Oliver Römer | Rezension |

Ist Zeitdiagnostik disziplinierbar?

Rezension zu „Krise und Kritik. Klassiker der soziologischen Zeitdiagnose“ von Hans-Peter Müller

Hans-Peter Müller:
Krise und Kritik. Klassiker der soziologischen Zeitdiagnose
Deutschland
Berlin 2021: Suhrkamp
419 S., 24,00 EUR
ISBN 978-3-518-29899-2

Wer Ausschau hält nach disziplinären Trends in der Soziologie, ist mehr denn je gut beraten, sich auf dem boomenden Markt der Einführungs- und Handbuchliteratur umzusehen. Derartige Formate scheinen jedenfalls, wie zuletzt mit durchaus pessimistischem Unterton bemerkt worden ist,[1] an die Stelle der inzwischen im Absterben begriffenen großen, orientierenden Monografien innerhalb des Faches getreten zu sein. Konzentriert sich eine derartige Recherche auf den deutschsprachigen Diskussionskontext, so ist in den letzten beiden Jahrzehnten eine Häufung von Titeln zu registrieren, die sich um den Themenkomplex soziologischer Zeit-, Gegenwarts- und Gesellschaftsdiagnostik ranken.[2]

Nicht zufällig hat diese Entwicklung Anlass zur Vermutung geboten, Zeitdiagnosen hätten sich innerhalb der Soziologie längst als eine Art „Theoriealternative“[3] formiert. Eröffneten soziologische Theorien nämlich einer sich immer stärker zur Einzelwissenschaft ausdifferenzierenden Soziologie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Möglichkeiten, paradigmatische Vorsortierungen vorzunehmen und ihr disziplinäres Feld zu Nachbardisziplinen und außerwissenschaftlichen Bereichen abzustecken, erlebte das Genre der soziologischen Zeitdiagnostik etwa seit den 1970er und 1980er Jahren – also just in jener Epoche, in der die soziologische Theoriendiskussion auf ihrem eigenen Zenit in eine sektiererische Paradigmenpluralität zerfiel und ihre fachwissenschaftliche Orientierungsfunktion einbüßte – einen bemerkenswerten Aufschwung.

Dass es sich bei Zeitdiagnosen allerdings um ein für eine Einzelwissenschaft in vielerlei Hinsicht schwer verdauliches Genre handelt, verdeutlicht bereits Ulrich Becks viel beachtetes Buch Risikogesellschaft,[4] das – gewissermaßen als der ‚Urtext‘ der jüngeren deutschsprachigen Diskussion soziologischer Zeitdiagnostik – von seinem Autor mit dem ausdrücklichen Warnhinweis versehen wurde, es handele sich hierbei um „ein Stück empirisch orientierter, projektiver Gesellschaftstheorie – ohne alle methodischen Sicherungen“.[5] Zeitdiagnosen stehen nicht selten unter dem Generalverdacht, es mit den Regeln und Grenzen der Wissenschaft nicht allzu genau zu nehmen und zu publikumswirksamen Vereinfachungen zu neigen. Sie betreiben Wissenschaftskommunikation, nicht selten über den Umweg des Feuilletons. Dies mag auch der Grund sein, warum fachwissenschaftlich orientierte Überblicke und Einführungen oftmals auf die vermeintlich solidere Bezeichnung der Gegenwarts- oder Gesellschaftsdiagnose umsatteln: „Wer sich eher auf die philosophische Tradition bezieht, wird vor allem von Zeitdiagnosen sprechen.“[6]

Können Zeitdiagnosen ihre Zeit überdauern?

