Wolfgang Eßbach | Interview |

Lesen mit Nachwirkungen

Sieben Fragen an Wolfgang Eßbach

Ohne die Lektüre welchen Buches wären Sie heute ein anderer?

Wie sollte ich das herausbekommen können? Ein Vademecum habe ich nie besessen.

War ein Buch gelesen oder seine Lektüre abgebrochen, kam das nächste dran, manchmal las ich in zweien oder dreien nebeneinander. Irgendwie beeinflusst haben mich wohl alle Lektüren, die guten ebenso wie die schlechten. Abstand von den Lektüren konnte ich in den Pausen nach dem Abschluss eines größeren Vorhabens und vor Beginn des nächsten gewinnen. Als die Bände zur Religionssoziologie abgeschlossen waren, hatte ich das Bedürfnis, zu den Lektüren meiner Jugend zurückzukehren und griff zu Ernst Kreuders Roman Die Unauffindbaren. Fünfzig Jahre lang hatte ich das Buch nicht mehr aufgeschlagen und mit fortschreitender Lektüre wurde ich gewahr, wieviel dies Buch dem Schüler damals für seine Zukunft mitgegeben hatte.

Kreuder, heute nur noch wenig bekannt, war ein begnadeter Erzähler, der spannungserzeugende Darstellungsmittel von Abenteuer- und Detektivgeschichten sowie surrealistischer Phantastik beherrschte, kurz: Langeweile ließ er nicht aufkommen. Seine Romane sind der Form nach verwildert; sie bieten dichte Geflechte aus Gestalten und Ereignissen, dazwischen Reflexionen und Gespräche der Romanfiguren. Bei Kreuder wird teils atemlos, teils leicht aber auch schwermütig fließend erzählt.

Der Sache nach geht es bei ihm um eine radikale Kritik der modernen Gesellschaft samt ihres destruktiven Potenzials für Mensch und Natur, in Kreuders Worten: eine „Widerwelt“, in der sich „Gegengesinnte“ bilden und zusammenschließen. Gilbert Orlins, Immobilienmakler, verheiratet, zwei Kinder, gut bürgerlich lebend, steigt aus, begegnet Menschen, die auf der Flucht vor der Polizei sind, und gerät in eine geheime Gegengesellschaft, eine Gruppe von Männern und Frauen: die „Wiederträumer“, wie sie in Anspielung auf die „Wiedertäufer“, die Radikalen der Reformationszeit, genannt werden. Die Verfolgten in diesem unauffindbaren Netzwerk ohne Führung treffen sich in verlassenen Fabrikhöfen, Eisenbahnwaggons, unter Brücken, in heruntergekommenen Hotels, in denen man durch Schränke in unterirdische Gänge gelangt, in Wäldern und an Flüssen. An solchen Ruheplätzen werden biografische Erfahrungen, Träume, Gedichte, Naturerleben und Weisen einer nonkonformistischen, gewaltfrei anarchistischen Sicht auf die „Widerwelt“ ausgetauscht.

Auch über Bücher wird gesprochen. In einem konspirativen Versteck mit einer hohen Bücherwand wird erklärt: Die Menschen, die diese Bücher geschrieben haben, seien

„damit in Deckung gegangen. Sie haben damit für alle, die nach ihnen kamen, vorgearbeitet. Während sie dachten, mußte es im Zimmer still sein, und sie schrieben in stillen Behausungen. Wenn wir lesen, tauchen wir unter, in den Grund der Stille. […] Tote Buchstaben? Es hat noch nie etwas Totes gegeben, alles ist wirksam. Nur für das Denken gibt es leblose Dinge, nicht für den, der fühlt, wie alles am Leben teilnimmt. Schränke und Stühle, Tassen und Körbe, Häuser und Straßen, nicht nur Wolken und Wiesen, steckt alles geheim ineinander, wirkt auf uns ein, ist nicht leblos, hängt alles zusammen, und Sie meinen doch nicht, daß wir nur mit unseren Gedanken zusammenhängen mit Händen und Füßen und unseren Namen?“

Das ist unverkennbar eine lebensphilosophische Sicht auf die Welt.

