Die Besserwisser

Rezension zu "Skandalexperten – Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems" von Caspar Hirschi

Gegen Ende des Buches stellt Caspar Hirschi fest, die Buchkritik verliere in jüngerer Zeit an Bedeutung. Das könne man daran ersehen, dass Rezensionen – ob in Fachzeitschriften oder Onlineportalen – zumeist von jungen Forschenden mit befristeter Anstellung verfasst würden, und diese wüssten sehr genau, dass sie beim Erklimmen der nächsten Stufe auf der akademischen Karriereleiter ihrerseits von den Begutachtungen durch Fachkollegen abhingen. Wer es da wage, öffentlich deutliche Kritik zu üben, müsse befürchten, schon bald im Rahmen des nächsten kollegialen Begutachtungsverfahrens durch eine anonyme Expertise aus der Feder der zuvor kritisierten Person bei den eigenen Publikations- und Forschungsvorhaben empfindlich behindert zu werden. Dementsprechend zahm und unkritisch fielen die meisten Rezensionen angesichts der um sich greifenden „Disziplinierung der Wissenschaft“ aus, die durch die Praxis anonymer Expertisen und Peer Reviews noch befördert werde. Nur selten böten Buchbesprechungen mehr als ein kommentiertes Inhaltsverzeichnis.

Das Inhaltsverzeichnis des hier zu besprechenden Buches „Skandalexperten – Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems“ enthält sechs Kapitel. Eingeleitet werden sie durch eine Ouvertüre zum Traum von der Wissensgesellschaft. Dieser Träumerei gaben sich im ausgehenden 20. Jahrhundert diejenigen in den Sozialwissenschaften, aber auch in Politik und Verwaltung hin, die eine restlose Aufklärung der Gesellschaft durch wissenschaftliche Expertise imaginierten. Dass eine derartige Überhöhung der Expertenfigur in der Gegenwart ein Problem darstellt, ist das Leitmotiv des Buches und bildet auch dessen Schlussakkord. Problematisch sei die unkritische Aufwertung des Experten zu einer politisch-sozialen Allzweckwaffe, einschließlich deren massiver Nutzung wie auch Instrumentalisierung durch Medien und Politik, weil sie dem Populismus des 21. Jahrhunderts erst die überdehnte Angriffsfläche geschaffen habe, gegen die populistische Bewegungen nun ihre antielitären Attacken richteten. Derlei Angriffe träfen nicht nur die wissenschaftlichen Experten, sondern ebenso das Selbstverständnis der Expertise gestützten Politik wie der um Selbstaufklärung bemühten demokratischen Gesellschaft insgesamt. Wer also verstehen will, wie es dazu kam, dass Populisten heutzutage vielerorts Gehör finden, wenn sie zum Sturm auf die Wissenschaft als einem Hort elitärer, undemokratischer Experten aufrufen, die in ihrer Hybris den „wahren“ Volkswillen missachteten und verachteten, ist gut beraten, die Geburt und den Aufstieg der Experten nachzuvollziehen, deren Geschichte Caspar Hirschi in sechs Fallstudien erzählt.

Die teilweise schon zuvor einzeln als Aufsätze und Essays publizierten Studien sind so arrangiert, dass sie aus der Gegenwart in die Vergangenheit und von dort zurück in die Gegenwart führen. Auch in dieser Komposition kommt das Anliegen des in St. Gallen lehrenden Professors für Allgemeine Geschichte zum Ausdruck, die Geschichtlichkeit der Gegenwart sowie die Gegenwärtigkeit der Geschichte zu verdeutlichen. So rekonstruiert das erste Kapitel den Aufstieg und Fall des britischen Drogenexperten David Nutt in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts. Der Psychopharmakologe Nutt hatte ein neues Klassifikationssystem für Drogen entwickelt, das das von Substanzen ausgehende Risiko anhand der durch sie verursachten gesellschaftlichen Schäden beurteilte. In seiner Funktion als Berater der britischen Regierung hatte er auch gleich versucht, das System umzusetzen. Als Nutt damit scheiterte – denn politisch war es nicht opportun, harte Drogen wie Ecstasy im Vergleich zu Alkohol als weniger gefährlich einzustufen, weil sie in absoluten Zahlen gemessen weniger gesellschaftliche Schäden verursachten –, gab er nicht etwa Ruhe, sondern äußerte seine Kritik an der Regierungspolitik fortan öffentlich. Das führte zur Skandalisierung seiner Expertenrolle und zum Expertenskandal: Nutt wurde in einem politisch-medialen „Degradierungsritual“ seiner offiziellen Beraterposition enthoben, weil er es als Regierungsexperte gewagt hatte, zugleich die Rolle des öffentlichen Kritikers spielen zu wollen.