Weiterhin Gebrauch von dem Begriff ,Zeitdiagnostik‘ macht hingegen das jüngst erschienene Buch des Berliner Soziologen Hans-Peter Müller. Unter dem Obertitel „Krise und Kritik“ verhandelt Müller gar, wie aus dem Untertitel zu erfahren ist, „Klassiker der soziologischen Zeitdiagnose“ und verweist damit auf eine offensichtliche Leerstelle zeitgenössischer Einführungs- und Überblicksliteratur: Soziologische Zeitdiagnostik als wissenschaftliche Teildisziplin beginnt hier im Regelfall frühestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den Klassikern des Faches wird stattdessen ein paradigmatischer Status für eine allgemeine Theoriebildung zugeschrieben, die zeitdiagnostische Trends und Konjunkturen überdauert. Ihre Beiträge zum Zeitgeschehen, zum Zeitgeist und zum gesellschaftlichen Selbstverständnis einer Epoche sollen bestenfalls historischen Wert besitzen.[7]

Setzt man sich vor diesem Hintergrund mit Müllers neuem Buch auseinander, ist eine Zuordnung zu den bereits genannten Genrebezeichnungen Lehrbuch oder orientierende Monografie keineswegs unmittelbar eindeutig. Ursprünglich als Lehrbrief für die Fernuniversität Hagen konzipiert und für die Buchpublikation „gründlich überarbeitet“ (S. 10), vermittelt es auf den ersten Blick den Eindruck, dass sich sein Verfasser nicht recht zwischen einer gründlichen Einführung in klassische Positionen der Soziologie und einer Befragung der soziologischen Klassik auf ihre zeitdiagnostischen Gehalte hin entscheiden konnte. Eine dem Autor wenig gewogene Besprechung könnte jedenfalls darauf insistieren, dass es sich bei dem hier Veröffentlichten womöglich noch um ein im Grunde unfertiges ‚Werk im Werden‘ handele. Die ausführlichen Rekonstruktionen sozialtheoretischer Grundsatzfragen von Weber, Simmel und Durkheim bieten zwar eine solide Orientierung für das Grundstudium soziologischer Theorie, die mit anderen Einführungen auf diesem Gebiet problemlos mithalten kann. Fortgeschrittene Leser*innen, die sich für das von Müller zutreffend erkannte Desiderat der Erforschung klassischer soziologischer Zeitdiagnosen interessieren, müssen hingegen scheinbar unnötige ‚Umwege‘ durch ein allzu bekanntes Terrain in Kauf nehmen, um die Essenz seiner Pointen vollumfänglich herausdestillieren zu können.

Dass diese ‚Umwege‘ durchaus ihre Berechtigung haben, ist nun Thema dieser Besprechung, die das wichtige Anliegen Müllers kritisch würdigen will. Denn obwohl Müller weiterhin am Begriff der Zeitdiagnostik festhält, teilt er die Vorbehalte der gegenwärtigen Fachdiskussion und bezeichnet diese zutreffend als „Soziologie mit beschränkter Haftung“ (S. 38). Seine oft langatmigen Demonstrationen bekannter soziologischer Positionen sind der Absicht geschuldet, mit ihrer Hilfe fachwissenschaftliche Gütekriterien für die Bewertung neuerer Zeitdiagnosen zu formulieren. Mit anderen Worten: Die Klassiker sollen in ihrer Funktion als „evidenz-basierte Zeitdiagnose[n]“ (S. 32) dabei helfen, Standards für jüngere Spielarten und Varianten dieses Genres zu entwickeln und auszuweisen.

Ein „untilgbarer Rest von Spekulation“

Hinweise, wie dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt werden kann, finden sich im ersten Kapitel des Buches, das neben einer Verortung von Zeitdiagnosen im Diskurs der Moderne auch eine Differenzierung von Funktionen und Problemen – man könnte wohl auch sagen: Möglichkeiten und Grenzen – soziologischer Zeitdiagnosen präsentiert. Ausdrücklich versucht Müller in seine Überlegungen einzupreisen, dass in Zeitdiagnosen die „Grenze zwischen Soziologie und Sozialphilosophie verwischt wird“ (S. 38): Sowohl evidenzbasierte Wissenschaft als auch spekulative Zeitdiagnostik oder gar Kulturkritik müssen sich jenseits der bloßen Faktenhuberei bewegen und gleichermaßen immer auch auf das „Risiko der Deutung“ (ebd.) einlassen: Jeder Form von Erkenntnis, so Müller mit Max Weber, wohne prinzipiell ein „untilgbarer Rest von Spekulation“ (ebd.) inne.

