Alex Veit | Rezension |

Kein Fertigprodukt

Rezension zu „The Frontlines of Peace“ von Séverine Autesserre, „Sovereignty Sharing in Fragile States“ von John D. Ciorciari und „Schutzzone“ von Nora Bossong

In fremder Länder interne bewaffnete Konflikte einzugreifen, zumal mit militärischen Mitteln, ist aus der politischen Mode geraten. Zuletzt zog die NATO unter desaströsen Umständen aus Afghanistan ab. Doch bereits seit Jahren haben die Vereinten Nationen keine größere Friedensmission mehr auf den Weg gebracht. An bewaffneten Konflikten und Bürgerkriegen mangelt es derweil freilich nicht. Das Uppsala Conflict Data Program etwa weist auch in den neuesten Zahlen auf einen historischen Höchststand bewaffneter Konflikte hin. Statt aber Friedensmissionen beispielsweise nach Äthiopien oder in den Jemen auf den Weg zu bringen, wird in New York, Paris und Berlin vor allem darüber nachgedacht, wie bestehende Einsätze trotz des Verfehlens der eigenen Ziele gesichtswahrend zu Ende gebracht werden können. Ohne Zweifel steckt das international organisierte Peacebuilding, ob mit oder ohne Waffen, in einer (Sinn)Krise. Seit Langem thematisierte Fragen werden wieder neu gestellt: Kann von außen überhaupt Frieden herbeigeführt werden? Welche Ziele können realistisch betrachtet erreicht werden, welche nicht? Welche Instrumente und Ansätze haben sich bewährt und sollten weiter genutzt werden?

Auch in der akademischen Debatte um internationale Interventionen wird die Krise des Peacebuilding kontrovers diskutiert. Der kanadische Konfliktforscher Roland Paris etwa formulierte bereits 2010 in einem Aufsatz die Notwendigkeit, das liberale, von westlichen Staaten angetriebene Peacebuilding zu „retten“. Seiner Meinung nach galt es dafür, eine allzu radikale in konstruktive Kritik zu verwandeln, und weiter an der kontinuierlichen „Produktverbesserung“ der Peacebuilder zu arbeiten. Die britischen Forscher:innen Neil Cooper, Mandy Turner und Michael Pugh ernannten Paris in Reaktion auf diese Vorschläge mit leichtem Spott zum „last liberal peacebuilder“ und erwiderten in ihrer Replik, dass gerade eine radikale Überprüfung westlicher Rezepturen des aus Ihrer Sicht nur vermeintlich liberalen Peacebuilding notwendig sei. Dass die beiden Streitlager sich dies- und jenseits des Atlantiks formierten war dabei kein Zufall: Während in der anglophonen nordamerikanischen Forschung die Chancen des militärischen wie zivilen multilateralen Peacebuilding betont werden, neigen die Wissenschaftler:innen westeuropäischer Länder dazu, die ideologischen und praktischen Sackgassen des etablierten Peacebuilding herauszustreichen.

Die drei in dieser Sammelrezension besprochenen Bücher reihen sich in diese geografische Aufteilung der Forschungslandschaft ein: Stellvertretend für die affirmative und positivistische Seite steht John Ciorciari, Politikwissenschaftler an der University of Michigan, der mit der vergleichenden Studie Sharing Sovereignty in Fragile States eine optimistische Sicht auf die internationale Einmischung in Bürgerkriege und bewaffnete Konflikte vorlegt, und sich daran versucht, die grundlegenden Bedingungen für erfolgreiches internationales Engagement zu bestimmen. Die deutsche Autorin Nora Bossong, obgleich nicht aus der akademischen Forschung stammend, zeichnet in ihrem gut recherchierten Roman Schutzzone ein deprimierendes Bild der professionellen westlichen Peacebuilder, die längst den Glauben an die Sinnhaftigkeit ihres eigenen Tuns verloren haben. Gleichsam dazwischen verorten lässt sich die Politikwissenschaftlerin Séverine Autesserre, die in Frankreich aufgewachsen ist, aber seit ihrem Doktorat am New Yorker Barnard College lehrt. Autesserre verbindet in ihrem neuesten Buch The Frontlines of Peace die scharfe Kritik an institutionalisierten Ansätzen mit einem alternativen Entwurf, den sie offensiv mit einer amerikanisch anmutenden Yes we can-Haltung bewirbt.

