Thomas Hoebel | Essay |

Lesen, memorieren und exzerpieren

SQ3R und PQ4R sind keine Druiden im Krieg der Sterne, sondern die Kürzel von Lesestrategien. Das Lesen wissenschaftlicher Texte ist letztlich ein Handwerk, das Tricks, Kniffe und Abkürzungen bereithält. Jede:r kann es mithilfe expliziter Reflexion lernen. Die konkreten Anlässe sind vielfältig: Die Dozentin, deren Veranstaltung wir besuchen, nimmt die Lektüre der im Seminarplan genannten Literatur sehr ernst. Oder wir stellen mal wieder fest, dass wir uns sehr lange mit einem Text beschäftigt haben, ihn fast komplett markiert haben, aber ahnungslos sind, was eigentlich seine Kernaussage ist. Oder wir haben für eine Studienarbeit einen Berg Bücher angehäuft, nur leider läuft die Uhr bis zur Abgabe des Texts.

Nur mit Lesen ist die Arbeit natürlich nicht getan. Am besten, Sie setzen sich sofort schriftlich mit dem gelesenen Text auseinander, das heißt, Sie verfassen einen eigenen Text zu Ihrer Lektüre. Das Ziel ist, seine Kernüberlegungen bestmöglich im Gedächtnis zu behalten beziehungsweise sich Gedächtnisstützen zu bauen. Im Grunde gibt es zwei Varianten dafür: das Memo und das Exzerpt.

Memos ähneln den Kurzzusammenfassungen beziehungsweise Abstracts, die vielen Aufsätzen in Fachzeitschriften vorangestellt sind.[1] Sie geben in Form eines Fließtexts einen knappen Überblick darüber, um was es in dem Text geht. Daran angelehnt sollen Ihre Memos die zentrale Aussage des Texts in eigenen Worten wiedergeben, ohne dabei hundert Wörter zu überschreiten. Erläutern Sie dabei kurz, wie der/die Autor:in zu seiner/ihrer Aussage kommt, das heißt ob und wie diese im Text eigentlich begründet wird.

Exzerpte sind das klassische Werkzeug, um erworbenes Literaturwissen zu verarbeiten und zu archivieren. Sie sind etwa zwei bis drei Seiten lang und als Fließtext verfasst, bei Bedarf enthalten sie kommentierte Schaubilder. Machen Sie, bevor Sie beginnen, einen sogenannten Exzerptkopf: Setzen Sie Ihren Namen (und gegebenenfalls Ihre Studiendaten), die bibliografischen Daten des behandelten Texts und das Exzerptdatum an den Anfang. Nun paraphrasieren Sie entweder zentrale Aussagen Ihrer Lektüre oder nutzen direkte Zitate, um Kerngedanken des Texts zu erfassen. Orientieren Sie sich dabei idealerweise an der Argumentationsstruktur des Gelesenen. Oft ist es sinnvoll, Abschnittüberschriften in das Exzerpt zu übertragen.

Es ist beeindruckend, dass es immer wieder Kommiliton:innen gibt, die wissenschaftliche Texte am Smartphone lesen, um sich für ein Seminar vorzubereiten. Angesichts der Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Studie darf man skeptisch sein, ob dadurch ein angemessenes Textverständnis zu erreichen ist.[2] Auf Papier verstehen wir Sachtexte offenbar immer noch am besten.

  1. Thomas Hoebel, Memos schreiben, in: Julia Gerick / Angela Sommer / Germo Zimmermann (Hg.), Kompetent Prüfungen gestalten. 60 Prüfungsformate für die Hochschullehre, Stuttgart 2022, S. 210–213; Martin Galla / Frank Meyhöfer, Brauchbarer Abfall. Über das Lesenlernen soziologischer Texte, in: Swantje Lahm / Thomas Hoebel (Hg.), Kleine Soziologie des Studierens. Eine Navigationshilfe für sozialwissenschaftliche Fächer, Stuttgart 2021, S. 98–103.
  2. Pablo Delgado / Cristina Vargas / Rakefet Ackerman / Ladislao Salmerón, Don’t Throw away Your Printed Books. A Meta-Analysis on the Effects of Reading Media on Reading Comprehension, in: Educational Research Review 25 (2018), S. 23–38.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Universität Wissenschaft

Thomas Hoebel

Thomas Hoebel, Soziologe, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht zu organisierter Gewalt, schreibt an einer Methodologie prozessualen Erklärens und befasst sich mit dem Rätsel, wie gute wissenschaftliche Texte entstehen.

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