Soll diese unlösbare Verschränkung von nichtwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Wissen nicht in einen unendlichen Regress erkenntnistheoretischen Zweifelns münden, gilt es, ihn produktiv zu wenden. Eine solche Wendung findet Müller wiederum bei den Klassikern des Faches. Sie bestehe in einer „empirisch gesättigten Zeitdiagnose“ (S. 39), mittels derer die Soziologie einerseits auf die im 19. Jahrhundert entstandenen „multiperspektivisch angelegten Selbstbeschreibungen der modernen Gesellschaft“ (ebd.) reagiert, sich andererseits unter den krisenhaften Bedingungen von Industrialisierung und Kapitalismus als Krisenwissenschaft exponiert. Der Wert klassischer soziologischer Zeitdiagnosen wird dementsprechend gerade nicht durch ihren Aktualitätsgehalt bemessen, sondern durch die paradigmatische Funktion, prägende Erscheinungen der eigenen Gegenwart treffend und auf dem Stand der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse angemessen „auf den Begriff“ (S. 41) gebracht zu haben.

Damit sind Art und Absicht der Rekonstruktionen klassischer Positionen vorgezeichnet, die Müller nun auf den folgenden knapp dreihundert Seiten in aller Ausführlichkeit vornimmt. Große Überraschungen im Hinblick auf die Autorenauswahl gibt es hier – abgesehen vom zweiten Kapitel, das Müller zumeist dem bestenfalls als Vordenker der Soziologie gewürdigten Alexis de Tocqueville widmet – nicht. Als Chronist der Französischen und der Amerikanischen Revolution, aber auch als sozialwissenschaftlich orientierter Historiker tritt Tocqueville als liberaler Gegenspieler zu Marx auf, mit dessen zeitdiagnostischen Überlegungen sich das dritte Kapitel beschäftigt.

Obwohl die exakt siebzig Seiten lange Marx-Darstellung das ausführlichste Porträt einer klassischen Position bietet, bildet sie – gemessen an der Fragestellung Müllers – zugleich das Kapitel, das am meisten enttäuscht. Die durchweg solide Rekonstruktion liefert zwar einen zutreffenden Überblick über das in den Sozialwissenschaften dominierende Marx-Bild. Gleichwohl rekapituliert Müller schlicht sämtliche seit rund einem Jahrhundert hervorgebrachten, teilweise höchst fragwürdigen Urteile der Rezeption – nicht zuletzt die von Ralf Dahrendorf vorgenommene Trennung zwischen einem ‚fruchtbaren‘ analytischen Teil und einem historisch überholten ‚geschichtsphilosophischen‘ Teil des Marx’schen Werkes.[8] Versucht man dieses hingegen konsequent als eine Aufeinanderfolge unterschiedlicher zeitdiagnostischer Orientierungen lesen, die mit den sich verändernden historischen Umständen des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts variieren,[9] wird man sich gerade an ihrem auf eine künftige Gesellschaft ausgerichteten geschichtsphilosophischen Gehalt abzuarbeiten haben, der in dieser Rezeptionslinie und damit auch bei Müller von vorherein abgeschnitten wird.

Wie eine solche Auseinandersetzung zu führen wäre, hat Christoph Deutschmann jüngst in einer Neuinterpretation der Marx’schen Klassentheorie angedeutet, die – so Deutschmann – eben nicht als empirische Sozialstrukturanalyse einer gegebenen Gesellschaft, sondern als Anzeiger einer künftigen Entwicklung gelesen werden müsse, welche Marx unter Einsatz von weit mehr als nur untilgbaren Spekulationsresten in kritischer Auseinandersetzung mit den geschichtsphilosophischen Thesen jener liberalen Denker des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, zu denen eben auch Tocqueville zu zählen ist.[10]

