Thorsten Peetz | Rezension |

Klassifikationslagen

Rezension zu „Zählen, benennen, ordnen. Eine Soziologie des Unterscheidens“ von Marion Fourcade

Marion Fourcade:
Zählen, benennen, ordnen. Eine Soziologie des Unterscheidens
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Deutschland
Hamburg 2022: Hamburger Edition
148 S., 25,00 EUR
ISBN 978-3-86854-364-3

Die Forschung von Marion Fourcade hat sich im Laufe der vergangenen 10 Jahre in zwei Richtungen weiterentwickelt. Zum einen hat sich ihr Interesse von der Bewertung und Kategorisierung von Waren[1] und der Natur[2] hin zum Phänomen der (moralischen) Bewertung von Personen[3] verschoben. Zum anderen fokussiert sie zunehmend die Folgen der Digitalisierung,[4] wobei sie sich insbesondere für Fragen von Ungleichheit und Inklusion interessiert.[5] Mit Zählen, benennen, ordnen. Eine Soziologie des Unterscheidens liegt nun eine Übersetzung von drei Artikeln aus diesem Werkzusammenhang vor.

Ein Verdienst des Bandes besteht darin, dass er die thematischen Verbindungen zwischen den Aufsätzen aufzeigt und den theoretischen Bezugsrahmen, der ihnen zugrunde liegt, hervortreten lässt. Fourcade geht es, anders als der Untertitel andeutet, nicht um eine Sozialtheorie des Unterscheidens, wie sie etwa die Forschung des Mainzer Sonderforschungsbereichs zur „Humandifferenzierung“[6] anleitet. Bei den Artikeln handelt sich vielmehr um gesellschaftstheoretische Essays, die einen fundamentalen Strukturwandel moderner Gesellschaften thematisieren. Ihre Fragestellung lautet: Wie tragen digitalisierte Formate der Bewertung und Kategorisierung zum Wandel der Ungleichheitsstruktur der Gesellschaft bei?

Der eröffnende Essay bereitet die gesellschaftstheoretischen Überlegungen vor, indem er drei Formen „klassifikatorischer Urteile“ (S. 8) unterscheidet: Nominale Urteile sind qualitative Unterscheidungen von Typen beziehungsweise Arten, die Individuen und Dinge mittels „Interpretationsakte[n] zur kategorischen Zugehörigkeit“[7] (S. 9) sortieren. „Kardinale Urteile“ (S. 11) sind auf die Feststellung quantitativer Differenzen, also auf die Unterscheidung von Größen ausgerichtet. „Ordinale Urteile“ (S. 13) schließlich beinhalten nicht nur die Feststellung von qualitativer Verschiedenheit und begnügen sich auch nicht mit der Diagnose von Größenunterschieden. Sie interpretieren Differenzen vielmehr als Ungleichwertigkeiten. Es geht entsprechend um die „Unterscheidung von (mindestens) zwei Ebenen, von einem höchsten und einem niedrigsten Rang, von Oben und Unten.“ (S. 13)

Real existierende Unterscheidungen halten sich natürlich nicht an die klaren Grenzen, die die Typologie zieht: „In der Wirklichkeit findet ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens auf der ganzen Welt in den Überschneidungen zwischen Art- und Werturteilen statt.“ (S. 17) Typologien dieser Art eröffnen aber Möglichkeiten, Ungleichwertigkeiten zu de-naturalisieren. Und zwar indem sie die Frage aufwerfen, wie Ungleichheiten zu Ungleichwertigkeiten werden.[8] Diesen Schritt geht Marion Fourcade in den vorliegenden Arbeiten jedoch nicht. Sie hält es mit der Kategorisierungsforschung – explizit mit Bowker und Star[9] – und plädiert eher für eine enge faktische Kopplung von nominalen und ordinalen Urteilen, denn für das Hinterfragen ihres Zusammenhangs.