Daraus sollten Experten nun aber nicht folgern, sie entgingen dem Risiko der Skandalisierung und Degradierung, wenn sie es nur unterließen, die von ihnen beratene Politik öffentlich zu kritisieren. Hiervon können die sechs italienischen Erdbebenexperten ein Lied singen, die in der abschließenden sechsten Fallstudie (Kapitel VI) die Bühne betreten. Zu internationaler Berühmtheit gelangten sie, nachdem ein italienisches Bezirksgericht sie infolge des verheerenden Erdbebens in der Abruzzen-Stadt L’Aquila im April 2009 wegen fahrlässiger Tötung von 29 Menschen zu je sechs Jahren Gefängnis verurteilt hatte. Dieses Urteil, das später großenteils kassiert wurde, gründete zwar nicht, wie sowohl in den Medien als auch in der Wissenschaftsgemeinschaft später kolportiert wurde, darin, dass die Experten das katastrophale Erdbeben mit insgesamt 308 Toten und 67.000 Obdachlosen nicht vorhergesagt hätten. Aber sie hätten es doch unterlassen, die seismischen Risiken adäquat zu evaluieren und zu charakterisieren. Insbesondere hatten sie sich, so Hirschis Lesart, nicht ausreichend von den – seismologisch nicht fundierten – Aussagen der von ihnen beratenen Politiker distanziert, die öffentlich behaupteten, die kleineren, im Vorfeld der später einsetzenden Katastrophe gemessenen Erdstöße würden die Wahrscheinlichkeit eines großen Bebens verringern. Stattdessen standen die Experten jenen Politikern öffentlichkeitswirksam als Ratgeber zur Seite beziehungsweise ließen sich von ihnen als legitimierende Staffage nutzen. Auf diese Weise wurde der Eindruck erweckt, die politischen Beschwichtigungen seien wissenschaftlich gedeckt – mit der Folge, dass so manch ein Anwohner darauf verzichtete, rechtzeitig Schutz außerhalb seines Wohnhauses zu suchen, als die Erde heftiger zu beben begann, und sich somit – unwissentlich – großer Gefahr aussetzte.

Die beiden Expertenskandale dienen in dem Buch dazu, ein grundsätzliches Dilemma von Experten zu verdeutlichen. Lassen sie sich, wie die italienischen Erdbebenwissenschaftler, als Regierungsberater von der Politik für deren Zwecke instrumentalisieren – etwa zur Beruhigung der Öffentlichkeit –, ohne sich, gestützt auf ihre Expertise, öffentlich nötigenfalls lautstark hiervon zu distanzieren, laufen sie Gefahr, politisch, medial und möglicherweise gar juristisch für ihr Schweigen angeprangert zu werden. Kritisieren sie hingegen, wie der Drogenexperte David Nutt, die ihnen und ihrer Expertise widerstrebende Regierungspolitik – etwa für deren fehlgeleiteten Effekt, nämlich die Verharmlosung der gesellschaftlichen Folgen von Alkoholkonsum –, ergeht es ihnen nicht viel anders. Auch dann droht den Experten die politisch-mediale Skandalisierung und Degradierung, dieses Mal allerdings gerade, weil sie nicht geschwiegen haben, als sie hätten schweigen sollen. Das Dilemma führt Hirschi darauf zurück, dass Wissenschaftler, die die Expertenrolle übernehmen, ihre Autonomie aufgeben. Sie machen sich von den Politikern abhängig, die sich ihrerseits nur so lange beratungsoffen zeigen, wie ihnen der Expertenrat passt und nützt. Ist diese Voraussetzung nicht mehr gegeben, lassen die Politiker ihre Berater fallen – oder machen sie gar öffentlich für das Scheitern ihrer Politik verantwortlich. Aus einer solch unsicheren Expertenposition heraus ist autonome Kritik undenkbar, kritisiert Hirschi und identifiziert in genau der Unmöglichkeit kritischer Äußerungen das Gegenwartsproblem der Rolle von Experten.

