Peter Wagner | Rezension |

Kämpfe an der Front des Möglichen

Rezension zu „La perspective du possible. Comment penser ce qui peut nous arriver, et ce que nous pouvons faire“ von Haud Guéguen und Laurent Jeanpierre

Abbildung Buchcover La perspective du possible von Gueguen/Jeanpierre

Haud Guéguen / Laurent Jeanpierre:
La perspective du possible. Comment penser ce qui peut nous arriver, et ce que nous pouvons faire
Frankreich
Paris 2022: La Découverte
325 S., 22 EUR
ISBN 978-2-348-06734-325 1

Der Begriff des „Möglichen“ war lange zentral für jegliches Handeln, das auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen abzielt. Er führt gewissermaßen hinaus aus dem Käfig des Wirklichen, indem er unterstreicht, dass nicht alles, was ist, so sein und bleiben muss, wie es ist. Die gegenwärtige Wirklichkeit ist nur eine aus einer Mehrzahl von vergangenen Möglichkeiten. Es hätte auch anders sein können. Ebenso ist das Zukünftige ein Raum von Möglichkeiten, von denen einige durch unser Handeln wirklich und andere dadurch unmöglich werden.

In den vergangenen Jahrzehnten jedoch schien sich das politische Verständnis des Möglichen auszudünnen. Seinen bislang letzten starken Ausdruck fand es in einem Slogan der Alterglobalisierungsbewegung: „Eine andere Welt ist möglich“. Aber schon dies schien keine glaubhafte Bestimmung von Möglichkeitsräumen zu sein, sondern eher eine trotzige Antwort auf die Behauptung, zum globalen Kapitalismus gäbe es keine Alternative. Parallel dazu verbreiteten sich in inflationärer Weise die nichtpolitischen Beschwörungen des Möglichen – von der Werbekampagne für Sportschuhe, die proklamiert „Everything is possible“, bis zur Aufführung des spanischen Magiers Mago Pop unter dem Titel „Nichts ist unmöglich“. Vor diesem Hintergrund versuchen die Philosophin Haud Guéguen und der Soziologe Laurent Jeanpierre gemeinsam, die „Perspektive des Möglichen“ neu zu bestimmen.

Dabei geht es den beiden Autor:innen nicht schlicht darum, den Begriff des „Möglichen“ zu retten, sondern ihn vielmehr zu problematisieren. Dafür arbeiten sie zunächst in einer Gegenwartsdiagnose die heute betonten Formen das Möglichen heraus, um im Anschluss daran in einem doppelten – ideengeschichtlichen und empirisch-soziologischen – Zugriff ein unserer Gegenwart angemessenes Verständnis des Möglichen zu entwickeln.

Guéguen und Jeanpierre zufolge war es ein Kurzschluss emanzipatorischen Denkens, anzunehmen, dass eine mögliche andere Welt notwendigerweise eine bessere sein werde. Die herrschenden Diskurse der Gegenwart sind voll von Möglichkeiten, aber in besonderer Weise. Auf der einen Seite finden sich die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten, die wir als endlos angepriesen bekommen. Es werden nicht nur Probleme gelöst, die weite Teile der Menschheit nie als solche angesehen haben – wie etwa die Eroberung des Weltraums, unbegrenzte Informations- und Kommunikationsnetze oder ein medizin- und gentechnisch konstruierter neuer Menschentyp (S. 9). Darüber hinaus wird auch behauptet, tatsächlich dringliche Probleme wie den Klimawandel durch Innovationen wie das Geo-Engineering lösen zu können, deren Funktionieren überaus zweifelhaft ist, während ihre negativen Nebenfolgen unabsehbar sind. Dabei kann man bequem übersehen, dass vergangenes blindes Vertrauen in wissenschaftlich-technische Möglichkeiten die Klimakrise erst geschaffen hat, die wir heute nicht mehr bewältigen können.

Das romantische Ideal der Selbstverwirklichung transformiert sich in die Auffassung, jeder Mensch verfüge über ein Potenzial von Möglichkeiten und solle sein Leben darauf anlegen, möglichst viele davon zu realisieren.