Ernst Kreuder, geboren 1903 in Zeitz, Oberrealschule in Offenbach, Banklehrling, in Frankfurt Studium der Philosophie, Literaturgeschichte und Kriminologie, Kurzgeschichten in den 1920er-Jahren in der Frankfurter Zeitung. Mit dem Ziel, China zu erreichen, wanderte er mit einem Freund durch Länder des Balkans, eine Malariaerkrankung in Saloniki setzte der Wanderung ein Ende. Er bildete den Künstler-Zirkel die „Animalisten“, in dem man sich für die Lebensphilosophie von Ludwig Klages, Freuds Psychoanalyse und Hans Henny Jahnns Werke begeisterte. Kreuder arbeitete in der Redaktion des Simplizissimus, bis dessen Redaktionsräume durch die SA zerstört und die Zeitung verboten wurde. Er erkannte das Verbrecherische des Naziregimes und zog in eine ehemalige Mühle bei Darmstadt. In der „inneren Emigration“ begann er 1938 mit dem Roman Die Unauffindbaren, den er 1947 abschloss, unterbrochen von der Einziehung als Flaksoldat (1940–45).

Inwiefern hat mich die Lektüre der Unauffindbaren und dann auch die der anderen Romane, namentlich Die Gesellschaft vom Dachboden und Agimos oder Die Weltgehilfen für die Soziologie sozialisiert? Vielleicht aus folgendem Grund: In diesen Romanen gibt es keinen Einzelhelden, wie zum Beispiel in Ernst Jüngers Der Waldgänger. Bei Kreuder ist die Gruppe aus Sonderlingen der Held, sie träumen von einem utopischen und gleichsam ökologischen Anarchismus. Kreuder lädt dazu ein, über „die grüne Leiter“ in die rätselhaften Atmosphären der Natur einzutauchen. Der sinnliche Zauber der Landschaft und die Verwahrlosungen technisch-industrieller Naturbeherrschung sind bei Kreuder mit einer selten zu findenden Intensität zur Sprache gebracht. Das hat mir spätere konzeptionelle Zugänge zum Thema der Artifizierung menschlicher Lebenswelt erleichtert. Schließlich: Gegen alle Vereinnahmungen von „Romantik“ durch die Nazis habe ich von Kreuder mitgenommen, wie man die korrumpierten deutschen Traditionen auf dem Wege einer sprachsensiblen Diskurspolitik dekontaminieren kann, ohne sich unter den Schirm der Anglizismen zu stellen.

Welches war die beste Buchempfehlung, die Sie je bekommen haben?

Die ersten Semester in Freiburg habe ich mich intellektuell in Marx-Lektüren gebadet. Kurt Lenk brachte aus Ost-Berlin einen Koffer mit Exemplaren von Marxens Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf) 1857–1858 (Berlin, 1953) mit, über tausend Seiten, knapp zwei Kilo schwer. Auf Seite 396 stand:

„Es wird erst gearbeitet von gewisser Grundlage aus – erst naturwüchsig – dann historische Voraussetzung. Dann aber wird diese Grundlage oder Voraussetzung selbst aufgehoben oder gesetzt als eine verschwindende Voraussetzung, die zu eng geworden für die Entfaltung des progressiven Menschenpacks.“

Bei solch despektierlicher Misanthropie musste der brave Linke erstmal schlucken. In Göttingen beschäftigte ich mich weiter mit dem Marxismus.

Die beste Buchempfehlung, die ich je bekommen habe, kam dort von Raúl Linárez Ocampo, später der „Mann der roten Bücher“ genannt. Er fing 1966 in Göttingen damit an, als Raubdruck nachzudrucken, was auch in Bibliotheken damals schwer zu finden war: Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung (Amsterdam 1947), Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewusstsein (Berlin 1923), Karl Korsch, Marxismus und Philosophie (Leipzig 1923), und dabei waren auch zwei Bände: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen von Norbert Elias (Basel 1939). Es waren diese beiden Bände, die Raúl mir ganz besonders zur Lektüre empfahl. Er tat dies mit Nachdruck, nachdem er merkte, dass die dem Inhaltsverzeichnis zu entnehmenden Themen über den Gebrauch von Messer und Gabel beim Essen, die Einstellung zu den natürlichen Bedürfnissen, etwa das Schnäuzen, Spucken und dergleichen nicht auf der Agenda eines Marxisten standen, der gerade in der studentischen Revolte agierte. Dennoch folgte ich der Buchempfehlung.

