Ann Oakley, Marc Ortmann | Interview |

Kommunikation, politische Relevanz, literarische Gleichberechtigung

Ann Oakley im Gespräch mit Marc Ortmann

In einem unserer Vorgespräche erwähnten Sie, dass Sie sich selbst als Schriftstellerin (writer) begreifen. Was bedeutet Schreiben für Sie?

Schreiben ist ein zentraler Teil meiner Identität. Ich habe immer geschrieben, schon als kleines Kind, eine Angewohnheit, die dadurch verstärkt wurde, dass ich keine Geschwister hatte. Damals war es eine Form der Selbstentfaltung. Ich erinnere mich auch an eine tiefe, frühe Faszination für Wörter und die Art und Weise, wie sie sich zu wichtigen Botschaften und Erzählungen zusammenfügen. Als Teenager schrieb ich zu jedem Thema lange literarische Aufsätze und wurde von meinen Lehrer:innen dafür kritisiert, eine offensichtlich größere Faszination für Wörter als für das spezifische Thema zu haben. Eine lehrreiche Lektion war es, als mich mein Englischlehrer zurechtwies, dass niemand sagen dürfe, er oder sie möge Jane Austen nicht (was ich tat und immer noch tue). Wer weiß, vielleicht war dieser spezielle Aufsatz ein frühes Beispiel für einen Anti-Text?[1]

Heute bedeutet Schreiben für mich vier Dinge: ein Ausdruck meiner Persönlichkeit, ein Kommunikationsmittel, ein politischer Akt und eine Kunstform. Das gilt für mein gesamtes Schreiben, ob es nun ‚soziologisch‘ oder ‚literarisch‘ ist.

Spielt Lesen für Sie eine ähnlich zentrale Rolle wie das Schreiben?

Lesen und Schreiben sind für mich völlig unterschiedlich, abgesehen davon, dass ich ohne beides nicht leben könnte. Lesen gibt mir Ideen für das Schreiben und eröffnet mir selbstverständlich neue Welten (nur viel weniger, jetzt wo ich fast achtzig Jahre alt bin und viele Bücher gelesen habe). Außerdem lese ich zum Teil auch zur Ablenkung (ich mag vor allem Scandi Noir), während Schreiben für mich immer ernst ist.

In Ihren Arbeiten finden sich zwei unterschiedliche Weisen, das Soziale zu untersuchen und zu beschreiben, zum einen methodisch-soziologisches und zum anderen literarisches Schreiben. Worin unterscheidet sich das soziologische vom literarischen Schreiben?

Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden Formen des Schreibens besteht darin, dass Letzteres keine Fußnoten benötigt! (Tatsächlich habe ich einmal eine Kurzgeschichte mit einer einzigen Fußnote veröffentlicht.) Natürlich gibt es noch weitere Unterschiede. Soziologisches Schreiben erfordert Aufmerksamkeit für die reale Alltagswelt (oder unsere Interpretation davon). Literarisches Schreiben besitzt keine solche Einschränkung. Es kann von jeder beliebigen Welt handeln. Aber beide Formen des Schreibens haben das Kriterium gemeinsam, dass sie authentisch sein müssen; das heißt, sie müssen eine Geschichte erzählen, die für die Leser:innen einen Sinn ergibt, mit der sie sich identifizieren können. Das Erzählen einer Geschichte (story-telling) ist bei beiden eine wichtige Voraussetzung. Ein Bericht über ein Forschungsprojekt zum Beispiel muss eine Geschichte über die Forschung erzählen: Worum es ging, was der Zweck war, wie die Forschung durchgeführt wurde und was sie ergeben hat. Ein Roman muss eine Geschichte mit einer Handlung und Figuren erzählen, die als Ganzes zusammenhängen. Dennoch können beide Arten des Schreibens von denselben Themen handeln. Die meisten Geschichten in meinen sieben veröffentlichten Romanen handeln von denselben Themen wie meine Forschung: Geschlechterbeziehungen, Familie, Fortpflanzung, patriarchale Autorität, die Bedeutung von Universitäten, Wissenschaft, Gemeinschaft und Freundschaft. Es gibt sogar einen Roman, der einen Auszug aus der Transkription eines Forschungsinterviews enthält. (Doch das hat bisher noch niemand bemerkt!)

