Der wissenschaftliche Wille zur Wahrheit

Rezension zu "Epistemische Tugenden. Zur Geschichte und Gegenwart eines Konzepts" von Andreas Gelhard, Ruben Hackler und Sandro Zanetti (Hg.)

Lange haftete dem Tugendbegriff – in der Philosophie, im Staatswesen und im Geistesleben allgemein – etwas Unzeitgemäßes an. Nicht so sehr die Moral begründend als vielmehr gesellschaftliche Konventionen moralisierend, galt die Bezugnahme auf vermeintliche Tugenden bestenfalls als unmodern, schlimmstenfalls als Ausdruck einer ideologischen „Verbrämung rein egozentrischer Maximen“ (Max Weber). Umso verblüffender mag die Renaissance des Tugendbegriffs im Laufe der letzten etwa 30 Jahre anmuten. In der Philosophie etablierte sich zunächst die Tugendethik als drittes theoretisches Standbein neben deontologischer Ethik und konsequentialistischen Ansätzen, gefolgt von der Tugenderkenntnistheorie, die das Vorliegen von Wissen davon abhängig macht, auf der Basis welcher (personalen oder subpersonalen) Fähigkeiten eine Überzeugung erworben wurde. Auch außerhalb des akademischen Diskurses gewann der Tugendbegriff an Einfluss: So zeigt sich der Sachbuchmarkt mittlerweile offen für populäre Tugendbreviere, die gern die Relevanz des propagierten „unzeitgemäßen Lebens“ betonen. Das Bemühen, den Begriff des „Unzeitgemäßen“ positiv zu besetzen, spiegelt dabei auch die Vorwegnahme einer Kritik wider, der sich alle Wiederbelebungsversuche des Tugendbegriffs stellen müssen und die sich in Paul Valérys Vermutung äußert, man könne sehr gut „ein ganzes Jahr lang leben und überlegen, handeln und nachdenken [...], ohne auch nur ein einziges Mal die Notwendigkeit zu verspüren, [das Wort ‚Tugend‘] auszusprechen oder zu denken“.[1]

In der Einleitung des Sammelbandes, der Beiträge einer 2013 in Zürich abgehaltenen Tagung mit teils neuen, teils wiederveröffentlichten bzw. übersetzten Aufsätzen (u.a. von Lorraine Daston, Raymond Geuss, Michael Hagner und Robert N. Proctor) anreichert, erläutern die Herausgeber das Spannungsverhältnis, in dem sich jede wissensgeschichtliche Analyse „epistemischer Tugenden“ notwendigerweise bewegen muss: nämlich einerseits die normative Dimension des aus Moralphilosophie und Erkenntnistheorie übernommenen Tugendbegriffs anzuerkennen, andererseits der historischen Kontingenz der anhand von Fallstudien diskutierten „konkrete[n] Prozesse der Wissensgewinnung“ (S. 2) Rechnung zu tragen. Die methodologische Klammer ist hierbei ein praxeologisches Verständnis epistemischer Tugenden, das „vom Prozess der Wissensgenerierung und dessen medial und disziplinär vermittelten Handlungszwängen und Handlungsmaximen ausgeht“ (S. 3). Dieser Startpunkt erweist sich im weiteren Verlauf als äußerst produktiv, da er der für Sammelbände nicht untypischen Tendenz entgegenwirkt, einzelne Fallstudien bloß unverbunden nebeneinander zu stellen. Vielmehr lassen sich aus den Beiträgen vier übergreifende (von den Herausgebern als Thesen formulierte) Befunde ableiten, die auch als Entgegnung auf Valérys Kritik am Tugendbegriff verstanden werden können.

Erstens: Epistemische Tugenden sind „konstitutiv für die Erzeugung und Übertragung von Wissen“; ohne sie könnte es „gar nicht zur Formation eines intersubjektiv vermittelbaren Wissens kommen“ (S. 3). Mag sein, dass man, mit Valéry gesprochen, ein ganzes Jahr lang Wissenschaft treiben kann, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, explizit über den Begriff der „epistemischen Tugend“ nachzudenken; doch gilt dies kaum für einzelne Zentralbegriffe wie „Genauigkeit“, „Kritikfähigkeit“, „Objektivität“ oder „Aufmerksamkeit“. Zweitens: Epistemische Tugenden werden in der Praxis erworben und sind damit in bestehende Erkenntnisprozesse eingewoben; ihnen kommt mit Michael Polanyi ein Element „impliziten Wissens“ zu. Operativ wirksame epistemische Tugenden explizit zu machen, mag für die einzelne Wissenschaftlerin entbehrlich sein, nicht jedoch für die Wissenschaftsforscherin, die sich der Analyse des Erkenntnisprozesses verschrieben hat. Drittens: Als konstitutive Merkmale wissenschaftlicher Praktiken sind epistemische Tugenden auch (disziplinäre) Distinktionsmittel, die sich nur situativ-relational erfassen lassen. Viertens: So instruktiv die durch den Tugendbegriff signalisierte Parallele zur moralischen Bewertung von Handlungsvollzügen auch sein mag, so einschränkend wäre es doch, bloß auf dieser Parallele zu verharren. Vielmehr sollte gerade der Begriff der epistemischen Tugend nicht als starr vorausgesetzt werden, sondern muss – auch im Lichte der Fallstudien, zu denen er Anlass gibt – wandlungsfähig bleiben.