Wie das beschriebene Gegenwartsproblem entstanden ist oder ob es immer schon existierte, erkunden die vier historischen Fallstudien im Mittelteil des Buches. Auf Primärquellen gestützt widmen sie sich dem Aufklärungslabor Frankreich und präsentieren den Experten als Kind des Gerichtswesens des 17. Jahrhunderts unter Louis XIV. und dessen Finanzminister Jean-Baptiste Colbert. Experten wurden von Gerichten hinzugezogen, um Handwerke zu beurteilen oder Handschriften zu begutachten. Bei dieser Tätigkeit beriefen sie sich auf ihre mehr oder weniger wissenschaftlichen, zunehmend akademisierten Expertisen sowie auf die ihnen für ihre Dienste eingeräumten königlichen Privilegien (Kapitel II). Die von ihnen untersuchten Fragen waren nicht selten solche von Leben und Tod. Wie Kriminalgeschichten lesen sich denn auch die einzelnen Studien, so etwa diejenige zu den naturwissenschaftlichen und medizinischen Akademiemitgliedern, die den „animalischen Magnetismus“ des Therapeuten Franz Anton Mesmer zu beurteilen hatten (Kapitel III), jene Heilmethode, die im 18. Jahrhundert begeisterte Anhänger fand (zu beurteilende Frage: seriöse Wissenschaft oder Betrug?); oder die Fallstudie zu den Forensikern und Anwälten, die an der juristischen Aufarbeitung der „Affäre Calas“ (Kapitel IV) mitwirkten (Frage: Mord oder Selbstmord?); und schließlich die Untersuchung zu den Handschriftenexperten und Graphologen, die in der „Affäre Dreyfus“ (Kapitel V) entscheidend zu deren Eskalation beitrugen (nämlich bei der Begutachtung der Frage: Justizopfer oder Spion? bzw. – mit Blick auf das zentrale Beweisstück, ein unterschriftsloses Schreiben – gefragt: authentische Handschrift, fremde Fälschung oder Irreführung durch Selbstfälschung der eigenen Handschrift?).

Gerade die letztgenannten Fallstudien zu Calas und Dreyfus verdeutlichen die Besonderheit der in dem Buch eröffneten Perspektive. Werden die zwei Affären gewöhnlich als feierliche Geburtsorte des öffentlichen Intellektuellen aufgesucht und erinnert – Voltaire hier, Zola da –, so rekonstruiert Hirschi in seiner archivgestützten Aktenarbeit, wie sehr Voltaire und Zola auf Experten zurückgriffen, sei es, um deren epistemische Autorität für sich zu nutzen, sei es, um diese zu hinterfragen und anzugreifen, immer aber, um ihre eigene moralische Autorität im Verhältnis zum Wissen der Experten zu etablieren. So präsentiert sich das Schauspiel der Aufklärung als das Nachspiel einer Zwillingsgeburt: des Intellektuellen als eines öffentlichen Kritikers und des Experten als eines sachverständigen Politikberaters. Die Beziehungsgeschichte beider Akteure verlief so lange produktiv, wie ihre Rollen voneinander getrennt waren und einander komplementär ergänzten. Das änderte sich, als die Experten begannen, in die Öffentlichkeit zu drängen und die Kritiker daraus zu verdrängen. Da die Experten jedoch, anders als die Intellektuellen, mit der Politik verstrickt und von ihr abhängig waren, gerieten sie in das erwähnte Dilemma – mit den bekannten Folgen: nämlich wiederkehrenden Ritualen der eigenen Skandalisierung und Degradierung.

