in der Lage, „to contribute to long-term economic and social development by investing their accumulated capital, transferring skills and facilitating links between their home country and larger foreign markets“ (S. 12), so Nick Williams, Professor für Entrepreneurship an der Universität Leeds.

Unternehmen mit doppelter institutioneller Einbindung

Als Autor von The Diaspora and Returnee Entrepreneurship. Dynamics and Development in Post-Conflict Economies widmet sich Williams in seiner Studie den ehemals Ausgewanderten, die nun zum Teil – mit nachlassender Bedrohung durch Krieg und Gewalt – in ihre Heimatländer zurückkehren (S. 137). Genauer gesagt interessiert er sich für diejenigen unter ihnen, die in ihren ursprünglichen Heimatländern Unternehmen gründen und dadurch im Schumpeter’schen Sinn wirtschaftliche Innovationen generieren, sprich: als Entrepreneur*innen aktiv werden (S. 19). Dadurch können sie, so Williams, zur wirtschaftlichen Entwicklung der deprivierten Länder beitragen, indem sie ihre im Ausland gesammelten Fähigkeiten und Erfahrungen, ihre internationalen Kontakte und Investitionen einbringen (S. 3). „Attracting returnee entrepreneurs home offers one route towards improved economic development.“ (S. 4) Neben den ökonomischen Vorteilen profitieren die Staaten durch eine Stärkung der Institutionen.

Williams macht es sich zur Aufgabe herauszufinden, wie die institutionellen Bedingungen für zurückkehrende Entrepreneur*innen in Nachkriegsgesellschaften beschaffen sind und unter welchen Umständen Mitglieder der Diaspora zurückkehren und investieren.

Wissenschaftliche Erkenntnisse über solche returnee entrepreneurs, die in kleinere, weniger entwickelte Ökonomien zurückkehren, sind jedoch rar (ebd.). Williams macht es sich daher zur Aufgabe herauszufinden, wie die institutionellen Bedingungen für zurückkehrende Entrepreneur*innen in Nachkriegsgesellschaften beschaffen sind und unter welchen Umständen Mitglieder der Diaspora zurückkehren und investieren. Die von ihm betrachteten Unternehmer*innen sind in mindestens zwei lokale institutionelle Umfelder eingebunden und verfügen daher über mehrdimensionales Wissen und multikontextuelle Erfahrungen (S. 7), die sie in anderen Ländern erworben haben und in die Rückkehrländer einbringen können. Das Hauptaugenmerk der Studie liegt darauf, wie die Entrepreneur*innen mit dem – formellen und informellen – institutionellen Umfeld umgehen, das ihnen die Rückkehrländer jeweils bieten. Als empirische Beispiele wählt Williams die „post-conflict economies“ von Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Montenegro. Sie alle sind durch wenig stabile formelle Institutionen gekennzeichnet, sie haben einen „path break“ erfahren und durchlaufen derzeit die Phase einer „path creation“ (S.6).

Die Studie argumentiert unter Rückgriff auf mehrere empirische Teilerhebungen. Nach dem ersten einleitenden Kapitel führt der Autor zunächst in die zentralen Begriffe ein: „Diaspora“ (alle ehemals Emigrierten und ihre im Gastland geborenen Nachkommen), „Entrepreneurship“ sowie das Beziehungsmuster zwischen Heimatland („homeland“), Gastländern („host countries“) und Rückkehrer*innen („returnees“) (Kap. 2). Im dritten Kapitel geht es um die Unterscheidung zwischen formellen Institutionen, das heißt politische Steuerung, Regelwerke und Regulierungen, und informellen Institutionen, also Werte und Gepflogenheiten. Hier zeigt sich, dass auch die EU-Beitrittsambitionen der drei Staaten einen Einfluss auf ihren wirtschafts- und sozialpolitischen Umgang mit den Rückkehrer*innen haben (S. 68 f.).