Auf der anderen Seite fokussiert sich die Vorstellung vom heute Möglichen auf den Einzelmenschen. Das romantische Ideal der Selbstverwirklichung transformiert sich in die Auffassung, jeder Mensch verfüge über ein Potenzial von Möglichkeiten und solle sein Leben darauf anlegen, möglichst viele davon zu realisieren. Unter anderem inspiriert von Luc Boltanskis und Ève Chiapellos Untersuchung des neuen Geistes des Kapitalismus skizzieren Guéguen und Jeanpierre das Aufkommen dieses individualistischen Möglichkeitsbegriffs seit den 1960er-Jahren.[1]

Zwischen wissenschaftlich-technischer Hybris und instrumentellem Individualismus scheinen die soziopolitischen Möglichkeiten auf. Unsere Gegenwart ist geprägt von Ungewissheit über eine Zukunft, die nicht nur progressive, sondern auch katastrophale Möglichkeiten einschließt.[2] Guéguen und Jeanpierre arbeiten heraus, wie seit Langem Sozialtechniken entwickelt werden, die zum Ziel haben, das Mögliche zu beherrschen, indem sie es in Wahrscheinliches verwandeln. Dazu gehören historisch die statistischen Instrumente, die am Ursprung der modernen Sozialpolitik standen, und heute die Algorithmen, die mithilfe von Big Data Verhaltensmuster entdecken und auch schaffen sollen.

Das Mögliche der Gegenwart ist also zum einen bestimmt durch gouvernementale Praktiken zu dessen Zähmung und Transformation in das Wahrscheinliche und zum anderen durch seine technoszientifische und individualistische Neuorientierung. Deshalb kann man nicht einfach zu einem vergangenen Verständnis des Möglichen zurückkehren in der Annahme, dass es etwa zu Unrecht aufgegeben wurde. Aber man kann sich die Elemente dieses vergangenen Verständnisses wieder aneignen, um sie bei der Neubestimmung des Möglichen für die Gegenwart zu nutzen.

Soweit das Vorhaben der Autor:innen – der Sozialphilosophie und den Sozialwissenschaften kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Guéguen und Jeanpierre wenden sich gegen die weit verbreitete Auffassung, empirische Sozialforschung könne nur das Wirkliche untersuchen, während das Mögliche im Gegensatz dazu immer im Bereich der Spekulation und Illusion bleibe. Ihre Argumentation entwickeln sie in zwei großen Schritten. Zunächst widmen sie sich zwei Titanen der modernen Sozialwissenschaften, nämlich Karl Marx und Max Weber, lesen sie aber nicht als Kritiker der politischen Ökonomie beziehungsweise Mitbegründer der Soziologie, sondern als Betrachter der Menschheitsgeschichte mit Blick auf die darin enthaltenen Möglichkeiten. Dabei sticht der Begriff der „realen Möglichkeit“ ins Auge, den Marx schon in seinen frühen Überlegungen zur demokritischen Naturphilosophie verwendet, ebenso wie die Rede von der „objektiven Möglichkeit“ in Webers wissenschaftstheoretischen Schriften. Von Letzterer darf durchaus angenommen werden, dass Weber sie auch in Abgrenzung zu Bismarcks „Realpolitik“ gebraucht, die eine unangemessene scharfe Scheidung zwischen dem Realen und dem Möglichen vornimmt. Im Anschluss daran untersuchen die Autor:innen die Versuche von Georg Lukács und Ernst Bloch, die Marx-Weber’sche Gedankenlinie fortzusetzen und zu schärfen, die ihren Höhe- und womöglich Endpunkt in Blochs Unterscheidung von vier Schichten des Möglichen fanden.[3]

Das Mögliche steht nicht in Gegensatz zum Wirklichen, als schlicht das, was nicht existiert. Das Mögliche ist immer schon ein Teil des Wirklichen, mit diesem unauflöslich verknüpft.

Der Grundgedanke des Buches ist einfach und überzeugend: Das Mögliche steht nicht in Gegensatz zum Wirklichen, als schlicht das, was nicht existiert. Das Mögliche ist immer schon ein Teil des Wirklichen, mit diesem unauflöslich verknüpft. Plausibel wie sie ist, schafft diese Annahme das epistemologische und methodologische Problem, etwas erfassen zu wollen, was nur in der Möglichkeitsform existiert. Die Adjektive real, objektiv und objektiv-real (Letzteres bei Bloch) dienen dem Zweck, Unterscheidungen innerhalb des Möglichen zu treffen – etwa zwischen dem nur (abstrakt, utopisch) Denkbaren, das weit von der Realisierbarkeit entfernt ist, und dem Wahrscheinlichen, das das Mögliche auf statistisch oder algorithmisch Erfassbares reduziert. Bei den vier betrachteten Autoren bleibt die genannte Unterscheidung allerdings sozial- und/oder geschichtsphilosophisch fundiert. Für eine gegenwartsdiagnostische Untersuchung des Möglichen sind weitere Schritte erforderlich.