Fourcade wendet die Typologie gesellschaftstheoretisch, indem sie gesellschaftliche Entwicklungen an den Gebrauch von und die Auseinandersetzung mit Urteilen rückbindet. So handelt es sich beim Minderheitenschutz etwa um eine Politik, die auf Nominalisierung beruht (S. 20); Identitätspolitiken, die von „dominante[n] Gruppen“ wie von „beherrschte[n] Bevölkerungsgruppen“ ausgehen können, stellen Auseinandersetzungen um Ordinalisierung (S. 21 f.) dar; und alle möglichen Formen von Scores und Rankings können als Mechanismen der Ordinalisierung verstanden werden, die – zumindest auf dem Papier – versuchen, Probleme der Kategorisierung zu umgehen.

Der gemeinsam mit Kieran Healy verfasste Beitrag mit dem Titel Aus der Sicht des Marktes („Seeing like a Market“) steht zu Recht im Zentrum des Buchs. Denn hier entwickeln die Autor:innen die These, dass im Zuge der Entwicklung und Durchsetzung neuer Bewertungsverfahren und -technologien „das Aufkommen und die Konsolidierung eines neuen Regimes moralisierter sozialer Klassifikation“ (S. 45) zu beobachten sei. Immer mehr Daten würden immer umfassender ausgewertet und mit moralischen Urteilen über Personen verknüpft. Dies produziere „Klassifikationssituationen“ – theoretisch genauer: Klassifikationslagen[10] –, die jeweils unterschiedliche Lebenschancen böten. Die Positionierung innerhalb einer Klassifikationslage sei abhängig von der jeweiligen Ausstattung mit „Überkapital“. Darunter verstehen Fourcade und Healy „eine Kapitalform“, die auf der Grundlage von „Scoring-, Gradierungs- und Rankingmethoden“ entsteht, „Individuen algorithmisch zugewiesen“ wird und einen „generalisierten oder transzendierten Meta-Charakter“ hat (S. 55):

„Wir können uns das Überkapital so vorstellen, dass es aus sämtlichen über eine Person verfügbaren digitalen Informationen besteht und die Gesamtheit ihrer Beziehungen umfasst, die durch digitale Spuren zum Ausdruck kommen und durch Scoring- und Ranking-Methoden geordnet und nachverfolgbar gemacht werden. […] Jenen, die es ansammeln, erwachsen daraus Vorteile, wie bessere Preise, bessere Dienstleistungen, mehr Beachtung und eine höhere Stellung auf den Märkten.“ (S. 65)

In diesem Sinne ist Überkapital – wie die Autor:innen selbst hervorheben – ein Produkt soziologischer Vorstellungskraft, es „existiert vorwiegend als Potenzial“ (S. 65), indem es „Fragmente und Teilstücke einer möglichen Zukunft“ (S. 80) abbildet. Die Argumentation gerät dabei an manchen Stellen etwas dystopisch. Ein Beispiel:

„Zunehmend sieht der Markt Personen von innen, misst ihre Körperwerte und Gefühlszustände und beobachtet, wie sie sich in ihrem Zuhause, im Büro oder im Einkaufszentrum bewegen. Das treibt Firmen weg von einer (selbst höchst zielgruppengenauen) Werbung hin zu einem Modell, das Menschen dynamisch klassifiziert und in dem deren bestehende Klassifikationssituation weitere diverse Anwendungen in der Zukunft ermöglicht.“ (S. 76)

Während ich diesen Satz schreibe, zeigt meine Smartwatch einen Puls von 80 Schlägen pro Minute an und ich gehe davon aus, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass diese Daten nicht nur von mir (und in diesem Moment Ihnen) gelesen werden. Die technologischen Voraussetzungen für eine umfassende Beobachtung der Menschen, die auch das Private miteinschließt, sind also sicherlich gegeben. Dass das internet of things[11] diese Beobachtungsmöglichkeiten noch einmal deutlich vergrößern wird, ist absehbar. Aber wer oder was beobachtet hier eigentlich? „Der Markt“ oder „Firmen“, also letzten Endes Organisationen, die sich ja gerade nicht durch die Durchlässigkeit ihrer Grenzen und den freien flow von Informationen über diese hinweg auszeichnen. Wie könnten solche Daten über Organisationsgrenzen hinweg so synthetisiert werden, dass tatsächlich sozialstrukturell unterscheidbare Klassifikationslagen entstehen? Ein solche übergreifende Synthetisierung beziehungsweise Aggregation von Daten, mit der gleichzeitig auch differenzierte Lebenschancen verknüpft sind, ist gegenwärtig noch nicht einmal dort umsetzbar, wo aktiv danach gestrebt wird: Selbst das von der Volksrepublik China angestrebte umfassende Social Credit System ist noch nicht vollständig realisiert.[12]