Sharing Sovereignty in Fragile States von John Ciorciari greift einen Appell des amerikanischen Politikwissenschaftlers Stephen Krasner auf, der schon 2004 dafür plädierte, die souveränen Rechte „kollabierter“ und „fragiler“ Staaten im globalen Süden zu beschneiden und sie in bestimmten Bereichen einer internationalen Vormundschaft zu unterstellen. Im Kontext des War on Terror und der gerade erfolgten illegalen Besetzung des Iraks waren solche Ideen gerade in den USA diskursfähig und wurden in den renommiertesten Institutionen des Landes ernsthaft diskutiert. Der unverhohlen neoimperialistische Ton eines Vorschlags, der darauf hinausliefe, ehemalige Kolonien wieder durch westlich dominierte Administratoren zu regieren, störte auch die Freie Universität Berlin nicht. Letztere lud Krasner noch 2015 dazu ein, seine Thesen während eines langen Gastaufenthalts zu vertiefen.

Ciorciari, der in Krasners Forschungsarbeiten eingebunden war und mit ihm gemeinsam veröffentlicht hat, ist sich der Kritik am Konzept der „shared sovereignty“ bewusst und schreibt: „The very concept of shared sovereignty is extremely sensitive in the Global South, where colonial and imperial legacies loom large.” (S. 22) Entsprechend lang ist die Liste der Probleme, die Ciorciari bezogen auf den Ansatz geteilter Souveränität aufzählt: Fremdbestimmung, extrem ungleiche Machtbeziehungen, implizite geostrategische Motive, Paternalismus, unkontrollierte Machtfülle, Unkenntnis über den lokalen Kontext und die weithin sichtbare Ineffizienz der Arbeit internationaler (westlicher) Akteure. Trotz all dieser Aspekte, so der Autor, sei „shared sovereignty“ jedoch kein „normative non-starter“ (S. 24), denn letztlich seien viele internationale Interventionsprojekte von der jeweiligen Bevölkerung begrüßt worden, die den Machtmissbrauch der eigenen Regierung leid gewesen sei.

Wie diese Zustimmung durch die Bevölkerung fragiler Staaten unmittelbar nach oder sogar noch während des Andauerns bewaffneter Konflikte ermittelt werden kann, bleibt allerdings das Geheimnis des Autors. Ciorciari verweist zwar auf Surveys und Interviews, aus denen er die nachträgliche Legitimierung bestimmter Interventionsprojekte ableitet. Demokratische oder andere Formen gesellschaftlicher Willensbildung erwähnt er hingegen nicht, weil diese in der Regel auch nicht existieren. Die Problematik der eingeschränkten Souveränität verortet er einzig auf der Ebene des Staatsapparats. Dass die Übergabe von Souveränität die Norm der Selbstbestimmung „der Völker“ (und nicht nur ihrer Regierungen) verletzt, thematisiert Ciorciari hingegen nicht. Stattdessen behilft er sich mit einem Trick: Er fragt zugleich nach der Legitimität und Effizienz internationaler Eingriffe, und misst dann die eine Dimension mit der jeweils anderen. Output-Legitimität, sprich: die nachträgliche Legitimierung von Aktionen und Handlungen aufgrund guter Ergebnisse, speist sich aus einer guten Performance. Diese gute Performance wiederum hängt davon ab, dass die beteiligten Akteure dem Arrangement grundsätzlich zustimmen. Ergo ist von Legitimität auszugehen, insofern ein Interventionsprojekt als erfolgreich gewertet werden kann, und erfolgreiche Projekte produzieren diese Legitimität. Was ist also die zentrale Bedingung von gelungener „shared sovereignty“? Für Ciorciari sind es die „political foundations“ (S. 33) eines Arrangements: idealerweise die Übereinstimmung, zumindest jedoch eine hinreichende Überschneidung der Interessen von einheimischen Eliten und ihren ausländischen Partnern. Dass sich diese Interessen sehr häufig widersprechen und einheimische Eliten nur unter materiellem Druck in Interventionsprojekte einwilligen, erklärt für Ciorciari daher auch das Scheitern vieler Projekte.