Anders als der Freudomarximus der Frankfurter Schule ist der Zusammenhang von Psychogenese, das heißt der Transformation von Fremdzwang in Selbstzwang, mit der Soziogenese, also dem Anwachsen von sozialer Interdependenz durch soziale Verdichtung und Verlängerung von Interdependenzketten, bei Elias historisch gesättigt mit einer vorbildlichen Kraft zur exemplarischen Konkretion entwickelt. Hinzu kommt eine Fokussierung auf die Rolle der Gewalt im Zivilisationsprozess, auf die Wandlungen der Angriffslust, die Pazifizierung von Räumen und die Verhöflichung der Krieger.

Das war die für mich beste Buchempfehlung – und sie kam zur rechten Zeit, denn sie zeigte mir, dass es neben Marx auch andere nicht minder spannende und erhellende Entwürfe für die Entstehung und Entwicklung der modernen Gesellschaft gibt. Und Elias war herausfordernd, gerade dort, wo er Fragen offenließ. Der Emigrant schreibt in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte, der Zeit eines Zivilisationsbruchs, ein optimistisches Buch unter dem Motto des Aufklärers Holbach, die Zivilisation sei noch nicht zu Ende. Elias‘ mutiger Eurozentrismus hat Ethnologen wie Hans Peter Duerr zu einer fünf Bände umfassenden Kritik am Mythos vom Zivilisationsprozess veranlasst. Und für mich blieb es ein Rätsel, wie Elias einen so weiten Bogen europäischer Gesellschaftsgeschichte von der Zeit Karls des Großen bis ins 19. Jahrhundert plausibel aufspannen kann, ohne auf die Rolle der Religion einzugehen. Hier gab es eine mich herausfordernde Forschungslücke.

Welches Buch hat Sie bei der Lektüre in Rage versetzt?

Nicht einfach nur geärgert und den Ärger wieder vergessen lassen, sondern anhaltend in Rage versetzt hat mich die kleine Schrift Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (Stuttgart 1886) von Friedrich Engels. Als ich das Bändchen las, hatte ich schon einige Umbauten an meiner Dissertation hinter mir, in der ich ursprünglich der Frage nachgehen wollte, wie es möglich war, dass ein populärer Schriftsteller mit linksradikalen Inhalten unter den Bedingungen eines kapitalistischen Mediensystems international reüssieren konnte. Meine Obsession war der Fall B. Traven, ein Autor der vielen Pseudonyme, engagiert in der Novemberrevolution 1919 und schließlich in Mexiko untergetaucht. Seine Romane, darunter Das Totenschiff und Der Schatz der Sierra Madre sowie seine Kurzgeschichten erreichten Auflagen von weltweit dreißig Millionen Exemplaren. Journalisten der Sensationspresse jagten ihn vergeblich. Auf der Suche nach der Herkunft der Ideen und des literarischen Habitus von B. Traven stieß ich auf Max Stirner, einen faux pas der Philosophiegeschichte, gegen dessen Buch Der Einzige und sein Eigentum (1844/45) Marx und Engels eine ausufernde Polemik verfasst hatten, die fast den Umfang des kritisierten Buches erreichte und von der Marxforschung als belanglose Spielerei abgetan wurde. Ich verabschiedete mich von der Travenistik und nahm mir den Einzigen und die Polemik St. Max von Marx und Engels vor.

In Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie behandelt Friedrich Engels drei Jahre nach Marx‘ Tod rückblickend, wie aus den junghegelianischen Debatten der 1840er-Jahre entstehen konnte, was später summarisch Marxismus genannt wurde. Engels unterscheidet zwei Seiten des „Zersetzungsprozesses der Hegelschen Schule“. Er nennt auf der einen Seite den Streit zwischen David Friedrich Strauß und Bruno Bauer über die Frage, „ob in der Weltgeschichte die ,Substanz‘ oder das Selbstbewußtsein die entscheidend wirkende Macht sei“; und fährt unmittelbar fort: „Schließlich kam Stirner, der Prophet des heutigen Anarchismus – Bakunin hat sehr viel aus ihm genommen – und übergipfelte das souveräne ,Selbstbewußtsein‘ durch seinen souveränen ,Einzigen‘“. Demgegenüber sei die „Masse der entschiedensten Junghegelianer […] durch die praktischen Notwendigkeiten ihres Kampfs gegen die positive Religion auf den englisch-französischen Materialismus zurückgedrängt“ worden und in Konflikt mit ihren Schulsystemen geraten. „Da kam Feuerbachs ,Wesen des Christentums‘. Mit einem Schlag zerstäubte es den Widerspruch, indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron erhob.“[1]

Was mich nun in Rage brachte, war die völlige Verdrehung des Diskussionsprozesses innerhalb der Gruppe der Junghegelianer. Engels, damals selbst Akteur dieser Gruppe, erweckt den Eindruck, als ende Bauers Philosophie des Selbstbewußtseins mit Stirner, und Feuerbachs „Materialismus“ stelle einen Neuanfang dar. Engels platziert Stirners Einzigen (1844) vor Feuerbachs Wesen des Christentums (1841). Mehr noch als Engels haben mich die zahllosen Nachbeter dieser Verdrehung in Rage versetzt. Denn diese gedankenlose Nachbeterei hatte und hat rezeptionsgeschichtlich erhebliche Folgen. Abgeblendet wurde die tiefe Erschütterung, die die Lektüre Stirners auf Marx und Engels tatsächlich hatte. Diesen Umstand aufzuzeigen wurde schließlich Thema meiner Dissertation von 1978: In der Aufnahme und in der Abwehr der Stirner‘schen Kritik an Feuerbach und seinem idealistischen Liebeskommunismus entstand bei Marx jene Kontur, die den marxistischen Denkhorizont gegen einen libertären Individualismus, gegen alles „bloß Subjektive“ abgedichtet und den Weg für einen kruden Objektivismus der Verhältnisse geebnet hat, in dem das Sein das Bewusstsein determiniert.

Inzwischen hat die Marxforschung insbesondere auf Grundlage der philologischen Untersuchung der Handschriften durch Inge Taubert meine damaligen Analysen bestätigt. Im Konvolut der Blätter, die der berühmten nagenden Kritik der Mäuse ausgesetzt wurden, bildet Marxens Stirnerkritik die historisch ältere Schicht, die Teile zu Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach wurden später geschrieben. Wenn man die Genese des Marx’schen Denkens verstehen will, tut man gut daran, nicht nur Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, sondern auch die Kapitel der sogenannten Deutschen Ideologie in umgekehrter Reihenfolge zu lesen.

Welches Buch hätten Sie gern selbst geschrieben?

Auf der Suche nach einer überzeugenden historisch gesättigten Faschismustheorie war ich lange. Nicht unbedingt aus fachlichen Gründen, sondern weil ich nun einmal ein Deutscher bin. Angefangen hatte die Suche bei der Reihe „Faschismus-Theorien“, die Wolfgang F. Haug und Christof Müller-Wirth in der Zeitschrift Das Argument 1964 starteten, und bei Ernst Noltes damals auch von Linken geschätzten Büchern Der Faschismus in seiner Epoche (1963) und Die faschistischen Bewegungen (1966). Wolfgang Abendroth hatte geholfen, Nolte an die Universität Marburg zu berufen. Eingestellt habe ich die Suche, nachdem ich allzu spät Zeev Sternhells Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini (1999) gelesen hatte.

Dieses Buch hätte ich gern selbst geschrieben. Denn hier werden mit beneidenswerter Klarheit, historisch gesättigt, die Zusammenhänge zwischen bestimmten Sackgassen marxistischer Orthodoxie, in die ich bisweilen selbst geraten war, mit den Auswegen aufgezeigt, die faschistische Denkweisen nahelegen und diese begründen. Bei Sternhell fand ich Antworten auf die Frage, die mich insbesondere seit 1989 beschäftigte: Warum werden aus linken Intellektuellen Anhänger rechter Ideen? Sternhells Rekonstruktion der Denkwege der Intellektuellen, die solche Umorientierungen vollzogen haben, ist so wichtig und so komplex, dass ich sie im Folgenden ausführlich erläutern möchte:

Im Unterschied zu Totalitarismus-Theorien mit ihren eher statischen Systemvergleichen zwischen Sowjetkommunismus und Faschismus argumentiert Sternhell strikt historisch. Aber im Unterschied zu Ernst Nolte, der zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus eine responsive Dynamik am Werk sieht, die mit der Oktoberrevolution startet, lenkt Sternhell den Blick weiter zurück in die Zeit, in der der Prozess der Strukturbildung einer faschistischen Ideologie stattfindet, die lange vor dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen ist. Sternhell verlässt den Rahmen der üblich gewordenen Zentrierung auf die Zeitspanne von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bis zum Holocaust und der Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg.

Ins Zentrum rückt die „Krise des Marxismus“, die seit den 1880er-Jahren immer schärfer reflektiert wird. Was war diese Krise für die Radikalen, die anstelle der bürgerlichen Gesellschaft einen Sozialismus realisieren wollten? Sie waren mit Marx der festen Überzeugung, der Kapitalismus werde an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen. Dass das, soweit man sehen kann, nicht eingetreten ist, ist eine Erfahrung, die bislang jeder Generation von Marxisten zugemutet wurde. Man mag noch so oft das magische Wort vom „Spätkapitalismus“ benutzen, es wird immer später. Wenn der ökonomische Zusammenbruch nicht kommt, dann bleibt, marxistisch orthodox gedacht, allein der Kampf der Arbeiter.

Aber was meint „Kampf“ und wie kämpfen Arbeiter? Dazu hatte Marx in seiner Schrift gegen Proudhon einen Prozess skizziert.[2] In der Großindustrie kommen einander unbekannte Leute als Arbeiter an einem Ort zusammen. Sie konkurrieren miteinander um bessere Bezahlung für ihre Arbeit und entdecken ihr gemeinsames Interesse gegenüber den Kapitalisten insbesondere dann, wenn es um die Aufrechterhaltung ihrer Lohnzahlungen geht. Dies vereinigt sie im gemeinsamen Gedanken des Widerstandes und sie bilden Gewerkschaften. Wenn sich dann zwecks Repression auch die Kapitalisten zusammenschließen, wird für die Arbeiter die Aufrechterhaltung der Gewerkschaft wichtiger als Lohnerhöhungen. Dazu schrieb Marx:

„In diesem Kampfe – ein veritabler Bürgerkrieg – vereinigen und entwickeln sich alle Elemente für eine kommende Schlacht. Einmal auf diesem Punkte angelangt, nimmt die Koalition einen politischen Charakter an.“[3]

Die Vermehrung gewerkschaftlicher Kämpfe gewinnt schließlich eine politische Qualität, die sich zur revolutionären Systemveränderung steigert. Für das „letzte Wort der sozialen Wissenschaft“ zitierte Marx die berühmteste Barrikadenbauerin seines Jahrhunderts, die Schriftstellerin Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, die sich als Pseudonym den Trans-Vornamen „George“ zugelegt und als George Sand geschrieben hatte: „Kampf oder Tod; blutiger Krieg oder das Nichts. So ist die Frage unerbittlich gestellt.“[4]

Was die Sequenz vom gewerkschaftlichen zum politischen Kampf durcheinanderbrachte, war die Kopräsenz der Zwillingsorganisationen der Arbeiterbewegung: nämlich Gewerkschaft und politische Partei. Die Kräfteverhältnisse zwischen ihnen variierten in den europäischen Ländern. Während in Deutschland die Partei der Arbeiterklasse die Gewerkschaften dominierte, war es in Frankreich und Italien umgekehrt. Der Kampf der Gewerkschaftssozialisten, Syndikalisten genannt, zielte über die Aufrechterhaltung der Löhne hinausgehend auf die Selbstverwaltung der Fabriken durch Arbeiterräte. Die politischen Parteien der Arbeiter sahen dagegen ihre Aufgabe darin, den Druck streikender Arbeiter für politische Forderungen im Rahmen der bürgerlichen Republik zu funktionalisieren. Sie traten dafür ein, das politisch-ökonomische Molekül eines integralen Klassenkampfes aufzulösen, die Streiks zu entpolitisieren und die Politik den gewählten Abgeordneten der Arbeiterparteien zu überlassen. Das ist Geschichte und das ist auch heute so, jedenfalls bei denen, die Kapitalismus marxistisch begreifen.