Außerdem würde ich sagen, dass für beide Formen des Schreibens die Notwendigkeit besteht, gut gemacht zu sein. Viel zu viele soziologische Texte sind langatmig, unbeholfen und sogar grammatikalisch falsch. Lange Sätze, die zwei- oder dreimal gelesen werden müssen, bevor man sie versteht, sind weitverbreitet. Es werden komplizierte Wörter und Begriffe verwendet, obwohl einfache Formulierungen viel besser geeignet wären. Diese Liste ließe sich noch lange weiterführen.

Haben Sie jemals die Erfahrung gemacht, dass die beiden Arten des Schreibens einen Gegensatz darstellen? Oder waren sie leicht zu kombinieren? Sie sprachen von denselben oder ähnlichen Themen in Ihren Romanen und in Ihren Recherchen: Gab es da vielleicht sogar fruchtbare Verbindungen?

Fruchtbare Verbindungen: auf jeden Fall – in beide Richtungen. Sachbücher liefern mir Geschichten, die ich ausarbeiten oder umwandeln kann. Belletristik lässt mich Fakten in einem anderen Licht sehen.

Im Vorwort zu The Rights and Wrongs of Women (1976) schrieben Sie über das Genre der Anti-Texte (anti-texts), zu dem diese Publikation ebenso gehörte. Was bedeutete damals das Verfassen von Anti-Texten, die den vorherrschenden Geschlechterverhältnissen widersprachen?

Die Passage über Anti-Texte in The Rights and Wrongs of Women stammt von meiner Mitherausgeberin Juliet Mitchell, die viel stärker in die Bewegung der Neuen Linken involviert war als ich. Als das Buch 1976 veröffentlicht wurde, gab es relativ wenig seriöse Literatur über die Stellung der Frau und die Geschlechterverhältnisse. Sowohl Juliet als auch ich waren stark in der Frauenbefreiungsbewegung engagiert, sodass die Zusammenstellung dieses Buches eine sinnvolle Erweiterung unserer politischen Aktivitäten war.

Was sehen Sie heute als Aufgabe oder Notwendigkeit von Anti-Texten?

Was die Geschlechterfrage betrifft, so sind wir an einem weiteren Punkt angelangt, an dem Anti-Texte notwendig sind. Die gegenwärtige Geschlechter- und Genderpolitik ist ärgerlich, verwirrend, mystifizierend und ablenkend. Als Autorin des Buches Sex, Gender and Society (1972), der zugeschrieben wird, die Unterscheidung zwischen biologischem (sex) und sozialem Geschlecht (gender) in die Alltagssprache eingeführt zu haben, habe ich mich in den jüngsten Debatten aus Selbstschutz zurückgehalten, aber ich freue mich, dass neue Anti-Texte auftauchen, die das Durcheinander beseitigen und zur Wissenschaft zurückkehren, zum Beispiel Sex and Gender (2023), herausgegeben von Alice Sullivan und Selina Todd.

Dieselbe Notwendigkeit für Anti-Texte besteht auch bei einem anderen, verwandten Thema, mit dem ich mich in meiner Arbeit intensiv beschäftigt habe: der Methodologie. Es ist der Mythos entstanden, dass feministische Soziolog:innen qualitative Ansätze im Gegensatz zum quantitativen Mainstream-Modell verwenden. Die feministische Soziologie ist ungerechtfertigterweise grob (und zum Teil auch verwirrt), wenn es um die Nachteile der quantitativen Sozialwissenschaft geht.

Abschließend möchte ich in meiner Antwort auf diese Frage die dringende Notwendigkeit von Anti-Texten erwähnen, die die Geschichte der Sozialwissenschaft neugestalten. Ein großer Teil meiner eigenen jüngsten Arbeit hat die Standarderzählung infrage gestellt, nach der Männer in Chicago und an der LSE in London die Soziologie erfunden haben, inklusive all der Forschungsmethoden, die mit der Disziplin in Verbindung gebracht werden. Es gibt eine verborgene Geschichte von Frauen, die – als Teil einer internationalen Bewegung – sowohl Theorie als auch Methoden der Sozialwissenschaft unabhängig und früher entwickelt haben. Mein neuester Anti-Text in diesem Bereich wird dieses Jahr veröffentlicht: The Science of Housework. The Home and Public Health 1880–1940. Darin untersuche ich, wie sowohl feministische Wissenschaftler:innen als auch Mainstream-Epidemiolog:innen und -Soziolog:innen die internationale Bewegung zur Aufnahme der Haushaltswissenschaft in das Curriculum ignoriert haben, und welche Auswirkungen diese Bewegung auf die Verbesserung der Lebensqualität und -quantität im frühen 20. Jahrhundert hatte.