Auf die Frage, was heutige Wissenschaftler tun sollten, um der unangenehmen Situation wieder zu entkommen, in die die Experten sie und die Wissenschaft insgesamt gebracht haben, formuliert Hirschi in seinem Buch eine klare Antwort: Er fordert nichts weniger als die Wiederbelebung und Stärkung öffentlicher Kritik als der Aufgabe von Wissenschaft. Statt sich immerzu der Politik als Experten anzudienen und hierdurch auszuliefern, sollten Wissenschaftler wieder verstärkt aus der Distanz zur Politik in öffentliche Diskussionen intervenieren und eigenständig Debatten lancieren. Das setzt voraus, dass die Wissenschaft ihre eigene „Prestigeökonomie“ reformiert: Wissenschaftliches Prestige sollten nicht allein und nicht primär diejenigen Forscher verdienen, die ihre Ergebnisse in anonym begutachteten, viel zitierten Fachzeitschriften veröffentlichen beziehungsweise an deren anonymen Peer Review-Verfahren sie als gutachtende Experten mitwirken. Denn Peer Review stelle laut Hirschi eine höhere Form von Peer Group Pressure dar. Die Anonymität des Verfahrens befördere eine Haltung der Anpassung, Selbstzensur und Unterwürfigkeit, die aus kritischen, streitbaren Geistern disziplinierte Lieferanten passförmiger Expertisen mache. Hierzu trage auch die übertriebene Quantifizierung wissenschaftlicher Leistungen bei. Wo nur noch zählt, was gezählt werden kann – etwa wie oft ein wissenschaftlicher Artikel zitiert wird und mit wie viel Geld dessen Entstehung gefördert wurde –, sind konsensfähige Beiträge die Regel und kontroverse, riskante, provokante Thesen die Ausnahme. So lange daher das anonyme Begutachtungs(un)wesen des Peer Review-Verfahrens die quantifizierte Wissenschaft diszipliniere, seien weder eine Befreiung der Experten aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit noch eine Rückbesinnung der Wissenschaftler auf ihre Rolle als unabhängige, mutige, öffentliche Kritiker zu erwarten. Entsprechend beließen es disziplinierte Buchrezensenten in der Regel bei kommentierten Inhaltsangaben. Ohnehin, so Hirschi, müsse Autoren dieses Genres klar sein, dass sie sich mit Rezensionen zwar viel Ärger einhandeln, aber keine Meriten verdienen könnten. Statt öffentlich Kritik zu üben, seien sie im Rahmen der gegenwärtigen „Prestigeökonomie“ gut beraten, lieber selbst an Peer Review-Verfahren mitzuwirken, um mit vertraulichen Expertisen aus der Deckung der Anonymität heraus ihrer je eigenen Wissenschaftsdisziplin und Forschungsrichtung Stimme und Einfluss zu verleihen.

In diesem Sinne könnte etwa ein anonym gutachtender Rechtshistoriker in seinem Peer Review zu dem hier rezensierten Buch bemängeln, die Rede und These von der „Geburt“ des Experten im 17. Jahrhundert – als Figur, nicht als Begriff – seien irreführend, denn sie vernachlässigten, dass bereits das Römische Recht die Berufung von Sachverständigen gekannt habe, wie Hirschi auch selbst einräumt. Ein anderer, sich in der Frühneuzeitforschung verortender Peer Reviewer könnte seinerseits die idealtypische Gegenüberstellung von öffentlich wirkendem Kritiker und nichtöffentlich agierendem Experten hinterfragen. So hätten die Intellektuellen ihr Geschäft doch immer auch als eine „Aufklärung jenseits der Öffentlichkeit“[1] betrieben, indem sie vertrauliche Netzwerke mit den Mächtigen knüpften, die sie für ihr Aufklärungsprojekt zu gewinnen hofften; umgekehrt hätten Sachverständige durchaus auch als „kritische Experten“ gewirkt – Einwände, die Hirschi ebenfalls vorwegnimmt, die aber das Zeug dazu haben, die Rollenverteilung seines Bühnenstückes durcheinanderzubringen, so jedenfalls das denkbare Gutachten des fiktiven Frühneuzeitforschers.