Eine der Hauptfiguren bei Sternhell ist Georges Sorel. Dieser belesene Autodidakt, Ingenieur im Ruhestand, startet 1893 seine Karriere als Marxist. Er hält „die Theorie von Marx für die größte Neuerung in der Philosophie seit Jahrhunderten“ und entdeckt bei Marx eine „exakte, absolute Wissenschaft der ökonomischen Beziehungen“ und „den ethischen Charakter des Klassenkampfes“[5]. Er ist, wie viele Marxisten dieser Zeit, beseelt von dem Gedanken, die Lücken im Marx‘schen Oeuvre zu schließen. Sorel identifiziert bei Marx zwei Entwicklungsgesetze: 1.) Das Proletariat kann als eine Freiheitsbewegung die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft herbeiführen. 2.) Der Kapitalismus ist einer absoluten Zwangsläufigkeit unterworfen. Wie lassen sich diese beiden Entwicklungsgesetze verknüpfen?

Wenn man den Weg geht, den Freiheitskampf mit der historischen Dynamik des Kapitalismus zu verbinden, macht der Kampf gegen den Wirtschaftsliberalismus keinen Sinn, wohl aber der Kampf gegen den politischen Liberalismus. Für ihn hatte auch Marx keine freundlichen Worte gefunden, der bürgerliche Staat war für ihn juristischer und politischer Überbau der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Sorel konzentriert seine Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft auf das politische System und ihre Kultur, insgesamt dekadente Überbauten, dem Untergang geweiht. Dies Urteil zu vollstrecken, soll der Klassenkampf leisten.

Wie aber kann ein Klassenkampf zur Revolution führen, wenn man am Wirtschaftsliberalismus festhält? Von der Mehrwerttheorie mit ihren Teilungen von produktiver und unproduktiver Arbeit führt kein Weg zu einer konsistenten Theorie der Revolution. Das 52. Kapitel über die Klassen im dritten Band von Marxens Das Kapital bricht nach ein paar Seiten ab. Die Lösung des Problems, wie aus dem ökonomischen Konkurrenzkampf, der ja auch die Arbeiter verschiedener Produktionszweige fraktioniert, eine siegreiche Revolution hervorgehen kann, hat Sorel in der einfachen Beobachtung gefunden, dass sich die Menschen, die an den großen sozialen Bewegungen teilnehmen, ihre bevorstehende Handlung in Gestalt von Schlachtbildern vorstellen, die den Triumph ihrer Sache sichern. Es sind soziale Mythen, wie etwa derjenige vom „letzten Gefecht“, die eine Klassenidentität stiften können. Der Generalstreik als Auftakt der gewaltsamen Übernahme der Macht in den Fabriken galt den Syndikalisten als das stärkste Kampfmittel, über das Arbeiter verfügten. In der Gewalt des vom sozialen Mythos befeuerten Klassenkampfes könnten die Aktivisten eine moralische Größe gewinnen, die der dekadenten, korrupten und bigotten Politik und Kultur der bürgerlichen Gesellschaft ihr Ende bereitet. So etwas hatte auch Jean-Paul Sartre im Sinn, als er, für Frantz Fanons postkoloniale Theorien werbend, die Alternative, „sich entweder den Auflösungsprozessen eines verfälschten Lebens überlassen oder die ursprüngliche Einheit erringen“, mit der Maxime: „Die Waffe des Kämpfers ist seine Menschlichkeit“ beschloss.[6]