Die Beiträge des Sammelbandes sind in drei Teile gegliedert, die sich der Reihe nach mit „begriffliche[n] Fragen“, „disziplinäre[n] und historische[n] Analysen“ sowie sich daraus ergebenden „Perspektiven der Wissenschaftsforschung“ auseinandersetzen. Nicht auf jeden Beitrag kann hier eingegangen werden; allgemein ist zu sagen, dass die Auswahl durch ihre ausgewogene disziplinäre Mischung besticht. So werden besonders im wissenschaftsphilosophischen Diskurs unterrepräsentierte Disziplinen wie die Rechtswissenschaft, die Philologien und die Geschichtswissenschaft ins Blickfeld gerückt, ebenso die Technikwissenschaften. Die klassischen Naturwissenschaften bilden zwar über weite Strecken einen gemeinsamen Referenzrahmen, werden jedoch nur indirekt thematisiert – so in den Beiträgen von Katja Sabisch zum medizinischen Menschenversuch, von Cornelia Zumbusch zu epistemischen (Un-)Tugenden in Goethes Naturforschung und in Robert N. Proctors (hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung publizierten) Überlegungen zur „Agnotologie“ als einer prospektiven Disziplin „zur Beschreibung der kulturellen Produktion von Unwissen“. Bei der Lektüre der Beiträge zeigen sich Parallelen sowohl zu Arbeiten der jüngeren Wissenschaftsforschung der Naturwissenschaften (z.B. Karin Knorr-Cetina, Hans-Jörg Rheinberger, Peter Galison) als auch zu dem, was neuerdings unter der Bezeichnung „Integrated History and Philosophy of Science“ bekannt geworden ist (vgl. die Arbeiten von Hasok Chang, Friedrich Steinle, Mary Morgan). Doch lässt sich keinem Sammelband – zumal angesichts der hier von den Herausgebern demonstrierten Offenheit – ein Vorwurf daraus machen, dass er nicht alle denkbaren Bezüge und Anknüpfungspunkte bereits vorwegnimmt.

Im ersten, begrifflichen Fragen nachspürenden Teil lotet Oliver Nievergelt das „integrative Potenzial epistemischer Tugenden in der Epistemologie“ aus und wirbt für ein Verständnis von Epistemologie, „das normative und deskriptive Absichten integriert“ (S. 26). Der Beitrag bezieht am deutlichsten Stellung zu den eingangs beschriebenen tugenderkenntnistheoretischen Entwicklungen innerhalb der Philosophie, deren Bedeutung für die historische Wissensforschung Nievergelt unter anderem darin sieht, dass sie sich für eine Kontingenzreduktion bei der Bewertung von Wissensansprüchen nutzbar machen lassen. Jens Kertscher unterzieht in seinem Beitrag Linda Zagzebskis Tugenderkenntnistheorie einer Kritik. Zagzebski stütze sich nicht nur auf eine – wesentliche Unterschiede zwischen den ethischen und dianoetischen Tugenden einebnende – Aristoteles-Interpretation, sondern verfalle damit auch einer unzulässigen „Moralisierung des epistemischen Subjekts“ (S. 41). Die weiteren Beiträge dieses Teils widmen sich Kants „epistemische[r] Asketik“, die sich laut Andreas Gelhard aus einem „pluralistischen Konzept von Unparteilichkeit“ (S. 58) – einer Art epistemischem Perspektivismus in weltbürgerlicher Absicht – heraus begründet; der „Unklarheit als Tugend“ (Raymond Geuss), die sich darin beweisen muss, dass es ihr gelingt, „auf eine produktive Weise unklar zu sein“ (S. 77); sowie der „Aufmerksamkeit als Ausnahmezustand“ (Michael Hagner). In seiner Analyse der spezifisch modernen Ursprünge des (wissenschaftlichen) Aufmerksamkeitsbegriffs bezieht sich Hagner auch auf Valéry – nicht auf dessen Überlegungen zum Tugendbegriff, sondern auf dessen Psychophysik, die, Hagner zufolge, Aufmerksamkeit als „eine Technologie des Selbst“ (S. 97) ansieht, mittels derer das moderne Individuum in die Lage versetzt wird, sich dem Störfeuer der Ablenkungen zu entziehen.

