Die Erbsünde der Revolution?

Rezension zu "Your Sons Are at Your Service. Tunisia's Missionaries of Jihad" von Aaron Y. Zelin

Vor inzwischen fast einer Dekade läuteten Massenproteste in vielen Ländern der arabischen Welt – der sogenannte „Arabische Frühling“ – tiefgreifende, bis heute andauernde politische und gesellschaftliche Umbruchprozesse ein. Tunesien, wo die Protestbewegungen im Dezember 2010 ihren Anfang genommen hatten, etablierte nach der Revolution und dem Sturz des autokratischen Präsidenten Ben Ali 2011 ein demokratisches System. Im Zuge der daraufhin vollzogenen Öffnung des Landes auch für Forschende rückte unter anderem das Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Islamismus ins Zentrum wissenschaftlichen Interesses. Diese Schwerpunktsetzung drängte sich auf, da nach dem Fall des alten Regimes, das islamistische Akteure jeglicher Couleur rigoros unterdrückt hatte, die Rolle und der Platz des Islam in der tunesischen Demokratie neu verhandelt wurden. Insbesondere islamistische Parteien wie die Nahda-Partei,[1] aber auch offen auftretende salafistische und jihadistische Organisationen wie beispielsweise Ansar al-Sharia in Tunisia (AST) wurden zu Untersuchungsgegenständen.[2]

Trotz der wachsenden Zahl an Forschungsarbeiten in diesem Themenbereich fehlte es bislang an einer Studie, die das Phänomen des tunesischen Jihadismus[3] detailliert und über einen längeren Zeitraum hinweg untersucht. Aaron Y. Zelins Monografie Your Sons Are At Your Service macht sich zur Aufgabe, diese Lücke zu füllen. Das Buch des am Washington Institute for Near East Policy forschenden Zelin spürt der Frage nach, warum der Jihadismus in Tunesien und unter Tunesier*innen seit 2011 einen solchen Aufschwung erlebt. Grundlage der Arbeit ist die Dissertation des Autors zur historischen Genese und Entwicklung von AST, die er für die vorliegende Veröffentlichung um die Betrachtung jüngerer Prozesse erweiterte. Die Studie will dabei keine neue theoretische Perspektive entwickeln, sondern „seeks to produce and contribute a rigorous empirical understanding of the topic“ (S. 14). Dennoch bettet der Autor seine Analyse in Theoriekonzepte der sozialen Bewegungsforschung ein. So ermöglicht ihm insbesondere die Untersuchung von politischen Opportunitätsstrukturen, Ressourcenmobilisierung und Framing, den Erfolg von AST hinsichtlich Mobilisierung und Rekrutierung zu erklären. Methodisch stützt sich Zelin vor allem auf qualitative Verfahren wie Inhaltsanalysen und Process Tracing, stellt jedoch auch einige grundlegende quantitative Berechnungen an. Die Studie steht daher auf einer breiten empirischen Basis, die sowohl historische als auch aktuelle Quellen umfasst. Unter anderem wertet der Autor Gerichtsakten, interne Regierungsunterlagen, Inhalte der Online-Präsenzen von AST – laut Autor mehr als 18.000 Statements, Video- und Audiodateien –, eine große Anzahl von Dokumenten zu Auslandskämpfern (sogenannten foreign fighters) und Primärquellen anderer jihadistischer Gruppen aus. Darüber hinaus baut seine Analyse auf mehreren Feldforschungsaufenthalten in Tunesien auf, bei denen der Autor nicht nur wertvolle Beobachtungen anstellte, sondern auch Interviews mit verschiedenen islamistischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie AST-Mitgliedern führte.

