Sonja Witte | Rezension |

Kapitalismus und Todestrieb

Rezension zu „Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie“ von Jule Govrin

Jule Govrin:
Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie
Deutschland
Berlin 2020: De Gruyter
339 S., 59,95 EUR
ISBN 9783110686975

Jule Govrins Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie nimmt den Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Felix Guattari[1] zum Ausgangspunkt einer Untersuchung der philosophiegeschichtlichen Verwicklungen von Begehren und Ökonomie, die neue Perspektiven auf deren gesellschaftliche Konstellationen eröffnen soll. Der 1972 erschienene Anti-Ödipus wird als „Zeitzeugnis“ (S. 44) einer Phase gelesen, in der einschneidende Transformationen der sexuellen und ökonomischen Verhältnisse vonstattengingen. Wie es um die Grenzen und den Nutzen dieses begrifflichen Instrumentariums für kritische Analysen spätkapitalistischer Dynamiken bestellt ist, erkundet Govrin in vergleichenden Lektüren ausgewählter Texte.

Ihre Grundannahme lautet, dass Begehren (welches weit gefasst wird und Bereiche der Sexualität, Erotik, Intimität und Affektivität einschließt) und ökonomische (also im weiteren wie im engeren Sinne wirtschaftliche) Prozesse epistemologisch miteinander verbunden sind. Stichprobenartig bearbeitet Govrin theoretische Verknüpfungen, die sie im Verlauf der Philosophiegeschichte von der Antike bis jüngst aufspürt. Ihre theoretische Prämisse ist, dass Denkweisen Realitäten und deren Wahrnehmungen erzeugen und sich zugleich aus den „soziopolitischen Verhältnissen ihrer Gegenwart“ (S. 38) speisen. Deleuze und Guattari folgend werden Begehren und Ökonomie auf „ein- und derselben Immanenzebene“ verortet (ebd.). Sexualität wird somit nicht als Ausdruck kapitalistischer Verhältnisse betrachtet (oder umgekehrt), sondern die Autorin untersucht, wie sich Begehren und Ökonomie in verschiedenen begrifflichen Anordnungen „durch- und ineinander artikulieren“ (ebd.) und wie sich in diesen wechselseitigen Hervorbringungen gesellschaftliche Machtverhältnisse als wirksam erweisen. Auf diese Weise werden Philosophie-, Sexualitäts- und Kapitalismusgeschichte verbunden.

Gegliedert ist die über dreihundert Seiten umfassende Studie in drei Teile. Im ersten Teil werden Kapitalismus- und Sexualitätsgeschichte kursorisch umrissen und zentrale Begrifflichkeiten sowie die Konzeption der Untersuchung vorgestellt, als deren Auftakt und zugleich wesentliches Fundament die Re-Lektüre des Anti-Ödipus folgt. Aus dieser ergibt sich die Auswahl des heterogenen und umfangreichen Ensembles an Texten, durch die der philosophiegeschichtliche „Streifzug“ (S. 83) im zweiten und dritten Teil führt. Spezifische Themen und Denkfiguren des Anti-Ödipus werden mit den untersuchten Theorien ins Gespräch gebracht, mit ihnen auf die Probe gestellt und weitergedacht. Im zweiten Teil steht dabei ein Kompendium an klassischen Texten auf dem Programm. Untersucht werden, Kapitel für Kapitel, Schriften von Platon, Hegel, Nietzsche und Freud, welche allesamt explizite theoretische Bezugspunkte des Anti-Ödipus sind. Im dritten Teil setzen sich vier Kapitel mit dessen „intellektuellen Nahumfeld“ (S. 39) auseinander – vertreten durch Bataille, Klossowski, Hocquenghem und Lyotard.

