Petra Pinzler | Essay |

Jenseits der Moral

Kommentar zu „Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ von Jens Beckert

Schon wieder ein Buch über Klimakrise und die Gründe, aus denen wir sie nicht in den Griff bekommen? Die Hürde, die ein solches Werk heute nehmen muss, um gelesen zu werden zu, ist hoch. Denn nicht nur ist die Zahl der Weltuntergangstexte mittlerweile riesig und wächst stetig weiter. Es ist heute quasi Allgemeinwissen, dass es weltweit um den Klimaschutz nicht gut bestellt ist. Und auch, dass die Menschheit deswegen in den kommenden Jahrzehnten multiple Krisen erleben wird, ist gemeinhin bekannt. Was man sich in so einer Lage also wünscht, sind Texte, die Auswege aufzeigen und Ideen präsentieren, wie wir möglicherweise doch noch vor einer 3 Grad wärmeren Welt bewahrt werden könnten. 

Schreibt ein Autor nichtsdestotrotz ein Buch mit dem Titel „Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ und will, dass es gelesen wird, dann muss er schon etwas Besonderes bieten. Jens Beckert tut das. Der Soziologe und Direktor des MPIfG hat sich die Klimakrise noch einmal aus einem ganz besonderen Blickwinkel angeschaut. Er fragt, welche Rolle der Kapitalismus beim Klimawandel spielt – und warum die Kräfte und Wirkmechanismen dieses Systems ein großer und häufig unterschätzter Teil des Problems sind. Oder, um es mit Beckerts Worten zu schreiben: „Der Kampf gegen den Klimawandel scheitert an den Macht- und Anreizstrukturen des auf Gewinnerwirtschaftung, Konsum und unbegrenztes Wachstum geeichten Gesellschaftssystems – trotz des Wissens um die Gefahren zukünftiger Klimaveränderung.“ (S. 178)

Wir haben die Klimakrise also dem Umstand zu verdanken, dass der Kapitalismus ist wie er ist? Interessant an dieser These ist ihre Herleitung. Beckert analysiert, wie die Kräfte des Marktes auf die Natur wirken. Das sei, so schreibt der Autor zu Recht, bei bisherigen Analysen des Kapitalismus oft vernachlässigt worden. Anders als die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sei die Plünderung der Natur bestenfalls als Nebenaspekt der kapitalistischen Wirtschaftsweise behandelt worden. Tatsächlich haben Ökonomen wie Tim Jackson („Wohlstand ohne Wachstum“) bereits vor einem Jahrzehnt auf die zerstörerische Kraft der Wachstumsökonomie hingewiesen. Dennoch arbeitet Beckert noch einmal genauer heraus, welche klassischen Mechanismen des Kapitalismus konkret auf die Klimakrise wirken.

So erklärt er beispielsweise, wie der Wachstumszwang dazu führt, dass Ökonomien die Natur immer weiter ausbeuten. Oder dass der Rebound-Effekt sogar in einem immer effizienter werdenden Kapitalismus die Material- und damit Natur-Einsparungen durch die ständige Steigerung des Konsums – schwerere Autos, größere Wohnungen, leistungsstärkere Handys – zunichtemacht. Auch diese Effekte sind bereits bekannt, die Leistung von Beckert ist es, sie noch einmal gesammelt zu analysieren. 

Instruktiv ist auch, wie der Soziologe die altbekannten Lösungsmechanismen diskutiert, die heute in der politischen Debatte als Hoffnungsträger gehandelt werden. Da wären beispielsweise die Bepreisung von Umweltverschmutzung, gesteigerte Effizienz oder Innovation. Beckert erklärt, warum bisher keine dieser Maßnahmen spürbare Effekte zeitigt. Die Verteuerung des Konsums beispielsweise würde die Verbraucher in ihrem Streben nach sozialem Status behindern. „In der kapitalistischen Moderne sind Erhöhungen der Konsumkosten durchweg als Eingriffe in die Freiheit der Konsumenten und den Wettbewerb um soziale Anerkennung stigmatisiert und stehen damit den wirtschaftlichen und kulturellen Maximen des Gesellschaftsmodells entgegen.“ (S. 123) Würden politisch verabredete Maßnahmen wie ein CO2-Preis den Konsum und damit den Umweltverbrauch senken, müssten sie von staatlichen Transferzahlungen für den ärmeren Teil der Bevölkerung begleitet werden, so Beckert. Das aber hätte massive Umverteilung zu Folgen, die politisch schlicht nicht durchsetzbar seien. 