Das Buch gliedert sich neben der Einleitung in elf Kapitel, die sich wiederum in drei großen Sektionen zusammenfinden. Der Aufbau orientiert sich dabei an der Zeitachse des Untersuchungsgegenstandes. Der erste Teil (Kapitel 1 bis 4) widmet sich den historischen Entwicklungen, welche die Bedingungen und den Kontext für den Aufstieg von AST und weiteren jihadistischen Gruppen nach der Revolution 2011 darstellen. Das erste Kapitel behandelt die Geschichte des Islam und Islamismus in Tunesien seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1956. Zelin arbeitet plausibel heraus, wie die Niederschlagung und das Verbot der moderat islamistischen Nahda-Partei zu Beginn der 1990er-Jahre ein politisches Vakuum erzeugten, das bereits damals salafistische Akteure zu füllen wussten. Auf dieser Grundlage begannen sie nach der Revolution zu prosperieren. Kapitel 2 und 3 beleuchten das Engagement von Tunesier*innen in der globalen jihadistischen Bewegung vor den Umbrüchen 2011. Sie zeigen eindrücklich, dass tunesischer Jihadismus keineswegs ein so neues Phänomen ist, wie es die internationale Presse und Wissenschaft in den letzten Jahren immer wieder darstellten. Anschließend (Kapitel 4) nimmt der Autor die Politik der postrevolutionären Regierungen gegenüber Jihadist*innen im Allgemeinen und AST im Besonderen in den Blick. Als bedeutend habe sich vor allem die von der Übergangsregierung erlassene Generalamnestie für politische Häftlinge erwiesen, die auch die Freilassung verurteilter Jihadisten zur Folge hatte. Zelin bezeichnet dieses Ereignis als „original sin of the Tunisian revolution“ (S. 98). In der Folge profitierten radikale Islamist*innen von der toleranten Politik der regierenden Nahda-Partei, die politisch Andersdenkenden viel Freiraum ließ, nachdem sie aus den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung im Oktober 2011 als stärkste Kraft hervorgegangen war.

Vor dem Hintergrund des im ersten Teil dargelegten historischen Kontexts analysieren die drei Kapitel des zweiten Teils den Aufstieg von AST in den Jahren unmittelbar nach der Revolution. Diese Historisierung ermöglicht erst eine plausible Erklärung der Ereignisse, denn, so Zelin, „[t]his new unprecedented environment“, welche die Revolution schuf, „allowed groups to operate in ways that were previously impossible and employ lessons learned from previous mistakes over the past four decades“ (S. 3). Welche strategische Ausrichtung AST wählte, um die neu gewonnen politischen Räume zu nutzen, beantworten die Kapitel 5 und 6. Eine zentrale Rolle spielten insbesondere der mediale Output der Gruppe sowie ihre „dawa-first-Strategie“ (ab S. 128). Diese basiert auf gewaltfreiem Aktivismus – etwa durch die Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten in marginalisierten Regionen oder die Organisation von Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche –, um Menschen für den Islam zu gewinnen. Im siebten Kapitel geht Zelin auf die gewaltsamen Handlungen von AST(-Mitgliedern) ein, die 2013 die tunesische Regierung schließlich dazu veranlassten, die Gruppe zu einer terroristischen Organisation zu erklären und zu verbieten. Konkret unterscheidet der Autor zwischen religionspolizeilichen Aktivitäten (hisba), jihadistischer Gewalt und der Rekrutierung von Auslandskämpfern.

Der dritte Teil (Kapitel 8 bis 11) setzt mit dem Verbot von AST im Sommer 2013 ein und nimmt Debatten und Entwicklungen bis Herbst 2019 in den Blick. Zunächst untersucht Zelin den wachsenden Zuspruch, den der sogenannte Islamische Staat (IS) und seine affiliierten Gruppen im Zuge ihres globalen Aufstiegs auch in der tunesischen Bevölkerung erfuhren. Der vergleichsweise hohen Beteiligung von Tunesier*innen im sogenannten IS in Syrien und im Irak ist das neunte Kapitel gewidmet. Nach einer Analyse der Reaktionen der tunesischen Regierung auf jene neue terroristische Kampagne wirft Zelin einen Blick in das Nachbarland Libyen, wobei er verdeutlicht, dass transnationalen Verflechtungsprozessen beispielsweise bei der Ausbildung von Rekruten und der Planung konkreter Attacken wie der auf Ben Guerdane 2016 eine zentrale Funktion zukommt. Das Buch schließt mit einem Ausblick, in dem sich der Autor zwar mit konkreten Prognosen zurückhält, aber dennoch vier für die Zukunft Tunesiens relevante Aspekte diskutiert: die Popularität von Katibat ‘Uqbah Bin Nafi (Al Qaidas offizielle Vertretung im Maghreb), Rückkehrer*innen, im Ausland verbleibende Tunesier*innen und Gefängnisse als Nährboden für Radikalisierung. Insbesondere die Rolle von Rückkehrer*innen und die Bedeutung von Präventions- und Deradikalisierungsmaßnahmen, die über rein sicherheitsbehördliche Interventionen wie Inhaftierung hinausgehen, kann für die Stabilität der tunesischen Demokratie nicht unterschätzt werden.[4] Wie wichtig diese Maßnahmen sind, wird besonders dann augenfällig, wenn man sich die Folgen der nach dem Fall Ben Alis ausgerufenen Amnestie in Erinnerung ruft.