In einem Interludium, das eher eine Brücke zwischen den beiden zentralen Analysen als ein Zwischenspiel darstellt, zeigen Guéguen und Jeanpierre, dass seit der Mitte des 20. Jahrhunderts mehrfach Versuche unternommen wurden, die Kategorie des Möglichen von der Sozial- und Geschichtsphilosophie in die empirischen Sozialwissenschaften zu übertragen. Das Anliegen der Autor:innen ist es, die „latente Tradition einer Soziologie oder einer Politikwissenschaft des Möglichen“ (S. 18, S. 140 f.) aufzuzeigen,[4] die lange schon existiert, aber weithin nicht als solche erkannt wurde. Das Interludium beginnt mit der ersten Generation der Frankfurter Schule, vor allem Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, und springt dann zu Luc Boltanskis Analyse der Kritik als Suche nach dem Möglichen, die er vor einigen Jahren als Adorno-Vorlesung am Frankfurter Institut für Sozialforschung vortrug. Nachfolgend verbinden Guéguen und Jeanpierre die „latente Tradition“ in einem schwungvollen Überblick mit Namen wie Maurice Merleau-Ponty, Lucien Goldmann, Charles Wright Mills, Charles Tilly, Immanuel Wallerstein und Albert O. Hirschman. Man mag nicht unbedingt eine gerade Traditionslinie erkennen, aber es wird deutlich, dass auch die ‚modernen‘ Sozialwissenschaften es nicht vermocht haben, das Mögliche aus ihrem Gegenstandsbereich zu evakuieren.

Der zweite große Abschnitt beschäftigt sich dann im Detail mit vier ausgewählten Forschungsstrategien, deren gemeinsames Anliegen es ist, „den Möglichkeiten der Gegenwart eine Wirklichkeit zu verleihen“ (S. 169). Die erste widmet sich dem „Realen der Utopien“ (S. 179) von John Rawls und insbesondere Karl Mannheims Untersuchung der „historischen Formen des Utopischen“ (S. 187).[5] Aus guten Gründen finden – zweitens – Erik Olin Wrights Arbeiten zu „realen Utopien“ eine ausführliche Würdigung als empirisch angelegte Suche nach existierenden transformatorischen Praktiken, die auf jede geschichtsphilosophische Grundlegung verzichtet. Überraschender ist vielleicht – drittens – die Betrachtung der Soziologie Pierre Bourdieus unter der Perspektive des Möglichen, ist jener doch eher bekannt für die Analyse der Reproduktion sozialer Strukturen. Aber Guéguen und Jeanpierre lesen den Autor unter ihrem veränderten Blickwinkel und verweisen zudem zu Recht auf ihre Leitfrage der Verankerung des Möglichen im Realen – im Unterschied zur schlichten Lobpreisung des Möglichen. Dafür bietet sich Bourdieus Werk an. Zwar geht er davon aus, dass unter den meisten Umständen sich die subjektiven an die objektiven Wahrscheinlichkeiten anzupassen neigen. Dies jedoch trifft nicht zu, wenn unerwartete Ereignisse die Regelhaftigkeit des Sozialen außer Kraft setzen. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass dies auf unsere Gegenwart zutrifft, die von einer Serie von Krisen (Austerität, Pandemie, Krieg und vor allem Klimawandel) geprägt ist. Daher widmet sich die vierte Detailbetrachtung der Evozierung der Apokalypse als Möglichkeit und fragt danach, inwieweit die bewusste Möglichkeit der Apokalypse Handlungsformen zu stimulieren vermag, die ihr Eintreten verhindern.