Berücksichtigt man ferner, dass die im Liberalismus seinerzeit dominierende zeitdiagnostische These, Kapitalismus, Industrialismus und Demokratisierung würden zu einer fortschreitenden Angleichung gesellschaftlicher Verhältnisse insgesamt beitragen, offensichtlich ebenso wenig historisch eingetreten ist wie die von Marx wenigstens im Kommunistischen Manifest von 1848 behauptete tendenzielle Polarisierung zweier antagonistischer Klassen, ist es keineswegs ohne Weiteres möglich, den ‚Geschichtspropheten‘ Marx gegen den ‚Analytiker‘ auszuspielen und ihn eindeutig auf der falschen Seite der geschichtlichen Entwicklung zu platzieren. Vielmehr wären Liberalismus und Marx’scher Sozialismus gleichermaßen als geschichtsphilosophische Ortsbestimmungen im Rahmen einer Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren, in der sich auch die Soziologie ursprünglich entfaltet hat.[11] Dass diese in ihren Anfängen nicht auf die Namen Marx oder Tocqueville, sondern auf denjenigen Auguste Comtes hört, hätte auch Müllers Rekonstruktionen der klassischen soziologischen Zeitdiagnostik mehr als nur eine Fußnote wert sein sollen: Ganz im Gegensatz zu Tocqueville und Marx ist Comte ein in vielerlei Hinsicht konservativer Vordenker einer auf Interessenausgleich und Konsens beruhenden Statik industrieller Gesellschaften gewesen, in der das über die aktuelle Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts hinaustreibende geschichtsphilosophische Moment des frühen Liberalismus und Sozialismus gleichermaßen zum Stillstand gebracht werden sollte.[12]

Auf Treibsand gebaut

Die weiteren drei großen Kapitel widmen sich mit Émile Durkheim, Georg Simmel und Max Weber drei Autoren, deren maßgebliches wissenschaftlich-intellektuelles Werk zwischen dem ausgehenden 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert entstand. Dass diese etwa von Talcott Parsons[13] als Phase ‚klassischer Soziologie‘ bezeichnete Periode eine Fülle von zeitdiagnostischen Motiven hervorgebracht hat, die für die heutige Soziologie paradigmatischen Charakter haben, bedarf im Grunde keiner gesonderten Erwähnung mehr. Émile Durkheims institutioneller Individualismus, Simmels Überlegungen zu den sich in Phänomenen wie Urbanität und Individualität verdichtenden Erfahrungen der Modernität und Webers Bürokratisierungsthese haben für Müllers Suche nach evidenzbasierten Modellen soziologischer Zeitdiagnostik zudem den Vorteil, dass sich mit ihnen elaborierte soziologische Theorie- und Methodenprogramme verbinden, die man in vergleichbarer Qualität bei Marx und Tocqueville schlicht nicht findet.

Dass das Buch mit der Soziologie Max Webers endet und damit keine Position mehr berücksichtigt, die nach den 1910er Jahren entwickelt wurde, mag man mit einem in der Disziplin durchaus üblichen, gleichwohl längst in Bewegung geratenen Konsens darüber rechtfertigen, was als klassische Positionen gilt und was nicht.[14] Diese historische Grenzziehung führt jedoch zu dem durchaus bemerkenswerten Umstand, dass ein für die Geschichte der soziologischen Zeitdiagnostik so zentraler Autor wie Karl Mannheim in Müllers Darstellung so gut wie keine Erwähnung findet. Dass bereits Mannheims 1929 erschienenes Werk Ideologie und Utopie[15] im Kern den Anspruch erhebt, im Rahmen einer Wissenssoziologie das Hegel’sche Diktum, Philosophie „sei ihre Zeit in Gedanken erfasst“,[16] mit neuem Leben zu füllen, wäre in einer umfassenderen Auseinandersetzung mit klassischen soziologischen Zeitdiagnosen allemal ein wichtiger Aspekt gewesen.