Obwohl die Monografie eine ungeheure Informationsdichte aufweist und eine Zeitspanne von über sechzig Jahren untersucht, gelingt es dem Autor, den*die Leser*in mit Hilfe einer klaren Struktur und zahlreicher Tabellen und Abbildungen verständlich durch das reiche empirische Material zu führen. Drei große Stärken des Buches möchte ich im Folgenden hervorheben: Zum einen überzeugt die Studie durch den Umfang des betrachteten Zeitraums. Auf überzeugende Art und Weise verknüpft Zelin die lange Vorgeschichte des tunesischen Islamismus mit den Entwicklungen während und nach der Revolution bis heute. Ihm gelingt damit, AST im Besonderen, aber auch die tunesische jihadistische Bewegung als Ganzes zu historisieren und greifbar zu machen. Zwar haben viele Arbeiten den Anspruch, den historischen Hintergrund explizit miteinzubeziehen, doch nur wenigen gelingt die analytische Umsetzung ähnlich überzeugend. Zweitens ist bemerkenswert, wie Zelin, ausgehend von seiner Fallstudie Tunesien, kontinuierlich die globalen und transnationalen Zusammenhänge des Jihadismus offenlegt. Dies leistet er vor allem im Hinblick auf regionale und transnationale Gruppendynamiken, Ausreisebewegungen und grenzüberschreitende ideologische Debatten. Dadurch gelingt nicht zuletzt auch die Verknüpfung der Individual- mit der Gruppenebene, beispielsweise wenn Zelin detailliert die Beteiligung von Tunesier*innen an Propaganda (S. 223 ff.) und Aktivitäten jihadistischer Gruppen in Syrien, Libyen oder Europa nachzeichnet. Die dritte und vielleicht größte Stärke des Buchs betrifft die bereits erwähnte Fülle der erhobenen und ausgewerteten Daten (S. 18).

Einige wenige Kritikpunkte möchte ich an dieser Stelle dennoch vorbringen. Mit der offensichtlichen Schwachstelle, dem Empirismus der Studie, setzt sich der Autor selbst bereits zu Beginn auseinander, denn „[m]any within social science fields today scoff at the lack of quantitative or theoretical contribution“ (S. 14). Diesem Problem will Zelin wie erwähnt begegnen, indem er an Konzepte und Ansätze der sozialen Bewegungstheorie anknüpft, was der Beantwortung der Fragestellung durchaus zugutekommt. Jedoch ist in diesem Zusammenhang erstaunlich, dass der Autor grievances, einen weiteren prominenten Erklärungsansatz sozialer Bewegungsforschung, nicht explizit heranzieht. Solche beispielsweise politischen oder sozioökonomischen Missstände klingen zwar implizit durch und werden an verschiedenen Stellen erwähnt (etwa S. 153 ff., 218), stehen aber nicht im Fokus der Untersuchung. Einen stärkeren analytischen Einbezug von grievances hätte die Erklärung des Mobilisierungserfolgs von AST und anderen Gruppen sicherlich bereichert[5] und die drei herangezogenen Konzepte der sozialen Bewegungsforschung noch deutlicher verbunden. Zudem ist es überraschend, dass große Teile der inzwischen sehr fortgeschrittenen Radikalisierungsforschung unbeachtet bleiben. Auch diese versucht, Gruppenverhalten, Mobilisierung und Rekrutierung zu erklären, und hätte die Arbeit insbesondere hinsichtlich der Rolle von Milieus oder des online-offline-Nexus in Radikalisierungsprozessen ergänzen können. Wie bei jeder Einzelfallstudie stellt sich außerdem die Frage nach der Generalisierbarkeit der Ergebnisse. Implizit negiert der Autor diesen Anspruch eingangs selbst, indem er auf die Einzigartigkeit der Geschichte von und der Bedingungen in Tunesien verweist (S. 2). Somit erhebt er gar nicht den Anspruch, zu einer verallgemeinernden Theoriebildung beizutragen. Ein tiefer Blick in den konkreten Einzelfall gelingt ihm dafür umso besser. Es bleibt nur zu vermuten, dass eine stärkere Bezugnahme auf theoretische sozial- und politikwissenschaftliche Debatten, beispielsweise auch im Kontext der Transformations- und Demokratisierungsforschung, weitere Erkenntnisse generiert und zudem die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit der Arbeit weiter vorangetrieben hätte. So hätte aus einer theoretischen Perspektive beispielsweise die Frage gestellt werden können, ob sich Radikalisierungsprozesse in Transformationsgesellschaften maßgeblich von denen in Demokratien oder Autokratien unterscheiden.