Emotionale Verbundenheit und Vertrauen in Institutionen

Damit leitet Williams zum empirischen Gegenstand über, um in Kapitel 4 die jeweiligen formellen Institutionen in den betrachteten Ländern mithilfe einer Dokumentenanalyse zu beschreiben. Diese hätten zwar die Wichtigkeit des Themas erkannt und strategische Leitlinien entworfen – so hat beispielsweise die Republik Kosovo eigens eine „National Development Strategy“ und die „Strategy for Diaspora“ entwickelt –, dennoch mangele es an der praktischen politischen Umsetzung. Je länger die Diaspora außerhalb des Landes lebt, umso größer wird ihr emotionaler Abstand. Dieser Umstand führt zu dem Schluss, dass sich politische Maßnahmen an diese sich stets weiter entfernende Personengruppe anpassen müssten.

Im Anschluss wertet Williams qualitativ erhobene Interviews mit zurückgekehrten kosovarischen Entrepreneur*innen aus (Kap. 5). Oft sind es gerade die im Aufnahmeland erfolgreichen Geschäftsleute, die weniger Ambitionen zeigen, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Demgegenüber haben qualifizierte Arbeitskräfte häufiger die Absicht zurückzukehren, wollen sich aber nicht unbedingt selbständig machen. Allerdings kann die emotionale Verbindung („embeddedness“) zu Familie, Freund*innen oder auch zum Herkunftsland Grund und Motivation sein, nicht nur wiederzukommen, sondern auch sich im Herkunftsland selbstständig zu machen – trotz finanzieller Risiken und politischer Unsicherheit (Kap. 6).

Neben einem Gefühl des Eingebettetseins ist das Vertrauen zu Institutionen ein wichtiger Motivationsfaktor für Investitionen im Herkunftsland (Kap. 7). Williams unterscheidet dabei zwischen „internally displaced persons“ (S. 104) und „international external migrants“ (S. 118). Es zeigt sich, dass die intern Migrierten mehr Vertrauen in die Institutionen haben und gleichzeitig über ein größeres persönliches Netzwerk verfügen. Bei den externen Migrant*innen führt dagegen der zwangsläufige internationale Vergleich eher zu einer Abnahme des Vertrauens in die institutionellen Bedingungen im homeland. In Bosnien und Herzegowina, das in die Republika Srpska und die bosniakisch-kroatische Föderation getrennt ist, besteht generell sehr wenig Vertrauen in die Institutionen, denen vielfach unterstellt wird, ethnisch nicht neutral zu agieren.

Im letzten Kapitel widmet sich Williams der Perspektive von Politikverantwortlichen und Personen aus der Wirtschaft (Kap. 8). Er kann zeigen, dass formelle Institutionen nur langsam an Einfluss gewinnen und dass die Interviewten wenig Bewusstsein besitzen für informelle Institutionen, etwa emotionale Verbindungen.

Postmigrantisches und transnationales Unternehmertum

Das Thema returnee entrepreneurship ist im zunehmend transnationalen europäischen Raum von großer Bedeutung. Williams liefert mit seinem Buch eine eingehende Betrachtung des Phänomens. Eine große Stärke liegt im empirischen Material, das er übersichtlich aufbereitet und analysiert. Für am wirtschaftlichen und politischen Geschehen Interessierte ist der Korpus eine reiche Quelle mit einer exklusiven, breit gefächerten Datensammlung. Neben Rezipient*innen aus dem akademischen Bereich adressiert die Studie auch Politikverantwortliche aus den drei besprochenen Ländern und Kritik an der Studie tut sich am ehesten da auf, wo der Eindruck entsteht, dass die Schlussfolgerungen für diese Adressat*innengruppe zwar relevant und wertvoll, aber womöglich nicht ganz vollständig sind.

Einige Begriffe sind besonders wichtig für Williams’ Argumentation und sollen daher abschließend einer kritischen Reflexion unterzogen werden. „Diaspora“ umfasst im verwendeten Verständnis alle Ausgewanderten und ihre Nachkommen. Dabei differenziert der Autor nicht weiter zwischen erster und zweiter Generation oder zwischen unterschiedlichen Auswanderungskohorten mit ihren je verschiedenen Wanderungsmotiven (zum Beispiel sogenannte Gastarbeiter, Kriegsflüchtlinge oder Familiennachzug). Genau das führt zu Unschärfen bei der Untersuchung des Problems. Im achten Kapitel beobachtet Williams etwa, dass returnee entrepreneurs der ersten Generation häufig wenig Finanz- und Bildungskapital zurück in die Herkunftsländer bringen. Returnee entrepreneurs der zweiten oder gar dritten Generation, also solche, die im hostland geboren wurden und aufwuchsen, verfügen dagegen zwar häufig über mehr Kapital, haben aber eine geringere emotionale Bindung an die Herkunftsländer ihrer (Groß-)Eltern und größere Vorbehalte gegenüber den Institutionen ihrer homelands.