Blickt man auf die aktuelle politische Situation in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern, leuchtet diese Argumentation unmittelbar ein. Überall sind linke und sozialdemokratische Parteien auf dem Rückzug, was die Durchsetzung einer gerechteren Verteilungs- und damit auch Klimapolitik erschwert, die die Lasten fairer verteilt und so gesellschaftlich besser akzeptiert werden würde.

Das alles ist so plausibel wie überzeugend und es hilft all denen, die besser verstehen wollen, gegen welch starke Kräfte sich Umwelt und Klimaschutz behaupten müssen. Allerdings übersieht Beckert in seinem Rundumschlag gegen den Kapitalismus etwas Konkretes, das er im Abstrakten fast bewundernd anerkennt: Die Fähigkeit der Menschen, das System doch noch ein Stück in die richtige Richtung zu verändern. Denn Beckert schreibt zwar von der Hoffnung auf das Unbekannte, das uns im Kampf gegen den Klimakrise helfen könnte. Er übersieht jedoch die ein oder andere Maßnahme, die heute schon Anwendung findet und die das Potenzial hat, den Umgang der Menschheit mit der Natur zu verändern: Die Idee der Kreislaufwirtschaft beispielsweise, die darauf zielt, irgendwann keine neue Natur mehr ausbeuten zu müssen, weil alle Stoffe in einem immerwährenden Kreislauf zirkulieren. Heute schon experimentieren Initiativen wie das Circular Valley damit, aber auch große Unternehmen machen erste Versuche. Würde dieses System durch entsprechende Steuer- und Preisanreize unterstützt, könnte es die Wachstumsökonomie durchaus von der Naturausbeutung abkoppeln. 

Sicher, die Wahrscheinlichkeit, dass dieser oder ähnliche Maßnahmen schnell und in großem Stil durchgesetzt werden, ist klein. Aber da die Revolution oder auch nur ein umweltschonenderes und menschenfreundliches Wirtschaftssystem auch nicht gerade an der nächsten Ecke warten, würde es der Leserin entgegenkommen, wenn solche Ansätze genauer analysiert würden – was die Bedingungen ihrer Realisierung oder ihrer Verhinderung dezidiert mit einschließt.

Gleiches gilt für die Frage, inwiefern die Energiewende die Ausbeutung des globalen Südens durch den Norden zumindest lindern könnte. Beckert erkennt diese Chance nicht, unter anderem, weil er übersieht, dass der Export grünen Wasserstoffs anderen Regeln unterliegt als beispielsweise der von Öl. Exportieren Länder wie Namibia künftig Wasserstoff, der dann in Europa genutzt wird, verändert das die Dynamik der klassischen Rohstoffextraktion. Wasserstoff wird mit Hilfe von Strom produziert, der durch Sonne und Wind gewonnen wird. Mit der Stromproduktion verbleibt eine erste Stufe der Wertschöpfung im Süden. Länder, die bisher unter Energiearmut litten, werden künftig also billigen Strom im Überfluss zur Verfügung haben. Das kann wiederum dazu führen, dass sich Unternehmen dort ansiedeln, was in Namibia tatsächlich bereits passiert ist.

Die Lektüre von Beckert Buch ist nichtsdestotrotz ein Gewinn, nicht zuletzt, weil sie ein wohltuender Kontrast zu den vielen eher moralisierenden Texten ist, die als Rezept gegen die Klimakrise einfach nur mehr persönlichen Verzicht und Anstand fordern. Nicht, dass Letzteres falsch wäre. Es wird nur eben nicht reichen und Beckert erklärt nachvollziehbar, warum das so ist. Und legt ganz nebenbei auch dar, warum die ökologische Frage zur nächsten Klassenfrage werden könnte und damit demokratiegefährdendes Potenzial hat. 

Ein leichtes Fremdeln, das nur als kleine Fußnote zum Schluss, erzeugt der Autor allerdings mit seiner Wortwahl: Obwohl er argumentiert, dass der Kampf gegen die Klimakrise eine große und wahrscheinlich unlösbare Menschheitsaufgabe sei, schreibt er erstaunlicherweise immer noch vom „Klimawandel“ – so als ob es sich um ein freundliches Phänomen und nicht um eine handfeste Krise handelt. Warum?

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Ökologie / Nachhaltigkeit Politik Staat / Nation

Petra Pinzler

Petra Pinzler ist Journalistin bei der Wochenzeitung Die Zeit.

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