Der zweite Teil versammelt Fallstudien aus einem Spektrum tendenziell unterrepräsentierter Disziplinen und Wissenspraktiken. Martin Mulsow legt dar, wie die heute nahezu in Vergessenheit geratene Numismatik einst nicht nur als „Schlüsselwissenschaft“ (S. 103) gelten konnte, sondern wie in ihr auch praktische (z.B. zeichnerische) Fertigkeiten enggeführt werden mit epistemischen Tugenden wie Scharfblick und Ordnungsliebe. Tanja Paulitz demonstriert anhand der Akademisierung der Technikwissenschaften im 19. Jahrhundert, wie epistemische Tugenden geschlechtlich codiert wurden. Doch bleibt offen, ob damit illustriert werden soll, dass sich jede Bezugnahme auf (vermeintliche) epistemische Tugenden unmittelbar auf Abhängigkeits- und Machtverhältnisse reduzieren lässt. Ruben Hackler und Marcel Lepper widmen sich in ihren Beiträgen den juridischen und philologischen Tugenden des „Scharfsinns“ (Hackler) und der „Redlichkeit“ (Lepper). Beide machen deutlich, wie leicht Tugenden zu fordern sind und wie schwer sie sich im Spannungsverhältnis konkurrierender epistemischer und gesellschaftlicher Ansprüche umsetzen lassen.

Die Ambivalenz des Tugendbegriffs durchzieht auch den dritten Teil: Lorraine Daston und Sandro Zanetti arbeiten in ihren historiographisch orientierten Beiträgen heraus, wie einerseits Quellenkritik als Grundlage historischer Objektivität erst durch strikte „Treue zu den Methoden“ (S. 209) legitimiert wird; und wie andererseits die beschwörende Rede von einem „Vetorecht der Quellen“ zu einem letztlich inhaltsleeren „Akt der Setzung“ (S. 243) degenerieren kann. Wie schnell das Bestreben nach historiographischer Genauigkeit in Pedanterie abgleiten kann, zeigt Markus Krajewski anhand des Beispiels von Franz Maria Feldhaus (1874–1957), der als Autodidakt das Projekt einer „Weltgeschichte der Technik“ – einer universellen Sammlung aller technischen Artefakte – verfolgte und sich in einer ausufernden Datensammlung samt umfangreichem Karteikartensystem buchstäblich verzettelte. Martin Doll und Robert N. Proctor schließlich nähern sich auf jeweils eigenständige Weise der Kehrseite epistemischer Tugenden, den epistemischen Lastern. Doll nimmt den Fälschungsfall (bzw. Hoax) der „Würzburger Lügensteine“ von 1726 zum Anlass für eine Diskussion wissenschaftlichen Kommunikationsverhaltens, das schon von Zeitgenossen als durch „Marktschreyerey“ und „Windmacherey“ verzerrt beschrieben wurde. Proctor plädiert in seinem einflussreichen, zuerst 2008 erschienenen Aufsatz für eine prospektive Disziplin der „Agnotologie“ (von altgr. a-gnosis, dt. „ohne Wissen“), die sich der kulturellen Produktion von Nichtwissen widmet und dieses nicht nur als Abwesenheit von Wissen, sondern als Produkt epistemischer Untugenden betrachtet. Proctors historisches Beispiel der Tabakindustrie, die über viele Jahre hinweg bewusst Zweifel an der Validität medizinischer Erkenntnisse zur karzinogenen Wirkung des Tabakkonsums gesät hat – teilweise auch dadurch, dass Forschung zu anderen möglichen Ursachen von Lungenkrebs gefördert wurde –, mutet angesichts der gegenwärtigen Proliferation „postfaktischer“ Argumentationsmuster inzwischen fast ein wenig altmodisch an. Der Notwendigkeit einer systematischen Beschäftigung mit den Bedingungen von Nichtwissen und mit der Rolle von Untugenden bei dessen Produktion tut dies jedoch keinen Abbruch.

Andreas Gelhard, Ruben Hackler und Sandro Zanetti haben mit dem Band eine vielschichtige Materialsammlung zur Geschichte und Gegenwart „epistemischer Tugenden“ in den Wissenschaften und kulturellen Nachbarbereichen vorgelegt. Dank der Auswahl ergänzender Aufsätze, die, wie Proctors Schlussbeitrag, den Horizont erweitern und über das gesetzte Thema hinaus auf die Notwendigkeit der historisch-systematischen Beschäftigung mit epistemischen Fehlfunktionen verweisen, zeichnet der Band zudem ein differenziertes Bild sowohl von der Relevanz des epistemischen Tugendbegriffs für die Wissenschafts- und Wissensforschung als auch von den ihm innewohnenden Grenzen.

Fußnoten

[1] Paul Valéry, Bericht über die Tugend-Preise [1934], in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 4: Zur Philosophie und Wissenschaft, hrsg. von Jürgen Schmidt-Radefeldt, Frankfurt am Main 1989, S. 217-243, hier S. 221.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jan-Holger Kirsch.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.