Allerdings misst Mannheim seine eigene Soziologie nicht an den heute gängigen Standards einer Einzelwissenschaft, sondern konzipiert sie als eine geistige Synthesedisziplin, die unter den veränderten Zeitumständen des frühen 20. Jahrhunderts an die Stelle traditioneller idealistischer Philosophie treten soll.[17] Mannheim will einer höheren geistigen Synthese zuführen, was er als die zeitbestimmende Polarität der Weimarer Republik ausmacht: den Gegensatz zwischen einer vollständig in Vergangenheit und Tradition versunkenen ‚konservativen‘ Ideologie und einer ganz der Zukunft zugewandten, aber deshalb geschichtsvergessenen ‚sozialistischen‘ Utopie. Gleichwohl lautet die sehr viel praktischer ausgerichtete Kernfrage von Ideologie und Utopie: „Ist Politik als Wissenschaft möglich?“[18] An die Stelle einer ‚rein‘ erkenntnistheoretischen und psychologischen Reflexion der ,Kulturbedeutung‘ sozialwissenschaftlichen Wissens im Sinne Max Webers tritt bei Mannheim die Einsicht, dass die Sozialwissenschaften selbst unwiederbringlich zum Gegenstand gegenläufiger sozialer Parteilichkeiten, Orientierungen und Selbstbeschreibungen geworden sind – sich mit anderen Worten auch im Handgemenge sozialer Auseinandersetzungen ihrer Zeit zu behaupten haben.

Diese Art soziologischen Denkens scheint aber kaum mehr vereinbar mit jenem soziologischen Klassikerkonsens, der die Hintergrundfolie von Müllers versuchter Einordnung soziologischer Zeitdiagnostik bildet und dabei insbesondere auf die sozialen und politischen Auseinandersetzungen enthobenen „Standards einer wissenschaftlichen Disziplin“[19] zu rekurrieren versucht. Womöglich entsteht ein gesteigerter wissenschaftlicher Bedarf an zeitdiagnostischer Erkenntnis in einer laut Max Weber ‚ewig jungen‘ Wissenschaft wie der Soziologie immer genau dann, wenn vermeintlich stabile disziplinäre Standards ins Wanken geraten. Während die inzwischen zu Klassiker promovierten Vordenker und Gründer des Faches eine derartige Krise (geistes-)wissenschaftlichen Wissens noch weitestgehend problemlos zum Gegenstand zeitdiagnostischer Auseinandersetzungen und soziologischer Standortbestimmungen machen konnten,[20] sind die Sozialwissenschaften inzwischen bekanntlich selbst längst in den Fokus derartiger kritisch-reflexiver Selbstvergewisserung gerückt. Dieser Gedanke, der beginnend bei einer sich in den 1970er Jahren formierenden soziologischen Kritik der Soziologie[21] bis zur zeitgenössischen Diskussion über die Frage postkolonialer Sozialwissenschaften[22] verfolgt werden müsste, wäre in eine noch zu schreibende sozialwissenschaftlich reflektierte Geschichte soziologischer Zeitdiagnostik miteinzubeziehen, für die Hans-Peter Müllers Buch bestenfalls einen Anfang markiert. Erwiese er sich jedoch als zutreffend, würde dies bedeuten, dass das von Müller unter der Bauleitung der Klassiker mühsam errichtete wissenschaftliche Fundament evidenzbasierter soziologischer Zeitdiagnostik auf Treibsand gebaut wäre.