Mit seinem Klassenhass auf die Bourgeoisie war Sorel nicht allein. Die extreme Rechte bildete sich nach der Niederlage Frankreichs gegen Deutschland 1871 und der Verfassung der parlamentarischen Demokratie der Dritten Republik aus einem Gemisch von Kritikern der moralischen Dekadenz des Bürgertums und seiner patriotischen Defizite, von Befürwortern eines Vergeltungsschlages gegen Deutschland, einer Wiedererrichtung der Monarchie und einer neuen Welle von Antisemitismus im Kontext der Dreyfus-Affäre von 1894. Sternhell untersucht die verschiedenen Anläufe in dieser Zeit, das Soziale und das Nationale in einer wie auch immer gearteten Weise zu kombinieren und zeigt, aus welchen Gründen Sozialisten ins nationale Lager wechseln und Nationalisten sozialistische Ideen adaptieren – kleine Schritte mit großen Folgen. In der radikalen Ablehnung des Parlamentarismus fanden Sorelisten und die extreme Rechte ihren gemeinsamen Gegner in einer Zeit, in der die Streiks der Syndikalisten an Stärke zunahmen, obwohl die Streikkassen leer waren, die Parlamentarier eine staatliche Armenfürsorge nicht zustande brachten und zugleich ein nationaler Revanchismus auch populäre Züge gewann. Für Sternhell ist die faschistische Ideologie vor dem Ersten Weltkrieg fertig zusammengebaut. Der Marxist Mussolini wird die Wendung von der Linken zur Rechten nachvollziehen und zum Vorbild für weitere faschistische Akteure werden.

Die von Marx belehrte Linke musste schließlich nicht nur akzeptieren, dass der Kapitalismus – Krise hin, Krise her – nicht an seinen inneren Widersprüchen zugrunde geht, sondern auch die utopische Hoffnung begraben, die Arbeiterklasse der Länder Europas und die Verdammten dieser Erde würden einen gemeinsamen Kampf kämpfen. Dies offenbarte nicht nur der Erste Weltkrieg. Die Sozialistische Internationale löste sich auf und die Arbeiterparteien stimmten für den Krieg gegeneinander. Dies offenbart bis heute das Scheitern aller Versuche, die Proletarier aller Länder zu einem antikapitalistischen Gefecht zu vereinen. Der Frage, ob die Abkehr vom Internationalismus eine nationalistische Verblendung ist oder die dem Kosmopolitismus widersprechende, realistische Einsicht, dass jenseits des Rahmens der Nation die Emanzipation keine wirklichen Chancen hat, ist nur durch intellektuelle Kapitulation auszuweichen.

Sternhell ist in seinem Buch den Denkbewegungen und Lernprozessen der Radikalen akribisch nachgegangen. Wenn der Kapitalismus die Keime seiner eigenen Vernichtung nicht in sich trägt, scheint es gar nicht so abwegig, die revolutionäre Dynamik in der freien Marktwirtschaft und der Entfesselung der Produktivkräfte selbst zu verankern, oder, wenn der ökonomische Antrieb für den Klassenkampf versiegt, in Erwägung zu ziehen, den psychologischen oder moralischen Antrieben auf den Grund zu gehen, oder den Ausweg darin zu suchen, den Kampf gegen die parlamentarische Demokratie zu eröffnen, in der Arbeiterparteien sich von der Logik des Systems leiten lassen müssen und den Kampfgeist neutralisieren – alles revolutionäre Konzepte, die bis heute stetig wiederkehren: Akzelerationismus, subjektiver oder moralischer oder identitärer Faktor, direkte Demokratie. Sternhells Buch gibt viel zu denken und nachzudenken.

Aus welchem Buch zitieren Sie am häufigsten?

Das habe ich selbstverständlich nicht nachgezählt, und auch eine passende Software fehlte mir dazu. Aber es wird wohl eines der Bücher von Michel Foucault oder Helmuth Plessner sein.

Welches Buch hat Ihnen in der Retrospektive besser gefallen als während des Lesens?

Nachdem ich zum ersten Mal im Lesesaal Johan Hendrik Jacob van der Pots Die Bewertung des technischen Fortschritts. Eine systematische Übersicht der Theorien aufschlug und endlich das 19 Seiten umfassende Inhaltsverzeichnis durchgelesen hatte, habe ich die zwei Bände beiseitegelegt und bin an die frische Luft gegangen.[7] Da der Titel mich nicht losließ, habe ich die Bände nach einiger Zeit ausgeliehen und versucht, das Inhaltsverzeichnis zu verstehen. Es enthält vier Hauptteile, untergliedert in mehrere Teile, jeweils wiederum untergliedert in Hauptabschnitte, zu denen jeweils mehrere Abschnitte gehörten. Dazu kamen, fortlaufend nummeriert, stattliche 246 Kapitel, die in kursiv gesetzten Versalien noch weitere Untergliederungen aufwiesen. So etwas hatte ich weder zuvor noch danach je gesehen.