In Ihrem neuesten Anti-Text untersuchen Sie somit die Ignoranz der Akademie gegenüber der internationalen Bewegung. Warum wurde die internationale Bewegung ignoriert? Und welche Bedeutung haben Anti-Texte, die die offizielle Geschichtsschreibung infrage stellen?

Viele internationale Bewegungen werden ignoriert, weil die Menschen eine Vorliebe für nationalistische und koloniale Narrative haben. Bei allem, was mit Frauen zu tun hat, wird eine internationale Bewegung als Verschwörung gelesen und deshalb beiseitegeschoben.

Ann, was würden Sie aus Ihrer Expertise an der Schnittstelle von Literatur und Soziologie, von Beschreibung und Kritik des Status Quo sagen: Wo liegt heute die Aufgabe des Schreibens?

Die Aufgabe des Schreibens heute? Nun, ich sehe sie nicht anders als die Aufgabe des Schreibens in der Vergangenheit: Kommunikation, politische Relevanz, literarische Gleichberechtigung. Außer vielleicht, dass es jetzt etwas ist, das wir organisieren müssen, um daran festzuhalten. Heute ist so viel ‚Kommunikation‘ flüchtig: Weise Worte mögen auch heute gesprochen werden, aber sie verschwinden in der Versenkung der Sozialen Medien. Ich stelle fest, dass wir in dem Forschungszentrum, in dem ich am University College London arbeite und das derzeit umgestaltet wird, nur noch ein halbes Regal für unsere Bücher zur Verfügung haben.

Sie sprechen vom Verlust traditioneller Formen des Forschens, Lesens und Schreibens. Was sind die Folgen der neuen Arbeitsweisen?

Wer weiß das schon?! Ich befürchte, dass sich die Jüngeren an keine anderen als diese flüchtigen Zeiten erinnern werden und daher nicht mehr wissen können, wie wichtig es ist, wirkliche Bücher zu lesen und richtige Unterhaltungen mit echten Menschen zu führen.

  1. Mit dem Genre der Anti-Texte (anti-texts) sind Texte gemeint, die der etablierten Auslegung von Phänomenen, Gruppen, Bewegungen oder dem Sozialen im Allgemeinen – beispielsweise der Stellung der Frau – widersprechen und den ideologischen Charakter solcher Auslegungen herausarbeiten und kritisieren. Juliet Mitchell und Ann Oakley definierten Anti-Texte in ihrer Arbeit folgendermaßen: „a text that could be set against the ideological message of orthodox literature on the position of women֧“. Dies., The Rights and Wrongs of Women, New York 1976, S. 7.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Feminismus Gender Kommunikation Kunst / Ästhetik Universität Wissenschaft

Abbildung Profilbild Ann Oakley

Ann Oakley

Ann Oakley ist Professorin für Soziologie und Sozialpolitik am University College London (UCL). Sie ist seit fast sechzig Jahren in der sozialwissenschaftlichen Forschung tätig und hat sich auf Geschlechtersoziologie, insbesondere die Themen Frauengesundheit und Hausarbeit, sowie sozialwissenschaftliche Methodik spezialisiert. Sie gründete zwei Forschungsgruppen am UCL und publizierte zahlreicher Bücher.

Alle Artikel

Abbildung Profilbild Marc Ortmann

Marc Ortmann

Dr. des. Marc Ortmann ist Soziologe und Autor. In seinem Promotionsprojekt hat er Beziehungsmodi zwischen Soziologie und Literatur untersucht. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrbereich von Prof. Dr. Andreas Reckwitz (HU-Berlin) und war zuletzt zu Forschungs- und Lehraufenthalten am Centre Georg Simmel der EHESS Paris, an der Universität Basel und der University of Cambridge eingeladen.

Alle Artikel

Teil von Dossier

Über Schreiben sprechen

Nächster Artikel aus Dossier: Das Ende der großen Theorien

Empfehlungen

Lucia Killius, Corinna Schmechel

Herausfordernd

Erste gemeinsame Konferenz der Fachgesellschaft Geschlechterstudien e. V. (Deutschland), der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung (ÖGGF) und der Schweizer Gesellschaft für Geschlechterforschung (SGGF) "Aktuelle Herausforderungen der Geschlechterforschung", Universität Köln, 28.–30. September 2017

Artikel lesen

Fritzi-Marie Titzmann

Indian Fair and European White

Rezension zu „Skin Colour Politics: Whiteness and Beauty in India“ von Nina Kullrich

Artikel lesen

Newsletter