Wird als Ziel eine Aktualisierung von „Deleuze und Guattaris begehrensökonomische[n] Thesen“ (S. 31) anvisiert, so mündet das Ganze in einer „Konklusion“, überschrieben mit: „Zur Kritik der politischen Ökonomie des Begehrens in der Gegenwart“. Hier reflektiert Govrin noch einmal ihre grundlegende Einschätzung zur Brauchbarkeit des Begriffsrepertoires von Deleuze und Guattari. Einerseits erweise sich „das Vokabular des Anti-Ödipus passförmig mit neoliberalen Diskursen“ (S. 306) nomadischer Subjekte im Zeichen der Kreativität, Authentizität, Originalität, Flexibilität und Produktivität. Andererseits liefere der Anti-Ödipus auch begriffliche Werkzeuge zu deren Kritik. Govrin greift mit der These, dass Begehren und Ökonomie ontologisch untrennbar seien, dessen „Kernthese“ (S. 46) auf und übernimmt dabei zentrale Konzepte (wie zum Beispiel die der De- und Reterritorialisierung, des Gefüges). Doch zugleich geht die Autorin auf kritische Distanz; insbesondere zwei Einsätze scheinen mir dabei gewichtig: Ausgehend von der Kritik an der neoliberalen Passförmigkeit wird Abstand genommen vom „Produktivitätsparadigma“ (S. 197) des Anti-Ödipus sowie von Deleuze und Guattaris Revision des psychoanalytischen Begriffs des Todestrieb. Zusammengefasst lautet die Schlagrichtung ihrer Argumentation: Produktive Aspekte des Begehrens sind nicht per se progressiv; nicht-produktive Aspekte, wie sie mit dem Todestrieb assoziiert werden, sind nicht per se reaktionär.

Govrin stellt die für den Anti-Ödipus grundlegende Aufspaltung des Begehrens in progressiv versus reaktionär in Frage

Damit stellt Govrin die für den Anti-Ödipus grundlegende Aufspaltung des Begehrens in progressiv versus reaktionär in Frage. Im Anti-Ödipus treffen wir auf ein von sich aus subversives Begehren, welches am revolutionären Pol frei fließt, eingespannt in gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen jedoch am faschistischen Pol fixiert und gebannt wird. Aus einem Strömen, das Machtverhältnissen zuwiderläuft, wird Deleuze und Guattari zufolge der Wunsch nach Unterdrückung, also Futter für die gesellschaftlichen Machtapparate. Mit ihrem „furiose[n] Angriff auf die Psychoanalyse als Wissenschaft und institutionalisierte Praxis“,[2] so hält Schmid Noerr in einer im Jahr 1979 erschienen Rezension zum Anti-Ödipus fest, zielten die beiden Autoren auf eine „Dezentrierung und Auflösung des Subjektbegriffs“ (S. 1151). Das Subjekt werde als „eine Unterwerfungsinstanz unter andere eingereiht“ (S. 1151) – ein Denken, mit dem die Psychoanalyse, so Schmid Noerr, „nur zur Hälfte“ vereinbar sei (ebd.). Besteht ein zentraler kritischer Movens des Anti-Ödipus darin, die gesellschaftliche Konstituiertheit des Subjekts neu zu denken, so attestiert ihm schon Schmid Noerr eine „fatale Nähe zur Affirmation kapitalistischer Entindividualisierung und Verfügbarmachung“, welche zur Folge habe, „daß die Unterscheidung von revolutionärem und selbstrepressivem Wunsch in ihren Bedingungen nicht begründbar ist“ und „die Begründungen, die die Autoren liefern, formalistisch bleiben“.[3]

Govrins Studie setzt an diesem Problem an. Mit einem recht eleganten Kniff entwindet sie den Begriff des Begehrens aus dem Schraubstock der unmittelbaren Identifizierung mit diesem oder jenen politischen Gehalt. Sie schaltet gewissermaßen ein Begriffspaar dazwischen: Aufbegehren und Begierden. Wie das Begehren sollen auch sie fixierende und öffnende Bewegungen erfassen, dabei aber – wie mittels eines Gelenks – zunächst offenhalten, inwiefern beide Bewegungen prinzipiell subversives und/oder reaktionäres Potenzial entfalten können. „Während Aufbegehren eine subjektentgrenzende Transgression beschreibt, bezeichnen Begierden machtvolle, hierarchische Gesten, durch die sich ein Subjekt gegenüber seinem Begehrensobjekt als überlegen positioniert. […] Aufbegehren [kann] nicht per se politisch progressiv und Begierden können nicht als rein reaktionär übersetzt werden, vielmehr beschreibt das Begriffspaar öffnende und schließende Bewegungen, die jedweder politischen Artikulation innewohnen.“ (S. 21 f.)