Womöglich muss es aus Sicht der drei Staaten weniger um verschiedene Formen der Motivation zur Rückkehr gehen als vielmehr darum, auszuloten, welche Möglichkeiten transnationaler beziehungsweise transkultureller Zusammenarbeit denkbar sind.

Williams berücksichtigt bei seiner Analyse nicht, dass es sich vielleicht gar nicht um returnees handelt. Er fragt nicht danach, ob sich die Personen selbst als Diaspora wahrnehmen und wann man überhaupt von einer Rückkehr sprechen kann. Demgegenüber würde es eine postmigrantische Perspektive erlauben, Zugehörigkeiten nicht dichotom und polarisiert – im Sinne eines Entweder-oder – zu verstehen, sondern als innovatives hybrides Konstrukt des Sowohl-als-auch, das in der Lage ist, mehrere lokale Identitäten zu verbinden. Konkret auf den Gegenstand bezogen hieße das: Womöglich muss es aus Sicht der drei Staaten weniger um verschiedene Formen der Motivation zur Rückkehr gehen als vielmehr darum, auszuloten, welche Möglichkeiten transnationaler beziehungsweise transkultureller Zusammenarbeit denkbar sind. Das Konzept der „returnee entrepreneurship“ wäre demnach um ein „postmigrantisches Entrepreneurship“ zu erweitern.

Ein zweiter Kritikpunkt liegt darin, dass Williams darauf verzichtet, die Branchen, in denen sich Entrepreneur*innen selbständig machen, einer genaueren Analyse zu unterziehen. Außerdem vernachlässigt er eine wichtige transnationale Verbindung: Entrepreneur*innen mit Migrationsgeschichte können die Wirtschaft ihres homeland auch fördern, ohne dort ein Geschäft zu gründen, nämlich indem sie Geschäftsbeziehungen pflegen und dadurch Exporte aus den Heimatländern steigern. Beispiele hierfür wären der Hijab-Mode-Laden in der westeuropäischen Großstadt, der Textilien aus der Türkei bezieht, oder der Feinkostvertrieb, der Weine aus südosteuropäischen Ländern importiert.

Zusammengenommen wäre es also gewinnbringend, ein enges Verständnis von returnee entrepreneurship, das eine vereinfachende Vorstellung von Diaspora und die unterkomplexe Trennung in Heimat- und Gastgeberland beinhaltet, um die Aspekte eines postmigrantischen und transnationalen Unternehmertums zu erweitern. Dennoch: Williams arbeitet den Gegenstandsbereich um den Begriff „Entrepreneurship“ routiniert und gewinnbringend ab. Die gesammelten Daten und die Einordnung in die verwendete Gegenstandstheorie lohnen die Lektüre, vor allem, wenn sich der/die Leser*in mit den jüngeren Entwicklungen in den Balkanländern beschäftigen möchte. Sie sind sicher auch ein Gewinn für Akteur*innen, die die Politik in den besprochenen Staaten gestalten. Für ein zeitgemäßes sozialwissenschaftliches Verständnis postmigrantischer Gesellschaften wäre aber eine umfassendere Sicht – auch und gerade in Hinblick auf Politikgestaltung – hilfreich.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Gruppen / Organisationen / Netzwerke Migration / Flucht / Integration Politik Wirtschaft

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Heiko Berner

Heiko Berner, Professor (FH), lehrt und forscht an den Studiengängen Soziale Arbeit (BA) und Soziale Innovation (MA) der FH Salzburg. Er ist Ostslavist und Empirischer Kulturwissenschaftler, studierte Soziale Arbeit und absolvierte sein PhD-Studium in Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck. Seine Themenschwerpunkte sind (Anti-)Rassismus und Diskriminierung aus einer postmigrantischen Perspektive, Biografieforschung, Anerkennungstheorie und Empowerment.

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