Der dritte Beitrag des Buches befasst sich mit Ordinale[r] Bürgerschaft und variiert das Thema „soziale Ungleichheit“ durch eine Auseinandersetzung mit Fragen der Inklusion. Hier ist die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dass der Zugang von Personen zu Ressourcen ebenso digital vermittelt ist, wie ihre Lebenschancen: „Digitalität ist [...] zu einer weiteren Dimension moderner Bürgerschaft geworden“ (S. 91), die den Staat in seiner Funktion als Inklusionsmaschine allerdings geflissentlich ignoriert. Digitale Inklusion sei „in der Ordinalität angesiedelt“ (S. 104). Sie verbinde individualisierende Beobachtung mit dem „demokratische[n] Versprechen, Individuen auf eine nominell egalitäre Weise zu beurteilen“ (S. 107) und der Reproduktion von „kategorischen [sic!] Ungleichheiten, die sie vermeiden sollte“ (ebd.). Dies sei in den Beobachtungsformaten selbst angelegt:

„Ganz gleich, welchem eigentlichen Zweck sie dienen, sind soziale Vergleichs- und Sortiertechnologien ihrem Wesen nach hierarchisch. Letztendlich produzieren sie immer Standards, was moralisch verdienstvoll und gesellschaftlich erwünscht ist.“ (S. 108)

Man entkommt Fourcade zufolge der moralischen Bewertung also nicht, wenn man Personen beobachtet, unterscheidet, vergleicht. Aber warum eigentlich? Liegt es daran, dass diese Operationen immer von Akteuren vollzogen werden, die Teil des Unterschiedenen sind?[13] Oder daran, dass soziale Asymmetrisierung sich an Vertikalität in der „physischen Welt“, wie zum Beispiel Größenunterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern, anlehnen kann?[14] Ihre Ausgangsunterscheidung von nominaler, kardinaler und ordinaler Unterscheidung stampft Fourcade so jedenfalls wieder ein und vertut damit auch die Chance, Ordinalisierung zu de-naturalisieren.

Wie sieht sie aus, die ordinalisierte Ungleichheitsstruktur digitalisierter Gesellschaften? In den im Buch versammelten Arbeiten macht Marion Fourcade diesbezüglich lediglich Andeutungen, etwa wenn sie vom „Lumpenscoretariat“ (S. 102, Hervorh. i. O.) spricht, der Klasse derjenigen, deren Credit Score größere Ausgaben nicht zulässt. In einem mit Jenna Burrell verfassten Aufsatz zur „society of algorithms“ wird hingegen eine Unterscheidung von „coding elite“ und „cybertariat“ eingeführt.[15] Einander gegenüber stehen sich hier ein kleiner Kreis technologischer Spezialisten, der unter Berufung auf die Effizienz digitaler Lösungen den klassischen Professionen die Aufgabenfelder streitig macht, und die Masse derer, die durch kleinteilige Arbeit den Schein artifizieller Intelligenz aufrecht beziehungsweise die Plattformökonomie am Laufen halten. Aktualisieren digitale Bewertungs- und Klassifikationspraktiken also einfach den Klassenantagonismus? Sind Klassifikationslagen doch nur Klassenlagen? Und wenn dem so ist, wie funktioniert der Mechanismus, der den Markterfolg der Coder:innen in ihre Klassifikationslage übersetzt (und/oder umgekehrt)? Diese Fragen bleiben im Buch unbeantwortet. Vielleicht können sie auch erst dann empirisch fundiert bearbeitet werden, wenn sich der, auch durch diskursive Nebelkerzen produzierte, Dunst der digitalen Transformation verzogen hat. Der soziologischen Vorstellungskraft Marion Fourcades ist es jedenfalls zu verdanken, dass sie die Aufmerksamkeit auf den gesellschaftstheoretischen Zusammenhang von Digitalisierung, Bewertung und Ungleichheit lenkt. Es ist nun Aufgabe der Forschung, die aufgezeigten Entwicklungsmöglichkeiten mit den beobachtbaren Veränderungen der Sozialstruktur abzugleichen.