Das Begriffspaar soll die Perspektive auf Begehren also von politischen Implikationen und damit verbundenen Setzungen des Anti-Ödipus zunächst entschlacken (vgl. auch S. 50) und Raum für neue Deutungen schaffen, indem „Schwellenbewegungen“, „Bewegungen zwischen Eingrenzen und Entgrenzen, Verflüssigen und Verfestigen“ analysierbar werden (S. 22). Dabei geht es – aus poststrukturalistischer Perspektive – stets um Fragen der Stabilisierung und Destabilisierung von Identitäten. So werden Denkmodelle auf Instabilitäten von begrifflichen Grenzziehungen, auf Überlappungen zwischen sich voneinander abgrenzenden Theorietraditionen, auf ‚subtextuelle Spuren‘ sowie auf in scheinbar Eindeutigem ausgeschlossene Mehrdeutigkeiten hin durchforstet; es kommen Leerstellen, Oszillationen von und Kippbewegungen zwischen vermeintlichen Polaritäten zutage. So stellt Govrin zum Beispiel heraus, inwiefern das von Deleuze und Guattari verworfene Konzept des Todestriebs im Begriff des organlosen Körpers gewissermaßen durch die Hintertür wieder Einzug in ihre Theorie erhält. Oder in Hegels „Herr-Knecht-Kapitel“ aus der „Phänomenologie des Geistes“ auf textperformativer Ebene die körperliche Dimension des Begehrens mit Hegels „Motivation, den spekulativen Weg zur ultimativen ratio abzuschreiten“ kollidiert (S. 145).

Im zweiten Teil der Arbeit liegt ein wesentlicher Fokus auf der Frage, inwiefern die jeweiligen Bemühungen, Begehren begrifflich einzufangen, ihm „logische Operationsweisen einzuschreiben“ und in diesem Sinne zu „ökonomisieren“ auch mit „begehrensökonomischen Fehlkalkulationen“ einhergehen können (S. 89). Als „Orientierungspunkte“ der Interpretation werden gezielt einzelne Lesarten mit hinzugezogen, die als „Referenzraster, um die kanonischen Texte im Bezug zur gesellschaftspolitischen Gegenwart zu betrachten“ (ebd.), dienen – so wird etwa Hegel durch die Brillen Butlers und Kojèves gelesen, Platon vor dem Hintergrund von Foucault betrachtet, Freud mit Laplanche und Lauretis bearbeitet.

Die Protagonisten des dritten Teils – Bataille, Klossowki, Lyotard und Hocquenghem – sieht Govrin durch ihr geteiltes Interesse für „die affektiven Dynamiken und die soziosomatische Dimension des Kapitalismus“ (S. 213) vereint, wobei sie auch hier immer wieder Bezüge zur gegenwärtigen Sexualkultur herstellt. So konzentriert sich Govrin in ihrer Lektüre von Hocquenghems „Das homosexuelle Begehren“[4] unter Bezugnahme auf unter anderem Adamczak und Henessy auf den kapitalismuskritischen Impetus von dessen Überlegungen. Zwar folge Hocquenghem einem ähnlichen Produktivitätsparadigma des Begehrens wie der Anti-Ödipus, jedoch ermöglichten dessen Texte zugleich eine kritische Perspektive auf die Durchdringung aktueller Begehrens- und Geschlechterpolitiken mit neoliberalen Logiken (Stichworte: Diversity Management, sexuelle Selbstbestimmung, Identitätspolitik etc.). Dabei betrachtet Govrin Hocquenghems Position als wegbereitend für die gegenwärtige Queer Theory und zugleich als Korrektiv gegenüber einer aktuellen „queertheoretischen Ökonomievergessenheit“ (S. 281).