Es war kein Handbuch, kein Lexikon mit vielen Autor:innen, sondern eine Monografie, bescheiden „Übersicht“ genannt und dies mit einem systematischen Anspruch. Es war eine Ordnung aller Thesen, Theorien und Argumente die Einstellung zur Technik betreffend, von den alten Hochkulturen bis zur industriellen Revolution, dann eine Ordnung aller Theorien über die Folgen des technischen Fortschritts, die im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt worden waren, weiter eine Ordnung aller Auffassungen vom Sinn des technischen Fortschritts und schließlich eine Ordnung aller Theorien über die Beherrschung des technischen Fortschritts. „Alle“ meint hier: alle dem Autor bis zum Abschluss des Werks im Jahre 1982 erreichbaren Theorien.

Ich war oft versucht, wenn ich etwas zum Thema Technisierung und Naturbeherrschung gelesen hatte, bei van der Pot nachzusehen, ob er es auch gelesen hat. Selten kam es vor, dass ich mir notieren konnte: „Nicht im Pot“. Dieses Werk, das mir immer besser gefällt, je öfter ich darin lese, ist eine wunderbare Schatztruhe, die mich an die Weisheit Hermann Heimpels erinnert, um dessen Vorlesungen zu hören, man um 8 Uhr c.t. den Hörsaal in der Göttinger Paulinerkirche erreicht haben musste: „Belesenheit schützt vor Entdeckungen“.

Ihr literarischer guilty pleasure?

Wer sich für Soziologie interessiert, sollte prinzipiell alles lesen und sich nicht schuldig fühlen, etwas lesen zu wollen oder gelesen zu haben. Wie könnte ich sonst an der Vielstimmigkeit, die das soziale Leben hervorbringt, teilhaben? Gruppen, in denen man befürchten muss, schief angesehen zu werden, wenn man etwas liest, das ins Außen des Kanons der Clique führt oder gegen ihre Vorstellungen von Sitte und Anstand verstoßen könnte, sollte man meiden. Wer nur liest, was Freunde akzeptabel finden, verarmt intellektuell, klüger wird, wer die Bücher der Feinde gelesen hat. Wer nur trivialen Schrott kennt, wird den literarischen Höhenkamm besser genießen können. Wer geduldig die unsäglich langweilige Dummheit von Texten erträgt, kann hinreichend bösen Willen für eigene gute Ideen sammeln.

  1. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in MEW, Bd. 21, S. 259–307, Berlin 1969, S. 271 f. Auf die Engels-Legende hat zuerst aufmerksam gemacht: Henri Arvon, Aux sources de L'existentialisme: Max Stirner, Paris 1954.
  2. Karl Marx, Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“, in: MEW 4, Berlin 1959, S. 63–182.
  3. Ebd., S. 180.
  4. Ebd., S. 182.
  5. Zeev Sternhell, Die Entstehung der faschistischen Ideologie, Hamburg 1999, S. 57 f.
  6. Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1966, S. 18.
  7. Johan Hendrik Jacob van der Pot, Die Bewertung des technischen Fortschritts. Eine systematische Übersicht der Theorien, 2 Bände, Assen 1985.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Bildung / Erziehung Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Kultur Medien

Wolfgang Eßbach

Wolfgang Eßbach lehrte Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i. Br. Er war Gründungspräsident der Helmuth-Plessner-Gesellschaft und langjähriger Sprecher der Sektion Kultursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. 2011/2012 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, 2012/2013 Co-Direktor der FRIAS School of History (Freiburg Institute for Advanced Studies). Wissenschaftliche Schwerpunkte: Kultursoziologie, Religionssoziologie, Anthropologie, Ideengeschichte und Soziologie der Intelligenz. Zuletzt erschien: https://www.soziologie.uni-freiburg.de/aktuell/religionssoziologie-wolfgang-essbach

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