Im Hintergrund der gesamten Betrachtung – und im Epilog – steht die Frage nach dem Verhältnis von Sozialkonstruktivismus und Realismus, das die Sozialwissenschaften am Ende des letzten Jahrhunderts weithin diskutierten. Guéguen und Jeanpierre wenden sich gegen die konstruktivistische und auch poststrukturalistische Tendenz, der „Sprache und den Repräsentationen spontan die performative Kraft zur Rekonfiguration des Möglichen“ (S. 299) zuzusprechen. Wenn das Mögliche als Teil des Wirklichen und zudem nicht jegliches Mögliche auch als emanzipatorisch wünschbar angesehen wird, dann erkennen wir eine „Front des Möglichen“ (S. 31), an der beständig Kämpfe über die Verwirklichung des Möglichen ausgetragen werden. Es geht also darum, die „Grenzen und Bedingungen“ (S. 299) des Möglichen so genau wie möglich zu bestimmen.[6]

Die Kontingenz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, sollte uns die Möglichkeit aufzeigen, nicht länger das zu sein, zu tun oder zu denken, was wir sind, tun oder denken.

Kurz vor Ende des Buches erwähnen Guéguen und Jeanpierre einen Text, auf den der Rezensent während der gesamten Lektüre gewartet hatte, nämlich Michel Foucaults Vortrag „Was ist Aufklärung?“ (S. 293). Foucault scheint dort einen unendlich offenen Horizont von Möglichketen zu skizzieren, wenn er sagt, dass wir nicht von dem, was wir sind, ableiten sollten, was für uns unmöglich ist. Stattdessen sollte uns die Kontingenz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, die Möglichkeit aufzeigen, nicht länger das zu sein, zu tun oder zu denken, was wir sind, tun oder denken. Aber entgegen dem ersten Anschein exaltiert Foucault nicht die Möglichkeiten der Befreiung. Um zu bestimmen, wo Wandel möglich und wünschbar ist und welche Form dieser Wandel nehmen soll, so fährt er fort, hat die Arbeit an unseren Grenzen zum einen eine historische Untersuchung zu eröffnen und zum anderen einen Wirklichkeitstest – einen Test der gegenwärtigen Wirklichkeit – durchzuführen. Im ersten Teil ihres Buches führen Guéguen und Jeanpierre ebenjene ideengeschichtliche Untersuchung zum Möglichen durch und im zweiten den geforderten Test der gegenwärtigen Realität. La Perspective du possible ist für die kritische Sozialwissenschaft wie für die fortschrittsorientierte Politik ein wichtiges Buch, von dem zu hoffen ist, dass es bald auch in deutscher Übersetzung erhältlich sein wird.

  1. Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, übers. von Michael Tillmann, Konstanz 2003.
  2. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979; Eric C. H. de Bruyn / Sven Lütticken (Hg.), Futurity Report, Berlin 2020.
  3. Es fällt auf, dass die französischen Autor:innenen ihr Anliegen anhand der deutschsprachigen Linie der kritischen Sozialphilosophie entwickeln. Geht man die umfangreiche Liste der Quellen durch, die sie für das Buch benutzen, erkennt man, wie sich intellektuelle Traditionen, die oft als parallele Pfade beschrieben werden, häufig in fruchtbarer Weise überkreuzen.
  4. Dieses und alle weiteren Zitate sind von mir übersetzt, P.W.
  5. John Rawls’ Idee der „realistischen Utopien“ (S. 178 f.) in der politischen Philosophie findet aus Sicht des Rezensenten eine zu großzügige Erwähnung im Buch.
  6. Vgl. dazu auch Peter Wagner, Neuartige Probleme und die Widerständigkeit der Realität. Über das Ausbleiben angemessener politischer Entscheidungen, in: Karl-Rudolf Korte / Gert Scobel / Taylan Yildiz (Hg.), Heuristiken des politischen Entscheidens, Berlin 2022, S. 203–226.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Kritische Theorie Philosophie Zeit / Zukunft

Peter Wagner

Peter Wagner ist Forschungsprofessor für Sozialwissenschaften am Katalanischen Institut für Forschung und höhere Studien (ICREA) und an der Universität Barcelona sowie gegenwärtig ein Leiter des Research Clusters „Modernity in Central Asia: Identity, Society, Environment“ an der University of Central Asia. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Gesellschaftstheorie, der historisch-vergleichenden Soziologie, der politischen Soziologie und der politischen Philosophie.

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