Govrins Studie führt die Lesenden durch eine Vielzahl von Stationen – es werden diverse Problemstellungen, eine große Bandbreite theoretischer Bezüge und eine Vielfalt an gesellschaftlichen Phänomenen und wissenschaftlichen Themenfeldern aufgerufen (um nur einige zu nennen: Digitalisierung, ‚Frühsexualisierung‘, Gentrifizierungsprozesse, Warenfetischismus, Queerpolitics, Werbung, Prostitution, Potlatsch, sexuelle Revolution, Psychoanalyse, antike Mythen, Marxismus, Feminismus, Postkolonialismus, schwuler Aktivismus, antimuslimisches Ressentiment, hegemoniale weiße Männlichkeit, Onlinedating, …). Mitunter ging mir beim Lesen die Puste aus und wenn es mir schwer wurde, die verschiedenen Themenstränge im Blick zu halten und abzuwarten, worin die vergleichenden Lektüren wohl münden würden, dann wünschte mir manchmal eine Verengung des Fokus, weniger Aspekte, weniger Material, weniger Annahmen, nicht gar so viele Einfälle. Und erhoffte zugleich, an der ein oder anderen Stelle weiteres zu erfahren, noch tiefer einzusteigen, bei diesem oder jenem Problem länger verweilen zu können. Doch eben diese Fülle und Breite der in Konstellation gebrachten Denkfiguren, ihre losen Enden wie mannigfachen Verknüpfungen sowie Bezugnahmen auf gesellschaftliche Phänomene machen Govrins Arbeit reizvoll und es lohnenswert, der Entwicklung ihre Thesen auf dem von ihr gewählten Wege zu folgen.

Hilfreich hierfür ist eine Art thematisches Raster, sogenannte Analysestränge. Es handelt sich dabei um fünf (in der Einleitung vorgestellte, vgl. S. 31 ff.) thematische Motive, die es – neben ihrer ordnungsstiftenden Funktion – theoretisch in sich haben:

1) Bedeutung von Mangel versus Produktivität
2) Theorie als Rationalisierung des Begehrens
3) Beziehung von Körper und Begehren
4) Todestrieb als Aufbegehren
5) (ethischer) Wert des Begehrens

Die einleitende Behauptung, diese fünf Stränge eigneten sich als Ausgangspunkt eines „Ausblick[s] in die politische Ökonomie des Begehrens in der Post-1968-Geschichte“ (S. 31), erscheint zunächst nicht unbedingt triftig. Jedoch reichern sich die Stränge im Durchgang durch die philosophiegeschichtlichen Wendungen mit vielschichtigen Bedeutungen an. Dabei fungieren diese wie Suchscheinwerfer, in deren Licht sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Ausgestaltung dieser Motive in den untersuchten Denkmodellen abzeichnen. Diese werden am Ende jedes Kapitels zusammenfassend zugespitzt und (eben eher punktuell als systematisch) überblendet. So verknüpfen sich zum Beispiel der erste und der fünfte Analysestrang, wenn Govrin in ihrer Lesart den Freud‘schen Todestriebs als kritischen Hebel gegenüber dem Produktivitätsparadigma des Anti-Ödipus ansetzt.

Ohne die Uneinheitlichkeit in Freuds Konzeptionen des Todestriebs selbst zu unterschlagen, arbeitet Govrin eine bedeutsame Differenz zu dessen Rezeption im Anti-Ödipus heraus. Grundsätzlich, so zeigt sie, folgen Deleuze und Guattari Freud in der Annahme, der Eros ziele darauf, „immer größere Einheiten herzustellen und so zu erhalten, also Bindung“, während der Todestrieb darauf gerichtet sei, „Zusammenhänge aufzulösen und so die Dinge zu zerstören“.[5] Während Freud jedoch eine „Ebenbürtigkeit“ (S. 196) von Eros und Thanatos annehme, dementierten die Autoren des Anti-Ödipus deren Gleichursprünglichkeit in der Absicht, die Wirkungsweise des Todestriebs als Ergebnis repressiver gesellschaftlicher Prozesse auszuweisen. So erscheint Eros hier als eine „ontologisch primäre Kraft“ (S. 193), der Todestrieb hingegen als sekundär, als geschichtlich erzeugt, als Entfremdungsphänomen, als „Effekt der gesellschaftlichen Repression des Begehrens“ (S. 61). Gegen diese Unterscheidung zwischen einem primären „per se revolutionären Begehren“ und einem sekundären „per se reaktionären Todestrieb“ (S. 196) wendet Govrin ein, dass das Begehren nicht „einer Logik des Entweder/Oder“ folge und daher auch nicht „als rein mangelhaft oder rein produktiv betrachtet werden“ (S. 89) könne. Es seien, so heißt es unter Berufung auf Bataille, vielmehr „Doppeloperationen“ (S. 202), die das Begehren fundamental auszeichneten und sich in Dynamiken der Stabilisierung und Destabilisierung von Subjektivität bewegten. In Govrin‘schem Vokabular: zwischen Aufbegehren und Begierden. Der Todestrieb wird von ihr in dieses Spannungsverhältnis eingetragen. Hierfür identifiziert die Autorin zwei interagierende „thanato-ökonomische Arbeitsweisen“: zum einen ein Streben nach Stillstellung, Wiederholung, „Rückkehr zum todesstillen Zustand“ und zum anderen eines nach Entbindung, Zergliederung, Überschreitung, Destruktion (S. 181). In „fließenden Bewegungen von Wiederherstellung und Zersetzung“ zeichneten sich die dem Begehren innewohnenden „Dynamiken von Aufbegehren und Begierden“ ab (S. 198). Insofern also der Todestrieb „konservierend und transgressiv zugleich“ (S. 202) wirke, sei er – neben „seiner mechanischen Wiederholungsbewegung als Stillstellung“ – damit auch als Statthalter der Freud‘schen Konzeption des Sexuellen im Sinne eines „radikalen Streben nach Entbindung“[6] zu betrachten, welches „sich stets der normativen Zurichtung der Sexualität entzieht“ (S. 191). Govrin interpretiert den Todestrieb „in seiner zergliedernden Wirkung als dekonstruktive Kraft“ (S. 202) und schließt daraus, dass dieser „entgegen der Behauptung von Deleuze und Guattari […] nicht per se reaktionär ist“ (S. 171).