  1. Richard Münch, Soziologie in der Identitätskrise. Zwischen totaler Fragmentierung und Einparadigmenherrschaft, in: Zeitschrift für Soziologie 47 (2018), 1, S. 1–6.
  2. Vgl. hierzu etwa Alexander Bogner, Gesellschaftsdiagnosen. Ein Überblick, 3. Aufl., Weinheim 2018; Oliver Dimbath, Soziologische Zeitdiagnostik. Generation – Gesellschaft – Prozess, Paderborn 2016; Uwe Schimank / Ute Volkmann (Hrsg.), Soziologische Gegenwartsdiagnosen I. Eine Bestandaufnahme, Opladen 2000; dies. (Hrsg.), Soziologische Gegenwartsdiagnosen II. Vergleichende Sekundäranalysen, Opladen 2000.
  3. Fran Osrecki, Die Diagnosegesellschaft. Zeitdiagnostik zwischen Soziologie und medialer Popularität, Bielefeld 2011, S. 291.
  4. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986.
  5. Ebd., S. 13.
  6. Bogner, Gesellschaftsdiagnosen, S. 9.
  7. In Teil 1 ihrer „Soziologische Gegenwartsdiagnosen“ beziehen sich Schimank und Volkmann auf den Zeitraum seit den 1980er Jahren – eine Entscheidung, die mit dem fehlenden Aktualitätswert älterer Zeitdiagnosen begründet wird. Georg Kneer, Armin Nassehi und Markus Schroer differenzieren hingegen von vorneherein nach „klassischen Gesellschaftsbegriffen“ und „modernen Zeitdiagnosen“. Vgl. Georg Kneer / Armin Nassehi / Markus Schroer (Hrsg.), Soziologische Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner Zeitdiagnosen, München 1997; dies. (Hrsg.), Klassische Gesellschaftsbegriffe der Soziologie, München 2001.
  8. Ralf Dahrendorf, Die Idee des Gerechten bei Karl Marx (1952), Hannover 1971, insb. S. 165.
  9. Vgl. Eric Hobsbawm, Das lange 19. Jahrhundert (1962–1987), 3 Bde., übers. von Boris Goldenberg, Johann George Scheffner und Udo Rennert, Darmstadt 2017.
  10. Vgl. Christoph Deutschmann, Die Marx’sche Klassentheorie – oft totgesagt, aktueller denn je, in: Leviathan 47 (2019), S. 102–116.
  11. Vgl. hierzu Walter Benjamin, Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: ders. Das Passagen-Werk, 2 Bde., Erster Band, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1983, S. 45–59; Heinz Maus, Kritik am Justemilieu. Eine sozialphilosophische Studie über Schopenhauer (1941), in: Michael Th. Greven / Gerd van de Moetter, Heinz Maus (Hg.), Die Traumhölle des Justemilieu. Erinnerung an die Aufgaben der Kritischen Theorie, Frankfurt am Main 1981, S. 42–242; Dolf Sternberger, Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert, Hamburg 1938.
  12. Vgl. Margarete Steinhauer, Die politische Soziologie Auguste Comtes und ihre Differenz zur liberalen Gesellschaftstheorie Condorcets, Meisenheim am Glan 1966.
  13. Vgl. Talcott Parsons, Das Konvergenzproblem in den europäischen Sozialwissenschaften an der Wende zum 20. Jahrhundert. Eine Kritik aus der Retroperspektive (1974), in: Helmut Staubmann / Harald Wenzel (Hg.), Talcott Parsons. Zur Aktualität eines Theorieprogramms, Opladen 2000, S. 33–44.
  14. Vgl. u. a. Anthony Giddens, Politics, Sociology and Social Theory. Encounters with Classical and Contemporary Social Thought, Cambridge 1995.
  15. Karl Mannheim, Ideologie und Utopie (1929), Frankfurt am Main 1952.
  16. Georg Wilhelm Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820), Frankfurt am Main 1986, S. 26.
  17. Karl Mannheim, Die Gegenwartsaufgaben der Soziologie. Ihre Lehrgestalt, Tübingen 1932.
  18. Mannheim, Ideologie und Utopie, S. 95 ff.
  19. Dirk Kaesler, Was sind und zu welchem Ende studiert man die Klassiker der Soziologie?, in: ders. (Hg.), Klassiker der Soziologie, Bd. 1: Von Auguste Comte bis Norbert Elias, München 2000, S. 11–38, hier S. 30.
  20. Vgl. hierzu u. a. Klaus Lichtblau, Kulturkrise und Soziologie um die Jahrhundertwende. Zur Genealogie der Kultursoziologie in Deutschland, Frankfurt am Main 1996.
  21. Vgl. Alvin W. Gouldner, Die westliche Soziologie in der Krise, 2 Bde., Reinbek bei Hamburg 1974.
  22. Vgl. Raewyn Connell, Northern Theory. The Political Geography of General Social Theory, in: Theory and Society 35 (2006), S. 237–264.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Epistemologien Geschichte der Sozialwissenschaften Zeit / Zukunft

Oliver Römer

Dr. Oliver Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Georg-August-Universität Göttingen, derzeit Vertretung der Professur für „Allgemeine Soziologie mit Schwerpunkt soziologische Theorie“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind soziologische Theorie, Geschichte und Wissenschaftstheorie der Soziologie sowie politische Philosophie.

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