  1. Marion Fourcade, The vile and the noble: On the relation between natural and social classifications in the french wine world, in: Sociological Quarterly 53 (2012), S. 524–545.
  2. Marion Fourcade, Cents and sensibility: Economic valuation and the nature of 'nature', in: American Journal of Sociology 116 (2011), S. 1721–1777.
  3. Marion Fourcade, Ordinalization: Lewis A. Coser Memorial Award for theoretical agenda setting 2014, in: Sociological Theory 34 (2016), S. 175–195.; Marion Fourcade / Kieran Healy, Classification situations: Life-chances in the neoliberal era, in: Accounting, Organizations and Society 36 (2013), S. 559-572, Marion Fourcade / Kieran Healy, Seeing like a market. In: Socio-Economic Review 15 (2016), S. 9-29.
  4. Jenna Burrell / Marion Fourcade, The society of algorithms, in: Annual Review of Sociology 47 (2021), S. 23.1–23.25.; Marion Fourcade / Fleur Johns, Loops, ladders and links: The recursivity of social and machine learning. In: Theory & Society (2020); Marion Fourcade / Daniel N. Kluttz, A Maussian bargain: accumulation by gift in the digital economy, in: Big Data & Society 7 (2020).
  5. Marion Fourcade, Ordinal citizenship, in: British Journal of Sociology (2020).
  6. Didek Dizdar et al. (Hg.), Humandifferenzierung. Disziplinäre Perspektiven und empirische Sondierungen, Weilerswist 2021; Stefan Hirschauer (Hg.), Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung, Weilerswist 2017.
  7. Im Original „categorical fitting“ (Fourcade 2016: 116), vielleicht besser als „kategoriale Einordnung“ zu übersetzen.
  8. Thorsten Peetz, Elemente einer Soziologie der Bewertung, in: Frank Meier / Thorsten Peetz (Hg.), Organisation und Bewertung, Wiesbaden 2021, S. 25–47.
  9. Geoffrey C. Bowker / Susan Leigh Star, Sorting things out. Classification and its consequences, Cambridge 1999.
  10. Begrifflich schließt dieser Begriff, wie Fourcade und Healy (Fourcade/Healy, Classification situations, S. 560) an anderer Stelle ausführen, an Max Webers (Wirtschaft und Gesellschaft, 1972, S. 177 ff.) Klassentheorie an. In der amerikanischen Übersetzung von Wirtschaft und Gesellschaft (Economy and society, Berkeley 1978) wird „Klassenlage“ als „class situation“ übertragen. Klassifikationssituationen wären damit wohl besser als Klassifikationslagen übersetzt.
  11. Deborah Lupton, The internet of things: Social dimensions, in: Sociology Compass 14 (2020), S. e12770.
  12. Jonathan Bach, Merit, morality, and market. The Chinese social credit experiment, in: David Stark (Hg.), The performance complex: Competitions and valuations in social life, Oxford 2020, S. 228–240; Chuncheng Liu, Multiple social credit systems in China, in: Economic Sociology. European Electronic Newsletter 21 (2019), S. 22-32.
  13. Stefan Hirschauer, Un/doing Differences. Die Kontingenz sozialer Zugehörigkeiten, in: Zeitschrift für Soziologie 43 (2014), S. 170–191, hier S. 174.
  14. Schwartz, Barry (1981): Vertical classification. A study in structuralism and the sociology of knowledge. Chicago: University of Chicago Press, S. 80, 115.
  15. Burrell/Fourcade, The society of algorithms.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Daten / Datenverarbeitung Normen / Regeln / Konventionen Soziale Ungleichheit Wissenschaft

Thorsten Peetz

Dr. Thorsten Peetz ist Privatdozent am Institut für Soziologie der Universität Bremen und vertritt gegenwärtig die Professur für Soziologie, insb. Soziologische Theorie an der Universität Bamberg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Soziologische Theorie, Organisations-,Medien- und Kultursoziologie sowie die Soziologie der Bewertung.

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