Diese Schlussfolgerung wird vor dem Hintergrund der – maßgeblich an Judith Butler anschließende – Annahme gezogen, dass Macht in ihrer Wirkung auf die Durchsetzung kohärenter Identitäten abzielt und Subversion dementsprechend auf deren Unterwanderung. Govrins Rehabilitierung des Todestriebs als gesellschaftskritischer Kategorie basiert wesentlich auf dieser Butler‘schen Denkweise von Macht und Subversion, wodurch das Potenzial psychoanalytischer Kategorien für kritische Analysen gegenwärtiger gesellschaftlicher Prozesse aus meiner Sicht unnötig beschränkt wird (s. u.).

Die Frage, „ob und wie sich die Thesen des Anti-Ödipus in der Post-68-Geschichte aktualisieren lassen“ (S. 286) steht im Zentrum der abschließenden „Konklusion“ der Studie. Anhand verschiedener Phänomene (zum Beispiel Onlinedating, Life-Coaching, Konzepte neoliberaler Wirtschaftspolitik, sexualpolitische Diskurse der Neuen Rechten) legt Govrin (unter anderem unter Rekurs auf Boltanski und Chiapello)[7] dar, inwiefern das Begehrensregime im Neoliberalismus Diversität und Differenz zum Zwecke der Kapitalakkumulation ideologisch einsetzt. Flexibilität, Selbstoptimierung, Mobilität, Authentizität, Individualität und Kreativität sind demnach zentrale Modi neoliberaler Subjektivierung und damit das Ergebnis eines fundamentalen Wandels im Spätkapitalismus: Während vormals die Subjekte unmittelbar zur Anpassung an fixe Identitäten aufgerufen worden seien, zeichne sich nun eine Verflüssigung von normativen Vorgaben und Identitätskonzepten ab, welche jedoch – unter Voraussetzungen kapitalistischer Ausbeutung und warenförmiger Vergesellschaftung – wiederum in Verhärtungen, Fixierungen, Stillstellungen, Schließungen münde. Macht realisiert sich dieser Auffassung nach in Form von Schließung, von Festschreibung der sich vervielfältigenden Identitäten. Die von Govrin herausgearbeiteten zwei Tendenzen des Todestriebs, die wiederholend-stillstellende und die transgressive, verhalten sich dabei konkordant zu dieser machttheoretischen Folie. Diese trägt gewissermaßen ihre These, transgressive Aspekte des Todestriebs würden belegen, dass der Todestrieb – und damit widerspricht sie einer grundlegenden Auffassung des Anti-Ödipus – nicht ‚per se reaktionär‘ sei.