Die Internationalisierung von Herrschaft im globalen Süden, die Ciorciari beschreibt und deren Effizienz er zu verbessern sucht, ist eine seit Langem bestehende Realität. Als Gegenstand seines Konzepts nennt der Autor jegliche Unterstützung, rangierend von Formen so genannter „technischer Assistenz“, also der klassischen Entwicklungshilfe, bis hin zur vollständigen Übernahme der Regierung durch internationale Administrationen. Letzteres ist seit dem Ende der Kolonialzeit eine Ausnahme geblieben. Um die Bedingungen von Effizienz und Effektivität gelingender und legitimer „shared sovereignty“ zu verdeutlichen, zieht Ciorciari vergleichend mehrere Fälle aus dem Bereich der Rechtsstaatlichkeit in insgesamt sechs Ländern heran: UN-gestützte Gerichte und Tribunale, in denen ausländische und einheimische Richter gemeinsam urteilen; eine internationale Polizeimission und eine Kommission gegen Straflosigkeit mit exekutiven Rechten und ein mehrjähriges Postkonflikt-Reformprogramm, bei dem internationales Personal Vetorechte über ökonomische Entscheidungen innehatte. Die Fallbeispiele sind also ausnahmslos solche – und das ist eine Stärke des Buches –, bei denen internationale Akteure in die Kernbereiche moderner Staatlichkeit eingreifen, nämlich in Gesetzes- und Geldfragen, und dabei weitgehende Entscheidungsbefugnisse für sich beanspruchen. Die Bilanz des Vergleichs fällt dabei überwiegend negativ aus, obgleich Ciorciari sich redlich bemüht, ermutigende Aspekte herauszuarbeiten. Ob in Sierra Leone, Kambodscha oder Guatemala: Ad-hoc-Strafgerichtshöfe und Polizeieinheiten, mitorganisiert von internationalem Personal, bleiben ineffektiv oder werden zu Werkzeugen innenpolitischer Auseinandersetzungen. Unter seinen Fällen wertet Ciorciari einzig die internationale Überwachung der zentralen Finanz- und Wirtschaftsinstitutionen in Liberia als einen Erfolg. Die zeitweilige De-facto-Rekolonisierung des hochverschuldeten Landes erlaubte es der neu ins Amt kommenden Regierung, Kontrolle über die bürokratischen Apparate zu erlangen. Ganz sicher ist sich Ciorciari allerdings auch hier nicht, denn er entwickelt keine Methode „to assess the extent to which the arrangement earned public legitimacy“ (S. 209). Stattdessen behilft er sich mit den Aussagen derjenigen, die selbst an dem Projekt beteiligt gewesen sind.

So kann auch Ciorciari das zentrale Rätsel des internationalen Interventionismus der letzten Jahrzehnte nicht auflösen: Internationale Akteure, ausgestattet mit erdrückenden finanziellen und militärischen Mitteln sowie scheinbar hervorragender Expertise, scheinen immer wieder ohnmächtig gegenüber den vorgefundenen Verhältnissen. Ciorciari sucht die Erklärung für diesen Umstand darin, dass die Interessen einheimischer Eliten nicht hinreichend mit den Zielen der internationalen Interventen übereinstimmen und die gemeinsamen Projekte hintertreiben. Mithin sind die internationalen Interventen für Ciorciari zwar guten Willens, aber ihrer gewaltigen Mittel zum Trotz doch oft zu schwach, um sich gegen einheimische Eliten durchzusetzen.