Letztlich ist dem Autor jedoch eine herausragende Studie gelungen, die zweifellos die bis dato umfassendste und erkenntnisreichste Monografie zur Genese des Jihadismus in Tunesien sowie zur Rolle von Tunesier*innen in der globalen jihadistischen Bewegung darstellt. Die Lektüre von Zelins Your Sons Are At Your Service lohnt sich für eine Vielzahl an Forscher*innen nicht nur in den Politik- und Sozialwissenschaften, Regionalwissenschaften und der Islamwissenschaft, sie dürfte auch für all jene bereichernd sein, die sich für Governance nicht-staatlicher Akteure interessieren oder die Entwicklung der globalen jihadistischen Szene verfolgen.

Fußnoten

[1] Francesco Cavatorta / Fabio Merone, Moderation through Exclusion? The Journey of the Tunisian Ennahda from Fundamentalist to Conservative Party, in: Democratization 47 (2013), 5, S. 857–875; Monica Marks, Tunisia’s Ennahda. Rethinking Islamism in the Context of ISIS and the Egyptian Coup [20.7.20], Rethinking Political Islam Series, Washington, D.C. 2015; Anne Wolf, An Islamist ‘Renaissance’? Religion and Politics in Post-revolutionary Tunisia, in: The Journal of North African Studies 18 (2013), 4, S. 560–573.

[2] Jean Fontaine, Du côté des salafistes en Tunisie, Tunis 2016; Geoffrey Macdonald / Luke Waggoner, Dashed Hopes and Extremism in Tunisia, in: Journal of Democracy 29 (2018), 1, S. 126–140; Fabio Merone, Between Social Contention and Takfirism. The Evolution of the Salafi-jihadi Movement in Tunisia, in: Mediterranean Politics 22 (2017), 1, S. 71–90; Stefano M. Torelli, The Multi-faceted Dimensions of Tunisian Salafism, in: Francesco Cavatorta / Fabio Merone (Hg.), Salafism after the Arab Awakening. Contending with People’s Power, London/Hurst 2017, S. 155–168; Stefano M. Torelli / Fabio Merone / Francesco Cavatorta, Salafism in Tunisia. Challenges and Opportunities for Democratization, in: Middle East Policy 19 (2012), 4, S. 140–154; Jean Fontaine, Du côté des salafistes en Tunisie, Tunis 2016.

[3] Jihadismus (auch: jihadistischer Salafismus) bezeichnet eine militante islamistische Strömung. Etymologisch kann das Wort Jihad mit „Anstrengung“ oder „Bemühung“ übersetzt werden.  Gemeinhin wird zwischen dem großen („jihad al-akbar“; der Kampf gegen das eigene Ego) und kleinen Jihad („jihad al-ashgar“; der bewaffnete Kampf) unterschieden. In diesem Kontext soll ein sechsseitiger Abschnitt von Zelins Buch nicht unerwähnt bleiben, in dem er sein Verständnis zentraler Begriffe (Islamismus, Salafismus, Jihad, Jihadismus, dawa und hisba, ab S. 257) explizit macht. Diese Passage ist besonders wertvoll, da einige dieser Termini durchaus umstritten und begriffliche Schärfe und Transparenz deshalb äußerst wichtig sind.

[4] Vgl. hierzu auch Emna Ben Mustafa Ben Arab, Returning Foreign Fighters. Understanding the New Threat Landscape in Tunisia, in: Thomas Renard (Hg.), Returnees in the Maghreb. Comparing Policies on Returning Foreign Fighters in Egypt, Morocco and Tunisia [20.7.2020], Egmont Paper 107, Brüssel/Berlin 2019, S. 36–49. Auch für Deutschland werden diese Aspekte prominent diskutiert, vgl. etwa Julia Handle et al., Rückkehrer*innen aus den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak [20.7.2020], Berlin 2019; Esther Felden / Matthias von Hein, Radikalisierung in Gefängnissen vorbeugen [20.7.2020], in: Qantara, 14.1.2020.

[5] Vgl. hierzu zum Beispiel: Erica Simmons, Grievances Do Matter in Mobilization, in: Theory and Society 43 (2014), 5, S. 513–546

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers und Philipp Tolios.