Was somit wiederholt wird, sind dem Freud‘schen Todestrieb-Entwurf zufolge gerade nicht – dem Bewusstsein prinzipiell zugängliche – normative Anforderungen, ideologische Vorstellungen oder Identitätsentwürfe, sondern Unbewusst-Verdrängtes.

Govrins Interpretation zufolge beinhaltet die Freud‘sche Kategorie des Todestriebs in den Aspekten der Wiederholung und Stillstellung sowohl Elemente, die dem ‚Identitätsregime‘ Folge leisten als auch solche, die sich demgegenüber als widerständig erweisen. Diese – mit Hilfe des Begriffspaares Aufbegehren und Begierden vorgenommene – Einteilung verschiebt Freuds Konzeption in einem zentralen Punkt. Und zwar im Hinblick auf die Frage, was wiederholt wird. Nach meinem Verständnis ist es in Govrins Denkmodell der Todestrieb, der im Modus des Wiederholungszwangs die ideologische Anrufung des Subjekts im Sinne der normativen Festlegung auf eine kohärente Identität realisiert. In der psychoanalytischen Theoriegeschichte jedoch verweist der mit dem Todestrieb assoziierte Wiederholungszwang auf Traumatisches. Was somit wiederholt wird, sind dem Freud‘schen Todestrieb-Entwurf zufolge gerade nicht – dem Bewusstsein prinzipiell zugängliche – normative Anforderungen, ideologische Vorstellungen oder Identitätsentwürfe, sondern Unbewusst-Verdrängtes. Wie Zupančič unterstreicht, handelt es sich beim Todestrieb um etwas, das „überhaupt nie als eine Erfahrung registriert werden konnte“.[8] Konstitutiv für den Trieb ist dabei, mit Adorno gesprochen, eine „Zeche“,[9] die sich aus der (immer schon) gesellschaftlichen Konstituierung des Subjekts ergibt. Vergesellschaftung, mithin deren ideologische Mechanismen, bezeichnet so gesehen gerade nicht die Realisierung von Machtverhältnissen im Sinne einer restlosen Herstellung von Identität (des Subjekts mit sich und mit der gesellschaftlichen Apparatur). Aus dieser Perspektive tragen auch Tendenzen, die dieser Herstellung konflikthaft zuwiderlaufen, die nicht umstandslos in Identitäten festfrieren, gleichwohl zum Funktionieren gesellschaftlicher Machtmechanismen bei. Die Vernachlässigung der Kategorie des Unbewussten und mit ihr der Denkfiguren von Verdrängung und Konflikthaftigkeit erscheint mir als eine empfindliche Leerstelle in Govrins Adaption des Todestriebs. Gelingt es ihr in den Re-Lektüren der philosophischen Texte auf eindrückliche Weise, Widersprüchlichkeiten und Spannungsverhältnisse in begrifflichen Konstellationen offen zu legen, so werden diese in ihrer politischen Analyse eher eingeebnet. An Denkmodellen arbeitet sie feingliedrig heraus, inwiefern „trotz des emanzipatorisch-kämpferischen Assoziationsfelds von Aufbegehren“ die konservativen und transgressiven Tendenzen des Begehrens „nicht passgenau normativ besetzt“ sind (S. 315). Letzten Endes aber werden eben diese ‚Passungenauigkeiten‘, welche zurecht als Signum des Sexuellen verhandelt werden, in ein Schema eingepflegt, das jene tendenziell einebnet. So hält Govrin fest, gerade aufgrund dieser ‚Passungenauigkeiten‘ des Begehrens müsse zwischen links-progressiven und rechts-reaktionären Bewegungen anhand unterschiedlicher Arten des Begehrens unterschieden werden. Aufbegehren und Begierden assoziiert Govrin hier – wieder unter Rückgriff auf Butler – mit zwei „Bilder[n] des Politischen“: linke Politiken der Kontingenz als „Wunsch nach Wandel“ stehen Politiken des Ressentiments gegenüber, die das „Verlangen nach der Rückkehr zu einem verklärten Vergangenheitsideal und damit zu autoritären Strukturen, rigiden Geschlechterverhältnissen, konservativer Familienmoral und einer patriotischen bis völkisch-nationalistischen Gesinnung“ (S. 317) ausdrücken. Ihre zentrale These in diesem Zusammenhang lautet, Identität sei der ‚heimliche Treffpunkt‘, die gemeinsame ‚politische Recheneinheit‘ neoliberaler und rechts-autoritärer Ideologien – wenngleich in unterschiedlichen Formen: der neoliberalen multiplen und selbstoptimierten Individualität einer- und autoritär fixierter Positionen andererseits, welche sich beispielsweise in der Vorstellung von der heterosexuellen Familie als Schutzwall gegen linken ‚Genderwahn’ manifestierten. Emanzipatorisches Begehren hingegen sei in linken, kapitalismuskritischen Utopien am Werke, die auf Transgression dieser identitären Formationen abzielten.