Mit dieser vermeintlichen Ohnmacht schlägt sich auch Mira herum, die Hauptfigur des Romans Schutzgebiete von Nora Bossong. Mira, eine Mitarbeiterin der Vereinten Nationen und professionelle Peacebuilderin, taumelt zunehmend verzweifelt ob der scheinbaren Nutzlosigkeit ihrer beruflichen Tätigkeit durch die Weltgeschichte. Das Friedenstiften will nicht gelingen, weder in Burundi noch auf Zypern noch anderswo. Zwischen den Gesprächen mit Warlords und Diplomat:innen, dem Schreiben folgenloser Berichte, dem Abhängen auf Expat[1]-Parties in Bujumbura und Rendezvous in teuren Genfer Bars verschwimmt für Mira die Zeit. Auch für den Leser fügen sich die vielen Zeit- und Ortssprünge nicht zu einer differenzierten Erzählung zusammen. Stattdessen gerinnen sie zu einer Masse aus Selbstzweifeln und Eintönigkeit eines letztlich ganz normalen Berufslebens an exotischen und/oder luxuriösen Orten. Selbst beim Sex oder während einer Gewalterfahrung bleibt Mira merkwürdig distanziert und unbeteiligt, obgleich sie konstant über sich und ihre Handlungen reflektiert. Wirklich interessiert ist Mira eigentlich nur an einer nicht verarbeiteten Kindheitserfahrung und dem Verhältnis zu Milan, ihrer wahlverwandten Bruderfigur und Affäre. Diese nur lose mit Miras Berufsleben verbundene zweite Erzählebene vermittelt den Eindruck, als böten die beruflichen Erlebnisse einer UN-Peacebuilderin letztlich nicht ausreichend literarischen Stoff für eine mitreißende Erzählung.

Was Bossong jedoch gekonnt herausarbeitet, sind die Dissonanzen zwischen den hehren Zielen der Friedensstifter:innen und ihrem bürokratischen Alltag zwischen Akten, von denen Mira nicht weiß, „wofür sie noch gut sein sollten, wofür sie je gut gewesen waren“, und zwischen dem Leben des gutverdienenden UN-Jetsets und der Armut und Gewalt, mit denen sie sich befassen. „Glauben Sie, dass wir etwas Gutes bringen?“, fragt sie einmal einen namenlosen Rezeptionisten in Bujumbura. „Sie sind die Einzigen, die dieses Hotel bezahlen können“, antwortet er. Dabei ist die Frage, ob die UN und ihre Akten etwas Gutes „bringen“ gar nicht zu beantworten, ohne genauer zu wissen, welche Effekte die Arbeit von Mira und ihren Kolleg:innen eigentlich hat. Sind die professionellen Peacebuilding-Organisationen vielleicht nur Scheinriesen, deren Eingriffe ins Weltgeschehen aus der Ferne betrachtet fundamental scheinen, weil sie das Selbstbestimmungsrecht fragiler Staaten in Frage stellen, deren Mittel und Wege aus der Nähe besehen aber tatsächlich folgenlos bleiben?

Dazu weiß der Roman letztlich wenig zu sagen. Auch über die Eindrücke derer, denen beim Umbau ihrer Gesellschaft geholfen werden soll, vermag die Erzählung keine Auskunft zu geben. Als Mira beispielsweise durch verschiedene Dörfer zieht, um für eine Wahrheitskommission Überlebende zu befragen, bleiben die Zeugen stumm, namenlos und außerhalb der eigentlichen Handlung. Die Dorfbewohner:innen bleiben bloße Kulisse einer Erzählung, deren Protagonistin sich in einer Nabelschau verliert. Von den Burunder:innen darf in Schutzzone nur ein international gesuchter mutmaßlicher Kriegsverbrecher selbst sprechen und Miras Selbstzweifel verstärken: „Mira, es ist ja hübsch, was Sie machen. Sie lassen die Leute ihre Geschichten erzählen. Das ist niedlich. Herzergreifend. Mehr nicht. Sie spielen die Richterin in einem Puppenstück. Oder ändert sich etwas, weil sie in die Dörfer gefahren sind?“ (S. 219) Vielleicht traute Bossong sich nicht zu, Substanzielleres über das Leben jenseits der elitären Clubs und Hotels in Bujumbura zu berichten. Es hätte der Erzählung wie auch der Arbeit der Protagonistin gut getan, mehr Interesse für die Objekte der Interventionen aufzubringen.

