Friedrich Lenger | Rezension |

Kritische Theorie oder empirieferne Deduktion?

Rezension zu „Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt“ von Nancy Fraser

Nancy Fraser:
Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt
übersetzt aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
Deutschland
Berlin 2023: Suhrkamp
282 S., 20 EUR
ISBN 978-3-518-02983-1

Schon vor knapp zehn Jahren hat Nancy Fraser in der New Left Review ihre Intuition zu Protokoll gegeben, wonach alle Übel unserer Zeit eine gemeinsame Wurzel im Kapitalismus haben.[1] Diese These erfordere ein erweitertes Verständnis des Kapitalismus, dessen Grundzüge ihr neues Buch mit einiger Verspätung nun näher ausführt. Systematische Erweiterungen sind Fraser zufolge in vier Richtungen vonnöten und legen nahe, den Kapitalismus nicht länger eng als Wirtschaftssystem, sondern als Gesellschaftsordnung oder Gesellschaftsform zu begreifen. Dazu bezieht sie „vier entscheidende Hintergrundbedingungen […], bei denen es um soziale Reproduktion, die Ökologie der Erde, politische Macht und den ständigen Zufluss von Reichtum geht, der von rassifizierten Bevölkerungen enteignet wurde“ (S. 41), in ihre Definition eines Kapitalismus mit ein, den sie als kannibalistisch bezeichnet, weil er sich nicht nur die nicht-ökonomischen Bereiche einverleibe, sondern einem Himmelsobjekt gleich andere in seinen Orbit ziehe und letztlich wie ein Ouroboros gar seinen eigenen Schwanz fresse. Die im Buch präsentierten Erweiterungen sind unterschiedlich neu und unterschiedlich überzeugend, das Plädoyer für eine gleichgewichtige Würdigung von Produktion und sozialer Reproduktion eine nachgerade klassische Forderung des feministischen Marxismus. Es wird jedenfalls um einiges komplizierter, weil zum einen neben den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit die Grenzkämpfe zwischen den aufgelisteten Hintergrundbedingungen und der Logik des Akkumulationsprozesses treten und zum anderen die Hintergrundbedingungen selbst als sich wechselseitig überlappend begriffen werden müssen. Frasers Anspruch ist hoch: Einerseits meint sie mit ihren Erweiterungen genauso verborgene Sphären entdeckt zu haben, wie einst Marx hinter der Sphäre des marktvermittelten Tauschs die Produktion zum Vorschein gebracht habe, andererseits beansprucht sie, „Strukturanalyse mit historischer Reflexion und politischer Theoriebildung“ (S. 54) zu verbinden.

Doch schauen wir genauer hin. Nach einer knappen Einleitung folgt ein Kapitel, das neben dem für weiterhin gültig gehaltenen Grundbestand Marx‘scher Einsichten, zu denen kommentarlos auch die Mehrwerttheorie gerechnet wird, die bereits erwähnten Hintergrundbedingungen einführt. Von ihnen ist der strukturelle Rassismus des Kapitalismus das erste vertiefend behandelte Thema, also „die dem System innewohnende Tendenz […], Bevölkerungsgruppen zu rassifizieren, um sie besser kannibalisieren zu können“ (S. 62). Entsprechend tief verankert die Autorin diesen strukturellen Rassismus, ihr Anker heißt Enteignung/Expropriation. Letztere sei, anders als durch Marxens klassische Darstellung suggeriert, keineswegs allein Merkmal der ursprünglichen Akkumulation, sondern „wie bei den räuberischen Krediten und Zwangsvollstreckungen in der heutigen Zeit“ (S. 68) dauerhafter Bestandteil des Kapitalismus. Ein solcher Ansatz hat grundsätzlich zwei Vorteile: Zum einen trägt er dem Umstand Rechnung, dass freie Lohnarbeit historisch wie gegenwärtig neben vielfältigen Formen unfreier Arbeit stand und steht, zu deren Analyse die Marx‘sche Begrifflichkeit nicht ausreicht. Zum anderen lenkt er den Blick auf mögliche Verschränkungen zwischen Exploitation im Zentrum und Expropriation in der Peripherie. Letztere hatte schon Friedrich Engels mit seinem Begriff der „Arbeiteraristokratie“ angesprochen, für dessen Lebenszeit Fraser nun apodiktisch behauptet:

„Es war die Expropriation der Menschen in der Peripherie (auch in der Peripherie innerhalb des Zentrums), die die billigen Nahrungsmittel, Textilien, Rohstoffe und Energieträger lieferte, ohne welche die Exploitation der Industriearbeiter in den Metropolen nicht profitabel gewesen wäre.“ (S. 81)

An Empirie interessierte Leser:innen suchen hier vergeblich nach Belegen, aber noch gewichtiger scheint ein anderer Nachteil, der die angesprochenen Vorteile der Perspektivenerweiterung mehr als aufhebt, und zwar die bis zur Bedeutungsleere reichende Ausweitung des Expropriationsbegriffs, die mit einem oft nebulös bleibenden Begriff von race einhergeht. So verspricht es keinerlei analytischen Fortschritt, die Differenz zwischen Versklavung und Verschuldung durch Subsumtion unter den Expropriationsbegriff zu nivellieren. Dass man mit den Fraser‘schen Termini nicht sinnvoll empirisch arbeiten kann, sei im Folgenden exemplarisch demonstriert: Henry Ford beschäftigte anders oder zumindest früher als andere nordamerikanische Automobilproduzenten auch Afroamerikaner. An deren rassistischer Diskriminierung kann es keinen Zweifel geben, zumal ihre vornehmliche Beschäftigung in der Schmiede oder der Gießerei dem rassistischen Stereotyp einer spezifisch afrikanischen Unempfindlichkeit gegenüber Hitzebelastungen entsprach. Inwiefern diese Diskriminierung aber mit einer über die Ausbeutung der „weißen“ Belegschaft hinausgehenden Enteignung verbunden gewesen sein soll, wie es Frasers Konzept entspräche, bleibt unerfindlich. Wenig weiterführend scheint es auch, die von der Autorin selbst als Beispiel angeführte importsubstituierende Industrialisierung als Expropriation der indigenen Bevölkerung durch postkoloniale Staaten zu konzeptualisieren. Zwar setzte diese Entwicklungsstrategie die meist durch Preisdeckelung vorgenommene Umlenkung agrarischer Einkommen in den Industriesektor voraus, doch ist es unwahrscheinlich, dass eine klar definierte color line die Beschäftigten des Agrar- und des Industriesektors voneinander trennte. Und müsste man bei einer derart gedehnten Verwendung des Enteignungsbegriffs nicht umgekehrt auch die in agrarprotektionistischen Ländern Europas im späten 19. Jahrhundert künstlich hochgehaltenen Lebensmittelpreise als Expropriation der städtischen Arbeiterschaft bezeichnen? Auch die wiederholte Rede von „der rassistisch-imperialistischen Unterdrückung“ (S. 39) zeigt Frasers Neigung, Phänomene ineinander zu schieben, zwischen denen zwar unbestreitbar enge Beziehungen bestehen, die aber deshalb noch lange nicht identisch sind. Symptomatisch für die Schwäche dieses Kapitels ist ihr Ausblick, der die an den Anfang gestellte strukturelle Bindung des Rassismus an den Kapitalismus wieder aufhebt: „Heute, da ein nicht rassistischer Kapitalismus prinzipiell möglich wäre, scheint er in der Praxis dank einer toxischen Mischung aus tief verankerten Dispositionen, verschärften Ängsten und zynischen Manipulationen ausgeschlossen zu sein.“ (S. 94)

Überzeugender fällt das Folgekapitel aus, auch wenn die Verortung des „gegenwärtigen »Care-Notstand[s]« […] in weit verbreiteter sozialer Erschöpfung und Zeitarmut“ (S. 98/97) wenig spezifisch scheint. Dass soziale Reproduktionsarbeit unverzichtbare Voraussetzung kapitalistischen Wirtschaftens ist und ihre jeweilige Organisation sehr eng mit Geschlechterhierarchien und häufig etwa über die Migration von Care-Arbeiter:innen auch mit rassisch-ethnischen Diskriminierungen verbunden ist, liegt auf der Hand und ist im zurückliegenden halben Jahrhundert Gegenstand grundlegender Forschung gewesen. Fraser fasst sie in Umrissen anhand eines Vier-Phasen-Modells zusammen, das der gesamten Darstellung zugrunde liegt:

„Auch hier stoßen wir auf das merkantil-kapitalistische Regime des 16. bis 18. Jahrhunderts, das liberal-koloniale Regime des 19. Jahrhunderts, das staatlich gelenkte Regime Mitte des 20. Jahrhunderts und das finanzkapitalistische Regime der Gegenwart.“ (S. 105)

Für die erste dieser Phasen konstatiert sie zwar einen „massive[n] Angriff auf die periphere Sozialität“ (S. 106), aber anschaulich werden die behaupteten Veränderungen der sozialen Reproduktion enteigneter indigener Bevölkerungen oder ausgeplünderter Bauern ebenso wenig wie diese schattenhaft bleibenden sozialen Entitäten selbst. Ohnehin gilt das hauptsächliche Interesse der Autorin den Mechanismen der Absicherung männlicher Vorherrschaft im Zentrum, sei es wie im 19. Jahrhundert über Schutzgesetze für Frauen und Kinder oder später über einen sozialstaatlich unterfütterten Familienlohn. Für die Gegenwart konstatiert sie „ein überraschendes Ergebnis: ein progressiver Neoliberalismus, der »Diversität«, Meritokratie und »Emanzipation« feiert, während er gleichzeitig soziale Schutzmechanismen abbaut und die soziale Reproduktion wieder externalisiert“ (S. 121), das heißt konkret: Betreuungsarbeit an Migrantinnen delegiert, die ihrerseits oftmals selbst Familienangehörige in der Obhut von Pflegekräften in ihren Herkunftsgesellschaften zurücklassen.

Externalisierung steht auch im Zentrum des vierten Kapitels, das den Ursachen der ökologischen Krise nachspürt. Und der Begriff der Externalisierung ist durchaus angebracht, wird die schon von Marx angesprochene Naturvernutzung vor allem industrieller Gesellschaften doch oft als kostenneutral missverstanden. Für Fraser wichtiger ist indessen „der strukturelle Charakter der Verbindung zwischen ökologischer Krise und kapitalistischer Gesellschaft“ (S. 137) und ein solcher ist angesichts des kontinuierlichen Zu- und Übergriffs auf „natürliche“ Ressourcen im Interesse der Kapitalakkumulation durchaus plausibel. Ob das Kapital in der Frühneuzeit „biotische und epistemische Kräfte anhäufte, deren größeres produktives Potenzial erst später, mit dem Aufkommen eines neuen sozioökologischen Akkumulationsregimes, sichtbar werden sollte“ (S. 161) oder nicht vielmehr auf den Zuckerplantagen der Neuen Welt ein Modell entwickelte, auf das es später an anderen Orten immer wieder zurückgreifen würde, mag dahingestellt bleiben. Dass in den beiden darauffolgenden Phasen der Rückgriff auf fossile Energieträger und auf die Rohstoffe des globalen Südens für die kapitalistische Entwicklung zentral war, ist jedenfalls offensichtlich. Weniger schlüssig scheint Frasers für die finanzkapitalistische Gegenwart eingeführte Gegensatz von nördlichem Postmaterialismus und südlichem Materialismus, den die Autorin für den globalen Norden zum einen mit Verweisen „auf Fracking und Offshore-Bohrungen in seinem eigenen Hinterhof“ und zum anderen mit der Feststellung relativiert, „dass der Konsum im globalen Norden immer kohlenstoffintensiver wird: Flugreisen, Fleischkonsum, Zementverbrauch und der gesamte Materialdurchsatz nehmen stark zu.“ (S. 170 f.) Das ist irreführend und verräterisch zugleich: irreführend, weil etwa beim Zementverbrauch mit China ein Land mit großem Abstand an der Spitze liegt, das in der Regel nicht zum globalen Norden gerechnet wird, und verräterisch, weil der Hinweis auf Flugreisen und Fleischkonsum einen gleichsam passivischen Charakter hat. Denn für Nancy Fraser scheinen sich letztlich nicht Personen, Menschen, Bürger für Flugreisen oder Fleischkonsum zu entscheiden, sondern „das System“. Schließlich ist ihr wichtig, dass im „Gegensatz zu den üblichen vagen Verweisen auf den »menschengemachten Klimawandel« […] nicht der »Menschheit« im Allgemeinen die Schuld gegeben (wird), sondern der Klasse der profitorientierten Unternehmer“ (S. 136). Eine solche Abspaltung, die sie augenscheinlich daran hindert zu sehen, dass auch ihre eigenen Flüge nach England, Frankreich und Deutschland mit Kohlenstoffemissionen verbunden sind, auch ihre eigene Altersversorgung vermutlich von Pensionsfonds abgesichert wird, welche die Finanzialisierung des Gegenwartskapitalismus befeuern, erlaubt es der Autorin, eine externe Position einzunehmen, von der aus sie den ja äußerst heterogenen Umweltbewegungen der Welt die Gesamtnote „ungenügend“ geben kann, ist doch „ihr Antikapitalismus noch nicht ausreichend substanziell, ihr Transökologismus noch nicht tief genug.“ (S. 184)

Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind die Leser:innen des hier zu besprechenden Buches vor Überraschungen gefeit. Selbstverständlich ist auch „die gegenwärtige Krise der Demokratie fest in einer gesellschaftlichen Matrix verankert“ (S. 190), und wer Krisenerklärungen im Bereich des Politischen selbst sucht, Opfer eines „Politizismus“. Was analytisch tiefschürfender zu sein vorgibt, erweist sich als unglaublich platt. So werden die „Trumps, Bolsonaros, Modis, Erdogans“ vorgeführt als „Alleinunterhalter[n], die vor dem Vorhang mit großen Sprüchen herumstolzieren, während sich die wahre Macht dahinter verbirgt. Die wahre Macht ist natürlich das Kapital: die Megakonzerne, Großinvestoren, Banken und Finanzinstitute“ (S. 218). Das muss an Differenzierung dann aber auch genügen. Wie „das Kapital“ in so unterschiedlichen politischen Gemeinwesen wie den USA, Brasilien, Indien oder der Türkei die Strippen zu ziehen vermag, mit denen die genannten Puppen bewegt werden, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage, ob „das Kapital“ in einer Hegemonialmacht wie den USA nicht eine andere Rolle spielt und andere Interessen verfolgt als in einem mit seinem Rohstoffexport immer stärker auf China ausgerichteten Land wie Brasilien oder einer zwischen EU und Russland lavierenden Regionalmacht wie der Türkei. So genau sollte man es als Leser:in dieses Buches besser nicht wissen wollen. Und schon gar nicht, wie denn der Sozialismus aussehen soll, wenn mit dem Kapitalismus erst einmal das Böse aus der Welt geschaffen worden ist. Schließlich muss dieser Sozialismus „die Beziehungen zwischen Produktion und Reproduktion, Gesellschaft und Natur, dem Ökonomischen und dem Politischen neu denken.“ (S. 242) Dafür scheint ein Elfenbeinturm in New York der geeignete Ort, denn es steht nicht zu befürchten, dass in einer solchen Projektion die spannungsreiche innere Vielfalt einer globalen Welt stärker Berücksichtigung finden wird als in dem vorliegenden Buch. Eine Wunschliste mit „Wir sollten“-Sätzen abzufassen, ohne ernsthaft darüber nachzudenken, wer dieses Wir ausmacht und wie sich die Dazugehörigen über ihre Wünsche und Ziele verständigen könnten, scheint im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts seltsam aus der Zeit gefallen.

  1. Vgl. Nancy Fraser, Behind Marx's Hidden Abode. For an Expanded Conception of Capitalism, in: New Left Review (März/April 2014), 86, S. 55–72.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Arbeit / Industrie Care Demokratie Geld / Finanzen Geschichte Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Kolonialismus / Postkolonialismus Kritische Theorie Macht Ökologie / Nachhaltigkeit Rassismus / Diskriminierung Soziale Ungleichheit Wirtschaft

Friedrich Lenger

Friedrich Lenger lehrt Neuere Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen und leitet dort die aus Mitteln des Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises der DFG finanzierte AG „Geschichte und Theorie des globalen Kapitalismus“. Im September 2023 erscheint bei C.H. Beck „Der Preis der Welt. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus“.

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