Demgegenüber würde wiederum ein anonymer Peer Reviewer aus der Wissens- und Wissenschaftssoziologie in seinem Gutachten zu dem Buchmanuskript womöglich ein paar theoretische Klärungen zur Definition und Funktion der Expertenrolle anmahnen, die über Hirschis dreifache Bestimmung des Experten hinausgehen, nach der ein Experte erstens Spezialwissen demonstriert, zweitens sein Wissen an Laien vermittelt und drittens hierbei Unabhängigkeit behauptet. Sollte, so könnte der besagte Gutachter fragen, in die Definition nicht auch der Entscheidungsbezug von Expertenwissen aufgenommen werden, ebenso wie der Umstand, dass dieses Wissen immerzu mit demjenigen von Gegenexperten konkurriert? Auf diese Weise würde dann der politisch umkämpfte und inszenierungsbedürftige Charakter des Wissens und Wesens von Experten von Anfang an ernstgenommen, statt dass man die Politisierung und Inszenierung der Expertise erst später am Material als eine Verfallsform und ein Expertenproblem skandalisierte und kritisierte.[2] Ein vierter und letzter möglicher Gutachter schließlich, seines Zeichens Politiktheoretiker, könnte an demselben Punkt ansetzen, um seine eigene fachliche Expertise zu demonstrieren und deren mangelnde Berücksichtigung in dem begutachteten Manuskript zu monieren. Schon Max Weber, der große Politikwissenschaftler, habe es doch autoritativ gesagt, „dass, wer mit der Politik, das heißt: mit Macht und Gewaltsamkeit als Mitteln, sich einlässt, mit diabolischen Mächten einen Pakt schließt, und dass für sein Handeln es nicht wahr ist: dass aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen könne, sondern oft das Gegenteil. Wer das nicht sieht, ist in der Tat politisch ein Kind.“[3] Daher sei es in politischer Hinsicht geradezu naiv, die kritischen Intellektuellen für ihr gesinnungsethisches Heraushalten zu loben, wollten sie doch schlichtweg, anders als die Experten, einfach nicht dazu „bereit sein, sich die Hände schmutzig zu machen, und fähig, dabei den Schein einer weißen Weste zu wahren“ (Hirschi, S. 293), wie es die Politik unter Umständen nun einmal erfordere.

Solche autoritativ vorgetragenen gutachterlichen Ratschläge, die ein Autor mit Publikationsabsicht nicht ohne Weiteres ablehnen könnte, mögen an die berühmte, auf den römischen Senat gemünzte, Definition des Althistorikers Theodor Mommsen erinnern, wonach Autorität mehr ist „als ein Rathschlag und weniger als ein Befehl, ein Rathschlag, dessen Befolgung man sich nicht füglich entziehen kann“.[4] Es stellt sich allerdings die Frage, worauf die Autorität der Ratgebenden jeweils gründet, seien sie nun Experten oder Kritiker. Hirschi versäumt es seinerseits, den Autoritätsbegriff näher zu bestimmen, den er gleichwohl in vielfältigen Wendungen nutzt: als epistemische Autorität, als moralische Autorität, als öffentliche Autorität, als Autorität einzelner Fachdisziplinen wie etwa der Seismologie, als Autorität der Regierenden, der Akademie, der Kirche und derjenigen Voltaires. Wie hängen diese vielen Autoritäten zusammen, auf welche Weise konkurrieren sie, wovon hängen sie jeweils ab, gerade die unterschiedlichen Autoritäten widerstreitender Experten und Kritiker?

Derlei kritische Nachfragen in öffentlichen Rezensionen tunlichst zu unterlassen, ist – wie kaum oft genug betont werden kann – Gebot und Ausdruck wissenschaftlicher Disziplin. Allerdings dürfte die Formulierung solcher Nachfragen auch in anonymen Peer Reviews kontraproduktiv oder gar karriereschädlich sein, könnten die darin enthaltenen Überarbeitungshinweise den anonymen Gutachter doch verraten und den Begutachteten auf dessen Forschungsfährte führen, auf der er dem Gutachter womöglich einmal in die Quere kommt. Doch nicht nur allzu konstruktive Rat- und Vorschläge sollten Peer Reviewer, ebenso wie Kritiker, unterlassen. Auch auf euphorisch lobende Urteile sollten sie verzichten. Schließlich könnten solche Urteile leicht als Gesten schmeichlerischer Anbiederung missverstanden oder aber als Zeichen interessierter Parteinahme fehlgedeutet werden. Daher ist an dieser Stelle von den stilistischen Glanzstücken des Buches zu schweigen, darunter eine Miniatur zu dem ambivalenten Vermächtnis des französischen Anatomie-Experten Antoine Louis. Dessen Expertise in Sachen Halsverletzungen erscheint in Hirschis pointierter Darstellung geeignet, einerseits eine Geschichte der modernen Toleranz zu begründen, da mit ihr nachweisbar wurde, dass Marc-Antoine Calas Selbstmord beging und sein Vater Jean Calas dementsprechend fälschlich als Mörder verurteilt wurde – ein unschuldiges Opfer der Justiz und der Intoleranz. Andererseits aber führte ebendiese Expertise zugleich auch zur Entwicklung der Guillotine, die daher anfangs nach Louis benannt wurde („Louisette“) und mit der die Geschichte der maschinellen Massentötung begann. Selten wurde die Ambivalenz der Expertise – und die Verantwortung von Experten – eindrücklicher veranschaulicht.