Solcherlei Desinteresse wirft die Politikwissenschaftlerin Séverine Autesserre den Mainstream-Praktiker:innen der Friedensstiftung insgesamt vor. Ihr Buch The Frontlines of Peace ist eine Abrechnung mit internationalen Expert:innen, die sich nicht für die Lebenswelten, Meinungen, vor allem aber auch für die agency lokaler Initiativen interessieren, die inmitten von Krieg und Gewalt auf eigene Faust für ein friedliches Zusammenleben streiten. Innerhalb der wissenschaftlichen Debatte um internationale Interventionen und Peacebuilding ist Autesserres schmales Buch eine prominente Neuerscheinung. Die Französin in New York erarbeitete sich mit ihren beiden Vorgängertiteln zur UN-Friedensmission in der Demokratischen Republik Kongo und zu Praktiken des Peacebuilding einen Ruf als innovative Forscherin. Bereits in diesen früheren Werken kritisierte sie das internationale Peacebuilding mit seinen Expert:innen, Routinen und Ritualen als „Peace Inc.“, gemeint als einen Betrieb mit eingefahrenen Handlungsroutinen, die unabhängig von den jeweiligen sozialen Kontexten von Bürgerkrieg zu Bürgerkrieg transportiert würden. Interventionsorganisationen, so Autesserre, überschätzten stets die Qualität ihres eigenen (technischen) Expertenwissens. Für die Geschichte, die Prozesse und die Strukturen der Gesellschaften, die sie befrieden wollen, interessierten sie sich im Einzelnen nicht. Mehr noch, kontextspezifisches Wissen werde durch die Einstellungs- und Karrierekriterien in internationalen Organisationen und NGOs sogar systematisch entwertet. In The Frontlines of Peace widmet sich die Autorin noch einmal ausführlich der Kritik an jener „Peace Inc.“, ohne dabei jedoch grundsätzlich Neues gegenüber ihren Vorgängerwerken zu Papier zu bringen.

Für diejenigen, die Autesserres Thesen bereits kennen, ist der Entwurf eines besseren Peacebuilding interessanter, den sie durchaus mitreißend beschreibt: „Bottom-up“ sollten die Peacebuilder arbeiten, auf die „grassroots“ schauen und hören. Nicht nur, um besser zu verstehen, in welche sozialen Gefüge sie eigentlich einzugreifen versuchen. Noch wichtiger, so Autesserre, sei auch ein verändertes Rollenverständnis. Demütiger sollten die internationalen Expert:innen werden, ihre Expertise nicht länger überschätzen, die lokalen Sprachen lernen, den Menschen, denen sie zu helfen meinen, Vertrauen schenken, und deren eigene Anstrengungen unterstützen, ohne sich selbst in den Vordergrund drängen zu wollen. Einerseits klingt das alles selbstverständlich, denn wer sollte besser verstehen, durch welche Impulse eine Gesellschaft einen friedlicheren Weg einschlagen kann, als diejenigen, die dauerhaft Teil dieser Gesellschaft sind und in ihr leben. Andererseits ist die Wortwahl Autesserres – „local people“, „grassroots“, „bottom-up“ – selbst durchsetzt von der hierarchischen Sprache der organisierten Entwicklungshilfe und des Peacebuilding, welche die Menschen im globalen Süden verniedlicht, verdinglicht und entpolitisiert.