Doch was besagt dies zum Beispiel im Hinblick auf das Phänomen, dass rechte Ideologien eines ‚Genderwahns‘ das Ideal der heterosexuellen Familie propagieren und sich zugleich als autoritär-antibürgerliche Revolte inszenieren? Oder dass etwa in linken Sexualpolitiken der Wunsch nach Überwindung herkömmlicher Sexualitätsentwürfe häufig gepaart mit rigiden Vorstellungen sexueller Unschuld und Reinheit auftritt? Zwar unterstreicht Govrin – gemäß ihrer Annahme, dass Begehren sich nicht in der Logik eines Entweder-Oders fassen lässt –, dass gleichwohl auch linkes Aufbegehren Aspekte der Begierde aufweisen kann, rechte Begierden wiederum auch Aspekte des Aufbegehrens involvieren. Und doch scheint die Zuordnung unterschiedlicher Begehrensformen zu rechten und linken Bewegungen eher der Frage nach der Bedeutung solcher doch mitunter unheimlichen ‚Mischungen‘ oder Naheverhältnisse auszuweichen. So liefert Govrins politische Analyse meinem Verständnis nach nicht wirklich eine Erklärung dieser widersprüchlichen Konstellationen und der (Mit-)Beteiligung sexueller Wünsche an ihrer Hervorbringung. Ich denke, dass sich in der Demarkationslinie zwischen einem Begehren, welches sich fügt, und einem, welches sich nicht fügt, das von Schmid Noerr in Bezug auf den Anti-Ödipus formulierte Problem eines Formalismus fortsetzt.

Davon unbenommen ist, dass die Lektüre von Govrins komplex angelegter, kreativer und kundiger Studie allen denjenigen ans Herz zu legen ist, die sich für die ebenso alte wie nach wie vor drängende Frage des Anti-Ödipus interessieren: „Wie kommt man dazu, die eigene Unterdrückung zu wünschen?“[10]

  1. Gilles Deleuze, Felix Guattari, Anti-Ödipus – Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt am Main 1977.
  2. Gunzelin Schmid Noerr, „Ethnologie des Unbewussten: Zum Anti-Ödipus“, in: Psyche 33 (12), 1979, S. 1149–1156, hier S. 1149.
  3. Ebd., S. 1154.
  4. Guy Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, Hamburg 2019.
  5. Sigmund Freud, Abriß der Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke XVII, Frankfurt am Main 1940a, S. 63–138.
  6. Jean Laplanche, Die unvollendete kopernikanische Revolution in der Psychoanalyse, Gießen 2005.
  7. Luc Boltanski, Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003.
  8. Alenka Zupančič, Freud und der Todestrieb, Wien 2018, S. 59.
  9. Theodor W. Adorno, Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie (1955), in: Soziologische Schriften I. Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt/Main 1997, S. 42–85, hier S. 61.
  10. Gunzelin Schmid Noerr, „Ethnologie des Unbewussten“, S. 1150.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Affekte / Emotionen Philosophie Politische Ökonomie Psychologie / Psychoanalyse

Sonja Witte

Sonja Witte ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im MA-Studiengang Kulturwissenschaften – Psychoanalyse und Kultur an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin sowie als freiberufliche Referentin und Lehrbeauftragte (u.a. an der Universität Bielefeld) tätig. Sie promovierte an der Universität Bremen, die Dissertationsschrift „Symptome der Kulturindustrie – Dynamiken des Spiels und des Unheimlichen in Filmtheorien und ästhetischem Material“ ist 2018 im transcript-Verlag erschienen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen (psychoanalytische) Subjekt-, Medien- und Kulturtheorie, Kritische Theorie sowie Sexualitäts- und Geschlechterforschung.

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