Wenn hiervon an dieser Stelle zu schweigen ist, so wäre das in einer mutigen, kritischen Rezension, die Caspar Hirschis Vorstellung von Kritik entspräche und diesen Namen verdiente, anders. Allerdings würde eine solche Kritik auch nicht verschweigen, worin der Autor irrt. Hirschi selbst nennt in seinem Buch immer wieder Ross und Reiter, wenn es ihm darum geht nachzuweisen, dass andere irren. Die Autoren des französischsprachigen Wikipedia-Artikels zur Affäre Calas etwa gäben ein falsches Hauptmotiv dafür an, dass die Mitglieder der Familie Calas den Selbstmord des Sohnes verheimlichten, und der Wissenschaftsfunktionär und langjährige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Peter Strohschneider zeige sich „korrekturresistent“ (Hirschi, S. 281), wenn er noch 2014 behauptete, die sechs italienischen Erdbebenexperten von L’Aquila seien aufgrund unzuverlässiger Prognosen verurteilt worden. Gegen solche Irrtümer von Laien wie auch von etablierten Autoritäten kennt die Kritik kein Pardon. Ihr ausdrücklich bekundetes Ziel ist es ja, dem Populismus den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem sie einerseits unwissenschaftlichen populären Irrlehren begegnet und andererseits dem Einwand entgegentritt, die Wissenschaftler gehörten allesamt zu einem etablierten Elitenkartell, das sich untereinander nicht kritisiere, weshalb die Populisten im Namen des Volkes die Kritik zu ihrer eigenen Sache machen müssten. Allerdings: Populisten agitieren keineswegs immer und überall nur gegen den vermeintlichen Konsens der etablierten Wissenschaft. Oft skandalisieren sie ja gerade umgekehrt ihren Dissens. „Zwei Experten – drei Meinungen“, so ihr Eindruck, und der belege ja, dass die Wissenschaftler über keinerlei überlegene Wahrheit verfügten – ganz anders als die Populisten selbst, die das „wahre Volk“ zu kennen und dessen „wahren Willen“ zu vertreten vorgeben. Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob die der Wissenschaft von Hirschi angeratene Verteidigungsstrategie, immer und überall Streit bedingungslos öffentlich und kritisch auszutragen, gegen den Populismus klug und ausreichend ist. So sympathisch und aufklärerisch diese Strategie erscheinen mag, so müsste sie doch, wenn sie sich denn behaupten will, die erwartbare Reaktion der Gegenseite zumindest mit einkalkulieren. Sie besteht darin, die fortlaufende Selbstkritik der Wissenschaft, deren Vertreter einander immerzu Irrtümer vorwerfen und Irrlehren nachweisen, als Autoritätsverlust der Wissenschaft insgesamt darzustellen – und ihre eigenen, autoritären Wahrheitsversprechen an die Stelle wissenschaftlicher Autorität zu setzen.

Eine mutige, kritische Rezension könnte somit zu dem Schluss kommen, Caspar Hirschi irre, wenn er für den grenzen- und bedingungslosen Streit der Wissenschaftler, Kritiker und Experten in aller Öffentlichkeit plädiert. Hier aber bleibt als Fazit festzuhalten: Das Buch „Skandalexperten – Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems“ enthält eine Einleitung, einen Schluss und dazwischen sechs Kapitel sowie im Übrigen 27 sehenswerte Abbildungen.

Fußnoten

[1] Kirill Abrosimov, Aufklärung jenseits der Öffentlichkeit. Friedrich Melchior Grimms ‚Correspondance littéraire‘ (1753–1773) zwischen der ‚république des lettres‘ und europäischen Fürstenhöfen, Ostfildern 2014.

[2] Vgl. Ronald Hitzler, Wissen und Wesen des Experten: ein Annäherungsversuch – zur Einleitung, in: ders. / Anne Honer / Christoph Maeder (Hg.), Expertenwissen. Die institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit, Opladen 1994, S. 13–30.

[3] Max Weber, Politik als Beruf, mit einem Nachwort von Ralf Dahrendorf, Stuttgart 1992, S. 74.

[4] Theodor Mommsen, Römisches Staatsrecht, Bd. 3, 2. Teil, Tübingen 1888, S. 1034.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.