Auch Autesserre trägt, wie Ciorciari, eine ganze Reihe von erhellenden Fallbeispielen zusammen, um ihre auf den ersten Blick unterkomplex klingenden Vorschläge zu illustrieren. Diese Beispiele zeigen, wie gesellschaftliche Gruppen selbst einen Weg aus der Misere suchen, und es ihnen teil- oder zeitweise auch gelingt: Die abtrünnige, international nicht anerkannte Republik Somaliland schafft es seit Langem, sich aus den endlosen bewaffneten Konflikten im Rest Somalias herauszuhalten und dabei sogar eine relativ gut funktionierende, allerdings zutiefst patriarchale Demokratie zu etablieren; in Kolumbien gelingt es einigen Dörfern, durch strikte räumliche Abgrenzung und soziale Schließung den jahrzehntelangen Bürgerkrieg aus ihrer Gemeinschaft fernzuhalten; auch im Kongo gibt es, zum Teil buchstäblich, Inseln des Friedens inmitten der vorherrschenden Konflikte um Land und Bodenschätze, die vor allem durch die Deliberation unter den Einheimischen entstanden sind. Ciorciaris Vorschlag, Peacebuilder sollten weiterhin mit den einheimischen Eliten über Waffenstillstände, Friedensverträge oder Sondergerichtshöfe für Kriegsverbrecher verhandeln, lehnt Autesserre nicht grundsätzlich ab. Im Gegenteil, die Autorin beteuert, „Top-down“ und „Bottom-up“-Peacebuilding könnten sich sinnvoll ergänzen, sofern sich die internationalen Expert:innen nicht zu Komplizen bei der Entmündigung kriegsbetroffener Gesellschaften machten.

Autesserres positiven Geschichten ist gemein, dass einige professionelle Peacebuilder einen kleinen, aber durchaus wichtigen Teil zu diesen Erfolgen beigetragen haben: Sie hörten über lange Zeit vor allem zu, überließen den betroffenen Menschen selbst die Initiative, fragten, welche Art der Unterstützung benötigt wird, und ließen sich darauf auch tatsächlich ein. Um derlei Maßnahmen ergreifen zu können, müssten Peacebuilder aber aus dem bürokratischen Korsett bestehend aus Projektlaufzeiten, Mittelverwendungsrichtlinien und Evaluierungsbögen befreit werden. Und hier offenbart sich ein entscheidender Unterschied: Das bürokratische und elitäre Peacebuilding, welches von Bossong beschrieben wird und das Ciorciari verbessern will, betreibt eine Internationalisierung von Herrschaft, die nicht staatliche Souveränität, sondern vor allem gesellschaftliche Selbstbestimmung hintertreibt. Autesserre hingegen fordert gleichsam eine Demokratisierung der Friedensstiftung. Denn dem professionellen Peacebuilding wird zwar unterstellt, es verfolge liberale und demokratische Ziele. Die Mittel, die es gegenwärtig dazu einsetzt, sind in der Regel jedoch beides nicht. Stattdessen wird Frieden als ein fertiges Produkt präsentiert und illusioniert, und nicht als ein Prozess, bei dem Gesellschaften immer wieder neu ihr Selbstverständnis, ihre Konfliktlinien und ihre internen Machtbeziehungen ausloten müssen. Die Aufgabe internationaler Akteure in diesem Prozess wäre es, die agency derjenigen gesellschaftlichen Akteure zu stärken, deren Ziele man teilt, statt die Wege dorthin vorgeben zu wollen.

  1. Als „Expats“ (kurz für Expatriates ) bezeichnen sich insbesondere die ausländischen Entwicklungs- und Friedensexpert:innen in Ländern des globalen Südens.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Demokratie Gewalt Globalisierung / Weltgesellschaft Kolonialismus / Postkolonialismus Militär Politik Politische Theorie und Ideengeschichte Recht Staat / Nation

Alex Veit

Dr. Alex Veit lehrt und forscht am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien (InIIS) der Universität Bremen. Seine Arbeit befasst sich unter anderem mit den Möglichkeiten und Grenzen der Verwaltung des globalen Südens durch internationale Organisationen.

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